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Mahler Chamber Orchestra, Mitsuko Uchida, Mark Steinberg, Casino Bern, 29.1.22., besucht von Léonard Wüst

Mahler Chamber Orchestra
Mahler Chamber Orchestra

Besetzung und Programm:
Mahler Chamber Orchestra
Mitsuko Uchida Solistin am Piano
Mark Steinberg Konzertmeister

W. AMADEUS MOZART – KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER NR. 23 A-DUR KV 488
HENRY PURCELL
Fantasia Z. 740, a4, a-Moll
Fantasia Z. 736, a4, B-Dur
Fantasia Z. 738, a4, c-Moll
Fantasia Z. 745, a5, F-Dur (Fantazia upon One Note)
WOLFGANG A. MOZART – KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER NR. 24 C-MOLL KV 491

Poetik des Zusammenspiels
Wo Mitsuko Uchida, geboren 1948 bei Tokio, ist, da ist Poesie – ob sie nun Mozart spielt oder andere Komponisten. Handverlesen sind auch ihre musikalischen Partner: so wie an diesem Abend das Mahler Chamber Orchestra, eines der besten Kammerensembles der Welt, gegründet vor 25 Jahren von Claudio Abbado. 1969 gewann Uchida den Beethoven-Wettbewerb in Wien, nahm weitere Stunden bei Wilhelm Kempf, schaffte es dann 1970 beim Chopin-Wettbewerb in Warschau auf den 2.Platz. 1972 ließ sie sich in London nieder, gewann 1976 den Klavierwettbewerb in Leeds, worauf ihre Weltkarriere begann.

WOLFGANG AMADEUS MOZART – KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER NR. 23 A-DUR KV 488

Mitsuko Uchida Solistin am Klavier
Mitsuko Uchida Solistin am Klavier

Die Solistin, ungewohnt, mit dem Rücken zum Publikum am Konzertflügel sitzend, damit sie ihre Mitmusiker*innen im Blick hat und damit so nebenbei auch das Dirigat ausüben kann.  Auch hier dauert das Orchester Intro, wie bei Mozart  üblich, 2 1/4 Minuten, bevor die Solistin ins Geschehen eingreift.,

Das A-Dur-Konzert KV 488 gilt als unproblematisch und hör-
erfreundlich: «ein unaufhörliches Schwelgen in edelstem Wohllaut, ein
verschwenderisches Verströmen blühender Melodik», wie ein gängiger
Konzertführer behauptete. Das ist zwar nicht falsch, blendet aber die Vor-
aussetzungen, unter denen Mozart arbeitete, komplett aus. Denn genau
dieses «Verströmen blühender Melodik» stellte innerhalb der Gattung
bereits einen Sonderfall dar. Wer ausser Mozart hätte im Wien der
1780er Jahre die Chuzpe besessen, ganz auf die Karte Kantabilität zu
setzen? Natürlich durfte sein A-Dur-Konzert voll «blühender Melodik»
sein; es musste aber auch pianistischen Effekt machen, denn das gehörte
zu den Erwartungen der zahlenden Gäste. Insofern ist bereits der Beginn
von KV 488 eine Zumutung: ein offenbar vokal erfundenes Thema, das
von den Streichern vorgestellt wird, dann von den Bläsern alleine, und das
sich scheinbar überhaupt nicht zu klavieristisch-virtuoser Verarbeitung
eignet. Dass es dennoch funktioniert, lässt sich nur mit Mozarts kompo-
sitorischer Souveränität erklären, die er sich im Laufe der Jahre ange-
eignet hatte.

Quirlige Solistin führt engagiert durch die Partitur

Auch die Gattung Klavierkonzert hält einen Ort bereit, an dem das Aus-
singen möglich ist: den langsamen Satz. Hier aber wartet Mozart mit
einer neuen Überraschung auf. Die Solistin entführt in eine tieftraurige,
schmerzliche Adagio-Welt in der ungewöhnlichen Tonart fis-Moll. Auch
das Orchester wird von diesem melancholischem Gesang in Bann ge-
schlagen; vom konventionellen Dialog zwischen dem Einen und den
Vielen, vom spielerischen Umkreisen der musikalischen Gedanken ist
dieser Satz denkbar weit entfernt. Ganz am Ende noch ein wahrhaft ge-
spenstischer Effekt: eine lang gezogene, einstimmig-nackte Melodielinie
des Klaviers über pochendem Orchestergrund.
Erst mit dem fröhlichen Finale erfüllt Mozart wieder die gängigen Hör –
erwartungen — wenn man davon absieht, wie er das Orchester einbe-
zieht. Im Grossen (dunkler Gesamtklang) wie
im Kleinen (halsbrecherische Läufe des Fagotts) entfernt sich das Ensemble von der Funktion «neutraler» Begleitung, von der sich die Solistin des Abends effektvoll abheben könnte. Wie so oft bei Mozart liegt die Sprengkraft seiner Musik in den Details verborgen; zündend aber ist sie allemal und kommt im fulminanten Finale besonders zum Ausdruck. Dem pflichtete das Auditorium mit langanhaltendem, stürmischem Applaus bei und beorderte so die Solistin noch einige Male auf die Bühne zurück. Ein durchaus optimistischer, anregender Auftakt in den Konzertabend im frisch renovierten grossen Konzertsaal.

Grundsätzliches zu Konzertmeister Mark Steinberg

Konzertmeister Mark Steinberg
Konzertmeister Mark Steinberg

Der amerikanische Geiger Mark Steinberg machte im Jahr 2001 von sich reden, als er zusammen mit der Starpianistin Mitsuko Uchida sämtliche Violinsonaten Mozarts aufführte — und zwar einmal auf modernen, einmal auf historischen Instrumenten. Kammermusik steht auch sonst im Zentrum von Steinbergs Wirken: Er ist Gründungsmitglied des Brentano String Quartetts, in dem sich 1992 Absolvent*innen der renommierten New Yorker Juilliard School zusammenfanden.

 

 

 

 

 

HENRY PURCELL
Fantasia Z. 740, a4, a-Moll
Fantasia Z. 736, a4, B-Dur
Fantasia Z. 738, a4, c-Moll
Fantasia Z. 745, a5, F-Dur (Fantazia upon One Note)

Konzertmeister Mark Steinberg
Konzertmeister Mark Steinberg

Barockmusik hat immer so etwas ernsthaft – feierlich, fast liturgisches an sich und ruft ein unbestimmtes Ehrfurchtgefühl hervor. Henry Purcell (1659 – 1695) galt schon  zu seinen Lebzeiten als der bedeutendste englische Komponist und wurde daher mit dem Ehrentitel Orpheus britannicus gewürdigt. Sein Anthem für die Trauerfeier der Königin Maria II. von England wurde in einer elektronischen Fassung von Wendy Carlos zur Titelmusik von Stanley Kubricks Film Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange). Purcells Musik ist ungemein vielschichtig: manchmal klingt sie so einfach wie ein Volkslied, meistens aber überwiegt das ernsthafte, widerspiegeln die Kompositionen den Puritanismus der damaligen Zeit. Die Musiker*innen, jetzt wieder ohne die Bläsersektion spielen die vier kurzen Stücke stehend ( Ausnahme die Cellist*innen und die Kontrabass*istinnen). Etwas Gewöhnung bedürftig, zumindest für die Mehrheit des Publikums waren diese Töne schon, entsprechend auch die Reaktion eher zurückhaltend, vor allem nach dem vorangegangenen  quirligen, optimistischen Mozart Klavierkonzert. So begab man sich dann eher etwas still und nachdenklich in die kurze Pause.

WOLFGANG AMADEUS MOZART – KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER NR. 24 C-MOLL KV 491

Mitsuko Uchida Solistin am Klavier
Mitsuko Uchida Solistin am Klavier

Moll-Kompositionen in Mozarts Werk sind so selten, dass sie die Autoren, Musiker und Hörer unheimlich anziehen wie ein Unglück die Schaulustigen. Es ist, als dürfe man, verwirrt von der kühlen Artistik seines Stils, endlich einmal dem Hervorbrechen tragischen, persönlichen Erlebens beiwohnen. Doch können wir dieses Moll-Konzert wirklich als emotionales Zeugnis hören, als “Ausbruch”, wenn wir bedenken, dass Mozart zeitgleich am überaus Dur-lastigen “Figaro” schrieb (das Moll von Barbarinas Nadel-Arie ist ganz Parodie)? Die These vom dämonischen Moll-Gegengewicht überzeugt nicht. Als wäre das nicht problematisch genug, steht KV 491 ausgerechnet in c-Moll, jener Tonart, die Beethoven mit heftigem Pathos prägte. Doch Mozarts c-Moll-Werke erfüllen nicht, was wir seit Beethoven von c-Moll erwarten. Und da sind wir dann beim verhängnisvollen Motiv “Fast schon Beethoven” angelangt. Dennoch, dem Zwang, hier dämonische Gewalten zu hören, lässt sich kaum entgehen. weicht der pathetischen Anmutung fast spröde aus.

Mozart fordert bei seinen Klavierkonzerten viel Geduld von den Solist*innen

So lässt Mozart die Solistin auch hier fast 2 1/2 Minuten warten, bis sie sich ins Spiel einbringen darf, aber dann interpretiert Mitsuko Uchida mit einer gelassenen Transparenz, einer weisen Unaufgeregtheit. Am bestechendsten ist das breite Tempo, mit dem die japanische Solistin  das Variations-Finale, oft als Geschwindmarsch überhetzt, in fast kammermusikalische Innerlichkeit zurückgeführt hat. Sie hat genau begriffen, dass man bei Mozart nicht bis auf den Grund dringt, wenn man nur auf die erregende Dramatik vertraut.

Mozarts Hang zu dramatischen Gesten

Solistin und Orchester scheuen die wuchtige, theatralische Geste nicht, aber sie hören das Stück nicht als erschütterndes Ausnahme-Ereignis, sondern als klangerforschende Aufgabe. Man genießt den üppigen Bläsersatz – Flöten, Oboen, Fagott und Klarinetten – in keinem Konzert hat Mozart das sonst aufgeboten. Und Mitsuko Uchida  steht dem prächtigen Orchester mit herrlichem pianistischen Farbspektrum nicht nach. Gradliniger «Marsch» der Protagonist*innen durch die Partitur, die Nuancen ausreizend, die Ausrufezeichen präzis setzend, mit einer Spielfreude, die auch den Zuhörern so richtig einfährt und die besinnliche Pausenstimmung hinwegfegt.

Für diese Demonstration dürfen die Musikerinnen denn auch begeisterten Beifall ernten der nicht nachlässt, bis sich Uchida doch noch zu einer kurzen Zugabe überreden, besser überklatschen lässt.

Mitsuko Uchida ist eine lebendige Geschichtenerzählerin an den Tasten

Lauscht man der Pianistin bei ihrer Interpretation der beiden Klavierkonzerte, so ist es, als würde man gebannt einer Geschichte folgen, bewegend, eindringlich und dicht erzählt von der souveränen Meisterin an den Tasten. Ein weiteres Migros – Kulturprozent – Classics Konzert das zu begeistern wusste.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: http://www.migros-kulturprozent-classics.ch/  

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Lotuseffekte lasern

Moderne Lichtinterferenz-Technologien aus Dresden machen es möglich, dass sich nun sehr schnell Lotuseffekte und andere raffinierte Strukturtricks der Natur auf technische Oberflächen übertragen lasssen.  © ronaldbonss.com
Moderne Lichtinterferenz-Technologien aus Dresden machen es möglich, dass sich nun sehr schnell Lotuseffekte und andere raffinierte Strukturtricks der Natur auf technische Oberflächen übertragen lasssen. © ronaldbonss.com

In Oberflächen lassen sich jetzt im Handumdrehen Nano- und Mikrostrukturen
per Laser einarbeiten. Die Technologie wird von der jungen Dresdner Firma
Fusion Bionic entwickelt und vertrieben – einer Ausgründung aus dem
Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS. Bei der
Laserstrukturierung sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Ihr Vorteil:
Sie ist schnell und deutlich vielseitiger als Beschichtungen.

Oberflächen von Produkten lassen sich durch viele verschiedene Effekte
veredeln. Beim Lotuseffekt zum Beispiel sorgt eine Mikrostruktur dafür,
dass Schmutz nicht anhaftet, sondern beim nächsten Regen einfach
abgewaschen wird. Die feinen Rippeln der Haifischhaut wiederum verbessern
die Strömung an der Außenseite von Flugzeugen und Schiffen, was Treibstoff
spart. Bislang werden viele solcher naturinspirierter Effekte erzeugt,
indem man die Oberfläche beschichtet oder mit Folien beklebt, in die
Mikrostrukturen eingeprägt sind. Doch Beschichtungen und Folien können
sich abnutzen, sodass der gewünschte Effekt mit der Zeit nachlässt.
Forscher am Fraunhofer IWS und an der Technischen Universität Dresden
haben in den vergangenen Jahren eine alternative Methode zur Marktreife
gebracht, mit der man Oberflächen dauerhaft mit Nano- und Mikrostrukturen
versehen kann: die Direkte Laserinterferenz-Strukturierung (Direct Laser
Interference Patterning, DLIP). Bei diesem Verfahren wird die Nano- oder
Mikrostruktur per Laser direkt in die Oberfläche eingeschrieben, um
biomimetische Effekte zu erzeugen. Bemerkenswert ist die hohe
Geschwindigkeit des Verfahrens, das aktuell pro Minute eine Fläche von bis
zu einem Quadratmeter bearbeiten kann. Die neue Technologie ist so
vielversprechend, dass in diesem Jahr die Firma Fusion Bionic aus dem
Fraunhofer IWS ausgegründet wurde. Fusion Bionic entwickelt und vertreibt
DLIP-Systemlösungen für die biomimetische Oberflächenveredelung, führt im
Auftrag von Kunden aber auch selbst Oberflächenfunktionalisierungen durch.

Schnell genug für große Flächen

»Im Vergleich zum Beschichten oder Bekleben galt der Laser lange Zeit als
viel zu langsam, um große Oberflächen zu veredeln«, sagt Fusion-Bionic-
Geschäftsführer Dr. Tim Kunze, der das Unternehmen zusammen mit drei
Partnern gegründet hat. »Mit dem DLIP-Verfahren aber haben wir den Schritt
zur schnellen Bearbeitung großer Flächen geschafft.« Klassischerweise
stellt man sich einen Laserstrahl als einen einzelnen feinen Strahl vor.
Wollte man damit wie mit einer Nadel ein Muster in eine Oberfläche
einarbeiten, verlöre man viel zu viel Zeit. Das DLIP-Verfahren
funktioniert anders. Dabei wird zunächst ein Laserstrahl in mehrere
Strahlenbündel aufgeteilt. Um ein Muster in die Oberfläche einzubringen,
werden die vielen Laserstrahlen kontrolliert überlagert, sodass ein
sogenanntes Interferenzmuster entsteht. Dieses Muster lässt sich dabei auf
einer größeren Fläche verteilen, was eine großflächige und schnelle
Bearbeitung möglich macht.

Das Prinzip der Interferenz ist schnell erklärt: Licht breitet sich
wellenförmig aus. Überlagert man zwei Lichtstrahlen, können sich ihre
Wellentäler und Wellenberge gegenseitig auslöschen oder verstärken. Dort,
wo Licht auf die Oberfläche trifft, wird durch die Laserenergie Material
abgetragen beziehungsweise verändert. Die dunklen Bereiche bleiben
unberührt. »Wir können damit nahezu alle erdenklichen Strukturen
herstellen«, sagt Tim Kunze. »Lotuseffekt, Haifischhaut, Mottenauge und
vieles mehr.«

Noch zu seiner Zeit am Fraunhofer IWS entwickelte sein Team in enger
Zusammenarbeit mit Prof. Andrés Lasagni von der Technischen Universität
Dresden mit Airbus eine Mikrostruktur, die während des Flugs verhindert,
dass sich Eis auf den Tragflächen anlagert. Bei herkömmlichen Jets wird
das verhindert, indem warme Abluft aus den Triebwerken in die Tragflächen
geleitet wird. Damit geht den Triebwerken allerdings Energie verloren. Das
Projekt hat ergeben, dass sich der Energiebedarf eines Eisschutzsystems um
80 Prozent verringert, wenn die Tragfläche zusätzlich über eine DLIP-
Mikrostruktur verfügt. »Vor allem auch für künftige elektrisch betriebene
Flugzeuge wäre das eine Lösung, weil bei diesen keine Abwärme aus den
Triebwerken zur Verfügung steht«, sagt Tim Kunze. In anderen Projekten
wurden Implantate wie etwa Hüftgelenkprothesen und Zahnimplantate
bearbeitet, sodass ihre Oberflächen besonders biokompatibel sind oder
antibakteriell wirken.

Förderung durch Fraunhofer-AHEAD-Programm

Den Anstoß zur DLIP-Entwicklung gab vor gut zehn Jahren der Laserexperte
Prof. Andrés Fabián Lasagni, als er von der Universität Saarbrücken ans
Fraunhofer IWS wechselte und die Technik in den Fokus nahm. DLIP war
damals ein eher akademisches Grundlagenthema. Lasagni, der heute die
Professur für die Laserstrukturierung großer Oberflächen an der TU Dresden
inne hat, war aber klar, dass darin ein großes Potenzial steckte. Er baute
am Fraunhofer IWS ein leistungsstarkes Team auf, das unter seinem
Nachfolger Tim Kunze ab 2017 weiter anwuchs. Aufbauend auf Lasagnis
wegweisenden Vorarbeiten entwickelten beide zusammen industrietaugliche
DLIP-Optiken, die mittlerweile weltweit bei zahlreichen Pilotkunden
installiert wurden. Ab 2020 wurde deutlich, dass die Kommerzialisierung
der DLIP-Technologie auf eine neue Stufe gehoben werden muss. »Unsere
Lösungen bieten einen völlig neuen Freiheitsgrad bei der
Oberflächengestaltung mit einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit, was
neuartige Produkte und Prozesse ermöglicht«, erläutert Tim Kunze.

Durch Förderung im Rahmen des AHEAD-Programms, mit dem die Fraunhofer-
Gesellschaft Spin-offs ermöglicht, wurde jetzt Fusion Bionic gegründet.
»Es gibt einen großen Bedarf für die Funktionalisierung von Oberflächen«,
resümiert Lasagni. »Jede Branche hat da ihre eigenen Herausforderungen,
sei es die Haftung von Eiscreme an Behälterwänden oder die Verringerung
von Reibung. Insofern wird uns die Arbeit so schnell nicht ausgehen.«

Um die Entwicklung von innovativen Oberflächen zu beschleunigen, arbeitet
Fusion Bionic mit Unterstützung seines Investors Avantgarde Labs Ventures
an einer Vorhersageplattform auf der Grundlage Künstlicher Intelligenz.
Mit dieser sollen fortschrittliche Laserfunktionalitäten realisiert
werden. Parallel wird am Fraunhofer IWS eine »AI Test Bench« aufgebaut,
ein Multisensor-Teststand zur Laserbearbeitung, auf dem sich mithilfe von
Künstlicher Intelligenz die optimale Oberflächenstruktur für jedes Problem
schnell vorhersagen und erzeugen lässt.

Zu den Gründungsmitgliedern von Fusion Bionic gehören Dr. Sabri Alamri,
Laura Kunze, Dr. Tim Kunze und Benjamin Krupop.

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Umweltschutz inklusive: DGU-Präsidentin Fisch mit Masterplan für die Zukunft der Urologie

Den 74. DGU-Kongress hat Präsidentin Prof. Dr. Margit Fisch unter das Motto „GEMEINSAM ZUKUNFT GESTALTEN“ gestellt.  UKE
Den 74. DGU-Kongress hat Präsidentin Prof. Dr. Margit Fisch unter das Motto „GEMEINSAM ZUKUNFT GESTALTEN“ gestellt. UKE

Die Erste war sie Zeit ihres Berufslebens: die erste Urologin, die ihre
komplette Facharztweiterbildung in der Universitätsmedizin Mainz
absolviert hat, die erste Urologin, die dort habilitiert hat und die erste
Direktorin der Klinik und Poliklinik für Urologie im
Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE) und damit die bundesweit
erste und bisher einzige Ordinaria in der Urologie.

Seit September 2021 steht Prof. Dr. Margit Fisch in der über 100-jährigen
Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) als erste
Frau an der Spitze der Fachgesellschaft. Besonderen Druck spürt sie als
Präsidentin und Verantwortliche für den diesjährigen 74. DGU-Kongress in
Hamburg nicht: „Grundsätzlich ist der Druck, einen guten Kongress zu
organisieren genderunabhängig für alle Präsidenten gleich. Meinem hohen
persönlichen Anspruch hilft es, dass ich in der Vergangenheit bereits
viele auch internationale Kongresse für unterschiedliche
Fachgesellschaften wie das International Meeting On Reconstructive Urology
oder das World Meeting der Société Internationale d'Urologie organisiert
habe. Außerdem bin ich durch meinen beruflichen Werdegang an einer hoch
kompetitiven Klinik und in meiner heutigen Position als Klinikdirektorin
einen gewissen Druck gewöhnt.“

Mit einer Stimme sprechen

Den 74. DGU-Kongress hat Prof. Fisch unter das Motto „GEMEINSAM ZUKUNFT
GESTALTEN“ gestellt. Dahinter steht eine präzise medizinisch sowie berufs-
und gesellschaftspolitisch motivierte Agenda. „Nur wenn alle Verbände in
der Urologie, die DGU, der Berufsverband der Deutschen Urologen (BvDU),
die German Society of Residents in Urology e.V. (GeSRU) und die
medizinischen Assistenzberufe, mit einer Stimme sprechen und GEMEINSAM an
einem Strang ziehen, werden wir als kleines Fach überhaupt gehört und
können etwas bewirken. Und wir haben in der ZUKUNFT viel zu bewältigen“,
sagt die international renommierte Urologin und Kinderurologin und benennt
die wichtigsten Zukunftsaufgaben. „Die Überalterung der Gesellschaft
bedeutet mehr Arbeit für die Urologie während gleichzeitig durch Berentung
weniger Urologen zur Verfügung stehen. Angesichts der zunehmenden
Feminisierung in der Medizin brauchen wir deshalb alle Frauen, die sich
für die Urologie entscheiden. Auf ihrem Weg von der Ausbildung zur
Fachärztin, in die Praxis oder Klinikkarriere dürfen wir keine verlieren.
Dafür müssen wir die Frauen vonseiten der Fachgesellschaft bestmöglich
unterstützen.“ Zu bewältigen seien auch die fortschreitende
Digitalisierung der Medizin sowie der Wandel in der Versorgung mit
zunehmender Bedeutung einer transsektoralen Versorgung. Weitere große
Veränderungen werde die Präzisionsmedizin, also die fortschreitende
Spezialisierung und therapeutische Individualisierung der Medizin, mit
sich bringen und, so die Präsidentin, auch der Klimawandel. „Diese
Veränderungen sollten wir aktiv GESTALTEN, andernfalls werden sie uns
übergestülpt.“ Dabei sieht Prof. Fisch die Urologie auf einem guten Weg:
mit einer vertrauensvollen Annäherung von DGU und Berufsverband, der
proaktiven Vorstandsarbeit in den verschiedenen DGU-Ressorts und der
Gründung neuer DGU-Arbeitsgemeinschaften, allen voran der AG zur
intersektoralen Versorgung und der AG Urologinnen, die ihr besonders am
Herzen liegt.

Die Urologie wird weiblich

„Dabei geht es nicht um Abgrenzung, vielmehr darum, innerhalb der DGU
frauenspezifische Themen zu identifizieren und zu formulieren,
Fragestellungen zu adressieren und vorhandene Informationen zu bündeln und
sichtbar zu machen“, sagt Prof. Fisch, die der Steuerungsgruppe der im
Herbst 2021 gegründeten AG Urologinnen angehört. „Die Resonanz und das
Engagement der vielen aktiven Kolleginnen ist riesig. Inzwischen haben wir
sechs Arbeitsgruppen installiert. Dort wird an einer Bestandsaufnahme
gearbeitet, um den Status quo zu erheben. So soll zum Beispiel eine
Umfrage Daten darüber liefern, warum Frauen welche beruflichen
Entscheidungen treffen. Es werden Netzwerke für urologische
Wissenschaftlerinnen und Praxisnetzwerke aufgebaut und eine Expertinnen-
Liste erstellt, damit kompetente Referentinnen einfacher gefunden werden
und auf die Podien kommen. Wir suchen die Interaktion mit Frauengruppen
anderer Fachgesellschaften und Organisationen, wie dem Deutschen
Ärztinnenbund, und in einer weiteren Arbeitsgruppe Lösungen für das
Operieren in der Schwangerschaft. Das neue Mutterschutzgesetz hat leider
keine Fortschritte gebracht, Urologinnen verlieren in der Schwangerschaft
noch immer sehr viel Weiterbildungszeit.“ Hier habe das einzigartige
Modellprojekt „FamUrol: Operieren in der Schwangerschaft“ des UKE mit
Unterstützung der DGU und der GeSRU wichtige Vorarbeit geleistet und
standardisierte Bedingungen für Frauen im OP erarbeitet, die bundesweit
als Blaupause dienen könnten, so die DGU-Präsidentin.

Der ansteigende Frauenanteil in den Statistiken der Bundesärztekammer aus
dem Jahr 2020 weist die Urologie schon jetzt als Zukunftsfach für Frauen
aus. Danach liegt der Anteil der berufstätigen Fachärztinnen in der
Urologie bei den über 60-Jährigen bei nur 4,9 Prozent, in der Altersgruppe
der 40- bis 49-Jährigen liegt er bereits bei 25,1 Prozent und bei den bis
34-Jährigen schon bei 42,3 Prozent. Allerdings sind nach Ansicht von Prof.
Fisch noch zu wenig Frauen in leitenden Positionen. Nach einer DGU-Analyse
der Situation an den urologischen Universitätskliniken sind 42,4 Prozent
der Assistenzärzte Frauen, 44 Prozent der Fachärzte, aber nur 25,3 Prozent
der Oberärzte und es gibt nur eine Direktorin. „Im DGU-Vorstand liegt der
Anteil der Frauen mit 20 Prozent immerhin adäquat zum Gesamtanteil im
Fachgebiet und das soll auch so bleiben. Eine Frauenquote brauchen wir
dafür nicht“, sagt die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Urologie
am UKE. „Mein Ziel ist es, noch mehr Ärztinnen für die Urologie zu
begeistern und ihnen gute frauenspezifische Strukturen innerhalb der DGU
anbieten zu können.“

Das Programm des 74. DGU-Kongresses, der unter der Leitung von Prof. Fisch
vom 21. bis 24. September 2022 im Congress Center Hamburg (CCH)
stattfinden wird, bildet neben aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen
aus allen Bereichen der Urologie das Kongressmotto und seine subsummierten
Zukunftsthemen ab. Frauen in der Urologie und Präzisionsmedizin, wie die
molekulare Diagnostik im Rahmen von Tumorerkrankungen und die mRNa-
Technologie für die Krebsbehandlung, sind als Top-Themen im Plenum der
Präsidentin gesetzt. Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D., Präsidentin
des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, wird erläutern, wie
Arbeit in der Zukunft aussehen sollte, und mit der bekannten Virologin
Prof. Dr. Marylyn Addo wird eine weitere prominente Rednerin erwartet. Sie
fragt: Was haben wir aus der Pandemie gelernt? Prominent besetzt ist auch
die Gästeliste für die EAU- und die AUA-Lecture, wo u.a. Prof. Alberto
Briganti aus Italien sprechen wird und ein Vortrag von Stacy Loeb, US-
Urologin mit eigener Radiosendung und großer Gemeinde in den sozialen
Medien, vorgesehen ist.

Impulse für eine grüne Urologie

Mit einem eigenständigen Plenum „Urologie und Umweltschutz“ setzt die DGU-
Präsidentin in Hamburg ein Ausrufezeichen und einen Weckruf für eine grüne
Urologie. „Nicht nur als Privatperson, sondern auch in unserem beruflichen
Umfeld sollten wir uns mit dem Thema Klimawandel beschäftigen. Gedankliche
Anstöße dafür sowie praktische Ansätze für den Umweltschutz in Klinik und
Praxis haben wir auf der Agenda. Ausgewiesene Experten zeigen uns, was im
medizinischen Alltag möglich ist, denn es ist Zeit, den Schritt von der
Erkenntnis zum Aktivismus zu gehen.“
Mit brandneuen Daten aus der Versorgungsforschung werden die Deutschen
Uro-Onkologen (d-uo) in der Hansestadt präsent sein und eine Reihe von
Studienergebnissen vorlegen: u.a zur EvEnt-PCA-Studie und der prospektiven
Registerstudie VERSUS zu den urologischen Tumorerkrankungen
Prostatakarzinom, Urothelkarzinom, Nierenzellkarzinom, Hodentumor und
Peniskarzinoms, die Daten zu Therapie und Diagnose aus dem
Behandlungsalltag untersucht. Erwartet werden ebenfalls erste Daten zum
nationalen Urothelkarzinom-Register.
Als Expertin für rekonstruktive Urologie, im Besonderen komplexe
Harnableitungsverfahren und Harnröhrenrekonstruktionen, sowie
Kinderurologie setzt Prof. Fisch die interdisziplinäre Behandlung der
Geschlechtsdysphorie, Optionen der Behandlung von Komplikationen nach
Therapie einer gut- oder bösartigen Prostataerkrankung sowie die im
letzten Jahr erschienene europäische Leitlinie zur Harnröhrenstriktur auf
das Kongressprogramm. „Im Bereich der Kinderurologie ist die Transition,
also die kompetente urologische Begleitung des Kindes ins
Erwachsenenalter, ein großes Thema“, sagt sie.

Organisatorisch startet der 74. DGU-Kongress bereits am ersten Kongresstag
durch: mit dem Eröffnungsplenum am Mittwoch, den 21. September 2022, und –
wichtig für alle Medienvertreter – auch mit der DGU-Pressekonferenz.
Interaktiver wird der Kongress ebenfalls. „Nach einem weiteren Jahr mit
ungezählten Online-Veranstaltungen und Frontalreferaten planen wir viele
Sitzungen im Format von interdisziplinären Boards mit Falldiskussionen und
anschließenden State of the Art-Vorträgen. Etwa beim Prostatakarzinom und
anderen Tumoren sowie zum Thema Beckenboden“, sagt DGU- und
Kongresspräsidentin Prof. Dr. Margit Fisch. „Manels“, die viel
kritisierten rein männlich besetzten Panels wird es zumindest in den
Plenen und Hauptforen im CCH nicht mehr geben, und – auch das ist neu –
die DGU-Jahrestagung wird am Samstag, den 24. September bereits um 12:00
Uhr enden.

„Wir freuen uns, den weltweit drittgrößten Urologen-Kongress in diesem
Jahr im Herzen der Metropole Hamburg und erstmals im wunderschön
renovierten CCH in Präsenz auszurichten“, so Prof. Fisch. Die letztjährige
Jahrestagung der Fachgesellschaft in Stuttgart habe gezeigt, das dies
selbst unter Pandemiebedingen möglich ist. So sollen auch wieder ein
Schüler- und Studententag sowie ein Patientenforum in der Hansestadt
realisiert werden. Dort gilt es dann, „ZUKUNFT GEMEINSAM zu GESTALTEN“ und
den Masterplan der Präsidentin anzustoßen, der da lautet: Die Urologie
wird weiblich, sie wird grün, forciert die Präzisionsmedizin, entwickelt
und sichert deren zukünftig flächendeckenden Einsatz durch die Nutzung
intersektoraler und digitaler Versorgung und sie spricht wieder mit einer
Stimme für das Fach.

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Nachhaltige Verarbeitung von Elektroschrott in Indien

Zerlegung von Keyboards. In Indien werden mehr als 90 % des Elektroschrotts von Kleinstgewerblern verarbeitet.  Ecowork
Zerlegung von Keyboards. In Indien werden mehr als 90 % des Elektroschrotts von Kleinstgewerblern verarbeitet. Ecowork

Ein indisch-schweizerisches Forschungsteam unter Leitung von Empa-
Forschenden entwickelt ein ökologisches und solidarisches Geschäftsmodell,
das die Umweltbelastung beim Recycling von Elektroschrott verringert. Auf
diese Weise sollen Kleinstunternehmerinnen und -unternehmer ohne
Investitionskapital in die Wertschöpfungskette integriert werden.

In Indien werden über 90 Prozent des Elektroschrotts im informellen Sektor
verarbeitet. Diese Tätigkeit bietet vielen Familien ein Einkommen,
belastet jedoch oft die Umwelt und die Gesundheit der Arbeiterinnen und
Arbeiter. Die Anpassung und Einhaltung von gesetzlichen Vorschriften ist
aufgrund der erforderlichen Investitionen und des administrativen Aufwands
schwierig.

Hier setzt das Projekt Ecowork an, das vom Schweizerischen Nationalfonds
und Innosuisse über das BRIDGE-Programm finanziert wurde: Um
Kleinunternehmen im informellen Sektor zu unterstützen, wurde ein
neuartiges Geschäftsmodell basierend auf dem Coworking-Konzept entwickelt.
Initiiert hat diesen Ansatz ein indisch-schweizerisches Team, zu dem die
Umweltwissenschaftlerin Dea Wehrli gehört, die bei der Empa tätig ist und
das Projekt mitleitet. Sie ist auf Recycling von Elektroschrott
spezialisiert und hat vor ihrer Tätigkeit bei Ecowork auf diesem Gebiet in
Indien gearbeitet. «Der Ecowork Space soll ein Art Inkubator-Hub werden
und die Unternehmer in die Wertschöpfungskette integrieren. Dabei können
wir auf wertvolles Wissen und langjährige Erfahrung der Empa im
Elektroschrottrecycling zurückgreifen.»

Werkzeuge und Schutzausrüstung

Ecowork richtet sich an Kleinstunternehmerinnen und -unternehmer ohne
Investitionskapital oder Erfahrung in der Führung eines Unternehmens. Es
wird derzeit in Delhi aufgebaut und getestet und soll im ersten Jahr rund
40 Interessierten einen Arbeitsplatz bieten. Auch während der
Zusammenarbeit mit Ecowork bleiben die Teilnehmenden selbständig. «Wir
bieten ihnen ein Geschäftsmodell mit mehreren Elementen an: Sie können
einen sicheren und legalen Arbeitsplatz mieten, und sie erhalten Zugang zu
Werkzeugen und Schutzausrüstung. Zudem wollen wir sie in der Anwendung
effizienterer Arbeitsabläufe und bei administrativen Schritten
unterstützen und ihnen Ausbildungsmöglichkeiten bieten», erklärt Wehrli.
So sollen die Teilnehmenden ihren Markt vergrössern und mehr Einkommen
erzielen können.

Dank Apps mehr Wirtschaftlichkeit

Zum Angebot des Geschäftsmodells von Ecowork gehören auch digitale
Lösungen. Die Mikrounternehmen können sich mit Hilfe von Apps vernetzen.
Dea Wehrli erklärt, wie das geht: «Wenn eine Arbeiterin beim Zerlegen
eines Laptops nur eine kleine Menge eines bestimmten Materials gewinnt,
kann sie dieses dank der App mit dem gewonnen Material eines anderen
Mikrounternehmens in der Nähe kombinieren und eine grössere Menge zum
Verkauf anbieten. Die Käufer sind eher an grösseren Mengen interessiert
und zahlen dafür auch höhere Preise», erklärt Dea Wehrli.

Die Wissenschaftlerin ist gespannt: «Elektroschrott ist eine globale
Herausforderung. Die Schweizer Forschung verfügt in diesem Bereich über
Kompetenzen. Ich sehe es in unserer Verantwortung, dieses Wissen und die
Möglichkeiten, die wir haben, zu nutzen, um zur Verbesserung der
ökologischen und sozialen Situation im Recyclingsektor beizutragen. Umso
mehr, weil unsere Lösung - falls sie sich bewährt - in viele weitere
Länder transferiert werden könnte.»

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