THI-Studierende übernehmen Sanierungsplanung für ein Gemeindehaus in Namibia
Fächerübergreifend und interdisziplinär erarbeiten die Studentinnen und
Studenten des neuen Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen-Bau an der
Technischen Hochschule Ingolstadt ein Konzept, das sie nicht nur fachlich
weiterbringt, sondern durch das sie auch viel über Land und Leute lernen
Die Toiletten sind beschädigt, eine Klobrille fehlt. Von den Wänden
rieselt der Putz und mehrere Scheiben sind eingeschlagen. Das Gemeindehaus
von Tsumkwe ist in keinem guten Zustand. Studierende des neuen Campus
Neuburg, der Außenstelle der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI),
wollen das ändern. Sie erarbeiten derzeit fächerübergreifend und
interdisziplinär über das gesamte erste Semester hinweg ein
Sanierungspaket, das Anfang nächsten Jahres nach Namibia geschickt werden
soll. Darin enthalten sein sollen nicht nur die Pläne zur Baukonstruktion,
sondern auch Tragwerksplanung, Kostenschätzung und vieles mehr – kurzum
alles, was für die Sanierung eines Gebäudes nötig ist.
Prof. Dr. Jana Bochert, Studiengangleiterin für Wirtschaftsingenieurwesen-
Bau, hat den „Auftrag“ an Land gezogen. Der Kontakt nach Namibia besteht
an der THI durch das Forschungsprojekte „Proceed“ schon länger.
Wissenschaftler untersuchen und analysieren in Tsumkwe sogenannte Mini-
Grids, Inselnetzsysteme für die Energieversorgung, denn die Gemeinde liegt
derart abgelegen, dass sie nicht an das nationale Stromnetz angeschlossen
werden kann. In diesem Zuge kam die Idee auf, aus Deutschland auch Hilfe
bei der Instandsetzung des Gemeindehauses zu liefern.
Für die Studierenden bietet sich dadurch die einmalige Chance, gleich zu
Beginn ihres Studiums mit einem realen Auftrag konfrontiert zu werden.
Dort, wo andere lediglich fiktive Ideen erarbeiten, können die
Studentinnen und Studenten des neuen THI-Studiengangs praktische Erfahrung
sammeln. „Man lernt die Dinge damit nicht nur, um eine Klausur zu
bestehen, sondern um das Gelernte konkret anwenden zu können“, schwärmt
Studentin Sara Avdic. Zusammen mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen
hat sie schon in der ersten Studiumswoche der Kreativität freien Lauf
lassen können. „Ich wollte, dass sie einfach drauf los entwickeln“,
erklärt Rainer Strauß die Idee dahinter. Der Stuttgarter Architekt
unterrichtet Baukonstruktion. Entstanden sind vier Projektvorschläge, die
die Studierenden einer Jury präsentierten und aus denen am Ende ein
Entwurf abgeleitet wurde. Dieser wird nun weiterverfolgt – mit allem, was
dazu gehört.
Die Studierenden müssen sich also nicht nur überlegen, was an dem Gebäude
erhalten bleiben beziehungsweise was erneuert werden muss, sondern müssen
sich auch mit den Gegebenheiten vor Ort und der Kultur der Menschen
befassen. Wie sieht es mit der Wasser- und Abwasserversorgung aus? Mit
welchen Materialien wird dort gebaut? Wie ist der Zustand der Straßen und
kann Arbeitsmaterial überhaupt dorthin transportiert werden? Wenn ja, zu
welchem Preis? Und vor allem: Wie leben die Menschen dort, welche
deutschen Errungenschaften nehmen sie an und welche nicht? Die
wassergespülte Toilette zum Beispiel nicht.
„Man entwickelt einen persönlichen Bezug zu dem Projekt“, nennt Student
Maxi Gottschall einen der Vorteile, den das fächerübergreifende Konzept
mit sich bringt. Immer wieder wird im Unterricht die Brücke geschlagen zu
den deutschen Bauvorschriften, DIN-Normen, Baumaterialien und vielem mehr.
Welche Fundamente gibt es und welches eignet sich am besten für das
namibische Gemeindehaus? Wie dichtet man es am besten ab? Wie geht man mit
Lehm als Bausubstanz um?
Am Ende soll ein Sanierungsvorschlag stehen, der den Menschen in Tsumkwe
einen attraktiven Anlaufpunkt bietet für Feiern und Veranstaltungen, einen
sozialen Treffpunkt mit einer kleinen Teeküche, einem Fußballplatz und
einer schattigen Veranda vor der Tür. Kurzum: einen Ort, an dem die
Menschen zusammenkommen und sich wohl fühlen. „Wenn wir das schaffen,
haben wir viel erreicht und unsere Studierenden viel gelernt“, fasst es
Prof. Dr. Jana Bochert zusammen.
- Aufrufe: 27