Als Studienleiter eines deutschlandweiten Forschungsprojekts zu
Impfnebenwirkungen nimmt Prof. Dr. Stephan Schubert, Direktor der Klinik
für Kinderkardiologie und angeborene Herzfehler am Herz- und
Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, zum Myokarditis-Risiko bei
Kindern und Jugendlichen nach COVID-19-Impfung Stellung: „Eltern und
Angehörige wollen sachlich nach aktuellem Stand der Forschung beraten
werden.“
Herr Professor Schubert, eine befürchtete schwere Nebenwirkung bei jungen
Menschen nach COVID-19-Impfung ist die Herzmuskelentzündung. Wie schätzen
Sie das Risiko ein?
Natürlich nehmen wir die Sorgen von Eltern ernst, die Fragen zur
Sicherheit und Wirksamkeit des von der STIKO empfohlenen mRNA-Impfstoffs
Comirnaty von Biontech/Pfizer haben. Grundsätzlich ist es ratsam, sich zu
diesem Thema nicht von Schlagzeilen verunsichern zu lassen, sondern den
Erkenntnissen des Paul-Ehrlich-Instituts zu folgen, das in Deutschland für
die Impfstoffsicherheit zuständig ist. Derzeit gehen Wissenschaftler und
Ärzte von weniger als fünf Fällen von Herzmuskel- oder
Herzbeutelentzündungen bei 100.000 Impfungen von 12- bis 17-Jährigen mit
Fokus auf dem männlichen Geschlecht aus. Demgegenüber steht ein vielfach
höheres Risiko, im Falle einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus eine
solche Erkrankung zu erleiden. Die Rede ist hier von gesunden Kindern und
Jugendlichen, für die eine Impfung einen nahezu 100-prozentigen Schutz vor
einer schweren Form einer COVID-19-Erkrankung bietet. Bei einer
Vorerkrankung ist die Frage nach der Notwendigkeit einer Impfung
sorgfältig abzuwägen und daher immer eine individuelle Entscheidung.
Wie äußert sich eine solche Herzmuskelentzündung und was macht sie so
gefährlich?
Die Herzmuskelentzündung oder Myokarditis tritt zwar selten auf, ist aber
auch eine der häufigsten Ursachen für die akute/chronische Herzschwäche
und Herzversagen im Kindesalter. Sie macht sich oft durch
Rhythmusstörungen oder Schmerzen in der Brust bemerkbar, die Kinder fühlen
sich deutlich in Ihrer Belastbarkeit oder Alltag eingeschränkt. Insgesamt
ist ein Zusammenhang mit einer vorangegangenen COVID-19-Impfung nicht
einfach herzustellen, weil die Herzschwäche auch als Folge einer anderen
Viruserkrankung auftreten oder auch genetische Ursachen haben kann. Umso
wichtiger ist es, zu dieser und anderen Fragestellungen systematische
Forschung zu betreiben.
Bereits vor acht Jahren haben Sie ein nationales Register für Kinder und
Jugendliche mit Verdacht auf Myokarditis gegründet, das Daten inzwischen
prospektiv von mehr als 550 Patienten gesammelt hat. Was ist das Ziel
Ihrer aktuellen Studie über Impfnebenwirkungen nach einer
COVID-19-Impfung?
Zunächst geht es darum, möglichst genauere Daten solcher Verdachtsfälle zu
sammeln, aus denen wir wichtige Erkenntnisse über die Diagnostik,
Schweregrad und den Verlauf der Erkrankung gewinnen können. In
Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut und derzeit 29
Kinderherzzentren und Kinderkliniken in Deutschland - darunter auch das
HDZ NRW - werden betroffene Kinder und Jugendliche mindestens zwölf Monate
lang nachuntersucht, um das mögliche Risiko einer schwerwiegenden
Komplikation zu überwachen und künftig die Bedeutung besser einschätzen zu
können. Das Bundesgesundheitsministerium finanziert diese prospektive
Studie in den kommenden zwei Jahren.
Was raten Sie Eltern, die ihre Kinder aus Angst vor einer schweren
Impfnebenwirkung nicht impfen lassen wollen?
Nach realistischer Einschätzung ist die Gefahr, dass als Folge der
COVID-19-Impfung eine Myokarditis auftritt, im Vergleich zu dem Risiko von
schweren Folgeschäden, das man ohne Impfung im Falle einer Erkrankung
eingehen würde, deutlich geringer. Zu bedenken ist:
• Auch durch die COVID-19-Infektion ist ja eine Herzmuskelentzündung
möglich. Gerade jetzt nimmt die Zahl der COVID-19 erkrankten und stationär
behandelten Kinder mit Symptomen zu.
• Der Schutz vor der COVID-19 Erkrankung durch die Impfung ist
ausreichend belegt und überwiegt zum jetzigen Zeitpunkt das Risiko einer
Impfnebenwirkung deutlich. Da aber vor allem Jungen betroffen sind, spielt
auch das Geschlecht eine wichtige Rolle.
Wir wollen mit dieser Studie gerade beweisen, dass selbst wenn man diese
Nebenwirkung erleben sollte, diese aber auch – laut internationalen Daten
- in der großen Mehrheit der Fälle vollkommen ausheilt. Dazu muss man
wissen, dass auch eine durch andere Viren verursachte
Herzmuskelentzündung, je frühzeitiger sie erkannt und medizinisch versorgt
wird, in aller Regel gut behandelt werden kann. Nur erbliche Faktoren
können zusätzlich diesen Verlauf negativ beeinflussen, dieses lernen wir
durch Einsatz der Genetik immer besser kennen.
Alle Patienten mit einer Herzmuskelentzündung sollten in jedem Falle in
einem spezialisierten Kinderherzzentrum im Fachbereich für
Kinderkardiologie diagnostiziert und mit betreut werden.
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Hintergrundinformation:
Das MYKKE-Register ist das weltweit größte pädiatrische Register für
Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf Myokarditis. Es wurde 2013 von
Prof. Dr. Stephan Schubert und PD Dr. Daniel Messroghli am Deutschen
Herzzentrum Berlin ins Leben gerufen. Aktuell beteiligen sich 29
Kinderherzzentren und Kinderkliniken in Deutschland, Österreich und der
Schweiz.
Im Register werden Daten zu Anamnese, Diagnostik, Therapie und Verlauf
standardisiert erfasst. Als Infrastruktur für die Datenerfassung und
Bereitstellung der Daten für die Forschung dient die im Nationalen
Register für angeborene Herzfehler e.V. (NR AHF) angesiedelte
Forschungsplattform. Die Infrastruktur des MYKKE-Registers wird seit 2017
durch Spenden aus der Fördergemeinschaft Deutsche Kinderherzzentren e.V.
“Kinderherzen“ unterstützt.
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Als Spezialklinik zur Behandlung von Herz-, Kreislauf- und
Diabeteserkrankungen zählt das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-
Westfalen (HDZ NRW), Bad Oeynhausen mit 35.000 Patienten pro Jahr, davon
14.600 in stationärer Behandlung, zu den größten und modernsten Zentren
seiner Art in Europa.
Das Kinderherzzentrum und Zentrum für angeborene Herzfehler des HDZ NRW
wird von Prof. Dr. Stephan Schubert, Direktor der Klinik für
Kinderkardiologie und angeborene Herzfehler, und Prof. Univ. Dr. Eugen
Sandica, Direktor der Kinderherzchirurgie und angeborene Herzfehler,
gemeinsam geleitet. Es zählt zu den international führenden Kliniken zur
Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit angeborenem Herzfehler und ist
zertifiziertes Zentrum für die Behandlung von Erwachsenen mit angeborenen
Herzfehlern (EMAH). Zur ausgewiesenen Expertise des Zentrums zählt die
Therapie des gesamten Spektrums von angeborenen Herzfehlbildungen im
Neugeborenen-, Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Jährlich werden hier
über ca. 1.000 Patienten mit herausragenden Ergebnissen auch im
internationalen Vergleich stationär und 4.500 bis 5.000 Patienten ambulant
betreut.