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Läusealarm in Schulen oder Kitas oft unnötig

Stiftung Kindergesundheit informiert über die aktuellen Empfehlungen zur
Bekämpfung der unappetitlichen Krabbeltiere

Der Befall mit Kopfläusen ist die häufigste Parasiten-Erkrankung im
Kindesalter und nach den Atemwegsinfektionen die zweithäufigste
Infektionskrankheit im Grundschulalter. Immer wieder werden in
Kindergärten und Schulen Läusealarme ausgelöst und Besuchsverbote
ausgesprochen, um die Verbreitung der unwillkommenen Besucher zu stoppen.
Die Aufregung sei jedoch in der Regel nicht gerechtfertigt, betont die
Stiftung Kindergesundheit in einer aktuellen Stellungnahme: Läuse
übertragen keine Krankheiten und auch die bisher üblichen Verbote des
Kita- oder Schulbesuchs seien meist ineffektiv und unnötig.

Grundlage für die überraschende Abkehr von den bisherigen strengen Regeln
ist eine jüngst vorgenommene Analyse internationaler Studien durch die
Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin DAKJ. Eine siebenköpfige
Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen der DAKJ hat dazu 63
weltweite Studien und Informationsmedien über Kopfläuse ausgewertet und
räumt nun mit vielen althergebrachten Empfehlungen auf, die im Zuge eines
„Läusealarms“ das Leben vieler Kinder und ihrer Eltern ungebührlich
beeinträchtigen können.

Die Stiftung Kindergesundheit fasst die wichtigsten Aussagen der
wissenschaftlichen Studien zusammen:

O Läuse sind harmlos. Einem Läusebefall wird durch die teilweise
erheblichen emotionalen Reaktionen der Betroffenen und ihrer Umgebung eine
übertriebene Bedeutung beigemessen.

O Epidemische Verläufe mit rascher Ausbreitung auf ganze Schulklassen sind
nur selten nachweisbar.

O Ein „Läusealarm“ ist in der Regel nicht gerechtfertigt. Empfehlenswert
ist dagegen eine gezielte Nachforschung bei Familienangehörigen und eng
befreundeten Kindern, z.B. von Übernachtungsbesuchern.

O Lediglich der Nachweis wenigstens einer lebenden Laus auf dem behaarten
Kopf stellt einen triftigen Grund für eine Behandlung dar.

O Maßnahmen außerhalb des behaarten Kopfes sind in aller Regel unnötig:
Ein umfangreiches Reinigen von Leib- und Bettwäsche, Wegschließen von
Kuscheltieren und Spielsachen, das luftdichte Verpacken oder Einfrieren
von Textilien oder Spielzeug haben keinerlei nachweisbaren Effekt bei der
Beendigung einer Pediculosis capitis.

O Wesentlicher Ansatz der Behandlung ist die Verminderung der auf dem Kopf
befindlichen Läuse. Dies gelingt rasch und weitgehend schmerzfrei durch
Auskämmen des nassen Haares mit Haarspülung und einem geeigneten
Läusekamm. Dieses systematische Auskämmen hat bereits einen
therapeutischen Effekt und ist auch zusätzlich und wiederholt bei der
Anwendung von Läusemitteln (Medikamenten oder Medizinprodukten)
empfohlen, um den Behandlungserfolg zu sichern.

Kombination aus Insektizid und Auskämmen
Besonders wohl fühlen sich Kopfläuse im Nacken, an der Schläfe und hinter
den Ohren, gelegentlich aber auch in den Augenbrauen der Kinder, bei
Erwachsenen auch unter den Achseln und zwischen den Barthaaren. Sie saugen
alle zwei bis drei Stunden Blut und hinterlassen dabei hochrote, stark
juckende Stichstellen.

Übertragungen finden praktisch ausschließlich durch unmittelbare Haar-zu-
Haar-Kontakte statt. Von der weit verbreiteten Vorstellung, man könne auch
durch Kopfpolster in Bussen und Bahnen mit Läusen angesteckt werden,
halten Experten nur wenig: Als Parasit, abhängig von der täglichen
Blutaufnahme, neigen Läuse nicht dazu, ihren Lebensraum, den behaarten
Kopf, freiwillig zu verlassen. Läuse machen übrigens keine Unterschiede
zwischen Nationalitäten und Kulturkreisen: Kinder mit
Migrationshintergrund haben in Deutschland laut RKI ähnlich häufig
Kopflausbefall wie Kinder deutscher Eltern.

Da die Stichstellen der Läuse meist stark jucken, kratzen sich die Kinder
oft intensiv am Kopf. Haben sich jedoch nur wenige Läuse auf dem Kopf
eingenistet, werden die Eltern oft nur durch die weißlichen Nissen auf den
Befall aufmerksam. Nissen unterscheiden sich von Kopfschuppen oder
Haarspraypartikeln dadurch, dass sie fest am Haar haften und nicht
abgestreift werden können.

Leider ist es nicht einfach, die lästigen Insekte wieder loszuwerden. Mit
häufigem Waschen der Haare allein ist das jedenfalls nicht zu schaffen,
betont die Stiftung Kindergesundheit: Durch das Waschen der Haare werden
die Läuse keineswegs beseitigt, sie werden lediglich sauberer.

Nur eine lokale Behandlung hilft
Erfolg verspricht nur eine gründliche und geduldige lokale Behandlung.
Ziel der Therapie ist es, sowohl geschlechtsreife Läuse als auch ihre
Larven wirksam abzutöten. Das Robert-Koch-Institut Berlin empfiehlt dazu
die Kombination von nassem Auskämmen und die Anwendung von Insektiziden.

Zum Auffinden der Läuse muss das Haar systematisch Strähne für Strähne
gekämmt werden. Dabei muss der Kamm so geführt werden, dass er von der
Kopfhaut aus fest zu den Haarspitzen heruntergezogen wird. Besonders
geeignet, um die Läuse oder Nissen zu erfassen, sind spezielle Kämme,
deren Zinken nicht mehr als 0,2–0,3 mm voneinander entfernt sind (sog.
Nissenkämme). Nach jedem Kämmen sollte der Kamm sorgfältig nach Läusen
untersucht und diese entfernt werden.

Ziel der Therapie ist es, sowohl geschlechtsreife Läuse als auch ihre
Larven wirksam abzutöten, unterstreicht die Stiftung Kindergesundheit.
Günstig ist es, wenn auch die Eier erreicht werden, was jedoch nicht immer
der Fall ist. Dazu werden zahlreiche Medikamente und Medizinprodukte
angeboten.

Insektizide nur streng nach Vorschrift!
Die Medikamente, die zur Bekämpfung von Läusen zur Verfügung stehen, sind
allesamt Insektizide, allerdings unterschiedlicher Herkunft und mit
unterschiedlichem Wirkungsgrad. Der gegen Kopfläuse hochwirksame Wirkstoff
Lindan darf seit 2008 gemäß einer EU-Regelung nicht mehr eingesetzt
werden. Andere Mittel zur Kopflausbekämpfung erhalten Pyrethroide
(Pyrethrum, Bioallethrin, Permethrin). Gegen diese pflanzlichen Substanzen
entwickeln indes weltweit immer mehr Läuse eine Resistenz.

Da diese Mittel potentielle Nervengifte sind und außerdem Allergien und
Hautirritationen hervorrufen können, muss man sie streng nach Vorschrift
anwenden – nicht häufiger als wirklich nötig.

Silikonöl: Keine Probleme mit Resistenzen
Als gut wirksame Alternative gelten Dimeticone mit einer Wirksamkeit von
97 Prozent. Diese apothekenpflichtigen Medizinprodukte enthalten
synthetische Silikonöle und wirken nicht chemisch, sondern physikalisch:
Sie verkleben die winzigen Atemöffnungen der Insekte - die erwachsenen
Läuse sowie alle ihrer Entwicklungsstadien ersticken dadurch. Eine
Resistenz ist ausgeschlossen.

Dimeticone gelten als sicher ungiftig, sind jedoch mit einem anderen
Risiko behaftet, warnt die Stiftung Kindergesundheit: Sie sind extrem
leicht entflammbar! Es sind schon schwere Brandverletzungen berichtet
worden. Die Haare müssen deshalb nach Auftragen des Mittels von offenen
Flammen wie Zigaretten, Gasboilern oder Kerzen und starken Wärmequellen
(z. B. heißer Haartrockner) unbedingt ferngehalten werden.

Haben die Haare engen Kontakt, findet die Übertragung in wenigen
Augenblicken statt. Besteht der Kontakt längere Zeit, zum Beispiel wenn
die Kinder zusammen in einem Bett schlafen, können die Läuse auch mehrfach
hin und her wechseln.

Auch Essigwasser kann helfen
Als Hausmittel gilt in vielen Familien Haushaltsessig mit Wasser gemischt,
der sich besonders bei Schwangeren und stillenden Müttern bewährt hat,
denen von manchem chemischen Mittel abgeraten wird.

Dazu das RKI Berlin: „In diesem Fall kann eine alternative Behandlung
durch mehrfaches Spülen der Haare mit Essigwasser durchgeführt werden (1
Teil 6prozentiger Speiseessig auf 2 Teile Wasser; kein Essigkonzentrat
verwenden!). Dadurch werden Eier und Nissen in der Anhaftung an das Haar
gelockert. Die Einwirkzeit sollte mindestens 10 Minuten betragen.
Anschließend werden die feuchten Haare mit einem Nissenkamm sorgfältig
ausgekämmt. Durch die Behandlung mit Essigwasser werden allerdings Läuse
oder Nissen nicht abgetötet, es wird lediglich das Auskämmen erleichtert“

Wann darf das Kind wieder zur Schule?
Nach der sachgerechten Anwendung eines wirksamen Läusemittels ist eine
Weiterverbreitung auch bei noch vorhandenen Nissen nicht mehr zu
befürchten. Wird das befallene Kind mit einem der zugelassenen
Läusebehandlungsmitteln behandelt, darf es am Tag darauf wieder in die
Kita oder zur Schule, auch wenn die Therapie noch nicht abgeschlossen ist.
Es befinden sich nämlich keine lebenden Läuse mehr in seinen Haaren. Eine
Weiterverbreitung der Läuse ist auch bei noch vorhandenen Nissen mit hoher
Wahrscheinlichkeit nicht mehr zu befürchten.

Aus diesem Grund halten die Autoren der DAKJ Ausschlussmaßnahmen in Kitas
und Schulen selbst unter Berücksichtigung des Infektionsschutzgesetzes
IfSG für unnötig: „Ein Besuchsverbot für Gemeinschaftseinrichtungen hat
für die Kontrolle einer Pedikulose keine Bedeutung“.

Warum selbst Experten Läuse „igitt“ finden
„Die Pedikulose hat allerdings eine hohe Potenz, nicht nur bei
Betroffenen, sondern auch bei Fachpersonen erhebliche adversive
Empfindungen (Entomophobie) auszulösen“, stellen die Experten fest. Nur
so lasse es sich erklären, dass sich auch in zahlreichen Expertisen
wissenschaftlicher Institutionen und Fachgesellschaften Aussagen und
Empfehlungen finden, für die es an wissenschaftlicher Evidenz fehlt.

Den weit verbreiteten Aversionen könne nur durch gezielte und
evidenzbasierte Aufklärung sowie besonnenes Handeln begegnet werden,
betont die Stiftung Kindergesundheit. Arztpraxen, Apotheken sowie dem
Personal von Gemeinschaftseinrichtungen komme dabei eine wesentliche
Aufklärungsrolle zu.

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Hochschule Anhalt startet Forschungsvorhaben zum Schutz der Grauen Skabiose

Wenn der Hochsommer beginnt, schmücken die Blüten der Grauen Skabiose
(Scabiosa canescens) die Trockenrasen mit graublauen Farbtupfern. Mit
ihrer langen Blütezeit sind sie bis weit in den Herbst hinein ein
wichtiger Nahrungsspender für Insekten. In Deutschland ist die Skabiose
selten geworden, mancherorts gilt sie als akut gefährdet. Um die noch
bedeutenden Vorkommen der Grauen Skabiose in Mitteldeutschland zu erhalten
und langfristig zu sichern, hat die Hochschule Anhalt ein neues
Forschungsvorhaben gestartet. Finanziert wird dies über das Bundesprogramm
Biologische Vielfalt. Weitere 200.000 Euro hat das Umweltministerium
Sachsen-Anhalt bewilligt.

„Gerade in Zeiten des Klimawandels müssen wir den Artenschutz verstärkt in
den Fokus rücken. Das Projekt der Hochschule Anhalt zum Schutz der Grauen
Skabiose und ihrer Lebensräume bietet die Chance, zu einem
vergleichsweisen frühen Zeitpunkt mit noch zahlreichen Populationen aktiv
zu werden und zugleich einen wichtigen Nahrungsspender für Insekten zu
erhalten“, erläuterte Umweltminister Prof. Dr. Armin Willingmann am
Donnerstag.

Im Mitteldeutschen Raum kommt die Graue Skabiose von der Altmark bis ins
Thüringer Becken vor. Hier wächst die bis zu 50 Zentimeter hohe Pflanze
vor allem in Steppen-Trockenrasen sowie in Schwermetall- und
Sandtrockenrasen. Das sind echte Hotspots der Artenvielfalt, die aber
vielerorts gefährdet sind, vor allem durch den Rückgang und die Aufgabe
traditioneller Nutzungsformen. Im Fall der Sandtrockenrasen kommen
Sandabbau und Aufforstung hinzu. „Die Aufgabe der Hochschule Anhalt wird
es sein, verschiedene Nutzungskonzepte für diese wertvollen
Offenlandlebensräume zu finden - und möglichst auch zu etablieren. Das
stellt eine große Herausforderung dar, die durch ein starkes, gemeinsames
Engagement und die Vernetzung aller Akteure gemeistert werden kann“
erklärt Professorin Annett Baasch, Leiterin des Forschungsvorhabens an der
Hochschule Anhalt. Zusammen mit ihrem Team wird die Professorin für
Landschaftspflege und Gehölzkunde in den nächsten fünf Jahren Strategien
zum Erhalt der Grauen Skabiose entwickeln.

„Die Mitteldeutsche Region ist ein bedeutender Verbreitungsschwerpunkt der
Art, für deren Erhalt und Sicherung Deutschland eine besondere
Verantwortung trägt“ betont die Professorin weiterhin, deren Projekt am
Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung
angesiedelt ist.

Schon im Projektzeitraum soll durch Artenschutzmaßnahmen
(Populationsstützungen und Wiederansiedlungen) sowie durch Pflegemaßnahmen
an bestehenden Wuchsorten eine deutliche und nachhaltige Verbesserung der
Bestandssituation erreicht werden. Gefördert wird das Projekt durch das
Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für
Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) sowie durch das
Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt (MWU).

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DDG und DAG warnen vor unzureichender psychischer Versorgung von Menschen mit Diabetes und Übergewicht

Wie gut Menschen mit Diabetes oder Adipositas mit ihrer Erkrankung leben
können, hängt nicht zuletzt davon ab, wie zuverlässig sie die notwendige
Selbstbehandlung – vom Blutzuckermessen über Bewegung bis hin zu einer
angepassten Ernährung – meistern. Denn psychische Erkrankungen wie
Depressionen und Ess- oder Angststörungen behindern die
Selbstmanagementfähigkeiten immens. Dennoch fehlt es derzeit an
ausreichend ausgebildeten Psychotherapeutinnen und -therapeuten,
ambulanten Beratungsstellen und niederschwelliger Unterstützung.

Wie die psychosoziale Versorgung Betroffener verbessert werden kann,
erläutern Expertinnen und Experten der Deutschen Diabetes Gesellschaft
(DDG) und der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) bei einer
Pressekonferenz am 5. November 2021, die anlässlich der Diabetes
Herbsttagung in Wiesbaden sowie online stattfindet.

Depressionen treten bei Menschen mit Diabetes doppelt so häufig auf wie
bei jenen, die nicht unter der Stoffwechselerkrankung leiden (1). „Die
beiden Erkrankungen stehen in einer Wechselwirkung zueinander, die dazu
führt, dass sich bei fehlender Behandlung beide Erkrankungen im
Krankheitsverlauf gegenseitig negativ beeinflussen oder sogar eine die
andere bedingt“, erläutert Susan Clever, Psychologin an der Diabetespraxis
Hamburg-Blankenese. Menschen mit Diabetes ebenso wie Menschen mit starkem
Übergewicht seien Stigmatisierungserfahrungen ausgesetzt, die sich negativ
auf ihren Umgang mit Therapieempfehlungen auswirken können. Hinzu kommt
die Abhängigkeit von mit den Erkrankungen verbundenen Kennzahlen wie
Gewicht und Blutzuckerwerten so wie die Erfahrung, diese nur in einem
begrenzten Ausmaß beeinflussen zu können, was wiederum Ängste und
Überforderungsgefühle auslösen könne. „Rückschläge bei der
Selbstbehandlung können dann dazu führen, dass Betroffene auf besonders
belastende Schritte wie das Spritzen von Insulin verzichten und damit
Gefahr laufen, in eine Abwärtsspirale zu kommen, bei der sich der
psychische und körperliche Zustand stetig verschlechtert“, warnt die
Expertin.

Das notwendige, gesunde, regelmäßige und der jeweiligen Erkrankung
angepasste Essen wird zudem für viele Menschen mit Diabetes oder
Adipositas durch Essstörungen erschwert. „Beim Insulinpurging verzichten
die Patientinnen und Patienten beispielsweise auf Insulin, um die
Gewichtsabnahme anzukurbeln. Patienten, die an einer Binge-Eating-Störung
leiden, haben regelmäßig wiederkehrende Essanfälle“, sagt Clever. Solche
Essstörungen beeinflussen die jeweilige Grunderkrankung negativ und können
sogar ein lebensgefährliches Ausmaß annehmen. Auch für die Adipositas ohne
begleitenden Diabetes gelte, dass starkes Übergewicht selten in seiner
großen Komplexität und mit den häufig verbundenen psychischen
Begleiterkrankungen wahrgenommen und behandelt werde. Vermeintlich
einfache Empfehlungen zur Verhaltensänderung und Disziplin durch
behandelnde Medizinerinnen und Mediziner wirken eher kontraproduktiv und
verstärken die wiederholte Erfahrung eigenen Scheiterns bei den
Betroffenen. „Deswegen bedarf jede psychische Komorbidität bei Diabetes
und Adipositas einer begleitenden psychotherapeutischen Behandlung durch
Fachpersonal, das mit den Spezifika von Stoffwechselerkrankungen vertraut
ist“, so die Expertin. Entsprechende Behandlungsangebote seien derzeit
aber nicht ausreichend vorhanden.

Zwar hat die Bundespsychotherapeutenkammer im Jahr 2017 die Muster-
Weiterbildungsordnung für Psychologische Psychotherapeuten erweitert und
ermöglicht nun den Länderkammern, eine Weiterbildung „Psychotherapie bei
Diabetes“ anzubieten. Aktuell verfügen jedoch nur 65 Psychotherapeuten
bundesweit über diese Bezeichnung – auch weil der finanzielle Anreiz
fehle, so Clever. Die stationären diabetologischen Einrichtungen in
Deutschland, die den Nachwuchs in der Diabetologie bisher gesichert haben,
werden indes weiterhin reduziert. Diese Reduktion betrifft auch die
Weiterbildungsplätze für den fachpsychologischen Nachwuchs. Aktuell sind
200 Diabetesfachpsychologinnen und - psychologen von der DDG zertifiziert,
die eine geeignete Beratung für Betroffene mit einem sogenannten
diabetesbezogenen Distress, etwa begleitenden Stress- und Angstgefühlen,
anbieten könnten. „Dieses Angebot ist zurzeit leider nur stationär
verfügbar, wo nur ein Bruchteil der Menschen mit Diabetes versorgt wird.
Das aktuelle Vergütungssystem sieht nicht vor, dass
Diabetesschwerpunktpraxen zeitnah ein niederschwelliges Beratungsangebot
durch zertifizierte Diabetesfachpsychologen anbieten können“, ergänzt
Professor Dr. med. Werner Kern, Tagungspräsident der DDG und Ärztlicher
Leiter des Endokrinologikum Ulm. Eine adäquate psychosoziale Versorgung
fange bei der Initialbehandlung eines Diabetes oder einer Adipositas an,
müsse aber unter Umständen auch über einen längeren Zeitraum ambulant
fortgeführt werden können.

Wie die psychosoziale Versorgung von Menschen mit Diabetes und Adipositas
in Deutschland weiter verbessert werden kann, diskutieren die Experten
auch auf der hybriden Kongresspressekonferenz am 5. November 2021
anlässlich der 15. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes
Gesellschaft (DDG) in Kooperation mit der Deutschen Adipositas-
Gesellschaft (DAG).

Quellen:
(1) Depression as a Risk Factor for Mortality in Individuals with
Diabetes: A Meta-Analysis of Prospective Studies.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0079809

Terminhinweise:

15. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in
Kooperation mit der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG)
„Diabetes und Adipositas – gemeinsam durch dick und dünn“
Termin: 5. bis 6. November 2021
Ort: hybrid – in Wiesbaden und online unter www.herbsttagung-ddg.de

****************************************************************
Vorab-Pressekonferenz
Termin: Mittwoch, 27. Oktober, 12.00 bis 13.00 Uhr
Ort: https://register.gotowebinar.com/register/5512275520086367503

Vorläufige Themen und Referierende:

Diabetes und Adipositas bei Migranten – ein unterschätztes Problem
Professor Dr. med. Werner Kern
Tagungspräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Ärztlicher
Leiter des endokrinologikum Ulm

Diabetes und Adipositas in Zeiten von COVID-19: mehr Prävention für
nichtübertragbare Erkrankungen
Professor Dr. med. Sebastian M. Meyhöfer (geb. Schmid)
Tagungspräsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), Direktor des
Instituts für Endokrinologie & Diabetes an der Universität zu Lübeck,
Leiter Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel der Medizinischen
Klinik 1 am UKSH - Campus Lübeck

Disease Management Programm (DMP) Adipositas für eine bessere Versorgung
und weniger Neuerkrankungen
Professor Dr. med. Jens Aberle
Präsident elect und Vizepräsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft
(DAG), Ärztlicher Leiter im Ambulanzzentrum und Fachbereich
Endokrinologie, Diabetologie, Adipositas und Lipide, III. Medizinischen
Klinik und Poliklinik am UKE – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Klima und Diabetes: wie sich die Folgen des Klimawandels auf Menschen mit
Diabetes auswirken
Professor Dr. med. Erhard G. Siegel
Chefarzt und Ärztlicher Direktor am St. Josefskrankenhaus Heidelberg

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BioRescue stellt nach ethischer Risikobewertung Eizellenentnahme bei einem von zwei Nördlichen Breitmaulnashörnern ein

Bei der Mission, das Nördliche Breitmaulnashorn durch fortschrittliche
Technologien der assistierten Reproduktion vor dem Aussterben zu bewahren,
legen die Wissenschaftler:innen und Naturschützer:innen des BioRescue-
Konsortiums höchsten Wert darauf, das Leben und Wohlergehen der einzelnen
Tiere zu respektieren. Nach einer speziellen, umfassenden ethischen
Risikobewertung hat das Team nun beschlossen, das ältere der beiden
verbleibenden Weibchen – die 32-jährige Najin –, als Spenderin von
Eizellen (Oozyten) in den Ruhestand zu schicken.


Damit steht dem ehrgeizigen Programm noch ein Weibchen zur Verfügung,
welches Eizellen liefern kann: Najins Tochter Fatu. Unter Abwägung der
Risiken und Chancen für die Individuen und die gesamte Art war diese
Entscheidung alternativlos. Der Bedarf an stammzellassoziierten Techniken,
die auch Bestandteil der BioRescue-Mission sind, und an langfristig
angelegten Biobanken wird durch diese Entscheidung weiter erhöht. Najin
wird als Repräsentantin ihrer Art und durch die Weitergabe von sozialem
Wissen an zukünftige Nachkommen ein wichtiger Teil der Mission bleiben.

Najin wurde 1989 im Safaripark Dvůr Králové (Tschechische Republik)
geboren und 2009 zusammen mit drei weiteren Nördlichen Breitmaulnashörnern
für ein natürliches Zuchtprogramm in das Reservat „Ol Pejeta Conservancy“
(Kenia) gebracht. Fünf Jahre später stellten Wissenschaftler:innen fest,
dass die letzte Chance für das Überleben von Najin und ihrer Art in
modernen Techniken der assistierten Reproduktion liegt, wie sie vom BMBF
teilgefördertem BioResuce-Konsortium durchgeführt werden. Bei diesem
Ansatz werden weiblichen Breitmaulnashörnern Eizellen entnommen. Dafür
erfolgt eine Hormonstimulation, eine Vollnarkose und eine transrektale,
ultraschallgesteuerte Eizellentnahme.

„Bei Nashörnern ist dieses Verfahren absolut neu, und obwohl es von den
weltweit führenden Wissenschaftler:innen und Tierärzt:innen des BioRescue-
Teams auf höchst professionelle und sichere Weise durchgeführt wird, ist
es mit Risiken für die Tiere verbunden", sagt Jan Stejskal, Direktor für
internationale Projekte im Safaripark Dvůr Králové. „Die Eizellenentnahme
bei Najin hat nur wenige Eizellen geliefert, von denen keine erfolgreich
befruchtet werden konnte, um einen Embryo zu produzieren. In Anbetracht
dieses Ergebnisses und der möglichen Risiken ist es die
verantwortungsvollste Entscheidung, keine weiteren Eingriffe an Najin
vorzunehmen und sie nicht mehr als Eizellspenderin zu verwenden. Sie wird
jedoch weiterhin Teil des Programms sein, indem wir beispielsweise
Gewebeproben von ihr mit minimal-invasivem Eingriff entnehmen und für
Stammzelluntersuchungen verwenden.”

Die Entscheidung, die Eizellenentnahme bei Najin einzustellen, wurde unter
der Leitung des Ethiklabors für Tiermedizin, Naturschutz und Tierschutz
der Universität Padua getroffen. Prof. Barbara de Mori und ihr Team kamen
zu dieser Empfehlung, nachdem sie alle relevanten Möglichkeiten und
ethischen Dimensionen analysiert sowie mehrere Diskussionen mit den
Beteiligten geführt hatten. Zusätzlich evaluierten sie alle möglichen
Optionen mit wissenschaftlichen Methoden wie Entscheidungsbäumen und
Bateson-Würfel, um das Fachwissen der Beteiligten durch eine
systematische, objektive Perspektive zu nutzen.
„Es war eine besondere Herausforderung, die Chancen zur Rettung einer Art
gegen das Wohlergehen eines einzelnen Tieres abzuwägen", sagt Prof.
Barbara de Mori. „Wir ermittelten die wichtigsten Möglichkeiten und
Kombinationen von Entscheidungen, die das Konsortium treffen könnte. Diese
stuften wir dann mit Blick auf die verschiedenen Optionen ein, wie die
Vermeidung schwerer oder kleinerer Unfälle, die Möglichkeit, Verfahren zu
wiederholen, und die erfolgreiche Entnahme von Eizellen, ergänzt Dr.
Pierfrancesco Biasetti, Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Zoo- und
Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und Mitglied des Ethik-Teams in Padua.

Es stellte sich heraus, dass einige Szenarien mit hoher Wahrscheinlichkeit
die meisten gewünschten Vorgehensweisen erfüllen, während andere eher
geringe Chancen haben. Daraus ergab sich, dass eine Fortsetzung der
Eizellenentnahme oder andere potenzielle Optionen wie die Ovarektomie (zur
Gewinnung von Biomaterial, das für künftige Verfahren im Labor [in-vitro]
wertvoll sein könnte) unter den gegebenen Umständen keine ethisch
akzeptablen Möglichkeiten sind.

Von Anfang an war es eine zentrale Säule der Arbeit des BioRescue-Projekts
und seiner Partner:innen, alle relevanten ethischen Aspekte bei der
Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns zu berücksichtigen.

„Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass wir die Grenzen des Machbaren im
Naturschutz ausreizen und dies erfordert auch ein Nachdenken über ethische
und moralische Konsequenzen", sagt BioRescue-Projektleiter Prof. Dr.
Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung
(Leibniz-IZW). „Jedes Verfahren des Programms wird von einer umfassenden
ethischen Risikobewertung begleitet. Wir sind überzeugt, dass wir nichts
tun sollten, was wir tun könnten, nur weil wir es eben können. Die
Entwicklung klarer ethischer Grundsätze auf der Grundlage unseres Wissens,
wissenschaftlicher Expertise in der Tierschutzethik und
Entscheidungsfindung sowie Aufmerksamkeit gegenüber dem gesellschaftlichen
Diskurs ist eine wesentliche Basis von BioRescue.”

Bei den Überlegungen über die künftige Rolle von Najin war dieser
Entscheidungsprozess außerordentlich schwierig, da die Expert:innen sowohl
die Perspektive der Population (Schwerpunkt Artenschutz) als auch die
Perspektive der einzelnen Tiere (Schwerpunkt Tierschutz) einbeziehen
mussten.

„Ein einzelnes Tier aufgrund von Tierschutzbedenken aus einem
Schutzprogramm herauszunehmen, ist normalerweise keine Frage, über die man
lange nachdenkt", sagen Leibniz-IZW-Cheftierarzt Dr. Frank Göritz und Ol
Pejeta-Cheftierarzt Dr. Stephen Ngulu. „Aber wenn ein einziges Individuum
50 Prozent der Population ausmacht, überdenkt man diese Entscheidung
mehrmals, weil sie erhebliche Auswirkungen auf die Aussichten des
Schutzprogramms haben könnte. Jüngste Ultraschalluntersuchungen haben
ergeben, dass Najin mehrere kleine, gutartige Tumore im Gebärmutterhals
und der Gebärmutter sowie eine große zystische Struktur von 25 cm
Durchmesser im linken Eierstock hat. Diese Befunde könnten erklären, warum
die Eizellentnahme bei ihr nicht so erfolgreich war wie bei Fatu. Deshalb
sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die wertvollste Rolle für Najin
darin besteht, eine Botschafterin für die Erhaltung ihrer Art zu sein und
ihr soziales Wissen und Verhalten in absehbarer Zeit an Nachkommen
weiterzugeben.”

Da Najin nun nicht mehr für den ersten Pfeiler des BioRescue-Programms,
die fortgeschrittenen assistierten Reproduktionstechnologien (advanced
assisted reproduction technologies, aART), zur Verfügung steht, wird der
zweite Pfeiler noch wichtiger werden. Für die aART werden natürliche
Eizellen und Spermien benötigt, die direkt aus weiblichen und männlichen
Nashörnern gewonnen wurden, um Embryonen zu erzeugen. Der zweite Pfeiler
der BioRescue-Mission, die stammzellassoziierten Techniken (stem cell
associated techniques, SCAT), zielen darauf ab, Geschlechtszellen aus
gelagertem Gewebe von Nördlichen Breitmaulnashörnern im Labor zu erzeugen.
Beispielsweise könnten Hautzellen von Najin in induzierte pluripotente
Stammzellen umgewandelt werden, die dann so umprogrammiert werden könnten,
dass sie sich zu neuen Geschlechtszellen (Eizellen oder Spermien)
entwickeln. Diese hochmoderne Technik, die im BioRescue-Konsortium von
international führenden Teams der Kyushu-Universität und des Max-Delbrück-
Centrums für Molekulare Medizin (MDC) entwickelt wurde, ermöglicht es, die
Zahl der für die Embryonenproduktion verfügbaren Geschlechtszellen
erheblich zu steigern. Dies kann ein wesentlicher Erfolgsfaktor sein.
Darüber hinaus gewinnt der genetische Vorrat des assistierten
Fortpflanzungsprogramms enorm an Diversität. Zwar sind die
stammzellassoziierten Techniken noch am Anfang - was die
Nashornreproduktion betrifft - jedoch stärken die vom MDC und der Kyushu-
Universität erzielten Fortschritte die Hoffnung, dass in den kommenden
Jahren Nördliche Breitmaulnashorn-Embryonen aus im Labor entwickelten
Geschlechtszellen erzeugt werden könnten.

„Bei der ethischen Risikobeurteilung wurde der beste wissenschaftliche
Ansatz angewandt, um das Wohlergehen von Najin angesichts ihres
fortgeschrittenen Alters und dem pathologischen Zustand ihrer Gebärmutter
zu gewährleisten", sagt Dr. Patrick Omondi, Direktor des Wildlife Research
and Training Institute (Kenia). „Wir freuen uns, dass wir an der
Beurteilung mitgewirkt haben. Diese bekräftigt die kooperative und
innovative Herangehensweise des BioRescue-Konsortiums zur Rettung der
Nördlichen Breitmaulnashörner.“

Der Wildtierschutz war in den letzten Jahrzehnten mit einer Vielzahl von
Herausforderungen konfrontiert. BioRescue hat Technologien entwickelt, die
es Experten ermöglichen, einige dieser Herausforderungen zu bewältigen.
Die kenianische Regierung hat mit verschiedenen Partner:innen
zusammengearbeitet, um den Schutz von Wildtieren durch technologische
Fortschritte zu fördern. Zwar ist das Nördliche Breitmaulnashorn nicht
ursprünglich heimisch in Kenia, hat jedoch eine Heimat in dem Land
gefunden.

„Die Regierung hat sich im Rahmen des Ministeriums für Tourismus und
Wildtiere verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Wildtiere in Kenia und
weltweit für heutige und künftige Generationen erhalten bleiben und
geschützt werden. Besonders im Fokus steht dabei, sicherzustellen, dass
gefährdete Arten nicht vom Aussterben bedroht sind. Da Najin aufgrund
ihres fortgeschrittenen Alters keine lebensfähigen Eizellen produziert
hat, bleibt uns nichts anderes übrig, als das Schicksal zu akzeptieren,
sie aus dem ART-Programm herauszunehmen. Wir sind jedoch zuversichtlich,
dass sie noch lange genug leben wird, um durch die Nachkommen ihrer
Tochter Fatu einen positiven Einfluss auf die nächsten Nashorn-
Generationen zu haben", so Hon. Najib Balala, Kabinettssekretär im
Ministerium für Tourismus und Wildtiere in Kenia.

In Anbetracht der ständig wachsenden Herausforderungen, denen der
Nashornschutz gegenübersteht, war die Entscheidung, Najin auf Anraten der
Experten aus dem ART-Programm zu nehmen, für den Kenya Wildlife Service
sehr schwierig:
„Wir sind jedoch davon überzeugt, dass der Kenya Wildlife Service als
staatliche Behörde, die mit der Erhaltung und dem Management der Wildtiere
im Land beauftragt ist, wesentlich zu den Bemühungen beigetragen hat, das
Nördliche Breitmaulnashorn vor dem Aussterben zu schützen. Wir sind auch
davon überzeugt, dass das Ausscheiden von Najin, obwohl es eine schwierige
Entscheidung ist, die einzig richtige Option ist. Wir arbeiten mit
technischen Expert:innen vor Ort und auf internationaler Ebene zusammen,
um die Möglichkeiten zu erkunden, die sich durch neuartige Technologien
der assistierten Reproduktion ergeben, um die Art vor dem Aussterben zu
bewahren", sagt Brigadier (Rtd.) John Waweru, Generaldirektor, Kenya
Wildlife Service.

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