Kinder und Jugendliche mit dunkler Hautfarbe sind am häufigsten von Alltagsrassismus betroffen
Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen
(IZI) befragte 1.461 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 19 Jahren zu
ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Hinzu kommen 22 Fallstudien, die
einen tieferen Blick in die Situation der Betroffenen und das Erleben von
Alltagsrassismus in Deutschland bieten. Insgesamt haben sieben von zehn
Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte Alltagsrassismus
erfahren mit der Tendenz: Je dunkler die Hautfarbe, desto höher die
Wahrscheinlichkeit, von Alltagsrassismus betroffen zu sein. Fast alle der
befragten 6- bis 19-Jährigen mit dunklerer und dunkler Hautfarbe sind mit
Formen von Alltagsrassismus konfrontiert.
Fast zwei von fünf Kindern und Jugendlichen in Deutschland (39 %) haben
einen
Migrationshintergrund, 70 % von ihnen haben einen deutschen Pass. Sie
gehören zu
Deutschland, doch nur 37 % würden sich selbst als „Deutsche“ bezeichnen.
Heranwachsende mit Zuwanderungsgeschichte, insbesondere jene mit dunkler
Hautfarbe, erfahren Alltagsrassismus. Was das im Einzelnen bedeutet, zeigt
eine neue IZI-Studie.
Befragt wurden 1.461 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 19 Jahren,
darunter 491 mit Migrationshintergrund. Um die Zusammenhänge noch
tiefergehend zu verstehen, wurden 22 Einzelfallstudien durchgeführt, in
denen Kinder zwischen acht und 12 Jahren von ihren Erfahrungen und ihrem
Erleben von Alltagsrassismus erzählten.
Insgesamt haben sieben von zehn Kindern und Jugendlichen mit
Zuwanderungsgeschichte Alltagsrassismus erfahren mit der Tendenz: Je
dunkler die Hautfarbe, desto höher die Wahrscheinlichkeit, von
Alltagsrassismus betroffen zu sein. Fast alle 6- bis 19-Jährigen mit
dunklerer und dunkler Hautfarbe werden mit Formen von Alltagsrassismus
betroffen. Hier ist dringend mehr Schulung und Sensibilität von
Lehrkräften – aber auch von Schüler*innen – gefragt.
Häufigste Formen von Alltagsrassismus: „Wo kommst du wirklich her?“
Es ist eine scheinbar ganz harmlose Frage, die oftmals aus Neugier oder
beim Smalltalk
gestellt wird. So harmlos die Frage auch gemeint sein mag, beinhaltet sie
unterschwellig
doch: „Du bist anders“ und „Du kannst nicht von hier kommen“. Die
Forschung bezeichnet
dies als „Mikroaggressionen“, durch die Kinder und Erwachsene immer wieder
– oft
unbewusst – ausgegrenzt werden.
Mehr als sieben von zehn Heranwachsenden mit dunkler Hautfarbe bekommen
diese Frage immer wieder gestellt, wobei die Antworten „Aus Bayern“ oder
„Aus Berlin“ nicht akzeptiert werden. Neun von zehn Kindern und
Jugendlichen mit dunkler Hautfarbe empfinden z. B. die Frage, ob sie schon
immer in Deutschland lebten bzw. wo sie wirklich herkämen, als sehr
negativ und ausgrenzend.
„Du kannst aber gut Deutsch sprechen! “
Während bei sieben von zehn weißen Kindern und Jugendlichen mit
Zuwanderungsgeschichte eine solche Aussage als Kompliment ankommt,
empfinden acht
von zehn Heranwachsenden mit dunkler Hautfarbe diese Aussage als negativ.
Insbesondere dann, wenn Kinder und Jugendliche in Deutschland geboren und
aufgewachsen sind und Deutsch ihre Muttersprache ist, ist diese
unreflektierte Aussage von Lehrkräften verletzend.
„Du bist hässlich!“
Fast sieben von zehn Kindern mit dunklerer Hautfarbe (67 %) wurde schon
einmal gesagt,
dass sie hässlich seien, meist aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrer Haare.
Auch Kinder ohne
Zuwanderungsgeschichte erfahren solche Abwertungen, allerdings nur 23 %
der Befragten. Mehr als neun von zehn Heranwachsenden mit sehr dunkler
Hautfarbe fühlen sich als fremd wahrgenommen.
„Du gehörst nicht zu Deutschland. Geh zurück in dein Land. Geh sterben.“
Das sagte ein älterer Schüler zu Aabid aus Syrien, als der heutige
Neunjährige in der ersten Klasse war. Äußerungen, dass die Kinder und
Jugendlichen in das Land zurückgehen sollten, aus dem sie gekommen sind,
stellen die häufigste Form von Beschimpfung dar. Die zweithäufigste Form
sind Beleidigungen in Bezug auf eine türkische Zuwanderungsgeschichte,
gefolgt von allgemeinen Beschimpfungen als „Ausländer“.
71 % aller Beschimpfungen kommen von Mitschüler*innen/ anderen
Jugendlichen
Sieben von zehn Beschimpfungen kommen von anderen Kindern und
Jugendlichen.
Subtilere Formen von Alltagsrassismus kommen u. a. von Lehrkräften, was
von den
Betroffenen noch einmal mehr als verletzende Abwertung empfunden wird.
Jungen mit Zuwanderungsgeschichte sind von Alltagsrassismus etwas häufiger
betroffen als Mädchen
Körperliche Angriffe erleben Jungen mit Zuwanderungsgeschichte fast
doppelt so häufig wie Mädchen. Auch Beschimpfungen, Witze oder Vorurteile
aufgrund ihrer Herkunft erleben Jungen häufiger als Mädchen. Mädchen
werden hingegen häufiger als Jungen gefragt, ob ihre Haare angefasst
werden dürften, was alle (!) Befragten mit dunkler Hautfarbe als
unangenehm empfinden.
Insgesamt wird deutlich, wie sehr Heranwachsende von Alltagsrassismus
betroffen sind – als Täter*innen und Opfer. Kinder und Jugendliche mit
dunklerer Hautfarbe werden nochmal stärker mit Alltagsrassismus
konfrontiert als Heranwachsende mit heller Hautfarbe. „Um der real
existierenden Vielfalt in Deutschland gerecht zu werden, braucht es hier
dringend fundierte Schulung von Lehrkräften und pädagogische Einheiten im
Kontext von Schule und Freizeit“, so Studienleiterin Dr. Maya Götz.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Maya Götz, Leiterin, Internationales Zentralinstitut für das Jugend-
und Bildungsfernsehen, Tel.: 089/5900 42264, Internet: www.izi.de, www
.maya-goetz.de; E-Mail:
Originalpublikation:
"Wenn Du mich noch einmal ‚braune Schokolade' nennst!"
Erleben von Alltagsrassismus bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland
http://www.br-online.de/jugend
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