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Per Klick zum passenden Luftfilter

Damit der Präsenzbetrieb an Schulen und in Kitas fortgesetzt werden kann,
unterstützt die Bundesregierung die Anschaffung mobiler Luftreiniger. Die
Fördermittel stehen zur Verfügung – doch sie werden nur schleppend
abgerufen. Die wohl größten Hürden sind die Beschaffung und das
Vergaberecht. Eine Kooperation zwischen Goethe-Universität und dem
Münchner Unternehmen GovRadar soll Schul- und Kita-Träger entlasten.

Welchen Luftfiltertyp brauchen wir für unsere Schule? Wie viele Geräte
werden insgesamt benötigt? Und wie müssen wir vorgehen, um die
Vorschriften des Vergaberechts einzuhalten? Fragen wie diese stellen eine
große Hürde dar auf dem Weg von Schulen und Kitas zur Reduzierung des
Infektionsrisikos durch Luftfilter. Dabei unterstützt die Bundesregierung
die Anschaffung mobiler Luftreiniger, um den Präsenzbetrieb in Schulen und
Kitas möglichst sicherzustellen. Insgesamt stellt der Bund den Ländern 200
Millionen Euro dafür zur Verfügung. Doch die Fördermittel werden nur
schleppend abgerufen.

Um Schul- und Kita-Träger bei dem aufwändigen Verfahren zu entlasten, sind
das Münchner Unternehmen GovRadar und die Goethe-Universität Frankfurt
eine Kooperation eingegangen. Der am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
von Professorin Anna Rohlfing-Bastian entwickelte Luftfilter-Rechner
erleichtert den öffentlichen Beschaffern im ersten Schritt die Berechnung
der Luftfilterbedarfe. Über klare Parameter wie Klassenraumgröße und
Personenanzahl kann ausgerechnet werden, wie die jeweilige Schule optimal
mit Luftfiltern ausgestattet werden müsste, um ein wählbares
Infektionsrisiko nicht zu überschreiten, und welche Installations- und
Folgekosten dabei entstehen.

Auf Basis dieser Angaben erstellt die Firma GovRadar mit ihrer Software
vergaberechtskonforme, produkt- und anbieterneutrale
Leistungsbeschreibungen für die Ausschreibungsunterlagen, die direkt für
das Verfahren verwendet werden können. Sie können an den zuständigen
Sachaufwandsträger weitergeleitet oder direkt ausgeschrieben werden. „Der
Beschaffungsprozess von mobilen Luftfiltern wird auf diese Weise und durch
die Einbindung beider Softwareentwicklungen deutlich beschleunigt und
vereinfacht“, sagt Rohlfing-Bastian. Viele Schulen hätten ohnehin bereits
eine Lizenz für die GovRadar-Datenbank, die auch bei der Beschaffung von
digitalen Geräten und Dienstleistungen unterstützend wirkt. Mit Hilfe der
Innovectis GmbH, der Wissenstransfergesellschaft der Goethe-Universität,
wurde für den Luftfilter-Rechner ein zugehöriger Software-Lizenzvertrag
mit GovRadar abgeschlossen.

Das Kalkulationstool, das von GovRadar nun genutzt wird, wurde von Prof.
Rohlfing-Bastian gemeinsam mit Dr. Gunther Glenk von der Universität
Mannheim entwickelt, um so die Suche nach der passenden und
kostengünstigsten Ausstattung von Klassenräumen mit Luftfiltern zu
erleichtern.

Der Kooperationspartner GovRadar ist ein junges Münchner Unternehmen, das
2020 von Sascha Soyk gegründet wurde und vergaberechtskonforme, produkt-
und anbieterneutrale Leistungsbeschreibungen automatisiert erstellt und so
komplette Ausschreibungsunterlagen auf Knopfdruck ermöglicht. Das
Unternehmen wird unter anderem vom Xpreneurs Programm der Technischen
Universität München und von der Regierung von Oberbayern gefördert.

Weitere Informationen
Prof. Dr. Anna Rohlfing-Bastian
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
Professur für Rechnungswesen, insb. Management Accounting
Goethe-Universität Frankfurt
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.kfurt.de
Homepage: https://www.accounting.uni-frankfurt.de/professoren/professur-
rohlfing-bastian/startseite.html

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25. Heidelberger Ernährungsforum, 24. und 25. September 2021 | Drei Jahrzehnte Köpfe und Diskurse

Mit dem 25. Heidelberger Ernährungsforum lud die Dr. Rainer Wild-Stiftung
im Rahmen einer Online-Jubiläumsedition ein – mit einem Blick zurück –
weiterzudenken und aktuelle Herausforderungen zu gestalten. Am 24. und 25.
September 2021 entwarfen über 200 Teilnehmende und 16 Referierende
verschiedenster Disziplinen gemeinsam Zukunftsbilder für eine gesunde
Ernährung.

Das „Normal“ deutscher Esskultur und das Verständnis gesunder Ernährung im
Wandel der Zeit

Mit dem 25. Heidelberger Ernährungsforum hat die Dr. Rainer Wild-Stiftung
im Rahmen einer Online-Jubiläumsedition 2021 eingeladen – mit einem Blick
zurück – weiterzudenken und aktuelle Herausforderungen zu gestalten. Am
24. und 25. September 2021 entwarfen 210 Teilnehmende und 16 Referierende
verschiedenster Disziplinen gemeinsam Zukunftsbilder für eine gesunde
Ernährung.

Es braucht zielorientiertes, einiges Handeln: Jetzt und gemeinsam!

„Die Vision des Gründers Professor Dr. Rainer Wild, den interdisziplinären
Diskurs zu gesunder Ernährung zu fördern und dabei die Vielfalt der Themen
und Akteure mitzudenken, ist heute relevanter und wichtiger denn je“ sagte
Dr. Silke Lichtenstein in ihren Grußworten. Sein Leitbild begriff bereits
vor 30 Jahren das Totalphänomen gesunde Ernährung umfassend und
interdisziplinär, wie es der heutigen Maßgabe entspricht. Dass das
seinerzeit noch grundliegend anders war, wurde im Laufe des Tages noch
viele Male bestätigt.

Der gegenwärtige Anspruch an Lebensmittel: gesund und lecker muss es sein!

„Der heutige Auftrag an die Sensorik-Forschung ist, Gesundheitsförderung
und Genuss zu vereinen.“, so Dr. Karolin Höhl. Ein Beispiel sei die
Umsetzung der britischen Reformulierungsstrategie. Dort kamen nach
Einführung der Zuckersteuer in Rezepturen von Softdrinks Süßstoffe zum
Einsatz, um den Zuckergehalt zu reduzieren und trotzdem die Akzeptanz zu
gewährleisten. Die Zukunft der Sensorik-Forschung sieht Höhl z. B. in der
Entwicklung sensorisch optimierter Produkte für verschiedene Gen- und
Stoffwechseltypen im Rahmen von Personalized Food oder als Beitrag bei der
Entwicklung alternativer Produktionstechniken und Nahrungsquellen.

Das Geschmacksmotiv ist im Individuum fest verankert

Der persönliche Geschmack, den Höhl als kulinarischen Geschmack
bezeichnet, sei keineswegs gesetzt, sondern entsteht im Laufe des Lebens.
Prägend seien sowohl innere Faktoren wie Emotionen als auch äußere
Einflüsse wie Vorbilder, Traditionen oder Trends. So etablierten sich
beispielsweise derzeit Bitterstoffe neu, nachdem sie über lange Zeit aus
Obst und Gemüse herausgezüchtet worden waren. Höhls Fazit: „Der
kulinarische Geschmack ist ein heftig verteidigter, privater Bereich, der
berücksichtigt werden muss.“

Neu und Alt: Die Qualität von Lebensmitteln schließt in der Lehre Ökologie
und Genusswert mit ein

Das bereits Anfang der 1980er Jahre etablierte Konzept der Gießener
Vollwerternährung berücksichtigte neben Gesundheit auch die Auswirkungen
der Ernährung, etwa auf die Umwelt oder im Hinblick auf gesellschaftliche
oder ökonomische Strukturen. Daraus entstand das interdisziplinär-
wissenschaftliche Fachgebiet Ernährungsökologie.

„Der Reformulierungsansatz sollte nicht das einzige Instrument sein, um
Genuss und gesundheitsförderliche Ernährung zu vermitteln“, meint Dr.
Cornelia Klug. So sei das Ziel des Studienangebots „Food Management“ an
der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn, Betriebswirtschaft,
Nachhaltigkeit und Kulinarik zu verbinden. Neben den Aspekten „Vom Acker
zum Teller“ und „Nachhaltigkeit“ werden Sinn für Lust und Genuss sowie für
Kultur und Tradition vermittelt.

Alt und doch neu

Alkoholfreie Getränke sind von der Notlösung für Autofahrer zum Lifestyle-
Getränk geworden. „Das Lebensmittel und der Genuss müssen heute einen Wert
haben.“, meint Klug. Deshalb ist die Hochschule wissenschaftliche
Partnerin des Forschungsprojekts Weinnova, mit dem die Entwicklung und
Vermarktung alkoholarmer und alkoholfreier Weinprodukte bearbeitet werden.

Über den Wert von Genuss: Teil von Gesundheit und kein Gegensatz

Sowohl in der WHO-Definition von Gesundheit als auch in den
Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist Genuss
verankert. Daher ist der Aspekt Genuss Teil von Gesundheit und somit „von
jeher Teil der Stiftungsarbeit“, so Dr. Silke Lichtenstein und Jana
Dreyer. Weil der Genuss-Wert dennoch oft ignoriert oder dessen Wertigkeit
sogar in Frage gestellt wird, setzte sich die Stiftung bereits 2008 mit
dem Wert von Genuss wissenschaftlich auseinander. Die Ergebnisse sind in
einem Themenpapier publiziert. Darauf baut eine aktuelle Studie auf, die
sich umfassend mit Werten und Wertschätzung in der Ernährung beschäftigt.
Werte sind individuell, aber auch gesellschaftlich verankert, zudem ist
das Bekenntnis zu Werten Teil der Alltagskultur, auch in der Ernährung.

Der Mensch als spezialisierter Generalist

Professorin Hannelore Daniel nimmt die Teilnehmenden mit auf die
Spurensuche nach der (einzigen) richtigen Ernährung. Wir blicken heute auf
die Jetzt-Zeit mit zwei bis drei Generationen, jedoch mit dem
evolutionsbiologischen Hintergrund von über eine Million Generationen. Der
Mensch hat alle Kontinente und Klimazonen mit ihren unterschiedlichen
Nahrungsangeboten erschlossen und dabei war nie die „richtige Ernährung“
eine evolutionäre Einflussgröße. Ernährung, insbesondere die
Proteinaufnahme war ein wesentlicher Faktor für Überlebensfähigkeit und
Fortbestehen der Menschheit.

Proteinzufuhr von heute nachteilig für Gesundheit und Umwelt

Heute essen wir mehr Protein als wir benötigen und „der Trend zu
Proteinanreicherung von Lebensmitteln macht mir wissenschaftlich einige
Sorgen.“, führt Daniel aus. So sind eine hohe Proteinzufuhr im mittleren
Alter assoziiert mit Gesamtmortalität, Krebs, Diabetes. Zudem führt der
Mehrverzehr zu Extra-Stickstoff, der in die Umwelt entlassen wird.

Gesundheit über alles?

Beginnend mit der Epoche der Ursachenforschung, über die
Versorgungsforschung betreiben wir heute Gesundheitsforschung. Die
Wissenschaft sucht die Gesundheit, die oft über Genuss gestellt wird.
Gesunde Ernährung wird, wie ein gesunder Lebensstil, zur moralischen
Pflicht des Individuums und jedes einzelne Lebensmittel wird unter dem
Aspekt Gesundheit ausgelobt, ähnlich wie die Bundesliga gewertet: „Derzeit
führt Kaffee, Schokolade holt auf, Rotwein schwächelt. Diese Entwicklung
finde ich befremdlich, gefährdet sie doch auch die Glaubwürdigkeit der
Wissenschaft.“, stellt Daniel fest.

Überzeugende Evidenz für Nicht-Rauchen, Bewegung und Mediterrane Ernährung

Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch einen deutlich stärkeren Einfluss
weiterer Lebensstilfaktoren, wie Rauchen und Bewegung auf die
Lebenserwartung. Dagegen ist der Effekt einer qualitativ hochwertigen
Ernährung (bewertet nach dem Healthy Eating Index) dagegen mit maximal
zwei bis fünf zusätzlichen Jahren deutlich geringer. „Heute haben wir eine
überzeugende Evidenz für die Mediterrane Ernährung, die zudem geeignet
ist, viele der neuen Werte, wie Umweltaspekte und Genuss, zu vereinen,
denn schon der Genuss allein hat Qualität und sollte nicht vergessen
werden.“, resümiert Hannelore Daniel.

Ernährungsrisiken einordnen und Missverständnisse klären

Die adäquate Risikokommunikation ist eine wichtige Aufgabe des
Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Ziel ist es, die Kluft zwischen
objektiver Bewertung und subjektiver Wahrnehmung bei Verbrauchenden zu
reduzieren, erläutert Dr. Mark Lohmann. Auf dem Fundament umfassender
Verzehrs- und Gehaltsdaten von Lebensmitteln sei der Fokus auf die
Exposition zu lenken und weniger auf das Gefährdungspotential.
Eindrucksvolles Beispiel sind Glyphosat-Rückstände in Bier: Um
gesundheitlich bedenkliche Mengen an Glyphosat aufzunehmen, müsste ein
Erwachsener 1000 Liter am Tag trinken. Auch gelte es, Herleitung von
Grenzwerten (Nicht: giftig oder ungiftig) sowie die hohe Sensitivität der
chemischen Analytik zu erläutern.

Pflanzenschutzmittelrückstände überschätzt, Hygiene im Haushalt
unterschätzt

Die Diskrepanz zwischen Risikowahrnehmung in der Bevölkerung und
Risikobewertung durch das Institut zeigen die BfR-Verbrauchermonitore.
Aktuell werden als größte Sorgen Antibiotikaresistenzen, Mikroplastik und
Reste von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln genannt. Vergleichsweise
und zu Unrecht wenig besorgt sind Verbrauchende bei der
Lebensmittelhygiene im eigenen Haushalt.

Die Romantisierung der Wirklichkeit

Psychologische Faktoren der Risikowahrnehmung (Kontrollierbarkeit,
Betroffenheit), die Wahrnehmung „natürlich bedeutet sicher“ und eine
tendenziell risikolastige Berichterstattung in den Medien kommend
erschwerend hinzu. „Die Zukunft sehe ich in der personalisierten
Risikokommunikation“, so Lohmann abschließend.

Die neue Ernährungsarmut in Deutschland: Nicht immer ist das Zuviel das
Problem

Als aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen führt Dr. Peter von
Philipsborn Überernährung aber auch die hohe Prävalenz von Essstörungen an
sowie finanzielle Hürden, die eine ausgewogene Ernährung erschweren. Zudem
ist das Bewusstsein für die ökologischen und tierethischen Dimensionen von
Ernährung gestiegen.

Die Antwort der Politik hat sich geändert: Politisches Handeln statt
Problemlösung
1992 wurden bei der International Conference of Nutrition Themen wie
Übergewicht und Adipositas überhaupt nicht und Umweltschutz nur am Rande
erwähnt, beschreibt von Philipsborn. Erst beginnend mit dem Jahr 2014
wurden Gesundheit und Nachhaltigkeit gemeinsam auf die politische Agenda
gesetzt, zunächst in Absichtserklärungen, dann in Zukunftsszenarien. Heute
wird mit Evidenzsynthesen, wie im Eat-Lancet-Report und aktuell im
Sachstandsbericht des Weltklimarats in einer umfassenden Perspektive die
Notwendigkeit politischen Handelns anerkannt.

Evidenzgrundlage und fachliche Expertise als Basis für Debatten und
Entscheidungen

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung denkt heute, dass politische
Entscheidungen wissenschaftsbasiert sein sollten. „Diese Erwartungen der
Bevölkerung sind ein Auftrag an die Politik“, so von Philipsborn. Wichtig
seien zudem Engagement und sachlicher Dialog, denn „wir können alle
voneinander lernen“.

Für Wirtschaft und Handel ist Deutschland heute nicht mehr der
Wachstumsmarkt

Im Rahmen der Pandemie sei die große Bedeutung von Wirtschaft und Handel
für die Nahrungs- und Ernährungssicherung in Deutschland deutlich
geworden, so Dr. Karin Bergmann einleitend. Aber: Der fünftgrößte
Industriezweig schwächelt zunehmend. Bei den überwiegend mittelständisch
geprägten Strukturen entwickeln sich Umsatz und Anzahl der Unternehmen je
nach Branche unterschiedlich. Im Backgewerbe erzielen heute weniger
Unternehmen mehr Umsatz, während in der Milchwirtschaft die Zahl der
Unternehmen wie auch der Umsatz sinken.

Herausforderungen: Hohe Regulationsdichte, Kostendruck und
Innovationshemmnisse

Ein Beispiel seien die umfassenden Maßnahmen von Unternehmen wie Danone,
Nestlé, Friesland und Coca-Cola zur Reformulierung von Lebensmitteln mit
dem Ziel der Reduktion von Zucker-, Salz- oder Fettgehalten in
verarbeiteten Produkten. Auflagen, aber auch steigende Anforderungen der
Verbrauchenden an die Produkt- und Prozessqualität erhöhen Kosten, wobei
der Preiszahlungswille nicht parallel mit wächst.

For Future: Wir müssen reden und handeln

Klimapolitisch handeln und offen reden über wahre Preise, Verbesserungen
der Ernährungsqualität bei schlecht erreichbaren Gruppen, Gemeinwohl,
Umverteilung und Energiewende, fordert Bergmann abschließend und
appelliert, auf die junge Generation zu hören. Jedoch sollte
„Transformation stets mit Blick auf die Wirtschaft erfolgen, denn hier
werden die Gewinne erzielt, die in die Ökologie einzahlen.“

Der Stellenwert der Ernährung hat enorm zugenommen

Zur Rolle der Ernährungsfachkräfte in Beratung und Therapie sprechen der
Ernährungsmediziner Prof. Dr. Christian Sina, Uta Köpcke (VDD) und Dr.
Andrea Lambeck (VDOE). Sie alle begrüßen, dass das Randthema „Ernährung“
es heute zu deutlicher Wahrnehmung in Politik, Ausbildung, Wissenschaft,
Krankenhäusern, bei Patient*innen und Verbrauchenden geschafft hat. Aber:
"Es sind sehr viele, die über Ernährung reden – Oecotrophologen und alle
Ernährungsfachkräfte müssen sich hier stärker positionieren.“, meint
Lambeck. Sina fordert, den Enthusiasmus der jungen Generation und die
starke Nachfrage der Patient*innen mit dem zusammen zu bringen, was schon
da ist. Und: „Ernährung muss in das Curriculum Medizinischer Fakultäten,
also stärker in der Ausbildung verankert werden“. Köpcke wünscht sich,
dass die Therapie mehr auf den Menschen zugeschnitten wird.

Schulterschluss zwischen Forschung und Ernährungstherapie

Wir brauchen mehr Strukturen an den Hochschulen, dem Ort der Forschung und
Evidenzgenerierung. Dort ist die finanzielle Ausstattung der Vorhaben
heute recht gut, aber es mangelt an infrastrukturellen und personellen
Ressourcen. Zu wenige Ernährungswissenschaftler*innen -mediziner*innen
gehen in die Forschung, auch das führt zu einem Mangel an evidenzbasierten
Studien. „Angesichts vielfältiger Studienabschlüsse benötigen wir klare
Kompetenzstandards und Standards für die Ernährungstherapie“, fordert
Köpcke.

Mehr Interprofessionalität, Interesse der Politik und Zukunftsthemen

Mehr Interprofessionalität steigert Qualität und Kosteneffizienz. Gutes
Beispiel seien hier die Ernährungsteams in Kliniken. Das „Heilmittel
Teller“ werde in Kliniken oft ausgelagert und damit fehle die
Schnittstelle zu den Köchen, kritisiert Köpcke. Zudem braucht es größeres
Interesse der Politik. Sina nennt hier die Etablierung eines „Nationalen
Zentrums für Ernährung“, um Gesundheit und Ernährung - die derzeit zwei
verschiedenen Bundesministerien zugeordnet sind - zusammenzubringen. Mit
Blick auf die Ernährungsumgebung bemängelt er „Einerseits existieren viele
werbliche Aussagen zu Lebensmitteln mit fragwürdigen Inhalten,
andererseits haben wir hier deutliches Innovationspotential – aber Health
Claims sind schwer zu bekommen.“

Vielfältige Herausforderungen einer nachhaltigen Ernährung

Diese erläutert Dr. Gesa Busch anhand der „Big Four“ einer nachhaltigen
Ernährung des WBAE-Gutachtens, die zusammen und global gedacht werden
müssen. Ein Drittel der weltweiten Klimagase stammen aus der
Lebensmittelproduktion, wobei 70 % auf Landwirtschaft und Bodennutzung
entfallen. Durch Umstellung auf eine pflanzenbasierte Kost (35 bis 50 %
weniger Fleisch von Wiederkäuern) sind die Emissionen um 40 bis 50 %
reduzierbar. Auch die Ansprüche an einen ethisch korrekten Umgang mit
Nutztieren sind gestiegen. Über 90 % der Bevölkerung stimmen der Aussage
zu „Wenn wir Tiere nutzen, sollten wir ihnen ein gutes Leben ermöglichen“,
und  „wir dürfen sie nutzen.“ Eine weitere Herausforderung ist die
„Konsumenten-Bürger-Lücke“, also die Diskrepanz zwischen Konsumverhalten
und Einstellungen. Zwar befürworten 80 % eine bessere Form der
Tierhaltung, doch der Markanteil von Bio-Fleisch liegt derzeit bei nur 1
bis 2 %. Ursachen sind u. a. ein Ohnmachtsgefühl gegenüber der
Effektivität des eigenen Handelns aber auch Fehler und Versäumnisse auf
der Angebotsseite, wie fehlende Kennzeichnung.

Food ist ein Trendthema der Jugend

Die Pandemieerfahrung zeigt, dass die Aspekte Regionalität, Umwelt- und
Tierschutz bei jungen Erwachsenen an Bedeutung gewonnen haben. Die
zukünftigen Entscheider praktizieren zu 12 % eine fleischlose, ein Viertel
eine flexitarische Ernährung. Starke Treiber dieser Entwicklung sind ein
besseres Wohlgefühl, eine kritische Einstellung gegenüber der
Fleischwirtschaft und heutigen Tierhaltung sowie Umweltschutz. Eine gute
Basis ist, dass sich mit knapp 90 % fast alle jungen Erwachsenen für Essen
und Ernährung interessieren. „Wir sehen viele positive Signale“, so Busch
abschließend, „aber auch Agrar- und Ernährungspolitik sollten lenkend
eingreifen.“

Dialog mit der GenZ: digital, mit Bildern & Bewegtbild, kurz

Kerstin Wriedt erläutert anhand der Aktivitäten der „Initiative Milch“,
wie diese den Dialog für die Milch mit jungen Verbrauchenden und Familien
erfolgreich gestalten will. Die sogenannte Generation Z oder Gen Z, das
sind die Geburtsjahrgänge zwischen 1995 und 2012, informieren sich über
Lebensmittel zu 56 % über Soziale Medien, aber auch Familie (35 %) und
Freunde (27 %) spielen hier als Ratgebende eine große Rolle. Trends (wie
alternative Ernährungsformen, die wachsende Bedeutung von Frühstück,
Rückbesinnung auf das Handwerk, Fitness- und Bodybuilding) aber auch die
Motive Geschmack und Vielfalt prägen die Einstellungen der GenZ. Um diese
Generation zu erreichen, bedarf es einer digitalen Präsenz und einer
Community sowie einer streitbaren Offenheit als innere Haltung.

Die Milchgalaxie: Den einen Hebel gibt es nicht

Die Initiative baut inhaltlich auf den größten gemeinsamen Nenner auf:
Milch ist ein ernährungsphysiologisch wertvolles Produkt und Kulturgut.
Geschmack und Vielfalt bereichern unsere Esskultur. Dabei „managen wir
eine Kommunikationsgalaxie“ in der Inhalte verbreitet, aufgenommen und
moderiert werden. Genutzt werden die Formate Website, Fach-Dialoge,
Medienarbeit, Webcast (Milch vor Ort) sowie Instagram und
Influencer*innen, „mit denen wir die Fankurve zusammenbringen.“ Unter dem
Motto „Lass uns reden“, wird auch der Dialog mit Vegetarier*innen gesucht.
„Der Dialog darf nicht abreißen und wir freuen uns auf den Austausch.“,
resümiert Wriedt.

Speisegebote, unterschiedliche Haltungen und gesellschaftliche Diskurse

Die religiösen Speisevorschriften im Islam ergeben sich aus dem Koran,
erläutert Leonie Stenske. Enthalten sind etwa das Verbot von Blut,
Schweinefleisch und Alkohol sowie das Gebot des Schächtens für den Verzehr
von Fleisch (das betäubungslose Schlachten durch Ausbluten). Die
gesetzlichen Anforderungen für das rituelle Schlachten berücksichtigen
gleichzeitig Tierwohl und Religionsfreiheit. So ist in Deutschland das
Schächten grundsätzlich verboten, aber aus religiösen Gründen können unter
Auflagen Ausnahmegenehmigungen erteilt werden. Um z. B. einem Metzger zu
ermöglichen, seine Kunden entsprechend ihrer Glaubensüberzeugung mit
Fleisch zu versorgen. Stenske berichtet aus ihrer Studie zu den
unterschiedlichen Formen des Auslegens und Auslebens von islamischen
Speiseregeln (innerislamische Diversität) in Ost-Deutschland. Präsent
seien sehr unterschiedliche Haltungen, aber auch das lokale Angebot an
sicheren Produkten schwanke stark. Unter anderem zeigt sich das in den
zahlreichen verschiedenen Halal-Siegeln auf dem Markt. Ergänzend verweist
Stenske auf die teils sehr hohe Einkaufskompetenz von Muslima, vor allem
hinsichtlich der Auseinandersetzung mit Zutatenlisten und Zusatzstoffen.

Ernährungskommunikation: Deutungshoheit der Verbraucherenden und Vielzahl
von Akteuren

Prof. Dr. Jasmin Godemann erläutert, warum Kommunikation heute
vielschichtiger und dynamischer ist. Die Expertenkommunikation ist heute
nicht mehr von privater Kommunikation trennbar (Mediatisierung), was
massive Auswirkungen auf den Umgang des Verbrauchenden mit Ernährung hat.
Fakt ist, dass nicht mehr Evidenzen und der Wissenschaft, sondern die
persönlichen Erfahrungen Einzelner führende Relevanz haben.

Das Potential von Social Media wird nicht ausgeschöpft

Eine aktuelle, repräsentative Studie zu Social Media und Ernährung bei 18-
bis 49-Jährigen zeigt, dass Jugendliche dem Thema gesunde Ernährung in
Sozialen Medien begegnen – YouTube, Facebook, Instagram sind die am
häufigsten genutzten Informationsquellen. Wichtige Attribute sind dabei:
Glaubwürdigkeit, Fakten, Vertrauenswürdigkeit und Quellenangaben. Gesucht
werden die Aspekte Gesundheit und Geschmack. Einfluss haben nicht nur
Influencer*innen und Blogger*innen, sondern auch Freunde und Eltern.
Godemann schließt mit einem Plädoyer für die sozialwissenschaftliche
Forschung: „Wir sollten uns darauf konzentrieren, wie interpretiert wird
und weniger darauf, was kommuniziert wird.“

Politische Prozesse zur Zukunft der Ernährung

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat alle Staaten der Welt
eingeladen, den Food Systems Summit im September 2021 aktiv
mitzugestalten, um einen Beitrag zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele
der Agenda 2030 zu leisten. Für Deutschland entwickelten im Juni 2021
Expert*innen in einem Workshop Zukunftsbilder für nachhaltige
Ernährungssysteme, über den Dr. Margareta Büning-Fesel berichtet. Dort
wurde festgehalten, dass es eine ganze Reihe von pflanzenbetonten
Ernährungsweisen mit Potenzial für Nachhaltigkeit gibt, die sich alle
durch einen deutlichen höheren Anteil an vielfältig zusammengesetzten,
wenig verarbeiteten Lebensmitteln und einen geringeren Anteil an (rotem)
Fleisch und Milch/-produkten auszeichnen. Diese „Planetary Health Diet“
funktioniere aber nur zusammen mit einer Halbierung der
Lebensmittelverschwendung bis 2030. Ein weiterer Ansatz ist, mehr
pflanzenbasierte Ernährung verfügbar, erreichbar und bezahlbar zu machen.

Denken in Kreisläufen, Bildung und Dialogprozesse

Dialogprozesse, die alle Gruppen mit einbeziehen, zufriedene Landwirte,
die in der Gesellschaft wertgeschätzt werden oder Bildung für nachhaltige
Ernährung in allen Lebens- und Lernphasen sind einige der entwickelten
Zukunftsbilder 2030. Als wesentliche Handlungsfelder benennen die
Expert*innen: Einigkeit und Klarheit in den Zielen und einen Aktionsplan,
das Einbeziehen aller gesellschaftlichen Gruppen, die Stärkung einer
ökologischen, standortgerechten und sozialverträglichen Landwirtschaft,
Beiträge von Handel und Verarbeitung sowie das Denken in Kreisläufen.

Die Gelegenheit, etwas Wunderbares für uns selbst zu schaffen

„Ich finde es bemerkenswert, was in Deutschland passiert“, sagt Büning-
Fesel und verweist auf eine Vielzahl weiterer, im Dialog entwickelter
Empfehlungen aus unterschiedlichen Bereichen (Zukunftskommission
Landwirtschaft, bvmd Bundesvertretung der Medizinstudierenden) die mit
ihrer inhaltlichen Übereinstimmung überzeugen. „Es ist vieles da, nun ist
die Umsetzung gefragt.“, schlussfolgert Büning-Fesel. Aus ihrer Sicht
hätten Veränderungen der Kita- und Schulverpflegung aktuell die größte
Hebelwirkung.

Keine Bevormundung, sondern im Dialog mit den Lernenden

Ernährungs- und Verbraucherbildung (EVB) dient von jeher der Befähigung zu
einer eigenständigen und eigenverantwortlichen Lebensführung und leistet
einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft, stellt Prof. Dr.
Silke Bartsch fest. Im Modellprojekt Revis wurde bereits 2005 ein
fachdidaktisches Konzept mit den Handlungsfeldern Konsum, Ernährung und
Gesundheit entwickelt. Der Food Literacy-Ansatz löste die
Ernährungserziehung ab, wurde auch von der Fachgruppe Ernährungsbildung
der Deutschen Gesellschaft für Ernährung aufgegriffen. Er wird durch
fachdidaktische Auseinandersetzung weiterentwickelt.

EVB kann dazu beitragen, Gegenwart und Zukunft zu gestalten

In schulischen Curricula ist Ernährungsbildung in verschiedenen Fächern
verankert (Biologie, Geografie u.a.) oder Thema für Querschnittsaufgaben,
wie Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Prävention und Gesundheit oder
Globales Lernen. Jedoch hängt die Umsetzung stark von der Professionalität
der Lehrperson ab. Verbesserungsbedarf gibt es vor allem in der Ausbildung
von Pädagog*innen und Erzieher*innen, da oft ernährungsbezogene Inhalte
fehlen oder ein Randthema darstellen. Auch die geringe Teilnahme an
Fortbildungen sei Teil des Problems. „Ernährungsbildung ist als eine
dauerhafte Bildungsaufgabe zu verstehen, wird heute aber oft als Antwort
auf alle Ernährungsprobleme verstanden.“, bemerkt Bartsch.

„Es war uns ein Fest, sie durch diese Jubiläumsveranstaltung zu
begleiten.“, sagte Jana Dreyer abschließend, die die Veranstaltung
moderierte. Dr. Silke Lichtenstein verweist bereits auf das nächste
Heidelberger Ernährungsforum: „Die Dr. Rainer Wild-Stiftung lebt von Ihrer
Expertise, Erfahrung und dem Willen zum Wandel – lassen Sie uns weiter im
Austausch bleiben.“

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Artenvielfalt auf den Inseln ist extrem bedroht

Inseln machen nur 7 Prozent der weltweiten Landfläche aus – doch sie
beherbergen 20 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten. Diese Vielfalt ist
extrem bedroht. In einem Beitrag in der Zeitschrift „Global Ecology and
Conservation“ beschreibt Biogeograph Prof. Severin Irl von der Goethe-
Universität zusammen mit Kollegen den Ist-Zustand der Artenvielfalt.

Inseln tragen erheblich zur globalen Biodiversität bei. Hier leben nicht
nur überproportional viele unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten; sogar
50 Prozent aller vom Aussterben bedrohter Arten leben hier, und drei
Viertel aller dokumentierten, ausgestorbenen Arten waren hier beheimatet.
In der jüngsten Ausgabe von „Global Ecology and Conservation“ beschreiben
die Mitglieder des Leitungsgremiums der 2020 gegründeten Society of Island
Biology (SIB), zu denen auch der Frankfurter Biogeograph Prof. Severin Irl
gehört, den Zustand der Artenvielfalt auf Inseln weltweit. Die Ökosysteme
auf Inseln stehen durch menschliche Aktivitäten stark unter Druck.

Durch die Isolation vom Festland haben sich auf Inseln einzigartige
Pflanzen- und Tierspezies entwickelt, sogenannte endemische Arten, die
weltweit nur auf den jeweiligen Inseln oder Archipelen vorkommen. Diese
Arten sind oft besonders durch menschliche Einflüsse wie Übernutzung von
Ökosystemen, Habitatzerstörung (z.B. durch die Umwandlung in
landwirtschaftliche Nutzflächen), die Einführung von nicht-heimischen,
invasiven Arten und den Klimawandel bedroht. Die auf Inseln lebenden Arten
können sich aber auch u.a. wegen fehlender Anpassungsstrategien an
Fressfeinde häufig schlechter an Veränderungen der natürlichen Ökosysteme
anpassen als Arten auf dem Festland. Diese erhöhte Vulnerabilität hat dazu
geführt, dass mindestens 800 Arten auf Inseln in den vergangenen 500
Jahren unwiderruflich verloren gegangen sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass
eine Art auf einer Insel in der Zukunft aussterben wird, ist zwölfmal
höher als bei einer Art auf dem Festland. „Wenn es so weitergeht, ist
klar, dass Inseln den Großteil der in Zukunft ausgestorbenen Arten tragen
werden“, sagt Prof. Severin Irl.

Die neugegründete SIB sieht sich als internationales Sprachrohr für die
Belange von Arten auf Inseln. Im Artikel schlagen die Autoren um den
Präsidenten der SIB Prof. José María Fernández-Palacios von der
Universidad de La Laguna auf Teneriffa konkrete Maßnahmen vor, wie
weiteres Aussterben verhindert werden kann und wie Naturschutzbelange mit
den Belangen der dort lebenden Menschen in Einklang gebracht werden
können. Als Grundlage wird ein vollständiges Inventar der Arten auf Inseln
benötigt. Dass ein solches oft fehlt, erschwert die Entwicklung geeigneter
Naturschutzkonzepte. Zugleich sind konkrete Naturschutzmaßnahmen für akut
vom Aussterben bedrohte Arten und deren natürliches Habitat unabdingbar.
Alle Maßnahmen müssen in einem sozio-ökologischen Kontext unter
Einbeziehung der Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung geschehen, die als
Bewahrer der Biodiversität fungieren und mit der Wissenschaft
entsprechende Kapazitäten aufbauen sollten.

Publikation: Fernández-Palacios, J.M., Kreft, H., Irl, S.D.H., Norder, S.,
Ah-Peng, C., Borges, P.A.V., Burns, K.C., de Nascimento. L., Meyer, J.-Y.,
Montes, E. & Drake, D.R. (2021) Scientists’ warning – The outstanding
biodiversity of islands is in peril. Global Ecology and Conservation, 31:
e01847

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2351989421003978?via%3Dihub

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RWI & PIK schlagen Sozialausgleich der CO2-Bepreisung vor: zuerst über die Stromabgaben, später als Pro-Kopf-Auszahlung

Die CO2-Bepreisung ist eine hocheffektive Maßnahme im Kampf gegen den
Klimawandel. Allerdings muss die Bepreisung ergänzt werden durch einen
breit angelegten Ausgleichsmechanismus, damit sie einkommensschwache
Haushalte nicht überproportional belastet. Die beste Lösung wäre hierfür,
mit den Einnahmen aus der CO2-Bepreisung zunächst die Steuern und Abgaben
auf Strom zu reduzieren. Hierfür plädieren das RWI – Leibniz-Institut für
Wirtschaftsforschung und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
(PIK) auf Basis einer neuen Analyse. Bei höheren CO2-Preisen sollten
zusätzliche Einnahmen durch eine Pro-Kopf-Rückerstattung an die
Bevölkerung zurückfließen.

Das Wichtigste in Kürze:

- Die CO2-Bepreisung ist ein effizientes und effektives
Klimaschutzinstrument. Allerdings muss der CO2-Preis auf Kraft- und
Brennstoffe in den kommenden Jahren stark steigen, um die Klimaziele zu
erreichen. Aktuell liegt er bei 25 Euro pro Tonne CO2.

- Ein steigender CO2-Preis könnte jedoch eine hohe soziale Sprengkraft in
sich bergen. Denn ärmere Haushalte werden durch den CO2-Preis im
Verhältnis stärker belastet als wohlhabendere Haushalte, weil sie einen
größeren Teil ihres Einkommens für Güter wie Benzin oder Heizöl ausgeben.

- Eine Befragung durch RWI, PIK und der Universität Oxford unter rund
6.000 Haushalten zeigt, dass vor der Einführung des CO2-Preises auf Kraft-
und Brennstoffe insgesamt eine Mehrheit von knapp 54 Prozent der Befragten
grundsätzlich bereit war, zum Zwecke des Klimaschutzes höhere Kosten in
Kauf zu nehmen. In der untersten Einkommensgruppe lag die Zustimmung
dagegen bei unter 40 Prozent. Die Zustimmungswerte fallen mit steigenden
CO2-Preisen.

- Die Befragung zeigt auch, dass der Rückverteilung der Einnahmen aus der
CO2-Bepreisung eine bedeutende Rolle zukommt, wenn eine breitere
Unterstützung dieses Klimaschutzinstrumentes erreicht werden soll: Bei
einem CO2-Preis von 50 Euro pro Tonne steigt die Zustimmung für den Fall,
dass die Einnahmen pauschal an die Bevölkerung zurückgezahlt werden, unter
einkommensschwachen Haushalten von deutlich unter 40 auf über 60 Prozent
an.

- Um die finanziellen Folgen der CO2-Bepreisung abzumildern, sind die
bislang beschlossenen Förderprogramme und Einzelmaßnahmen – etwa die
Prämie beim Kauf von Elektroautos oder die Anhebung der Pendlerpauschale –
insgesamt ungeeignet. RWI und PIK plädieren daher für einen breit
angelegten und konzertierten Ausgleichsmechanismus, der insbesondere
Gering- und Durchschnittsverdienern zugutekommt.

- Als Ausgleichsmechanismus schlagen RWI und PIK zunächst eine Entlastung
beim Strompreis durch die deutliche Senkung von Abgaben und Steuern vor.
Dieser Vorschlag ließe sich administrativ leicht umsetzen und würde
insbesondere einkommensschwache Haushalte entlasten. Diese geben nämlich
einen größeren Anteil ihres Einkommens für Energiekosten aus als
wohlhabendere Haushalte. Zudem wäre eine Senkung der Stromabgaben aus
steuersystematischen Gründen sinnvoll und außerdem förderlich für die
sogenannte Sektorkopplung, bei der in Sektoren wie dem Verkehr und dem
Gebäudebereich vermehrt grüner Strom eingesetzt werden soll.

.- Mittelfristig sollten zusätzliche Einnahmen aus der CO2-Bepreisung
mittels einer pauschalen Rückzahlung ausgeschüttet werden, bei der alle
Bürgerinnen und Bürger die gleiche Summe erhielten. Diese Form der Pro-
Kopf-Rückerstattung käme erst bei höheren CO2-Preisen in Frage, weil der
Verwaltungsaufwand im Vergleich zu den Auszahlungsbeträgen sonst
unverhältnismäßig hoch wäre. Dennoch sollten bereits jetzt die rechtlichen
und administrativen Voraussetzungen für Pro-Kopf-Rückerstattungen
geschaffen werden.

„Der CO2-Preis ist mit Abstand das effizienteste Instrument, um die
Klimaziele zu erreichen und sollte daher im Mittelpunkt der künftigen
Klimapolitik stehen“, sagt RWI-Präsident Christoph M. Schmidt. „Doch ob
die Bevölkerung höhere CO2-Preise mitträgt, wird entscheidend davon
abhängen, wie die Einnahmen aus der Bepreisung verwendet werden.“

PIK-Direktor Ottmar Edenhofer ergänzt: „Klimapolitik kann sehr gut sozial
gerecht sein, wenn sie den Ausgleich zwischen unterschiedlichen
Einkommensgruppen von vornherein mitdenkt. Der CO2-Preis kann damit
Leitinstrument moderner Klimapolitik sein. Hingegen wäre ein ungebremster
Klimawandel mit mehr Wetterextremen sozial ungerecht, weil er teuer ist
und Geringverdiener stärker trifft als Großverdiener.“

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