Auf Beschluss des Akademischen Senats wird die Fassade alle fünf Jahre
durch einen neuen Beitrag aus dem Kreis der Poetik-Preisträger_innen
verändert
Noch in diesem Jahr wird eine neue Südfassade der Alice Salomon Hochschule
Berlin alle Hochschulangehörigen und die Menschen in Marzahn-Hellersdorf
begrüßen. Heute gab die Hochschule bekannt, dass eine Gestaltung der
Schriftstellerin und Poetik-Preisträgerin Maxi Obexer das derzeitige Werk
Barbara Köhlers ablösen wird. Die Bekanntgabe erfolgte im Rahmen der
öffentlichen Veranstaltung „Ein öffentlicher Text: Wie gestalten wir die
Südfassade der Hochschule?“.
Die Hochschule folgt damit dem Beschluss des Akademischen Senats aus dem
Jahr 2018, der festlegt, dass die Wandgestaltung der Südfassade der
Hochschule alle fünf Jahre durch einen neuen Beitrag aus dem Kreis der
Poetik-Preisträger_innen verändert wird. Nach Barbara Köhler zeichnete die
ASH Berlin die Künstler_innen Christoph Szalay (2019), Lioba Happel (2021)
und Maxi Obexer (2023) mit dem Alice Salomon Poetik Preis aus.
Christoph Szalay und Maxi Obexer beteiligten sich am Prozess der
Neugestaltung der Südfassade. Sie stellten Ende April 2024 ihre Entwürfe
erstmals in einer hochschulinternen Veranstaltung vor und tauschten sich
mit Studierenden, Lehrenden, Mitarbeitenden sowie der Jury des Poetik
Preises aus. Die Resonanzen aus dieser Veranstaltung haben die
Preisträger_innen bei der Weiterentwicklung ihres Vorschlags
berücksichtigt. Die Jury des Poetik Preises tagte am 30. Mai und beriet
sich über die Vorschläge von Christoph Szalay und Maxi Obexer. Die Wahl
fiel auf den Text „von den dächern“ von Maxi Obexer:
sie alle hier, wir
können es sein, bedroht
betroffen, berufen, sogleich
zu anderen werden
allein, wie sich finden
und nicht vergessen
dass wir liebende sind
wo ist das außen, wenn wir es suchen
wer ist das außen, wenn wir es lieben
Die Begründung der Jury lautet: „Im Ergebnis haben wir uns für den Entwurf
von Maxi Obexer entschieden. Wir halten ihn für eine gelungene
Intervention im öffentlichen Raum, die Anlässe zur Kommunikation und
Interaktion bietet. Wir sehen darin eine Auseinandersetzung mit dem Ort
und ein Bewusstsein für die Haltung der Hochschule, die wir uns gewünscht
haben.“
Maxi Obexer sagt: „Es war mir wichtig, einen Textkörper zu schaffen, in
dem kein Gegenüber einem anderen gegenübersteht, in dem die sprachliche,
noch so subtil gesetzte Abgrenzung aufgehoben ist, in dem es ein Wir gibt,
ohne zu vereinnahmen, oder wo Bedrohte und Betroffene von den Berufenen
per se nicht unterschieden sind.“
Die heutige Präsentation der zukünftigen Fassadengestaltung wurde von
einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm begleitet. Zunächst stellten zwei
ASH-Studierende ausgewählte Texte von Barbara Köhler in einer
performativen Lesung vor. Beim anschließenden Round-Table diskutierten
ASH-Rektorin Bettina Völter und ASH-Professorin Jutta Hartmann mit dem
Kunstwissenschaftler, Kurator sowie Leiter des Museums Morsbroich Jörg van
den Berg und der Autorin und Poetik-Preisträgerin Maxi Obexer über das
Werk Barbara Köhlers und ihre Bedeutung für die ASH Berlin sowie über
Kunst im öffentlichen Raum und die Rolle, die Maxi Obexer hier einnimmt.
Die Moderation übernahm Jury-Mitglied, Lyriker sowie Mitbegründer der
Lettrétage Tom Bresemann. Nach der Diskussion präsentierte Maxi Obexer den
Text für ihre Fassadengestaltung. Zum Abschluss der Veranstaltung weihten
die Gäste die neue Barbara-Köhler-Gedenktafel im Sockelbereich der Fassade
ein. Auf der 1x1,4 Meter großen Edelstahl-Tafel ist das Gedicht von
Barbara Köhler und ihr Kommentar dazu zu sehen. Sie wurde neben der Tafel
mit dem Gedicht „avenidas“ und einem erläuternden Text von Eugen Gomringer
angebracht.
Über Poetik-Preisträgerin Maxi Obexer
Die Schriftstellerin Maxi Obexer drückt sich in verschiedenen Genres aus.
Ihr zuletzt veröffentlichtes Hörspiel „Im Auge des Sturms“ (WDR 2024)
wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Hörspiel des Monats. Dem
vielbeachteten Radio-Essay „Über Tiere schreiben / Über Tiere sprechen“
(DLF 2023) folgte kürzlich der Roman „Unter Tieren“ im Weissbooks Verlag.
Die politische Autorin beschäftigte sich sehr früh mit den Themen Flucht
und Migration; ihr Theaterstück und Hörspiel „Illegale Helfer“ wurde
weltweit nachgespielt und mit zahlreichen Preisen versehen. Für ihren
autobiografischen Roman „Europas längster Sommer“ wurde Obexer für den
Bachmannpreis nominiert. Im Januar 2023 erhielt Maxi Obexer den Alice
Salomon Poetik Preis. Die Jury zeigte sich besonders beeindruckt davon,
dass sich Obexers Texte „keiner gefälligen Stilistik beugen. Sie spiegeln
vielmehr Obexers eigenwilliges Leiden an der Welt, ihre Wut, ihr
Engagement wider.“
Über die Neugestaltung der Südfassade
Hier finden Sie den Beschluss des Akademischen Senats zur Neugestaltung
der Südfassade vom 23. Januar 2018 im Wortlaut und die ausführliche
Begründung der Hochschulleitung für ihren Vorschlag. Im Jahr 2017 erzielte
die Ausschreibung zur (Neu-)Gestaltung der Südfassade eine hohe
Medienresonanz und wurde kontrovers diskutiert. Für einen Überblick haben
wir unter www.ash-berlin.eu/fassadendebatte die Presseartikel zur Fassade
als Linksammlung zusammengestellt.
Zum Fünf-Jahres-Rhythmus
Der Fünf-Jahres-Rhythmus entspricht – wenn man die Masterstudiengänge
hinzuzählt – in etwa der durchschnittlichen Studiendauer unserer
Studierenden. So werden – neben den Verwaltungsangestellten, den
wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen und den Lehrenden der Hochschule –
auch die meisten Studierenden den Prozess der Entscheidung über eine neue
Wandgestaltung miterleben und mitdiskutieren können.
Über Vorschlagsrecht und Beteiligung
Die durch die Jury des Poetik Preises gewählten Preisträger_innen haben
die Möglichkeit, entweder gemeinsam eine Wandgestaltung vorzuschlagen oder
jeweils eigene Vorschläge einzubringen. Alle Vorschläge werden in einer
hochschulöffentlichen Veranstaltung den Hochschullehrer_innen,
Verwaltungsmitarbeiter_innen, akademischen Mitarbeiter_innen und
Studierenden der ASH Berlin sowie der Jury des Poetik Preises vorgestellt
und dort besprochen. Diese Veranstaltung eröffnet die Möglichkeit, den
Austausch zwischen den Preisträger_innen und der Hochschulöffentlichkeit
über die Verbindung des Werkes mit der Alice Salomon Hochschule Berlin
oder auch über die Bedeutung von Kunst und Wissenschaft und deren
jeweilige Eigenständigkeit zu vertiefen.
Die Preisträger_innen entscheiden selbst, ob und inwieweit sie (unter
anderem) dieses Forum nutzen möchten, um eine fertige Arbeit als Vorschlag
für die Fassade vorzustellen oder ihren Vorschlag ggf. weiter zu
entwickeln. Dabei ist es z.B. denkbar, dass die Wandgestaltung
partizipativ und/oder gemeinsam von mehreren Preisträger_innen entwickelt
wird, dass ein_e Künstler_in mehrere Vorschläge als Alternativen einbringt
oder dass ein eingereichter Vorschlag nach der Veranstaltung modifiziert
wird. Wenn es nach fünf Jahren mehrere Vorschläge von Preisträger_innen
zur Wandgestaltung gibt, wird die Jury des Poetik Preises den Vorschlag
auswählen, der dann an der Südfassade realisiert wird.
Durch die Dokumentation des Prozesses und der jeweiligen Realisierungen an
der Südfassade kann eine Geschichte des Poetik Preises geschrieben werden,
die auch als Teil einer Geschichte partizipativer Prozesse an der ASH
Berlin erzählt werden kann. Damit wird die Verbindung des Poetik Preises
mit der ASH Berlin gestärkt und die Identifikation der
Hochschulangehörigen mit dem Alice Salomon Poetik Preis erhöht. Der 5
-Jahres-Rhythmus ermöglicht zudem die Auseinandersetzung mit den
Spannungsfeldern: Kontinuität und Wandel sowie Hochschuldemokratie und
Freiheit der Kunst konstruktiv zu bearbeiten. Dies beinhaltet auch die
kritisch-produktive und kreativ-lernende Auseinandersetzung mit der Kunst
ihrer Preisträgerinnen und Preisträger. Das Selbstverständnis der
Hochschule prägt nun weniger die jeweilige Arbeit an der Wand als vielmehr
der Austausch darüber und der regelmäßige Wechsel von Arbeiten ganz
unterschiedlicher Künstler_innen.
Über den Alice Salomon Poetik Preis
Mit dem Alice Salomon Poetik Preis zeichnet die ASH Berlin alle zwei Jahre
Künstlerinnen und Künstler aus, die durch ihre besondere Formensprache und
Vielfalt zur Weiterentwicklung der literarischen, visuellen sowie
akustischen Künste beitragen und dabei immer interdisziplinär arbeiten und
wirken. Verbunden ist die Auszeichnung mit einem Preisgeld in Höhe von
6.000 Euro, mit einer Dozentur und mit der Möglichkeit, die Südfassade der
Hochschule neu zu gestalten.