Wenn Hilfe zum Risikofaktor wird: Die Einsatzkräfte des Terroranschlags von 9/11 leiden häufiger an Demenz
Die intensive Belastung durch Feinstaub und andere Luftschadstoffe und
Chemikalien, welcher tausende Helfer und Helferinnen nach den
Terroranschlägen vom 11. September 2001 im Rahmen von Rettungs-, Bergungs-
und Aufräumarbeiten ausgesetzt waren, führten zu einem erhöhten
Demenzrisiko. Dies ergab eine prospektive Kohortenstudie, die eine mehr
als zehnmal so hohe Demenzinzidenz vor dem 65. Lebensjahr bei den am
stärksten exponierten Helfenden zeigte (gegenüber jenen mit geringer
Exposition, z. B. durch Tragen von Schutzausrüstung).
In den letzten Jahren gibt es zunehmend Hinweise auf Zusammenhänge der
Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen wie Demenzen mit der Exposition
gegenüber Umweltbelastungen mit Stauben, Chemikalien und anderen Noxen.
2023 zeigte eine nationale Kohortenstudie in den Vereinigten Staaten [1],
dass eine langfristige Belastung mit Feinstaub (PM 2,5) mit signifikant
höheren Demenzinzidenzen, speziell von Alzheimer-Erkrankungen, assoziiert
ist. Als Treiber der Pathomechanismen gelten vor allem Sulfate (SO42-) und
Ruß, die bei Verbrennung fossiler Brennstoffe und im Verkehr entstehen.
Eine aktuell im „Journal of the American Medical Association“ publizierte
longitudinale Follow-up-Studie [2] evaluierte Daten eines akademischen
medizinischen Überwachungsprogramms, bei dem Auswirkungen auf die
kognitiven Leistungsfähigkeit von Einsatzkräften und Helfenden nach den
Terroranschlägen auf das World Trade Center (WTC) im Jahr 2001 zwischen
November 2014 und Ende 2022 erhoben wurden. Bei der Erstuntersuchung waren
die Teilnehmenden maximal 60 Jahre alt und hatten keine Hinweise auf eine
Demenz. Sie wurden durchschnittlich alle 18 Monate bis zu fünf Jahre lang
auf Einschränkungen kognitiver Funktionen nachuntersucht. Die
Stratifizierung nach dem Schweregrad der Belastung („WTC-Exposition“)
erfolgte in fünf Kategorien (niedrige, milde, moderate, hohe oder extrem
hohe Exposition), basierend auf detaillierten Fragebögen zu den Arbeiten
direkt am Ground Zero und anderen expositionsbezogenen Aktivitäten (z. B.
Müll- und Schuttdeponien mit Feinstaub und potenziell neurotoxischen
Substanzen), Dauer der Arbeit und Verwendung von persönlicher
Schutzausrüstung. Endpunkt war das Auftreten von Demenzen aller Ursachen
vor dem 65. Lebensjahr; die Diagnose erfolgte nach Standardkriterien
anhand wiederholter Überprüfungen der kognitiven Fähigkeiten.
Von 9.891 WTC-Exponierten konnten 5.010 in der Studie zur kognitiven
Funktion ausgewertet werden (48-57 Jahre alt, median 53; 91,3 % männlich).
In der 15.913 Personenjahren entsprechenden Nachbeobachtung wurden 228
Demenzdiagnosen gestellt. Betroffen waren drei von 342 Menschen (mit
niedriger Exposition), 106/2.805 (mit milder Exposition), 76/1.450 (mit
moderater Exposition), 31/324 (mit hoher Exposition) und zwölf von 89 (mit
extrem hoher Exposition).
Mit zunehmender Schwere der Exposition ging somit ein stufenweiser Anstieg
der Demenz-Inzidenzrate (IR) pro 1.000 Personenjahre einher: Bei niedriger
Exposition betrug die IR 2,95 (Angaben für die Allgemeinbevölkerung liegen
bei 1,19); bei leichter WTC-Exposition bei 12,16, bei mittelschwerer
16,53, bei hoher 30,09 und bei sehr hoher Exposition 42,37. Dieser
Zusammenhang blieb auch nach Korrektur potenzieller sozialer,
demografischer und medizinischer Störfaktoren (z. B. Bildungsniveau,
psychische Belastungsfolgen, Diagnosen wie Bluthochdruck oder
Kopfverletzungen) statistisch signifikant. Nach der Adjustierung war jede
Erhöhung der Belastungsschwere um eine Einheit mit einer signifikant
erhöhten Demenzrate verbunden (adj. HR 1,42; p<0,001; mittlere
Risikodifferenz 9,74 pro 1.000 Personenjahre; p<0,001).
Als zentrale Stärke der vorliegenden Studie wird die Entwicklung der
Schweregrad-Skala genannt, welche die Art der von den WTC-Einsatzkräften
ausgeführten Arbeit, die Dauer und Intensität der Belastung sowie die
Verwendung von Schutzausrüstung berücksichtigt. Die Studie bestätigt
frühere Arbeiten, die bereits nahelegten, dass Staub und Trümmer des WTC
Neurotoxine enthielten. So wiesen serologische Studien bei kognitiv
beeinträchtigten WTC-Einsatzkräften auf hochregulierte neuroimmunologische
Makrophagenreaktionen sowie eine mögliche Rolle von phosphoryliertem Tau
und damit einhergehender Neurodegeneration hin. Bildgebungsstudien gaben
Hinweise auf eine Glia-Aktivierung und Entzündung des Hippocampus bei
starker Exposition. Weitere Arbeiten zur Identifizierung der Mechanismen
könnten Behandlungsziele für WTC-Einsatzkräfte und andere Menschen mit
inhalierten Neurotoxinen liefern. Zukünftige Forschung müsse auch
zerebrale Biomarker für Personen mit expositionsbedingter Demenz
identifizieren.
Beim Blick in die globale Zukunft wird klar, dass aktuelle Kriege wie in
der Ukraine und im Gaza-Streifen weitaus mehr Langzeitopfer haben werden
als unmittelbar sichtbar sind. Anders als bei typischen Industrieunfällen,
wo das Tragen von spezieller Schutzausrüstungen selbstverständlich ist,
ist dies bei Rettungs-, Bergungs- und Aufräumarbeiten mit hoher
Staubexposition (nach Gebäudeeinsturz, Bombeneinschlägen, Erdbeben,
Vulkanausbrüchen etc.) nicht der Fall; zumal hier meist spontan auch
hunderte von Freiwilligen im Einsatz sind.
„Diese Menschen müssen möglichst geschützt werden“, erklärt Prof. Dr.
Peter Berlit, DGN-Generalsekretär. „Die konsequente Verwendung von
Schutzausrüstung kann dazu beitragen, Entstehungen von Demenzen vor dem
65. Lebensjahr in Folge solcher Einsätze zu verhindern. Hierfür muss ein
Bewusstsein in der Öffentlichkeit geschaffen werden, und Rettungsdienste,
Feuerwehren, aber auch spontan helfende Bürgerinnen und Bürger sollten
entsprechend ausgestattet werden oder zumindest FFP2-Masken tragen.“
[1] Shi L, Zhu Q, Wang Y et al.. Incident dementia and long-term exposure
to constituents of fine particle air pollution: A national cohort study in
the United States. Proc Natl Acad Sci U S A. 2023 Jan 3; 120 (1):
e2211282119
[2] Clouston SAP, Mann FD, Meliker J et al. Incidence of Dementia Before
Age 65 Years Among World Trade Center Attack Responders. JAMA Netw Open.
2024 Jun 3; 7 (6): e2416504; doi:10.1001/jamanetworkopen.20
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