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Cannabis-Verbot abgeschafft – wie gelingt der Anbau zu Hause?

Ein Growzelt mit Beleuchtung und Lüftung optimiert die Wachstumsphase von Pflanzen aller Art Symbolbild
Ein Growzelt mit Beleuchtung und Lüftung optimiert die Wachstumsphase von Pflanzen aller Art Symbolbild

Anfang April 2024 wurde die erste Säule der Cannabis-Legalisierung umgesetzt. Zwar wurden nicht alle Ziele erreicht, die sich die Ampelregierung bei Amtsübernahme auf die Fahne geschrieben hatte. Trotzdem kann von einem Paradigmenwechsel gesprochen werden.

So wurde Cannabis (Hanf) nach über 50 Jahren des Verbots von der Liste der gefährlichen Substanzen gestrichen. Zudem darf jeder Erwachsene bis zu 50 Gramm Blüten zuhause lagern und ein Eigenanbau von bis zu drei weiblichen Cannabispflanzen ist nun ebenfalls legal. Daher ist es an der Zeit, zu erläutern, wie der Anbau von Cannabis in den eigenen vier Wänden am besten gelingt.

Cannabis indoor anpflanzen

Auf der Wiese oder im Garten bedarf Cannabis keiner besonderen Pflege. Die Jahrtausende alte Nutz- und Heilpflanze gedeiht auch in unseren Breiten ohne Probleme. Im städtischen Umfeld dagegen muss etwas nachgeholfen werden. Es empfiehlt sich, mit einem Anbieter von Growzelten in Verbindung zu treten. Dort finden Indoor-Anbauer (Grower) alles, was sie zu einer gelungenen Aufzucht von Cannabis benötigen:

  • Growzelt: Um die natürliche Umgebung nachzustellen, ist es am besten, wenn für die Pflanzung ein eigenes Zimmer zur Verfügung steht. Wo ein solches nicht vorhanden ist, übernimmt diese Aufgabe ein Growzelt. Viele Modelle lassen sich in einem Schrank unterbringen, sodass sie so gut wie keinen Platz in Anspruch nehmen.
  • Blumentöpfe: Mit quadratischen Töpfen in verschiedenen Größen wird das limitierte Platzangebot am besten genutzt.
  • Beleuchtung: Ein bis zwei starke LED-Lampen sorgen für das notwendige Licht, ohne dass es zu keiner Fotosynthese kommt.
  • Ventilator: Sorgt für eine ausreichende Belüftung.
  • Erde: Am besten eignet sich mineralreiche Bio-Erde.
  • Zeitschaltuhr: Damit wird der Tag-Nacht-Rhythmus imitiert.

Was ist bei der Auswahl des Saatguts zu beachten?

In Ländern wie Kanada, den USA oder den Niederlanden besteht schon seit längerer Zeit ein entspannteres Verhältnis zu Cannabis als hierzulande. Daher haben die dortigen Züchter sehr potente Sorten kreiert, die alle auf die drei Urtypen Cannabis Sativa, Cannabis Indica und Cannabis Ruderalis zurückgehen.

Am besten für die heimische Aussaat eignen sich sativa-lastige, feminisierte Samen mit hohem THC-Anteil. THC (Tetrahydrocannabinol) ist die Substanz, die der Hanfpflanze ihre berauschende Wirkung verleiht. Auch selbst blühendes (autoflowering) Saatgut ist geeignet, da dieses sich durch eine verkürzte Wachstumsphase auszeichnet.

Cannabis-Anbau zu Hause – Schritt-für-Schritt-Anleitung

In geschlossenen Räumen beträgt die Zeitspanne zwischen Keimphase und Ernte, je nach Qualität des Saatguts, zwischen vier und acht Monaten. Die Gewächse müssen dabei mehrere Phasen durchlaufen.

Phase der Keimung

In einem ersten Schritt sind die Samenkörner zum Keimen zu bringen. Dazu bedarf es keines großen Aufwands. Benötigt werden zwei Blatt herkömmliches Küchenpapier und zwei Teller.

Das Papier wird in der Mitte gefaltet und gut durchfeuchtet. Ein Blatt wird auf einem Teller ausgelegt. Darauf werden die Samen in einem Abstand von einem Zentimeter positioniert. Danach wird das zweite Blatt Küchenpapier auf das Arrangement gelegt und mit dem zweiten Teller lichtundurchlässig abgedeckt.

In dieser Lage verbleiben die Samenkörner wenige Tage lang. Optimal ist dabei eine Temperatur von 20 bis 25° Celsius und eine regelmäßige Kontrolle des Zustands. Die Keimphase ist beendet, wenn sich eine gut sichtbare Wurzel ausgebildet hat.

Setzlinge einpflanzen

Nun ist es an der Zeit, die winzigen Pflänzchen vorsichtig in einen großen Blumentopf umzusetzen. In den nächsten zwei bis drei Wochen sollte bei der Bewässerung Vorsicht walten, damit das Wurzelwerk genügend Luft zum Atmen bekommt. Nachdem sich Keimblätter und die ersten charakteristischen Blätter mit fünf bis sieben “Fingern” gebildet haben, beginnt die eigentliche Wachstumsphase.

Wachstumsphase

Je nach Saatgut nimmt die Wachstumsphase zwischen vier und 16 Wochen in Anspruch. Wird ab und zu etwas Naturdünger ins Gießwasser gegeben, ist das förderlich für ein gesundes Wachstum. Je nach Grow-Setup empfiehlt es sich, turnusmäßig die Spitzen der sich ausbildenden Äste zu schneiden (Topping). Die Pflanzen wachsen dann mehr in die Breite, beanspruchen weniger Platz und nutzen das Licht besser.

Blütezeit und Ernte

Der Beginn der Blütephase lässt sich daran erkennen, dass sich harzige Knospen bilden, die sich zu Blüten auswachsen. Die Blütephase ist vollendet, wenn sich die Pflanzenhaare (Trichome) zu etwa einem Drittel in Bernstein gefärbt haben. Dann werden die ganzen Pflanzen abgeschnitten und bei Zimmertemperatur etwa zwei Wochen getrocknet. Sobald die Feuchtigkeit ausreichend reduziert wurde, sind die Blüten bereit für den Konsum

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Parlamentarischer Abend: Fachvertretende erläutern drängende Themen zur Frauengesundheit

Unter dem Motto „Gemeinsam stark für die Frauengesundheit -
Zukunftssichere
flächendeckende Strukturen für Geburtshilfe, Gynäkologie und
Endokrinologie“ nutzten
Fachvertretende aus der Frauenheilkunde den Parlamentarischen Abend 2024
in Berlin, um
Gästen aus der Politik drängende Probleme und innovative Konzepte zur
Versorgung von
Patientinnen und ihren Kindern in Deutschland zu präsentieren und
gemeinsam Lösungen zu
diskutieren.

Berlin, im März 2024 – Auf dem ersten Parlamentarischen Abend nach der
Pandemie kamen Fachvertretende der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie
und Geburtshilfe e.V. (DGGG) mit Gästen aus der Politik in Berlin zum
fachlichen Austausch zusammen. Im Zentrum der Debatte stand die aktuelle
Krankenhausreform und die damit verbundenen Bestrebungen für eine
Teilambulantisierung von klinisch erbrachten Leistungen und die Einführung
von HybridDRGs sowie die Neustrukturierung der klinischen Geburtshilfe in
Deutschland.

„Der Dialog mit der Politik ist für uns elementar wichtig, um
gesetzgeberische Initiativen im Sinne unserer Patientinnen mit der
Versorgungswirklichkeit abzugleichen und unsere Fachempfehlungen bereits
im Vorfeld einzubringen. Auch mit Blick auf die aktuellen
Herausforderungen im Gesundheitswesen freuen wir uns auf weiterführende
Hintergrundgespräche.“
- Prof. Barbara Schmalfeldt, DGGG-Präsidentin

Keine ausreichenden Strukturen für eine Ausweitung ambulanter Operationen
in Deutschland vorhanden

Die Fachvertretenden warnten die Gäste aus der Politik am Beispiel der
gynäkologischen Onkologie vor negativen Auswirkungen der Ambulantisierung,
die derzeit umgesetzt wird, ohne vorher die dafür nötigen Strukturen
geschaffen zu haben. Dazu gehören u.a. die präoperative Aufklärung
(Edukation der Patienten und ihres Umfeldes) und die postoperative
Betreuung am Wohnort durch Fachpersonal. Des Weiteren müssen die gesamten
komplexen Behandlungsfelder abgebildet werden, die bisher stationär
erfolgen. Bei onkologischen Erkrankungen beispielsweise schließt dies eine
qualifizierte psychoonkologische und psychosoziale Versorgung ein, die im
ambulanten Bereich derzeit nicht existiert. Ebenso muss eine zuverlässige,
sektorenübergreifende Qualitätssicherung etabliert werden. Zudem
befürchten die Fachvertretenden ein „Rosinenpicken“. Komplikationsarme
Operationen
könnten in den ambulanten Bereich verlagert werden, wobei komplexe
Operationen in der
Klinik verbleiben. Die Folge sei unter anderem eine Unterfinanzierung
durch eine verzerrte
Mischkalkulation von ambulanten Erlösen und Hybrid-DRGs. Des Weiteren ist
ein Verlust an Qualifikation und qualifiziertem Personal in den Kliniken
zu befürchten und eine Verknappung der ärztlichen Aus- und Weiterbildung,
die überwiegend im stationären Bereich erfolgt. Die Entscheidung über
ambulante oder stationäre Leistungserbringung soll mit Blick auf die
Patientinnensicherheit grundsätzlich durch die behandelnden Ärztinnen und
Ärzte erfolgen. So lautet eine fachliche Kernempfehlung. Notwendig seien
zudem Netzwerke und geregelte, barrierefreie Versorgungswege im Fall von
Komplikationen. Bis zu 6% der ambulanten Operationen in der Gynäkologie
werden aufgrund von unerwünschten Ereignissen in ein stationäres Setting
übergeleitet. Krankenhäuser sind hierfür ausgerüstet und müssen in diese
Netzwerke zwingend eingebunden sein.

„Ambulantisierung ist möglich und sinnvoll, wenn zuerst die nötigen
Strukturen geschaffen werden. Die aber existieren in Deutschland erst
rudimentär.“
- Prof. Anton J. Scharl, DGGG-Vizepräsident

Zentrenmodell als Antwort auf ungeordnete Kreißsaalschließungen

Mit Blick auf zukunftssichere Strukturen in der klinischen Geburtshilfe
stellten die Fachvertretenden der DGGG e.V. ein Zentrenmodell vor, das im
Rahmen regionaler Versorgungspläne angewendet werden kann. Das zugrunde
liegende Positionspapier (1) ist ein fachlich fundiertes Angebot, um
ungeordnete Kreißsaalschließungen zu verhindern. Das Modell ermöglicht
bundesweit eine selbstbestimmte individuelle Geburtshilfe bei maximaler
Sicherheit. Es schafft attraktive Arbeitsplätze für alle beteiligten
Berufsgruppen und vernetzt die Niedrig- und Hochrisikogeburtshilfe und
Betreuung von Schwangeren. Innerhalb der Zentren kann, so die DGGG-
Empfehlung, exzellente Geburtshilfe angeboten werden. Das reiche dann
unter einem Dach von primär hebammengeleiteter (low-risk) Geburtshilfe bis
zu primär ärztlich geleiteter (high-risk) Geburtshilfe. Mit Blick auf die
Sicherheit von Mutter und Kind sollte hebammengeleitete Geburtshilfe
ausschließlich mit direktem Übergang in eine perinatologische Versorgung
angeboten werden, lautete eine nachdrückliche Fachempfehlung. Nur in
diesem Setting können Notfälle gemanagt werden.

„Die Neustrukturierung der geburtshilflichen Versorgung ist dringend
erforderlich. Eine Zentralisierung mit Satellitenkliniken und
Versorgungszentren stellt einen adäquaten Lösungsansatz dar, um die
Sicherheit von Gebärenden und ihren Kindern bundesweit flächendeckend zu
gewährleisten.“
- Prof. Angela Köninger, DGGG-Vorstandsmitglied

Fertilitätserhalt vor einer Krebsbehandlung wird nicht für alle Menschen
erstattet

Hinsichtlich der Sicherstellung der Fertilität nach Therapie eines
Karzinoms, einer Stammzelltherapie oder Entfernung der Eierstöcke bzw.
Hoden machten die Fachvertretenden auf Defizite in der Kostenerstattung
aufmerksam. Für Patientinnen mit Hormonrezeptor positivem Brustkrebs, der
etwa 40% aller Fälle ausmacht, gebe es aktuell keine Erstattung durch die
Krankenkassen. Ebenfalls ausgeschlossen seien Kinder vor Einsetzen der
Pubertät und Patientinnen, die an Universitätskliniken behandelt werden.
Diese Lücke gelte es zeitnah zu schließen.

Ärztliche Aus- und Weiterbildung gefährdet

Die ärztliche Aus- und Weiterbildung ist die Voraussetzung für ein
nachhaltiges Gesundheitssystem. Aus- und Weiterbildung und entsprechende
Qualifizierung findet im operativen Bereich fast ausschließlich in den
Kliniken statt. Ein Mangel an Fachärzten und Spezialisten bedroht bereits
heute die medizinische Versorgung. Beispielsweise ist zu befürchten, dass
bereits in wenigen Jahren die Zahl hochqualifizierter Operateure nicht
mehr ausreicht, um die minimale Ausstattung zertifizierter onkologischer
Zentrumsstrukturen zu erfüllen. Das Problem ist, dass ärztliche Aus- und
Weiterbildung bei der Reformierung der Krankenhausstrukturen nicht
mitgedacht wird. Sie ist seit Jahren nicht finanziell abgebildet. Aus- und
Weiterbildung ist „kein Produkt der ärztlichen Tätigkeit“, sondern
bedeutet zeitlichen und finanziellen Aufwand. Dieser ist in der
Erlössystematik der Kliniken nicht ausreichend berücksichtigt. Auch bei
den derzeitigen Planungen der Krankenhaustrukturreform gehört sie nicht zu
den prioritär zu erfüllenden Bedarfen, sondern wird allenfalls im
Nebensatz als „auch noch relevant“ erwähnt. Aus Sicht der Fachvertretenden
der Frauenheilkunde muss die Nachwuchsgewinnung und die Aus- und
Weiterbildung aber bei jeder Reform des Gesundheitswesens primär
mitgedacht werden.

Endokrinologische Weiterbildung findet in Deutschland nur noch marginal
statt

Notwendig sei zudem die zeitnahe Schaffung neuer Lehrstühle und
Sektionsstrukturen an
Universitätsfrauenkliniken. Letzteres, weil die endokrinologische
Weiterbildung während der Facharztweiterbildung nur rudimentär
stattfindet. Die Arbeitsgemeinschaft Universitärer
Reproduktionsmedizinischer Zentren (AG URZ) fordert in ihrer von der DGGG
e.V. mitgetragenen Stellungnahme „Situationsbeschreibung, zukünftige
Herausforderungen und Vorschläge zur Stärkung der universitären
Gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin – das Marburger
Manifest“2 einen Schulterschluss von Politik und Wissenschaft, um die
Schaffung neuer Lehrstühle und Sektionsstrukturen zur Aufhebung des
akademischen Defizits in der medizinischen Ausbildung zu Gynäkologischer
Endokrinologie und Reproduktionsmedizin zu beheben.

Literatur

1 https://www.dggg.de/stellungnahmen/fachempfehlung-modelle-zu-
versorgungsstrukturen-in-der-klinischen-geburtshilfe-in-deutschland

2 https://www.dggg.de/stellungnahmen/stellungnahme-marburger-manifest

Originalpublikation:
https://www.dggg.de/presse/pressemitteilungen-und-nachrichten
/fachvertretende-erlaeutern-draengende-themen-zur-frauengesundheit

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Hannover Messe: Virtueller Hautkontakt – Smarte Textilien machen Berührungen spürbar

Smarte Textilien sollen ermöglichen, auch vom Körpergefühl her in die
virtuelle Realität einzutauchen und Berührungen am eigenen Leib zu spüren.
Eine hauchdünne Folie, die Berührungsempfindungen übertragen kann, macht
dabei Stoffe zur zweiten, virtuellen Haut. Schwer kranken Kindern in
Isolierstationen soll sie die Körpernähe ihrer Eltern bei
computersimulierten Besuchen spürbar machen: Sie soll ihr Streicheln
fühlbar übertragen. Das Team der Professoren Stefan Seelecke und Paul
Motzki von der Universität des Saarlandes stellt die Technologie hinter
den smarten Textilien vom 22. bis 26. April auf der Hannover Messe vor
(Halle 2 Stand B10).

Die Hand auf der Schulter, ein Streicheln am Arm, eine Umarmung: Solche
Berührungen beruhigen, trösten, vermitteln Sicherheit, Geborgenheit und
Nähe. Geben die Nervenzellen der Haut solche Reize weiter, werden
blitzschnell viele Hirnbereiche aktiv und fachen die körpereigene
Biochemie an. Hormone und andere Botenstoffe werden ausgeschüttet,
darunter Oxytocin, das Wohlgefühl und Bindung entstehen lässt.
Videokonferenzen dagegen lassen uns eher kalt, Geborgenheit und Nähe sind
kaum zu spüren – es fehlt das Körperliche. Aber was, wenn Nähe wichtig
ist, wenn Kinder schwer krank sind, aber die Eltern nicht zu ihnen können?
Wenn Körperkontakt wegen eines geschwächten Immunsystems nicht sein darf?

Damit Kinder in Isolierstationen die Körpernähe ihrer Eltern auch bei
virtuellen Besuchen spüren und möglichst realitätsnah in dieses Erlebnis
eintauchen können, arbeitet an der Universität des Saarlandes, an der
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar), am
Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik (ZeMA) und am
Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ein
Forschungsteam über die Fachgrenzen hinweg zusammen. An der Schnittstelle
von Ingenieurwissenschaft, Neurotechnologie, Medizin und Informatik
entwickeln die Forscherinnen und Forscher im Projekt „Multi-Immerse“ eine
virtuelle Begegnung, die alle Sinne ansprechen soll. „Immerse“ steht dabei
für „Eintauchen“, für eine intensive Sinneswahrnehmung. Die jungen
Patientinnen und Patienten sollen über neue Technologien ihre Eltern und
Geschwister möglichst realitätsnah sehen, hören, fühlen und trotz der
räumlichen Trennung dennoch ihre intensive Nähe spüren.

Für das Fühlen und die taktile Wahrnehmung zuständig ist dabei die
Forschungsgruppe der Professoren Stefan Seelecke und Paul Motzki an der
Universität des Saarlandes und am Saarbrücker ZeMA: Sie sind Spezialisten
darin, Oberflächen mithilfe leichter Silikonfolien neuartige Fähigkeiten
zu verleihen. Die Ingenieurinnen und Ingenieure machen die gerade mal 50
Mikrometer dünnen Folien zu einer zweiten Haut: Wie die Haut Schnittstelle
des menschlichen Körpers zu seiner realen Außenwelt ist, soll die Folie
seine Schnittstelle zur virtuellen Welt werden. Damit soll eine neue
Körperwahrnehmung in der fiktiven Realität entstehen.

In einem Textil eingearbeitet, sollen die Folien die Berührungen auf die
Haut des Kindes übertragen, die entstehen, wenn Mutter oder Vater
andernorts über ein zweites smartes Textil streichen. „Wir nutzen dabei
die Folien, sogenannte dielektrische Elastomere, als Sensoren, um die
Berührungsbewegungen zu erfassen, und zugleich auch als Aktoren, also
Antriebe, um diese Bewegungen weiterzugeben“, erklärt Stefan Seelecke,
Professor für intelligente Materialsysteme. Die Folie erkennt als Sensor
wie genau Hand und Finger die Folie beim Darüberstreichen eindrücken,
eindellen und dehnen. Exakt diese Deformation, die durch die
Berührungsbewegungen entsteht, imitiert die Folie in einem zweiten Textil
auf der Haut des Kindes, um so etwa auf dem Arm den Eindruck eines
Darüberstreichens zu vermitteln.

„Die Ober- und Unterseite der Folie sind mit einer leitfähigen,
hochdehnbaren Elektrodenschicht bedruckt. Wenn wir hieran eine elektrische
Spannung anlegen, ziehen sich die Elektroden durch die elektrostatische
Anziehung an und stauchen die Folie, die zur Seite ausweicht und dabei
ihre Fläche vergrößert“, erklärt Professor Paul Motzki die Technologie,
der die Brückenprofessur „Smarte Materialsysteme für innovative
Produktion“ zwischen Universität des Saarlandes und ZeMA innehat. Bei
jeder kleinsten Bewegung ändert sich hierbei die elektrische Kapazität der
Folie: eine physikalische Größe, die gemessen werden kann. Streicht also
ein Finger über die Folie, verformt er diese und jeder einzelnen Stellung
lässt sich ein exakter Messwert der elektrischen Kapazität zuordnen: Eine
bestimmte Zahl beschreibt eine ganz bestimmte Stellung der Folie. Eine
Abfolge dieser einzelnen Messwerte setzt einen Bewegungsablauf in Gang.
Die Folie ist damit ihr eigener dehnbarer Sensor, der selbst erkennt, wie
sie verformt wird.

Mit den Messwerten der einzelnen Verformungen können die Forscher etwa
Streichelbewegungen durch das smarte Textil auf den Arm des Kindes
übertragen. Sie können die Folie auch gezielt ansteuern. Durch
intelligente Algorithmen lassen sich in einer Regelungseinheit
Bewegungsabläufe vorausberechnen und programmieren. „Wir können die Folie
stufenlos Hubbewegungen vollführen lassen, so dass es sich wie
ansteigender Druck anfühlt oder auch eine bestimmte Position halten“,
erklärt Doktorandin Sipontina Croce, die im Projekt forscht. Aber auch
Klopfbewegungen sind möglich. Frequenz und Schwingungen können die
Forscherinnen und Forscher beliebig verändern.

Auf der Hannover Messe demonstriert das Team seine Technologie mit einer
„Uhr“, auf deren Rückseite eine smarte Folie angebracht ist. „Wir können
mehrere solcher smarter Bausteine aneinanderreihen, so dass zum Beispiel
eine lange Streichbewegung übertragen werden kann. Hierzu vernetzen wir
diese Bausteine, so dass sie wie ein Schwarm untereinander kommunizieren
und kooperieren“, erklärt Paul Motzki.

Das Verfahren ist günstig, leicht, geräuschlos und energieeffizient. Die
Folientechnologie kann auch bei Computerspielen das Spielerlebnis durch
eine realistische Körperwahrnehmung intensiver machen. In anderen
Projekten kleiden die Ingenieure mit ihren Folien Arbeitshandschuhe für
die Industrie 4.0 aus oder lassen den Eindruck von Knopfkanten entstehen,
so dass aus dem Nichts heraus Tasten oder Schieberegler spürbar werden,
wodurch sie Bedienoberflächen nutzerfreundlicher machen.

Auf der Hannover Messe zeigen die Saarbrücker Expertinnen und Experten für
intelligente Materialsysteme weitere Entwicklungen mit dielektrischen
Elastomeren: so zum Beispiel weitere smarte Textilien wie sensorische
Shirts oder Schuhsohlen, auch Pumpen und Vakuumpumpen sowie
Hochleistungsaktoren.

Hintergrund:
Im Rahmen des EFRE-Projektes „Multi-Immerse“, das Professorin Martina
Lehser (Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes htw
saar/ZeMA) leitet, arbeiten am Center for Digital Neurotechnologies Saar
(CDNS) auf dem Medizin-Campus Homburg die Universität des Saarlandes, die
htw saar und das Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik
(ZeMA) zusammen. Außer Professorin Martina Lehser und den Professoren
Stefan Seelecke und Paul Motzki sind beteiligt von der Medizinischen
Fakultät der Universität des Saarlandes Professor Daniel Strauss (Direktor
der Systems Neuroscience & Neurotechnology Unit), Professor Michael Zemlin
(Direktor der Universitätskinderklinik), Professorin Eva Möhler
(Direktorin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychatrie) sowie
Informatiker der Universität des Saarlandes (Professor Jürgen Steimle) und
des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI).

An der Technologie der dielektrischen Elastomere forschen im Team der
Professoren Stefan Seelecke und Paul Motzki auch viele Nachwuchs-
Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler im Rahmen mehrerer
Doktorarbeiten. Sie ist Gegenstand zahlreicher Veröffentlichungen in
Fachzeitschriften und wurde in mehreren Forschungsprojekten gefördert:
unter anderem von der EU im Rahmen eines Marie-Curie Research Fellowships,
von der saarländischen Landesregierung im Rahmen der EFRE-Projekte iSMAT
und Multi-Immerse sowie unter anderem auch durch die MESaar im Rahmen
eines Promotionskollegs. Die Forscher wollen die Ergebnisse ihrer
anwendungsorientierten Forschung in die Industriepraxis bringen. Hierzu
haben sie aus dem Lehrstuhl heraus die Firma mateligent GmbH gegründet.

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Podiumsdiskussion: Kunst und Neue Rechte

Mittwoch, 17. April 2024, 18.30 Uhr
Online (Zoom) & Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Gartensaal
Goethestraße 31, 45128 Essen

Seit die Neue Rechte Kunst für ihre Politik beansprucht, drängt sich für
die Kunst- und Kulturwissenschaften die Frage nach einer neurechten
künstlerischen Praxis auf. Was ist neurechte Kunst und wie lässt sie sich
erfassen? Geht es um eine Rückkehr zur Kunst des Faschismus, um ein
Wiederaufleben einer reaktionären Ästhetik oder um die Besetzung neuer
Formate, wie sie beispielsweise von der Identitären Bewegung vereinnahmt
werden?

Während eine breite öffentliche Debatte um rechte Kunst bisher
ausgeblieben ist, erforschen künstlerische und kunstwissenschaftliche
Positionen seit einigen Jahren institutionelle Verstrickungen und rechte
Ästhetiken. Dazu zählen die Studien des Architekturtheoretikers Stephan
Trüby, der die architektonische und städtebauliche Agenda der Neuen
Rechten untersucht, die Forschungen von Elke Gaugele und Sarah Held, die
analysieren, wie neurechte Gewaltformen durch Mode normalisiert werden
sowie die Arbeiten von Friederike Sigler und Kathrin Rottmann, die das
Verhältnis von Kunst und der Neuen Rechten befragen.

Anhand konkreter Beispiele diskutieren sie mit Anja Schürmann am KWI, wo
sich rechte Ästhetiken abzeichnen, wie sie erkennbar werden und wie
künstlerische und wissenschaftliche Praktiken dazu beitragen können, die
kulturhegemonialen als politische Strategien zu identifizieren.

DISKUTANT*INNEN
Elke Gaugele, Akademie der bildenden Künste Wien
Sarah Held, Akademie der bildenden Künste Wien
Kathrin Rottmann, Ruhr-Universität Bochum
Stephan Trüby, Universität Stuttgart

MODERATION
Anja Schürmann, KWI
Friederike Sigler, Ruhr-Universität Bochum

TEILNAHME IN PRÄSENZ
Die Veranstaltung ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

VERANSTALTER
Eine Veranstaltung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) in
Kooperation mit dem Kunstgeschichtlichen Institut der Ruhr-Universität
Bochum.

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