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Innovative Open-Source-Simulations-Softwareplattform soll die Entwicklung „grünerer“ Magnete beschleunigen

Berechnung magnetischer Domänen in permanenten Magneten  Alexander Kovacs, Universität für Weiterbildung Krems
Berechnung magnetischer Domänen in permanenten Magneten Alexander Kovacs, Universität für Weiterbildung Krems

Computerwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik
der Materie (MPSD) in Hamburg etablieren eine Open-Source-
Softwareplattform, um die Entwicklung umweltfreundlicher Magnete zu
unterstützen. Die Plattform wird eine Fülle von Softwarewerkzeugen zur
Modellierung und Simulation der Eigenschaften neuartiger magnetischer
Materialien enthalten und ist Teil eines EU-Kooperationsprojekts. Jeder
der Projektpartner, einschließlich des MPSD, wird sein Fachwissen und
seine Analysewerkzeuge beisteuern und mit einer bestimmten Gruppe
vielversprechender Materialien beginnen.

Magnete sind für viele der heutigen Technologien von entscheidender
Bedeutung, von den Generatoren in Windturbinen und den Motoren für
Elektrofahrzeuge bis hin zu Computern, Sensoren und Smartphones. Trotz der
enormen Bedeutung von Magneten sind die in ihnen enthaltenen seltenen
Erden knapp und schwierig abzubauen und zu trennen, so dass ihre
Herstellung schwere Umweltprobleme verursachen kann. Darüber hinaus müssen
98 Prozent dieser in der EU benötigten Rohstoffe importiert werden - ein
Aspekt, der erhebliche wirtschaftliche Abhängigkeiten verursacht.

Nun haben sich Wissenschaftler*innen aus Österreich, Frankreich,
Deutschland und Schweden mit zwei großen Technologieunternehmen
zusammengetan, um umweltfreundlichere Magnete aus nachhaltigen Materialien
zu entwickeln. Sie richten eine Open-Source-Softwareplattform ein, ein
enorm leistungsfähiges Toolkit mit fortschrittlichen
Modellierungsprogrammen, um das Verhalten magnetischer Materialien zu
simulieren und sie auf spezifische Anwendungen zuzuschneiden. Die
bahnbrechende Magnetic Multiscale Modelling Suite (MaMMoS) wird
Experimente, Simulationen und künstliche Intelligenz (KI) kombinieren, um
innovative magnetische Materialien zu identifizieren und zu entwerfen und
sie für modernste Geräte und Sensoren zu optimieren. Das auf vier Jahre
angelegte Projekt wurde im Januar in Wiener Neustadt, Österreich,
gestartet und wird von der Europäischen Union mit €6 Millionen
unterstützt.

Das MaMMoS-Projekt könnte die Entwicklungszeit für neuartige
dauermagnetische Werkstoffe erheblich verkürzen, die in Großanwendungen
wie der industriellen Automatisierung und erneuerbaren Energiequellen zum
Einsatz kommen, aber auch für Smartphones und Sensoren bestimmt sind. Um
die Genauigkeit der laufenden Simulationen zu erhöhen, wird die Suite KI-
Methoden in den Modellierungsprozessen einsetzen. Das Projektteam plant,
in Zusammenarbeit mit der EU-Magnet-, Automatisierungs- und
Sensorindustrie Standards für die Verknüpfung bestehender und künftiger
Simulationssoftware in allen Entwicklungsstadien zu schaffen – von
Erstprinzipienmodellen und Mikromagnetik bis hin zu Simulatoren auf
Geräteebene. MaMMoS wird die gemeinsame Nutzung und Wiederverwendung von
Daten durch Forschende und Industrie in den Vordergrund stellen, was es zu
einem leicht zugänglichen und gesellschaftlich wertvollen Softwarepaket
macht.

„Umweltfreundlichere Dauermagnete sind von größter Bedeutung im Wettlauf
um die Bewältigung der aktuellen klimatischen Herausforderungen", sagt
Projektkoordinator Thomas Schrefl, Leiter des Zentrums für Simulation und
Modellierung an der Universität für Weiterbildung in Krems, Österreich:
„Das Projekt MaMMoS leistet einen Beitrag zum Green New Deal der EU, indem
es Methoden entwickelt, um den Einsatz kritischer Rohstoffe in
Hochleistungsmagneten, die integraler Bestandteil von Elektromotoren und
Generatoren sind, zu minimieren.“

Zu den weiteren wissenschaftlichen Projektpartnern gehören das Leibniz-
Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung in Dresden, die
Universität Uppsala in Schweden und das Centre National de la Recherche
Scientifique (CNRS) in Grenoble, Frankreich. Zwei der weltweit
bekanntesten deutschen Technologieunternehmen, die Siemens AG und die
Robert Bosch GmbH, werden ein breites Spektrum an industriellem Fachwissen
und Forschungs- und Entwicklungskapazitäten in die Modellierungssuite
einbringen.

Die teilnehmenden Institutionen sind auf die Modellierung,
Charakterisierung oder Produktion von magnetischen Materialien auf
verschiedenen Längenskalen spezialisiert. MaMMoS soll diese Fülle an
Simulationswerkzeugen, Charakterisierungsmethoden und technischem Know-how
bündeln, um so die Modellierung eines breiten Spektrums vielversprechender
Materialien zu unterstützen. „Wir werden das MaMMoS Multiskalen
Modellierungs-Framework als Open Source im Internet zur Verfügung
stellen“, erklärt Hans Fangohr, der Projektleiter am MPSD. „Durch diese
Zugänglichkeit maximieren wir den potenziellen Nutzen der Investition für
alle Länder, Industrien und akademische Bereiche und tragen zur dringend
notwendigen grünen Revolution bei.“

Letztendlich verspricht MaMMoS, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung
neuartiger magnetischer Materialien zu leisten und dabei zu helfen, viele
Magnete aus seltenen Erden zu ersetzen. Die mit den verschiedenen
Simulations- und Charakterisierungswerkzeugen gesammelten Daten werden die
Experimente in diesem Gebiet untermauern. Das Projekt als Ganzes stellt
einen bedeutenden Schritt nach vorn in der Magnetforschung dar. Nach
seiner vollständigen Einrichtung wird MaMMoS eine bahnbrechende
Kooperationsplattform mit technologischen Lösungen für den Aufbau einer
nachhaltigeren Zukunft bieten – eine Zukunft, in der Technologie und
Umweltverantwortung Hand in Hand gehen.

Das MaMMoS-Projekt (Nr. 101135546) wird von der Europäischen Union
finanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch
ausschließlich die des Autors/der Autoren und spiegeln nicht unbedingt die
der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für
Gesundheit und Digitales (HADEA) wider. Weder die Europäische Union noch
die Bewilligungsbehörde können für sie verantwortlich gemacht werden.

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Reform der Notfallversorgung: Altersmediziner fordern mehr geriatrische Expertise in den Zentralen Notaufnahmen

Professorin Katrin Singler
Professorin Katrin Singler

Ab Januar 2025 soll bundesweit die Notfallversorgung reformiert werden, um
Patientenströme besser zu steuern und Überlastungen insbesondere in den
Kliniken zu vermeiden. Rund ein Viertel aller Patientinnen und Patienten
in den klinischen Notfallaufnahmen sind Studien zufolge über 70 Jahre alt.
Bei dieser Zielgruppe spielen Multimorbidität, untypische Symptome und
auch soziale Probleme häufig eine Rolle. Dennoch wird diese
Patientengruppe im jüngsten Eckpunktepapier des
Bundesgesundheitsministeriums zur Notfallreform vom 16. Januar nicht
einmal explizit erwähnt.

„Dabei ist genau jetzt der Zeitpunkt, um endlich mehr geriatrische
Expertise in die Zentralen Notaufnahmen zu bringen. Karl Lauterbachs
Reformpläne müssen auch hochaltrige Patientinnen und Patienten
berücksichtigen“, sagt Professorin Katrin Singler, Leiterin der
Arbeitsgruppe Notfall- und Intensivmedizin der Deutschen Gesellschaft für
Geriatrie (DGG).

Besonders pflegebedürftige ältere Menschen sind in den Zentralen
Notaufnahmen eine Herausforderung: Laut aktuellem Barmer Pflegereport
haben sie seltener fachärztlichen Kontakt als Nichtpflegebedürftige mit
gleichen Krankheitsbildern. Dies kann dann dazu führen, dass Krankheiten
schlechter erkannt, Therapien weniger durchgeführt und dadurch schließlich
Krankenhausaufenthalte häufiger sein können. Diagnostik und Behandlung
können dadurch komplizierter sein und die Pflegebedürftigen im Notfall
schneller zu Hochrisikopatientinnen und
-patienten werden, wie Professorin Singler – Oberärztin der Klinik für
Innere Medizin 2, Schwerpunkt Geriatrie, an der Paracelsus Medizinischen
Privatuniversität Nürnberg – mit Kolleginnen und Kollegen herausgefunden
hat. Schon lange wird deshalb eine bessere medizinische
Versorgungsstruktur insbesondere für Pflegebedürftige in Pflegeheimen
gefordert.

Multimorbidität und soziale Versorgung müssen besser berücksichtigt werden

Ein Unterschied zu jüngeren Erkrankten ist häufig, dass geriatrische
Patientinnen und Patienten – ob pflegebedürftig oder nicht – tendenziell
mehrere Krankheiten parallel haben, die aber nicht immer alle adäquat
behandelt werden. Das wiederum erschwert auch die soziale Situation:
„Nehmen wir das Beispiel Lungenentzündung: Wenn ein jüngerer Mensch in die
Notaufnahme kommt, bekommt er ein Antibiotikum und kann meistens schnell
wieder heim. Ein älterer Mensch dagegen ist schneller so geschwächt durch
die Lungenentzündung und gegebenenfalls andere bestehende Erkrankungen,
dass er sich nicht mehr allein zuhause versorgen kann. Die
Selbsthilfefähigkeit nimmt insgesamt ab”, erklärt Professorin Singler.
Auch sei die unspezifische Symptomatik eine Herausforderung: Hinter einem
Sturz zum Beispiel können auch ein vorangegangener Herzinfarkt oder ein
Infekt stecken. „Man muss auch die soziale Versorgung abklären, aber als
allererstes gilt es, die Ursache zu behandeln”, so Singler. „Und natürlich
gilt es stets zu klären, ob eine stationäre Aufnahme wirklich ein Benefit
ist oder ob das Problem auch ambulant behandelt werden kann.”

Mehr geriatrische Expertise in den Zentralen Notaufnahmen nötig
„Wir brauchen jetzt in Deutschlands Zentralen Notaufnahmen deutlich mehr
geriatrische Expertise, um diesen besonderen Bedürfnissen älterer
Patientinnen wie Patienten gerecht zu werden“, fordert Singler. „Nach
einem gezielten altersmedizinischen Screening kann dann eine adäquate
Behandlung veranlasst werden – ambulant oder stationär.” Einzelne
Leuchtturm-Projekte haben in der Vergangenheit bereits gezeigt, welchen
Mehrwert altersgerechte Behandlung bieten kann: Im Klinikum Frankfurt/Oder
werden zum Beispiel alte Menschen vor unnötigem Stress in der Notaufnahme
bewahrt, indem sie in Wohnzimmeratmosphäre von speziell geschultem
Pflegepersonal betreut werden. In Kanada werden sogenannte „Frailty
Nurses“ in Notaufnahmen eingesetzt. Eine Studie hat gezeigt, dass dadurch
spätere Wiedereinweisungen reduziert wurden. „Das ist ein beispielhafter
Weg, wie Überlastungen der Notaufnahmen zukünftig vermieden werden
könnten. Für die Reform der Notfallversorgung brauchen wir innovative
Lösungen und auch zukünftig mehr Forschungsmöglichkeiten. So können wir
die größer werdende Gruppe älterer Menschen mit ihren Co-Morbiditäten und
komplexen Krankheitsbildern genauer erfassen, die Patientenströme besser
steuern und Notaufnahmen entlasten.“

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Ziel von Städtebau und Landesplanung: „ein besseres Leben für alle“

Prof. Mario Tvrtkovic forscht und lehrt an der Hochschule Coburg unter anderem zu Transformation, zu nachhaltigem Städtebau und der Entwicklung von Stadt und Land.  Natalie Schalk  Hochschule Coburg
Prof. Mario Tvrtkovic forscht und lehrt an der Hochschule Coburg unter anderem zu Transformation, zu nachhaltigem Städtebau und der Entwicklung von Stadt und Land. Natalie Schalk Hochschule Coburg

Bezahlbarer Wohnraum, der CO2-Ausstoß des Gebäudesektors, die
Lebensqualität in Stadt und Land: Mit aktuellen Herausforderungen
beschäftigt sich die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung
(DASL). Sie fördert Städtebau und Landesplanung in Wissenschaft und Praxis
und berät z.B. auch das Bundesbauministerium zur großen Reform des
Bundesbaugesetzes, die 2024 anstehen soll. Prof. Mario Tvrtkovic wurde
Ende 2023 zum Wissenschaftlichen Sekretär und Präsidiumsmitglied der DASL
gewählt. Er forscht und lehrt an der Hochschule Coburg u.a. zu
Transformation, nachhaltigem Städtebau und der Entwicklung von Stadt und
Land. Im Interview erklärt er, was wir jetzt für eine gute Zukunft tun
müssen.

Warum sind Städtebau und Landesplanung für die Zukunft entscheidend?
Prof. Mario Tvrtkovic: Als Gesellschaft nutzen wir das Land für
Siedlungsgebiete und Verkehrsinfrastruktur, brauchen es aber auch, um die
Ernährung sicherzustellen und für die Energieversorgung. Fotovoltaik,
Windenergie: Alles hängt mit der Landnutzung zusammen. Hierbei verbrauchen
wir zu viele Ressourcen, produzieren zu viele Schadstoffe und emittieren
zu viel CO2. Wir bringen durch unser Handeln das Klima und die Anzahl der
Arten auf der Erde, die Biodiversität, sehr stark in Bedrängnis. Ein
großer Verursacher dieser Probleme, sind die Städte, denn hier leben viele
Menschen und hier sind viele Prozesse und Strukturen angelegt.
Gleichzeitig sind Städte von den Folgen stark betroffen, beispielsweise,
wenn Wasser bei Starkregen nicht versickern kann. In Städten lässt sich
aber auch viel erreichen: Prozesse und gesellschaftlicher Zusammenhalt
können so organisiert werden, dass es nachhaltig und im Sinne von sozialem
Ausgleich und Gemeinwohl funktioniert. Das müssen wir viel aktiver tun.
Wir müssen Lösungen in Städtebau und Regionalentwicklung suchen.

Was konkret muss sich ändern?
Es geht darum, die Lebensbedingungen in Städten und Kommunen zu verbessern
und zum Beispiel an die Folgen der Klimakrise anzupassen. Stadträume
brauchen mehr Wasser, mehr Bäume und Verschattung. Anders als viele
glauben, ist die Entwicklung einer blaugrünen Stadt aber weniger ein
technologisches Projekt als ein gesellschaftliches. Es ist wichtig, dass
wir systemisch denken und über das Lokale hinaus. Bei Starkregen zum
Beispiel lassen sich die Kreisläufe des Wassers über die weitere Region
wieder ausgleichen. Da hilft Technologie natürlich. Gleichzeitig ist klar,
dass wir den Anteil an Flächen, die versiegelt sind, reduzieren müssen.
Und global müssen wir bei aktuell acht Milliarden Menschen auf der Erde
aushandeln, wie alle einen ausreichenden und gerecht verteilten Zugang zu
endlichen Ressourcen, nachhaltigen Verkehrsangeboten, Wohnraum oder
Freizeit und Erholungsflächen erhalten.

Welche Rolle spielt die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung
(DASL)?
Nur mit vorausschauendem, planerischen Handeln der Kommunen, Städte und
der Bundesländer lässt sich die räumliche und bauliche Entwicklung so
lenken, dass gesellschaftspolitische Wertvorstellungen über eine
angemessene Lebensumwelt jetzt und für die kommenden Generationen
umgesetzt werden. Städtebau und Landesplanung umfassen beispielsweise die
Planung von Bodennutzung und Infrastrukturinvestitionen, die Gestaltung
und baukulturelle Erhaltung und Entwicklung des Orts- und
Landschaftsbildes. In der DASL haben sich Fachleute aus Städtebau und
Landesplanung zusammengeschlossen, die besondere Leistungen in Forschung
und praktischer Planung erbracht haben. Bei diesen Themen hat die
Hochschule Coburg eine bedeutende Stellung, und bereits 2022 habe ich in
Coburg den Hochschultag der DASL zum Thema „Transformative Kraft der
Region“ organisiert. Das war das 100. Jubiläumsjahr der Akademie und aus
diesem Anlass haben wir uns auch mit der Berliner Erklärung deutlich zu
einer gesellschaftlichen Mitverantwortung von Städtebau und Landesplanung
für die Zukunft der Städte und Regionen positioniert. Die Fachdisziplinen,
die für die räumliche Entwicklung zuständig sind, tragen auch für die
Transformation zur Nachhaltigkeit eine Verantwortung. Die DASL fördert
diese Themen in Wissenschaft und Praxis und macht sie der Öffentlichkeit
zugänglich.

Auf welche Weise?
Beispielsweise durch Aus- und Weiterbildung nach dem akademischen
Abschluss. Auch Vorträge und wissenschaftliche Tagungen dienen dem
Transfer. Und wir setzen uns dafür ein, institutionelle Strukturen zu
verändern, Rechtsformen zu öffnen, Rechtsrahmen zu reformieren. Wir
bringen uns auch bei einem neuen Landesentwicklungsplan für Bayern ein
(www.besseres-lep-bayern.de) und wirken mit weiteren Verbänden und
Institutionen beratend bei der dringend nötigen Novellierung des
Bundesbaugesetzes, die dieses Jahr ansteht.

Warum braucht das Bundesbaugesetz die Reform?
Das Baugesetzbuch stammt aus dem Jahr 1960 und wurde zwar immer wieder
ergänzt, angepasst und nachgebessert, aber es wird den Herausforderungen
des 21. Jahrhunderts nicht gerecht: Klima- und Umweltschutz zum Beispiel,
Klimaanpassung, Ressourcenschutz, Flächensparen, Umbau des Bestands. Wenn
wir die Lebensqualität der Menschen künftig erhalten und verbessern
wollen, müssen wir handeln.

Ok, aber wo ist das Problem?
Wie wir produzieren, wohnen, uns bewegen und wie wir konsumieren: Das
müssen wir grundlegend ändern. Wissenschaftlich ist klar, dass die
Zeiträume für die Transformation zur Nachhaltigkeit eng sind. Das Problem
ist: Gesamtgesellschaftlich und auch in der Wissenschaft schaffen wir es
nicht ausreichend, zu erklären, dass der Wandel hin zu nachhaltiger
Entwicklung nicht negativ ist, kein Verlust. Es bedeutet einen Gewinn.
Trotzdem wird viel Negatives erzählt, denn es gibt viele, die von
bestehenden Rahmenbedingungen wirtschaftlich und machtpolitisch
profitieren. Die renommierte Harvard-Professorin Naomi Oreskes hat in
ihrer Forschung zur Desinformation zum Beispiel belegt, dass die fossile
Industrie auch nicht vor gezielter Irreführung der Öffentlichkeit
zurückschreckt, um ihr Geschäftsmodel zu erhalten. Veränderungen bringen
Unsicherheit mit sich. Deshalb ist uns als Akademie ein großes Anliegen -
auch im Sinne der politischen Beratung – zu vermitteln, dass eine
Transformation zur Nachhaltigkeit eine sozial gerechtere und lebenswertere
Zukunft bedeutet. Es geht um ein besseres Leben für alle. Dabei ist klar,
dass für sozialen Ausgleich gesorgt werden muss, dass die Steuerung von
Transformationsprozessen am Gemeinwohl orientiert sein muss. Städte und
die Kommunen, Stadtplanung an sich sind ja auch verantwortlich für die
gute öffentliche Daseinsvorsorge. Im Fokus stehen Menschen mit ihren
unterschiedlichen ökonomischen Möglichkeiten.

Wie muss sich die Planung unserer Städte und Regionen verändern?
Wir müssen die Dinge auch gesamtökonomisch klar benennen. Nur wenn wir den
gesamten Lebenszyklus beim Bau betrachten, also alle Kosten inklusive
Abbau und Umweltkosten, Transport, Emissionen und Entsorgung, zeigt sich
die Kosten-Wahrheit. Dann ist klar, dass die Zukunft des Bauens im Bestand
liegt. Im Moment geben wir wirtschaftliche Fehlanreize, zum Beispiel für
hohen Ressourcen- und Flächenverbrauch. Das muss sich ändern. Planung,
Stadt, Mobilität, Landschaft, Freiraum: Alles hängt zusammen. Deshalb
brauchen wir ein integratives, interdisziplinäres und transdisziplinäres
Verständnis der Lebensumwelt, in dem die Menschen ein Teil des Ganzen sind
und nicht außerhalb stehen. Das vermittle ich auch in unserem Studiengang
Architektur an der Fakultät Design der Hochschule Coburg.

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Frühjahrsprognose IfW Kiel: Erholung verzögert sich

Wirtschaftsleistung (BIP) Deutschland, Veränderung gegenüber dem Vorjahr
Wirtschaftsleistung (BIP) Deutschland, Veränderung gegenüber dem Vorjahr

Deutschlands Weg aus dem Konjunkturtief verlängert sich laut jüngster
Prognose des IfW Kiel, erst nach dem Frühjahr zeichnet sich eine moderate
Erholung ab. Im Winterhalbjahr dürfte die Wirtschaftsleistung noch
schrumpfen und im Gesamtjahr 2024 mit einem Plus von 0,1 Prozent kaum mehr
als stagnieren. Damit revidiert das IfW Kiel seine Erwartungen aus der
Winterprognose deutlich um 0,8 Prozentpunkte nach unten. Gründe: Privater
Konsum und Exporte erholen sich später bzw. weniger dynamisch, zudem
zeigen sich die Investitionen äußerst schwach. Für 2025 belässt das IfW
Kiel seine Prognose unverändert und sieht den Zuwachs der
Wirtschaftsleistung bei 1,2 Prozent.

Für 2025 belässt das IfW Kiel seine Prognose unverändert und sieht den
Zuwachs der Wirtschaftsleistung bei 1,2 Prozent. Die Inflationsrate dürfte
auf unter 2 Prozent, das Finanzierungsdefizit des Staates auf unter 0,8
Prozent zurückgehen.

„In der deutschen Konjunktur drücken zurzeit eine ganze Reihe von Faktoren
auf Stimmung und Wirtschaftsdaten. Die Exportwirtschaft leidet unter einer
schwächelnden Weltkonjunktur, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank
wirkt restriktiv und dürfte das auch noch bis ins kommende Jahr hinein
tun, und die Sparanstrengungen der Bundesregierung kommen zu einem
ungünstigen Zeitpunkt und versprühen zusätzlichen Pessimismus“, sagte
Moritz Schularick, Präsident des IfW Kiel, anlässlich der heute
erschienenen Konjunkturprognosen.

Deutsche Wirtschaft im Frühjahr 2024: Erholung mit Hindernissen
(https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/deutsche-wirtschaft-im-
fruehjahr-2024-erholung-mit-hindernissen-32631
)

Weltwirtschaft im Frühjahr 2024: Dynamik bleibt verhalten
(https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/weltwirtschaft-im-fruehjahr-2024
-dynamik-bleibt-verhalten-32633
)

Nach einem deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung im Schlussquartal
2023 geht es der Prognose des IfW Kiel zufolge auch im 1. Quartal nochmal
minimal abwärts. Erst ab dem Frühjahr dürfte eine moderate Erholung
einsetzen. Die Wirtschaftsleistung liegt 2025 aber nur 2 Prozent über dem
Niveau, das vor Ausbruch der Corona-Pandemie vor sechs Jahren erreicht
wurde.

„Die deutsche Konjunktur fasst zwar im Laufe des Jahres wieder Tritt,
große Sprünge sind aber nicht in Sicht. Es mehren sich die Anzeichen, dass
vor allem strukturelle Probleme auf der Wirtschaft lasten. Schwachpunkt
bleiben die privaten Investitionen, auch weil die Wirtschaftspolitik viel
Unsicherheit schürt“, so Stefan Kooths, Konjunkturchef am IfW Kiel.

Zudem schätzt das IfW Kiel die unternehmerische Investitionstätigkeit
nunmehr deutlich schwächer ein. Ausrüstungsinvestitionen dürften im
laufenden Jahr um 1,3 Prozent zurückgehen. Die Bauinvestitionen stehen
weiter unter Druck, der Wohnungsbau schrumpft mit 4 Prozent sogar noch
stärker als in den beiden Jahren zuvor. Ab dem nächsten Jahr sind aber
wieder kleine Steigerungsraten von rund 1 Prozent in den genannten
Bereichen möglich.

Positive Signale: Rückläufige Inflationsrate, robuster Arbeitsmarkt

Der Aufschwung wird maßgeblich getragen durch eine allmählich einsetzende
Belebung des privaten Konsums und ein nach und nach anziehendes
Auslandsgeschäft. Die jeweiligen Auftriebskräfte – steigende
Massenkaufkraft im Inland dank hoher Lohnabschlüsse bei rückläufiger
Inflationsrate sowie eine anziehende Auslandsnachfrage – fallen jedoch
schwächer aus bzw. setzen später ein als bislang erwartet.

Die Inflationsrate ist rückläufig: Nach 8,2 Prozent im ersten Quartal des
Jahres 2023 ist sie im Januar und Februar bereits auf 2,9 bzw. 2,5 Prozent
abgesunken. Für das laufende Jahr rechnet das IfW Kiel mit einer
Inflationsrate von 2,3 Prozent, für 2025 wird ein weiterer Rückgang auf
dann 1,7 Prozent erwartet.

Die real verfügbaren Einkommen legen nach drei rückläufigen Jahren in
Folge 2024 und 2025 wieder um rund 1 Prozent zu.

Der Arbeitsmarkt zeigt sich in Anbetracht der schwachen wirtschaftlichen
Dynamik robust, die Arbeitslosenquote dürfte bei 5,8 Prozent (2024) und
5,6 Prozent (2025) liegen. Die Zahl der Erwerbstätigen erreicht im
laufenden Jahr die Rekordmarke von 46,1 Millionen, bevor sie im Zuge des
demografischen Wandels auf einen Abwärtstrend einschwenkt.

Das Finanzierungsdefizit des Staates ist vor allem aufgrund der
Konsolidierungsmaßnahmen rückläufig und dürfte von 2,1 Prozent in Relation
zum Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2023 auf 0,8 Prozent im Jahr 2025
zurückgehen.

Nach fünf Quartalen im Rückwärtsgang geht es mit den Exporten ab dem
Frühjahr allmählich wieder aufwärts. Aufgrund des schwachen
Winterhalbjahrs sinken die Exporte im Durchschnitt des laufenden Jahres
aber wohl nochmal deutlich um 1,7 Prozent, für 2025 ist dann ein Zuwachs
von 2,8 Prozent zu erwarten.

Die wenig dynamische, aber insgesamt stabile Weltkonjunktur wird wieder
etwas stärker von der Industrieproduktion getragen. Damit überwindet der
Welthandel seine Schwächephase und stützt über mehr Aufträge die deutsche
Industrie.

Der gestörte Schiffsverkehr im Roten Meer dürfte den deutschen Außenhandel
hingegen nur kurz beeinträchtigt haben (mehr lesen: Frachtmenge im Roten
Meer geht weiter zurück, weniger Schiffe in Hamburg https://www.ifw-
kiel.de/de/publikationen/aktuelles/frachtmenge-im-roten-meer-geht-weiter-
zurueck-weniger-schiffe-in-hamburg/
).

Risiko US-Präsidentschaftswahl

Die Weltproduktion steigt laut Prognose nur moderat um 2,8 Prozent (2024)
und 3,1 Prozent (2025). Nicht zuletzt Chinas strukturelle Probleme
verhindern eine stärkere Entwicklung. Die Wirtschaft dort dürfte im
laufenden und kommenden Jahr mit Raten von nur unter 5 Prozent zulegen.
Zugpferd ist Indien mit Raten von knapp 7 Prozent.

In den entwickelten Volkswirtschaften läuft die US-Konjunktur am
stärksten. 2024 dürfte die Wirtschaftsleistung kräftig um über 2 Prozent
steigen, 2025 lässt mit den fiskalischen Impulsen aus dem Wahljahr dann
auch die Dynamik etwas nach.

„Die Präsidentschaftswahlen in den USA lasten als gewichtiger
Unsicherheitsfaktor auf der Weltkonjunktur und den Aussichten für die
deutsche Wirtschaft. Sollte Donald Trump das Rennen machen, drohen neue
Handelskonflikte infolge protektionistischer Vorstöße, die Erholung des
Welthandels zu beeinträchtigen. Diesen Risiken stehen nur sehr geringe
Chancen auf Handelserleichterungen – etwa durch neue Freihandelsabkommen –
gegenüber“, so Kooths.

Hinweis für den Hörfunk: Ein Audio-File mit O-Tönen von IfW-Konjunkturchef
Stefan Kooths steht zum Download zur Verfügung am Ende unserer
Medieninformation (https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/aktuelles
/erholung-verzoegert-sich/
) auf der Website.

Fragen:
Wie wird sich die Konjunktur im laufenden Jahr entwickeln?
Das IfW Kiel revidiert seine Prognose deutlich um 0,8 Prozentpunkte nach
unten, warum?
Sie rechnen damit, dass die Menschen künftig wieder mehr Geld ausgeben,
warum?

Jetzt Berichte lesen:
Deutsche Wirtschaft im Frühjahr 2024: Erholung mit Hindernissen
(https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/deutsche-wirtschaft-im-
fruehjahr-2024-erholung-mit-hindernissen-32631
)

Weltwirtschaft im Frühjahr 2024: Dynamik bleibt verhalten
(https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/weltwirtschaft-im-fruehjahr-2024
-dynamik-bleibt-verhalten-32633
)

Unser Themendossier Konjunktur (https://www.ifw-
kiel.de/de/themendossiers/konjunktur/) gibt eine Übersicht über alle
unsere Prognosen.

Mehr Infos zum IfW-Forschungszentrum Konjunktur und Wachstum auf dessen
Webseite: https://www.ifw-kiel.de/de/institut/forschungszentren
/konjunktur-und-wachstum/.

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