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ParenThesis – Ein Blog von und für Eltern in der Wissenschaft

Viele Wissenschaftler:innen, insbesondere Frauen, entscheiden sich gegen
eine akademische Karriere aus der Sorge, diese sei mit der Gründung einer
Familie und dem Großziehen von Kindern nicht vereinbar. Die deutsche
Hochschullandschaft verliert deswegen jedes Jahr hochqualifizierte
Fachkräfte (»leaky pipeline«). Diesem Phänomen will der Blog ParenThesis
mit Informationen und individuellen Lösungsvorschlägen entgegentreten.

Eine Ursache derartiger Selektionseffekte ist, dass eine akademische
Karriere oftmals als nicht oder nur wenig vereinbar mit Plänen der
Familiengründung wahrgenommen wird. Bemühungen zur Reduktion dieser
Wahrnehmung (wie etwa Beratungsangebote durch Gleichstellungsbeauftragte,
familienfreundliche Hochschulen, Diversitätsmanagement,
Kinderbetreuungsangebote, etc.) werden bereits von vielen Hochschulen
angestoßen. Dennoch ist eine Vereinbarkeit von Familienverantwortung und
wissenschaftlicher Karriere momentan noch mit vielen Schwierigkeiten
verbunden. Dies betrifft u.a. Stellenbefristungen, Mobilitätsanspruch,
kaum echte Dual Career Möglichkeiten und die Verortung der Problemlösung
auf den privaten Bereich anstelle einer grundsätzlichen Normverschiebung
und Offenheit für Problemlösungen auf institutioneller Ebene.

ParenThesis ist ein Blog, in dem eine Gruppe von Wissenschaftler:innen aus
der Psychologie jeweils einzeln auf häufige Fragen der Vereinbarkeit mit
ihren ganz persönlichen Erfahrungen antworten. Das Team will anhand
eigener Erfahrungen und individueller Karrierewege zeigen, dass eine
wissenschaftliche Karriere mit Familie vereinbar sein kann und welche
Herausforderungen sich dabei täglich stellen. Wie kann man einen
Arbeitsalltag mit Kind gestalten? Wie sieht (in)effizientes Arbeiten mit
Kindern im Home Office aus? Wie lässt sich ein Konferenzbesuch mit Kindern
gestalten? Wann ist der beste Zeitpunkt ein Kind zu bekommen, wenn man in
der Wissenschaft tätig ist? Die Erfahrungsberichte sind dabei so
vielfältig wie die Personen, die sie geschrieben haben.

ParenThesis verfolgt drei Ziele. Der Blog beantwortet (1) konkrete Fragen
zur Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familienleben (2)
sammelt und dokumentiert unterschiedliche und individuelle
Herangehensweisen und Lösungsmöglichkeiten und zeigt auf, dass pauschale
Lösungen nach dem Schema »one fits all« bei Vereinbarkeitsfragen oft nicht
zielführend sind und macht (3) die Problematik der Vereinbarkeit von
wissenschaftlicher Karriere und Familienverantwortung auch für
Entscheidungsträger:innen noch stärker sichtbar. Initiatorin des Blogs ist
Prof. Dr. Carina G. Giesen, Dekanin der Fakultät Gesundheit an der HMU
Health and Medical University in Erfurt.

Link zu Webseite: https://parenthesis-blog.de/

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HSBI-Studierende erzählen in Comics von den alltäglichen Herausforderungen der Sozialen Arbeit in Krankenhäusern

In Deutschland ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass Krankenhäuser einen
Sozialdienst vorhalten, durch den im besten Fall Fachkräfte Sozialer
Arbeit die Patientinnen und Patienten beraten und begleiten. Ein aktuelles
Forschungsprojekt der HSBI hat sichtbar gemacht, dass die Situation der
Sozialen Arbeit in Krankenhäusern, insbesondere während und nach der
Covid-19-Pandemie, von besonderen Herausforderungen gekennzeichnet ist.
Das haben nun Studierende der Fachbereiche Sozialwesen und Gestaltung
thematisiert: In Comics, auf Plakaten und mit Videoinstallationen stellen
sie die alltägliche Praxis der Sozialen Arbeit im Krankenhaus dar und
machen auf ihre Leistungen und Probleme aufmerksam.

Bielefeld (hsbi). Ein älterer Mann soll nach erfolgreicher OP wieder nach
Hause entlassen werden. Erst allmählich findet eine Sozialarbeiterin des
Krankenhauses in Gesprächen mit ihm heraus, inwieweit es jemanden gibt,
der ihn daheim unterstützen kann bei der Einhaltung der körperlichen
Hygiene, beim Putzen und der Ernährung. Szenenwechsel: Eine weitere
Sozialarbeiterin bespricht mit einer Mitarbeiterin eines Pflegedienstes
die Rückkehr einer alkoholerkrankten Patientin nach gerontopsychiatrischer
Behandlung nach Hause. Im Telefonat berichtet sie von Stress auf der
Arbeit und von ihrer Überlegung zu kündigen. Und noch eine Szene: Eine
betagte Frau ist nach ihrer Behandlung im Krankenhaus sehr mitgenommen.
Sie erzählt aber viel über die Menschen in ihrer Familie und in ihrem
sozialen Umfeld. Die Sozialarbeiterin filtert in der Beratung mit großem
Geschick heraus, wer im Leben der Patientin welche Bedeutung einnimmt und
mit wem sie in Kontakt treten könnte, um die Heimkehr und Nachsorge der
Frau zu organisieren.

Interdisziplinäres Seminar „Von der Datenanalyse zur Graphic Novel“

Dies sind nur drei von acht alltäglichen Situationen aus der
Krankenhaussozialarbeit, mit denen Studierendenteams der Fachbereiche
Sozialwesen und Gestaltung an der Hochschule Bielefeld (HSBI) im
vergangenen Wintersemester im Seminar „Von der Datenanalyse zur Graphic
Novel“ gearbeitet haben. Die Szenerien zeichnen einen kleinen Ausschnitt
der Sozialen Arbeit in den Krankenhäusern von heute. Aus ihnen sind im
Rahmen des Seminars unter anderem Plakate, Videos, Installationen und
kleine Comics entstanden. Inhaltlich im Zentrum stehen
Krankenhaussozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter, ihre Berufspraxis mit
Patientinnen und Patienten, deren Angehörigen, sowie das sogenannte
„Entlassmanagement“.

Der Untertitel des Seminars von Prof. Dr. Anna Lena Rademaker vom
Fachbereich Sozialwesen lautete „Wie gelingt intermediale
Wissenschaftskommunikation?“ Einerseits sollten die Studierende mithilfe
der Sequenzanalyse, einer qualitativen Methode empirischer
Sozialforschung, herausbekommen, welche Erkenntnisse sich über die
Fallarbeit im Berufsalltag Sozialarbeitender gewinnen lassen. Hierbei
betrachten die Studierenden u.a. die interdisziplinäre Zusammenarbeitet
zwischen der Sozialen Arbeit, der Pflege und der Medizin. Andererseits
aber ging es auch darum, dass die Teams ausprobierten, wie die Vermittlung
der gewonnenen Erkenntnisse für die allgemeine Öffentlichkeit
funktionieren könnte, wenn man sich erzählerisch und bildsprachlich am
Vorbild der Graphic Novel orientiert.

Ethnografische Protokolle Sozialarbeitender und Sequenzanalyse aus dem
Projekt postCOVID@owl bilden den Ausgangspunkt

Die eingangs verkürzt wiedergegebenen Szenen stammten aus ethnografischen
Forschungsprotokollen, in denen Krankenhaussozialarbeiterinnen Gespräche
und Begegnungen mit Patientinnen und Patienten sowie vereinzelt auch mit
Kolleginnen und Kollegen dokumentiert haben. Diese anonymisierten Texte
sind unter der Leitung von Prof. Rademaker im Projekt postCOVID@owl in
Kliniken aus OWL entstanden. Sie bildeten die Grundlage für die Arbeit der
Studierenden im Seminar.

Getreu der Methodik der Sequenzanalyse war es zunächst das Ziel
herauszufinden, welche Perspektiven in den Texten erkennbar, welche
Regeln, Abläufe und Routinen sichtbar werden. Danach stellte sich u.a. die
Aufgabe, diese Perspektiven mithilfe gestalterischer Methoden zu
visualisieren. Dabei konnten die Studierenden mehr über den Gegenstand der
Texte erfahren, indem sie in einem kreativen Prozess Textinterpretation
und Gestaltung miteinander verbunden haben. Neben Rademaker betreute
deshalb Lucia Thiede vom Fachbereich Gestaltung als Expertin für
gestalterische Forschung das Seminar, und Rademaker holte als weitere
Verstärkung den erfahrenen Berliner Comiczeichner Marwil für einen
Workshop mit ins Team.

Am Ende des Semesters wurden die so entstandenen „Arts-informed-
research“-Arbeiten präsentiert, und die Studierenden reflektierten
gemeinsam den Prozess der Analyse und der „Übersetzung“ in die
präsentierten Werke. Die Studierenden bewerteten den Einsatz der
Sequenzanalyse positiv, weil diese tatsächlich „zu gedanklichen
Experimenten anregte“, so eine der teilnehmenden Studierenden. Eine
weitere Studierende erläuterte: „Die Bilder in unseren Köpfen, die wir
über die Analyse der Texte im Seminar über die Soziale Arbeit im
Krankenhaus entwickelt hatten, wurden im wahrsten Sinne des Wortes
dargestellt, aber auch immer wieder infrage gestellt.“ Die Lehrbeauftragte
Lucia Thiede vom Fachbereich Gestaltung war begeistert, wie die
Studierenden Woche für Woche eine neue Perspektive auf die Protokolle
eingenommen haben und wie sich daraus Schritt für Schritt acht eigene
Erzählungen entwickelten. „Auf diesem Wege wurden wiederkehrende, von den
Einzelfällen unabhängige Strukturen sichtbar gemacht“, so Thiede.

„Wunsch nach Urlaub und Erholung“, jede Menge „soziale Bezüge“ und
„herausfordernde Realitäten“

Der Charme der Comics, Plakate und Graphic Novels, die so entstanden, lag
auch darin, dass durch die medienbedingte Fokussierung auf einzelne
Aspekte aus den Forschungsprotokollen Phänomene der Sozialen Arbeit sehr
pointiert hervortraten. In einem Comicstrip wurde der Wunsch einer
Sozialarbeiterin nach Urlaub und Erholung nach der anstrengenden Zeit auf
einer Covid-19-Isolierungsstation thematisiert. Ein anderes Team
gestaltete ein Plakat und skizzierte darauf das komplexe soziale und
familiäre Umfeld der eingangs erwähnten Patientin wie in einer
Netzwerkkarte. Ein Video wiederum machte sichtbar, wie komplex die
Organisation der pflegerischen Unterstützung von Patientinnen und
Patienten sein kann. Das geschah unter anderem, indem ein Essenstablett am
Patientenbett verschiedene „Bühnen“ der Erzählung des Falls
repräsentierte.

Die Gespräche, das gemeinsame Reflektieren und die kreative Umsetzung
machten den Studierenden sichtlich Spaß. Die Arbeiten mit ihren
unterschiedlichen gestalterischen Techniken ergaben in ihrer Gesamtheit
ein Bild, das mit einer gewissen Leichtigkeit, Poesie und stellenweise
auch mit Humor die mitunter kritische Situation der Sozialen Arbeit in den
Krankenhäusern beleuchtete und den Protagonistinnen und Protagonisten eine
Stimme gab. Allerdings betonte ein Studierender bei der
Abschlussveranstaltung des Seminars, dürfe das nicht darüber
hinwegtäuschen, dass sich unterm Strich aus den Forschungsprotokollen ein
fragwürdiges Bild von der Situation in den Krankenhäusern herauslesen
lasse: „Sichtbar wurden ziemlich traurige Realitäten. Die
Sozialarbeitenden sind mit den Fallzahlen überlastet, und durch die
Vorgaben und Rahmenbedingungen im Krankenhaus ist es total herausfordernd
für sie, patientenorientiert zu handeln.“

Soziale Arbeit im Krankenhaus nimmt zunehmend Bedeutung an – Ausstellung
geplant

Das kann Anna Lena Rademaker bestätigen: „Wir haben seit vielen Jahren ein
wirtschaftlich gesteuertes Gesundheitssystem, das auf ein möglichst
effizientes Entlassmanagement in den Krankenhäusern ausgerichtet ist. Die
Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter befinden sich damit im
Spannungsfeld von Anforderungen und Rahmenbedingungen der Institution
Krankenhaus und dem professionellen Auftrag Sozialer Arbeit, Teilhabe
trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung zu ermöglichen. Sie fühlen sich
hin- und hergerissen, als Verbindungsglied zwischen Fallkomplexität,
Bedarfen der Patientinnen und Patienten, deren Angehörigen, den
Pandemiefolgen und den Anforderungen des Krankenhauses.“ In Rademakers
Forschungsprojekt wird deutlich, dass die Soziale Arbeit im Krankenhaus
noch wichtiger geworden ist. Sie begründet dies mit dem mit multiplen
Krisen einhergehendem gesellschaftlichen Wandel. Armut, gesundheitliche
Ungleichheit, Migration, Wirtschaftskrisen, Fachkräftemangel und viele
weitere Entwicklungen heutiger Zeit würden im Krankenhaus zusammenprallen
und müssten von dem ohnehin überlasteten System und dem Personal
abgefangen werden. „Damit Professionalisierung von Sozialer Arbeit im
Krankenhaus gelingen kann, braucht es in erster Linie gesetzliche
Grundlagen zur Personalausstattung im Sozialdienst und klare
Qualifikationsprofile“, so Rademaker. „Darüber hinaus ist Soziale Arbeit
im Krankenhaus eine hoch professionelle Praxis. Es fehlt ihr jedoch noch
immer an Wahrnehmung und Akzeptanz. Hierzu trägt insbesondere Vertrauen in
die eigene Professionalität und ein sicheres Auftreten sowie Akzeptanz und
Vertrauen anderer in die Professionalität Sozialer Arbeit bei.“

Auch um auf diese Situation aufmerksam zu machen und der Sozialen Arbeit
im Krankenhaus eine Stimme zu geben, möchten Anna Lena Rademaker und Lucia
Thiede mit den Studierenden zum Beginn des Sommersemesters 2024 die
Arbeiten aus dem Seminar öffentlich in der Magistrale des HSBI-
Hauptgebäudes ausstellen. Rademaker: „Viel zu oft verbleiben Erkenntnisse
in der wissenschaftlichen Community. Die Ergebnisse der Studie
postCOVID@owl, in der ein Team an der HSBI mit Fachkräften Sozialer Arbeit
aus Kliniken in OWL im partizipativen Forschungsprozess die aktuelle
Situation der Sozialen Arbeit in den Krankenhäusern analysiert hat,
könnten mithilfe der kreativen Arbeiten der Studierenden einer breiten
Öffentlichkeit nahegebracht werden. Auch das war ja ein Ziel unseres
Seminars.“ Und weil die Resonanz der Studierenden aus den Fachbereichen
Sozialwesen und Gestaltung so groß war, wollen sie das Seminar im nächsten
Semester erneut anbieten.

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Kick-off für neues Polarforschungsprojekt

Wie die Erwärmung der Arktis die Jahreszeiten in Spitzbergen verändert,
steht im Fokus des neuen Forschungsprojektes YESSS - Year-round EcoSystem
Study on Svalbard. Lebenszyklen, Nahrungssuche und Überwinterung
ausgewählter Schlüsselarten beobachtet das aus rund 30 Personen bestehende
Team ganzjährig rund um die AWIPEV-Station auf Spitzbergen und führt dazu
Experimente durch. Das Bundesforschungsministerium finanziert das am
Alfred-Wegener-Institut koordinierte Projekt bis Ende 2026 mit 2,7
Millionen Euro.

Nirgendwo erwärmt sich die Erde so schnell wie in der Arktis. Die dort
schmelzenden Gletscher und das schwindende Meereis sind zum ikonischen
Bild des Klimawandels geworden. Aber auch die gesamte Entwicklung von
Pflanzen und Tieren im saisonalen Jahresverlauf ändert sich,
möglicherweise mit gravierenden ökologischen Konsequenzen.

Im Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und
Meeresforschung (AWI) trafen sich vom 6.-8. Februar 2024 Forschende von
sieben Universitäten und Forschungseinrichtungen zum Kick-off-Meeting für
das 40-monatige Polarforschungsprojekt YESSS. Unter Führung des AWI wollen
sie die saisonalen Aspekte der Erwärmung in der Arktis erforschen, z. B.
Lebenszyklen, Nahrungssuche und Überwinterung. Bislang ist darüber wenig
bekannt, weil das Verständnis dieser ökologischen Prozesse überwiegend auf
Studien beruht, die im Frühling und Sommer durchgeführt wurden. Das soll
sich jetzt ändern: YESSS steht für „Year-round EcoSystem Study on
Svalbard“, es geht also um ganzjährige Forschungsarbeiten auf dem
arktischen Archipel Spitzbergen. Im Rahmen der Polarstrategie der
Bundesregierung finanziert das Bundesministerium für Forschung und Bildung
(BMBF) das Vorhaben mit rund 2,7 Millionen Euro.

Beim Klimawandel gilt die Arktis als Hotspot, als eine Art Frühwarnsystem
für bevorstehende globale Veränderungen. Denn unter den extremen
Bedingungen der Nordpolarmeer-Region verstärken sich die Auswirkungen des
Klimawandels. So hat sich hier die Temperatur des Meeres doppelt so
schnell erhöht wie in anderen Erdregionen. Ein Stressfaktor für viele
Lebewesen: Denn höhere Temperaturen beschleunigen die Prozesse im Körper
und führen so zu einem höheren Verbrauch von Ressourcen. Welche Folgen hat
das für die Phänologie in der Arktis?

„Bislang gibt es kaum Studien über diese Entwicklungen in dem langen und
dunklen arktischen Winter und auch nicht in den nur wenige Tage langen
Übergangszeiten im Frühling und Herbst. Hier wollen wir jetzt ganzjährig
mit wöchentlichen Messungen neue Erkenntnisse schaffen“, sagt YESSS-
Projektleiterin Dr. Clara Hoppe. Die AWI-Biologin war seit 2014 schon zu
mehreren Forschungsreisen auf Spitzbergen und auch an der ganzjährigen
MOSAiC-Expedition 2019/2020 in der Zentralarktis beteiligt.

Ihr spezielles Forschungsgebiet ist das Phytoplankton, das sind
mikroskopisch kleine Einzeller, die durch Photosynthese das Treibhausgas
CO2 binden und aus Wasser Sauerstoff produzieren. Phytoplankton ist die
Basis des Nahrungsnetzes, daher haben Veränderungen im Phytoplankton
Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. „Wir wollen jetzt erforschen, wie
diese Organismen in den dunklen Monaten auf den neuen Stressor erhöhte
Wassertemperatur reagieren“, so Clara Hoppe.

Solche saisonspezifischen Experimente zur Temperaturempfindlichkeit sollen
auch für weitere Schlüsselgruppen im Nahrungsnetz gemacht werden, für
Makroalgen (z.B. Tang), Mollusken (z.B. Muscheln), Echinodermen (z.B.
Seeigel) und für Fische (z.B. Kabeljau). Die höheren Wassertemperaturen
ziehen schon jetzt Fischarten an, die es früher in der Arktis nicht gab.
Ob angestammte Arten dann ausreichend widerstandsfähig sind, ist
weitgehend unbekannt. Basierend auf den gewonnenen Daten zur Resilienz
gegenüber höheren Temperaturen sowie anderen erfolgreichen
Überwinterungsstrategien werden die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler ein Ökosystemmodell entwickeln. Es soll potenzielle
„Gewinner“ und „Verlierer“ des Klimawandels sowie Temperatur-Kipppunkte zu
verschiedenen Jahreszeiten identifizieren. „Miteinander verknüpft können
diese verschiedenen Forschungsergebnisse helfen, ökologische Folgen des
Klimawandels einzuschätzen“, sagt Clara Hoppe. So soll das YESSS-Projekt
strategische Richtlinien für ein nachhaltiges sozio-ökologisches
Management ähnlicher arktischer Küstenökosysteme entwickeln und
verschiedenen Interessensgruppen (z.B. indigene und lokale Gemeinschaften
oder Anrainerstaaten des Arktisches Ozeans, Politik) zur Verfügung
stellen.

Die Ausarbeitung dieser Governance-Konzepte und die gesamte Kommunikation
des Forschungsprojekts, auch an eine breite Öffentlichkeit, sind bei YESSS
in einem eigenen Arbeitspaket zusammengefasst. Dabei werden Fachleute des
Ecologic Institute und der NGO constructify.media e.V. die Wissenschaft
unterstützen – ein ganz besonderer Ansatz, der auch das BMBF bei der
Auswahl des Projekts überzeugt hat.

Nach einer Vorlauf-Phase seit September 2023 und dem Kick-off-Meeting in
Bremerhaven sollen die eigentlichen Forschungsarbeiten im Kongsfjord auf
Spitzbergen im Sommer 2024 beginnen. In Ny-Ålesund, wo die AWIPEV-
Forschungsstation liegt, leben im Winter nur rund 30 Personen. Ein Jahr
lang werden dann auch vier Doktoranden und Doktorandinnen für das
Forschungsprojekt YESSS dort arbeiten, in Zweier-Gruppen, die sich alle
sechs Wochen abwechseln. Vor Ort werden sie wöchentlich Proben nehmen und
in unterschiedlichen Experimenten Messergebnisse für das Projekt
bereitstellen. Für ihren neuen Job weit nördlich des Polarkreises werden
sie in verschiedenen Trainings im AWI und am GEOMAR in Kiel vorbereitet,
dazu gehört auch Schutz bei Begegnungen mit Eisbären, bootsbasierte
Probennahmen in der Nacht, und ein zweitägiges Medientraining. Denn das
Team soll regelmäßig in den sozialen Medien über seinen außergewöhnlichen
Einsatz in der Klimaforschung berichten und damit auch ein junges Publikum
ansprechen. Zum Projektabschluss Ende 2026 sollen die Projektergebnisse
vorliegen und u.a. bei der größten jährlichen Arktis-Konferenz, der Arctic
Circle Assembly auf Island, vorgestellt werden.

YESSS Partner:
1 Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und
Meeresforschung, Bremerhaven
2 Universität Bremen, Fachbereich Biologie/Chemie & MARUM - Zentrum für
Marine
Umweltwissenschaften, Bremen
3 Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGU), FB 10 Biologie, Institut für
Molekulare
Physiologie, Mainz
4 Universität Hamburg - Institut für Marine Ökosystem- und
Fischereiwissenschaften, Centrum für Erdsystemforschung und
Nachhaltigkeit, Hamburg
5 Universität Konstanz, Limnologisches Institut, Konstanz
6 Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Zoologisches Institut, Kiel
7 GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, Kiel
8 Ecologic Institut gemeinnützige GmbH, Berlin
9 constructify.media e.V., Bremen

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Spürbar leiser und leichter: Innovative Metamaterialtechnologie im Fahrzeug

n einem Serienfahrzeug haben Forschende neuartige Strukturen eingesetzt,
die zu einer spürbaren Steigerung des akustischen Verhaltens im
Fahrzeuginnenraum führen. Diese vibroakustischen Metamaterialien haben im
Fahrbetrieb ihre hervorragenden Eigenschaften unter Beweis gestellt. Ein
neuentwickelter Gehäusedeckel, ein Leichtbaurahmen und ein
neukonstruiertes Motorlager demonstrieren die industrielle
Herstellbarkeit. Die Komponenten wurden eins zu eins im Originalbauraum
des Serienfahrzeugs integriert und getestet. Auf der Teststrecke wurde die
Wirkung gewichtssparender Metamaterialien mit konventionellen
Versteifungen und Schwerdämmbelägen zur Schwingungsminderung verglichen.

Im Forschungsprojekt »viaMeta« kooperieren Hersteller, Zulieferer und
Forschungseinrichtungen, um das Leichtbaupotenzial zukünftiger Fahrzeuge
zu erschließen. Die Produktion und der Betrieb von Fahrzeugen spielen eine
entscheidende Rolle bei der Bewältigung der globalen Herausforderung, den
Klimawandel einzudämmen. Die strukturdynamische Optimierung von
Leichtbaustrukturen stellt eine zentrale Herausforderung für das
materialsparende Design dar. Konventionelle Maßnahmen zur
Schwingungsminderung, wie Dämmbeläge, Entkopplungselemente oder Tilger,
stehen im Widerspruch zum Ziel des Leichtbaus und können die
erforderlichen Frequenzbereiche, insbesondere bei elektrischen
Antriebssystemen, oft nicht ausreichend abdecken.

Vibroakustische Metamaterialien gegen den Klimawandel

Vibroakustische Metamaterialien bieten eine innovative Möglichkeit,
Schwingungen in schlanken Strukturen zu kontrollieren. Durch periodisch
angeordnete Resonatoren können spezielle Bauteileigenschaften erreicht
werden. Innerhalb eines gezielt adressierbaren Stoppbandbereichs wird die
Ausbreitung von Schwingungen im Material effektiv und breitbandig
reduziert.

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz
geförderten Projekts »viaMeta« haben die Mercedes-Benz AG, BOGE
Elastmetall GmbH, Novicos GmbH, das Institut für Kraftfahrzeuge (ika) der
RWTH Aachen und das Fraunhofer LBF basierend auf Forschungsergebnissen zu
den Gestaltungsprinzipien der Metamaterialien konkrete, industriell
herstellbare Lösungen für Fahrzeugbauteile entwickelt. Durch neue
Maßnahmen im Bereich der Triebstrangintegration wurde die
Schallabstrahlung aus dem Aggregat in die Luft sowie die Übertragung von
Vibrationen über die Motorlager und den Motortragrahmen in die Karosserie
wirksam beeinflusst.

Ziel erreicht: Von der Grundlagenforschung zum praktischen Einsatz

Das gerade abgeschlossene Projekt »viaMeta« hat nicht nur konkrete und
effektive Lösungen für seriennahe Fahrzeugbauteile geliefert, sondern auch
praxistaugliche virtuelle Entwurfsmethoden für vibroakustische
Metamaterialien, einschließlich KI-basierter Ansätze, erbracht sowie
skalierbare industrietaugliche Herstellungsprozesse und den Nachweis der
Wirksamkeit dieser Maßnahmen im Fahrzeug gezeigt. Dadurch wird die Brücke
von der Grundlagenforschung zum praktischen Einsatz vibroakustischer
Metamaterialien in zukünftigen Fahrzeugen geschlossen.

Die Forschungsergebnisse des Projekts werden bei der
Abschlussveranstaltung am 17. April 2024 am Fraunhofer LBF in Darmstadt
der interessierten Öffentlichkeit präsentiert. Im Rahmen dieser
Veranstaltung besteht auch die Möglichkeit zur Diskussion mit Experten aus
Industrie und Forschung.

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