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FH Dortmund baut Forschungsbrücke nach Pakistan

Wissenschaftler*innen wollen Entwicklungsprojekte professionalisieren

 

Die Fachhochschule Dortmund baut ihre Internationalisierungsaktivitäten aus. Mit dem SusProLab – Kurzform für „Sustainable Project Management Lab“ – wird eine internationale Forscher*innengruppe zu nachhaltigem Projektmanagement unter Beteiligung der COMSATS Universität in Islamabad (Pakistan) und der FH Dortmund initiiert.

 

Das Ziel des SusProLab: Entwicklungsprojekte in Pakistan zu nachhaltigem Erfolg führen. Denn bislang bleiben viele Projekte in dem Land hinter den Erwartungen zurück. „Eine höhere Erfolgsquote und verbesserte Nachhaltigkeit und Langzeitwirkung der Projekte ist substanziell für die Entwicklung des Landes“, betont Prof. Dr. Carsten Wolff, Informatik-Professor am Institut für die Digitalisierung von Arbeits- und Lebenswelten (IDiAL) der FH Dortmund. Dabei gehe es nicht nur um ökologische Nachhaltigkeit, sondern auch um wirtschaftlich und gesellschaftlich nachhaltige Aspekte. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unterstützt das Projekt mit fast 80.000 Euro für zwei Jahre.

 

Professor Carsten Wolff ist zuversichtlich, dass die Zusammenarbeit trotz der 5.529 Kilometer Luftlinien-Distanz schnell und reibungslos funktionieren wird, denn die Projektpartner kennen sich bereits. Prof. Dr. Rao Aamir Ali Khan, Assistenzprofessor für Management Studies an der COMSATS in Islamabad, hat an der FH Dortmund seinen Abschluss im „European Master in Project Management“ (EuroMPM) gemacht. An der Universität Kassel promovierte er danach zusammen mit Prof. Dr. Jan Christoph Albrecht, der 2021 als Professor für Projektmanagement an die FH Dortmund berufen wurde. Und eine Studentin, die Prof. Khan in Pakistan erfolgreich zum Masterabschluss geführt hat, promoviert inzwischen an der FH Dortmund in Kooperation mit der Universität des Baskenlandes in Bilbao. „Forschungs- und Lehrkooperation zwischen der COMSATS und der FH Dortmund bestehen bereits“, sagt Carsten Wolff. „Diese wollen wir deutlich ausbauen.“

 

Konkret will sich die Forscher*innengruppe Projekte zur Installation sogenannter Mini Hydro Power Plants (MHPP) anschauen. Diese Mini-Wasserkraftwerke eignen sich für die dezentrale Stromversorgung im ländlichen Raum. Jedoch werden viele der von internationalen Geldgebern geförderten MHPPs nicht fertiggestellt oder sind nach kurzer Zeit nicht mehr funktionsfähig. Hier setzt die Arbeit des SusProLab ein. Die Forscher*innen wollen Lösungen entwickeln, die ein Fortbestehen der Projekte sicherstellen. Wo gibt es rechtliche Hürden? Wie kann die Gemeinschaft im Ort nachhaltig eingebunden werden? Dazu werden Forschende und Studierende aus Pakistan und Deutschland zusammenarbeiten. Carsten Wolff geht davon aus, dass in dem Projekt zudem mehrere Master- und Doktorarbeiten zwischen Studierenden aus Pakistan, der FH Dortmund und den EuroPIM-Universitäten entstehen können und so die Basis für ein langfristiges Lehr- und Forschungsengagement gelegt wird.

 

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LSO Michael Sanderling dirigiert Mozart und Mahler, 6. 12. 2023, besucht von Léonard Wüst

Luzerner Sinfonieorchester aktuelles Portraitfoto, Foto Vera Hartmann

Martin Helmchen Foto Giorgia Bertazzi

Mozart und Mahler Konzertfoto von Fleur Fuchs

 

Besetzung und Programm
Dirigent Michael Sanderling
Klavier Martin Helmchen
Sopran Chen Reiss
W. A.Mozart (1756 ‒ 1791) Konzertarie «Ch’io mi scordi di te? ‒ Non temer, amato bene» KV 505
Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 d-Moll KV 466
Gustav Mahler (1860 ‒ 1911) Sinfonie Nr. 4 G-Dur

Die, 1979 in Israel geborene Sopranistin Chen Reiss in eleganter mit  goldenen Pailletten bestickter Abendrobe und der gebürtige Berliner Martin Helmchen (*1982), Markenzeichen die immer ausgeprägtere Wuschelkopffrisur, gesellten sich zu Orchester und Dirigent und das Konzert, im quasi vollbesetzten Konzertsaal,  konnte beginnen.

Meisterhafte Interpretation: Chen Reiss und das Luzerner Sinfonieorchester in Mozarts Konzertarie KV 505

Chefdirigent Michael Sanderling
Chefdirigent Michael Sanderling

Die musikalische Fusion zwischen der herausragenden Sopranistin Chen Reiss und dem klanggewaltigen Luzerner Sinfonieorchester versprach ein unvergessliches Erlebnis. In Mozarts Konzertarie “Ch’io mi scordi di te? ‒ Non temer, amato bene” KV 505 entfaltet sich ein faszinierendes Wechselspiel zwischen der kraftvollen Stimme der Solistin und den nuancenreichen Klängen des Orchesters.

Einführung in die Harmonie der Klänge

Sopranistin Chen Reiss Foto Paul Marc Mitchell
Sopranistin Chen Reiss Foto Paul Marc Mitchell

Das Luzerner Sinfonieorchester unterstreicht von Anfang an die erhabene Atmosphäre der Komposition. Die eröffnenden Streicher setzen den Rahmen für die glanzvolle Erscheining von Chen Reiss, die mit ihrer Präsenz das Publikum sofort in ihren Bann zieht. Der Dirigent lenkt geschickt die Dynamik, um die perfekte Balance zwischen Orchester und Solistin zu gewährleisten.

Chen Reiss’ Virtuosität: Ein Hauch von Genialität

Chen Reiss betrat die Bühne mit einer Ausstrahlung, die das Auditorium erfüllt. Ihr Sopran erklingt mit einer Klarheit, die die feinen Nuancen von Mozarts Komposition offenbart. Jeder Ton ist durchdacht und setzt die Emotionen der Arie präzise in Schwingung. Die Sängerin navigiert mühelos durch die herausfordernden Passagen und verleiht der Arie eine persönliche Note.

Die Magie der Zusammenarbeit: Sopran und Orchester verschmelzen

Sopranistin Chen Reiss, Pianist Martin Helmchen und das Luzerner Sinfonieorchester Fotp Philipp Schmidli
Sopranistin Chen Reiss, Pianist Martin Helmchen und das Luzerner Sinfonieorchester Fotp Philipp Schmidli

In den gemeinsamen Momenten von Chen Reiss und dem Luzerner Sinfonieorchester entsteht eine harmonische Einheit. Die präzise Abstimmung zwischen Stimme und Instrumenten zeugt von einem tiefen Verständnis für die musikalische Vision des Werks. Das Orchester schafft einen beeindruckenden Rahmen, der die Sopranstimme von Chen Reiss perfekt umrahmt.

Dynamische Palette: Von zart bis kraftvoll

Die Arie selbst bietet Raum für eine breite dynamische Palette, die von zarten, lyrischen Passagen bis zu kraftvollen, dramatischen Höhepunkten reicht. Chen Reiss beherrscht diese Spannung meisterhaft und verleiht der Arie eine emotionale Tiefe, die das Publikum in ihren Bann zieht. Das Orchester unterstützt diese Dynamik, indem es geschickt zwischen den unterschiedlichen Stimmungen wechselt und die Intensität der Aufführung steigert.

Klangliche Raffinesse: Das Luzerner Sinfonieorchester in Höchstform

Das Luzerner Sinfonieorchester zeigt in dieser Aufführung eine beeindruckende klangliche Raffinesse. Die Streicher erzeugen subtile Klangfarben, während die Holzbläser und Blechbläser mit präzisen Artikulationen und warmen Klängen brillieren. Die orchestralen Zwischenspiele sind nicht nur Begleitung, sondern erweitern die musikalische Erzählung und tragen zur Gesamtwirkung der Aufführung bei.

Chen Reiss’ Bühnenpräsenz: Charismatisch und Einfühlsam

Die Bühnenpräsenz von Chen Reiss ist charismatisch und einfühlsam zugleich. Sie versteht es, das Publikum mit ihrer Ausdruckskraft zu fesseln und gleichzeitig in die emotionale Welt der Arie einzuführen. Jede Geste, jeder Blick scheint genau auf die musikalische Erzählung abgestimmt zu sein und trägt zur Intensität des Moments bei.

Fazit: Ein Konzerthighlight voller Brillanz und Emotion

In der Aufführung von Mozarts Konzertarie KV 505 durch Chen Reiss und das Luzerner Sinfonieorchester verschmelzen virtuose Gesangskunst und orchestrale Pracht zu einem beeindruckenden Konzerthighlight. Die subtile Abstimmung, die klangliche Brillanz und die emotionale Tiefe machen diese Interpretation zu einem unvergesslichen Erlebnis für Liebhaber klassischer Musik. Eine Hommage an Mozarts Meisterschaft und ein eindrucksvoller Beweis für die herausragende Qualität des Luzerner Sinfonieorchesters unter der Leitung ihres Chefdirigenten, die das Publikum mit einem langanhaltenden Applaus belohnte.

Wolfgang Amadeus Mozart  Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 d-Moll KV 466

Solist am Klavier Martin Helmchen
Solist am Klavier Martin Helmchen

Über zweieinhalb Minuten vergehen, bis der Solist, Martin Helmchen, erstmals in das Geschehen eingreift. Die klassische Struktur des Werks und der Dialog zwischen Orchester und Solist würden bereits genügen, um Zufriedenheit zu schaffen. Doch Helmchen geht einen entscheidenden Schritt weiter. Er begeistert mit Tonkaskaden, mit abrupten Rhythmuswechseln, mit einer Klangfülle, die von einem Moment zum andern ins Nichts abfällt, um von einem andern Standort aus neu zu beginnen.

Helmchens Interpretation: Zwischenbrodelnde Kräfte in Mozarts Klavierkonzert

Helmchen  entdeckt die “brodelnden Kräfte hinter der äußeren Heiterkeit und Beschwingtheit”, besonders in den in Moll komponierten Werken wie dem d-Moll-Klavierkonzert KV 466. Die düstere Schattenwelt hinter der äußeren Leichtigkeit in Mozarts Moll-Kompositionen findet ihre Gegenseite im strahlenden Licht seiner Dur-Werke.

Zwischen Eleganz und Dramatik: Helmchens interpretatorische Meisterschaft

Dirigent Michael Sanderling
Dirigent Michael Sanderling

Helmchens interpretatorische Meisterschaft manifestierte sich in der gekonnten Balance zwischen Eleganz und Dramatik. Insbesondere im zweiten Satz, dem Romanze, schuf er mit seinem einfühlsamen Spiel eine intime Atmosphäre. Die lyrischen Phrasen flossen geschmeidig, während Helmchen gleichzeitig die emotionale Tiefe dieser Musik auslotete. Im Kontrast dazu brachte er im dritten Satz, dem rasanten Rondo, eine mitreißende Energie und Virtuosität zum Ausdruck, die das Publikum regelrecht in Begeisterung versetzte.

Magische Momente und musikalische Dialoge: Helmchen und das Orchester im Zusammenspiel

Die Magie dieser Aufführung offenbarte sich besonders in den Momenten des musikalischen Dialogs zwischen Helmchen und dem Orchester. Das luzide Zusammenspiel, die aufmerksame Kommunikation und die scheinbar mühelose Symbiose ließen die Musik atmen und schufen Momente von erhabener Schönheit. Die subtilen Wechselwirkungen zwischen Solist und Orchester enthüllten die Tiefe von Mozarts Komposition auf eine Weise, die selbst für erfahrene Hörer neu und faszinierend war.

Fazit: Eine klangliche Reise durch Mozarts Meisterwerk

Solist am Piano Martin Helmchen
Solist am Piano Martin Helmchen

In dieser beeindruckenden Aufführung durch Martin Helmchen und das Luzerner Sinfonieorchester unter Michael Sanderling verschmolzen Virtuosität und musikalisches Genie zu einer unvergesslichen klanglichen Reise. Die Eleganz von Helmchens Spiel, die kraftvolle Präsenz des Orchesters und Sanderlings souveräne Leitung schufen ein Konzerterlebnis, das die zeitlose Schönheit von Mozarts Meisterwerk in all ihrer Pracht entfaltete.

Die nicht enden wollenden  Applauskaskaden des Auditoriums belohnte der Solist schlussendlich mit Robert Schumanns «Vogel als Prophet» als Zugabe.

Kraftvolle Inszenierung unter Michael Sanderling: Mahlers Monumentalwerk, die Sinfonie Nr. 4 G-Dur, in neuer Perspektive

Dirigent Michael Sanderling verstand es geschickt, die Spannung aufzubauen und die Dramatik in Mahlers Komposition genüsslich auszuloten. Souverän und präzise führte er seine Mitmusiker durch das Werk, setzte vermehrt auf Gestik und Körpereinsatz beim Dirigat. Erstaunlicherweise stiess das Monumentalwerk in seiner Urfassung bei Publikum und Kritikern auf Ablehnung. Selbst überarbeitete Fassungen hatten einige Jahre später keinen leichten Stand. Die Sinfonie, ursprünglich von Mahler als “Titan” betitelt, gilt heute als Meilenstein der Musikgeschichte. Ihr Weg dorthin war jedoch von Ablehnung und Herausforderungen geprägt, und auch heute noch wirkt sie mit ihren Brüchen und ihrer Doppelbödigkeit aufwühlend verwirrend.

Die eindrückliche Demonstration des Luzerner Renommierorchesters

Michael Sanderling Chefdirigent
Michael Sanderling Chefdirigent

Die Aufführung durch das Residenzorchester des KKL Luzern machte deutlich, warum diese Sinfonie ihren Platz in der Musikgeschichte zu Recht verdient. Alle Sinfonien Mahlers werden als “Finalsinfonien” betrachtet, wie bereits der einflussreiche Musikkritiker Paul Bekker im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts feststellte. Trotzdem klingt der schliessende D-Dur-Jubel im Kontext der tragischen Geschichte, die Mahler rein musikalisch erzählt, nicht erlösend, sondern fast schmerzlich. Der Philosoph Theodor W. Adorno drückte es treffend aus: Mahler war ein schlechter Jasager.

Mahlers Monument im modernen Kontext

Michael Sanderling Dirigent
Michael Sanderling Dirigent

Die eindrückliche Inszenierung unter Michael Sanderling brachte Mahlers Monumentalwerk, bei dem man nie weiss, wird Mahler jetzt aufbrausend oder sentimental, in eine neue Perspektive. Durch geschicktes Dirigat und eine präzise Führung entfalteten sich die Facetten dieser Sinfonie vor dem Publikum. Die Luzerner Sinfoniker vereinten sich zu einem kraftvollen Klangkörper, der die Herausforderungen des Werks bestens bewältigte. Die Ambivalenz zwischen Jubel und Tragik wurde dabei auf eine Weise hervorgehoben, die das zeitlose und emotionale Erleben dieser Sinfonie unterstrich.

Ein schmerzlich-erlösender Schluss: Mahlers musikalisches Statement

Sopranistin Chen Reiss Foto ab ihrer Homepage
Sopranistin Chen Reiss Foto ab ihrer Homepage

Die Schlussklänge in D-Dur, die im Verbund mit der tragischen Erzählung stehen, vermittelten keine Erlösung, sondern vielmehr eine schmerzhafte Empfindung. Michael Sanderling und das Luzerner Sinfonieorchester verstanden es meisterhaft, die tiefe Emotionalität und die Kontroversen dieses Werks herauszuarbeiten. Adornos Einschätzung von Mahler als “schlechter Jasager” fand hier musikalischen Ausdruck, der weit über die Zeit des Komponisten hinausreicht und das Publikum nachhaltig beeindruckt.

Die Sinfonie endet im vierten Satz mit einem Lied „Das himmlische Leben“ («Wir geniessen die himmlischen Freuden»), nach einem Text aus „Des Knaben Wunderhorn“. Die Sopranistin A Chen Reiss, die sich inzwischen beim Dirigenten aufgestellt hatte, meisterte die schwierige Aufgabe, einer grossen Orchesterbegleitung mit ihrer glockenreinen, filigranen Stimme standzuhalten, dieses gar zu übertönen, grossartig.

Das Publikum belohnte die Ausführenden mit einem langanhaltenden, stürmischen Schlussapplaus, bedachte die einzelnen Register mi Extraakklamationen und steigerte diesen noch bei der Hervorhebung der Sopranistin durch den Dirigenten.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: www.sinfonieorchester.ch

Homepages der andern Kolumnisten: www.marinellapolli.ch

www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch

www.maxthuerig.ch

Blickrichtung Luzerner Seebecken aus dem KKL Luzern

Dirigent Michael Sanderling Foto Marco Borggreve

Martin Helmchen Solist am Klavier

 

Sopranistin Chen Reiss, Pianist Martin Helmchen und das Luzerner Sinfonieorchester Foto Philipp Schmidli

Sopran Chen Reiss

Mozart und Mahler Konzertfoto von Fleur Fuchs

 

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Lieferkettengesetze zielorientiert gestalten: Sie sollten weder zum Papiertiger noch zum Bürokratiemonster werden

Bundesminister Cem Özdemir (r.) nimmt am 8. Dezember 2023 das aktuelle Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) aus der Hand des Beiratsvorsitzenden Prof. Dr. Achim Spiller entgegen  BMEL
Bundesminister Cem Özdemir (r.) nimmt am 8. Dezember 2023 das aktuelle Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) aus der Hand des Beiratsvorsitzenden Prof. Dr. Achim Spiller entgegen BMEL

Wissenschaftlicher Beirat überreicht Gutachten zu Sorgfaltspflichten von
Unternehmen im Agrar- und Ernährungssektor an Bundesminister Cem Özdemir /
Prof. Dr. Christine Wieck von der Universität Hohenheim leitet die
Arbeitsgruppe des Beirats

Lieferkettengesetze können ein Erfolg für Menschen- und Arbeitsrechte
sowie Umwelt- und Klimaziele werden – wenn sie zielorientiert gestaltet
sind. Damit die neuen Regelungen weder zum Bürokratiemonster noch zum
Papiertiger werden, hat der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik,
Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) Empfehlungen für
die Politik erarbeitet. Heute, am 8. Dezember, nahm der Bundesminister für
Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir, das Gutachten „Neue
Sorgfaltspflichten von Unternehmen des Agrar- und Ernährungssektors:
Empfehlungen zu aktuellen Gesetzesentwicklungen“ in Berlin entgegen. Die
beteiligten Wissenschaftler:innen analysieren darin die möglichen
Auswirkungen der neuen Lieferkettenregelungen und erfassen auch
Zielkonflikte etwa zur Handelspolitik. Öffentliche Präsentation des
Gutachtens am 11. Dezember 2023 um 16.30 Uhr.

Zurzeit mehren sich Hinweise auf mögliche Verstöße gegen das deutsche
Lieferkettengesetz, die auch den Agrar- und Ernährungssektor betreffen.
Auch die wieder zunehmenden Zahlen von Kinder- und Zwangsarbeit, zeigen
die Menschenrechtsrisiken entlang globaler Lieferketten. „Der WBAE begrüßt
ausdrücklich Lieferkettenregelungen, die Unternehmen verpflichten, sich
für die Einhaltung grundlegender Menschen- und Arbeitsschutzrechte bei
ihren Lieferanten einzusetzen. Dies gilt auch für die ambitionierteren
Pläne der EU-Richtlinie”, so Prof. Dr. Christine Wieck, Universität
Hohenheim und Leiterin der Arbeitsgruppe des WBAE.

Paradigmenwechsel für Unternehmen durch neue Sorgfaltspflichten

Die gesetzlichen Sorgfaltspflichten in Lieferketten sind ein relativ neues
Politikinstrument, das für die meisten Unternehmen einen Paradigmenwechsel
im Management darstellt. Nunmehr müssen sie die Menschenrechts- und
Arbeitsschutzrisiken auch bei ihren Zulieferern in den Blick nehmen. „Der
WBAE empfiehlt, die Lieferkettensorgfaltsregelungen als lernendes System
anzulegen, die verschiedenen Sorgfaltspflichten bürokratiearm aufeinander
abzustimmen und die Unternehmen bei der Umsetzung zu unterstützen“,
erläutert Prof. Dr. Achim Spiller, Universität Göttingen und Vorsitzender
des WBAE.

„Umwelt- und Klimaziele sollten dann als Verpflichtung schrittweise
integriert werden, wenn die dafür notwendigen Mess- und Monitoringsysteme
vorliegen und die erforderlichen Parameter für die Unternehmen steuerbar
sind. Zusätzlich gilt es, die Umsetzungserfahrungen systematisch
auszuwerten“, so Dr. Hiltrud Nieberg, Thünen-Institut und stellvertretende
Vorsitzende des WBAE.

Beirat empfiehlt staatliche Regulierung der Zertifizierung

Aus Sicht des Beirats darf sich die Kontrolle der Sorgfaltspflichten nicht
nur auf Berichte fokussieren und damit zum „Papiertiger“ werden. In der
Praxis werden Zertifizierungssysteme bei der Kontrolle der
Sorgfaltspflichten eine große Rolle spielen. Allerdings weisen die
gängigen Zertifizierungssysteme Schwachstellen auf und sind nicht
gesetzlich geregelt, weshalb der Beirat eine staatliche Regulierung dieser
Zertifizierungssysteme empfiehlt.

„Verbesserte, staatlich überwachte Zertifizierungen sollten Unternehmen
dann vor einer Haftung schützen und somit zugleich die auch
entwicklungspolitisch relevante Gefahr reduzieren, dass sich Unternehmen
aus Risikogebieten zurückziehen, da sie dort im besonderen Maß einem
Haftungsrisiko ausgesetzt wären“, begründet Prof. Dr. Spiller diese
Empfehlung.

Konkretisierung der Regelungen wichtig für Haftungsfragen

Der WBAE unterstützt die im Entwurf der EU-Richtlinie derzeit verhandelte
zivilrechtliche Haftung bei Verstößen. Voraussetzung für diese ist die
hinreichende Konkretisierung der jeweiligen Regelungen. Sorgfaltspflichten
im Sinne von Verboten, wie dem Verbot der Zwangsarbeit, erlauben es,
Verstöße klar zu definieren und ermöglichen eine Haftung.

„Verstöße gegen Zielabkommen, wie das Pariser Klimaschutzabkommen,
eröffnen dagegen derzeit kaum Haftungsmöglichkeiten, weshalb die
Sorgfaltspflichten vom Gesetzgeber weiter konkretisiert werden müssen, um
wirksam werden zu können”, so Beiratsmitglied Professor José Martinez der
Uni Göttingen. Gerade in der Agrarwirtschaft mangelt es noch an der
notwendigen Konkretisierung von Sorgfaltspflichten zum Klimaschutz und zum
Erhalt der Biodiversität.

Lohn- und Einkommensniveaus für das Recht auf Nahrung relevant

Auch hinsichtlich des Rechts auf Nahrung sieht der WBAE
Ausweitungsmöglichkeiten, denn vielfach schützen die gezahlten Löhne und
erzielten Preise nicht vor Hunger. „Zur Sicherung des Menschenrechts auf
Nahrung sind existenzsichernde Löhne für Landarbeiterinnen und
Landarbeiter und existenzsichernde Einkommen für Kleinbäuerinnen und
Kleinbauern essentiell”, erläutert Beiratsmitglied Professorin Regina
Birner der Universität Hohenheim. „Wir sehen ein großes Potential in der
Entwicklung von Branchenabkommen, die dieses Ziel anstreben.”

Länder des Globalen Südens müssen Gehör finden

Mit den Lieferkettengesetzen greifen Deutschland und die EU tief in
globale Lieferketten und damit das Handeln von Unternehmen aus anderen
Ländern ein, weil sie die Durchsetzbarkeit von internationalen
Übereinkommen im Bereich Menschen- und Arbeitsrechte schärfen. Über die
Verpflichtung von europäischen Unternehmen will sie die Rechtsdurchsetzung
in anderen Ländern verändern.

Deshalb ist es aus Sicht des WBAE besonders in der aktuellen geopolitisch
schwierigen Lage wichtig, dass eigene Ansätze der Handelspartnerländer
berücksichtigt werden und Strukturen für Erfahrungs- und
Informationsaustausch geschaffen werden. „Länder des Globalen Südens
sollten handels- und entwicklungspolitisch unterstützt werden“, betont
Prof. Dr. Wieck abschließend.

HINTERGRUND: In Deutschland gilt seit Anfang 2023 ein Lieferkettengesetz
für Unternehmen mit mehr als 3.000 Arbeitskräften. In der EU ist die
Verordnung zu entwaldungsfreien Lieferketten in Kraft getreten, und
aktuell wird intensiv über die Details eines weitergehenden europäischen
Lieferkettengesetzes diskutiert. Die geplante EU-Richtlinie kann
wahrscheinlich über die Anforderungen des deutschen Gesetzes hinausgehen,
da mehr Sorgfaltspflichten im Bereich Umwelt- und Klimaschutz und eine
zivilrechtliche Haftung für die Unternehmen verhandelt werden. Zudem
sollen von Beginn an auch Unternehmen mit weniger als 3.000 Beschäftigten
in den Geltungsbereich einbezogen werden. Der WBAE gibt Empfehlungen zur
Ausgestaltung der kommenden EU-Richtlinie, die sich gerade in den
Trilogverhandlungen von Europäischer Kommission, Europäischem Parlament
und Ministerrat befindet, und für die dann notwendige Anpassung des
deutschen Gesetzes.

SAVE THE DATE: Insgesamt arbeitet der Beirat drei Empfehlungsbereiche
heraus: 1. Empfehlungen für eine wirkungsvolle Umsetzung, 2. Empfehlungen
für die Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen, 3. Empfehlungen für
eine systematische Weiterentwicklung der Sorgfaltspflichten. Diese werden
in einer öffentlichen Präsentation des Gutachtens am 11. Dezember 2023 von
16:30 Uhr bis 18:00 Uhr von den Mitgliedern des WBAE vorgestellt, wobei
genügend Zeit für den Austausch mit allen interessierten Teilnehmenden
vorgesehen ist.

Zur Anmeldung: https://uni-
goettingen.zoom-x.de/webinar/register/WN_w75ztNa2Tvqd3JSSsOZVgg

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Der Arktis ihr Eis zurückgeben

NORD / Eiswürfel I, 2023  Jan Philip Scheibe  Swaantje Güntzel, Foto Jan Philip Scheibe, VG Bild-Kunst Bonn 2023
NORD / Eiswürfel I, 2023 Jan Philip Scheibe Swaantje Güntzel, Foto Jan Philip Scheibe, VG Bild-Kunst Bonn 2023

Selbst wenn sich die Welt beim Klimaschutz mehr anstrengt, wird sie es
nicht schaffen, dem Arktischen Ozean sein Eis zurückzugeben. Symbolisch
hat die Hamburger Konzeptkünstlerin Swaantje Güntzel genau das aber jetzt
getan: In Båtsford, Nordnorwegen, stellte sie am 18. November aus
Schmelzwasser vom Nordpol Eiswürfel her und ließ diese ins Meer gleiten.
Die künstlerische Intervention ist Teil von Güntzels einjährigem
Fellowship am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit – Helmholtz-Zentrum
Potsdam (RIFS).

Das Schmelzwasser wurde Swaantje Güntzel von der Journalistin und Autorin
Birgit Lutz zur Verfügung gestellt. Für die Reise, die sie von Hamburg
über Stockholm und Umeå nach Vaasa, Oulu, Rovaniemi und Inari bis zur
finnisch-norwegischen Grenze und schließlich an den Arktischen Ozean nach
Båtsfjord führte, nutzte die Künstlerin ausschließlich öffentliche
Verkehrsmittel, wie Bahn, Bus und Fähre. Ausgeschlossen war die Nutzung
von Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen. Die Eiswürfelmaschine betrieb sie
mit einem Solarakku, den sie im Vorfeld mit westfälischer Sonne betankt
hatte.

Die in Båtsfjord realisierte Intervention „NORD / Eiswürfel I“ ist das
erste künstlerische Ergebnis aus Güntzels Arbeit am RIFS. In ihrem Projekt
„Können Sie nicht mal was Schönes machen? / Arktis" wirft sie einen
kritischen Blick auf die Wahrnehmung der Arktis und die Bilder, aus denen
unsere Vorstellung der Region gespeist wurde. Die Intervention reiht sich
in vorangegangene künstlerische Handlungen ein, in denen Güntzel mit
ausgewählten Landschaften interagiert und anthropogene Veränderungen
derselben kommentiert.

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