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Wie die Komponenten eines Doppel-Brennstoffzellenantriebs eines LKW so aufeinander abgestimmt werden müssen, damit sie möglichst sparsam und trotzdem leistungsfähig arbeiten, hat der Recklinghäuser Felix Smyrek in seiner Bachelorarbeit an der FH Dortmund

Wie die Komponenten eines Doppel-Brennstoffzellenantriebs eines LKW so
aufeinander abgestimmt werden müssen, damit sie möglichst sparsam und
trotzdem leistungsfähig arbeiten, hat der Recklinghäuser Felix Smyrek in
seiner Bachelorarbeit an der FH Dortmund untersucht. Sein Ergebnis
unterstreicht die Sinnhaftigkeit von Brennstoffzellenantrieben in LKW.

Mehrere LKW-Hersteller verwenden Antriebe aus zwei
Brennstoffzellensystemen (BZS) und einer Batterie. Das bietet Vorteile,
wie zum Beispiel eine höhere Lebensdauer, wenn die BZS bei geringem
Leistungsbedarf, etwa im Stadtverkehr, abwechselnd eingesetzt werden.

Bei höherem Leistungsbedarf liegt der Gedanke nahe, die Leistung
gleichmäßig auf beide BZS zu verteilen, damit beide möglichst wenig
beansprucht werden. Ob das auch wirklich stimmt, untersuchte Felix Smyrek
in zwei Schritten an dem computersimulierten Modell eines LKW eines
asiatischen Herstellers in Kooperation mit dem Zentrum für
Brennstoffzellentechnik (ZBT) in Duisburg.

Der statische Betrieb

Der Recklinghäuser betrachtete im ersten Schritt ein Szenario mit
gleichbleibendem Leistungsbedarf, zum Beispiel bei einer Fahrt mit
konstanter Geschwindigkeit auf einer flachen Straße. Macht es dabei einen
Unterschied, wenn die BZS unterschiedlich hohe Leistungen abgeben? „Die
Effizienzkurve eines Brennstoffzellensystems ist recht einfach
darzustellen“, sagt Felix Smyrek. Sie steigt erst steil an, erreicht ihr
Maximum („Peak“) und fällt dann deutlich flacher wieder ab.

Smyreks Versuchsreihe ergab: Auch wenn ein einzelnes BZS die geforderte
Leistung ohne Weiteres liefern kann, ist die Effizienz am höchsten, wenn
jedes BZS möglichst nah am Peak betrieben wird. Daraus folgt die
Erkenntnis: Bei Leistungsanforderungen unterhalb des Peaks ist es
effizienter, nur eine Zelle zu betreiben. Liegt die Anforderung darüber,
wie im Beispielfall, sollten beide BZS zu gleichen Teilen ran.

Der dynamische Betrieb

Beim dynamischen Betrieb, der eine reale Autofahrt mit Anfahren,
Beschleunigen, Bremsen und so weiter abbildet, kommt zusätzlich die
Batterie ins Spiel. Sie dient dazu, in bestimmten Situationen zu puffern,
also bei Leistungsspitzen mitzuhelfen. Felix Smyrek untersuchte nun, wann
genau ihr Einsatz am effizientesten ist.

Der Maschinenbaustudent fand heraus: Immer dann, wenn es schnelle
Leistungswechsel gibt, ist es ratsam, so viel wie möglich mit der Batterie
zu puffern. Aus zwei Gründen. Erstens, steigen die Verluste eines BZS bei
Lastwechseln, wie es sie bei schnellen Leistungsspitzen gibt, und damit
verliert man Energie. Zweitens, etwas komplizierter: Beim Bremsen wird die
Bremsenergie rekuperiert, das heißt, in die Batterie zurückgespeist. Das
geht aber nur, wenn die Batterie in diesem Moment nicht schon voll ist.
Deswegen ist es sinnvoll, die Batterie während der Fahrt immer wieder zu
beanspruchen, um ihre vollständige Aufladung zu vermeiden.

Weil sich die Brennstoffzellen-Antriebssysteme der LKW-Hersteller in
vielen Punkten unterscheiden und die Hersteller auch keine Einzelheiten zu
Dingen wie Wirkungsgrad und genaue Abstimmung von BZS und Batterie
herausgeben, lässt sich Felix Smyreks Ergebnis nicht ohne Weiteres auf
andere LKW übertragen. Dennoch birgt sie Grundlagenwissen darüber, wie das
Zusammenspiel zwischen zwei Brennstoffzellen und einer Batterie möglichst
effizient gesteuert werden kann, und damit ist sie ein weiterer Schritt
auf dem Weg hin zum optimalen Nutzen des Antriebssystems.

Von der angefallenen Menge an Daten profitiert auch das ZBT. Die
Kooperation mit dem Duisburger Institut habe seine Arbeit erst ermöglicht,
sagt Felix Smyrek. „Daher freut es mich umso mehr, dass ich dem Team am
ZBT einen kleinen Benefit geben konnte und sie die Erkenntnisse für
weitere Projekte nutzen können.“

Warum überhaupt Brennstoffzellen? Sind rein batteriebetriebene Fahrzeuge
nicht sowieso effizienter?

Batterie-elektrische Fahrzeuge besitzen insgesamt einen höheren
Wirkungsgrad als Brennstoffzellen-Fahrzeuge. Das bedeutet, von der ihnen
zugeführten Energie – ihrer Ladung – wandeln sie einen höheren Anteil in
Antriebsenergie um, nämlich bis zu 80 Prozent, in Ausnahmefällen auch
mehr. Zum Vergleich: Ein Brennstoffzellenantrieb liegt bei bis zu 60
Prozent, Verbrennungsmotoren bei maximal 45 Prozent.

Der Nachteil einer Batterie liegt in ihrem Gewicht. Je höher die
Reichweite eines Fahrzeugs sein soll, desto größer und schwerer muss die
Batterie sein, um ausreichend Energie bereitzuhalten. Für LKW, die viele
hundert Kilometer am Stück zurücklegen, würde die Batterie so groß und
schwer sein, dass ihr Betrieb unrentabel würde. Darüber hinaus wären dafür
Ladestationen mit Ladeleistungen von einem Megawatt notwendig – sieben Mal
so viel wie das, was ein elektrischer PKW benötigt.

Da kommt der Brennstoffzellenantrieb ins Spiel. Denn dessen Kraftstoff –
Wasserstoff – lässt sich nicht nur platzsparender und leichter
transportieren, sondern auch viel schneller betanken. Das bedeutet, bei
hohen Reichweiten ist der Brennstoffzellenantrieb trotz geringerem
Wirkungsgrad unterm Strich effizienter.

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Neues Molekül-Design für mehr Solarpower

Chemiker/-innen der FAU wollen Wirkungsgrad organischer Fotovoltaik weiter
erhöhen

Mit optimierten kohlenstoffreichen Molekülen wollen Chemikerinnen und
Chemiker der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) die
Grenzen organischer Fotovoltaik erweitern. Im Projekt UP&DOWN sollen
Kohlenstoffverbindungen so designt werden, dass einfallendes Sonnenlicht
deutlich effizienter genutzt wird und damit mehr elektrischen Strom
erzeugt. Spektroskopie im Femtosekundenbereich soll dabei helfen, die
zugrundeliegenden Prozesse besser zu verstehen und die Entwicklung der
neuen Molekülklassen beschleunigen.

An der FAU wird intensiv daran geforscht, organische Solarmodule auf Basis
von Kohlenstoffverbindungen leistungsfähiger zu machen. Ein
erfolgversprechender Ansatz ist die optimierte Nutzung der Singulett-
Spaltung (SF) und der Triplett-Triplett-Annihilation (TTA). Bei der SF
erzeugt ein energiereiches Photon nicht nur ein, sondern gleich zwei
angeregte Zustände, bei der TTA werden zwei energiearme Photonen genutzt,
um ein Molekül über Zwischenschritte auf eine deutlich höhere Energiestufe
zu heben. Das grundlegende Verständnis dieser beiden Mechanismen ist dazu
geeignet und notwendig, Solarmodule mit deutlich höherem Wirkungsgrad zu
entwickeln.

Forschende am Lehrstuhl für Physikalische Chemie I um Prof. Dr. Dirk Guldi
und Prof. Dr. Rik R. Tykwinski von der University of Alberta, Kanada,
wollen Materialien entwickeln, die es ermöglichen, beide Prozesse in einem
Fotovoltaikmodul zu kombinieren. Das neue Projekt „Verbesserte
Solarenergie-Gewinnung durch Optimierung der Auf- und Abkonversion in
organischen Molekülen (UP&DOWN)“ konzentriert sich dabei auf Acene –
aromatische Kohlenwasserstoffe, die aus einer linearen Kette von
Benzolringen bestehen. Die Idee der Forschenden ist es, einzelne Ringe
durch andere Molekülgruppen zu ersetzen und damit die Eigenschaften des
organischen Materials zu optimieren. Durch modernste Spektroskopie sollen
die Reaktionen dieser neuen Moleküle im Femtosekundenbereich – eine
Femtosekunde entspricht einer Billiardstelsekunde – beobachtet und die
oben genannten Reaktionsmechanismen aufgeklärt werden.

UP&DOWN ist aus dem FAU-eigenen Projekt „Singlet fission in novel organic
materials – an approach towards highly-efficient solar cells”
hervorgegangen, das sich speziell auf die Singulett-Spaltung konzentrierte
und von der Emerging Fields Initiative (EFI) gefördert wurde. Mit der EFI
unterstützt die FAU besonders risikoreiche, interdisziplinär angelegte
Verbundvorhaben innerhalb der Universität.

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Uniklinikum belebt Service der Grünen Damen und Herren neu

Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer haben ein offenes Ohr und viel Zeit
für Patientinnen und Patienten. // Das Angebot am Uniklinikum soll nach
dem Neustart nun weiter ausgebaut werden. // Erweitert wird auch die
Anzahl der Klinikbereiche, die den Service anbieten – darunter auch die
Notaufnahme.

Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden erweitert den Service
der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer für die Patientinnen und
Patienten. Die Gruppe der Grünen Damen und Herren wird dafür derzeit neu
aufgebaut und soll künftig weiteren Klinikbereichen helfend zur Verfügung
stehen. Seit 1997 unterstützen die Helferinnen und Helfer die
Mitarbeitenden auf den Stationen und besuchen einsame Patientinnen und
Patienten, die stationär aufgenommen sind. Bisher waren die Ehrenamtlichen
vorrangig auf den Stationen der Akutgeriatrie und der Kinderklinik im
Einsatz. Nun soll der Service für weitere Kliniken ausgeweitet werden.
„Unser Haus profitiert sehr von dem ehrenamtlichen Engagement unserer
Grünen Damen und Herren“, sagt Prof. Michael Albrecht, Vorstand des
Universitätsklinikums Dresden. „Das Pflegepersonal hat spezialisierte
Aufgaben, die den Arbeitsalltag gut füllen. Die Grünen Damen und Herren
unterstützen ehrenamtlich im Klinikalltag durch Tätigkeiten, die viel
bewirken: Sie schenken Zeit, spielen mit den jungen und älteren
Patientinnen und Patienten, stehen mit hilfreichen Handgriffen zur Seite
und helfen bei Sorgen oder Nöten. Dafür sind wir überaus dankbar." Die
Koordination hat Katrin Weigelt übernommen. Sie hat 47 Jahre als
Kinderkrankenschwester am Uniklinikum gearbeitet und engagiert sich nun
nach ihrem Renteneintritt in der Ehrenamtsarbeit.

Eine helfende Hand, offene Ohren für Sorgen oder Nöte, ein
Gesellschaftsspiel oder eine einfache Unterhaltung: Die Grünen Damen und
Herren sind im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden seit 1997
regelmäßig für die Patientinnen und Patienten zur Stelle. Fortan werden
die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer durch Katrin Weigelt, die bis zu
ihrem Renteneintritt als stellvertretende Pflegedirektorin wirkte,
koordiniert. „Die Grünen Damen und Herren sind ein wichtiger Bestandteil
der Patientenzuwendung“, sagt Katrin Weigelt. „Die bislang sechs Damen und
ein Herr kommen aktuell in der Kinder- und Frauenklinik zum Einsatz.“ Der
eruierte Bedarf erstreckt sich jedoch auf fast alle Kliniken. Mit einem
regelmäßigen Austausch und zielgerichteten Weiterbildungen werden die
Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler auf den Umgang mit Kindern und
Erwachsenen vorbereitet. Ihre Zuwendung und Aufmerksamkeit sollen den
Patientinnen und Patienten die Zeit im Krankenhaus erleichtern. Aufgrund
des großen Bedarfs an den verschiedenen Kliniken soll das Grüne Team bis
Ende des Jahres auf 20 Ehrenamtliche anwachsen.
„Die Unterstützerinnen und Unterstützer investieren viel Zeit und Herz in
ihr Ehrenamt“, erklärt Katrin Weigelt, die als Koordinatorin nicht nur die
Aufteilung der Grünen Damen und Herren auf die verschiedenen Kliniken des
Universitätsklinikums verantwortet. „Gern möchten wir die Zahl der
Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler erweitern, um den großen Bedarf an
Gesprächen, Betreuung, Service und Unterhaltung zu decken.“ Die Angebote
der Helferinnen und Helfer sind im Uniklinikum gefragt – ganz neu wurde
nun auch Bedarf in der Notaufnahme angemeldet. Dort könnten sich die
Grünen Damen und Herren um Patientinnen und Patienten kümmern, die längere
Zeit im Wartebereich ausharren. Letztlich entscheiden die Helferinnen und
Helfer selbst, in welchem Bereich sie zum Einsatz kommen. Mit viel
Einfühlungsvermögen und ausreichend Erprobung werden die individuellen
Wünsche und Fähigkeiten der Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler
berücksichtigt. „Ein Wechsel innerhalb des Uniklinikums ist problemlos
möglich“, sagt Katrin Weigelt.

Dieses Angebot sei wichtig. „Umso mehr freue ich mich, mich hier zukünftig
sehr intensiv einbringen zu können und auch dazu beizutragen, dieses
Angebot auszubauen“, so Katrin Weigelt. Grundsätzlich kann sich jeder
Interessierte am Uniklinikum für den Einsatz als Grüne Dame oder Grüner
Herr bewerben – unabhängig von seinen Vorkenntnissen und ab einem Alter
von 25 Jahren. Mit den Bewerberinnen und Bewerbern führt Katrin Weigelt
ein Gespräch über die Motivation und Belastbarkeit. Ziel ist es, die neuen
Kolleginnen und Kollegen bedarfsbezogen zu coachen und einzuarbeiten. Auch
auf der Station gibt es einen engen Austausch mit dem Pflegepersonal und
den freiwilligen Helferinnen und Helfern, die wissen, wo sie besonders
gebraucht werden.

Manchmal einfach nur die Hand halten

Heidrun Schubert und Petra Hiller – beide 72 Jahre alt – sind die
Stammdamen im Grünen Team. Seit 2016 sind sie jeweils montags und
mittwochs in den Stationen der Kinderklinik des Uniklinikums im Einsatz
und bieten ihre Unterstützung an. Sie betreuen Kinder vom Säuglingsalter
bis 12 Jahren, spielen mit ihnen, lesen vor, basteln. „Es geht vor allem
darum, die Kinder von ihrer Erkrankung abzulenken und sie abseits von
Handy und Tablet zu beschäftigen“, sagt Heidrun Schubert. Neben dem
Kinderbereich ist der Bedarf an menschlicher Zuwendung auch in der
Geriatrie – der Altersmedizin – besonders groß. „Manchmal bitten uns
Familien, ihren älteren Angehörigen ein paar Zeitschriften
vorbeizubringen. Wenn es jemanden so schlecht geht, dass kein Gespräch
möglich ist, hilft es manchmal auch, einfach die Hand zu halten“, sagt
Katrin Weigelt. Therapeutische und pflegerische Aufgaben müssen ihre
Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler nicht übernehmen.

Das überzeugt auch Michael Seifert, der sich als Grüner Herr am
Uniklinikum engagieren möchte. Der 34-jährige Dresdner arbeitet Vollzeit
als Physiotherapeut und möchte einige Stunden seiner Freizeit den
Patientinnen und Patienten am Klinikum widmen. „Ich hatte ohnehin vor, ein
gemeinnütziges Projekt zu unterstützen.“ Von dem Angebot der Grünen Damen
und Herren hat er von einer befreundeten Medizinstudentin erfahren. „Das
passte richtig gut.“ Wie wichtig Zuwendung und Wärme insbesondere für
Kinder ist, weiß er aus eigener Erfahrung – ihm habe das in der Kindheit
gefehlt, erzählt Michael Seifert. Seine Wunschstation sei deshalb die
Kinderklinik, dort möchte er seine ersten Einsätze absolvieren. „Ich freue
mich einfach darauf, Gutes zu tun.“

Die Geschichte der Grünen Damen und Herren

Die Evangelische Kranken- und Alten-Hilfe e.V. ist die Dachorganisation
der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Sie wurde 1969 erstmals in
Düsseldorf gegründet. Die ehrenamtliche Hilfe der Grünen Damen und Herren
verbreitete sich von dort im gesamten Bundesgebiet und 1997 auch im
Uniklinikum Dresden. Der Eigenname „Grüne Damen und Herren“ leitet sich
von der Farbe des Kittels ab, den die Helferinnen und Helfer auf den
Krankenstationen tragen. Die Idee zur Gründung am Dresdner Uniklinikum
geht auf die Kinderärztin Dr. Silke Nolte-Buchholz zurück, die heute das
Sächsische Kinderpalliativzentrum leitet. Von 2001 an verantwortete
Christine Langer mit viel Herz und großem Engagement die Grünen Damen und
Herren am Uniklinikum. Wie Katrin Weigelt war auch sie zuvor als
Krankenschwester im Haus tätig und widmete sich nach ihrem Renteneintritt
den Ehrenamtlern. Im Januar 2023 ist Christine Langer verstorben. Mit
Katrin Weigelt soll das in der Patientenversorgung so wichtige Angebot
nach den Coronajahren nun wieder neu belebt werden.

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H-BRS aktuell zu KI: „Fokus Mensch immer mitberücksichtigen“ - Interview mit Dr. Daryoush Vaziri

Während Microsoft seiner Tastatur eine eigene Taste für die Künstliche
Intelligenz hinzufügt, ist die Digitalisierung in vielen Unternehmen und
Behörden hierzulande noch lange nicht so weit vorangeschritten.
„Unternehmen können es sich inzwischen aber nicht mehr leisten, sich nicht
mit KI zu beschäftigen“, sagt Dr. Daryoush Daniel Vaziri. Der
Wirtschaftsinformatiker leitet an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS)
die Forschungsgruppe Menschzentrierte Entwicklung KI-basierter Systeme und
Geschäftsmodelle. Im Interview spricht er über Künstliche Intelligenz,
deren Vor- und Nachteile sowie digitale Souveränität.

Herr Vaziri, vier von fünf Unternehmen in Deutschland setzen immer noch
auf Faxgeräte, wenn auch nicht mehr so häufig wie früher. Was sagt das
über den Stand der Digitalisierung hierzulande aus?
Daryoush Vaziri: Diese Statistik zeigt, dass wir in Deutschland
Veränderungen nicht wirklich mögen, und wie träge die Prozesse sind. Der
Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft war in den 1980er
Jahren. Anfangs haben viele deutsche Unternehmen wichtige neue
Technologien entwickelt. Heute gibt es außer SAP eigentlich nur noch US-
amerikanische oder vermehrt chinesische Unternehmen, die in dem Bereich
relevant sind. Wir sind immer noch Weltmarktführer in der
Automobilbranche, stark im Maschinenbau. Aber den Wechsel zur
Informationsgesellschaft haben die deutschen Konzerne irgendwie nicht
hinbekommen.

Was sind denn Potenziale und Herausforderungen für die Unternehmen bei der
digitalen Transformation und der Diskussion um Künstliche Intelligenz?
Vaziri: Generative KI richtig einzusetzen, also in Prozesse zu integrieren
und damit den gesamten Geschäftsprozess durchgängig zu unterstützen, kann
Studien zufolge Produktivität und Effizienz um bis zu 40 Prozent steigern.
Das ist ein Riesenpotenzial, denn alle Unternehmen stehen immer in einem
Technologie- und Preiswettbewerb, national und international. Wer sich
diese Technologie nicht zunutze macht, wird diesen Wettbewerb
wahrscheinlich verlieren. Aber viele Unternehmen, nicht nur in
Deutschland, sondern auch weltweit, sind überhaupt nicht bereit, KI zu
nutzen. Wer seinen gesamten Geschäftsprozess noch nicht digitalisiert hat,
sondern noch auf Papier und Exceltabellen setzt, kann von produktiver KI
nur träumen. Diese KI-Readiness herzustellen, ist also die große
Herausforderung für deutsche Unternehmen und Behörden.

Wie ist der aktuelle Stand?
Vaziri: Die großen Unternehmen haben in der Regel fast alles
digitalisiert. In den kleinen und mittleren Unternehmen gibt es neben den
digitalisierten Prozessen allerdings immer noch Hybridprozesse mit
analogen Elementen und vielen Medienbrüchen. Ein Beispiel aus der
Pflegebranche: Da machen sich Pflegerinnen und Pfleger oft händisch
Notizen über Patienten und übergeben sie beim Schichtwechsel an ihre
Kollegen. Doch die können vielleicht die Handschrift nicht lesen, ihnen
fehlen wichtige Informationen zum Verständnis oder der Zettel geht
verloren. KI braucht digitalisierte Daten.

Kommen die Unternehmen an KI noch vorbei?
Vaziri: Unternehmen können es sich inzwischen nicht mehr leisten, sich
nicht mit KI zu beschäftigen. Wir kommen jetzt sehr schnell an den Punkt,
wo immer mehr Unternehmen auf internationaler Ebene KI einsetzen werden
und dadurch Effizienzvorteile gewinnen. Anwendungen wie ChatGPT und Co.
spielen dabei aufgrund der fehlenden Prozessintegration und Sensibilität
der Daten nur eine untergeordnete Rolle. Es geht um spezifizierte KI-
Systeme, die den Geschäftsprozess unterstützen und abgestimmt auf die
Bedürfnisse von Mitarbeitern und Kunden funktionieren. Diese können enorme
Effizienzvorteile und damit ganz andere Möglichkeiten, beispielsweise in
der Preisgestaltung, mit sich bringen.

Was bedeutet das für die Beschäftigten? Sind da nicht viele Arbeitsplätze
gefährdet?
Vaziri: Das ist so, da darf man sich keine Illusionen machen. Was wir
gerade erleben, wird häufig der iPhone- oder Internet-Moment der
Künstlichen Intelligenz genannt. Schon jetzt gibt es viele Berufe fast nur
noch, weil Unternehmen noch zurückhaltend beim Einsatz der KI sind. Das
hat vor allem damit zu tun, dass die großen Akteure aus den USA kommen und
wir hier sehr viel Wert auf Datenschutz und Souveränität legen, was
natürlich richtig ist. Gerade kleine und mittlere Unternehmen wollen nicht
so abhängig von den digitalen Technologien aus dem Silicon Valley sein,
wie sie es in der Vergangenheit waren und teilweise auch immer noch sind.
Wenn es mehr nützliche und prozessorientierte Technologien aus Deutschland
oder Europa gibt, dann werden wohl viele Berufe mehr und mehr obsolet.

Sie sprechen von einer dramatischen Umwälzung für die gesamte
Gesellschaft.
Vaziri: Die Entwicklung ist, verglichen mit den letzten Jahrzehnten,
tatsächlich dramatisch, auch wenn wir das heute vielleicht noch gar nicht
wahrhaben wollen. Es werden nicht von heute auf morgen viele Berufsfelder
wegfallen, aber in den nächsten fünf, zehn, 15 Jahren. Gleichzeitig kommen
auch neue Berufsfelder hinzu. Irgendwer muss die KI zum Beispiel
kontrollieren und überwachen. Denn die KI ist zwar unfassbar
leistungsstark, kennt aber weder Werte noch Moral oder Ethik, sondern nur
die Daten, mit denen sie gefüttert wurde. Für einen verantwortungsvollen
Umgang mit der Technologie muss ich verstehen, wie diese Systeme
funktionieren. Hierin besteht eine Chance für neue Berufsfelder. Das sind
Kompetenzen, die wir unseren Kindern aktuell in der Schule aber noch nicht
beibringen. An unserer Hochschule machen wir das jetzt immer häufiger. Die
Betriebswirte und Wirtschaftsinformatiker, die wir ausbilden, haben an
verschiedenen Stellen immer wieder den Kontakt zu generativer KI, also
einer Künstlichen Intelligenz, die Dinge wie zum Beispiel Texte oder
Bilder nicht nur versteht, sondern auch komplett neu und auf
menschenähnlichem Niveau erstellen kann.

Vergangenes Jahr ist die KI mit ChatGPT ins allgemeine Bewusstsein
gelangt. Welche Entwicklung erwarten Sie für dieses Jahr?
Vaziri: KI war bis vor Kurzem ein Thema in der Forschung oder im
Unternehmenskontext. Jetzt wurde Weihnachten am Familientisch darüber
gesprochen. Wie verrückt ist das? Die Entwicklung wird rasant weitergehen.
Aktuell gibt es die großen Player wie OpenAI und Google, deren Produkte im
Endverbraucherbereich genutzt werden, so wie jeder von uns auch googelt.
Aber im Unternehmensbereich sind diese KI-Modelle noch nicht wirklich
akzeptiert und werden es wohl auch nicht werden, solange die Daten nicht
unter der eigenen Kontrolle liegen. Sprache ist zudem eine Kernkompetenz.
Bei deren maschineller Verarbeitung sollte man sich nicht in
Abhängigkeiten bei Funktionalität und Preis begeben. Wir müssen mehr für
unsere digitale Souveränität tun. Aktuell gibt es viele Entwicklungen, die
in Richtung Open Source Modelle gehen. Also offene Modelle, die jeder
nutzen, weiter trainieren und an die eigenen Bedürfnisse anpassen kann.
Das ist im Unternehmenskontext sehr relevant, und kann es auch im privaten
Kontext werden, falls ich ein kontrolliertes Modell haben möchte, das ich
mitformen kann. Ich nehme an, dass wir in diesem Jahr viele neue
Entwicklungen aus diesem Bereich sehen werden.

Sie leiten an der H-BRS die Forschungsgruppe Menschzentrierte Entwicklung
KI-basierter Systeme und Geschäftsmodelle. Wann sind digitale Innovationen
denn nutzerfreundlich?
Vaziri: Wenn wir KI-Systeme bauen, die mit den Menschen an Prozessen
zusammenarbeiten und sie nicht einfach ersetzen. Also wo der Mensch für
den Prozess noch wichtig ist. Es ist ein Unterschied, ob zum Beispiel eine
KI meine Frage einfach in einer Sekunde beantwortet und ich überhaupt
nicht mehr nachdenken muss, oder ob ich eine KI habe, die auf meine Frage
vielleicht antwortet, dass sie ein paar Lösungsalternativen habe nach dem
Motto „lass uns doch gemeinsam schauen, welche hier am besten passt“. Es
geht doch darum: Will ich als Gesellschaft nur Technologien haben, die mir
den schnellsten Lösungsweg geben und dabei das individuelle Sinnempfinden
einfach ignorieren? Dann bin ich effizient und wahrscheinlich auch
ziemlich produktiv. Die Frage ist, was passiert dann mit der Gesellschaft?
Oder möchte ich als Gesellschaft Technologien haben, die mich
unterstützen, mir vielleicht die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung
geben? Uns geht es in unserer Forschungsgruppe also darum, KI-Technologien
nicht einfach nur zu bauen, weil man sie bauen kann, sondern zu schauen,
ob sie wirklich nützlich und dienlich sind. Im Mittelpunkt steht die
Frage, wie man solche Technologien verantwortungsbewusst entwickelt und
immer den Fokus Mensch mitberücksichtigt.

Sie beschäftigen sich in Ihren Forschungen mit KI im Unternehmenskontext.
Nutzen Sie auch privat Künstliche Intelligenz?
Vaziri: Ich nutze sie zum Beispiel für Übersetzungen von langen Texten,
die sind durch KI unfassbar einfach geworden. Und für Gute-Nacht-
Geschichten ist sie auch praktisch. Ich habe eine zweijährige Tochter und
die will von mir immer eine neue Gute-Nacht-Geschichte zum Einschlafen
hören, doch da gehen mir irgendwann die Ideen aus. Aber nichts einfacher
als das. Ich frage einfach den Kollegen ChatGPT und schon habe ich eine
Idee.

+++ Redaktioneller Hinweis: An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg forschen und
lehren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu gesellschaftlich
relevanten Themen und Fragestellungen. Unter dem Titel „H-BRS aktuell“
lassen wir in unregelmäßigen Abständen Expertinnen und Experten zu
aktuellen Themen zu Wort kommen. Die Beiträge stellen wir zur
Veröffentlichung bereit (bitte gegebenenfalls nur komplette Frage-Antwort-
Komplexe kürzen). Außerdem stehen die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler gerne für weitere Fragen zur Verfügung. Dr. Daryoush
Daniel Vaziri leitet an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) die
Forschungsgruppe Menschzentrierte Entwicklung KI-basierter Systeme und
Geschäftsmodelle. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist neben der Gestaltung
und Entwicklung KI-basierter Systeme auch deren strategische und operative
Nutzung im Unternehmen sowie die Integration in Geschäftsprozesse. +++

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Daryoush Vaziri, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Fachbereich
Wirtschaftswissenschaften, Forschungsgruppenleiter Menschzentrierte
Entwicklung KI-basierter Systeme und Geschäftsmodelle, Telefon: 02241/
865-9654, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

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