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Solidarität mit enteigneter Jesuitenhochschule in Nicaragua

Prof. Dr. Michael Reder, Vizepräsident der HFPH  Alescha Birkenholz  HFPH/ A
Prof. Dr. Michael Reder, Vizepräsident der HFPH Alescha Birkenholz HFPH/ A

Die Hochschule für Philosophie München (HFPH) möchte
ihre uneingeschränkte Solidarität mit der Universidad Centroamericana
(UCA) in Managua, Nicaragua, ausdrücken. Die UCA, eine renommierte
Bildungseinrichtung in Trägerschaft des Jesuitenordens, wurde kürzlich von
der autoritären sandinistischen Regierung Nicaraguas unter Präsident
Daniel Ortega geschlossen und enteignet.

Angriff auf die Autonomie der Universitäten, die akademische Freiheit und
die Menschenrechte

Jüngst wurde die jesuitische Universidad Centroamericana (UCA) in der
nicaraguanischen Hauptstadt Managua unter dem totalitären Ortega-Regime
geschlossen, deren Eigentum beschlagnahmt und sämtliche Vermögenswerte
konfisziert. Der Hochschulbetrieb wurde eingestellt. Der Nationale
Hochschulrat beschloss am 17. August 2023 die Zulassung der Katholischen
Universität aufzuheben. Ein Gericht in Managua hatte der Hochschule zuvor
vorgeworfen, ein „Zentrum des Terrorismus“ zu sein. 2018 gingen
Studentenproteste gegen die Politik der Regierung Ortegas von der UCA aus.
Seitdem waren die UCA sowie andere kirchliche Einrichtungen und
Würdenträger immer wieder Schikanen und Repressalien des Machthabers und
seiner langjährigen antikirchlichen Politik ausgesetzt.

Die Vorwürfe wurden u. a. von der Zentralamerikanischen Provinz der
Gesellschaft Jesu, als „falsch und unbegründet“ zurückgewiesen. Die
prestigeträchtige Lehr- und Forschungsarbeit, die die Universität in den
Jahren ihres Bestehens geleistet habe, sei national und international
anerkannt und stehe in Einklang mit der Bildungstradition der Gesellschaft
Jesu und den Leitlinien der katholischen Kirche, so die Jesuiten weiter.
Die Enteignung der UCA wurde von verschiedenen internationalen
Organisationen, einschließlich des Verbands lateinamerikanischer Jesuiten-
Universitäten, als Angriff auf die Autonomie der Universitäten, die
akademische Freiheit und die Menschenrechte verurteilt.

Unterstützung für die Zentralamerikanische Universität in Nicaragua

Es ist von entscheidender Bedeutung, internationale Unterstützung für die
Verteidigung der UCA zu mobilisieren und die ungerechtfertigten Vorwürfe
der Ortega- Diktatur zurückzuweisen. Als jesuitische Schwester-Hochschule
steht die HFPH solidarisch an der Seite der UCA.
„In einer Zeit, in der der Austausch von Wissen und Ideen sowie die
Förderung des kritischen Denkens wichtiger denn je sind, müssen wir
gemeinsam für die Wahrung der akademischen Freiheit und für die
grundlegenden Menschenrechte eintreten. Die Freiheit des akademischen
Ausdrucks ist von entscheidender Bedeutung für eine aufgeklärte und
fortschrittliche Gesellschaft“, äußert sich Prof. Dr. Michael Reder,
Professor für Praktische Philosophie und Vizepräsident der HFPH, zu der
inakzeptablen Unterdrückung und Schließung der Universidad
Centroamericana.

Jesuitenhochschule UCA

Die Universidad Centroamericana (UCA) wurde 1963 vom Jesuitenorden als
eine gemeinnützige, autonome und christlich inspirierte Hochschule
gegründet und ist heute eine der wichtigsten Universitäten in
Mittelamerika. In ihrer über 60-jährigen Geschichte hat sich die UCA als
ein lebendiges Zentrum des freien Denkens, der akademischen Exzellenz und
des sozialen Engagements etabliert. Als Mitglied des Verbands
lateinamerikanischer Jesuiten-Universitäten AUSJAL hat die UCA einen
wertvollen Beitrag zur Bildung und Entwicklung in der Region geleistet.

Über die Hochschule für Philosophie München

An der Hochschule für Philosophie München (HFPH) stellen sich Lehrende und
Studierende seit fast 100 Jahren gemeinsam den großen gesellschaftlichen
Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft. Wir bilden Menschen in
Philosophie aus, damit sie komplexe Zusammenhänge kritisch erfassen können
und Orientierung in den existenziellen Fragen des Menschseins gewinnen.
Das Studienangebot der vom Jesuitenorden getragenen und staatlich
anerkannten Hochschule umfasst Studiengänge in Philosophie mit den
Abschlüssen Bachelor, Master und Promotion ebenso wie berufsbegleitende
Weiterbildungsstudiengänge mit Zertifikat oder Master-Abschluss. Im
Zentrum des Münchner Universitätsviertels zeichnet sich die Hochschule
durch besondere Lehr-/Lernprozesse auf Augenhöhe zwischen Studierenden und
Lehrenden, eine familiäre Atmosphäre sowie inter- und transdisziplinären
Austausch aus. Die Hochschule ist ein Ort des Dialogs und der Debatte, der
auch über die Wissenschaft hinaus in die Gesellschaft hineinwirkt.

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Wie man Nicht-Recycelbares recycelt: Neuer Kunststoff schützt vor Flammen – und vor Verschwendung

Dank dem Phosphorgehalt ist das neue Epoxidharz schwer entflammbar. Die linke Platte ist unbehandelt, die rechte wurde mit dem neuen Werkstoff beschichtet.  Empa
Dank dem Phosphorgehalt ist das neue Epoxidharz schwer entflammbar. Die linke Platte ist unbehandelt, die rechte wurde mit dem neuen Werkstoff beschichtet. Empa

Empa-Forschende haben ein Epoxidharz entwickelt, das sich reparieren und
recyceln lässt – und zudem schwer entflammbar und mechanisch
widerstandsfähig ist. Mögliche Anwendungen reichen von Beschichtungen für
Parkettböden bis hin zu Verbundwerkstoffen für Züge und Flugzeuge.

Epoxidharze sind widerstandsfähige und vielseitige Kunststoffe. In
Kombination mit Glas- oder Kohlenstofffasern werden sie beispielsweise zur
Herstellung von Bauteilen für Flugzeuge, Autos, Züge, Schiffe und
Windkraftanlagen verwendet. Solche faserverstärkten Kunststoffe auf
Epoxidbasis haben auszeichnete mechanische und thermische Eigenschaften
und sind viel leichter als Metall. Ihre Schwäche: Sie sind nicht
recycelbar – zumindest noch nicht.
Nun haben Empa-Forschende um Sabyasachi Gaan vom Empa-Labor «Advanced
Fibers» einen Kunststoff auf Epoxidharzbasis entwickelt, der vollständig
recycelbar, reparierbar und zudem schwer entflammbar ist – und dabei die
günstigen thermomechanischen Eigenschaften von Epoxidharzen beibehält.
Ihre Ergebnisse haben sie in der Zeitschrift Chemical Engineering Journal
veröffentlicht.
Das Recyceln von Epoxidharzen ist alles andere als trivial, denn diese
Kunststoffe zählen zu den sogenannten Duromeren. Bei dieser Art von
Kunststoffen sind die Polymerketten engmaschig miteinander vernetzt. Diese
chemischen Verbindungen verunmöglichen das Schmelzen. Ist der Kunststoff
einmal ausgehärtet, lässt er sich nicht mehr verformen.
Anders verhält es sich bei Thermoplasten, wie beispielsweise PET oder
Polyolefine. Ihre Polymerketten liegen eng aneinander, sind aber nicht
miteinander verbunden. Unter Hitzeeinwirkung lassen sich diese Kunststoffe
schmelzen und in neue Formen bringen. Nur: Wegen der fehlenden Vernetzung
sind ihre mechanischen Eigenschaften bei erhöhten Temperaturen in der
Regel nicht so vorteilhaft wie diejenigen von Duromeren.

Eine neue Art von Kunststoff

Das besondere Epoxidharz, das die Empa-Forschenden in Zusammenarbeit mit
nationalen und internationalen Partnern entwickelt haben, ist eigentlich
ein Duromer – lässt sicher aber, im Gegensatz zu anderen Duromeren, wie
ein Thermoplast schmelzen. Der Schlüssel dazu ist der Zusatz eines
besonderen funktionalen Moleküls aus der Klasse der Phosphonsäureester in
die Harzmatrix. «Wir haben dieses Molekül ursprünglich als
Flammschutzmittel synthetisiert», sagt Empa-Wissenschaftlerin Wenyu Wu
Klingler, die diese Technologie miterfunden hat. Die Bindung, die das
Molekül mit den Polymerketten des Epoxidharzes eingeht, ist aber
reversibel, lässt sich also unter bestimmten Bedingungen wieder lösen.
Dies lockert die Vernetzung der Polymerketten, sodass sie sich schmelzen
und verformen lassen.
Solche Werkstoffe, auch Vitrimere genannt, sind erst seit rund zehn Jahren
bekannt und gelten als besonders vielversprechend. «Heute sind
faserverstärkte Kunststoffe praktisch nicht recycelbar, ausser unter
extremen Bedingungen, die die Fasern beschädigen», erklärt Wu Klingler.
«Haben sie einmal ausgedient, werden sie verbrannt oder in Deponien
entsorgt. Mit unserem Kunststoff wäre es erstmals möglich, sie erneut in
den Stoffkreislauf zu bringen.»
Ihre Vision für die Zukunft, ergänzt Gruppenleiter Sabyasachi Gaan, sei
«ein Verbundwerkstoff, bei dem die Fasern und die Kunststoffmatrix
komplett voneinander getrennt und wiederverwendet werden können.» Einen
besonderen Vorteil sieht der Forscher beispielsweise bei
kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffen, wie sie im Bau von Flugzeugen,
Zügen, Booten, Autos, Velos und mehr eingesetzt werden. «Die Herstellung
von Kohlenstofffasern benötigt sehr viel Energie und setzt enorm viel CO2
frei», erklärt er. «Wenn wir sie recyceln könnten, wäre ihr ökologischer
Fussabdruck um einiges besser – und der Preis um einiges tiefer.» Zudem
könnten so auch wertvolle Zusatzstoffe wie Phosphor aus der Polymermatrix
zurückgewonnen werden.

Massgeschneidertes Material

Faserverstärkte Kunststoffe sind nicht die einzige Anwendung für den neuen
Kunststoff. Beispielsweise könnte er zur Beschichtung von Holzböden
eingesetzt werden, als eine transparente, widerstandsfähige Schicht, die
gute flammhemmende Eigenschaften aufweist – und bei der sich Kratzer und
Beschädigungen mit etwas Druck und Hitze wieder «heilen» lassen.
«Wir haben nicht ein einziges Material für einen spezifischen Zweck
entwickelt, sondern vielmehr eine Toolbox», erklärt Gaan. «Der
Flammschutz, die Rezyklierbarkeit und die Reparierbarkeit sind gegeben.
Alle weiteren Eigenschaften können wir je nach Verwendungszweck
optimieren.» So seien Fliesseigenschaften besonders wichtig für die
Herstellung von faserverstärkten Kunststoffen, während Holzbeschichtungen
im Aussenbereich zusätzlich witterungsfest sein müssen.
Um diese und weitere Anwendungen des Materials weiterzuverfolgen, suchen
die Forschenden nun nach Industriepartnern. Die Chancen für einen
kommerziellen Erfolg stehen gut: Denn nebst all seinen anderen
vorteilhaften Eigenschaften ist das modifizierte Kunstharz auch noch
günstig und einfach in der Herstellung.

European Meeting on Fire Retardant Polymeric Materials 2023

Das Empa-Labor «Advanced Fibers», in dem auch Sabyasachi Gaan und Wenyu Wu
Klingler forschen, entwickelt bereits seit 15 Jahren Flammschutzmittel für
Textilien, Kunststoffe und Holz. Ende Juli lud das Labor in der Empa-
Akademie zum «European Meeting on Fire Retardant Polymeric Materials»
(FRPM) 2023. Rund 250 Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und
der Industrie trafen zusammen für interdisziplinäre Vorträge und
Diskussionen. Auch das vorliegende Projekt wurde an der Konferenz
vorgestellt.

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Effizientes Bauschutt-Recycling DBU fördert Startup „Optocycle“ aus Tübingen

Die Gründer des Startups Optocycle Max-Frederick Gerken und Lars Wolff (v.l.) entwickeln mit Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein System, das automatisch unterschiedliche Bestandteile von Bauabfällen erkennt.  Optocycle
Die Gründer des Startups Optocycle Max-Frederick Gerken und Lars Wolff (v.l.) entwickeln mit Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein System, das automatisch unterschiedliche Bestandteile von Bauabfällen erkennt. Optocycle

Werden Gebäude abgerissen oder etwa Straßen
aufgerissen, bleiben sogenannte mineralische Bauabfälle zurück – laut dem
Umweltbundesamt waren es 2020 mehr als 220 Millionen Tonnen allein in
Deutschland. Das Startup Optocycle aus Tübingen in Baden-Württemberg
entwickelt mit Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
ein System, das per Kameras und künstlicher Intelligenz Bauabfälle
klassifiziert. So sollen die unterschiedlichen Bestandteile des Bauschutts
besser voneinander getrennt und dadurch effektiver wiederverwertet werden
können.

Potenzial stofflicher Wiederverwertung von Bauschutt mehr ausschöpfen

Beton, Ziegel, Keramik, Kunststoff und Metall: Bauschutt besteht aus
vielen verschiedenen Materialien, sogenannten Stoff-Fraktionen. Deren
Herstellung kostet Ressourcen sowie Energie und verursacht erhebliche
klimaschädliche Treibhausgase (THG). „Allein auf die Zementproduktion –
ein wichtiger Bestandteil von Beton – entfallen derzeit etwa acht Prozent
der globalen Kohlendioxid-Emissionen“, sagt Franz-Peter Heidenreich, der
Leiter des DBU-Referats Wasser, Boden und Infrastruktur. Wichtig sei
daher, dass nach einem Gebäudeabriss so viele Bauabfälle wie möglich
hochwertig recycelt werden. Das Problem: Der Bauschutt wird meistens per
Lastwagen zu Entsorgungsbetrieben transportiert und dort ohne digitale
Hilfsmittel klassifiziert. „Ein automatisches Sortieren der Bauabfälle
nach recycelbaren und schadstoffarmen Materialien könnte Kosten einsparen,
wäre präziser und ganz im Sinne einer echten Kreislaufwirtschaft“, sagt
Heidenreich. Bauschutt werde jedoch derzeit zu einem großen Teil
niederwertig für den Straßen- und Deponiebau sowie zum Verfüllen von
stillgelegten Tagebauen verwendet. „Dabei ließe sich das Potenzial zum
Einsparen von Rohstoffen und Treibhausgas-Emissionen durch ein Wieder- und
Weiterverwerten im Hochbau viel mehr ausschöpfen“, so Heidenreich.
Bestimmte Bauschutt-Bestandteile könnten nach seinen Worten beispielsweise
zu Recyclingbeton oder Dämmstoffen verarbeitet werden.

Optocycle will Bauschutt-Recycling mithilfe künstlicher Intelligenz
vereinfachen

Damit in Zukunft mehr Abbruchmaterial wieder zu hochwertigen Produkten
verarbeitet werden kann, entwickelt das DBU-geförderte Startup Optocycle
aus Tübingen ein System, das automatisch unterschiedliche Stoff-Fraktionen
erkennt. „Zuerst nehmen Kameras Bilder des Bauschutts auf, zum Beispiel
von einer Lastwagen-Ladung oder einem Förderband“, erklärt Gründer und
Geschäftsführer Max-Frederick Gerken. „Die von uns entwickelte Software
bestimmt dann durch optische Auswertung der Bilder mittels künstlicher
Intelligenz die stoffliche Zusammensetzung des Materials.“
Abbruchunternehmen, Entsorgungsbetriebe oder Rohstoffproduzenten könnten
das System entweder kaufen oder mieten und in üblichen Fahrzeugwaagen
montieren.

Pilotanlage des Erkennungssystems im Betrieb von Umweltpreisträger Walter
Feeß

In der Nähe von Stuttgart im Betrieb von Walter Feeß, der als Wegbereiter
für Recycling-Beton von der DBU 2016 mit dem Deutschen Umweltpreis
ausgezeichnet wurde, ist die Einfahrtswaage bereits mit einer Optocycle-
Pilotanlage ausgestattet und unterstützt die Mitarbeitenden bei der
Sortierung und Analyse verschiedener Stoff-Fraktionen. „Durch genaue
Aussagen über die Zusammensetzung von Bauschutt ermöglicht unsere
Technologie eine optimale Nutzung von Abbruchmaterial“, sagt Gerken. Durch
eine solche umfassende Kreislaufwirtschaft werden nach seinen Worten
Ressourcen effizienter genutzt sowie der Verbrauch von Rohstoffen und
Abfall reduziert. DBU-Fachexperte Heidenreich: „Zudem könnte das Vorhaben
des Startups Optocycle durch die im August in Kraft getretene
Ersatzbaustoffverordnung für Entsorgungsfirmen interessant werden, zum
Beispiel bei Annahme- und Qualitätskontrollen.“ Es sei geplant, das
Erkennungssystem auf die Analyse von Bio- und Papierabfällen zu
übertragen. Die DBU fördert das junge Unternehmen mit etwa 109.000 Euro.

Über die Green Startup Förderung

Mit der Green Startup Förderung unterstützt die Stiftung junge
Gründerinnen und Gründer, die auf innovative und wirtschaftlich tragfähige
Weise Lösungen für Umwelt, Ökologie und Nachhaltigkeit entwickeln. Mehr
Informationen unter https://www.dbu.de/startup.

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Selbstbezug macht Kunst attraktiver

Einmal Van Goghs Sonnenblumen, aber bitte für Segelfans! Was KI damit zu tu hat? Eine aktuelle Studie belegt: Selbstbezug – das heißt, wie viel uns etwas bedeutet, weil es unsere Identität, Erinnerungen, Bedürfn  Vincent Van Gogh: Twelve Sunflowers in a Vase (August 1888), Neue Pinakothek, Munich; ESI/C. Kernberger  (199 KB, 2055 x 1
Einmal Van Goghs Sonnenblumen, aber bitte für Segelfans! Was KI damit zu tu hat? Eine aktuelle Studie belegt: Selbstbezug – das heißt, wie viel uns etwas bedeutet, weil es unsere Identität, Erinnerungen, Bedürfn Vincent Van Gogh: Twelve Sunflowers in a Vase (August 1888), Neue Pinakothek, Munich; ESI/C. Kernberger (199 KB, 2055 x 1

Neue Forschungsergebnisse zeigen, warum KI-Kunst Menschen fasziniert
Fotos, Vorlieben, Namen, Daten… Internetriesen und Unternehmen im Bereich
Künstliche Intelligenz (KI) sammeln nicht ohne Grund viele persönliche
Informationen ihrer User. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift
Psychological Science belegt: Selbstbezug – das heißt, wie viel uns etwas
bedeutet, weil es unsere Identität, Erinnerungen, Bedürfnisse oder Gefühle
anspricht – hat großen Einfluss darauf, was wir mögen. An der Studie
beteiligt waren Forschende des Max-Planck-Instituts für empirische
Ästhetik (MPIEA), des Ernst Strüngmann Institute (ESI) for Neuroscience,
beide ansässig in Frankfurt am Main, sowie des Max-Planck-Instituts für
Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande.

Jüngste Fortschritte in der KI revolutionieren derzeit auch kreative
Prozesse. Im grafisch-visuellen Bereich ermöglichen Programme wie DALL-E
allen Anwender*innen, künstlerische Bilder von nahezu jedem denkbarem
Motiv zu erschaffen – einschließlich Selbstportraits nach ganz
individuellen Vorlieben und Vorstellungen. Die aktuellen Entwicklungen in
diesem Bereich machen deutlich, wie sehr Kunst mit unserer individuellen
Lebenserfahrung verknüpft ist, und zeigen zudem, dass ästhetische
Erfahrungen auch transformativ sein können – also tiefgreifend
beeinflussen können, wie wir uns selbst und die Welt wahrnehmen.

Die Wissenschaftler*innen erstellten mithilfe der KI-Technik Style
Transfer maßgeschneiderte Kunstwerke für einzelne Studienteilnehmende.
Dafür hatten diese zunächst einen Fragebogen zu Aspekten ihres
Selbstbildes ausgefüllt, in dem sie Auskunft gaben über
Kindheitserinnerungen an die Orte, an denen sie aufgewachsen waren, über
ihre letzten Urlaubsreisen sowie über ihre persönliche und soziale
Identität (z.B. „Ich bin LGBTQ-Aktivistin“ oder „Ich bin begeisterter
Rollschuhfahrer“). Die Forschenden wählten anschließend Fotos aus, die
diese Aspekte illustrierten, und erstellten mit Style Transfer neue,
eigens auf die jeweilige Person zugeschnittene Kunstwerke. Darüber hinaus
bekamen die Studienteilnehmenden auch Kunstwerke gezeigt, die für andere
Personen erstellt worden waren, sowie weitere KI-generierte und
menschengemachte Kunstwerke ohne näheren Bezug.
Dabei wurde festgestellt, dass die Studienteilnehmenden Kunstwerke, die
speziell für sie entworfen worden waren, als ästhetisch viel ansprechender
bewerteten als solche, die für andere Personen entworfen worden waren. Der
Selbstbezug half den Wissenschaftler*innen auch bei der Vorhersage, welche
Kunstwerke ihre Proband*innen besonders ansprechend finden würden. Darüber
hinaus gab es in den Bildern keine Merkmale, die auf einen generellen
Selbstbezug hindeuteten: Die Betrachtenden neigten dazu, sehr
unterschiedliche Dinge mit sich selbst in Verbindung zu bringen.

Doch Menschen schauen sich Kunstwerke nicht nur an, um sich selbst darin
wiederzufinden. Kunst kann auch etwas über die Erfahrungen anderer
erzählen. Edward Vessel, Erstautor der Studie vom MPIEA, erklärt: „Selbst,
wenn ein Kunstwerk primär etwas zeigt, das sich von unserem
Erfahrungsschatz unterscheidet, bedeutet das nicht automatisch, dass wir
damit nichts anfangen können. Enthält das Werk Elemente, die einen
Selbstbezug herstellen oder ihn erhöhen, wird dennoch ein tieferes
Verständnis und damit ein größerer Kunstgenuss ermöglicht.“

Mitautor Cem Uran, Doktorand in der Forschungsgruppe von Martin Vinck am
ESI, führt weiter aus: „Für diese Studie wurden den Teilnehmer*innen
Kunstwerke gezeigt, die gezielt Elemente mit Selbstbezug enthielten. Bei
echter Kunst liegt es jedoch ganz bei uns, diese Bildelemente zu entdecken
– oder vielleicht nehmen wir sie auch gar nicht bewusst wahr und mögen
bestimmte Kunst einfach, ohne zu wissen, warum. In dieser Studie haben wir
uns darauf konzentriert, zu zeigen, dass der Faktor ‚individueller
Selbstbezug‘ wichtiger ist als allgemeine Regeln wie ästhetisches Design
oder der Goldene Schnitt. Beide Faktoren können natürlich dazu beitragen,
dass ein Kunstwerk gefällt – aber eben nicht ausschließlich.“

Die Forschungsarbeit bildet eine Grundlage für das Verständnis der
psychologischen Auswirkungen sowie der großen Beliebtheit von KI-Tools für
die Erstellung personalisierter Inhalte – von Superhelden-Avataren der
eigenen Person bis hin zu fantasievollen Darstellungen ganz nach den
persönlichen Vorlieben und Wünschen.

Dass uns Informationen mit Selbstbezug so besonders stark ansprechen,
verdeutlicht auch das Missbrauchspotenzial personalisierter Inhalte. Diese
werden immer allgegenwärtiger, gerade auch durch Empfehlungsalgorithmen,
die personalisierten Feeds und Inhalten zugrunde liegen (z. B. auf TikTok,
Instagram oder YouTube) . Ein Trend, der sich mit den jüngsten
Fortschritten in der KI-Technologie dramatisch beschleunigt und von Social
Media-Usern häufig gar nicht bewusst wahrgenommen wird.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Martin Vinck <Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.>

Originalpublikation:
Vessel EA, Pasqualette L, Uran C, Koldehoff S, Bignardi G, Vinck M (2023).
Self-relevance predicts the aesthetic appeal of real and synthetic
artworks generated via neural style transfer. Psychological Science, 0(0).
https://doi.org/10.1177/09567976231188107

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