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Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiterhin Todesursache Nummer eins: Herzstiftung setzt auf mehr Forschung und Aufklärung

Prof. Dr. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung  Deutsche Herzstiftung
Prof. Dr. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung Deutsche Herzstiftung

Jahresbericht 2022: Fördermittel für die Herzforschung erneut kräftig
erhöht. Herzstiftung mit bestem Finanzergebnis seit Bestehen. / Nationale
Herz-Kreislauf-Initiative gegen kardiovaskuläre Sterblichkeit

Die Deutsche Herzstiftung zieht für das Jahr 2022 eine positive Bilanz und
bewährte sich trotz der schwierigen Gesamtsituation (Ukraine-Krieg,
Energiekrise, Inflation und Nachwirkungen der Corona-Pandemie) als
Anlaufstelle für Herzkranke und Interessierte, als Förderinstitution und
als Stimme der Herzpatienten in der Öffentlichkeit. Die Herzstiftung
konnte im Jahr 2022 ihre Ausgaben für die Förderung der Herz-Kreislauf-
Forschung auf 5,17 Millionen Euro erhöhen und ihr bestes Finanzergebnis
seit Bestehen erzielen. „Mit unseren Projekten tragen wir dazu bei, die
Lebensqualität sowie die herzmedizinische Versorgung herzkranker Menschen
zu verbessern und die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen
insgesamt zu verringern“, betont Prof. Dr. Thomas Voigtländer,
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung auf der
Mitgliederversammlung der Herzstiftung bei der Übergabe des
Jahresberichts. Dieser ist unter https://herzstiftung.de/jahresbericht
abrufbar. „Die Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit durch Herz-
Kreislauf-Erkrankungen stellen die deutsche Herzmedizin und auch die
Deutsche Herzstiftung als Anlaufstelle für Herzpatienten vor immense
Herausforderungen, denen auch wir uns stellen“, so Voigtländer.

Fünf Millionen Euro für die Herzforschung – erneut Fördermittel erhöht
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind noch immer die häufigste Todesursache in
Deutschland. Mit 340 619 Verstorbenen war gut ein Drittel (33 %) aller
Sterbefälle im Jahr 2021 darauf zurückzuführen. An einem Herzinfarkt, der
zu dieser Krankheitsgruppe gehört, verstarben 45 181 Menschen.  (60 %
Männer und 40 % Frauen). Pro Jahr werden mehr als 1,5 Millionen Menschen
wegen Herzkrankheiten vollstationär in Kliniken versorgt. Darunter
Patienten mit Erkrankungen der Herzkranzgefäße, mit Herzinsuffizienz,
Rhythmusstörungen wie Vorhofflimmern oder mit Herzklappenerkrankungen.
Umso mehr wächst der Bedarf an Forschungsförderung und Hilfsangeboten für
Herz-Kreislauf-Patienten. Die Deutsche Herzstiftung stellte gemeinsam mit
der von ihr 1988 gegründeten Deutschen Stiftung für Herzforschung ein
Fördervolumen von insgesamt 5,17 Mio. Euro (2021: 4,15 Mio. Euro) für
Wissenschaftsprojekte und -preise sowie patientennahe Forschungsvorhaben
in der Kardiologie, Kinderkardiologie und Herzchirurgie bereit und erhöhte
damit erneut die Fördermittel. An ihrem Kurs des intensivierten Förderns
der Herzforschung hielt die Herzstiftung auch im Jahr 2022 fest und
stellte eine Million Euro für innovative Forschungsprojekte zur
Volkskrankheit Vorhofflimmern zur Verfügung, um den dringlichen Bedarf in
der Forschung zur häufigsten anhaltenden Herzrhythmusstörung zu
unterstützen.  Infos: <https://herzstiftung.de/jahresbericht>

Herzstiftung trotz unruhiger Zeiten mit positiver Bilanz
Die Förderung der Herzforschung und die Aufklärungsarbeit der Deutschen
Herzstiftung ist nur möglich dank der finanziellen Unterstützung ihrer
Mitglieder, Förderinnen und Förderer sowie aufgrund von Erbschaften und
Vermächtnissen. Die Herzstiftung erzielte im Jahr 2022 Erträge in Höhe von
18,71 Mio. Euro (2021: 15,98 Mio. Euro). Demgegenüber standen Aufwendungen
in Höhe von 16,14 Mio. Euro (2021: 13,47 Mio. Euro). Die Zahl der
Mitglieder konnte mit rund 106.000 zum Jahresende 2022 auf Vorjahres-
Niveau gehalten werden.
Die Herzstiftung war auch im Jahr 2022 als erste Anlaufstelle für
Herzkranke und Interessierte, als Förderinstitution und als Stimme der
Herzpatienten in der Öffentlichkeit aktiv und blickt auf eine Vielzahl von
Projekten und Tätigkeiten in den Aufgabengebieten Aufklärung und
Information, Förderung der Herz-Kreislauf-Forschung, Prävention und
Angeborene Herzfehler zurück. So konnten etwa in der bundesweiten
Aufklärungsaktion (Herzwochen) rund 600 Informationsveranstaltungen
(Online- und Präsenz) zu Vorhofflimmern stattfinden.  Im
Präventionsprogramm „Skipping Hearts – Seilspringen macht Schule“, das
mehr Bewegung von Schülerinnen und Schülern bereits in der Grundschule zum
Ziel hat, fanden bundesweit rund 2.200 Workshops an Schulen statt. Die
Herzstiftung förderte 2022 etwa 100 Projekte, Stipendien und
Wissenschaftspreise in der Herz-Kreislaufforschung. Rund 14 Millionen
Menschen besuchten die Webseite der Herzstiftung, um sich über Herz-
Kreislauf-Erkrankungen zu informieren. Die im Jahr 2022 neu entwickelte
HerzFit-App der Herzstiftung als digitale Hilfe für die Herzgesundheit mit
Herzinfarkt-Risikotest wurde über 90.000-mal runtergeladen. Der
Herzstiftungs-Podcast imPULS hatte im Berichtsjahr 75.000 Hörerinnen und
Hörer (aktuell über 100.000).

Nationale Herz-Kreislauf-Initiative für bessere Versorgung herzkranker
Menschen
Die weiterhin hohe Sterblichkeit und Krankheitslast durch Herz-Kreislauf-
Erkrankungen - weit vor Krebserkrankungen - in Deutschland verdeutlicht,
dass zunehmend gemeinsame Aktivitäten zur Eindämmung von Herz-Kreislauf-
Erkrankungen auf nationaler und europäischer Ebene notwendig sind. Mit dem
Ziel, Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch mehr in den Mittelpunkt der
Wahrnehmung der Bevölkerung und in die strategische Zielsetzung der
Politik zu stellen, haben sich die Deutsche Herzstiftung, die
herzmedizinischen Fachgesellschaften in Deutschland und das Deutsche
Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung zusammengeschlossen, um im Rahmen
einer nationalen Herz-Kreislauf-Initiative, der Nationalen Herz-Allianz,
enger zusammenzuarbeiten. Diese Initiative macht sich für eine bessere
medizinische Versorgung von Millionen Menschen mit Herz-Kreislauf-
Erkrankungen in Deutschland und für mehr Investitionen in der
Herzforschung stark.

Der Jahresbericht 2022 der Deutschen Herzstiftung steht kostenfrei zum
Download (PDF) zur Verfügung unter <https://herzstiftung.de/jahresbericht>
oder ist in Print-Form erhältlich unter Tel. 069 955128-400.

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Weinbau: Präzisere Pilz-Bekämpfung durch Digitalisierung

Weniger Fungizide im Weinbau: Ein Verbundprojekt unter Leitung der Universität Hohenheim hat ein neues Sensorsystem entwickelt. Damit lassen sich Pilz-Krankheiten im Weinbau präziser vorhersagen und somit Fungizide einsparen.  Astrid Untermann  Universität Hohenheim
Weniger Fungizide im Weinbau: Ein Verbundprojekt unter Leitung der Universität Hohenheim hat ein neues Sensorsystem entwickelt. Damit lassen sich Pilz-Krankheiten im Weinbau präziser vorhersagen und somit Fungizide einsparen. Astrid Untermann Universität Hohenheim

Verbundprojekt unter Leitung der Universität Hohenheim entwickelt neues
Sensorsystem / Mikroklima im Weinlaub unterscheidet sich deutlich von
Umgebung

Weniger Pilzbekämpfungsmittel im Weinberg – diese Vision könnte bald
Realität werden. Denn oft ist das tatsächliche Risiko für eine
Pilzinfektion niedriger als gängige Prognosemodelle angeben. Ursache sind
deutliche Unterschiede zwischen den klimatischen Bedingungen unmittelbar
rund um und im Rebstock und den Daten, die von Wetterstationen erfasst
werden. So das Ergebnis eines Verbundprojektes unter Leitung der
Universität Hohenheim in Stuttgart. Zur feinmaschigen Messung des
Mikroklimas entwickelten die Forschenden aus Industrie und Wissenschaft
ein neuartiges Sensorsystem, das in Kombination mit bildgebenden Verfahren
die Prognose von Pilzerkrankungen im Weinbau verbessern und somit den
Einsatz von Fungiziden reduzieren kann.

Der Klimawandel begünstigt auch in den Weinbaugebieten Deutschlands das
Auftreten verschiedener Pilzerkrankungen. Vor allem der Falsche Mehltau
(Plasmopara viticola, umgangssprachlich auch als Peronospora bezeichnet)
ist eines der Hauptprobleme im Weinbau und kann zu erheblichen
Ertragseinbußen führen.

„Entscheidend für eine Infektion sind die klimatischen Bedingungen im
Weinberg bzw. rund um den einzelnen Rebstock und innerhalb der Laubwand“,
erklärt Prof. Dr. Christian Zörb, Leiter des Fachgebiets Qualität
pflanzlicher Erzeugnisse an der Universität Hohenheim. Denn für die
Vermehrung und Ausbreitung des Erregers ist Wasser auf der Blattunterseite
erforderlich. „Der Falsche Mehltau tritt jedoch nicht nur in extrem
feuchten Jahren auf – der Erreger kommt mehr oder weniger jedes Jahr und
in jedem Weinberg vor“, ergänzt Dr. Nikolaus Merkt, wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Fachgebiet.

Die einzige Möglichkeit, seine Ausbreitung unter Kontrolle zu halten, ist
der rechtzeitige Einsatz von Fungiziden. „Dafür ist es wichtig, diese und
andere Pilzerkrankungen möglichst früh erkennen und vorhersagen zu können.
Gängige Methoden wie die von Menschen durchgeführte Sichtkontrolle sind
jedoch ungenau, teuer, zeitintensiv oder erst nach Ausbruch der Krankheit
anwendbar“, weiß Prof. Dr. Joachim Müller vom Fachgebiet Agrartechnik in
den Tropen und Subtropen und Leiter des Verbundprojektes.

Prognosemodelle haben nur eingeschränkte Aussagekraft für individuellen
Weinberg

Deshalb erfolgen Maßnahmen gegen den Ausbruch von Infektionen oft
vorbeugend. Viele Winzer:innen nutzen dafür klimatische Modelle, die den
Verlauf der Krankheit vorhersagen. Ein ausgefeiltes Prognosesystem ist
VitiMeteo, das in Deutschland und der Schweiz gut etabliert ist.
Entwickelt wurde es vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg (WBI)
gemeinsam mit der Schweizer Forschungsanstalt Agroscope und der
Softwareentwicklerfirma GEOsens GmbH.

Wie andere Prognosemodelle greift auch VitiMeteo auf Klimadaten von
lokalen Wetterstationen zurück. „Das Problem dabei ist, dass die
meteorologischen Daten nur in relativ großen räumlichen Abständen erfasst
werden. Zwischen den einzelnen Wetterstationen können schon mal 30 oder 40
Kilometer liegen“, erläutert Prof. Dr. Müller.

Doch die klimatischen Bedingungen innerhalb eines Weinbergs können sehr
stark variieren. „Insbesondere in steilen Weinbergen in der Nähe von
Gewässern kann die Temperatur von oben nach unten oft extrem schwanken“,
beschreibt Steffen Schock, Doktorand am Fachgebiet Agrartechnik in den
Tropen und Subtropen und Koordinator des Verbundprojektes. „Dieses
Kleinklima kann eine Wetterstation nicht erfassen.“

Neues Sensorsystem zur Echtzeit-Erfassung von kleinräumigen Klimadaten in
Weinbergen

Hier setzte das kürzlich abgeschlossene Forschungsvorhaben „Prognose und
Detektion von Pilzerkrankungen im Weinbau durch feinmaschige Messung des
Mikroklimas und Einsatz bildgebender Messverfahren“ (FungiSens) an. Sein
Hauptziel ist es, die Früherkennung und Prognose von Pilzerkrankungen
durch das VitiMeteo-Prognosesystem zu verbessern.

Dazu haben die Forschenden ein kleines, kostengünstiges und pflegeleichtes
Sensorsystem entwickelt. Die drahtlosen Mikrosensoren werden direkt in den
Weinreben installiert und leiten die Daten an VitiMeteo in Echtzeit
weiter. „So können besonders in Lagen mit extremen Geländeunterschieden,
wie beispielsweise an der Neckarschleife bei Besigheim, auch kleinräumige
Unterschiede präziser erfasst und abgebildet werden“, erklärt Steffen
Schock.

Mikroklima von Weinreben oft nicht mit großräumigem Klima im Feld
vergleichbar

Eine Untersuchung der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Zörb zeigt, dass das
tatsächliche Infektionsrisiko oft niedriger sein könnte, als die
Prognosemodelle angeben. Dabei verglichen die Forschenden die von einer
Wetterstation gemessenen Daten mit denen im Inneren eines Rebstocks und
stellten deutliche Unterschiede bei den klimatischen Bedingungen fest.
„Denn die Verteilung und Dichte des Laubs spielt eine wichtige Rolle“,
erklärt Melissa Kleb, Doktorandin am Fachgebiet Qualität pflanzlicher
Erzeugnisse.

„Innerhalb der Laubwand kann ein ganz anderes Klima herrschen als
außerhalb“, fasst sie ihre Ergebnisse zusammen. So fand sie dort tagsüber
höhere Temperaturen und eine niedrigere relative Luftfeuchtigkeit als an
der Wetterstation gemessen wurde. Dies verringert die mögliche Lebensdauer
der Verbreitungsformen des Pilzes erheblich: „Wir stellten an neun Prozent
aller Versuchstage Bedingungen fest, bei denen die Verbreitungsformen des
Pilzes nicht überleben können. Bei den Messungen der Wetterstation traf
dies nur für 1,4 Prozent zu.“ Diese Unterschiede nehmen Einfluss auf die
weitere Prognose des Modells und können die Vorhersagen stark verändern,
so Melissa Kleb.

Krankheitsprognose mit optischen Mitteln

Um die Vorhersagegenauigkeit noch weiter zu verfeinern, beschäftigten sich
die Forschenden zudem mit bildgebenden Verfahren zur Früherkennung von
Krankheiten. „So kann zum Beispiel mit Hilfe von Drohnen der
Gesundheitszustand der Weinreben schnell und großflächig auch aus der
Entfernung erkannt werden“, beschreibt Steffen Schock den Vorteil.

Dazu machten sich die Forschenden Veränderungen im Stoffwechsel des
Pflanzengewebes zunutze, wenn dieses durch Krankheitserreger geschädigt
wird. Diese zeigen sich unter anderem in Temperaturunterschieden auf der
Blattoberfläche, die durch Messungen im Infrarot-Bereich erfasst werden
können. „Tatsächlich konnten wir einen deutlichen Temperaturanstieg im
Blätterdach feststellen, lange bevor sichtbare Symptome auftraten“, so Dr.
Shamaila Zia-Khan, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet
Agrartechnik in den Tropen und Subtropen..

Deutliche Einsparung von Fungiziden möglich

„Noch sind die Systeme nicht serienreif. Das wird wohl noch eine Weile
dauern. Aber sobald die kleinräumige Vorhersage von Krankheiten
standardmäßig möglich ist, könnten Pflanzenschutzmittel, Maschinen und
Arbeitszeit deutlich reduziert werden – ohne die Wirksamkeit zu
beeinträchtigen“, ist Prof. Dr. Müller überzeugt. Pflanzenschutzmaßnahmen
müssten dann nicht mehr vorbeugend für eine ganze Region ergriffen werden,
sondern können sehr spezifisch auf den einzelnen Weinberg und sogar
einzelne Bereiche davon zugeschnitten werden.

HINTERGRUND: FungiSens – Prognose und Detektion von Pilzerkrankungen im
Weinbau durch feinmaschige Messung des Mikroklimas und Einsatz
bildgebender Messverfahren

Das Verbundprojekt FungiSens unter Leitung von Prof. Dr. Joachim Müller
vom Fachgebiet Agrartechnik in den Tropen und Subtropen wurde vom
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über die
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) mit rund 500.000 Euro
gefördert.

Das FungiSens-Projektkonsortium besteht aus den beiden Fachgebieten
Agrartechnik in den Tropen und Subtropen sowie Qualität pflanzlicher
Erzeugnisse der Universität Hohenheim, der GEOsens GmbH, der LVWO
Weinsberg sowie der Felsengartenkellerei Besigheim eG.

HINTERGRUND: Schwergewichte der Forschung

37,6 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Forschende der
Universität Hohenheim 2022 für Forschung und Lehre. In loser Folge
präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende
Forschungsprojekte mit einem finanziellen Volumen von mindestens 350.000
Euro für apparative Forschung bzw. 150.000 Euro für nicht-apparative
Forschung.

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Viadrina-Wissenschaftlerin Ulrike Klinger wird als Thomas Mann Fellow zu Wahlkampf forschen

Prof. Dr. Ulrike Klinger, Professorin für Digitale Demokratie an der
European New School of Digital Studies der Europa-Universität Viadrina
Frankfurt (Oder), gehört zu den Thomas Mann Fellows für das kommende Jahr.
Unter dem für 2024 gewählten Leitthema „Democracy and Vulnerability“
(Demokratie und Verwundbarkeit) werden sich 13 Persönlichkeiten aus
Wissenschaft, Kultur und Medien für jeweils mehrere Monate im ehemaligen
Wohnhaus des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann in Los Angeles
aufhalten, um ihre eingereichten Forschungsvorhaben umzusetzen.

Prof. Dr Ulrike Klinger, deren Aufenthalt im Thomas Mann House im
September 2024 beginnt, wird dabei aus einer transatlantischen Perspektive
auf die Wahlkämpfe in der Europäischen Union und den USA im Jahr 2024
blicken. Ihr Projekt konzentriert sich auf Akteure und Behauptungen, die
die Legitimität der Wahlen selbst in Frage stellen, auf Wahlbetrugs-
Kampagnen sowie Desinformation über den Wahlprozess. „Election Denialism,
also das Abstreiten der Gültigkeit legaler und legitimer Wahlen, ist in
den USA kein Randthema mehr. Fast die Hälfte der republikanischen
Wählerschaft ist von der Betrugsanfälligkeit einer Briefwahl überzeugt.
Auch in Europa wurde dieses Kampagnen-Narrativ von Parteien bereits
ausprobiert“, erläutert die Viadrina-Professorin ihr Forschungsthema.
Angesichts ihrer Nominierung als Thomas Mann Fellow sagt Prof. Dr. Ulrike
Klinger: „Ich freue mich schon sehr auf den Austausch und intensive
Debatten über die Wahlen im transatlantischen Vergleich im Thomas Mann
House."

Zur Person
Prof. Dr. Ulrike Klinger ist Kommunikationswissenschaftlerin und seit 2020
Inhaberin des Lehrstuhls für Digitale Demokratie an der European New
School of Digital Studies (ENS) der Viadrina. Sie ist assoziierte
Forscherin am Weizenbaum Institut für die Vernetzte Gesellschaft in
Berlin, an dem sie bis 2020 die Forschungsgruppe „Nachrichten, Kampagnen
und die Rationalität öffentlicher Diskurse“ leitete. Sie forscht zu
digitaler politischer Kommunikation, Technologie und Macht und der
Transformation digitaler Öffentlichkeiten.

Zum Fellowship
Das Thomas Mann House wurde im Auftrag von Schriftsteller Thomas Mann
(1875-1955) während seines US-Exils in der Zeit des Nationalsozialismus
gebaut und bis 1952 von der Familie Mann bewohnt. 2016 wurde es von der
Bundesregierung erworben und wird heute für Residenzprogramme und als
transatlantische Begegnungsstätte genutzt, um den geistigen Austausch
zwischen Deutschland und den USA zu fördern. Neben der Viadrina-
Professorin hat der Beirat des Thomas Mann House folgende Personen
ebenfalls als Fellows nominiert: die Rechtswissenschaftlerin Prof. Dr.
Susanne Baer, die Soziologin Prof. Dr. Sabine Hark, die Philosophin Prof.
Dr. Rahel Jaeggi, die Journalistin Aida Baghernejad, die Autorin und
Journalistin Theresia Enzensberger, die Autorin Julia Franck, den
Politikwissenschaftler Dr. Johannes Gerschewski, die
Sozialwissenschaftlerin Dr. Pola Lehmann, den Historiker und Juristen
Prof. Dr. Dieter Gosewinkel, die Autorin Ciani-Sophia Hoeder, den Autor
und Moderator Friedemann Karig und die Kommunikations- und
Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Andrea Römmele.

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6,5 Prozent Inflationsrate für ärmere Alleinlebende, 5,5 Prozent bei sehr wohlhabenden

Neue Werte des IMK Inflationsmonitors

6,5 Prozent Inflationsrate für ärmere Alleinlebende, 5,5 Prozent bei sehr
wohlhabenden

Die Inflationsrate in Deutschland ist im Juli leicht auf 6,2 Prozent
gesunken. Die Teuerungsrate fiel für alle Haushaltstypen niedriger aus als
im Juni. Alleinlebende mit niedrigen Einkommen sind aber mit einer
Inflationsrate von 6,5 Prozent im Juli weiterhin etwas
überdurchschnittlich von der Preissteigerung belastet, während Singles mit
sehr hohen Einkommen mit 5,5 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt
liegen.

Wie schon seit Anfang 2022 verzeichnen sie die niedrigste
haushaltsspezifische Belastung. Die Differenz betrug damit im Juli 1,0
Prozentpunkte, nachdem es im Juni 1,3 Prozentpunkte waren. Das ergibt der
neue IMK Inflationsmonitor des Instituts für Makroökonomie und
Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Die Forschenden
erwarten in den kommenden Monaten einen weiteren Rückgang der Inflation
und empfehlen trotz der bisher nur zögerlich sinkenden Kernrate, mit
weiteren Leitzinserhöhungen abzuwarten. Denn ein dadurch ausgelöster noch
stärkerer konjunktureller Einbruch und steigende Arbeitslosigkeit würden
ebenfalls Haushalte mit niedrigen Einkommen besonders hart treffen.

Die IMK-Inflationsexpertin Dr. Silke Tober und IMK-Direktor Prof. Dr.
Sebastian Dullien analysieren mit dem Monitor seit Anfang 2022 jeden Monat
die Trends der Inflation und berechnen spezifische Teuerungsraten für neun
repräsentative Haushaltstypen, die sich nach Personenzahl und Einkommen
unterscheiden.

Ärmere Haushalte sind stärker durch die Inflation belastet, weil sie einen
großen Teil ihres schmalen Budgets für Nahrungsmittel und Haushaltsenergie
ausgeben müssen. Diese Güter des Grundbedarfs sind nach wie vor die
stärksten Preistreiber. Im Vergleich der letzten Monate hat die
Preisdynamik dort aber nachgelassen, während Posten wie Pauschalreisen,
Gaststättenbesuche oder Versicherungen die allgemeine Inflation etwas
stärker beeinflussen. Solche Ausgaben fallen in den Warenkörben von
Haushalten mit mittleren und höheren Einkommen stärker ins Gewicht.
Deshalb sind die einkommensspezifischen Differenzen seit Monaten
rückläufig und deutlich niedriger als auf dem Höhepunkt im Oktober 2022,
als es 3,1 Prozentpunkte waren.

Erstmals seit Beginn der Untersuchung lagen im Juli auch Familien mit
niedrigen Einkommen bei der Inflation geringfügig unter dem Durchschnitt
aller Haushalte – mit 6,1 Prozent. Dagegen hatten zwischen Februar 2022
und Februar 2023 diese Familien durchgehend die höchste
Inflationsbelastung tragen müssen, in den ersten beiden Monaten 2023
zusammen mit einkommensarmen Alleinlebenden. Dass die ärmeren Familien nun
nicht mehr hervorstechen, beruht auf rückläufigen Kraftstoffpreisen. Diese
schlagen sich rechnerisch im Ausgabenportfolio von Familien spürbar
nieder. Arme Alleinstehende besitzen hingegen selten ein Auto, weshalb
ihre Inflationsrate davon weniger beeinflusst wird.

Die Teuerungsraten der übrigen untersuchten Haushaltstypen lagen im Juli
ebenfalls etwas unterhalb der allgemeinen Inflationsrate, wobei der
Abstand zum Durchschnitt meist mit dem Einkommen steigt. So betrug die
Inflation für Alleinerziehende, für Alleinlebende und für kinderlose Paare
mit jeweils mittleren Einkommen je 6,0 Prozent. Bei Alleinlebenden mit
höheren Einkommen schlug die Inflation mit 5,9 Prozent zu Buche, bei
Familien mit mittleren und mit hohen Einkommen waren es jeweils 5,8
Prozent.

Trotz des nachlassenden Drucks bei den Preisen für Haushaltsenergie und
Lebensmitteln spielen diese Kostenfaktoren für Haushalte mit niedrigeren
Einkommen weiterhin eine besonders große Rolle, wie der Detailvergleich
zeigt. Bei ärmeren Alleinlebenden trugen sie im Juli 3,8 Prozentpunkte zur
haushaltsspezifischen Inflationsrate von 6,5 Prozent bei. Bei Familien mit
zwei Kindern und niedrigeren Einkommen summierten sie sich auf 3,5
Prozentpunkte, bei Familien mit mittleren Einkommen immerhin noch auf 2,7
Prozentpunkte. Bei Alleinlebenden mit sehr hohen Einkommen trugen
Nahrungsmittel und Haushaltsenergie hingegen lediglich 1,5 Prozentpunkte
zur Inflationsrate von insgesamt 5,5 Prozent bei. Das Problem wird vor
allem für Haushalte mit niedrigen Einkommen dadurch verschärft, dass die
Alltagsgüter, die sie vor allem kaufen, kaum zu ersetzen sind und viele
nur geringe finanzielle Rücklagen haben.

Für die kommenden Monate erwarten Tober und Dullien einen stärkeren
Rückgang der Inflationsrate, vor allem ab September, wenn Sondereffekte
durch den Tankrabatt oder das 9-Euro-Ticket wegfallen, die zwischen Juni
und August 2022 die Preise dämpften. Die Fachleute des IMK rechnen auch
mit einer spürbar sinkenden Kerninflation, also bei der Teuerung ohne die
besonders schwankungsanfälligen Positionen Lebensmittel und Energie. Denn
der Preisdruck lasse bei vielen Produkten und Dienstleistungen nach, weil
die deutlich gesunkenen Energie- und Rohstoffpreise mit einigem Zeitverzug
über die Produktionsketten hinweg auch bei den Endkund*innen ankommen
werden. Zudem werden stärkere Lohnsteigerungen nach Analyse des IMK
kompensiert durch die Auflösung von Lieferengpässen und einen Abbau der
aktuell noch zu beobachtenden Übergewinne von Unternehmen.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der wirtschaftlichen Schwäche im
Euroraum und insbesondere in Deutschland sollte die Europäische
Zentralbank die Wirkung der bisherigen Leitzinserhöhungen abwarten und
vorerst eine Zinspause einlegen, schreiben die Forschenden. Das sei auch
im Interesse von ärmeren Haushalten – trotz der sozialen Spreizung bei der
Inflation. Denn eine weitere Dämpfung der Konjunktur durch hohe Zinsen
könnte zu spürbar mehr Arbeitslosigkeit führen. „Einkommensschwache
Haushalte von Arbeitnehmenden sind auch jene, die von einem Anstieg der
Arbeitslosigkeit am stärksten getroffen werden“, analysieren Tober und
Dullien. „Sofern ein Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Eindämmung der
Inflation nicht erforderlich ist, sollte er daher vermieden werden.“

– Informationen zum Inflationsmonitor –

Für den IMK Inflationsmonitor werden auf Basis der Einkommens- und
Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamts die für
unterschiedliche Haushalte typischen Konsummuster ermittelt. So lässt sich
gewichten, wer für zahlreiche verschiedene Güter und Dienstleistungen –
von Lebensmitteln über Mieten, Energie und Kleidung bis hin zu
Kulturveranstaltungen und Pauschalreisen – wie viel ausgibt und daraus die
haushaltsspezifische Preisentwicklung errechnen. Die Daten zu den
Haushaltseinkommen stammen ebenfalls aus der EVS. Im Inflationsmonitor
werden neun repräsentative Haushaltstypen betrachtet: Paarhaushalte mit
zwei Kindern und niedrigem (2000-2600 Euro), mittlerem (3600-5000 Euro),
höherem (mehr als 5000 Euro) monatlichem Haushaltsnettoeinkommen;
Haushalte von Alleinerziehenden mit einem Kind und mittlerem (2000-2600
Euro) Nettoeinkommen; Singlehaushalte mit niedrigem (unter 900 Euro),
mittlerem (1500-2000 Euro), höherem (2000-2600 Euro) und hohem (mehr als
5000 Euro) Haushaltsnettoeinkommen sowie Paarhaushalte ohne Kinder mit
mittlerem Haushaltsnettoeinkommen zwischen 3600 und 5000 Euro monatlich.
Der IMK Inflationsmonitor wird monatlich aktualisiert.

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