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Die Tigermücke auf dem Nordfriedhof und warum sie für Medizinstudierende wichtig ist

Mit einem interdisziplinären praktischen Prüfungsparcours wurde ein
Lehrprojekt für Medizinstudierende am Universitätsklinikum Jena zum Thema
Planetare Gesundheit abgeschlossen. Ein anschließendes Fachsymposium
diskutierte neue Ideen für transformative Lehre und Prüfungen, um die
Inhalte der Planetaren Gesundheit nachhaltig im Medizinstudium zu
verankern und damit dem Thema auch in unserem Gesundheitssystem zu mehr
Präsenz zu verhelfen.

Als Schwangere hat man nur einen Wunsch: Das Kind soll gesund zur Welt
kommen. Hitzeepisoden, tropische Nächte und Luftverschmutzung, die mit dem
Klimawandel einhergehen, erhöhen jedoch auch das Risiko für eine
Frühgeburt. Eine Patientin ist deshalb besorgt und möchte in einem
Gespräch mit ihrer Ärztin umfassend zu diesem Thema informiert werden.
Nebenan berät sich der Ortsteilbürgermeister von Jena-Nord mit dem
Amtsarzt der Stadt. Er hat von Tigermücken auf dem Nordfriedhof gelesen
und möchte nun über eventuelle Gefahren, die von dem eigentlich im
südostasiatischen Raum beheimateten Insekt ausgehen, aufgeklärt werden und
wissen, welche vorausschauenden Maßnahmen getroffen werden können. Zwei
von insgesamt acht Fällen, denen sich 20 Medizinstudierende am Donnerstag
in Form eines digital unterstützten praktischen Prüfungsparcours OSCE -
Objective Structured Clinical Examination – gestellt haben.

OSCE ist ein Prüfungsformat im Medizinstudium, das die klinische Kompetenz
von Studierenden überprüft. Sie absolvieren dazu verschiedene Stationen,
an denen mit Hilfe von Schauspielpatienten ihre konkreten ärztlichen
Fertigkeiten bewertet werden. „Studierende lernen, was geprüft wird.
Deshalb wollen wir die positiv steuernde Kraft guter und fairer Prüfungen
nutzen, um das Thema Planetare Gesundheit im Medizinstudium zu verankern“,
sagt Prof. Dr. Jana Jünger vom Institut für Kommunikations- und
Prüfungsforschung Heidelberg, die wesentlich an der Konzipierung der
Prüfung beteiligt war.

Der Jenaer OSCE-Parcours am Donnerstag war weltweit der erste, der sich
vollständig der Planetaren Gesundheit widmete. Neun Fächer von der
Allgemeinmedizin bis zur Radiologie beteiligten sich interdisziplinär. Das
Konzept nimmt die gesellschaftlichen Bedingungen für Gesundheit wie auch
die globalen Zusammenhänge in den Blick und ganz besonders die Öko-Systeme
des Planeten, von denen unser Wohlergehen abhängt. Dr. Ute Teichert,
Leiterin der Abteilung „Öffentliche Gesundheit“ des
Bundesgesundheitsministeriums betont: „Das Thema ist eng mit der
Bevölkerungsgesundheit verbunden. Es ist uns ein gesundheitspolitisches
Anliegen, zusammen mit den Fakultäten und dem öffentlichen
Gesundheitsdienst das Gesundheitswesen insgesamt auf diese neuen Aufgaben
vorzubereiten.“

„Das Thema hat eine hohe Aktualität für die junge Generation an
Medizinern. Planetary Health und die ärztliche Tätigkeit sind miteinander
verbunden. Zum Beispiel sind aktive Mobilität wie Radfahren und
pflanzenbasierte Ernährung nicht nur gut für den Planeten, sondern auch
für unsere Gesundheit. Für diese Aspekte gilt es eine Sensibilität zu
schaffen“, sagt Max-Johann Sturm, Medizinstudent der Friedrich-Schiller-
Universität Jena. Die Medizinische Fakultät in Jena hat diese Initiative
von Anfang an unterstützt. „Die neue Ärztliche Approbationsordnung steht
kurz bevor. Der OSCE ist wird in Zukunft zur universitären
Pflichtprüfungsform, da hier der Transfer von Wissen in Handlungskompetenz
geprüft wird“, weiß Prof. Dr. Ulf Teichgräber, Studiendekan der
Medizinischen Fakultät.

Eingebettet waren die ersten OSCE-Prüfungen zur Planetaren Gesundheit in
ein interaktives Fachsymposium, um einen gemeinsamen Austausch zum Thema
zu ermöglichen und Raum für die Entwicklung neuer Ideen zu lassen. Dr.
Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages, sagte
hier: „Der Fakultätentag steht in der besonderen Verantwortung, die
Inhalte des Studiums bundesweit aktuell zu halten. Planetare Gesundheit
ist als Querschnittsthema in den Lernzielkatalogen der Human- und
Zahnmedizin abgebildet.“

„Der Wissenstransfer in die Gesellschaft ist eine unserer zentralen
Aufgaben als medizinische Fakultät. Wir bilden die Ärztinnen und Ärzte von
morgen aus und müssen sie entsprechend auf die Herausforderungen von
morgen vorbereiten“, ergänzt Prof. Dr. Thomas Kamradt, Wissenschaftlicher
Vorstand des Universitätsklinikums und Dekan der Medizinischen Fakultät.

Die OSCE-Stationen:
•       Arboviren (Tigermücke in Jena) | Institut für Infektionsmedizin
und Krankenhaushygiene
•       Planetary Health Diät | Klinik für Innere Medizin IV
(Gastroenterologie)
•       Inhalationsanästhetika | Klinik für Anästhesiologie und
Intensivmedizin
•       Hitze und Frühgeburtlichkeit | Klinik für Geburtsmedizin
•       Co-Benefits | Institut für Allgemeinmedizin
•       Hitze im Pflegeheim | Klinik für Innere Medizin II, Abteilung
Palliativmedizin
•       Psychische Belastung | Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
•       Nachhaltige Praxis | Deutsche Allianz für Klimawandel und
Gesundheit

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Kinder- und Jugendgynäkologie: Bei steigender Nachfrage vom Aussterben bedroht?

Mädchen sind keine kleinen Frauen. Daher bedürfen weibliche Heranwachsende
einer angepassten fachärztlichen Behandlung. Trotz steigender Nachfrage
und vielen Paradigmenwechseln – z. B. in der Betreuung von Transidentität
– hat das Fach der Kinder- und Jugendgynäkologie ein Problem: Es wird kaum
noch ausgebildet. Ein Hintergrundgespräch mit Prof. Patricia G. Oppelt und
Dr. Stephanie Lehmann-Kannt am Rande des 13. Symposiums für Kinder- und
Jugendgynäkologie 2023 in Berlin.

Die Kinder- und Jugendgynäkologie füllt als interdisziplinäre
Spezialisierung die Lücke, die lange in der Betreuung von gynäkologischen
Erkrankungen und Fragestellungen von kleinen und heranwachsenden Mädchen,
sowie Jugendlichen bestand. Die Verknüpfung der Fachgebiete der
Frauenheilkunde und Geburtshilfe und der Kinder- und Jugendheilkunde mit
angrenzenden Fächern wie der Kinderurologie, Kinderchirurgie oder Kinder-
und Jugendpsychiatrie spiegeln den enormen Facettenreichtum der
Spezialisierung wider. Oberste Prämisse für eine kompetente Betreuung ist
die Aneignung von Fachwissen über Entwicklungsabläufe sowie entsprechend
angepasste Untersuchungsmethoden. Denn Mädchen sind keine kleinen Frauen.

Mangelnde Ausbildungsangebote an Universitätskliniken

Prof. Dr. Patricia G. Oppelt ist stellvertretende Oberärztin für
Gynäkologie und Geburtshilfe an der Frauenklinik des Universitätsklinikums
Erlangen sowie in eigener Niederlassung tätig und seit einer Dekade 1.
Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendgynäkologie e.V. Sie
erklärt: „Kinder- und Jugendgynäkologie beinhaltet sowohl gynäkologische
als auch pädiatrische Endokrinologie. Problematisch ist allerdings, dass
zunehmend weniger Nachwuchs auf diesem Gebiet ausgebildet wird!“

Tatsächlich ist das Wissen um die gynäkologische Entwicklung und
Untersuchung von Kleinkindern, Mädchen und Jugendlichen kein Bestandteil
des Facharztcurriculums. „Nicht in der Pädiatrie und auch nicht in der
Gynökologie“, erklärt Prof. Oppelt und ergänzt: „Zudem ist es zunehmend
so, dass selbst an den Universitätskliniken Kinder- und Jugendgynäkologie
gar nicht mehr angeboten wird. Das habe primär monetäre Gründe. „Kinder-
und Jugendgynäkologie rechnet sich nicht – es ist sehr zeitaufwendig, dies
wird aber nicht vergütet. Weiterhin braucht es Zeit sich das Wissen
anzueignen“, so Prof. Oppelt. Und das, obwohl die Nachfrage in Deutschland
wächst. Verzweifelte Mütter suchen mit ihrem Nachwuchs Praxen auf, weil
unklarer Ausfluss oder Juckreiz bei den Mädchen besteht, weil die Blutung
nicht einsetzt und zuletzt zunehmend, wenn ein Mädchen sich in ihrem
zugewiesenen Geschlecht nicht zugehörig fühlt. In krasser Diskrepanz zu
diesem wachsenden Interesse ist die Kinder- und Jugendgynäkologie
bundesweit absolut unterrepräsentiert. „Weder eine Fachärzt:in für
Kinderheilkunde ist erfahren in der spezifischen Beurteilung von
auffälligen gynäkologischen Diagnosen, noch ist es eine Gynäkolog:in. Von
daher ist es absolut notwendig, diese Nische zu besetzen“, erklärt Dr.
Stephanie Lehmann-Kannt, Oberärztin an der Klinik für Allgemeine Pädiatrie
und Neonatologie am Universitätsklinikum des Saarlandes und 2. Vorsitzende
der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendgynäkologie e.V.

Entstanden ist die Kompetenz für die Spezialisierung über viele Jahre
hinweg durch das Engagement der AG Kinder- und Jugendgynäkologie in
fachübergreifender Fortbildung des ärztlichen Nachwuchses. Die
Fachliteratur von Dr. Judith Esser Mittag und Prof. Alfred Wolf sowie Dr.
Marlene Heinz beschrieb erstmals, wie der gynäkologische Umgang mit
Mädchen gestaltet werden kann. Zuvor ging man noch davon aus, dass Mädchen
1:1 untersucht werden können wie erwachsene Frauen. Mittlerweile ist auch
dank des Engagements von Dr. Gisela Gille bekannt, was Mädchen bewegt.
Etwa das Unwissen zu Periodenschmerzen, Scham und die Ablehnung der
Menstruation oder des eigenen Körpers sowie Wissen und Unwissen zur
Verhütung bis hin zu Facetten der Sexualität.

Kindergynäkologie ist viel Sprechende Medizin gepaart mit Blickdiagnostik.
Wirtschaftlich betrachtet ein Dilemma. Kostenträger honorieren
vergleichsweise großzügig die „Apparate-Medizin“ – bedingt durch hohe
Anschaffungs- und Erhaltungskosten. Die kommt aber in dieser
Spezialisierung im Grunde nicht häufig zum Einsatz. Im Zentrum stehen hier
vielmehr eine gründliche Anamnese, eine gute klinische Untersuchung,
vielleicht noch eine Sonografie und zusätzliche Laborwerte. Dr. Lehmann-
Kannt: „Es braucht die Zeit, um Erfahrungen zu sammeln und es braucht jene
Zeit, die man sich für die Patientinnen nimmt. Gut zuhören - das ist das A
und O! So kann man – aus der gesammelten Erfahrung heraus – eine fundierte
Diagnose stellen.“

Prof. Oppelt ergänzt: „Für Ärztinnen und Ärzte erfordert es ein hohes
Engagement, das Fach zu erlernen. Das gelingt nicht mal eben binnen
einiger Monaten.“ Vielmehr dauere es Jahre, bis man sich seriös als
Kinder- und Jugendgynäkolog:in bezeichnen könne. Dieses Engagement sei
heute nur noch bedingt gegeben.

Paradigmenwechsel in der medizinischen Betrachtung von Varianten der
Geschlechtsentwicklung und Geschlechtsidentität

„Immer mehr und immer jünger“, diese Entwicklung beschäftigt die Kinder-
und Jugendgynäkologie mit Blick auf das gesundheitliche Megathema
„Geschlechtsinkongruenz und Transidentität“, hier in Zusammenarbeit mit
der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Kinder- und
Jugendendokrinolog:innen sind in Kooperation mit den begleitenden
Psychotherapeut:innen gefordert, festzulegen, ob und ab wann eine
geschlechtsangleichende Hormontherapie sinnvoll erscheint und ob die
Pubertät gehemmt werden sollte. Eine wissenschaftliche Sitzung des 13.
Berliner Symposiums befasste sich unter dem Titel „Geschlechtsdysphorie im
Kindes- und Jugendalter – aktuelle Standards und Kontroversen“ mit eben
diesem Phänomen. Lehmann-Kannt erklärt: „Geschlechtsinkongruenz bezeichnet
das Nichtzusammenpassen des bei der Geburt zugewiesenen äußerlich
sichtbaren Geschlechts und der inneren empfundenen Geschlechtsidentität.“
Ein Leiden, dass weltweit zunehmend thematisiert werde. Ob es sich
tatsächlich um ein zunehmendes Phänomen handelt, werde innerhalb der
Medizin und angrenzenden Wissenschaften kontrovers diskutiert. Fest steht
aber: Die Gesellschaft steht dem offener gegenüber, als dies noch vor
einer Dekade der Fall war. Auch gebe es mehr Behandlungsangebote. Den
Vorwurf, es handle sich hier nur um einen durch Social Media geförderten
Trend, sehen die Spezialistinnen kritisch. Sie heben hervor, dass eine
Geschlechtsinkongruenz heute nicht mehr als Erkrankung gilt, sondern als
Normvariante im Sinne eines non-binären Geschlechterverständnisses.
Ähnlich wie es Varianten der körperlichen Entwicklung gebe, gebe es eben
auch Varianten der Geschlechtsidentität. Dem „Umgang mit Varianten der
Geschlechtsentwicklung“, also der fehlenden eindeutigen Zuordnung zum
weiblichen oder männlichen Geschlecht bei Geburt (früher
„Intersexualität“), widmete sich eine weitere wissenschaftlichen Sitzung
mit Referent:innen aus Medizin und Psychologie. Die Beantwortung der Frage
„Was ist es denn nun eigentlich“ sei auch nach Gen- und Hormonanalytik und
Bildgebung nicht immer zu beantworten – letztlich könne die Antwort auf
die Frage der Geschlechtsidentität nur jeder Mensch selbst beantworten.

Das Phänomen einer Inkongruenz zwischen bei Geburt (aufgrund körperlicher
Merkmale) zugewiesenem Geschlecht und gefühlter Identität gilt nicht mehr
als Erkrankung, das Leiden daran wiederum schon. Im neuen ICD-Katalog 11,
der in Deutschland noch nicht zur Anwendung kommt, wurde das Kapitel 17
“Zustände mit Bezug zur sexuellen Gesundheit“ eingeführt. Damit wird mit
dem Zeitpunkt der Gültigkeit des neuen Katalogs die Diagnose
Geschlechtsinkongruenz im Jugend- und Erwachsenenalter (HA60)
aufgenommen.1 Ein Paradigmenwechsel, indem das Phänomen erstmals nicht als
psychische Krankheit eingestuft und PatientInnen entstigmatisiert werden.
Die bisherigen Begriffe der „Geschlechtsidentitätsstörung“ und des
„Transsexualismus“ werden dann zugunsten diagnostischer Begriffe der
„Geschlechtsinkongruenz (GI)“ und der „Geschlechtsdysphorie (GD)“
verlassen. Die aktualisierte Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und
Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter: Diagnostik und
Behandlung“ soll laut AWMF noch Ende des Jahres fertig gestellt sein.

Pubertäre Sinnkrise vs. behandlungsbedürftige Geschlechtsinkongruenz

Die Therapien zur Behandlung einer GI können unterschiedlich aussehen.
Nicht jede Patient:in braucht eine Hormonbehandlung oder
geschlechtsangleichende Operation. „Wichtig ist, dass die Patient:in ernst
genommen wird und eine sorgfältige psychotherapeutische Diagnostik
erfolgt“, sagt die Kinderärztin Stephanie Lehmann-Kannt. Eine
geschlechtsangleichende Hormontherapie wird regelhaft ab dem 16.
Geburtstag durchgeführt, in Ausnahmefällen auch schon früher. „Ganz
wichtig: nur nach begründeter Indikation!“, betont Lehmann-Kannt.
Voraussetzung sei hier die interdisziplinäre Kooperation mit
Psychotherapeut:innen. Die Diagnose einer behandlungsbedürftigen
Transidentität könne nur im informed consent zwischen Patient:innen,
sorgeberechtigten Eltern und begleitenden Endokrinolog:innen,
Kindergynäkolog:innen und Psychotherapeut:innen gestellt werden. Der
Prozess sei oft aufwändig und langwierig. Häufig gingen ihm jahrelange
Leidenswege voraus. Bisher, so kritisieren die Spezialistinnen, gebe es zu
wenig Behandlungsangebote in Zentren, wo die genannten Berufsgruppen
interdisziplinär unter einem Dach agieren. Schließlich gehe es um nicht
weniger als die äußerst sorgfältige Abwägung, ob es sich im Einzelfall
eher um eine pubertäre Krise handelt – womöglich noch getriggert durch
entsprechende Angebote im Internet – oder aber tatsächlich um eine
persistierende Transidentität. Kommt es im Verlauf zu einer
einvernehmlichen Entscheidung für eine geschlechtsangleichende OP, erfolgt
diese in aller Regel leitliniengemäß erst nach dem 18. Geburtstag.

Social Media – viel Fluch und etwas Segen

Ein weiteres wichtiges Thema auf dem Symposium in Berlin war die
Kontrazeption. „Im Bereich Kontrazeption tut sich wahnsinnig viel“
konstatiert Prof. Oppelt. Die Anwenderinnen seien zudem deutlich achtsamer
als früher, was die Entscheidung für ein konkretes Verhütungsmittel
angehe. Kritik übt die Erlangener Gynäkologin an manch negativen Einfluss
von InfluencerInnen. Das Maß, mit welchem sie auf ihre Follower einwirken,
sei enorm hoch. Oppelt kritisiert: „Die oft sehr emotionalen Ansprachen
führen zu voreingenommener Ablehnung der Pille und einem deutlichen Trend
hin zu unsicheren Verhütungsoptionen.“ Das Problem: Mythen bis hin zu
regelrechten Falschinformationen transportieren die neuen Promis aus dem
Netz im Takt von Social Media. So würden etwa Verhütungspillen in
übertriebenem Maße Symptome zugeordnet, die sie de facto in der Regel gar
nicht auslösen. Etwa Libidoverlust oder Stimmungsschwankungen. Phrasen wie
„Die Pille hat mich zum Tier gemacht“ würden in der Regel ohne
medizinischen Hintergrund verbreitet. In der Wahrnehmung der Follower
seien sie aber glaubhaft. Prof. Oppelt sagt: „Das Verwerfliche dabei ist,
dass sich die Mädchen und jungen Frauen so lange in Sicherheit wiegen, bis
sie einmal in einem gynäkologischen Beratungsgespräch über die
entsprechenden Risiken aufgeklärt werden.“ Bis dahin könnte es schon zu
unerwünschten Folgen, wie etwa einer ungeplanten Schwangerschaft gekommen
sein. Smartphone-Botschaften ersetzen kein Arztgespräch. Sie sind aber
deutlich beliebter bei Teenies. Das würden Studien zeigen. Müsste die
fachärztliche Zunft womöglich an ihrer eigenen Ansprache arbeiten, um
Patientinnen im Jahr 2023 besser zu erreichen? Fest stehe: Bei aller
vermeintlichen Aufgeklärtheit sei die Verunsicherung zum eigenen Körper,
zur Pubertät und allen mit ihren verbundenen Begleiterscheinungen im Jahr
2023 unverändert hoch, konstatieren beide Spezialistinnen. Etwas Segen
bringe Social Media dann aber auch mit sich. Jene InfluencerInnen nämlich,
die mantraartig Body-Positivity verbreiten würden, seien wiederum ein
gutes Beispiel für altersgerechte Ansprache über das Internet.

Wichtige Fortbildungsquelle für niedergelassene GynäkologInnen

Gerade niedergelassene Teilnehmerinnen und Teilnehmer profitieren
besonders von den wissenschaftlichen Sitzungen und praxisrelevanten
Seminaren auf dem Berliner Symposium. Sind sie es doch, die weibliche
Heranwachsende endokrinologisch informieren – und das möglichst
differenziert. Dr. Lehmann-Kannt betont: „Man kann nicht sagen, ein
Verhütungsmittel sei das Bessere. Es braucht eine gründliche Anamnese und
eine individuelle Beratung.“ Prof. Oppelt ergänzt: „Es gibt
Verhütungsoptionen für die verschiedenen Lebensphasen. Dieses Credo sollte
Grundlage jeder Kontrazeptionsberatung sein.“ Mittlerweile gibt es
unzählige Sorten von Verhütungspillen. Das überfordere viele
Anwenderinnen. Umso wichtiger sei eine fundierte fachärztliche Information
auf Basis hochwertiger Fortbildungen.

Apps verhindern nach wie vor keine Schwangerschaft

Apps standen schließlich auch im Fokus des wissenschaftlichen Symposiums.
Prof. Oppelt erklärt: „Apps werden zunehmend genutzt – etwa zum Tracken –
was sicherlich auch sinnvoll ist, da junge Patienten so eine gute
Vorstellung über den eigenen Zyklus erhalten“. Dagegen seien Apps nach wie
vor ungeeignet, um eine Schwangerschaft zu verhindern, wenngleich das von
einigen Herstellern propagiert werde. Und der Markt wächst - auch durch
die neuen Wearables für das Handgelenk, die eine hohe Anziehungskraft auf
Frauen ausüben. Ein Best-Practice-Beispiel sei Better Birth Control. Der
gemeinnützige Verein berät seit 2021 die Bundespolitik hinsichtlich
besserer und gleichberechtigter Verhütung und will damit eine
enttabuisierte Aufklärungsarbeit leisten.

Von Ärztekammern anerkannte Spezialisierung notwendig

Der Wermutstropfen: Keine der Leistungen der Kinder- und Jugendgynäkologie
wird im EBM oder in der GOÄ abgebildet. Die zeitintensive Arbeit einer
solchen Sprechstunde muss also in der Regel durch andere Bereiche monetär
kompensiert werden. „Wünschenswert wäre daher aus unserer Sicht,“
konstatiert Prof. Oppelt „wenn die Kinder- und Jugendgynäkologie eine
anerkannte Spezialisierung in beiden Disziplinen hätte.“ Ziel müsse es
sein, eine Abrechenbarkeit sowohl in der Gynäkologie als auch in der
Pädiatrie zu erreichen, um den medizinischen Altruismus zu beenden.
Dringend notwendig sei zudem ein entsprechendes flächendeckendes
psychotherapeutisches Angebot. Beide Voraussetzungen seien – Stand heute –
nicht gegeben. Dies gehe zulasten der wachsenden Zahl beratungsbedürftiger
PatientInnen in Deutschland und der hoch engagierten Leistungsträger:innen
der beteiligten Facharztgruppen.

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Eine Woche im (Klavier-)Glück Luzerns Klavierfestival «Le Piano Symphonique» ab 2024 mit Martha Argerich als «Pianiste Associée»

Martha Argerich Foto (Luzerner Sinfonieorchester/Philipp Schmidli)

Es geht bereits in die dritte Runde: das Klavierfestival «Le Piano Symphonique» des Luzerner Sinfonieorchesters.

Und es wartet mit einer besonderen Sensation auf: Ab 2024 wird die legendäre Pianistin Martha Argerich «Pianiste Associée» des Klavierfestivals, das vom 16.–21. Januar 2024 am Vierwaldstättersee stattfindet. Damit dürfte Luzern – weltweit beachtet – seinen Ruf als «Hauptstadt des Klaviers», wie die NZZ apostrophierte, nun endgültig manifestieren.

Seit Jahren mit dem Luzerner Sinfonieorchester und dessen Intendanten Numa Bischof Ullmann freundschaftlich verbunden, wird Martha Argerich als «Pianiste Associée» künftig eine Schlüsselrolle im Klavierfestival «Le Piano Symphonique» einnehmen: „Ich bin glücklich, Pianiste Associée des neuen Luzerner Klavierfestivals «Le Piano Symphonique» zu werden. Schon beim vergangenen Klavierfestival im Februar 2023 hatte ich eine wunderschöne Zeit und fühlte mich überaus gut aufgehoben. Es war eine Woche voller Freude, persönlicher Begegnungen und ganz besonderer Atmosphäre. Die Einladung des künstlerischen Leiters Numa Bischof Ullmann, in Zukunft eine Schlüsselrolle beim Klavierfestival 2024 zu übernehmen, habe ich mit Begeisterung angenommen. Beim «Le Piano Symphonique» wird es außergewöhnliche Programme geben, mit schönen Überraschungen, einmaligen Begegnungen und viel Freude für alle Musikbegeisterten.“ Der Begriff «Associée» darf dabei durchaus wörtlich genommen werden: Einerseits betont er die langfristige Mitwirkung Martha Argerichs, andererseits meint er ebenso grundsätzlich das gemeinsame Musizieren mit anderen Pianistinnen und Pianisten beim Klavierfestival.

Somit eröffnen sich dem Klavierfestival «Le Piano Symphonique» nochmals ganz neue Perspektiven und pianistische Gipfeltreffen: Martha Argerich wird sowohl im Duo (16.1.), als Premiere auf großer Bühne erstmals zusammen mit Jean-Yves Thibaudet (19.1.) sowie im Klaviertrio (17.1.) als auch in einer «Carte Blanche» zu erleben sein. Und das in einem illustren Kreis großartiger Pianistinnen und Pianisten ‒ unter ihnen an gleich drei Tagen Maria João Pires (16., 18.1.& 20.1.) in einem Rezital, im Duo zu vier Händen mit Argerich und Leonskaja und in Schuberts Winterreise mit Matthias Goerne. Elisabeth Leonskaja (17.&18.1.) spielt Griegs Klavierkonzert und ist erstmalig in einem Duo zu vier Händen mit Pires zu hören. Zudem wird eine Auswahl führender Pianisten der nächsten Generation wie David Fray (17.1.), Benjamin Grosvenor (19.1.), Oliver Schnyder (18.1.) und Kit Armstrong (19.&20.1.) Luzern vom 16.–21. Januar 2024 pianistisch verzaubern. Kammermusikalisch runden weltbekannte Größen wie die Geigerin Janine Jansen und Mischa Maisky am Cello (17.1.) das Programm „L‘Art du Trio avec Piano“ ab.

Mit Rising Star Yoav Levanon (Nachwuchsstar beim «Le Piano Symphonique» 2023) wird das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Michael Sanderling die beiden Klavierkonzerte von Liszt (17.&18.1.) sowie dessen «Totentanz» (20.1.) spielen und auch für Warner Classics aufnehmen.

Die vierzehnjährige französische Pianistin Arielle Beck (19.1.) wird zudem als die „Entdeckung 2024“ des Festivals vorgestellt.

Dass das Klavierfestival «Le Piano Symphonique» definitiv im Hier und Jetzt, also in der unmittelbaren Gegenwart angekommen ist, zeigen zwei Kompositionsaufträge an Marc-André Hamelin (20.1.) und Brett Dean (19.1.), die im Rahmen des Klavierfestivals im Januar 2024 ihre Uraufführung erleben werden.

Das renommierte Klaviermagazin «Piano News» schrieb unlängst: „Dass «Le Piano Symphonique» mit seinen spannenden und diversen Programmgestaltungen eine große Zukunft hat, steht außer Frage … es ist ein Segen für alle Klavierliebhaber, die gerne Ungewöhnliches entdecken wollen und dafür eine Reise in das wunderschöne Luzern in Kauf nehmen.“

Nutzen Sie die einmalige Gelegenheit, Künstlerinnen und Künstler von Weltruf und internationalem Rang aus unmittelbarer Nähe zu erleben ‒ in den Räumen des KKL Luzern, im Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters in Kriens, in der ehrwürdigen Lukaskirche sowie im stilvollen Hotel Schweizerhof.

https://sinfonieorchester.ch/de/klavierfestival-le-piano-symphonique-2/

 

Klavierfestival Luzern «Le Piano Symphonique»

Termine 16.-21. Januar 2024 (Kurzübersicht Programme)

 

 

* Dienstag *

 

  1. Januar 2024 | 19 Uhr | Luzern | KKL

Eröffnungskonzert

Mario João Pires Klavier

 

Werke von Debussy, Mozart & Schubert

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  1. Januar 2024 | 21:30 Uhr | Luzern | KKL

Martha Argerich & Maria João Pires Klavier

 

Werke von Mozart & Schubert

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* Mittwoch *


  1. Januar 2024 | 12:30 Uhr | Luzern | Lukaskirche

David Fray Klavier

 

Werke von Schubert

_________________________________________

 

  1. Januar 2024 | 19 Uhr | Luzern | KKL

Yoav Levanon Klavier

Elisabeth Leonskaja Klavier

Luzerner Sinfonieorchester

Michael Sanderling Chefdirigent

 

Werke von Liszt (Levanon) & Grieg (Leonskaja)

_________________________________________

 

  1. Januar 2024 | 21 Uhr | Luzern | KKL

Martha Argerich Klavier

Janine Jansen Violine

Mischa Maisky Violoncello

 

“L’Art du Trio avec Piano”

Das Programm wird später bekannt gegeben.

_________________________________________

* Donnerstag *

 

  1. Januar 2024 | 12:30 Uhr | Luzern | Lukaskirche
    Oliver Schnyder & Daniel Behle

„made in Switzerland“

 

Werke von Mendelssohn, Schubert, Liszt und Strauss

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  1. Januar 2024 | 19 Uhr | Luzern | KKL

Yoav Levanon Klavier

Luzerner Sinfonieorchester

Michael Sanderling Chefdirigent

 

Werke von Liszt und Wagner

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  1. Januar 2024 | 20:30 Uhr | Luzern | KKL

Surprise

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  1. Januar 2024 | 21 Uhr | Luzern | KKL

Elisabeth Leonskaja Klavier

Werke von Schumann

 

Elisabeth Leonskaja & Maria João Pires Klavier

Werke von Schubert

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* Freitag *

 

  1. Januar 2024 | 12:30 Uhr | Luzern | Lukaskirche

Benjamin Grosvenor Klavier

 

Werke von Schumann, Dean (UA) & Liszt

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  1. Januar 2024 | 16:30 Uhr | Luzern | tba

«Entdeckung 2024»

Arielle Beck Klavier

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  1. Januar 2024 | 19 Uhr | Luzern | KKL

Jean-Yves Thibaudet Klavier

 

Debussy Préludes Buch 1&2

_________________________________________

 

  1. Januar 2024 | 21 Uhr | Luzern | KKL

Martha Argerich & Jean-Yves Thibaudet Klavier

_________________________________________

 

  1. Januar 2024 | 21:30 Uhr | Luzern | KKL

Kit Armstrong Orgel

 

Liszt Fantasie und Fuge über den Choral “Ad nos, ad salutarem undam”

 

* Samstag *

 

  1. Januar 2024 | 12:30 Uhr | Luzern | Lukaskirche

Kit Armstrong Klavier

 

Liszt 12 Transzendentale Etüden

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  1. Januar 2024| 16:30 Uhr | Luzern | Café Kunstmuseum

Panel/Colloquium mit Kit Armstrong

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  1. Januar 2024 | 18 Uhr | Luzern | Luzerner Saal (OH Kriens)

Performance der Musikschule Luzern von rund 100 Pianisten

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  1. Januar 2024 | 19 Uhr | Luzern | KKL

Yoav Levanon Klavier

 

Liszt Totentanz

Hamelin “Hexensabbat” (world premiere)

 

Matthias Goerne & Maria João Pires

Schubert Die Winterreise op. 89, D 911

_________________________________________

 

  1. Januar 2024 | 21:30 Uhr | Luzern | KKL

Martha Argerich Klavier

 

Carte blanche

Das Programm wird später bekanntgegeben

_________________________________________

 

* Sonntag *

 

  1. Januar 2024 | 11 Uhr | Luzern | Schweizerhof

Llyr Williams Klavier

 

Werke von Schubert/Liszt & Wagner/Liszt

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Statement: „Die eigene Willenskraft ist Rauchstopp-Maßnahme Nummer 1“

Suchtforscher Prof. Dr. Heino Stöver stellt zentrale Ergebnisse der RauS-
Studie vor

Der Rückgang der Raucher/-innen ist in Deutschland ins Stocken geraten:
Während die Zahl jugendlicher Raucher/-innen bis 2022 jährlich einen
historischen Tiefstand erreicht, bleibt die Rauchprävalenz im mittleren
und höheren Erwachsenenalter stabil oder steigt sogar an. „Dieser Trend
ist besorgniserregend, denn Rauchen ist das größte vermeidbare
Gesundheitsrisiko der Deutschen. Umso wichtiger ist es, mehr über dieses
Thema zu sprechen, zu forschen und zu debattieren“, betont Prof. Dr. Heino
Stöver, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung
(ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS),
anlässlich des Weltnichtrauchertags am 31. Mai. „Zwar ist die Bereitschaft
zum Aufhören unter Rauchenden grundsätzlich hoch, gleichzeitig gelingt der
Rauchstopp häufig erst nach mehreren Versuchen oder aber erst, wenn dieser
mit einer gewissen Ernsthaftigkeit angegangen wird.“

Gemeinsam mit seinem Team sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
des Centre for Drug Research der Goethe-Universität Frankfurt (CDR) und
des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg
(ZIS) untersuchte Stöver in der sogenannten Rauchstopp-Studie (RauS),
welche Mittel und Methoden zur Rauchentwöhnung angewandt werden und
inwiefern sie wirklich hilfreich sind. Durch die im Zuge der Studie
durchgeführte Online-Befragung konnten insgesamt 6.192 Stichproben von
aktuellen und ehemaligen Raucherinnen und Rauchern erhoben werden.

„93 Prozent der Studien-Teilnehmenden gaben an, mindestens einen Versuch
unternommen zu haben, mit dem Rauchen aufzuhören. Im Schnitt benötigten
die Befragten knapp vier ernsthafte Rauchstopp-Versuche bis zum Erfolg. 61
Prozent der Teilnehmenden nannten die eigene Willenskraft neben dem
Wechsel zur E-Zigarette als die Rauchstopp-Maßnahme Nummer 1. Sie wird
gleichzeitig auch als am hilfreichsten bewertet“, erklärt Stöver.
Gleichzeitig gäbe es nur wenige als evidenzbasiert geltende Rauchstopp-
Methoden. Aus den Studienergebnissen lässt sich ablesen, dass ärztliche
oder telefonische Beratung, Einzel- oder Gruppentherapien,
Nikotinersatztherapie mit Kaugummi oder Pflastern oder eine
medikamentengestützte Behandlung nur bei einem kleinen Teil der
Rauchstopp-Versuche angewendet werden. Mit diesen Ergebnissen können
Erkenntnisse vorheriger Studien, etwa der DEBRA[1]-Studie, bestätigt
werden.

Stöver ergänzt: „Gerade unter den eher wenig genutzten Rauchstopp-Methoden
fällt auf, dass Apps und Websites sowie Ortswechsel vergleichsweise gut
bewertet werden – hier existiert möglicherweise ein Potenzial, das stärker
genutzt werden könnte.“ Ähnliches zeige sich für Ersatzrituale oder
individuelle Methoden: neben der Verwendung von häufig genannten Kaugummis
sowie diversen essbaren Dingen wie Bonbons oder Lutschpastillen gaben die
Befragten eine Vielzahl von Möglichkeiten an, mit denen sie sich im Zuge
ihres Rauchstopp-Versuchs alternativ beschäftigten bzw. aktuell
beschäftigen.

Faktoren, welche die Motivation für den Rauchstopp begünstigen, sind
vielfältig. „Neben unangenehmen Begleiterscheinungen wie schlechtem Geruch
spielt das Thema Gesundheit die mit Abstand dominierende Rolle. Eigene
Erkrankungen, die nichts mit dem Rauchen zu tun haben, werden oftmals als
Startpunkt für Rauchstopp-Versuche genutzt“, so der Suchtexperte weiter.
„Sie erhöhen das Bewusstsein um mögliche Schäden und Regeneration, um
konkrete eigene gesundheitliche Probleme oder solche im engeren Umfeld.
Auch Verantwortung für eigene Kinder, angefangen mit Schwangerschaften,
später in Form einer Vorbildfunktion, ist für viele Raucherinnen und
Raucher eine wichtige Motivation für den Rauchstopp. An dieser Stelle
sollten Präventions- oder Ausstiegsprogramme für Rauchstopp-Willige
ansetzen.“

„Neben den Faktoren, die den Rauchstopp positiv beeinflussen, gibt es
jedoch auch Probleme und Hindernisse, auf die Raucherinnen und Raucher bei
ihrem Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören, stoßen. Eine Vielzahl dieser
Hemmnisse geht auf bestimmte, mit dem Rauchen verbundene Rituale zurück,
die auch gesellschaftliche Aspekte einbeziehen“, so der Suchtexperte.
„Dies können etwa ritualisierte Rauchpausen auf der Arbeit, die Zigarette
in Verbindung mit dem Konsum von Kaffee oder alkoholischen Getränken, die
generelle Tagesstruktur oder auch andere Rauchende im sozialen Umfeld bzw.
Freundeskreis sein. Gleichzeitig gibt es weitere Alltagssituationen, die
das Rauchen ‚triggern‘ und damit den Rauchstopp verzögern können.“
Konkrete Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit und Unruhe, erhöhter
Appetit, Konzentrationsschwäche, Schlafprobleme oder Kopfschmerzen seien,
so das Ergebnis der Studie, weniger ausschlaggebend.

Die detaillierten Ergebnisse der RauS-Studie können in der 2023 im
Frankfurter Fachhochschulverlag erschienenen Publikation „Die Zigarette
liegt in den letzten Zügen. Alternative Formen der Nikotinaufnahme“
eingesehen werden.

Gerne steht Prof. Dr. Stöver für Interviews, Fragen und weitere Statements
rund um die sozialwissenschaftlichen Aspekte von
Rauchentwöhnungsstrategien zur Verfügung.

Zur Person:
Prof. Dr. Heino Stöver ist Dipl.-Sozialwissenschaftler und Professor für
sozialwissenschaftliche Suchtforschung am Fachbereich Soziale Arbeit und
Gesundheit der Frankfurt UAS. Er leitet seit 2009 das Institut für
Suchtforschung Frankfurt am Main (ISFF). Sein Tätigkeitsschwerpunkt ist
die sozialwissenschaftliche Suchtforschung. Stövers Forschungsschwerpunkte
sind von hoher gesellschaftlicher Bedeutung, da diese Zielgruppen
gesundheitlich und teils sozial extrem belastet sind und oft zu spät
behandelt werden. Die späte Behandlung kann zum Tod führen und verursacht
hohe Kosten, die bei früherer Behandlung verringert werden könnten. In den
letzten fünf Jahren hat Stöver mehr als 20 Forschungsprojekte für
nationale und internationale Auftraggeber durchgeführt und hat dafür bei
diversen nationalen und internationalen Fördermittelgebern Dritt- und
Forschungsfördermittel in Höhe von mehr als 2,5 Mio. Euro eingeworben.

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