Die Hochschule Landshut erprobt in einem Förderprojekt der Klaus Tschira
Stiftung neue Wege der Wissenschaftskommunikation – dort, wo Menschen
ihren Alltag verbringen.
Diese beiden Frauen sind ein
ungewöhnliches Team: Dr. Hannah Jörg ist Mathematikerin und Professorin
für Systemtheorie und Kybernetik. Dr. Kinza Khan ist
Nachrichtenjournalistin und Geisteswissenschaftlerin. Was sie verbindet:
Beide wollen Wissenschaft zu den Menschen bringen. Und beide haben Mut.
Den brauchen sie auch, denn wer Menschen für Wissenschaft begeistern will,
muss manchmal dorthin gehen, wo Wissenschaft bislang kaum vorkommt.
„BuBo-Science – Wissenschaft an Bus und Bolzplatz“ heißt ihr
Forschungsprojekt. Die Klaus Tschira Stiftung fördert es für knapp
zweieinhalb Jahre. Schauplatz ist Landshut, wo sich Jörg und Khan
beruflich und privat viel bewegen. Ihre Zielgruppe: Jugendliche und andere
Menschen, die Bolzplätze und Jugendtreffs nutzen oder im Alltag vor allem
mit dem Bus unterwegs sind.
Das Projekt verbindet zwei Welten: Kommunikationswissenschaft und MINT
(Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Daraus soll
eine „aufsuchende Wissenschaftskommunikation“ entstehen. Den Begriff haben
die beiden aus der Sozialarbeit übernommen. Gemeint ist ein einfaches
Prinzip: Nicht darauf warten, dass die Menschen kommen. Sondern selbst zu
ihnen gehen, gerade zu denen, die von klassischen Bildungsangeboten oft
nicht erreicht werden.
Das Team verlässt gemeinsam den Campus
Deshalb verlässt das Team gemeinsam den Campus. Es ist interkulturell und
interdisziplinär zusammengesetzt und in Einfacher Sprache geschult.
Zunächst will es zuhören: Was interessiert die Menschen an Wissenschaft?
Wo begegnet sie ihnen im Alltag? Welche Fragen beschäftigen sie?
Aus den Antworten sollen gemeinsam mit den Menschen vor Ort neue Formate
entstehen. Nicht für die Zielgruppe, sondern mit ihr. Die Ergebnisse
kehren dorthin zurück, wo die Fragen entstanden sind: auf Plätze, in
Jugendtreffs, an Bushaltestellen und in den öffentlichen Raum.
„Die Freude am Verstehen gehört nicht denen, die schon immer fragen
durften und Antworten erhielten, sondern allen, die fragen wollen“, sagt
Kinza Khan. Für sie verändert der Ortswechsel auch die Rollen. Wenn
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Campus verlassen, werden aus
Vermittelnden auch Lernende. „Erst im direkten Gespräch erschließt sich,
was die Menschen draußen bewegt“, sagt Khan. Und: „Der Verzicht auf
institutionelle Distanz lässt Vertrauen wachsen.“
So soll Wissenschaft näher an die Menschen rücken – und an die Fragen, die
sie tatsächlich beschäftigen.
Das Projekt setzt bewusst auf Vielfalt
„Der Zugang zu Wissenschaftskommunikation sollte nicht davon abhängen, wo
Menschen wohnen“, sagt Hannah Jörg. Mit BuBo-Science will sie neue
Dialogformate nach Landshut bringen und Orte schaffen, an denen
Wissenschaft und Alltag selbstverständlich aufeinandertreffen.
Dabei setzt das Projekt bewusst auf Vielfalt. Studierende mit
unterschiedlichen fachlichen, sprachlichen und persönlichen Erfahrungen
arbeiten zusammen. „Gerade diese Vielfalt soll neue Perspektiven und einen
Dialog auf Augenhöhe ermöglichen“, sagt Jörg.
Mit ihrer Idee stießen die beiden Initiatorinnen schnell auf Begeisterung
und engagierte Netzwerke in Landshut. Das gemeinsame Ziel: zeigen, wie
viel Potenzial im Lokalen steckt. Entscheidend wird am Ende nicht sein,
wie viele Veranstaltungen stattgefunden haben. Sondern ob sich etwas
verändert hat: Wie nehmen die Menschen Wissenschaft wahr? Ist ihre Neugier
gewachsen? Wollen sie mehr wissen?
Ein Schauplatz des Projekts sind die Bolzplätze entlang der Landshuter
„Flutmulde“. Das Naherholungsgebiet dient zugleich dem Hochwasserschutz.
Wissenschaft steckt hier buchstäblich im Alltag. Wasser, Überschwemmungen
und Klimakrise liegen als Themen nahe.
Welche Fragen daraus entstehen, entscheidet aber nicht allein die
Wissenschaft. Gefragt werden zuerst die Menschen vor Ort.
Autorin: Kirsten Baumbusch (kirsten.baumbusch@klaus-tschira-stiftung.de)
Kontakt: