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Digitaler Gesundheitspreis 2022: BaSeTaLK gewinnt den Publikumspreis

Digitaler Gesundheitspreis 2022: BaSeTaLK, ein logopädisches
Forschungsprojekt der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
(OTH Regensburg) und der Katholischen Hochschule Mainz (KH Mainz), hat den
mit 10.000 Euro dotierten Publikumspreis gewonnen und damit den dritten
Platz erreicht.

„Wir sind überglücklich, dass wir den Publikumspreis für unsere App
BaSeTaLK gewonnen haben! Der Funke der Begeisterung für unser Thema ist
offenbar auf die Zuschauerinnen und Zuschauer übergesprungen. Es ist eine
sehr große Wertschätzung für unser Team und die an der Entwicklung und
Evaluation beteiligten Seniorinnen und Senioren. Wir hoffen, dass wir
damit erreichen können, dass unsere Tablet-gestützte Maßnahme für Menschen
in Pflegeheimen eine weite Verbreitung findet“, sagt Dr. Norina Lauer,
Professorin für Logopädie an der OTH Regensburg und Projektleiterin.

BaSeTaLK steht für Tablet-gestützte Biographiearbeit in
Senioreneinrichtungen und wird in Zusammenarbeit der OTH Regensburg und
der KH Mainz umgesetzt. Das Forschungsteam hat zum Ziel, mit der
Entwicklung und Erprobung einer App den sozialen Austausch älterer
Menschen in Pflege- und Senioreneinrichtungen zu fördern, das psychische
Wohlbefinden zu steigern und die soziale Teilhabe von Heimbewohner*innen
zu stärken. Seit dem Frühjahr 2021 wurde die App in Einzel- und
Kleingruppengesprächen mit Heimbewohner*innen aus Pflegeeinrichtungen der
Regionen Regensburg und Mainz erprobt. Geleitet wurden die Gespräche von
Ehrenamtlichen, die zuvor im Umgang mit der App, aber auch mit Blick auf
die Gesprächsführung sowie Kenntnisse der Biographiearbeit geschult
wurden.

Mit dem Digitalen Gesundheitspreis (DGP) zeichnet Novartis Deutschland
nach eigenen Angaben bereits seit 2018 „kreative digitale Lösungen für ein
zukunftsfähiges Gesundheitssystem in Deutschland aus“. „Die Projekte, die
es unter die Top 7 schaffen und auf der Preisverleihung vorgestellt
werden, begeistern mich jedes Jahr aufs Neue“, sagt Dr. med. Thomas Lang,
Geschäftsführer Novartis Pharma Deutschland und Gastgeber des DGP. „Die
Vielzahl der transformativen Lösungen, die von der Jury ausgewählt werden,
zeigt, dass es in Deutschland ein pulsierendes Ökosystem an innovativen E
-Health-Initiator*innen gibt. Diese fördern wir mit dem Digitalen
Gesundheitspreis.“

Prof. Dr. Ralph Schneider, Präsident der OTH Regensburg, gratulierte
Norina Lauer und dem gesamten BaSeTaLK-Team zu diesem großartigen Erfolg:
„Das zeigt auch, dass die Sozial- und Gesundheitswissenschaften an unserer
Technischen Hochschule völlig zu Recht einen hohen Stellenwert genießen.
Das zeigt ferner, dass die Digitalisierung bei uns nicht nur auf dem
Papier ein zentrales Querschnittsthema aller Fakultäten ist, sondern
tatsächlich innovativ eingesetzt und weiterentwickelt wird.“

Biographiearbeit gewinnt in der logopädischen Forschung und Praxis
zunehmend an Bedeutung. „Häufig wird mit der Logopädie die Behandlung von
Sprech- oder Sprachstörungen verbunden. Immer mehr Aufmerksamkeit erfährt
jedoch auch das Schaffen oder Ermöglichen von Kommunikation im Sinne einer
präventiven Maßnahme“, sagt Dr. Sabine Corsten, Professorin für Logopädie
an der KH Mainz und Leiterin sowie Koordinatorin des Projekts.

Im Projekt BaSeTaLK läuft derzeit die Auswertung der Erprobungsphase. Nach
Abschluss des Forschungsprojekts soll die App für den Einsatz in
Pflegeeinrichtungen und möglichen anderen Settings frei zur Verfügung
stehen. „Damit hoffen wir, dass die App auch künftig älteren Menschen
zugutekommen wird“, so Prof. Dr. Norina Lauer.

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Kooperationen gegen den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen

Prof. Dr. Tom Ziegler von der SRH Hochschule für Gesundheit informiert
potenzielle Praxispartner:innen über das Berufsbild Physician Assistant.

„Mit dem Physician Assistant dringt ein innovatives Berufsbild auf den
Wachstumsmarkt Gesundheit. Hier am Campus Gera bilden wir
kompetenzorientiert diese wichtigen Fachkräfte aus. Ein Grundpfeiler des
NC-freien Bachelorstudiengangs ist die Praxisorientierung. Entsprechend
wichtig ist es, dass wir Praxispartner:innen für unsere Studierenden
gewinnen können“, meint Prof. Dr. Tom Ziegler, Professor für Klinische
Medizin und Studiengangsleiter im Bachelorstudiengang Physician Assistant
am Campus Gera.

Dementsprechend wird Prof. Dr. Tom Ziegler am 20. April 2022 um 15.30 Uhr
potenzielle Praxispartner:innen im Rahmen einer Online-
Informationsveranstaltung zum Thema „Ein PA`ler auf meiner Station. Was
habe ich davon?“ begrüßen. Der Physician Assistant ist ein medizinischer
Assistenzberuf, der vor allem in den USA sowie seit etwa 15 Jahren in den
Niederlanden verankert ist. Die Etablierung des Berufsbilds wird von der
Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gefördert.
Physician Assistants sollen Ärzt:innen in enger Zusammenarbeit mit diesen
unterstützen und entlasten, womit einer Zersplitterung der Versorgung und
fraglichen Auswirkungen auf Patient:innensicherheit und
Versorgungsqualität entgegengewirkt werden soll. Die Idee der
einheitlichen Heilkundeausübung des Arztes bzw. der Ärztin wird dabei
nicht berührt.

In der akademischen Ausbildung zum Physician Assistant wird den
Studierenden umfangreiches Wissen vermittelt, um Ärzt:innen bei ihrer
Arbeit zu unterstützen, aber auch um komplexe Aufgaben in der
Gesundheitsversorgung durchzuführen. So können Absolvent:innen z. B.
Wundversorgung und
-verschlüsse vornehmen oder auch orientierende Ultraschalluntersuchungen,
als delegierte ärztliche Leistungen, durchführen. Sie sind sowohl in der
stationären als auch in der ambulanten Versorgung tätig und können
wesentlich dazu beitragen, bestehende Versorgungslücken zu kompensieren.
Die SRH Hochschule für Gesundheit bietet ihren NC-freien Bachelor-
Studiengang Physician Assistant sowohl in Gera, Heide und Heidelberg als
auch in Leverkusen an.

Interessierte können sich für die kostenfreie Online-Veranstaltung am
20.04.2022 um 15.30 Uhr ab sofort kostenfrei unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
anmelden. Die Veranstaltung wird ein weiteres Mal am 11.05.2022 um 15.30
Uhr stattfinden.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
https://www.srh-gesundheitshochschule.de/unsere-hochschule/hochschulteam
/tom-ziegler/

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Update Migräneprophylaxe: Metaanalyse bestätigt Erfolg der CGRP-Rezeptoren

Das zunehmende Wissen über die Pathomechanismen der Migräne führte zur
Entwicklung kausaler Therapien mit Substanzen, die am sogenannten CGRP-
Rezeptor ansetzen oder CGRP blockieren, beispielsweise auch monoklonale
Antikörper zur Migräneprophylaxe. Eine große Metaanalyse [1] verglich
diese mit zwei häufig verwendeten Substanzen (Topiramat und
Botulinumtoxin) und bestätigte die gute Effektivität der Antikörper. Viele
Betroffene könnten künftig von der bereits zugelassenen Therapie
profitieren, gerade wenn andere Medikamente nicht ausreichend wirken oder
zu viele Nebenwirkungen haben.

In Deutschland leiden ca. 20 % der Frauen und 8 % der Männer an
wiederkehrenden Migräneattacken [2]. Die Folgen dieser chronischen,
neurovaskulären Erkrankung betreffen viele Bereiche des täglichen Lebens:
Migräne ist nicht nur eine der häufigsten Ursachen für Krankschreibungen
am Arbeitsplatz, sondern sie kann insbesondere das Familien-, aber auch
das gesellschaftliche Leben stark einschränken. Unterschieden wird
zwischen episodischer Migräne (≤14 Kopfschmerztage/Monat) und chronischer
Migräne (>14 Tage/Monat). Die Akuttherapie erfolgt oral mit sogenannten
nichtsteroidalen Analgetika, darunter freiverkäufliche Schmerzmittel wie
z.B. ACC, Diclofenac oder Ibuprofen, bei Nichtansprechen mit sogenannten
Triptanen (Migränemedikamenten), ggf. kombiniert mit Medikamenten, die
gegen Übelkeit und Erbrechen wirken (sogenannte Antiemetika). Bei zu
häufigen Attacken wird eine Prophylaxe empfohlen, bislang beispielsweise
mit Betablockern, Kalziumantagonisten wie Flunarizin, Valproat,
Amitriptylin oder Topiramat. Bei chronischer Migräne sind Topiramat oder
Botulinumtoxin Typ A am wirksamsten. Zu den Nachteilen oraler Substanzen
gehören, dass die Einnahme oft vergessen wird, sowie die relativ häufigen
Nebenwirkungen, die eine schlechte Therapietreue begünstigen [3].

Einer der größten Fortschritte in der Migräneforschung der letzten
Jahrzehnte war die Entdeckung, dass das Neuropeptid CGRP („Calcitonin Gene
related Peptide“) bei der Pathophysiologie der Migräne eine wichtige Rolle
spielt [4]. CGRP wird bei Migräneattacken von Nervenzellen freigesetzt und
wirkt gefäßerweiternd (vasodilatatorisch) sowie entzündungsfördernd
(inflammatorisch). Bei chronischer Migräne ist der CGRP-Wert im Blut
erhöht. Die Erforschung des Mechanismus des CGRP bei der Migräne führte
zur Entwicklung der CGRP-Rezeptor-Antagonisten, der neuen Substanzklasse
der Gepante, sogenannte „small molecules“, die oral zur Akutbehandlung und
Prävention der Migräne geeignet sind. Gepante blockieren den CGRP-
Rezeptor, so dass CGRP nicht mehr an Blutgefäßen „andocken“ und Symptome
auslösen kann. Speziell für die Migräneprophylaxe wurden außerdem
monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor entwickelt, die
sich in großen placebokontrollierten Studien sowohl als wirksam als auch
verträglich erwiesen [5, 6]. Die Besonderheit, dass monoklonale Antikörper
nur intravenös oder subkutan (monatlich) verabreicht werden können, ist
insofern von Vorteil, da die Einnahme nicht vergessen werden kann [3].

Eine große Metaanalyse [1] aus Innsbruck verglich nun die Wirksamkeit der
drei am häufigsten verschriebenen migräneprophylaktischen Medikamente,
Topiramat, Botulinumtoxin Typ A und monoklonale CGRP-Antikörper. Dabei
wurden placebokontrollierte, randomisierte Studien bis März 2020
einbezogen, die Ansprechraten von mindestens 50% berichteten. Diese war
definiert als der Anteil der Teilnehmenden, die berichteten, dass sich die
Häufigkeit der Migräneattacken bzw. der mittleren Zahl monatlicher
Migränetage mindestens halbiert hatte. Ausgeschlossen wurden Studien, die
keine Angaben zu den Ansprechraten machten, in denen die Medikamenten-
Allokation unklar oder die Studienqualität insgesamt unzureichend war. Das
primäre Outcome der Metaanalyse waren Ansprechraten von 50% oder mehr. Die
„odds ratios“ (ORs) wurden gepoolt berechnet. Von 6.552 identifizierten
Publikationen waren entsprechend den Einschlusskriterien schließlich 32
für die Metaanalyse geeignet. Studien zu monoklonalen Antikörpern
(Eptinezumab, Erenumab, Fremenezumab und Galcanezumab) umfassten insgesamt
13.302 Patientinnen und Patienten; hier lag die gepoolte OR gegenüber
Placebo für eine 50%-Response-Rate bei 2,3.

Die Ergebnisse: Topiramat erhielten 1.989 Teilnehmende und das Medikament
erwies sich als noch etwas effektiver als die Antikörper (OR 2,7).
Botulinumtoxin Typ A (2.472 Teilnehmende) hingegen war vermeintlich nur
halb so wirksam (OR 1,28). Dies lag wahrscheinlich daran, dass auch
Studien mit Patientinnen und Patienten mit episodischer Migräne
berücksichtigt wurden, obwohl Botulinumtoxin A nur bei chronischer Migräne
wirksam ist. Die Abbruchrate bei den Studienteilnehmenden betrug bei
monoklonalen Antikörpern 5,1%, bei Topiramat 29,9% und bei Botox 3,4%.

„Topiramat zeigte zwar rein zahlenmäßig die größte Effektivität, hatte
aber mit fast 30% auch die bei Weitem höchste Rate an Therapieabbrüchen“,
kommentiert Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen, Pressesprecher
der DGN. „Betrachtet man das Nutzen-Risiko-Profil, schneiden die
monoklonalen Antikörper am besten ab, die derzeit aber nur bei
Therapieresistenz gegenüber den anderen verfügbaren Therapien vergütet
werden.“

Gleichzeitig betont der Experte die Bedeutung der nicht-medikamentösen,
multidisziplinären Verfahren in der Migräneprophylaxe, die auch Eingang in
die Leitlinien gefunden haben. Besonders geeignet seien beispielsweise die
kognitive Verhaltenstherapie, Entspannungstechniken, Biofeedback,
Stressmanagement sowie regelmäßige sportliche Betätigung.

[1] Frank F, Ulmer H, Sidoroff V et al. CGRP-antibodies, topiramate and
botulinum toxin type A in episodic and chronic migraine: A systematic
review and meta-analysis. Cephalalgia 2021 Oct; 41 (11-12): 1222-1239
doi: 10.1177/03331024211018137. Epub 2021 Jun 15.
[2] https://dgn.org/leitlinien/ll-030-057-2018-therapie-der-
migraeneattacke-und-prophylaxe-der-migraene/
[3] Diener HC. CGRP-targeted drugs for migraine: still many uncertainties.
Lancet Neurol 2022 Mar; 21 (3): 209-210  doi:
10.1016/S1474-4422(21)00468-3. Epub 2022 Jan 31.
[4] Goadsby PJ, Edvinsson L, Ekman R. Release of vasoactive peptides in
the extracerebral circulation of humans and the cat during activation of
the trigeminovascular system. Ann Neurol 1988; 23: 193-196
[5] VanderPluym JH, Halker Singh RB, Urtecho M et al. Acute treatments for
episodic migraine in adults: a systematic review and meta-analysis. JAMA
2021; 325: 2357-2369
[6] Ray JC, Kapoor M, Stark RJ et al. Calcitonin gene related peptide in
migraine: current therapeutics, future implications and potential off-
target effects. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2021; 92: 1325-1334

Pressekontakt
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o Dr. Bettina Albers, albersconcept, Jakobstraße 38, 99423 Weimar
Tel.: +49 (0)36 43 77 64 23
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der
gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren fast 11.000 Mitgliedern die
neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu
verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre,
Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der
gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden
gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

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Bei Herzschwäche unterschätzt: seelische Komplikationen

Prof. Dr. med. Karl-Heinz Ladwig, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung und Professor für psychosomatische Medizin, Kllnikum rechts der Isar, Technische Universität München  Foto: Michael Haggenmüller
Prof. Dr. med. Karl-Heinz Ladwig, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung und Professor für psychosomatische Medizin, Kllnikum rechts der Isar, Technische Universität München Foto: Michael Haggenmüller

Europäische Psychokardiologie-Experten fordern im klinischen Alltag mehr
Fokus auf seelische Leiden als Folge und Verstärker der Herzinsuffizienz
Das Herz ist ein „Lebensmotor“, der unsere Organe mit lebenswichtigem
Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Schädigt ein Herzinfarkt oder ein
unbehandelter Bluthochdruck den Herzmuskel dauerhaft, so dass er an
Pumpkraft verliert und es kommt zur chronischen Herzschwäche
(Herzinsuffizienz), ist nicht nur das Herz geschädigt, sondern auch andere
Organe wie Gehirn, Nieren und Muskeln nehmen Schaden. Die Herzschwäche mit
bis zu vier Millionen Betroffenen in Deutschland schränkt deren
Lebensqualität allein mit Symptomen wie Luftnot, Abnahme der
Leistungsfähigkeit, Müdigkeit und Wassereinlagerungen in den Beinen massiv
ein (Infos: www.herzstiftung.de/herzschwaeche-therapie). „Patienten mit
Herzinsuffizienz haben aber nicht nur körperliche, sondern meist auch
erhebliche seelische Probleme. Psychosoziale Risikofaktoren wie Depression
sowie soziale Isolation, Einsamkeit und traumatische Effekte aufgrund der
Erkrankung werden häufig nicht ausreichend bei der Behandlung dieser
Patienten berücksichtigt“, berichtet der Experte für Psychokardiologie
Prof. Dr. med. Karl-Heinz Ladwig vom Wissenschaftlichen Beirat der
Deutschen Herzstiftung. Dass eine medizinische Versorgung von Patienten
mit chronischer Herzinsuffizienz gerade auch diese psychosozialen Faktoren
viel mehr in die Therapie integrieren muss, fordern zwölf europäische
hochrangige Wissenschaftlicher/innen u. a. mit psychokardiologischer
Expertise, unter ihnen Ladwig, der Professor für psychosomatische Medizin
am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München ist.
Ladwig und seine Kollegen/innen haben im Auftrag der Europäischen
Gesellschaft für präventive Kardiologie (European Association of
Preventive Cardiology) in einem Positionspapier den wissenschaftlichen
Stand und die klinische Bedeutung psychosozialer Fragen für das
Krankheitsbild Herzinsuffizienz erarbeitet. Ihre Ergebnisse haben sie im
renommierten Fachjournal „European Journal of Preventive Cardiology“
(EJPC) publiziert https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwac006 (1).

Depression und Einsamkeit zu wenig im klinischen Alltag berücksichtigt
Psychosoziale Risikofaktoren wie die Depression sind für das Entstehen und
den Verlauf der Herzinsuffizienz von Bedeutung, werden aber in der
Kardiologie noch unterschätzt. „Insbesondere die Depression und soziale
Isolation/Einsamkeit sind als Faktoren, die eine Herzinsuffizienz
begünstigen, durch zahlreiche Studien belegt. Sie werden aber im
klinischen Alltag ungenügend berücksichtigt“, gibt Prof. Ladwig zu
bedenken. „Häufig nimmt die Herzschwäche einen schwerwiegenden
Krankheitsverlauf. Das fördert bei den Patienten wiederum Episoden von
Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die erheblich belasten.“ Auf die
seelischen Komplikationen der Herzinsuffizienz zu achten und die Patienten
psychologisch zu betreuen, so Ladwig, sollte daher fester Bestandteil der
Therapie sein. Die Autoren und Autorinnen des Positionspapiers weisen
außerdem darauf hin, dass die Depression und andere psychosoziale
Stressfaktoren über verschiedene biologische Vermittlungswege (u. a.
Ausschüttung von Hormonen und neuro-endokrinen Entzündungsstoffen) zu
einer weiteren Verschlechterung der Herzinsuffizienz beitragen können.

Nachlassende Selbstfürsorge: Telemedizin und neuere Gesprächstechniken
nutzen
Auf die Psyche der meist schwer chronisch kranken Patienten kann sich der
Krankheitsprozess traumatisch auswirken. Das liegt daran, dass sich bei
der Herzinsuffizienz die Herzfunktion unvorhersehbar und rasch
lebensbedrohlich – bis hin zur Krankenhauseinweisung - verschlechtern kann
(Dekompensation). „Dieser unsicheren Situation begegnen Patienten häufig
mit einem Ohnmachtsgefühl, sie beginnen, die Krankheitsrealität zu
verleugnen. Das wiederum erschwert die Mitarbeit der Patienten deutlich“,
berichtet Ladwig. Allerdings könne dieses selbstschädigende Verhalten der
Patienten durch neue erfolgversprechende psychologische Gesprächstechniken
deutlich verbessert werden. Die Experten des Positionspapiers ermutigen
dazu, auch telemedizinische Betreuungskonzepte zu nutzen, die aber die
wichtige persönliche Begegnung von Patient/in und Arzt bzw. Ärztin nicht
ersetzen soll. Infos zur Telemedizin bei Herzschwäche sind abrufbar unter
www.herzstiftung.de/herzinsuffizienz-telemedizin

Option zu Antidepressiva: kognitive Verhaltenstherapie kombiniert mit
Bewegung
Klassische psychotherapeutische Behandlungskonzepte zeigen ebenso wie eine
Psychopharmaka-Therapie keine oder allenfalls mäßige Erfolge. Besser
wirksam sind den Wissenschaftlern zufolge Interventionen, die körperliche
Bewegungsprogramme mit kognitiver Verhaltenstherapie kombinieren. „Damit
lassen sich im Gespräch mit dem Verhaltenstherapeuten negative Denkmuster
und Defizite in der Wahrnehmung abbauen. Körperliches Training verbessert
die Durchblutung in Gehirn und Muskulatur und stärkt die körperliche und
geistige Leistungsfähigkeit der Patienten“, erklärt Ladwig. All das
kombiniert wirke sich günstig auf die Depression und ihre Symptome wie
verminderte Konzentrationsfähigkeit und Schlaflosigkeit aus.
„Zur Behandlung einer schwerwiegenden andauernden Depression sollte ein
Psychiater oder Psychosomatiker hinzugezogen werden.“ Das gilt Ladwig
zufolge ganz besonders auch für die vielen Patienten mit Herzinsuffizienz,
die einen implantierbaren Defibrillator (ICD) zum  Verhindern eines
plötzlichen Herztods durch bösartige Herzrhythmusstörungen
(Kammerflimmern) oder im fortgeschrittenen Verlauf auch ein Linksherz-
Unterstützungs-System (LVAD) benötigen. „Die psychologische Unterstützung
dieser Patienten und ihrer Angehörigen muss integraler Bestandteil des
langfristigen Behandlungsplans werden“, so die Forderung von Ladwig und
den Mitautoren/innen des Positionspapiers. Darüber hinaus sollte schon zu
einem frühen Zeitpunkt die Möglichkeit einer stationären oder ambulanten
palliativen Versorgung mit Patienten, betreuenden Angehörigen und dem
medizinisch-pflegerischen Personal besprochen werden.

(1) Literatur:

Ladwig KH et al., Mental Health-Related Risk Factors and Interventions in
Patients with Heart Failure. A Position Paper endorsed by the European
Association of Preventive Cardiology (EAPC), European Journal of
Preventive Cardiology, 2022;, zwac006,
https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwac006

Tipp für Patienten und Angehörige: Der Ratgeber „Das schwache Herz“ (180
S.) kann kostenfrei per Tel. unter 069 955128-400 oder unter
www.herzstiftung.de/bestellung angefordert werden. Leicht verständlich
informieren Herzexperten über Ursachen, Vorbeugung sowie über aktuelle
Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten der Herzschwäche.

Weitere Infos zur Diagnose und Therapie der Herzschwäche unter
www.herzstiftung.de/herzschwaeche-therapie

Infos zur Telemedizin bei Herzschwäche:
www.herzstiftung.de/herzinsuffizienz-telemedizin

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