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SARS-CoV2-assoziierte Veränderungen der Hirnstruktur im Langzeitverlauf bei nicht-hospitalisierten Personen

Anhand von Daten der in der prä-Pandemie-Ära begonnenen, longitudinal
angelegten „UK Biobank“ konnten erstmals zerebrale MRT-Befunde vor und
nach COVID-19 bei denselben Personen erhoben und mit einer Kontrollgruppe
Nicht-Infizierter verglichen werden [1]. Im Ergebnis zeigte sich bei den
zwischenzeitlich SARS-CoV-2-Infizierten ein Rückgang an grauer Substanz im
orbitofrontalen Kortex sowie eine Abnahme der Gesamthirnmasse. Bei den
Betroffenen verschlechterten sich im Verlauf auch die kognitiven
Testergebnisse. Ob diese Veränderungen reversibel sind, ist derzeit noch
offen. Eine weitere Studie [2] zeigte eine erhöhte Rate an de novo-
Demenzen nach COVID-19 im Vergleich zu anderen Pneumonien.

Viele Studien zeigten bereits COVID-19-assoziierte Auffälligkeiten der
Gehirnstruktur. Es blieb bislang jedoch unklar, ob auch leichtere Verläufe
einer SARS-CoV-2-Infektion zu solchen Veränderungen führen können. In der
renommierten Zeitschrift Nature wurde nun eine Studie publiziert [1], die
im Rahmen der großen, longitudinalen „UK Biobank Imaging Study“ [2]
erstmals zerebrale MRT-Veränderungen bei SARS-CoV-2-infizierten Personen
untersuchte, von denen bereits vor der Pandemie ein zerebrales MRT
verfügbar war. In der 2006 begonnenen „UK Biobank Imaging Study“ wurden
seitdem über 40.000 Menschen (>45 Jahre) in vier Zentren nach
standardisierten Protokollen einer multimodalen zerebralen MRT-
Untersuchung des Gehirns unterzogen. Die Studie wurde zunächst aufgrund
der Pandemie pausiert; ab Februar 2021 wurde dann begonnen, Teilnehmende
zu einem weiteren MRT-Scan einzuladen. In der Zwischenzeit hatten viele
von ihnen eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht.

Um den potenziellen Einfluss einer SARS-CoV-2-Infektion auf die
Gehirnstruktur zu untersuchen, wurden die zwei Scans (vor und nach
COVID-19) mit nicht an COVID-19 erkrankten Teilnehmenden verglichen. Die
Verfügbarkeit der Bildgebung vor der Infektion minimierte die
Wahrscheinlichkeit, dass unbekannte präexistente Risikofaktoren oder
Auffälligkeiten später als COVID-bedingt fehlinterpretiert wurden. Auch
waren Teilnehmende mit zerebralen Zufallsbefunden im ersten Scan von der
Studie ausgeschlossen. Die Gruppen waren umfassend gematcht, d. h. es gab
keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Alter, Geschlecht,
Ethnizität, mittlerem Blutdruck, Diabetes mellitus, Gewicht/BMI, Alkohol-
und Nikotinkonsum oder dem sozioökonomischen Status („Townsend
Deprivations-Index“).

Von 785 geeigneten Personen in der Biobank (Alter 51-81) mit jeweils zwei
zerebralen MRT-Untersuchungen hatten 401 Personen zwischen den beiden
Scans eine SARS-CoV-2-Infektion erlitten, 15 von ihnen waren stationär
behandelt worden. Zwischen der Infektionsdiagnose und dem zweiten Scan
lagen durchschnittlich 141 Tage. Zur Kontrollgruppe zählten 384 Personen.
Das Intervall zwischen den beiden Gehirnscans betrug in beiden Gruppen im
Mittel 3,2 ± 1,6 Jahre.

Im Ergebnis zeigten sich signifikante longitudinale Effekte bzw. MRT-
Veränderungen in der Gruppe der zwischenzeitlich SARS-CoV-2-Infizierten.
Dazu gehörten eine Abnahme grauer Substanz und eine Abnahme des
Gewebekontrasts im orbitofrontalen Kortex (Hirnrinde im vorderen Bereich
über den Augenhöhlen) und im sogenannten parahippocampalen Gyrus (Teil des
im Schläfenlappen gelegenen limbischen Systems). Auch zeigten sich
Gewebeveränderungen bzw. -schäden in Hirnregionen, die funktionell mit dem
primären Riechkortex verbunden sind, sowie eine stärkere Abnahme der
Gesamthirnmasse. Die zwischenzeitlich SARS-CoV-2-Infizierten wiesen auch
in kognitiven Tests deutlich mehr Verschlechterungen (in der Zeit zwischen
den beiden Scans) auf als Nicht-infizierte. Diese longitudinalen
Gruppenunterschiede (in Bildgebung und Kognition) blieben auch bestehen,
wenn die 15 Teilnehmenden, die wegen COVID-19 hospitalisiert waren, nicht
in die Statistik einbezogen wurden.

Der Pathomechanismus SARS-CoV-2-assoziierter Gehirnveränderungen muss nun
weiter erforscht werden. Die Forschenden diskutieren eine Verbreitung des
Virus über olfaktorisch-neuronale Wege und entzündliche Vorgänge. Auch der
Wegfall des sensorisch-olfaktorischen Inputs aufgrund des Verlustes des
Geruchssinns (Anosmie) könnte indirekt strukturelle Veränderungen
verursacht haben, so die Autorinnen und Autoren der Studie.

„Die Daten der UK Biobank zeigen, dass es für die neurologischen Post-
COVID-Symptome ein morphologisches Korrelat gibt“, kommentiert Prof. Dr.
med. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. „Ob die in der Bildgebung
dokumentierten Veränderungen im Verlauf reversibel sind oder im Sinne
einer Neurodegeneration langfristig persistieren, muss nun im Follow-up
weiter untersucht werden.“

Eine weitere Studie [3] beschreibt ebenfalls COVID-19-assoziierte
funktionelle zerebrale Veränderungen. Hier hatten die über 10.000
Betroffenen allerdings alle eine SARS-CoV-2-Pneumonie mit schwerem
Verlauf. Bei 3% entwickelte sich nach >30 Tagen eine neu auftretende
Demenz. Das Demenzrisiko nach einer SARS-CoV-2-Pneumonie war in dieser
Studie 30% höher (OR 1,3) als bei nicht-COVID-19-assoziierten Pneumonien.
Die Definition einer neu aufgetretenen Demenz erfolgte anhand primärer
Diagnoseschlüssel nach ICD-10-CM (F01.5, F02.8, F03.9, G30, G31, G32).
Betroffene mit dokumentierten präexistenten Demenz-Symptomen oder
kognitiven Defiziten waren ausgeschlossen. Komorbiditäten, die das Risiko
einer Demenz-Entwicklung erhöhen können, wurden in der Multivarianzanalyse
berücksichtigt (z. B. Hypertonie, Drogen-, Nikotin- und Alkoholkonsum,
bestimmte neurologische und psychiatrische Erkrankungen).

„Die Daten zeigen, dass das Virus, wenn auch zum Glück nur in seltenen
Fällen, auch im Langzeitverlauf zu Veränderungen im Gehirn führen kann.
Vor diesem Hintergrund bietet die Impfung nicht nur einen Schutz vor
schweren Akutverläufen der Infektion, sondern auch vor Folgeschäden“, so
das Fazit des Experten.


[1] Douaud G, Lee S, Alfaro-Almagro F et al. SARS-CoV-2 is associated with
changes in brain structure in UK Biobank. Nature 2022 Mar 7. doi:
10.1038/s41586-022-04569-5. Online ahead of print.
[2] https://www.ukbiobank.ac.uk/explore-your-participation/contribute-
further/imaging-study

[3] Qureshi AI, Baskett WI, Huang W et al. New Onset Dementia Among
Survivors of Pneumonia Associated with Severe Acute Respiratory Syndrome
Coronavirus 2 Infection. 2022 Infectious Diseases Society of America.
https://watermark.silverchair.com/ofac115.pdf

Pressekontakt
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o Dr. Bettina Albers, albersconcept, Jakobstraße 38, 99423 Weimar
Tel.: +49 (0)36 43 77 64 23
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
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Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der
gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren fast 11.000 Mitgliedern die
neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu
verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre,
Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der
gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden
gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

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Pflege On-Demand: Mit Telerobotik gegen den Pflegenotstand

Robody beim Puls messen  Devanthro
Robody beim Puls messen Devanthro

Routineaufgaben in der Pflege können im Forschungsprojekt TELESKOOP vom
Telerobotik-Hersteller Devanthro, der Charité Berlin und dem FZI
Forschungszentrum Informatik künftig aus der Ferne erledigt werden.
Mittels intuitiver Virtual Reality-Steuerung steuern die Pfleger*innen
Teleroboter. Dies ermöglicht den stetig steigenden Pflegebedarf besser zu
decken und entlastet die Pflegekräfte im Alltag, ohne dass auf persönliche
Bedürfnisse und das Menschliche verzichtet wird.

Karlsruhe, 18.02.2022 – Wie begegnet man dem fortschreitenden
Pflegenotstand? Zum Beispiel mit menschenähnlichen Telerobotiksystemen –
sogenannten Robodies. So lautet die Antwort des Forschungsprojekts
„Roboter-Helfer in den eigenen vier Wänden – ermöglicht durch Telepräsenz
und kooperative Regelung“ (TELESKOOP) vom Münchner Telerobotik-Start-up
Devanthro - the Robody Company, der Charité Berlin und dem FZI
Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe. Verfolgt wird hierbei jedoch
kein KI-gestützter Ansatz mit autonom agierenden Pflegerobotern,
stattdessen basiert das Forschungsprojekt TELESKOOP auf „Shared
Control“-Methoden. Pflegekräfte übernehmen mittels eines intuitiven, auf
Augmented-Reality-Technologien aufbauenden Interfaces die Kontrolle eines
Robodies, der vor Ort bei den Patient*innen verfügbar ist. So ist die
Pflege auf Abruf verfügbar – ohne Reise- oder Wartezeiten und individuell
auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt. Gleichzeitig soll dadurch
das Pflegepersonal physisch und psychisch im Arbeitsalltag entlastet
werden.

Fernsteuerung mit immersiver VR-Technologie

Die Robodies genannten Pflege-Telerobotiksysteme stammen von Devanthro,
die zugleich die Führung des Projekts übernehmen. Unterstützt wird das
Start-up bei der Entwicklung vom FZI, dass auf langjährige
Forschungserfahrung in den Bereichen Robotik, Medizin und Geriatrie
zurückblicken kann. Der Fokus des Teams um Dr.-Ing. Stefan Schwab am FZI
liegt dabei auf der Entwicklung von neuartigen Methoden der Mensch-
Maschine-Kooperation zur intuitiven Steuerung robotischer Systeme.
Präzision und Sicherheit der äußerst leistungsstarken mechanischen Systeme
stehen dabei an erster Stelle.
„Mit diesem telemedizinischen Ansatz ermöglichen wir nicht nur
Flexibilität, sondern können auch den persönlichen und vertrauensvollen
Austausch zwischen der pflegebedürftigen Person und dem Pflegepersonal
bewahren“, ist Schwab überzeugt und ergänzt, dass dieser Ansatz die
jeweiligen Stärken von Mensch und Maschine optimal kombiniert.

Der Ansatz der Telebetreuung ist grundsätzlich nicht neu. Jedoch wurden
hierfür in der Regel Joysticks und Bildschirme genutzt, was sich aufgrund
der Umständlichkeit der Steuerung nicht am Markt durchsetzen konnte.
Robodies werden hingegen mit etablierter VR-Technologie gesteuert und
ermöglichen so ein immersives Eintauchen in die Pflegesituation vor Ort
und nicht nur eine deutlich höhere Geschicklichkeit in der Steuerung der
Robodies, sondern auch ein besseres Situationsbewusstsein. Dies ermöglicht
die Durchführung von körpernahen Aufgaben mit den leistungsstarken
Robotiksystemen, die vollautomatisierte Systeme aufgrund ihrer Komplexität
und teils mangelnden Feingefühl nicht übernehmen können.

Gemeinsame Weiterentwicklung mit den Patient*innen

Während des Forschungszeitraums kommen die Robodies bei Patient*innen zum
Einsatz, die zu Hause wohnen und ambulant pflegebedürftig sind. Diese
Personen brauchen zum Beispiel Unterstützung bei der Körperpflege, Hygiene
und bei Alltagsaufgaben aufgrund körperlicher oder kognitiver
Einschränkungen. Der Praxiseinsatz dieser körpernahen Aufgaben wird von
der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité Berlin mit überwacht und
unterstützt. Hauptaugenmerk liegt dabei auch in der Erfassung von
Bedürfnissen der Patient*innen und Pflegenden beim Einsatz der Robodies,
die direkt in die weitere Entwicklung einfließen sollen.

Das Forschungsprojekt ist im Oktober 2021 gestartet und wird für die
kommenden drei Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im
Rahmen der Förderung „START-interaktiv“ mit knapp 635.000€ gefördert.
Derzeit werden Interviews mit Betroffenen geführt, um relevante
Anwendungsfälle für die Robodies zu erheben. Auf dieser Basis sollen dann
die konkreten Anforderungen an die Hardware der nächsten Robody-Generation
und die zu entwickelnde Software aufgestellt werden.

Über das FZI Forschungszentrum Informatik

Das FZI Forschungszentrum Informatik mit Hauptsitz in Karlsruhe und
Außenstelle in Berlin ist eine gemeinnützige Einrichtung für Informatik-
Anwendungsforschung und Technologietransfer. Es bringt die neuesten
wissenschaftlichen Erkenntnisse der Informationstechnologie in Unternehmen
und öffentliche Einrichtungen und qualifiziert junge Menschen für eine
akademische und wirtschaftliche Karriere oder den Sprung in die
Selbstständigkeit. Betreut von Professoren verschiedener Fakultäten
entwickeln die Forschungsgruppen am FZI interdisziplinär für ihre
Auftraggeber Konzepte, Software-, Hardware- und Systemlösungen und setzen
die gefundenen Lösungen prototypisch um. Mit dem FZI House of Living Labs
steht eine einzigartige Forschungsumgebung für die Anwendungsforschung
bereit. Das FZI ist Innovationspartner des Karlsruher Instituts für
Technologie (KIT).

Über die Devanthro GmbH

Devanthro ist ein Pionier der vom Menschen inspirierten Robotik und eines
der wenigen deutschen Robotik-Unternehmen mit Fokus auf Pflege zu Hause.
Seit der Gründung im Jahr 2018 hat Devanthro mehrere Generationen von bio-
inspirierten Robotern entwickelt, darunter die Humanoiden Roboy 2.0 und
Roboy 3.0. Diese werden heute in weltbekannten wissenschaftlichen
Einrichtungen wie der University of Oxford zur Forschung in den Bereichen
Robotik, Neurowissenschaften und Biomedizintechnik eingesetzt.

Seit 2020 entwickelt Devanthro an einer Revolution der Robotik: Nicht
autonome Roboter, sondern Teleroboter. Diese “Robodies” sind robotische
Körper, die von überall auf der Welt ferngesteuert werden können. Durch
den Einsatz von VR-Technologie ist das so intuitiv, dass es selbst Laien
im Handumdrehen lernen.

Devanthros Vision ist es, mit den Robodies älteren Menschen eine
zugängliche und menschliche Pflege, die rund um die Uhr abrufbar ist, zu
ermöglichen. Anstatt von Sorgen um die Gesundheit, komplizierten Abläufen,
Einsamkeit und Langeweile geprägten Tagen, ermöglicht Devanthro so einen
aktiven Tagesablauf, in den Angehörige und Pflegekräfte unkompliziert
eingebunden werden können. Da die Robodies zudem im Notfall automatisch
rund um die Uhr verfügbar sind, haben Angehörige und ihre Liebsten die
Sicherheit, dass jederzeit jemand da ist, um das Alter mit Gelassenheit zu
erleben.

Über die Forschungsgruppe Geriatrie der Charité - Universitätsmedizin
Berlin

Die interdisziplinär zusammengesetzte Forschungsgruppe Geriatrie der
Charité - Universitätsmedizin Berlin CFGG) forscht seit 1990 zu
unterschiedlichsten Themen assistiver Technologien in der
Gesundheitsversorgung zur Unterstützung von geriatrischen Patienten und
medizinischem Personal. Ziel ist hierbei die Entwicklung innovativer
Technologien für die Schaffung integrierter und intelligenter Lebenswelten
zur Erhaltung von Gesundheit und Selbstbestimmtheit im Prozess des
Alterns. Die Schwerpunkte der CFGG liegen in der Anforderungserhebungen
und Nutzerintegration im Sinne der allgemeinen Usability-Forschung unter
Berücksichtigung des User-Centered Designs nach DIN EN ISO 9241-210 sowie
in der Durchführung (klinischer) Studien. Zudem werden durch die CFGG
Fragestellungen bezüglich ethischer, rechtlicher und sozialer
Implikationen (ELSI) adressiert. In zwei bereits abgeschlossenen Robotik-
Projekten hat die CFGG erfolgreich mit dem FZI zusammengearbeitet.

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Forschung mit der Generation 65 plus: gemeinsam gesünder

Zum Abschluss des Projekts GUSTO erklären Felix Zastrow und Prof. Dr. Holger Hassel, was sie über die Gesundheits- und Ernährungskompetenz von Seniorinnen und Senioren herausgefunden haben.  Natalie Schalk  Hochschule Coburg
Zum Abschluss des Projekts GUSTO erklären Felix Zastrow und Prof. Dr. Holger Hassel, was sie über die Gesundheits- und Ernährungskompetenz von Seniorinnen und Senioren herausgefunden haben. Natalie Schalk Hochschule Coburg

Wie einfach ist es für Seniorinnen und Senioren etwas für die eigene
Gesundheit und Ernährung zu tun? Und wie können sie unterstützt werden?
Das war Thema des Forschungsprojekts GUSTO der Hochschule Coburg. Prof.
Dr. Holger Hassel und der wissenschaftliche Mitarbeiter Felix Zastrow
sprechen im Interview über Ergebnisse eines Gruppenprogramms, das sich mit
der Coronakrise immer wieder verändert hat. Jetzt endet das Projekt.
GUSTO-Gruppen wird es weiterhin geben.

GUSTO steht für „Gemeinsam gesund älter werden mit Genuss“. Worum geht es?
Zastrow: Die Förderung der Gesundheits- und Ernährungskompetenz von
Menschen ab 65 Jahren. Im Januar 2020 ist das Gruppenprogramm mit 130
Teilnehmenden bayernweit in zehn Einrichtungen gestartet. Beispielsweise
Mehrgenerationenhäuser und Begegnungsstätten. Dort trafen sich
Senior:innengruppen und bearbeiteten selbstständig Ernährungsthemen. In
den ersten Gruppentreffen standen Themen wie Öle und Fisch oder
Zubereitungstechniken und Energiedichte auf dem Programm. In der zweiten
Phase setzten die Gruppen selbstständig Ernährungsprojekte um.
Hassel: Das Besondere für mich war der soziale Austausch in Gruppen, das
gemeinsame Ausprobieren und dass die Gruppen fast ganz ohne Expert:innen
zurechtgekommen sind. Im Gruppenprogramm kamen die gemeinsamen Projekte
wie beispielsweise Gewürze und Kräuter in der Region gut an. Für alle war
die größte Herausforderung bei selbstständigen Recherchen insbesondere im
Internet die richtigen Informationen zu finden.

GUSTO musste wegen Corona zeitweise digital überbrücken – bringt der
Digitalisierungsschub, von dem so oft die Rede ist, älteren Menschen im
ländlichen Raum neue Möglichkeiten, an solchen Formaten teilzunehmen?
Hassel: Das hört sich schön an. Aber so einfach ist es leider nicht. Die
Menschen müssen sich erst einmal in das Thema hineinfinden. Auf der einen
Seite gibt es die 86-Jährige, die mit ihrer Tochter in Sidney regelmäßig
Videokonferenzen durchführt. Auf der anderen Seite trauen sich manche gar
nicht, den Computer einzuschalten. Aber wie leitet man jemanden an, dem
man im Lockdown nicht in die Augen schauen kann? Wir waren sehr froh, dass
das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege auch unser
Überbrückungsprogramm gefördert hat und wir haben dabei alles genutzt, um
die Teilnehmenden nicht zu verlieren: von der Postkarte über Telefonketten
bis zur WhatsApp-Gruppe. Aber so etwas darf nicht wie Kaugummi in die
Länge gezogen werden. Am Ende haben vier Gruppen das Projekt
abgeschlossen.

Was konnten Sie unter diesen Bedingungen herausfinden?
Zastrow: Wir haben zwei Fragebogenerhebungen durchgeführt. Die
Gesundheitskompetenz hat sich im Lauf des Gruppenprogramms verbessert.
Dabei geht es einfach gesagt darum, wie schwer oder leicht es jemandem
fällt, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und
im Alltag anzuwenden. Die Ernährungskompetenz blieb fast gleich.
Allerdings ist es möglich, dass die Teilnehmenden sich am Anfang besser
eingeschätzt haben, im Verlauf des Programms kritischer wurden und
festgestellt haben, dass noch Nachholbedarf besteht.
Hassel: Gerade bei der Ernährung spielen praktische Fähigkeiten eine große
Rolle; es ist schwierig, die Kompetenz hier objektiv zu messen. Wir haben
internationale Forschungsprojekte einbezogen und vor allem auf einem
Fragebogen holländischer Kolleginnen und Kollegen aufgebaut. Die
Messherausforderungen werden aktuell viel diskutiert und in den nächsten
Jahren wird sich da gewiss noch einiges bewegen. Das ist auch dringend
nötig: Nach dem Ernährungsbericht der Bundesregierung haben die Älteren
gleich mehrere Herausforderungen. Ein großes Problem ist, dass immer mehr
dieser Personengruppe übergewichtig werden.

Ist das nicht ein gesamtgesellschaftliches Thema?
Hassel: Bei den Älteren ist es besonders deutlich ausgeprägt. Auch die
Hochbetagten, die früher zunehmend unterernährt waren, kämpfen heute eher
mit Übergewicht. Bei GUSTO versuchen wir zu erreichen, dass sich
Teilnehmende aktiv mit einer ausgewogenen Ernährung auseinandersetzen und
gemeinsam Neues ausprobieren.

Was bleibt von GUSTO?
Hassel: Der Wissenstransfer. Zum einen gibt es mit www.gusto-jetzt-
geniesse-ich.de eine schöne, informative Homepage. Zum anderen haben
Teilnehmerinnen, Teilnehmer und Einrichtungen ein Interesse daran, die
Gruppen weiterzuführen. Die Hochschule Coburg unterstützt die
Erwachsenenbildung, indem zum Beispiel die erprobten Modulhandbücher und
Schulungskonzepte für Gruppenleitungen von weiteren sozialen Einrichtungen
selbstständig genutzt werden können.

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Rheuma: Sicher durch die Schwangerschaft dank Medikamentenmanagement

Medikamente können Frauen mit Gelenkrheuma auch während einer
Schwangerschaft vor einem Krankheitsschub schützen. Dies zeigen die
Ergebnisse einer aktuellen Studie aus den Niederlanden. Bei einigen Frauen
ist jedoch ein Medikamentenwechsel erforderlich, um die Gesundheit des
werdenden Kindes nicht zu gefährden. Die Deutsche Gesellschaft für
Rheumatologie e.V. (DGRh) rät deshalb Rheumapatientinnen mit Kinderwunsch,
sich frühzeitig mit einem Facharzt zu beraten.

Rheumatische Erkrankungen können bereits im jungen Alter auftreten. Das
gilt auch für die rheumatoide Arthritis, die manchmal schon im Jugendalter
beginnt. Da die Erkrankung nicht ausheilt und nur eine dauerhafte Therapie
bleibende Schäden an den Gelenken verhindern kann, stehen Frauen bei einem
Kinderwunsch vor einem Dilemma: Müssen die Medikamente abgesetzt werden
und kann dies einen Krankheitsschub auslösen?

„Wir raten den Patientinnen heute, die Behandlung fortzusetzen“, sagt
DGRh-Präsident Professor Dr. med. Andreas Krause, Chefarzt am Immanuel
Krankenhaus Berlin, und nennt dafür zwei Gründe. Zum einen erhöht die
Behandlung die Chance, dass es überhaupt zur Schwangerschaft kommt. „Die
Erfahrungen zeigen, dass eine hohe Krankheitsaktivität die Fruchtbarkeit
herabsetzen kann“, erklärt Professor Krause: „Und im Fall einer
Schwangerschaft steigt das Risiko, dass das Kind bei der Geburt zu klein
ist.“ Hinzu kommt, dass die Krankheit unbehandelt in den neun Monaten der
Schwangerschaft und der anschließenden Stillzeit fortschreiten kann und
Schäden verursacht, die nicht mehr umkehrbar sind.

Allerdings sind nicht alle Rheuma-Medikamente in der Schwangerschaft für
das Kind sicher. „Das häufig eingesetzte Methotrexat sollte ein bis drei
Monate vor der Schwangerschaft abgesetzt werden“, sagt Professor Christof
Specker, Chefarzt der Rheumatologie am Evangelischen Klinikum Essen-Werden
und stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises „Schwangerschaft“ der
DGRh. „Auch Cyclophosphamid sollte wegen der Gefahr von Fruchtschäden
nicht eingesetzt werden. Andere Mittel wie Leflunomid werden
vorsichtshalber abgesetzt, weil wir nicht wissen, ob das Kind geschädigt
werden könnte.“

Bei den immer häufiger eingesetzten Medikamenten aus der Gruppe der TNF-
Blocker haben sich die Bedenken gelegt. Eine Expertengruppe der European
League against Rheumatism (EULAR) hat sich bereits 2016 für eine
Fortsetzung der Behandlung in der Schwangerschaft ausgesprochen. Den TNF-
Blocker Certolizumab hat inzwischen die Europäische Arzneimittel-Agentur
für eine Anwendung in der Schwangerschaft zugelassen.

Eine Studie aus den Niederlanden zeigt jetzt, dass die Behandlung in der
Schwangerschaft die Krankheitsaktivität gut kontrollieren kann. Ein Team
um Hieronymus Smeele von der Erasmus-Universität in Rotterdam betreute 308
Frauen während der Schwangerschaft, von denen 184 Medikamente einnahmen.
„Die Behandlung war nicht einfach, da bei einigen Schwangeren die
Medikamente gewechselt werden mussten“, erklärt Professor Krause: „Ein
Medikationswechsel ist bei Rheumapatienten immer schwierig, da es
zwischenzeitig zu einem Schub kommen kann.“

In der Studie konnte dies jedoch meist vermieden werden. „Der Anteil der
Frauen, bei denen eine niedrige Krankheitsaktivität erreicht wurde, stieg
während der Schwangerschaft sogar von 75,4 auf 90,4 Prozent an“, berichtet
Professor Krause. Das seien sehr gute Ergebnisse, da in einer früheren
Studie weniger als die Hälfte der Rheumapatientinnen problemlos durch die
Schwangerschaft kam. Auch die Kinder wurden gesund geboren. Die Ergebnisse
zeigen für den Experten, dass Frauen mit einer rheumatoiden Arthritis sich
ihren Kinderwunsch erfüllen können, ohne Nachteile für die Gesundheit von
Mutter und Kind befürchten zu müssen. Professor Krause betont: „Weil die
Behandlung komplex ist, sollte sich jede Rheuma-Patientin frühzeitig an
einen Facharzt wenden und möglichst vor der Schwangerschaft gemeinsam
einen Fahrplan entwickeln.“

Bei Abdruck Beleg erbeten.

Literatur:
Hieronymus Tw Smeele et al. Modern treatment approach results in low
disease activity in 90% of pregnant rheumatoid arthritis patients: the
PreCARA study. Annals of the Rheumatic Diseas-es 2021; 80: 859-864
<https://ard.bmj.com/content/80/7/859.long>

Carina Götestam Skorpen et al. The EULAR points to consider for use of
antirheumatic drugs before pregnancy, and during pregnancy and lactation.
Annals of the Rheumatic Diseases 2016; 75: 795-810
<https://ard.bmj.com/content/75/5/795>

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