Risk-Pooling macht Krankenhäuser robuster
Corona fordert Krankenhäuser auch ökonomisch heraus: Prof. Dr. Gerald
Oeser von der FH Bielefeld hat in Kooperation mit der Universität Udine
aus Italien anhand von 223 Hospitälern erforscht, wie die Häuser ihre
Versorgung und ihre Wirtschaftlichkeit verbessern können, indem sie eine
Methode aus der betriebswirtschaftlichen Logistik anwenden.
Krankenhäuser stehen vor besonderen Herausforderungen: Hohe Nachfrage, wie
aktuell nach bestimmten Medikamenten und Schutzausrüstungen, und Supply-
Chain-Störungen können Lieferschwierigkeiten verursachen. Außerdem ist
unsicher, wann wie viele Patientinnen oder Patienten mit welchen
Krankheiten und Symptomen eingeliefert werden – besonders in Zeiten der
Pandemie. Professor Dr. Gerald Oeser von der Fachhochschule (FH) Bielefeld
erforscht deshalb, ob und wie das sogenannte „Risk-Pooling“ dazu beitragen
kann, Lieferengpässe und Überlastungen zum Beispiel von Intensivstationen
zu vermeiden. Noch wird das Verfahren vorwiegend in Industrie- und
Handelsunternehmen angewendet.
Liefer- und Kapazitätsengpässe haben erhebliche Auswirkungen auf die
Versorgungsqualität der einzelnen Krankenhäuser. Darüber hinaus
verschärfen sie die ohnehin angespannte finanzielle Lage vieler Häuser.
„Untersuchungen zeigen, dass heute fast jedes achte Krankenhaus von
Insolvenz bedroht ist“, sagt Oeser. Der Wissenschaftler lehrt allgemeine
Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Produktions- und
Logistikmanagement am Fachbereich Wirtschaft der FH Bielefeld. Liefer- und
Nachfrageunsicherheit existierte auch schon vor Corona in Krankenhäusern.
Sie hat sich aber zuletzt aufgrund der Pandemie noch einmal zugespitzt.
„Zum einen gibt es jetzt eine hohe Nachfrage nach ganz bestimmten
Produkten wie Schutzmasken zum Beispiel“, so Oeser. „Zum anderen sind
Arzneimittelhersteller, die Krankenhäuser beliefern, vielfach von Importen
aus Indien und China abhängig, und diese Lieferketten waren durch die
Pandemie erheblich gestört.“ Die Krankenhäuser stehen also nicht nur vor
der Frage, wie sie weiterhin eine gute Versorgung sicherstellen können,
sondern auch, wie sie weiterhin wirtschaftlich sein können, wenn Kosten
steigen und Einnahmen aufgrund von Nachfrageänderungen und
Kapazitätsreservierungen für Corona-Patienten und Patientinnen sinken.
Unterversorgung von Patientinnen und Patienten vermeiden
Eine Möglichkeit, sowohl die Versorgungsqualität zu sichern und Kosten zu
senken, ist das sogenannte Risk-Pooling. Unter Risk-Pooling versteht man
in der Logistik die zumeist IT-gestützte Bündelung individueller
Nachfrage- und Lieferzeitschwankungen, wodurch Kosten in Unternehmen bei
gleichbleibendem Servicegrad gesenkt werden können. Für Krankenhäuser
besitzt Risk-Pooling automatisch auch eine ethische Dimension: „Bei
Wirtschaftsunternehmen führt ein zu geringer Bestand zu Umsatzverlusten.
In Krankenhäusern kann dadurch eine Unterversorgung der Patientinnen und
Patienten entstehen“, erläutert Oeser. Mit gravierenden Risiken, wie der
Blick in Länder zeigt, in denen Beatmungsgeräte knapp waren.
Im Risk-Pooling gibt es verschiedene Möglichkeiten, Schwankungen
auszugleichen – begonnen bei der Beschaffung über die Lagerung bis zur
Verteilung. Ein Zentrallager oder virtuelle Einsicht in verschiedene
Lagerbestände kann Nachfrageschwankungen an verschiedenen Standorten
ausgleichen, da diese gebündelt werden. „Das Prinzip kennt man aus dem
Einzelhandel, wenn verschiedene Filialen über ein einheitliches System auf
den gesamten Bestand zugreifen können und beispielsweise das Paar Schuhe
in der gewünschten Größe einfach direkt aus einer Nachbarfiliale bestellt
wird“, so Oeser.
In geringem Maße findet Risk-Pooling bereits in Krankenhäusern Anwendung,
beispielsweise beim Zugriff auf Blutkonserven oder – ganz aktuell, wenn
Krankenhäuser mit geringerer Auslastung Patientinnen und Patienten aus
Corona-Hotspots aufnehmen. Oft wird dabei allerdings der
variabilitätsmindernde Vorteil des Risk-Poolings vernachlässigt. Weitere
Methoden, die zum Risk-Pooling gehören, beinhalten die Bündelung von
Bestellungen oder die Standardisierung von Produkten, Materialien und
Geräten, um Nachfrageschwankungen ausgleichen zu können. Die Aufteilung
einer Bestellung auf mehrere Lieferanten oder Lieferungen kann auf der
anderen Seite Lieferzeitschwankungen reduzieren.
Umfrage unter 223 Krankenhäusern zeigt, dass Risk-Pooling
Wirtschaftlichkeit verbessern kann
Basierend auf einer Befragung von 223 deutschen Krankenhäusern untersuchte
Prof. Oeser zuletzt gemeinsam mit Prof. Pietro Romano von der Universität
Udine in Italien, wie zehn von ihm definierte Risk-Pooling-Methoden im
Gesundheitswesen angewendet werden können. Die teilnehmenden Krankenhäuser
wurden dabei gefragt, welche Methoden in ihren Krankenhäusern derzeit
angewendet werden bzw. angewendet werden könnten und welche
Herausforderungen sie bei der Anwendung dieser Methoden im Arbeitsalltag
sehen.
„Unsere Forschung ist die erste, die empirisch zeigt, dass die Anwendung
von Risk-Pooling positiv mit der wirtschaftlichen Leistung von
Krankenhäusern korreliert, ohne sich dabei negativ auf die Versorgung von
Patientinnen und Patienten auszuwirken“, so Oeser. „Die Ergebnisse deuten
darauf hin, dass Risk-Pooling die wirtschaftliche Situation von
Krankenhäusern verbessern kann und die Bündelung von Lagerbeständen,
Querlieferungen und Substitution von Medikamenten und Konsumgütern
besonders effektiv sind. Eine aufgeschobene Variantenbildung erscheint im
Gesundheitswesen jedoch ungeeignet aufgrund des Aufwands, eventueller
Verzögerungen bei der Behandlung und Haftungsfragen.“ Die Ergebnisse der
Umfrage wurden kürzlich in der Fachzeitschrift „Operations Management
Research“ veröffentlicht.
Das Forschungsprojekt von Prof. Dr. Oeser wurde von der Initiative
„Innovationen gegen die Corona-Krise“ zentral von der FH Bielefeld
gefördert. Als Reaktion auf die anhaltende Covid-19-Pandemie hatte die
Hochschule diese interne Förderung bereits im Frühjahr ausgeschrieben.
Insgesamt werden 13 Projekte gefördert.
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