ZIO VANJA_Massimiliano Speziani, Mario Pirrello_Foto Gianluca Pantaleo
Produktion und Besetzung: Regie Leonardo Lidi Darsteller*innen Giordano Agrusta Maurizio Cardillo Ilaria Falini Angela Malfitano Francesca Mazza Mario Pirrello Tino Rossi Massimiliano Speziani Giuliana Vigogna Szenenbild und Licht Nicolas Bovey Kostüme Aurora Damanti Ton Franco Visioli Regieassistenz Alba Porto Produktion Teatro Stabile dell’Umbria Eine Koproduktion mit Teatro Stabile di Torino – Teatro Nazionale, Spoleto Festival dei Due Mondi
Leonardo Lidi inszenierte am Wochenende am LAC den Klassiker ,Onkel Vanja’. In diesem Meisterwerk konfrontiert Tschechow jeden einzelnen Zuschauer mit sich selbst, indem er Alltagsleben, Gefühle, Sorgen, Enttäuschungen und Träume seiner Figuren deutlich nah zeigt. Wir erleben aber in diesem Stück nicht nur Traurigkeit, Bitterkeit und Melancholie, sondern auch einige glückliche und komische Momente.
Ein Stück der Innerlichkeit
Anton Tschechow
Iwan Petrowitsch Wojnickij (Onkel Wanja) begreift plötzlich, dass er ein Leben lang gearbeitet hat, um das Gut der verstorbenen Schwester zu verwalten, und dazu auch noch um die Karriere seines egoistischen, talentlosen Schwagers zu finanzieren. Er fühlt sich um sein Leben betrogen, ist neurotisch geworden, trinkt viel, schwatzt viel und, wie fast alle auf dem Serebrjakows Gut, tut nichts …….. Ja, es gibt praktisch keine Action in ‚Onkel Wanja’; wie in vielen seiner anderen Stücken portraitiert der russische Weltdramatiker die Ohnmacht einer Gesellschaft. Eine Gesellschaft voller Sehnsucht, die sich im Alltag langweilt, die pausenlos träumt, jammert und redet; die leider nur Gedanken repetitiv formuliert und analysiert, die bereut, wartet und wartet. Somit erzählt Tschechow hier im Grunde vom Ende einer Epoche im 19. Jahrhundert.
Tschechows Tragikomödie in vier Akten hat Leonardo Lidi zu einer etwas mehr als anderthalbstündigen pausenlosen Inszenierung konzentriert. Eine nicht schlechte Wahl vom Regisseur, weil man in diesem ‘Onkel Wanja’ nicht nur Tschechow, sondern auch alle Nuancen der typischen Atmosphäre seiner Meisterwerke mühelos erleben und verstehen kann. Auch Rhythmus und Tempo hat Lidi richtig gewählt: fast alle sentimentalen Effekte wurden gelindert, das Wesentliche wird ja bei Tschechow mit dem sehr eloquenten Text ausgedrückt. Es gab bis zum Schlussbild, dem grossartigen Höhepunkt des Abends, keine Längen.
Nicolas Boveys minimalistisches Bühnenbild bestand aus einer Trennwand und einer Bank aus Birkenholz, und auch dank dieser Einfachkeit konnte man sich wirklich auf den grossartigen Text konzentrieren, und das Nichtstun aller Figuren noch deutlicher spüren. Dazu setzte der Regisseur lange, mal mit Geräuschen, mal mit melancholischer Musik kommentierte Pausen. Interessant aber auch einfach das Light Design (ebenfalls von Nicolas Bovey); ländlich-modern aber adequat die Kostüme von Aurora Damanti.
Der Regisseur konnte auf ein grandios und nie manieriert spielendes Ensemble zählen, das imstande war, alle Nuancen und die Tiefe des komplexen Textes, sowie die Fragilität, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung der Figuren hervorzuheben. Schauspielerisch war besonders Massimiliano Speziani in der Titelrolle differenziert, eine wahrhaftige Seelenstudie. Ebenfalls gut Giuliana Vigogna als seine Nichte, die Halbwaise Sonja, und Mario Pirrello als zynischer Dr. Astrow, Vegetarier, Freund und Fan der Natur. Die erste – seit Jahren hoffnungslos in den zweiten verliebt – ist vielleicht auch die glühendste Figur des Stücks. Perfekt Ilaria Falini als Jelena, die junge, schöne, aber nicht weniger depressive und unglückliche Frau des Professors, in die alle, auch Wanja, verliebt sind. Den Professor, Onkel Wanjas Schwager, den alle – ausser Wanja – lieben und verehren, spielt Maurizio Cardillo als hypochondrischen, alten, jammernden Mann. Sehr gut auch Francesca Mazza als Marina, die alte Njanja, sowie Giordano Agrusta (Telegin) und Tino Rossi (Wächter).
Tschechows Stücke bieten wie gesagt wenig Handlung. Es geht da eher um die inneren Vorgänge und um die Sehnsucht der Figuren. Und doch faszinierte Leonardo Lidis bittere, melancholische und poetische, aber ebenfalls heitere, zeitgemässe Inszenierung die eigentlich nicht zu zahlreichen Zuschauer am LAC. Die grosse Herausforderung war, mit einem vielversprechenden aber nicht leichten Stoff eine publikumsfreundliche Umsetzung, und damit einen schönen, überzeugenden, lohnenden Theaterabend zu bieten.
Luzerner Sinfonieorchester aktuelles Portraitfoto, Foto Vera Hartmann
Martin Helmchen Foto Giorgia Bertazzi
Mozart und Mahler Konzertfoto von Fleur Fuchs
Besetzung und Programm Dirigent Michael Sanderling Klavier Martin Helmchen Sopran Chen Reiss W. A.Mozart (1756 ‒ 1791) Konzertarie «Ch’io mi scordi di te? ‒ Non temer, amato bene» KV 505 Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 d-Moll KV 466 Gustav Mahler (1860 ‒ 1911) Sinfonie Nr. 4 G-Dur
Die, 1979 in Israel geborene Sopranistin Chen Reiss in eleganter mit goldenen Pailletten bestickter Abendrobe und der gebürtige Berliner Martin Helmchen (*1982), Markenzeichen die immer ausgeprägtere Wuschelkopffrisur, gesellten sich zu Orchester und Dirigent und das Konzert, im quasi vollbesetzten Konzertsaal, konnte beginnen.
Meisterhafte Interpretation: Chen Reiss und das Luzerner Sinfonieorchester in Mozarts Konzertarie KV 505
Chefdirigent Michael Sanderling
Die musikalische Fusion zwischen der herausragenden Sopranistin Chen Reiss und dem klanggewaltigen Luzerner Sinfonieorchester versprach ein unvergessliches Erlebnis. In Mozarts Konzertarie “Ch’io mi scordi di te? ‒ Non temer, amato bene” KV 505 entfaltet sich ein faszinierendes Wechselspiel zwischen der kraftvollen Stimme der Solistin und den nuancenreichen Klängen des Orchesters.
Einführung in die Harmonie der Klänge
Sopranistin Chen Reiss Foto Paul Marc Mitchell
Das Luzerner Sinfonieorchester unterstreicht von Anfang an die erhabene Atmosphäre der Komposition. Die eröffnenden Streicher setzen den Rahmen für die glanzvolle Erscheining von Chen Reiss, die mit ihrer Präsenz das Publikum sofort in ihren Bann zieht. Der Dirigent lenkt geschickt die Dynamik, um die perfekte Balance zwischen Orchester und Solistin zu gewährleisten.
Chen Reiss’ Virtuosität: Ein Hauch von Genialität
Chen Reiss betrat die Bühne mit einer Ausstrahlung, die das Auditorium erfüllt. Ihr Sopran erklingt mit einer Klarheit, die die feinen Nuancen von Mozarts Komposition offenbart. Jeder Ton ist durchdacht und setzt die Emotionen der Arie präzise in Schwingung. Die Sängerin navigiert mühelos durch die herausfordernden Passagen und verleiht der Arie eine persönliche Note.
Die Magie der Zusammenarbeit: Sopran und Orchester verschmelzen
Sopranistin Chen Reiss, Pianist Martin Helmchen und das Luzerner Sinfonieorchester Fotp Philipp Schmidli
In den gemeinsamen Momenten von Chen Reiss und dem Luzerner Sinfonieorchester entsteht eine harmonische Einheit. Die präzise Abstimmung zwischen Stimme und Instrumenten zeugt von einem tiefen Verständnis für die musikalische Vision des Werks. Das Orchester schafft einen beeindruckenden Rahmen, der die Sopranstimme von Chen Reiss perfekt umrahmt.
Dynamische Palette: Von zart bis kraftvoll
Die Arie selbst bietet Raum für eine breite dynamische Palette, die von zarten, lyrischen Passagen bis zu kraftvollen, dramatischen Höhepunkten reicht. Chen Reiss beherrscht diese Spannung meisterhaft und verleiht der Arie eine emotionale Tiefe, die das Publikum in ihren Bann zieht. Das Orchester unterstützt diese Dynamik, indem es geschickt zwischen den unterschiedlichen Stimmungen wechselt und die Intensität der Aufführung steigert.
Klangliche Raffinesse: Das Luzerner Sinfonieorchester in Höchstform
Das Luzerner Sinfonieorchester zeigt in dieser Aufführung eine beeindruckende klangliche Raffinesse. Die Streicher erzeugen subtile Klangfarben, während die Holzbläser und Blechbläser mit präzisen Artikulationen und warmen Klängen brillieren. Die orchestralen Zwischenspiele sind nicht nur Begleitung, sondern erweitern die musikalische Erzählung und tragen zur Gesamtwirkung der Aufführung bei.
Chen Reiss’ Bühnenpräsenz: Charismatisch und Einfühlsam
Die Bühnenpräsenz von Chen Reiss ist charismatisch und einfühlsam zugleich. Sie versteht es, das Publikum mit ihrer Ausdruckskraft zu fesseln und gleichzeitig in die emotionale Welt der Arie einzuführen. Jede Geste, jeder Blick scheint genau auf die musikalische Erzählung abgestimmt zu sein und trägt zur Intensität des Moments bei.
Fazit: Ein Konzerthighlight voller Brillanz und Emotion
In der Aufführung von Mozarts Konzertarie KV 505 durch Chen Reiss und das Luzerner Sinfonieorchester verschmelzen virtuose Gesangskunst und orchestrale Pracht zu einem beeindruckenden Konzerthighlight. Die subtile Abstimmung, die klangliche Brillanz und die emotionale Tiefe machen diese Interpretation zu einem unvergesslichen Erlebnis für Liebhaber klassischer Musik. Eine Hommage an Mozarts Meisterschaft und ein eindrucksvoller Beweis für die herausragende Qualität des Luzerner Sinfonieorchesters unter der Leitung ihres Chefdirigenten, die das Publikum mit einem langanhaltenden Applaus belohnte.
Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 d-Moll KV 466
Solist am Klavier Martin Helmchen
Über zweieinhalb Minuten vergehen, bis der Solist, Martin Helmchen, erstmals in das Geschehen eingreift. Die klassische Struktur des Werks und der Dialog zwischen Orchester und Solist würden bereits genügen, um Zufriedenheit zu schaffen. Doch Helmchen geht einen entscheidenden Schritt weiter. Er begeistert mit Tonkaskaden, mit abrupten Rhythmuswechseln, mit einer Klangfülle, die von einem Moment zum andern ins Nichts abfällt, um von einem andern Standort aus neu zu beginnen.
Helmchens Interpretation: Zwischenbrodelnde Kräfte in Mozarts Klavierkonzert
Helmchen entdeckt die “brodelnden Kräfte hinter der äußeren Heiterkeit und Beschwingtheit”, besonders in den in Moll komponierten Werken wie dem d-Moll-Klavierkonzert KV 466. Die düstere Schattenwelt hinter der äußeren Leichtigkeit in Mozarts Moll-Kompositionen findet ihre Gegenseite im strahlenden Licht seiner Dur-Werke.
Zwischen Eleganz und Dramatik: Helmchens interpretatorische Meisterschaft
Dirigent Michael Sanderling
Helmchens interpretatorische Meisterschaft manifestierte sich in der gekonnten Balance zwischen Eleganz und Dramatik. Insbesondere im zweiten Satz, dem Romanze, schuf er mit seinem einfühlsamen Spiel eine intime Atmosphäre. Die lyrischen Phrasen flossen geschmeidig, während Helmchen gleichzeitig die emotionale Tiefe dieser Musik auslotete. Im Kontrast dazu brachte er im dritten Satz, dem rasanten Rondo, eine mitreißende Energie und Virtuosität zum Ausdruck, die das Publikum regelrecht in Begeisterung versetzte.
Magische Momente und musikalische Dialoge: Helmchen und das Orchester im Zusammenspiel
Die Magie dieser Aufführung offenbarte sich besonders in den Momenten des musikalischen Dialogs zwischen Helmchen und dem Orchester. Das luzide Zusammenspiel, die aufmerksame Kommunikation und die scheinbar mühelose Symbiose ließen die Musik atmen und schufen Momente von erhabener Schönheit. Die subtilen Wechselwirkungen zwischen Solist und Orchester enthüllten die Tiefe von Mozarts Komposition auf eine Weise, die selbst für erfahrene Hörer neu und faszinierend war.
Fazit: Eine klangliche Reise durch Mozarts Meisterwerk
Solist am Piano Martin Helmchen
In dieser beeindruckenden Aufführung durch Martin Helmchen und das Luzerner Sinfonieorchester unter Michael Sanderling verschmolzen Virtuosität und musikalisches Genie zu einer unvergesslichen klanglichen Reise. Die Eleganz von Helmchens Spiel, die kraftvolle Präsenz des Orchesters und Sanderlings souveräne Leitung schufen ein Konzerterlebnis, das die zeitlose Schönheit von Mozarts Meisterwerk in all ihrer Pracht entfaltete.
Die nicht enden wollenden Applauskaskaden des Auditoriums belohnte der Solist schlussendlich mit Robert Schumanns «Vogel als Prophet» als Zugabe.
Kraftvolle Inszenierung unter Michael Sanderling: Mahlers Monumentalwerk, die Sinfonie Nr. 4 G-Dur, in neuer Perspektive
Dirigent Michael Sanderling verstand es geschickt, die Spannung aufzubauen und die Dramatik in Mahlers Komposition genüsslich auszuloten. Souverän und präzise führte er seine Mitmusiker durch das Werk, setzte vermehrt auf Gestik und Körpereinsatz beim Dirigat. Erstaunlicherweise stiess das Monumentalwerk in seiner Urfassung bei Publikum und Kritikern auf Ablehnung. Selbst überarbeitete Fassungen hatten einige Jahre später keinen leichten Stand. Die Sinfonie, ursprünglich von Mahler als “Titan” betitelt, gilt heute als Meilenstein der Musikgeschichte. Ihr Weg dorthin war jedoch von Ablehnung und Herausforderungen geprägt, und auch heute noch wirkt sie mit ihren Brüchen und ihrer Doppelbödigkeit aufwühlend verwirrend.
Die eindrückliche Demonstration des Luzerner Renommierorchesters
Michael Sanderling Chefdirigent
Die Aufführung durch das Residenzorchester des KKL Luzern machte deutlich, warum diese Sinfonie ihren Platz in der Musikgeschichte zu Recht verdient. Alle Sinfonien Mahlers werden als “Finalsinfonien” betrachtet, wie bereits der einflussreiche Musikkritiker Paul Bekker im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts feststellte. Trotzdem klingt der schliessende D-Dur-Jubel im Kontext der tragischen Geschichte, die Mahler rein musikalisch erzählt, nicht erlösend, sondern fast schmerzlich. Der Philosoph Theodor W. Adorno drückte es treffend aus: Mahler war ein schlechter Jasager.
Mahlers Monument im modernen Kontext
Michael Sanderling Dirigent
Die eindrückliche Inszenierung unter Michael Sanderling brachte Mahlers Monumentalwerk, bei dem man nie weiss, wird Mahler jetzt aufbrausend oder sentimental, in eine neue Perspektive. Durch geschicktes Dirigat und eine präzise Führung entfalteten sich die Facetten dieser Sinfonie vor dem Publikum. Die Luzerner Sinfoniker vereinten sich zu einem kraftvollen Klangkörper, der die Herausforderungen des Werks bestens bewältigte. Die Ambivalenz zwischen Jubel und Tragik wurde dabei auf eine Weise hervorgehoben, die das zeitlose und emotionale Erleben dieser Sinfonie unterstrich.
Ein schmerzlich-erlösender Schluss: Mahlers musikalisches Statement
Sopranistin Chen Reiss Foto ab ihrer Homepage
Die Schlussklänge in D-Dur, die im Verbund mit der tragischen Erzählung stehen, vermittelten keine Erlösung, sondern vielmehr eine schmerzhafte Empfindung. Michael Sanderling und das Luzerner Sinfonieorchester verstanden es meisterhaft, die tiefe Emotionalität und die Kontroversen dieses Werks herauszuarbeiten. Adornos Einschätzung von Mahler als “schlechter Jasager” fand hier musikalischen Ausdruck, der weit über die Zeit des Komponisten hinausreicht und das Publikum nachhaltig beeindruckt.
Die Sinfonie endet im vierten Satz mit einem Lied „Das himmlische Leben“ («Wir geniessen die himmlischen Freuden»), nach einem Text aus „Des Knaben Wunderhorn“. Die Sopranistin A Chen Reiss, die sich inzwischen beim Dirigenten aufgestellt hatte, meisterte die schwierige Aufgabe, einer grossen Orchesterbegleitung mit ihrer glockenreinen, filigranen Stimme standzuhalten, dieses gar zu übertönen, grossartig.
Das Publikum belohnte die Ausführenden mit einem langanhaltenden, stürmischen Schlussapplaus, bedachte die einzelnen Register mi Extraakklamationen und steigerte diesen noch bei der Hervorhebung der Sopranistin durch den Dirigenten.
Das Publikum wartet auf das Luzerner Sinfonieorchester, das diesmal auf der Bühne sein wird Foto Marinella Polli
I Capuletti Montecchi Szenenfoto von Ingo Hoehn
I Capuletti Montecchi Szenenfoto von Ingo Hoehn
Giulietta Elizabeth Bailey Roméo Solenn’ Lavanant Linke Tebaldo Daniel Jenz Lorenzo Vladyslav Tlushch Opernchor Luzerner Theater Luzerner Sinfonieorchester
Eine glanzvolle semi-konzertante Aufführung von Vincenzo Bellinis tragedia lirica in zwei Akten ‚I Capuleti e i Montecchi’ (1830 in Venedig uraufgeführt) ist seit letztem Sonntag am Luzerner Theater zu geniessen.
Eine leider selten aufgeführte Oper
Capuletti Montecchi Szenenfoto von Ingo Hoehn
Da der Komponist die Partitur – wie es bei ihm fast jedesmal der Fall war – unter grossem Zeitdruck liefern musste, bediente er sich einiger Nummern aus seiner früheren Oper ‚Zaira’. Bellini ist und war ja für seine intensiven, reichen Melodien bekannt, und für diese wollte er auch bekannt bleiben. Die Änderungen, die er vornahm, waren in den Jahren vielleicht deswegen viele. Man weiss übrigens auch, wie sogar Wagner von seiner Fähigkeit fasziniert war, Musik und psychologische Texte zu verbinden. Das Endresultat ist was wir heute hören können, und man kann kaum verstehen, dass ein Belcanto-Juwel wie diese Oper nach der erfolgreichen Uraufführung fast in Vergessenheit geriet. Glücklicherweise, obwohl es immer noch nicht leicht ist, ‚‘I Capuleti e i Montecchi’ auf der Bühne zu erleben, scheint diese Bellinis Oper in der letzten Zeit eine wahrhaftige Renaissance zu erleben.
Das Duo Vincenzo Bellini und Felice Romani
Capuletti Montecchi Szenenfoto von Ingo Hoehn
Das Libretto schrieb Felice Romani, der wie erwähnt nicht direkt auf Shakespeare zurückgriff, sondern auf den Textbuch der Nicola Vaccais Oper ‚Giulietta e Romeo’, den er einige Jahre zuvor verfasst hatte. Die Geschichte von Romeo und Julia, bestimmt die berühmteste Liebesgeschichte aller Zeiten, fängt bei Bellini erst an, als die Katastrophe nicht mehr zu verhindern ist.
Die neue Luzerner Produktion
Dottor Lorenzo, Romeo, Giulietta und Capelio (v. l. n. r)
Am Dirigentenpult ist Jonathan Bloxham, der das Luzerner Sinfonieorchester (diesmal auf der Bühne) durch die teils stürmische teils wunderbar melancholische Partitur mit Begeisterung leitet. Maestro und Orchester bringen das Seelendrama wirklich intensiv aber mit sauberem Klang zu Gehör; einfach herzbewegend die Hörner und die Klarinette. Ohne zu sprechen von dem Cello und von der filigranen Begleitung der Arien durch die Harfe.
Sängerisch alle grossartig
Elizabeth Bailey als Giulietta
Makellos auch die Leistung vom Gesangsensemble sowie vom Opernchor Luzerner Theater unter der Leitung von Manuel Bethe. Alles wird wirkungsvoll und wunderschön vermittelt. In der Rolle der Giulietta kann man Elizabeth Bailey nur bewundern; auch für die Akustik des Luzerner Hauses singt sie perfekt und mit einer sehr sauberen Intonation, einer tadellosen Gesangskunst und einer ebenmässigen Linienführung. Als Romeo kann man die Mezzosopranistin Solenn’ Lavanant Linke erleben und man kann nur staunen, wie sie mit stimmlicher Agilität und bewundernswerter Klangfarbe, so einen grossartigen, mal stürmischen und dramatischen, mal romantischen Romeo singt. Rührend schon in der Auftrittsarie ‚Ascolta, se Romeo t’uccise un figlio’, herzzerreissend in ‚Deh! tu bell’anima’. Die Stimmen der beiden Sängerinnen verschmelzen sich buchstäblich in den Duetten: Bellini schuf ja hier einen fantastischen Kontrast, dies auch zur vor allem mit Männerstimmen besetzten Oper. Gut und mit einer schön timbrierten Stimme Daniel Jens als Tebaldo. Sehr gut und mit tadelloser, klarer Diktion Christian Tschelebiew als gnadenloser Vater Capellio, so wie auch Vladyslav Tluschch als Dottor Lorenzo und Giuliettas Vertrauter. Stimmgewaltig, sehr präsent, und mit ihren stark geschminkten Gesichtern manchmal irgendwie auch unheimlich und grotesk die Männer des Chors.
Eine eloquente Semi-Inszenierung
Capuletti Montecchi Szenenfoto von Ingo Hoehn
Für diese sogenannte semi-konzertante Aufführung hat Christine Cyris eine Art Auftrittschoreographie, oder eben eine Semi-Inszenierung kreiert, die auch ohne Bühnenbild eloquent genug ist. Die Fehde zwischen den beiden Familien, den Capuleti und den Montecchi, die Rivalität zwischen Tebaldo und Romeo, die grosse Liebe zwischen den Protagonisten, also alle Gefühle und Empfindungen bis zum tragischen Schicksal werden beeindruckend und durch eine perfekte Führung der dramatis Personae dargestellt. Optisch interessant, nicht zuletzt wegen Ivo Schniders Light Design, sind auch Ulrike Schneiderers Kostüme: schwarz und dunkelgrau für die Männer, weiss und sehr romantisch für Giulietta.
Eine umjubelte Première
Dank dieser neuen Luzerner Produktion von Bellinis ‚I Capuleti e i Montecchi’ darf das zahlreiche Publikum in den Genuss von wunderbaren musikalischen Kostbarkeiten kommen. Der entsprechend lange und begeisterte Applaus am Ende der Première am letzten Sonntag war daher keine Überraschung. (Bis Februar 2024)
O.K. Präsidentin des Events und Stadtpräsidentin von Sursee, Sabine Beck – Pflugshaupt begrüsste die Akteure und Symposiumsteilnehmenden
Auch Moderator Stephan Klapproth begrüsst die Teilnehmenden
Programm: Tagungsleitung: Stephan Klapproth,ehemaliger Fernsehmoderator und Kommunikationsdozent Referenten: Dr. Henning Beck und Yannick Blättler Podiumsdiskussion mit it Dr. Henning Beck, Yannick Blättler, Delia Herger und Manuela Ottiger, Leitung: Stephan Klapproth Schlusswort von Sabine Beck-Pflugshaupt, Stadtpräsidentin, Sursee
Martinisymposium 2023 Impression
Das Martinisymposium 2023 in Sursee versprach eine fesselnde Auseinandersetzung mit dem Thema “Gehirngerecht arbeiten im 21. Jahrhundert”. Unter der Leitung des erfahrenen Kommunikationsdozenten und ehemaligen Fernsehmoderators Stephan Klapproth gaben renommierte Referenten wie Dr. Henning Beck und Yannick Blättler Einblicke in die Welt der neurozentrierten und Generation Z gerechten Arbeitsweisen. Mit 350 Teilnehmenden, die den inzwischen schweizweit bekannten Anlass besuchten und den Saal komplett füllten, wurde eine neue Rekordmarke erreicht.
Die «Hausherrin», O.K. Präsidentin des Events und Stadtpräsidentin von Sursee, Sabine Beck – Pflugshaupt begrüsste die Akteure, die gutgelaunte Gästeschar, darunter auch lokale, regionale, kantonale und eidgenössische Behördenmitglieder und frühere Politprominenz wie z.B. Dr. Franz Wicki, alt CVP Ständerat des Kantons Luzern ( Dezember 1995 bis Dezember 2007).
Martinisymposium 2023 Impression
Dann übergab sie das «Tagungszepter» an Moderator Stephan Klapproth der uns sogleich mit einem Pilotenwitz erheiterte, den bekannten Cartoonisten Carlo Schneider vorstellte, der sich links der Bühne an einem Tisch mit seinen Zeichenutensilien eingerichtet hatte und schon fleissig zeichnete. Bevor es zur Sache, d.h. der Tagesordnung überging, konnte es der Politprofi nicht unterlassen, einige spitze Bemerkungen zu machen in Richtung der aktuellen Wahlresultate in Argentinien und Holland, platzierte noch ein paar pointierte Seitenhiebe zur ev. Wiederwahl des, wie er es nannte, Mannes mit Stroh im und auf dem Kopf in den USA und schloss dieses Kapitel ab, mit der Frage, im Fall einer Wiederwahl Trumps: wer sind dann die nahesten Nachbarn von Dummheit und beantwortete diese grad selbst mit: Mexiko und Kanada.
Zur Person des Moderators, Kommunikationsdozenten und ehemaligen Fernsehmoderators Stephan Klapproth
Martinisymposium 2023 Impression
Eine missglückte Gleitschirmlektion vor über 30 Jahren bescherte ihm einen gebrochenen Wirbel und in der Folge einen Haltungsschaden. Der fiel am Bildschirm zwar nicht auf, sorgt jedoch für Erstaunen bei manchem, dem Klapproth einfach so begegnet. Dieses sportliche Missgeschick zeitigt aber keinerlei mentale Nachwehen, im Gegenteil, der Mann, Jahrgang 1958, strotzt nur so von Energie und Tatendrang, Mit seinem ansteckenden Humor und überschäumenden Temperament fesselt der begnadete Formulierer seine Zuhörerschaft, entlockt seine Partner*innen auf dem Podium diesen und jenen «Trick» im Umgang mit der «Generation Z», analysiert deren Aussagen, kommentiert sie und stellt sie in den richtigen Kontext. Klapproth ist ein begnadeter Rhetoriker. Als Vorbild zitiert er oft und gerne den römischen Dichter Horaz: «Wer ein breites Publikum informieren möchte, der muss unterhalten, muss nützen und ergötzen können.»
Was versteht man unter Generation Z um die es am Symposium fast alles drehte
Martinisymposium 2023 Impression
Für ungewöhnliche Lösungen und neue Ideen steht die Generation Z. Also jene, um die Jahrtausendwende Geborenen, die das Zeitalter vor WLAN und Smartphone nie kennen gelernt haben. Die Generation Z ist technologieaffin. Sie verschmelzt das reale mit dem digitalen Leben und wird als ungeduldig, unverbindlich, fordernd, gesundheits- und umweltbewusst umschrieben.
Referat Dr. Henning Beck: Neurowissenschaftler und Bestsellerautor
Dr. Henning Beck Referent Martinisymposium 2023
Dr. Henning Beck, Neurowissenschaftler und Autor, erklärte, wie man die Prinzipien des Gehirns für innovatives Denken nutzen kann. Er studierte Biochemie in Tübingen und promovierte 2012 an der dortigen Graduiertenschule für Neurowissenschaften. Anschließend arbeitete er an der University of California in Berkeley und entwickelte für Unternehmen in der San Francisco Bay Area moderne Präsentations- und Marketingstrategien. Derzeit ist er am Scene Grammar Lab der Universität Frankfurt tätig. Henning Beck publiziert regelmäßig für die WirtschaftsWoche, als Videokolumnist für web.de und ist wöchentlicher Interviewgast beim Deutschlandfunk. In seinen populären Büchern schafft er einen verständlichen Zugang zur Welt der Hirnforschung, seine Vorträge machten ihn zum Deutschen Meister im Science Slam 2012. Er ist international gefragter Redner zu Themen wie «Neurobiologie und Kreativität» und unterstützt Firmen, innovative Lern- und Arbeitswelten nach Vorbild des Gehirns zu schaffen.
Dr. Henning Beck gab Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns und deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt . Seine wissenschaftliche Expertise und praxisnahen Ansätze war ein spannender Beitrag zur Frage, wie wir unsere Arbeitsweisen an die Funktionsweise des Gehirns anpassen können, ins besonders an die Gehirne der sogenannten Generation Z. Auch was passiert bei künftiger Arbeit mit der K I. Diese kenne ja nur Daten und von Menschen generierte Fakten, ein taugliches, wenn auch beschränktes Hilfsmittel für wiederkehrende, relativ einfache, routinemässige Aufgaben, das, wenn richtig angewandt, durchaus nützlich und entlastend sein kann. «Menschen brauchen Freiheit, um auszuprobieren und Ideen entwickeln zu können», so Beck. Er illustrierte, wie innovatives Denken funktioniert, was Kreativität ist und wie das menschliche Gehirn ungewöhnliche Lösungen entwickeln kann.
Sein Fazit einfach zusammengefasst: Daten sind tot, Wissen aber lebendig.
Referat Yannick Blättler: Experte für Neuroleadership und Innovationsmanagement
Yannick Blättler Referent Martinisymposium 2023
Yannick Blättler ist Gründer und Inhaber der auf die Gen Z spezialisierte NEOVISO AG. Sie untersuchen mit eigenen Studien in verschiedenen Industrien regelmässig die 14-25 Jährigen der Schweiz. Dazu beraten sie KMU und Grosskonzerne im Umgang mit dieser jungen Zielgruppe und produzieren Content für Social Media. Yannick hält einen Masterabschluss in Business Innovation der Universität St. Gallen, ist neben seinem 34-köpfigen Team auch Verwaltungsrat der Chrampfcheibe AG und Co- Founder des schweizweiten Studierendenvereins NEO Network. Er steht für Themen wie Marketing, Leadership oder HR nicht nur regelmässig auf der Bühne, sondern auch hinter dem Mikrofon für seinen eigenen Podcast.
Martinisymposium 2023 Impression
Yannick Blättler, Experte für Neuroleadership und Innovationsmanagement, schlug in seinem Vortrag die Brücke zwischen Neurowissenschaften und modernem Führungsverständnis. Neue Generation, neue Arbeitswelt? Er erklärte wie die Mitarbeitenden und Kunden von morgen funktionieren und welche Auswirkungen das auf die Wirtschaft und Gesellschaft hat. Die Jungen wollen nicht mehr in Jahren, gar Dekaden denken, sondern relativ kurzfristige Ziele erreichen und Resultate generieren können, nicht wie z.B. ihre Väter, Berufsziel vom Bauarbeiter, nach Jahren Vorarbeiter, wieder Jahre später Polier und irgendwann gar Bauführer und das wahrscheinlich alles in der gleichen Firma bis zur Pensionierung. Wie können Führungskräfte durch neurozentrierte Ansätze ihre Teams effektiver leiten und innovative Prozesse fördern? Fachkräfte würden, statistisch gesehen, sowieso ein noch rareres Gut auf dem Arbeitsmarkt, kamen in der Schweiz im Jahr 1958, also Babyboomer Generation, noch 90000 Menschen auf die Welt, waren es 2009 grad noch 76000. Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt von Blättlers Beitrag. Sein Motto für die heutige Arbeitswelt mit der nachrückenden Generation Z, für die Wohlstand ganz normal ist und die Technik alles laufend verändert, lautet, instant, flex, klar. New tech, new work, new challenges. Genration Z ist durchschnittlich drei Stunden täglich auf dem Smartphone unterwegs, konsumiert news usw. online und korrespondiert auch digital und gilt als mutiger, lauter aber auch unbequemer.
Podiumsdiskussion: Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis
Martinisymposium 2023 Impression
Bei der Podiumsdiskussion nach der Pause, moderiert von Stephan Klapproth, den beiden Referenten und ergänzt mit Delia Herger, Co-Founder/Sales & Marketing jobeagle und Manuela Ottiger, CHRO der CALIDA GROUP und Mitglied der Gruppenleitung, CEO/Inhaberin Ottiger Consulting., entwickelte sich eine vielseitige Diskussion über die Anwendung dieser Erkenntnisse in der Praxis.
Henning Beck erläuterte, man müsse aktivieren statt passivieren.
Yannick Blättler: herausfordern, aber auch erreichbare Ziele in relativ kurzer Zeitspanne vorgeben und/oder Eigeninitiative einfordern. Delia Herger erläuterte, dass Bewerbungen mit ellenlangen CV`s usw. nicht mehr zeitgemäss sind und beispielsweise durch Portraits mit Kurzvideos zielführender sind. Ebenso das gleiche mit Stellenangeboten. Kurztrailer über den Betrieb. Worauf Blättler ergänzt, wer lese heute noch ein 36seitiges Pfd. über die Stellenanforderungen und den Betrieb?
Manuela Ottiger, als CHRO der Calida, schlug in etwa in dieselbe Kerbe, erklärte auch, dass junge Bewerber*innen kaum mehr Stellen suchten aufgrund ev. Aufstiegsmöglichkeiten, sondern etwas Passendes für den Moment und dann schaun mer mal.
Martinisymposium 2023 Impression
Alle waren sich im, von Klapproth souverän choreografiertem Podium einig, dass es die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, kaum, oder höchstens noch vereinzelt, geben wird. Chat GPT, Onlinekommunikation, Social media usw. halten Einzug, flexiblere Arbeitszeiten, Sozialverträglichkeit moderne Hierarchiegefüge, anders gestaltete Arbeitsplätze, mental helth, eine möglichst optimale work – life Balance, umweltverträglich usw. werden für Firmen vorausgesetzt, um überhaupt noch Stellen besetzen zu können.
Viel wurde auch von Klarheit und Transparenz geredet, Eibindung der Mitarbeitenden in Formulierung und Erstellung von Geschäftszielen, die Wege dorthin, deren Vereinbarkeit mit der heutigen Ethik etc.
Henning Becks grundsätzliche Erkenntnis: Die Klarheit gibt es nicht, die wächst nicht auf den Bäumen, die muss man schaffen.
Zwischendurch gabs auch noch eine Gesangseinlage in Form eine vielstimmigen „Happy Birthday“ und ein Stück Kuchen samt Geburtstagskerze für Henning Beck, das an diesem Tag 40 Jahre jung wurde.
Fazit eines informativen Nachmittages
Die Cartoonpinnwand
Die Podiumsdiskussion rundete das Symposium ab, indem es den Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis vollzog und konkrete Handlungsempfehlungen für eine gehirngerechte Arbeitswelt lieferte. Sursee wurde somit, für kurze Zeit, zum Zentrum für die Zukunft der Arbeit, indem es Denken und Handeln miteinander verband.
Stadtpräsidentin Sabine Beck – Pflugshaupt ergriff wie immer das Schlusswort, bedankte sich bei den Akteur*innen, Gönnern und Sponsoren, sowie den vielen Mitwirkenden im Organisationskomitee, den engagierten Mitarbeiter*innen der Stadtverwaltung usw. und informierte, dass das nächste Martini Symposium am 27. November 2025 stattfände.
Dann lud sie die Teilnehmenden wie üblich noch zu einem Apero riche, wo noch lange „genetztwerkt und über das gehörte diskutiert wurde.
Die Bilder von Cartoonist Carlo Schneider finden Sie über den eingefügten Link