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Unhöfliches Personal, lieblose Speisekarten, zu Tode dekorierte Menüs– viele Schweizer Restaurants beherrschen ihr Kerngeschäft nicht: mit Hingabe kochen und mit Herzblut Gastgeber sein.
Und es gibt sie doch, die Beizen, wo man gerne einkehrt, herzlich empfangen wird, entzückt die Speisekarte studiert – wo man wieder erkannt und auch einmal auf ein Glas eingeladen wird. Aber es gibt auch die anderen. Restaurants, die eine Unfreundlichkeit verströmen, als würden die Wirte nicht von den Gästen leben. Lokale mit Menükarten, die beliebiger und einfallsloser nicht sein könnten.
Dabei ist es eine wundervolle Aufgabe, Gastgeber zu sein. Und es können durchaus bessere Voraussetzungen geschaffen werden, damit die Gäste zufrieden nach Hause gehen und freudig wiederkommen.
Das Internet ist die heutige Visitenkarte
Heute ist der Internet Auftrittt die Visitenkarte einer Beiz, nicht nur für die Gäste, auch für Mitarbeiter, die eine neue Stelle suchen. Leider sind sie nur allzu häufig unprofessionell gestaltet. Nicht aktualisierte Websites mit Frühlingsangeboten tief im Herbst. Eine komplizierte Navigation, die dem interessierten Gast die Lust auf eine Tischreservation vergällt. Oder unattraktive Bilder, die eher abschrecken als gluschtig machen.
Telefonkommunikation äusserst wichtig
Ans Restauranttelefon gehören Menschen, die den Betrieb in- und auswendig kennen. Sie sollen sich mit Namen vorstellen, eine sympathische Stimme haben und mit guten Sach – und Sprachkenntnissen Auskunft geben können.
Empfang der Gäste das A und O
Wer zu Hause Freunde empfängt, scheut meist keinen Aufwand. Das sollte auch der Massstab für eine Beiz sein. Es gibt noch solche Orte. die das Gefühl vermitteln, willkommen zu sein. Beizen mit Mitarbeitern, die Menschen sind und einen Namen haben, die sich persönlich vorstellen oder – wie kürzlich in einer Luzerner Landbeiz – ein Begrüssungskärtli mit ihrem Namen auf den Tisch legen. Leider erlebt man aber auch Dinge, die einen sprachlos zurücklassen: Kürzlich wollte ein Freund in einem renommierten Restaurant eine Hunderternote wechseln. Die Antwort: «Wir sind doch keine Wechselstube.» Freundlichkeit ist nur beschränkt lernbar – im Grunde ist sie Herzenssache. Einen griesgrämigen Gast zufriedenstellen zu können, ist Kunst und Herausforderung zugleich.
Betreuung am Tisch
Im Restaurant möchte man es noch etwas schöner, gediegener und spezieller haben als zu Hause. Sonst kann man getrost auf den Ausgang verzichten. Oft vergessen Gastgeber, dass die Gäste heute kulinarisch besser gebildet sind als noch in den Siebzigerjahren. Das heisst, dass die Servierenden die Kenntnisse der Gäste respektieren und nur dann beratend «eingreifen», wenn sie spüren, dass der Gast es wünscht. Romane am Tisch erzählen ist out, erläutern, was auf dem Teller liegt, dagegen erlaubt, manchmal sogar erwünscht.
Man darf auch fragen, ob der Gast die Erklärung wünscht oder eben nicht. Wichtig ist, dass die Harmonie zwischen Service und Küche spürbar ist. Die Zusammenarbeit von Küche und Service ist für den Gast von grosser Bedeutung, aber auch für das Selbstwertgefühl des Teams.
Speisekarten sollten animieren, nicht abschrecken
Auf meinen Beizenbummelgängen habe ich den Eindruck bekommen, dass die Köche langsam begreifen, dass ellenlange Speisekarten nicht mehr das Wahre sind. Sowohl für die Gäste, die bei der Qual der Wahl schlicht überfordert sind, wie auch für die Servierenden, die dann das Wunschkonzert der Gäste in die Küche übermitteln. Das kann in einem «Service-Tohuwabohu» enden. Zudem schätzen Gäste heutzutage frische Produkte und möchten nicht mit Convenience-Food abgespeist werden. Weniger also ist in der Regel mehr. Sich als Beizer auf etwas spezialisieren, ist eine sinnvolle Lösung. erfolgreiche Beispiele dafür gibt es genug. Oder wie wäre es, einmal mit den Stammgästen ein «Brainstorming » durchzuführen, um so aus erster Hand zu erfahren, was ihr Begehr ist?
Hauptgänge oft mehr Schein als Sein
Meine Behauptung in einer Tageszeitung dass eine Generation von Köchen zu Dekorateuren ausgebildet wurde und viele dabei das Kochen verlernt hätten, hat die Branche aufgerüttelt. Alles, was vom Wesentlichen ablenkt stört. Was haben wir von einem Weinbraten, der hypermodern mit Spurenelementen von Gemüse und Beilage angerichtet ist, der aber von einer Sauce ohne Wein und Körper begleitet ist? Dafür da noch ein Klacks mit eingedicktem Balsamico und dort noch eine Kapuzinerblüte.
Oder ein verwelktes Sträussli Peterli, das dann sowieso im Schweinekübel landet. Alle Achtung hingegen vor Köchen, die sich auf die Zubereitung, das Dekorieren und Tüfteln gleichermassen verstehen.
Kinder von heute sind Gäste von morgen
Fantasieloser könnten «Kindermenüs» heute vielerorts nicht daherkommen. Pappige Nuggets mit roter Sauce oder «Coupe Bambi» im viel zu hohen Glas, sodass das Kind auf dem Stuhl knien muss, um an seine Glace zu gelangen. Am besten lädt man eine Kindergärtnerin mit Kindern in den Betrieb ein und fragt die Kleinen direkt, was sie mögen. Degustationen von Naturprodukten sind ebenfalls eine Idee, Kinder mit Essen glücklich, demzufolge auch zufrieden, zu stimmen.
Weinpreise als Gradmesser
Jahrelang hat man dem Wirtevolk eingetrichtert, die Preise für das Essen tief zu halten und mit den Weinen die entgangenen Margen quer zu subventionieren Eine folgenschwere Sünde. Heute weiss jeder Gast, was die Lebensmittel kosten, und ist auch bereit, für eine tolle Küchenleistung zu bezahlen. Der Erfolg derjenigen Berufskollegen, die die Menüpreise leicht erhöhen, die Weinpreise aber moderat halten, zeigt, dass die Preisgestaltung in diese Richtung gehen sollte.
So gäbe es noch vieles zu überdenken in der Gastroszene. Hahnenwasser: gratis oder nicht? Wie ist die Kaffee- und Teekultur hochzuhalten?
Goldene Jahre adieu
Viele Wirte haben von den «Goldenen Zeiten» in den Neunzigerjahren zu Recht profitiert. Wer hätte damals gedacht, dass es wieder einmal anders kommen könnte? Und wenn die Menschen aus Spargründen nicht mehr so oft auswärts essen, steigen die Ansprüche erst recht. Gäste gehen dorthin, wo sie freudvoll bedient werden. Wo Gastgeber statt Gastnehmer anzutreffen sind, freundliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Wohlfühlerlebnis beitragen und wo Preis und Leistung stimmen.
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Besetzung und Programm:
Rezension:
Auch bei diesem Konzert wurde sehr auf die Sicherheit der Besucher/innen Wert gelegt, die Sicherheitsmassnahmen daher strikt eingehalten, inkl. personalisierter Tickets für eine allfällige Nachverfolgung bei Infektionsvorkommen. Sogar die Streicher des Orchesters trugen Maske, was zusätzlich ein Gefühl der Sicherheit vermittelte.
Mit den sprichwörtlichen Pauken und Trompeten startete das Residenzorchester des KKL Luzern dann in die Konzertsaison 20/21, die auch grad die letzte von Chefdirigent James Gaffigan ist, der das Zepter über das Luzerner Sinfonieorchester nach zwölfjähriger, erfolgreicher Tätigkeit Ende Saison an seinen Nachfolger Michael Sanderling übergeben wird.
«Fanfare For The Common Man».
Kurz, rhythmisch und laut ist das Werk des US-amerikanischen Komponisten Aaron Copland. 1942 für den Dirigenten Eugène Aynsley Goossens geschrieben war es von der Rede des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Henry A. Wallace, inspiriert, in der dieser das „Jahrhundert des Normalbürgers“ ausrief. Eine perfekte Komposition, bei der sich die Schlagwerker mal so richtig austoben und auf die reellen Pauke hauen durften, was auch dem Auditorium gefiel.1977 wurde Coplands Fanfare gar von der britischen Band Emerson, Lake and Palmer auf dem Album Works Volume 1 interpretiert. Der Titel wurde zu einem der größten Hits der Band, als eine bearbeitete Version als Single veröffentlicht wurde.
Anschliessend begrüsste Intendant Numa Bischof Ullmann das Publikum und dankte für die Treue gegenüber dem Orchester, das unter Chefdirigent James Gaffigan dessen Abschiedssaison amerikanisch eröffnet hatte. Das Konzert, ergänzte er auf Englisch, würde auch live gestreamt, da man das vorgesehene Gastspiel mit dem gleichen Programm im Konserthuset Stockholm in zwei Wochen, aufgrund Corona, nicht wahrnehmen könne.
Traumreise
Die Sopranistin Lisa Larsson liess eine Auswahl von Berwalds Klavierliedern von Landsmann Rolf Martinsson orchestrieren. Zitat Lisa Larsson: Mir war daran gelegen, Berwalds Lieder einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Gemeinsam mit Rolf Martinsson konnte ich die verschiedenen Stimmungen der Lieder in neue Orchesterfarben umwandeln. Mit der Orchesterfassung können wir den Liedern neues Leben einhauchen! Es handelt sich keinesfalls nur um ein ‹Lieder-Bouquet›. Ich habe insgesamt neun Lieder von Berwald ausgewählt, deren letztes – «Traum» – dem Zyklus den Titel gab: «Traumreise».
Die Sopranistin, optisch dem vorgefassten Bild einer „typischen“ Schwedin entsprechend: blond, schlank mittelgross, trug die meist romantischen Lieder aber nicht etwa nordisch kühl, sondern mit kräftigem Sopran, viel Gefühl und Sensibilität vor. Dies erst noch dreisprachig, auf Schwedisch, Französisch und Deutsch, entsprechend dem, was sie zuvor erklärt hatte, geht diese Traumreise von Stockholm im hohen Norden, über Paris bis schlussendlich nach Luzern. Wechselnd von Melancholik zu Überschwang und lupfiger Erzählweise, modellierte und phrasierte sie die, von ihr mitüberarbeitete Partitur. Das Auditorium genoss und verdankte ihr das mit viel Applaus und Bravorufen.
Johannes Brahms (1833 – 1897) Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98
Der erste Satz folgt dem konventionellen Schema der Sonatensatzform, ist geprägt von einer Folge absteigender Terzen die im Verlauf der gesamten Sinfonie mehrfach variiert werden.
Auch der zweite Satz beginnt ungewöhnlich. Zuerst ein archaisch anmutendes Bläserthema, später dann eine warme, schier unendlich scheinende Kantilene der Celli. Das Intro der Hörner zu Beginn des zweiten Satzes gemahnt mich immer an das „Munotsglöckchen“, ein Motiv, das vom gesamten Ensemble in diversen Variationen übernommen und schlussendlich im Finale von den Bässen akzentuiert wird, bevor die Streicher das Ganze weich ausfliessen lassen, das von der Querflöte noch veredelt wird.
Resoluter, kontrastreicher 3. Satz
Sehr resolut der dritte Satz, der größtmögliche Kontrast: ein lärmendes, fast burleskes „Allegro giocoso“. Einwürfe von Piccolo Flöte, Kontrafagott und Triangel geben dem Ganzen einen schon fast grotesk wirkenden Charakter. eine gewollte Heiterkeit, die etwas Drohendes hat. Abrupt geht es in einer Trubel artigen C-Dur-Stimmung weiter, ebenso in einer, für Brahms, eher ungewöhnlichen Instrumentierung, mit zusätzlicher Piccolo flöte, Triangel sowie C-Klarinetten. Gegen Ende des Satzes klingt das Hauptthema des Finalsatzes an, bevor der lärmende Trubel sein Ende findet.
Beeindruckender finaler Satz
Der finale Satz startet mit schönen Hornklängen, unterstützt vom Paukisten, der von den Trompeten unterstützt wird, bevor das ganze Orchester wieder zu einer Einheit findet. Zum Ende duellieren sich die Streicher mit der Pauke, bevor sich die Querflöte und peu a peu die andern Bläser dazugesellen, über alles erheben sich die Blechbläser, die ihrerseits von den Streichern wieder etwas zurückgebunden werden, bevor sich alle zum furiosen Ausklang wieder vereinen. Die Sinfonie, zum Kernrepertoire der Luzerner gehörend, vermochte das Publikum zu begeistern und wurde von diesem auch mit einem stürmischen, langanhaltenden Schlussapplaus honoriert.
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: sinfonieorchester.ch/home
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Produktionsteam und Besetzung:
Komposition und musikalische Leitung: Christov Rolla Text und Inszenierung: Max Christian Graeff Kostüm: Zoé Brandenberg Dramaturgie: Julia Jordà Stoppelhaar Einstudierung Chor: Mark Daver
Christov Rolla (Jacques, ein Offenbach) Max Christian Graeff (Béla, ein Bartok) Marc Unternährer (Tuba) Damenchor des LT
Rezension:
Das Luzerner Chanson-Duo «Canaille Du Jour» mit Theatermusiker und Komponist Christov Rolla und Autor Max Christian Graeff er überarbeitete zusammen mit den Damen des Chors des Luzerner Theater die Geschichte des Frauenmörders Herzog Blaubart und versetzt sie in die Gegenwart – also in Zeiten von Corona.
Schon mal so viel: An der Premiere von «Blaubarts Frauen» letzten Sonntag durfte wieder angestossen werden, nur im kleinem Rahmen zwar, dafür im Theatersaal: Im Foyer kann man sich sein Getränk holen und begibt sich damit direkt in den Theatersaal. Dort gibt es kleine Tischchen neben den Sitzen, welche auch gleich als «Abstandshalter» dienen. Eine clevere Idee, die gut ankam bei den Besuchern und ein ganz klein wenig «Premierenfeeling» verbreitete.
Strass und Rüschen
So konnte man, Prosecco-schlürfend, die Szenerie studieren, in welche «Canaille du Jour» ihre Produktion setzt. Ein leicht chaotisch anmutender Proberaum, rechts und links Tische mit altmodischen Lämpchen, alles am Bühnenrand und vor dem eisernen Vorhang, mit leicht verstaubtem, brockenstubenhaften Touch. Acht Frauen, aus dem Fundus des Theaters ausgegrabene Chordamen, werden in einer Art Gepäckwagen auf die Bühne gekarrt. Sie setzen sich – selbstverständlich mit Masken – an die Tische. Ihnen folgen Béla (Bartok) alias Max Christian Graeff und Jacques (Offenbach), alias Christov Rolla, beide in schwarzen Fräcken, Béla mit dicken Strassringen an den Fingern à la Harald Glööckler, Jacques mit rosa Rüschenhemd.
Zwei Männer gegen acht Frauen
Die beiden haben vom Luzerner Theater den Auftrag erhalten, «etwas mit acht Frauen zu machen» im Stil der Operette «Barbe-Bleue» von Offenbach. Und es wird «gemacht» mit den Frauen. Während sie auf ihre Auftritte warten, sollen sie schon mal Masken nähen, sich bei Bedarf aufstellen und singen, husch husch, dazwischen werden sie ruhig gestellt mit Magazinen wie «Meine Wahrheit», «Meine Sehnsucht», «Wahre Gefühle». Auch sonst herrscht ein ziemlich frauenverachtender Ton: «Seit wann haben die Frauen eigentlich das Impfrecht» und «gelten eigentlich jene Frauen, welche man haben wollte, auch als gehabt?» sind Fragen, die sich die beiden Machos unter vielen anderen stellen.
Philosophische Exkurse
Es wird viel diskutiert, debattiert und deklamiert (Texte Max Christian Graeff), aktuellste Themen werden kurz angeschnitten, Greta gehört genau so dazu wie Epstein, der Bachelor, Loredana, das Dschungelcamp und Bizet, der gerade die «Carmen» für die Corona-Zeit umschreibt. Mal spielt Béla den blutrünstigen Blaubart, mal versteigt er sich in hochphilosophische Exkurse und verdreht Sprichwörter. Christov Rolla als Offenbach zeichnet für die Musik und spielt sie auch gleich an Klavier und Gitarre, begleitet von Igor (Marc Unternährer) an der Tuba. Einige Melodien Offenbachs wurden beibehalten und umgeschrieben, dazu kommen die Beatles, Eugen Egner, «Volare», Bizets Habanera, Kurt Weill sowie eigene Kompositionen. Während Béla immer wieder ins Philosophieren gerät, versucht Jacques, die Dinge voranzutreiben, denn viel Zeit bleibt nicht mehr bis zur Première.
Grossartiger Frauenchor
Die acht Frauen, jede mit einem eigenen Kostüm (Zoé Brandenberg) – vom Retro-Kleidchen über Lederhose bis zum rosa Abendkleid mit Pelzstola – machen lange mit, proben dann aber doch den Aufstand. Der 8-köpfige Frauenchor überzeugt restlos, jede einzelne der Sängerinnen könnte als Solistin bestehen, das sind ganz grosse Momente des Stücks. Daneben kann viel gelacht werden ob den utopisch-skurrilen Aussagen von Béla und Jacques und den verschnittenen, neu interpretierten Musikstücken.
Nachdem das Licht ausgegangen ist, räumen Béla und Christoph die Bühne auf, desinfizieren alles und beschliessen, noch um die Ecke auf ein Kölsch zu gehen. «Ob das was wird?» fragt der eine den anderen. Nun, das Publikum hat sich amüsiert, er war ein vergnüglicher Abend mit einer Fülle von in den Raum gestellten Themen und Fragen, mit denen sich jede und jeder nach der Aufführung selber auseinandersetzen kann.
Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Hoehn:
Text: www.gabrielabucher.ch Fotos: Ingo Hoehn luzernertheater.ch
Besetzung und Programm:
Bayerisches Staatsorchester
Vladimir Jurowski (Dirigent)
Frank Peter Zimmermann (Violine)
Rezension:
Alles wie vor Corona war es dann doch nicht. Zwar dürften jetzt wieder alle 1898 Plätze des Konzertsaales im KKL Luzern wieder belegt werden, aber Maske tragen ist im ganzen Haus, auch im Konzertsaal, obligatorisch und die Konzerte werden ohne Pause durchgespielt. Doch, so der Projektverantwortliche Mirko Vaiz: Die Migros Classics beschränken die Besucherzahl weiterhin auf 1000. Wir sind der Meinung, dass es besser ist, beim Start in die Saison noch etwas Vorsicht walten zu lassen. Das Schutzkonzept im KKL ist äusserst effizient, dennoch relativ einfach in der Anwendung. Man registriert sich mittels einer App beim Einlass, so werden alle Besucher Sitzplatz genau erfasst. Die Daten werden nach 14 Tagen wieder gelöscht.
Der Intendant des Migros-Kulturprozent-Classics, Mischa Damev, hiess die Besucher persönlich willkommen und zeigte sich erleichtert, dass alle Musiker einreisen durften und so auch vollzählig anwesend waren. Man wolle, den Widerwärtigkeiten der aktuellen Situation trotzend, dem eigenen Anspruch, hochwertige Klassik zu bieten, treu bleiben und keine Abstriche machen. Er zeigte sich erleichtert, dass die Saison 2020/21 endlich starte und erfreut, dass doch so viele Interessierte, den Weg ins KKL trotz den erschwerten Umständen, auf sich genommen hätten. Damev erwähnte noch, dass das ursprüngliche Programm mit Alban Bergs Violinkonzert ersetzt werden musste, weil dessen Grossbesetzung in München nicht erlaubt war und dass dies der erste Auftritt des Bayerischen Staatsorchesters ausserhalb Münchens unter dem künftigen Chefdirigenten sei.
Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36
Diese Sinfonie macht gute Laune und zeigt Beethoven als entschlossenen Modernisierer. Optimismus klingt aus dem ersten Sinfoniesatz mit seinem strahlenden Motiv in D-Dur heraus, der zweite Satz lädt mit seiner volksliedhaften Melodie zum Träumen ein, und im Scherzo poltert das etwas grobe Thema lustig vor sich hin.
Doch staunt man etwas, wenn man das Entstehungsjahr liest: 1802, das gleiche Jahr, in dem Beethoven das Heiligenstädter Testament verfasst und seine Verzweiflung angesichts seiner Ertaubung und der damit einhergehenden Isolation schildert.
Zitat Ludwig van Beethoven: „Oh ihr Menschen dir ihr mich für feindselig störrisch und misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir (….) musste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen (…) wie ein Verbannter muß ich leben (…) es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben (…).“
Die zeitliche Nähe zwischen dem düsteren Selbstzeugnis und der zweiten Sinfonie macht neugierig: Verbirgt sich hinter dem freundlichen Gesicht dieser Sinfonie eine dunkle Seite? Beethovens Zeitgenossen nehmen das Werk jedenfalls keinesfalls als heiter, sondern als dramatisch wahr.
Die Leipziger „Allgemeine Musikalische Zeitung“ erkennt in der Komposition „viel Originalität, Reichtum (…) mitunter aber auch Bizarrerie“ und spricht vom „gewaltigen Feuergeist, der in diesem kolossalen Produkt wehet“. Vollkommen fassungslos beschreibt ein Rezensent 1804 seinen Höreindruck von der Sinfonie:
„Sie glich einem Ungeheuer, das sich beinahe eine volle Stunde in Verrenkungen abquälte und mit dem Schweif um sich schlägt, man weiß nicht warum? (…) Was will die Bestie?“ Zitat Johann Gottlieb Spazier in „Zeitung für die elegante Welt“
Erhaben und extrem
Die Modulationen zu grell, das Finale zu wild: Das Publikum zu Beethovens Zeit sieht in dieser Sinfonie ein Werk der Extreme, dabei neuartig und ungewöhnlich. Und damit entspricht sie auch den damaligen Erwartungen an die Sinfonie als erhabene Gattung, die gar nicht freundlich und angenehm daherkommen soll.
Und so ist es wohl eine Frage der Perspektive, was man heute aus dem Werk heraushört: Die Drastik, mit der Beethoven auch sein Heilgenstädter Testament formulierte, oder eine positive schöpferische Kraft? Der Musik wohnt gewiss beides inne.
Die herrlichen Bläsersoli in den ersten Takten von Beethovens 2. Sinfonie waren gleichsam ein Versprechen, welches die Protagonisten auch einhielten.
Das bayerische Renommierorchester unter souveräner, Leitung seines designierten neuen Chefdirigenten Vladimir Jurowski schöpfte aus dem vollen, überzeugte mit satten Klängen ebenso wie mit sanften Tönen, der gebürtige Moskowiter führte straff, wo geboten, liess auch mal die Zügel etwas lockerer wenn notwendig, aber immer mit der ihm eigenen, wenn auch nicht sturen Ernsthaftigkeit mit eleganten Bewegungen.
Nach vier Minuten Aufbruch in eine neue Ära der Klassik
Knapp vier Minuten braucht Beethoven, um das vorher übliche höfische Menuett mit seinem Scherzo in die Rumpelkammer der Musikgeschichte zu befördern. In übermütiger Stimmung – allegro vivace! – kommt der dritte Satz mit seinen Paukenschlägen und Flötentupfern daher (obwohl Beethoven bereits um seine Ertaubung wusste), und wenn Schluss ist, ist – wie immer bei Beethoven – auch richtig Schluss. Schön!
Stürmischer, langanhaltender Applaus war der verdiente Lohn für die gut aufgelegten Musiker.
Eine Liebe fürs Leben Frank Peter Zimmermann und die „Lady Inchiquin“
Launische Diva und bester Freund – der Musiker und sein Instrument (Quelle: Deutschlandfunk)
Frank Peter Zimmermann über sein Instrument: Die Liebe meines Lebens ist aus Holz und über 300 Jahre alt: Die Stradivari „Lady Inchiquin“ ist die Stimme des Star-Geigers. Doch zwei Jahre musste er auf das 6-Millionen-Instrument durch die Insolvenz der Eigentümerin, der West-LB, verzichten.
Frank Peter Zimmermann: „Ich habe auf dieser Geige, die mal Fritz Kreisler gehört hat, eine Stradivari von 1711, die Möglichkeit, wirklich ausdrucksmäßig unglaubliche Dinge herauszuholen. Das erfordert wahnsinnig viel Aufwand, weil diese Geige eigentlich nicht gefordert werden will, sondern weil sie eher verlangt, dass der Spieler so spielt, wie sie das gerne möchte.“
Jahre hat Zimmermann gebraucht, um die Geheimnisse der „Lady“ zu ergründen und all ihr Nuancen auszuloten, ihre Farben, ihre Süße, ihre Wärme. Eine Liebe fürs Leben nennt Zimmermann gern seine Beziehung zu dieser Geige.
Frank Peter Zimmermann: „Die Geige ist, wie alle „Strads“, eine ziemliche Primadonna, sie ist nicht einfach zu spielen. Und man will doch irgendwie das Allerbeste aus ihr herausholen, und sie wirklich spüren lassen, dass sie sich wohl fühlt, dass ich möchte, dass sie sich wohl fühlt.“
Doch im Februar 2015 droht der Liebesbeziehung das Aus: Die Bank soll wegen eigener finanzieller Engpässe das Instrument zu Geld machen, sogar Zimmermann selbst bietet mit. Doch die Preis-Forderungen sind illusorisch hoch. Niemand will die geforderte Summe auf den Tisch legen. Trotzdem muss die Geige ihre Heimat verlassen – drei Tage vor Zimmermanns 50. Geburtstag – und landet schließlich in einem dunklen Tresor. Der Geiger steht plötzlich ohne Instrument da, und das kurz vor einer Aufnahme mit Konzerten von Mozart. Er leiht sich kurzfristig eine andere Stradivari – ein Instrument, das früher, um die Wende zum 19. Jahrhundert, dem berühmten Virtuosen Giovanni Battista Viotti gehört hat. Frank Peter Zimmermann: „Die hatte einen Bodenstimmriss, und sie klang vor dem Mikrophon wunderbar. Also sie hatte auch diese Süße, sie war von 1712, also auch beste Zeit. Fürs Mikrophon eine gute Geige – aber fürs Konzert, für die großen Säle, ist ihr Klang zu schwach. Zimmermann sucht also weiter, doch vergeblich.
Ein Dreivierteljahr später, Dezember 2015: Während einer China-Tournee stellt sich, eine Stunde vor einem Konzert in Shanghai, ein Mann mit einem Geigenkoffer vor und fragt, ob Zimmermann einmal sein neu erworbenes Instrument anspielen wolle. Zimmermann erkennt sofort, wem es zuvor einmal gehört hat: dem großen belgischen Geiger Arthur Grumiaux. Seit 2016 also spielt Zimmermann auf der „Général Dupont“. Das Instrument im Eigentum der Yu-Kunststiftung wurde zuvor auch von Arthur Grumiaux gespielt. Nachdem Nordrhein-Westfalen 297 Kulturgüter von der WestLB-Nachfolgerin Portigon AG zurückgekauft hatte, wird die „Lady Inchiquin“ nach Aussage der Landeskulturministerin Christina Kampmann dem Violinisten künftig wieder zur Verfügung gestellt.
Ludwig van Beethoven – Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61
Vier leise Paukenschläge, gefolgt von der Vorstellung des Hauptthemas durch die Holzbläser, leiten den Satz ein, dessen liedhaftes und doch majestätisches Hauptthema eine lyrische Stimmung verbreitet. Die Solovioline setzt erst nach der Vorstellung der beiden Hauptthemen und einer etwa dreiminütigen Orchesterpassage ein. Der schlaksige Dirigent leitet mittels viel Mimik und sparsamer, aber aussagekräftiger Gestik.
Trotz viel Ernst wirkt alles leicht
Besonders markant ist das einleitende, pochende Paukenmotiv (es erklingt insgesamt mehr als 70 Mal), aber auch das von den Holzbläsern vorgetragene Hauptthema, das mit seinem lyrischen Gestus den Charakter des gesamten Satzes bestimmt. Kürzer gefasst ist das als Romanze angelegte Larghetto, während Beethoven das Finale als ein Rondo im munteren 6/8-Takt gestaltet und ansatzweise die Ausdruckswelt seiner nur wenig später niedergeschriebenen Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68, der „Pastorale“, vorwegnimmt.
Zimmermann geht mit viel Ernst zur Sache, aber alles wirkt um vieles leichter als seine Mimik ausdrückt, quasi dem Himmel näher, tief in die Musiksubstanz aus Artikulation, Tongebung und Phrasierung dringt er ein und ist damit bedingungslos virtuos. Sein Können stellt er ganz in den Dienst von Beethovens wundervollem Bewegungsdrang, heißblütig spielend und präzis kalkulierend. Das Orchester, in der Größe ideal besetzt und ausbalanciert, hält ohne Mühe mit, fängt Zimmermann nach seinen solistischen Höhenflügen auf und bettet ihn gleichsam sanft wieder in den Schoss des Klangkörpers.
Im Rondo, dem Schlusssatz, der mit seinem 6/8-Thema an ein Jagdthema erinnert, rufen die Waldhörner alle wieder zusammen, worauf sich die Solovioline noch ein letztes Mal darüber hinaus schwingt und das Motiv virtuos kadenzierend modelliert.
Jedes Detail dieser Interpretation war perfekt, von den Triolen, Staccato und Vibrato des Solisten über die präzisen Pizzicato der Celli bis zu den Bläsereinwürfen floss alles ineinander zu einem Gesamtkunstwerk.
Das Auditorium war begeistert und steigerte sich über stürmischen Applaus bis zu einer stehenden Ovation, die solange anhielt bis die Musiker noch das Adagio aus Mozarts – Violin Concerto No. 3 als Zugabe gewährten
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