9. Kolumne von Léonard Wüst: Szenen aus Kitzbühel: Über ein Leben am Rande
Dort, wo der internationale Jetset, der Hoch- und Geldadel seine rauschenden Feste feiert, führte Paul Hechenberger, genannt Pauli, zusammen mit seiner Familie 30 Jahre ein Leben am Rande, nicht der Gesellschaft, sondern am Rande der berühmtesten, spektakulärsten Abfahrtspiste des Skiweltcups. So lange war er Hüttenwart auf der Seidlalm, direkt neben einer Schlüsselstelle der „Streif“,(Hahnenkammabfahrt in Kitzbühel) oberhalb der Hausbergkante.
Besetzung: Konstantin Wecker mit Band, Jubiläumskonzert zum 70. Geburtstag
Poesie und Widerstand
Rezension:
70 Jahre Ungehorsam – verändert hat sich der Künstler in seinem Leben schon oft, ein anderer ist er nie geworden (Zitat des Veranstalters abc production).
Wecker Konstantin Foto Thomas Karsten
Wenn der Ur – Bayer durch die Lande tourt, strömen seine Fans seit Jahrzehnten und füllen die Konzertsäle und Hallen. Seine Themen sind auch heute noch, oder wieder, sehr aktuell. Dazu hat er die Gabe, seine Texte in markante, wiedererkennbare Melodien zu packen. Wenn dazu noch ausgezeichnete Mitmusiker auf der Bühne stehen, ist ein unvergesslicher Abend garantiert.
Eröffnet wurde das Konzert mit einer Playbackeispielung, dazu betraten die fünf Begleitmusiker die Bühne, besetzten ihre Platze und übernahmen nahtlos die eingespielte Melodie. Es folgte der Einzug des „Gladiators“ Konstantin Wecker, der sich vom hinteren Saaleingang her singend durch das Publikum seinen Weg bahnte und sich so den Zugang zur Bühne verschaffte. Bejubelt von den Konzertbesuchern, Hardcorefans meist eher gesetzteren Alters, startete er das Set mit „Kein Ende in Sicht“, Liedzeile daraus: Kein Ende in Sicht, den Anfang verprasst, dazwischen nur tänzelndes Schweben. Den Sinn dieses Unsinns noch lang nicht erfasst, doch immerhin: leben im Leben! Es folgte Lied auf Lied, unterbrochen nur durch Monologe, Anekdoten aus seinem prallgefüllten Leben und natürlich Applaus, viel Applaus. Zwischendurch hatten auch seine Mitmusiker, von denen ein jeder mindestens zwei Instrumente beherrschte, Gelegenheit, mit Soli zu glänzen. So spielte z. B. die Cellistin ebenso gut den Elektrobass, der Violinist beherrschte auch die Leadgitarre ausgezeichnet, usw. Wecker meinte noch, er habe jetzt 50 Jahre darauf gewartet, endlich 70 zu werden, die ersten 20 Lebensjahre könne man ja nicht voll anrechnen. Dann interpretierte er zuerst Lieder aus seinem frühen Schaffen, dann sang er sich nach und nach über die jüngste Vergangenheit, z. B. mit „Der alte Kaiser“ (komponiert als Hommage an die Aufständischen auf dem Tahrir Platz) bis in die Gegenwart. Ein Streifzug durch ein ganzes Künstlerleben, das nicht nur mit Glanzlichtern gesegnet ist, sondern auch grosse Brüche aufweist
Noch immer mal wütender Rebell, mal zärtlicher Poet
Konstantin Wecker Foto Thomas Karsten 1
Konstantin Wecker und Hannes Wader Foto Thomas Karsten
Konstantin Wecker Foto Ufuk Arslan
Wecker kam aber immer gestärkt zurück, nichts konnte seiner Popularität etwas anhaben, Wecker Fans sind unerschütterlich und treu ergeben. Amüsiert schaut der Künstler zurück, seinen Karrierestart als Darsteller in Softpornos nutzt er gar, um sein Machoimage zu untermauern. Ein Gehabe, dass sogar seinem verehrten Vater einst die Bemerkung entlockte: Aha, Männlein will Mann spielen.
Selbst eine so grosse Künstlerin wie Mercedes Sosa coverte mit „Ich singe weil ich ein Lied hab“, einen Wecker Song, das Lied, das sie auch gemeinsam bei einem Konzert 1988 in Wien, zusätzlich ergänzt durch Joan Baez, interpretierten.
Ebenso einprägsam wie sein „Einmarsch“ zu Beginn des Konzertes, war auch sein Abschied. Er verliess die Bühne, singend natürlich, streifte durch die Sitzreihen, umarmte diese und jenen, feierte seine Fans, die wiederum feierten ihn, kehrte schlussendlich auf die Bühne zurück und genoss mit seinen Mitmusikern noch eine langanhaltende stehende Ovation. Wecker bleibt Wecker, immer ein aussergewöhnliches Erlebnis.
Definitiver Höhepunkt war dann das ultimativ abschliessende : „Sage Nein!“, begeistert umjubelt vom Auditorium und mit einer erneuten „Standing Ovation“ belohnt.
Trotz seinen 70 Jahren performt er immer noch vor und nach der Pause je ca. 90 Minuten.
Eine unendlich erscheinende Karriere
Konstantin Wecker Foto Maximilian Lottmann
Über 50 Jahre schon bespielt Wecker die Bühnen Europas, gar der Welt und es macht nicht den Anschein, als ob er nächstens in Rente geht und sein spätes Familienidyll noch intensiver geniessen will. Unruhig unterwegs ist er noch immer. Vielleicht, Altersweisheit geschuldet, nicht mehr ganz so zornig, nicht aber weniger engagiert. Seinen Anhängern, meist im gleichen Alter geht es wohl ähnlich. Alt68er, von Utopisten zu Realisten mutiert, ohne ihre Träume zu verlieren oder Idealen abzuschwören. Wecker und Band interpretieren Song für Song, ergänzt durch des Meisters Anekdoten und Erinnerungen an musikalische Weggefährten, amüsante und ernste Begebenheiten, Lebensirrtümern, Irrwegen und Verfehlungen. Die späte Rückkehr auf den Pfad der Tugend, unterstützt von seiner damaligen Frau Annik, bereichert durch die beiden gemeinsamen Söhne.
Vielseitigkeit ist ein Markenzeichen von Konstantin Wecker
Konstantin Wecker Foto Annik Wecker
Er singt ja nicht nur seine Lieder. Er textete und komponierte auch für andere, wirkte als Schauspieler in vielen Gastrollen mit, komponierte Filmmusik, schrieb gar ganze Musicals, u.a., das Hundertwasser Musical, zusammen mit Christopher Franke das Musical Ludwig usw.. Seit dem Wintersemester 2007/2008 hat Wecker an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg einen offiziellen Lehrauftrag angenommen. Immer wieder engagiert er sich politisch und auch sozial an vorderster Front, wurde und ist eine Ikone der antifaschistischen Bewegung
Konstantin Wecker – Mercedes Sosa – Joan Baez – Ich singe weil ich ein Lied hab – Wien 1988:
ZKO,Opera Box: «La vie parisienne» von Jacques Offenbach Foto Thomas Entzeroth
Besetzung:
Andres Joho (Musikalische Leitung) Paul Suter (Regie) Zürcher Kammerorchester
Mit Violetta Radomirska, Christa Fleischmann, Jeanne Pascale, Mardi Byers, Anita Monti, Barbara Hensinger, Lynn Clea Ismail, Erich Bieri, Daniel Zihlmann, Erwin Hurni, Niklaus Rüegg, Jürg Krattinger, Samuel Zinsli u.v.m
Rezension:
Die Ouvertüre erklingt, der Pariser Gare de Lyon erweckt zum Leben. Es ist ein Kommen und Gehen, gehetzt und gestresst rasen verschiedenste Reisende durch die Bahnhofshalle. Keinen halben Meter daneben sitzt das Operetten-Publikum gespannt auf den Stühlen. Die Zuschauer sitzen auf der Bühne, die Darsteller und Darstellerinnen bewegen sich durch den Zuschauerraum.
«La vie parisienne», Szenenfoto von Thomas Entzeroth
Eine klare Trennung gibt es nicht mehr, die Bühne ist überall. Genau das ist auch das Ziel des Programms «Opera Box»: Den Zuschauer so gut wie möglich ins Geschehnis zu integrieren. So fällt es dem Publikum nicht schwer, sich in die Handlung hineinzuversetzen und Teil der Szenerie zu werden.
Nach Paris ergiessen sich die Massen
«La vie parisienne», Szenenfoto von Thomas Entzeroth
Schon im Foyer des ZKO-Haus fühlen sich die Gäste der französischen Hauptstadt nah. Begrüsst wird das Publikum nämlich von einem Akkordeonisten, der französische Chansons zum Besten gibt. Beim Betreten des Zuschauerraums erblickt das Publikum direkt das erste Szenenbild. Eine mit der Stadt Paris bemalte Leinwand lässt alle Klischees auf kunstvolle Art auferstehen und stimmt stilvoll auf die Performance ein. Die Operette von Jacques Offenbach wurde am 31. Oktober 1866 in Paris uraufgeführt und war ein grandioser Erfolg. In der Geschichte um die beiden Lebemänner Raoul de Gardefeu und Bobinet Chicard dreht sich alles um das weibliche Geschlecht.
«La vie parisienne», Szenenfoto von Thomas Entzeroth
Als der schwedische Baron mit seiner schönen Gattin nach Paris kommt, verschwenden die beiden keine Chance, um den Adligen an der Nase herumzuführen und die noble Pariser Gesellschaft auf den Kopf zu stellen. Eifersucht, Verführung, Feste, und Liebe sind unverzichtbare Bestandteile des Pariser Leben und werden ausgiebig zelebriert. Die Stimmung ist stets fröhlich und bunt, passende Choreographien unterstützen das flatterhafte und leichte Leben. Der frivole Unterton des Stückes wird scherzhaft dargestellt und somit verharmlost. Die stimmige Inszenierung bot immer wieder Grund für herzhaftes Lachen.
Entstaubte, durchgelüftete Inszenierung
«La vie parisienne», Szenenfoto von Thomas Entzeroth
Für die Inszenierung in Zürich wurde der alte Stoff abgestaubt, neu poliert und punktet mit aktuellen politischen Anspielungen und dem Einsatz zeitgenössischer Gadgets wie beispielsweise dem Smartphone. Der ursprünglich französische Text wird bei den Liedern beibehalten, die gesprochenen Dialoge sind eine bunte Mischung aus deutsch, englisch, französisch und schwedisch. Das Bühnenbild ist eindrücklich, besonders der letzte, ganz in weiss gehaltene, Akt bleibt in Erinnerung. Der Bühnenumbau wird in die Szenerie integriert und ermöglicht gewissermassen einen Blick hinter die Kulissen
Wonne, Frohsinn herrschet da!
«La vie parisienne», Szenenfoto von Thomas Entzeroth
Während drei Stunden durfte das Publikum eine bombastische Stimmung geniessen. Die Schauspieler und Schauspielerinnen übermittelten das sorgenfreie Pariser Leben in seinem heiterem Glanz und integrierte das Publikum humorvoll in die Handlung. Auch die musikalische Untermalung durch das Orchester soll nicht aussen vor gelassen werden. Mit knapp einem Dutzend Instrumentalisten lieferten das ZKO eine aussergewöhnliche Performance und brachte Offenbachs Werk malerisch und transparent zum Klingen. Andres Joho meisterte die anspruchsvolle Aufgabe, Sänger und Orchester zu koordinieren, vorzüglich und griff zwischendurch sogar selber in die Tasten, um den Chor zu unterstützen.
«La vie parisienne», Szenenfoto von Thomas Entzeroth
Nach dem grossen Schlussapplaus begibt sich das Publikum aufgeräumt in die kalte Schweizer Nacht. Aus einigen wenigen Mündern erklingen noch Melodien wie «In dieser Stadt mit ihren Reizen», und der eine oder andere plant bestimmt schon seinen nächsten Städtetrip nach Paris.
Die Newa ist ein Strom, der den -Ladogasee mit der Ostsee verbindet. Auf seinem Weg fliesst er durch St. Petersburg. Mit dem Newa Trio begibt sich der Klarinettist und Saxophonist Francis Petter auf eine musikalische Ahnenforschung. Die Musik des Trios bewegt sich im Fluss zwischen Volksmusik und freier Improvisation, zwischen «russischer» Melancholie und Klangforschung am Geräusch, zwischen atemberaubender Stille und ohrenbetäubendem Lärm – ein stimmungsvoller Ausklang von «Art&Jazz».
Besetzung: Francis Petter as, cl Andreas Gut, acc Jacques Widmer, dr
Knox wie immer auf dem Weg nach oben
Sehr viel Publikum vermochte auch die letzte Veranstaltung des Projektes „World Wide Willisau“ zu mobilisieren. Das, von Paul Tschopp initiierte „World Wide Willisau“, ist eine Hommage an und mit Niklaus „Knox“ Troxler in Form einer Retrospektive. Seit der Vernissage am 19. August 2017 fanden viele verschiedene Veranstaltungen an diversen Standpunkten und Örtlichkeiten statt, von den Open Air Plakatausstellungen auf zwei Surseer Plätzen, über die, von Sarah Zeller kuratierte, Ausstellung im Sankt Urbanhof, bis zu Konzerten etablierter Grössen und hoffnungsvollen, jungen Talenten der Musikszene. Mittendrin und immer für jedermann zugänglich, der weltbekannte, trotzdem geerdete Artdesigner, Künstler und Jazzfestival Gründer Knox. Im Aebtesaal des Sankt Urbanhofes, begrüsste zuerst Sara Zeller das Publikum, welches dann auch noch von Annelies Strobel (Stiftung Soomehuus Sursee) willkommen geheissen wurde. Ebenso richtete Ex Stadträtin und Stiftungsratspräsidentin des Stadtmuseums, Ruth Balmer, Grussworte aus und bedankte sich beim Künstler und den Organisatoren für deren Engagement.
Starker Auftritt des «Newa Trio» im Aebtesaal
Sara Zeller, Kuratorin links und Annelies Strobel, Stiftung Somehuus, hiessen die Gäste willkommen
Dann standen aber drei andere für die nächste halbe Stunde im Mittelpunkt. Francis Petter und sein «Newa Trio» hatten ihre Instrumente bereits installiert und der Bandleader kündigte an, welche Stücke gespielt würden. Da Vorfahren von Petter russische Wurzeln hatten, war es naheliegend, dass beim folgenden Set die russische Seele, bzw. deren musikalische Umsetzung, eine tragende Rolle spielen würde. Er unterliess es auch nicht, die Laufrichtung der „Newa“ richtig zu stellen, da diese nicht, wie Annelies Strobel erklärt hatte, von der Ostsee nach Sankt Petersburg fliesst, sondern umgekehrt.
Das Newa Trio ist startklar
Nachdem auch noch gesagt war, wie die ersten drei Lieder heissen, legte das Trio auch schon los. Mal waren es fast vertraute Töne auf der Basis russischer Volkslieder, mal auch schon fast tonale Ausflüge ins Luzerner Hinterland an das Willisau Jazz Festival. Dem Auditorium gefiel beides ausnehmend. Es waren so viele Besucher anwesend, dass sogar stehend Musik vom Allerfeinsten genossen wurde, selbst auf dem Gang vor den Saal.
Francis Petter beherrscht auch ein ungewöhnliches Instrument perfekt
Viele gutgelaunte Besucher sind erwartungsfreudig
Der Bandleader erläuterte noch, welche Instrumente er heute spiele, u.a., ein Tàrogatò (das sogenannte Rebelleninstrument aus Ungarn),das wie eine Klarinette aussehe, ähnlich töne, seines sei zudem ein sehr altes, nämlich Baujahr 1927. Ebenso kompetent entlockte er seinem Tenorsaxophon Töne, manchmal, was Knox sicherlich gefallen hat, sehr schräge, mal auch sphärische. Zwischendurch hörte man aber auch vertrautere Klänge, wenn Andreas Gut auf dem Akkordeon russische Weisen antönte, die Francis Petter dann ausmodelierte, der Improvisation freien Lauf liess, unterstützt auch vom souveränen Jacques Widmer am Schlagzeug. Besonders eindrücklich die Eigenkomposition Suburbia Nr. 3, welche im sehr ungewöhnlichen 11/8 Takt daherkommt. Die Musiker wussten das Publikum zu fesseln mit ihrem ausgereiften und dennoch frischen Stil, technisch perfekt, spielfreudig, überraschend. Nach ca. 30 Minuten war leider schon Schluss, eine fulminante Zugabe erklatschte sich das Publikum aber doch noch vehement.
Niklaus Troxler genannt Knox
„Knox“ liess es sich nicht nehmen, seinerseits den Organisatoren zu danken, zeigte sich sehr erfreut über den Zuspruch während der letzten fünf Monate, die interessanten Treffen mit alten Bekannten und Neuinteressierten und zitierte zum Ende noch Peter Bichsel mit dessen Bonmot: „Sich treffen ist Kultur“. Zum Abschluss lud das Organisationkomitee noch zu einem Umtrunk in der Cafeteria, Gelegenheit, sich noch auszutauschen, gar ein paar Worte mit Niklaus Troxler zu wechseln, der sich unkompliziert unters „gewöhnliche“ Volk mischte.
Fazit:
Jemand muss die Kunstwerke von Knox ja bewachen
Ein äusserst gelungener Abschluss des Surseer Kunsthighlight der Jahre 2017 und 2018. Schön wäre es, wenn man die immer gleichen Personen, die nur anwesend sind, wenn, die von ihnen so geschätzte Kultur, nichts kostet, d. die Veranstaltung kostenlos ist, auch mal dann begrüssen könnte, wenn man halt ein Zehnernötli oder es bitzeli meh für Kultur aus dem gutgehüteten Portemonnaie klauben darf (muss).
Trailer über World wide Willisau
Kleine Fotodiashow des Events von Urs Hubacher, Kleintheater Somehuus Sursee: