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Vernissage «World Wide Willisau-Retrospektive Niklaus Troxler» Sursee, 19. August 2017, besucht von Léonard Wüst

Kuratorin Sara Zeller begrüsst Niklaus (Knox) Troxler im Garten des Sankt Urbanhofes Sursee
Kuratorin Sara Zeller begrüsst Niklaus (Knox) Troxler im Garten des Sankt Urbanhofes Sursee

Voller Theatersaal mit begeisterten Zuhörern

Irène Schweizer und Pierre Favre
Irène Schweizer und Pierre Favre

Sie klangzaubern noch immer, als wär die Zeit stehen geblieben, die wohl grössten Ikonen der schweizerischen Jazzszene, die Pianistin Irène Schweizer (*1941) und der Perkussionist Pierre Favre.(*1937), die übrigens, als sie für die Firma Paiste in Nottwil tätig waren, von 1967 bis 1971 beide in Sursee lebten, der Region, aber natürlich besonders auch Niklaus Troxler, dem Gründer des Jazz Festivals Willisau  und damit auch Pionier und Wegbereiter für viele Schweizer Jazzmusiker, immer noch eng verbunden sind. Während dieser Zeit gründete Pierre Favre sein Trio, in dem auch Irène Schweizer mitspielte. Jenes Trio bedeutete dann in Willisau 1968 den Wendepunkt zum Freien Jazz.

Und dieser Niklaus Troxler, liebevoll „Knox“ genannt und mittlerweile weltweit unter diesem Namen bekannt, war ja der Grund für dieses, von der Stiftung Somehuus Sursee initiierten und organisierten Gratiskonzertes, für das die Stiftung Stadttheater Sursee ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellte.

Vorgängig traf man sich in den Räumlichkeiten des Surseer Stadtmuseums Sankt Urbanhof zur Vernissage «World Wide Willisau-Retrospektive Niklaus Troxler».

Anwesend waren, nebst Gastgebern und Geehrtem, viel lokale und regionale Prominenz, Weggefährtinnen, dazu die üblichen Verdächtigen und natürlich auch die „Adabeis“.

Warum einem fremden Fötzel aus dem Luzerner Hinterland im doch weit bedeutenderen Bauchnabel der Luzerner Landschaft, dem auch  „Versailles von Luzern“ genannten Sursee, so viel Ehre zuteil wurde sei kurz geschildert.

Vorgeschichte:

Somehuus Stiftungsräte von links nach rechts Simon Lipp, Brigitte Buchs, Kurt Schäfer, Emil W. Scherer, Annelies Strobel, Hanspeter Stalder, Lisa Birrer, Paul Tschopp, Edith Budmiger
Somehuus Stiftungsräte von links nach rechts Simon Lipp, Brigitte Buchs, Kurt Schäfer, Emil W. Scherer, Annelies Strobel, Hanspeter Stalder, Lisa Birrer, Paul Tschopp, Edith Budmiger

Als im Jahre 1992 die Renovation des Kleintheaters „Soomehuus“ in Sursee anstand, brachte Werner R. Hess, damaliger Besitzer des Hauses, die Idee aufs Tapet, den, auch in Sursee sehr bekannten, Grafiker und Künstler „Knox“ aus Willisau anzufragen, ob er willens sei, die Fassade des Soomehuusgebäudes neu zu gestalten. Dieser zeigte sich willens und bereit, diese Aufgabe wahr zu nehmen. Seitdem ist dieses, so speziell individuell bemalte Gebäude ein absoluter Hingucker und aus der preisgekrönten Sorser Altstadt nicht mehr wegzudenken. Gestaltet von der Persönlichkeit „Knox“, der als erster noch lebender Schweizer Künstler im MOMA (Museum of Modern Art) in New York ausgestellt wurde. (Was dem MOMA gut genug ist, ist dem Sorser grad recht)

Landläufig heisst es ja bekanntlich: Viele Köche verderben den Brei!

Im Gegenteil kann man aber hier sagen: Wenn in Sursee Stiftungen sich gegenseitig anstiften, kommt es gut, gar sehr gut heraus! ( massgeblich beteiligt an der Retrospektive sind die Stiftung Somehuus, die Stiftung Sankt Urbanhof Sursee, die Stiftung Stadttheater Sursee, dazu die Stadt Sursee, die Stadt Willisau, das Kulturwerk 118 Sursee und die Kantonsschule Sursee)

Und etwas ganz besonders Erfreuliches: Niklaus „Knox“ Troxler ist einer der wenigen Propheten, der auch im eigenen Land etwas gilt, dem verdiente Anerkennung widerfährt und der auch hierzulande Wert geschätzt wird und „nicht bloss“ in der übrigen ganzen Welt.

Start der Vernissage im Sankt Urbanhof

Die Vernissage im Sankturbanhof Sursee war der Auftakt zu den vielfältigen Veranstaltungen vonArt&Jazz. Gleichzeitig wurden auch die Ausstellungen im öffentlichen Raum und im Somehuus eröffnet.

Programm der Vernissage:

Begrüssung: Paul Tschopp, Stiftungsrat Somehuus Sursee

Grusswort der Stadt Sursee: Heidi Schilliger Menz, Stadträtin, Sursee

Grussworte des Städtchen Willisau: Irma Schwegler-Graber, Stadträtin, Willisau

Würdigung:Thomas K.J. Mejer, Musiker, Dozent Hochschule Luzern, Archivar Jazzarchiv Willisau

Einführung in die Ausstellung:Sara Zeller, Kuratorin

Mit launigen Worten, gewürzt mit manch persönlichen Anekdoten, taten alle Rednerinnen ihrer Freude kund, über diesen Höhepunkt des diesjährigen Surseer Kulturjahres.

Die Initianten haben ein, mit vielen Rosinen gespicktes Programm, auf die Beine gestellt, das noch bis in den Winter hinein dauert. Wer also an der Vernissage nicht dabei sein konnte, dem bleibt ausreichend Zeit und Gelegenheit, noch die Ausstellungen oder das eine oder andere Konzert zu besuchen. Die Aktivitäten sind auf der Homepage des „Somehuus“ ebenso aufgelistet, wie auf derjenigen des „Sankt Urbanhofes“ und über unten eingefügte Links erreichbar.

Ech wetz scho säge: Schwach, ja gar beschämend, dass fast keine Sorser Künstler anwesend waren, um ihrem, halt etwas bekannteren Kollegen, die Ehre zu erwiesen.

World Wide Willisau - Retrospektive Niklaus Troxler
World Wide Willisau - Retrospektive Niklaus Troxler

Nach all den Begrüssungsansprachen widmete man sich dem Aperitif und dem Small Talk, bei dem sich „Knox“ unter die Leute mischte und mit jedem ein paar Worte wechselte, sympathisch, trotz Welterfolgen nicht abgehoben, geerdet wie vor 50 Jahren, als alles begann, seis mit der Kunst und, oder der Musik. Die Leidenschaft für beides ist ihm immer noch eigens, wenn er jetzt, mit eben erreichten 70 Jahren,  auch etwas kürzer tritt. So hat er vor ein paar Jahren die Leitung des Jazz Festivals Willisau an seinen Neffen Arno abgegeben, was ihm doch erlaubt, seinen Unruhestand etwas intensiver zu geniessen und statt in der „wide world“, mal im der „small town“ Sursee vorbei zu schauen. Anschliessend dislozierte man ins Stadttheater zum eingangs beschriebenen Konzert.

Impressionen der Vernissage «World Wide Willisau-Retrospektive Niklaus Troxler» Sursee, 19. August 2017 von Annelis Strobel

fotogalerien.wordpress.com/2017/08/22/impressionen-der-vernissage-world-wide-willisau-retrospektive-niklaus-troxler-sursee-19-august-2017/

Trailer über World wide Willisau

www.arttv.ch/kunst/sankturbanhof-sursee-world-wide-willisau/

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: Annelis Strobel und Urs Hubacher

www.troxlerart.ch

www.jazzfestivalwillisau.ch

www.somehuus.ch www.stadttheater-sursee.ch/willkommen

www.sankturbanhof.ch/cms/website.php 

www.facebook.com/Kulturwerk118/

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Sinfoniekonzert 10 Shanghai Symphony Orchestra, Di Long Yu Dirigent, Maxim Vengerov Violine, 20. August 2017, besucht von Peter Meyer

hanghai Symphony Orchestra
hanghai Symphony Orchestra

Besetzung und Programm:

Long Yu  Dirigent
Aaron Avshalomov (1894–1965)
Hutongs of Peking
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893)
Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35
Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47

 

Rezension:

Hutongs of Peking, eine selten gespielte musikalische Dichtung

Long Yu  Dirigent
Long Yu Dirigent

Die selten gespielte musikalische Dichtung Hutongs of Peking (1930/31) von Aaron Avshalomov ist die Hommage eines russischen Komponisten an das Leben in den alten Gassen der chinesischen Hauptstadt. Das Werk war in verschiedener Hinsicht ein passender Auftakt im Rahmen des Themas „Identität“ des Lucerne Festivals. Avshalomov, der 1894 geborene Sohn kaukasischer Juden, wuchs in Nikolajewsk am Amur, weit im Osten Sibiriens auf. Nach seiner Studienzeit am Konservatorium in Zürich und einem Zwischenhalt in den USA lebte er lange Zeit in China, wo er sich mit der traditionellen chinesischen Musik auseinander setzte. In den 1940er Jahren war er Chefdirigent des Städtischen Orchesters Shanghai. Hutongs of Peking ist eine musikalische Betrachtung des asiatischen Lebens, jedoch ganz aus dem Blickwinkel einer westlich-romanischen Symphonik. Es war passend, dass am Konzert gerade das Schanghai Symphony Orchestra unter der Leitung von Long Yu, die musikalische Dichtung im Rahmen eines russischen Programms spielte. Das Orchester entwickelte eine gewaltige Steigerung aus einem Piano heraus. Wuchtige, an russische Symphonik erinnernde Bläsersätze, unterstützten Kantilenen der Geigen, welche in Ganztonskalen den Charakter chinesischer Musik vermittelten. Klangflächen wurden prägnante Rhythmen mit besonderen Instrumenten wie Gongs und Becken entgegengesetzt. Schliesslich verklang die Tonmalerei in einem Piano. Die interessante Kombination musikalischer Elemente wirkte wie eine Reise in eine exotische Welt, erinnerte an westliche Orchestermusik für einen asiatischen Film, aus heutiger Sicht war die Wirkung ein wenig plakativ.

 

Maxim Vengerov spielte Tschaikowsky grossartig

Maxim Vengerov  Solist Violine
Maxim Vengerov Solist Violine

Das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 schrieb Pjotr Iljitsch Tschaikowsky nach einem psychischem Zusammenbruch im Jahr 1878 in Clarens am Genfersee, wo er sich zur Erholung befand. Der durchaus glückliche, ja sogar euphorisch gestimmte Grundtenor, der den Charakter des Violinkonzerts ausmacht, zeigt, dass Tschaikowsky während des Komponierens – das Werk entstand innerhalb nur weniger Wochen – seine Lebensfreude wieder gefunden hatte. Nach wenig Akzeptanz bei der Uraufführung gehört es heute zu den beliebtesten und meistgespielten Instrumentalstücken der klassischen Musikliteratur. Die Interpretation von Maxim Vengerov in Zusammenarbeit mit dem Shanghai Symphony Orchestra wurde mit Spannung erwartet.

Trotz aller hohen Erwartungen überraschte Vengerov durch Präsenz, Klangschönheit und den Klangreichtum, den er seiner Stradivari zu entlocken verstand. Sein Spiel war dynamisch und auch die filigranen Passagen waren im ausverkauften KKL gut hörbar, trotz Grösse des Orchesters. Sein Spiel, mal süss, mal zart, mal kraftvoll, überzeugte jeden Moment. Der Kadenz im ersten Satz fügte Vengerov eigene Noten hinzu. Diese und der darauf folgende Einsatz des Orchesters mit der Kantilene der Querflöte waren bewegende Momente. Leider wurden die zahlreichen musikalischen Impulse Vengerovs von Dirigent und Orchester wenig aufgenommen. Die Streicher klangen über lange Strecken dumpf und die Begleitung des Orchesters liess Dynamik und ein bewegliches Zusammenspiel vermissen. Trotzdem war das Violinkonzert ein Erlebnis, welches das Publikum mit stehendem Applaus dankte.

Shostakovitch regt zum Nachdenken an

In der Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47 von Shostakovich schlugen das Schanghai Symphony Orchestra unter der Leitung von Long Yu ein neues Kapitel auf. Im Allegretto, welches reich an Stimmungen, filigranen, auch klein besetzten Passagen und raffinierten Rubati ist, blühten Dirigent und Orchester mit einem Mal auf. Die Musik begann zu atmen, der zuvor bisweilen unflexible Klang war verschwunden, er wurde mit einem Mal sinnlich, mit Tiefe versehen, ohne der Struktur der Musik zu schaden. Das Largo folgte innig, expressiv und bewegend, schuf so einen drastischen Kontrast zum folgenden Allegro non troppo. Die Aktualität der Musik wurde dem Zuhörer bewusst und auch die Wichtigkeit von Shostakovich’s musikalischer Rede in der Gegenwart. Die Musik ist in ihrer Doppelbödigkeit mit keinem Ton geeignet ein autoritäres Regime zu glorifizieren. Der vermeintliche Jubel entpuppt sich als erzwungen. Shostakovich schrieb: „Das ist doch keine Apotheose. Man muss schon ein kompletter Trottel sein, dies nicht zu hören.“

Shostakovitch’s bedeutungsvolle und berückende Musik und die Zugabe eines instrumental gespielten chinesischen Volksliedes, mit dem das Orchester das Programm abrundete, wurden vom Publikum begeistert aufgenommen und mit stehenden Applaus verdankt.

Text: Peter Meyer  Fotos: www.lucernefestival.ch

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Sinfoniekonzert 7 LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA, Riccardo Chailly Dirigent, 18. August 2017, besucht von Léonard Wüst

LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA c Priska Ketterer
LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA c Priska Ketterer

Besetzung und Programm:

LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA

Riccardo Chailly  Dirigent

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
Ouvertüre und Auszüge aus der Bühnenmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum opp. 21 und 61
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893)
Manfred-Sinfonie h-Moll op. 58

 

Rezension:

Riccardo Chailly steht mitten in seiner zweiten Saison als Leiter des Lucerne Festival Orchestra und ist, wie man hört, angekommen, geschätzt und unumstritten. Dass er nicht nur das Werk seines Ziehvaters Claudio Abbado fortführt, sondern auch starke eigene Akzente setzt, zeigte das diesjährige Eröffnungskonzert, wo er, zum allgemeinen Erstaunen, ein reines Richard Strauss Konzert darbot (Also sprach Zarathustra, Tod und Verklärung, Till Eulenspiegels lustige Streiche). Vielleicht lebte er so das Motto des diesjährigen Festivals, das schlicht „Identität“ heisst. Chailly erläuterte einmal in einem Gespräch über die Zukunft des Orchesters, er wolle Werke anderer, weniger gespielten Komponisten aufführen als sein Vorgänger, dessen Mahler-Zyklus er letztes Jahr mit der ‘Symphonie der Tausend’ (Chailly widmete diese Claudio Abbado), aber vervollständigte und so dessen Vision umsetzte, die dieser mit dem ‘Lucerne Festival Orchestra’ selbst nicht zu Ende führen konnte.

Folgerichtig stand mit Mendelssohns „Sommernachtstraum“ ein leichteres, mit Tschaikowskys „Manfred Sinfonie“ ein eher düsteres Werk auf dem Programm.

Das Publikum begrüsste den Dirigenten mit viel Applaus, gar Bravorufen, als er die Bühne betrat und sich zu seinem Orchester gesellte.

Der Geniestreich des 17 jährigen Felix Mendelssohn

Am 4. Juli 1826 teilte Felix Mendelssohn seiner Schwester Fanny schriftlich mit: heute oder morgen will ich „midsummernight`s dream“ zu träumen anfangen. So komponierte er die Ouvertüre vom 6. Juli bis 28. August, während die 13 Nummern umfassende Bühnenmusik erst 17 Jahre später entstand. Diese dann im Auftrag von König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen, während Mendelssohns Amtszeit als Generalmusikdirektor in Berlin.

Die musikalische Geschichte von Elfen und Liebenden

Riccardo Chailly, Dirigent c Priska Ketterer
Riccardo Chailly, Dirigent c Priska Ketterer

Beginnend mit dem luftigen Klangzauber der Elfenmusik mündet die Ouvertüre ins massiv strahlende, fast etwas herrisch interpretiert, bis die Bläser die aufgebrachte Streichersektion wieder beruhigen und sich alles harmonisch vereint. Im folgenden Scherzo lässt der Dirigent die Streicher eingangs hüpfen, rhythmisch harmonisch das Motiv aufbauen, bevor die G Moll Tonart auch etwas bedrohlichere Töne hervorbringt, schliesslich sind auch Elfen nicht immer nur freundlich gesinnt. Das darauffolgende „Intermezzo“ versinnbildlicht die Irrungen und Wirrungen der Liebenden in fast Schumann`scher Melodik und mutet recht simpel an. Dies im Gegensatz zum romantischen „Notturno“ das sphärisch dicht das Innenleben der Liebenden widergibt, bis sich bei der Hochzeit von Theseus und Hippolyta im „Hochzeitsmarsch“ alles entlädt.

Ein gefundenes Fressen in Form von Tönen für die Trompeter um Reinhold Friedrich und die andern Bläser dieser „Marsch“, den Chailly majestätisch durch den Konzertsaal paradieren lässt und bei dem das Orchester aus den Vollen schöpfen kann. Das Auditorium beklatschte diese Demonstration heftig, durchsetzt mit einzelnen Bravorufen und beorderte so den Dirigenten noch einige Male auf die Bühne zurück. Sonderapplause gab es dann auch noch für die einzelnen Sektionen, also Bläser, Schlagwerke, Streicher abgerundet nochmals von einem Applaus fürs Gesamtorchester.

 

Tschaikowskys „Manfred Sinfonie“ im zweiten Konzertteil

Der Komponist hatte ein zutiefst gespaltenes Verhältnis zum Stoff von George Gordon Lord Byron, das in vollständiger Form erstmals im Juni 1817 erschien. Es zählt zu den wichtigsten Werken nicht nur Byrons, sondern der ganzen Romantik.

Die Grobskizzierung zu „Manfred“ erstellte Tschaikowsky anlässlich des Besuches seines schwer lungenerkrankten Freundes und ehemaligen Geliebten Jossif Kotek auf dem „Zauberberg“ in Davos. Erst im April 1885 dislozierte er in sein Sommerhaus in Maidanowo bei Klin und begann mit der Arbeit an der Sinfonie, zu der ihn sein Kollege Mili Balakirew bereits im Herbst 1882 angeregt hatte. Dieses intensive Schaffen dauerte bis im September, dann war das Werk fertig und wurde am 11. März 1886 in Moskau uraufgeführt. Diese Zerrissenheit des Komponisten widerspiegelt sich in der gesamten Partitur und folgt nicht unbedingt genau der Vorlage. So gestaltete er für das Finale eine religiöse Bedeutung und der Tod Manfreds wird umgedeutet. Viel weist darauf hin, dass Tschaikowsky sich mit dieser Auslegung selbst eine Art Absolution erteilen will, gab er sich doch an vielem eine Mitschuld, was in seiner nahen Umgebung traurig dramatisches geschehen war. ( zum Beispiel der Tod von Eduard Sack, eines ehemaligen Schülers, der sich mit 19 Jahren das Leben nahm)

Präzisionsarbeit in höchster Vollendung

Es gelang Riccardo Chailly, diese Nuancen heraus zu arbeiten, ohne die Dramatik zu überreizen. Zu Beginn verleiht das dunkle Leitmotiv mit den Dissonanzen dem Helden die musikalische Identität, die fast schmerzlich herausmodelliert wird, bevor sich eine expressive Phrase voller Streicher und eine obsessiv kreisend bohrende Triolenfigur dazu fügt. Der Chefdirigent verfügt mit dem „Lucerne Festival Orchestra“ über einen einmaligen, kongenialen Klangkörper, der die Intuitionen des Chefs eins zu eins umzusetzen weiss, sei es im Gesamtbild, wie auch in Solopassagen, wo sich besonders die Bläser in Szene setzen konnten und brillierten. In den bildhaft breit ausgemalten Mittelsätzen schälte Chailly gar die Harfen fein heraus, ohne dass sich das Orchester zu sehr zurücknehmen musste. Präzisionsarbeit in Vollendung. Eindrücklich das Finale mit den Orgelklängen die Tschaikowsky als eine Art Fanal dem Orchester zufügte.

Das Auditorium würdigte die Protagonisten mit langanhaltendem stürmischen Applaus und einzelnen Rufen wie. Bravo Maestro! Zu einer „Standing Ovation“ reichte es aber nicht ganz.

 Fazit des Konzertes in Bezug zum angestrebten  Richtungswechsel

Ein sehr schönes, solides und ausgewogenes Konzert, aber (noch) nicht das berauschende Erlebnis mit dem Aha Effekt. Man wird sehen, vor allem hören, ob Chailly und das Orchester es unbeschadet schaffen, diese Neuausrichtung voll und schlussendlich erfolgreich durchzuziehen. Die Voraussetzungen dafür sind vielversprechend, ist doch das treue Lucerne Festival Publikum immer offen für Neues, aufgeschlossen und neugierig gegenüber Innovationen, zumindest solange diese nicht total revolutionär oder gar verstörend sind.

Die bewährten Klassiker fallen ja nicht aus dem Festival Programm, sondern werden weiterhin von Gastorchestern immer noch interpretiert. So ist halt jeder auf der Suche nach seiner Identität, die im Falle des Lucerne Festival Orchestra eine etwas neue vielschichtigere werden soll. Später wird man sehen, vielmehr hören, ob es Riccardo Chailly gelingt, seine Mitmusiker auf den, von ihm angestrebten differenzierten Weg zu führen und so, nach der „Ära Abbado“, eine „Ära Chailly“ zu etablieren. Die Akzente sind gesetzt, die Fixpunkte klar markiert, die Duftmarke platziert. Bleibt abzuwarten, ob die Lucerne Festival Academy unter seinen Leitern Wolfgang Rihm und Matthias Pintscher den Intentionen des Maestro folgt und ihre Musiker mit entsprechenden Werken so vorbereitet, dass später eine nahtlose Integration gewährleitet ist. Spätestens in Derr nächsten, also dritten Saison, wird Riccardo Chailly die Karten ganz auf den Tisch legen müssen, ober er den totalen Umbruch will, oder zwischendurch sicherheitshalber doch ab und zu auf altbewährtes zurückgreift.

 

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Sinfoniekonzert 3 Festival Strings Lucerne, Leitung Daniel Dodds, Solist Sir James Galway, 14. August 2017, besucht von Léonard Wüst

Festival Strings Lucerne c Emanuela Ammon
Festival Strings Lucerne c Emanuela Ammon

Besetzung und Programm:

Daniel Dodds  Violine und Musikalische Leitung

40. Luzerner Bühnenjubiläum von Sir James Galway

Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791)
Sinfonie A-Dur KV 201 (186a)
Flötenkonzert D-Dur KV 314 (285d)
Jean Sibelius (1865–1957)
Suite aus Pelléas und Mélisande op. 46

 

Rezension:

Die Festival Strings Lucerne, als zweites Hausorchester, nebst dem Residenzorchester KKL Luzern (das bis letztes Jahr Luzerner Sinfonieorchester hiess), werden vom Publikum immer sehr herzlich empfangen, das war auch diesmal nicht anders. Ihr Chef, Daniel Dodds, erhob sich nur kurz, um die Instrumente lupenrein stimmen zu lassen und setzte sich dann, leitete sein Orchester also sitzend, seine Anweisungen mittels Augenkontakt und Körpereinsatz vermittelnd.

Gestartet wurde mit Mozarts Sinfonie A-Dur, die dieser bereits im jugendlichen Alter von 18 Jahren komponiert hatte. Gewohnt feinfühlig, dennoch bestimmt führte Daniel Dodds seine Mitmusiker durch die vier Sätze. Der erste Satz bedient sich der Sonatenform (Exposition – Durchführung – Reprise) und beginnt mit einem von den Streichern vorgetragenen Oktavensprung und – was damals noch ganz ungewöhnlich war – im Piano. Sobald das Orchester im Forte spielt, kommen die Bläser dazu: Zwei Hörner und zwei Oboen. Auch der zweite Satz ist in Sonatenform und wird von den Streichern mit aufgesetzten Dämpfern gespielt. Die Bläser kommen dabei nur wenig zum Einsatz. Das Menuett ist durch seine marschartigen Rhythmen in punktierten Vierteln gekennzeichnet, wobei sich Streicher und Bläser gegenseitig abwechseln. Auch beim im 6/8 Takt gehaltenen energischen vierten Satz ist erneut die Sonatenform erkennbar, wobei die Oktavensprünge des ersten Satzes wieder aufgenommen werden Die zeitweise opulente Dramatik gipfelte in den «durch Pausen abgesetzten Ketten von Sechzehnteln im Staccato», die das Publikum damals „Raketen“ nannte, die zügig ausgespielt wurden.. Eines der herausragenden Werke aus Mozarts frühem Schaffen wurde von den „Strings“ perfekt zelebriert, wofür sie einen langanhaltenden stürmischen Applaus des Publikums ernten durften.

Mozarts ambivalentes Verhältnis zur Flöte

Der Komponist schrieb seinem Vater am 14. Februar 1778 aus Mannheim, als er den Auftrag des holländischen Arztes Ferdinand Dejean zur Komposition einiger Werke für Flöte angenommen hatte, dass er nur widerwillig ein Werk schreibe, für ein Instrument, das er nicht leiden könne. Vereinbart war ein Honorar von 200 Gulden, das dann von Dejean auf 96 reduziert wurde, da er mit der „Lieferung“ unzufrieden war. Dies zum Verdruss des geschäftstüchtigen Leopold Mozart. Die Werke waren alles andere als leicht, wie dies vom Amateurflötenspieler Dejean bestellt war und zudem nicht eigens für diesen komponiert. Dies alles hinderte aber Mozart nicht, 14 Jahre später mit der Komposition der „Zauberflöte“, einem Meisterwerk der Musikgeschichte, genau diesem Instrument ein Denkmal zu setzen.

Zitat ab Homepage des Lucerne Festivals Hätte Mozart Galway gekannt, hätte er sicher mehr als nur zwei Konzerte für das Instrument geschrieben. Denn Sir James bezaubert mit erlesenem Ton, makelloser Technik, musikalischem Tiefgang und funkensprühendem Temperament.

Der Auftritt des Meisters der Querflöte

Sir James Galway  Solist Flöte
Sir James Galway Solist Flöte

Für eines dieser Werke, das Flötenkonzert D-Dur, betrat nun der Solist des Abends, Sir James Galway, gekleidet in schwarzer Hose, weissem, glitzernden Jackett, garniert mit bordeauxroter Krawatte und gleichfarbigem Einstecktuch, die Bühne. Auch die Leitung dieses Werkes absolvierte Dodds sitzend. Dies ist ja auch bequemer, wenn man dazu noch Konzertmeister ist, also die erste Geige spielt.

Die Festival Strings Lucerne und Sir James Galway an der Flöte harmonierten im KKL prächtig.  Bild Peter Fischli  Lucerne Festival
Die Festival Strings Lucerne und Sir James Galway an der Flöte harmonierten im KKL prächtig. Bild Peter Fischli Lucerne Festival

Galway deponierte noch das, dem Einrollen der Flöte dienende blaue Tuch auf dem Notenständer von Dodds und stellte sich, die Flöte angesetzt, neben diesen. Auch nach all den Jahren hat Galway den gleichen feinen Ansatz, bezaubert immer noch mit der Brillanz in hohen Lagen, nimmt das Orchester mit, diktiert das Tempo, tremoliert sich durch die Partitur, filigranste Fingertechnik demonstrierend. Selbst wenn er sich im Rahmen bewegt, klingt es oft improvisiert, was aus jeder Komposition irgendwie einen „Original Galway“ macht. Auch dass er dabei noch Zeit findet, mit dem Publikum zu flirten, machen seine Auftritte so einmalig. Die Begeisterung brach sich denn auch mit einem Applausorkan Bahn, den er nach einiger Zeit durch Gesten zum Abbrechen brachte indem er unvermittelt die erste Zugabe mit «Bardinerie» aus Bachs zweiter Orchestersuite folgen liess, die das Auditorium zu noch mehr Applaus anspornte. Zweite Zugabe nach nicht enden wollendem Applaus noch eine irisch angehauchte, schalkhafte Improvisation auf einer kleinen irischen Flöte (einem Piccolo nicht unähnlich), einem Instrument, das er ebenso meisterhaft beherrscht wie die Querflöte. Auch danach erhielt d Der Solist wieder begeisterten Applaus, zu einer stehenden Ovation hats aber nicht ganz gereicht.

Heimspiel für Sir James, «dem Mann mit der goldenen Flöte»

Der gebürtige Nordire(*1939) James Galway wohnt mit seiner Frau schon seit sehr langer Zeit in Meggen, einer Luzerner Nachbargemeinde. So war sein Auftritt also ein veritables Heimspiel. Besonders schön, dass er damit gleichzeitig auch sein 40jähriges Bühnenjubiläum am Lucerne Festival feiern konnte feiern konnte, an dem er 1977 debütierte.

Bereits mit zwölf Jahren gewann Galway die ersten musikalischen Preise, danach arbeitete er als Klavierstimmer, bevor ein Stipendium ihm das Studium am Royal College of Music ermöglichte, dem weitere Studienaufenthalte an der Londoner Guildhall School und am Pariser Konservatorium folgten. Er war der erste, der als Flötist nicht fix bei einem Orchester engagiert war, sondern von Anfang an auf eine Karriere als Solist setzte.

 

Im zweiten Konzertteil ein Werk eines nordischen Musikgottes (Jean Sibelius)

Mit der Suite aus «Pelléas et Mélisande» von Jean Sibelius, die aus acht kurzen Sätzen besteht, tauchte man in die Märchenwelt dieser geheimnisvollen, identitätslosen Frau ein. Schwebend gestaltete das Englischhorn wehklagend die düstere Melodie der Mélisande, die sich im finsteren Schloss verloren fühlt. In dem Satz «Mélisande am Spinnrad» wurde durch die ständig schnurrende Bewegung in den Bratschen und die vorwärtsdrängenden Themen der Holzbläser die unheimliche Stimmung verstärkt. Sibelius hat auch viele Sequenzen in die Partitur geschrieben, in denen die Celli gezupft, nicht gestrichen werden, was den Klang noch dunkler und geheimnisvoller macht. Die Pausen zwischen den Sätzen etwas lang und man wurde zwischen tragischer Schwere und tänzerischer Leichtigkeit hin- und hergerissen. Gut vorstellbar, dass die Komponisten der Filmmusik zu den skandinavischen Kriminalfilmen, sich von diesen düsteren Motiven inspirieren lassen. Der Aufbau der Komposition,  sowie deren Klangfarbe, erzeugen den Hauch Melancholie, die der nordischen Musik eigen zu sein scheint und die den Zuhörer unmittelbar berührt, gar aufwühlt. Wenn das Werk dann noch so intensiv gefühlvoll interpretiert wird, wie hier durch die „Strings“, ist das Publikum begeistert und feiert die Protagonisten dementsprechend und belohnte sie mit stürmischem, langanhaltendem Applaus.

Als Zugabe nochmals Sibelius. Die «Valse ­Triste»  wurde in der Interpretation von Dodds und den Festival Strings zum emotionalen Höhepunkt, in dem die tiefe Klangdichte in allen Nuancen ausgereizt wurde. Wie die Strings aus dem Fundament des Themas in fast verträumte Walzerseligkeit wechselten und sanft in den Anfang zurückfanden, war absolute Weltklasse. Das dankbare Publikum feierte die Protagonisten denn auch mit wahren Applauskaskaden

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch www.festivalstringslucerne.org/de/home

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