José González, Vocals & Guitar & Band/Gothenborg String Theory Orchestra, conducted by PC Nackt
José González, Vocals & Guitar
Rezension:
Eigentlich erinnert sein Sound normalerweise stark an einen andern José, nämlich an den grossen Puerto-Ricaner José Feliciano (*1945). Jener stammt aber aus weit wärmeren Gefilden als der 1978 in Göteborg geborene Schwede mit argentinischen Wurzeln. Auch ist er eher bekannt für seine leisen Töne, für seine ruhige schöne Stimme, die eine Tröstlichkeit transportiert, die man eigentlich nur von Singer-/Songwriter-Veteranen á la Cat Stevens oder ebenJosé Feliciano gewohnt ist. Die zweite gemeinsame Tour mit tatkräftiger Unterstützung des Göteborger Orchesters The String Theory ließ aber schon erwarten, dass der Meister der leisen Töne diesmal etwas lauter daher kommen würde. Im sehr gut besuchten Konzert im Volkshaus waren eher sphärische, teilweise metallische Klänge zu vernehmen, etwas aufgebauschte Versionen von Songs seines grossen Repertoires und einige Cover Versions.
Dirigent Patrick Christensen, alias PC Nackt
José González betrat als letzter die Bühne, winkte bescheiden, fast scheu in den Saal, wurde selbst in der allerletzten Reihe an seinem schwarzen Lockenkopf erkannt und mit noch lauterem Applaus empfangen. Komponist, Multitalent und Dirigent des Orchesters ist Patrick Christensen, alias PC Nackt, der seinen Platz einnahm, um das mehr als 20-köpfige Ensemble und González durch den Abend zu leiten. Der Mann, der normalerweise alleine mit seiner Gitarre auf der Bühne sitzt, hatte jetzt also einen beschwingten, energischen Dirigenten neben sich stehen und mehr als 20 Musiker im Rücken. Sogleich erfolgte der Start ins Set und schon die ersten Töne liessen erahnen, dass Ungewohntes bevorstand, somit der Pop Poet neue Klangsphären ausloten würde.
Etwas überlange Interpretationen der einzelnen Songs
José González auf dem ZMF in Freiburg (2017)
Des Weiteren stellte sich heraus, dass die neuen, aufgepeppten Versionen doppelte Länge im Vergleich zum Original besitzen. Ja, hier passieren viele Dinge. Aber manchmal wäre weniger auch einfach mehr. Wenn ungefähr die Hälfte der Konzertzeit ohne Gesang auskommt, ist das zwar atmosphärisch äußerst positiv, schlaucht aber auch gewaltig, wenn gefühlt kein Stück unter acht Minuten auskommt. Die Set List hingegen war ausgewogen und natürlich mit eigenen Klassikern versehen, aber auch mit beliebten Covers à la „Teardrop“ oder „Heartbeats“. Und als letzter zu erwähnender Aspekt: Dirigent PC Nackt agierte mit Extravaganz, was per se nicht schlecht war. Wenn es aber stets von dem eigentlichen Act ablenkt vielleicht doch etwas zu viel!
Fazit des Konzertabends:
Für Hardcore-Fans sicher ein absolutes Spektakel. Der Abschiedsapplaus nach fast 100 Minuten Spielzeit war wirklich euphorisch, es reichte gar zu einer „Standing Ovation“, welche mit einer Zugabe belohnt wurde. Für eher neutrale Hörer wie mich aber dann doch ein wenig langatmig und zu episch, gar anstrengend.
Leonard Bernstein (1918–1990) Serenade (nach Platos Symposium) für Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug
Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43
Rezension:
Eine reizvolle Programmation erwartete die sehr zahlreich erschienen Besucher. Einerseits „Serenade“ des Jahrhundertkomponisten Leonard Bernstein über den Arthur Rubinstein einst sagte: Bernstein ist «der grösste Pianist unter den Dirigenten, der grösste Dirigent unter den Komponisten und der grösste Komponist unter den Pianisten». Andererseits Schostakowitschs erschütterndste Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43. Also einerseits hier der quirlig -lebenslustige, trotzdem nachdenkliche 1918 geborene Bernstein, da der eher schwermütige, vom Stalin Regime drangsalierte und jahrelang in Todesfurcht lebende, vom Leben gezeichnete, 1906 geborene Sankt Petersburger Schostakowitsch. Zudem waren mit der Solistin und dem Dirigenten gleich zwei lettische, beide in Riga geborene, Protagonisten an diesem Konzert vertreten.
Der Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra
Andris Nelsons Foto Marco Borggreve
Andris Nelsons ,1978 in Riga geboren, wuchs in einer Musikerfamilie auf und begann seine Karriere als Trompeter an der Lettischen Nationaloper. Parallel dazu bildete er sich als Dirigent fort, studierte diese Disziplin bei Alexander Titov in St. Petersburg und nahm Privatunterricht bei Mariss Jansons. Das Lucerne Festival ehrte ihn 2012 mit der Ernennung zum «artiste étoile» und betraute ihn 2014 und 2015 mit der Leitung mehrerer Konzerte des Lucerne Festival Orchestra worauf er prompt als Kronprinz in Nachfolge des im Januar 2014 verstorbenen Claudio Abbado als Chefdirigent dieses Orchesters gehandelt wurde. Wie wir wissen, wurde dann aber Riccardo Chailly diese Ehrung zuteil.
Die Solistin des Abends
Baiba Skride Solistin Violine Foto Patrick Hürlimann
Die 1981 geborene lettische Geigerin Baiba Skride begann ihr Studium in ihrer Heimatstadt Riga. 1995 wechselte sie an die Musikhochschule Rostock, um ihre Ausbildung bei Petru Munteanu fortzusetzen. Als Siegerin beim «Concours Reine Elisabeth» in Brüssel eröffnete sie 2001 ihre internationale Karriere, die sie mittlerweile zu zahlreichen Orchestern von Weltrang geführt hat.
Leonard Bernstein: Serenade nach Platons «Gastmahl»
Sich auf bequemen Liegen räkeln, Wein trinken und über die Liebe plaudern. Das ist in etwa das Setting des «Symposion» (oder «Gastmahls»). Einer Sammlung hochstehender Dialoge zwischen verschiedenen Philosophen. Bernsteins Serenade zeichnet dieses Zusammentreffen in fünf Sätzen nach. Die Violine nimmt dabei die Rollen der anwesenden Erotik-Spezialisten ein bis hin zur Hauptfigur dieses Gespräches: Sokrates selbst. Was erzählen uns die Interpreten in Bernsteins Musik? Und wie anregend ist der Dialog für die Sologeige jeweils mit dem Orchester?
Total amerikanische Musik, inzwischen, auch Gershwin sei Dank, doch schon recht vertraute Laute. Das Werk, „Orchestermässig“, eingerichtet nur für die Streicher, ohne Bläser, dazu das Schlagwerk, die Harfe und als Soloinstrument die Violine. Trotz dieser Reduzierung schuf Bernstein ein sehr differenziertes, auch volles Klangbild. Nicht zu überhören sind deutliche Einflüsse von Jazz und jüdischer Musik. Zwar erkennt man wiederauftretende melodisch-rhythmische Elemente gut, die Melodien selbst sind jedoch eher kurz. Die lettische Solistin spielte das Werk auswendig, technisch, speziell rhythmisch und sehr sicher, den hellen Klang ihrer Stradivari „Yfeah Neaman“ voll ausspielend.
Ihr Landsmann am Dirigentenpult führte das Orchester äußerst sicher, begleitete aufmerksam durch die zahllosen Takt- und Tempowechsel und rhythmischen Verschiebungen. Sichtlich liegen dem Orchester diese Jazz-Elemente.
Teile der Tonabfolge des Intro verwendete Bernstein ein paar Jahre später im Lied „Maria“ in der „West Side Story“, seinem wohl bekanntesten Werk überhaupt. Die Musiker, insbesonders Solistin Baiba Skride wurden für ihre Interpretation mit langanhaltendem Applaus bedacht.
Da zitiert Schostakowitsch relativ lang und unverblümt Rossinis Wilhelm Tell Ouvertüre. Dieses musikalische Zitat war für Dmitri Schostakowitsch eine heimliche Waffe, um seine wahren Gedanken auszudrücken, ähnlich wie der Widerstand Tells gegen die anmassende, verhasste Obrigkeit, einfach musikalisch, nicht mit der Armbrust, ausgedrückt. Dies höchstwahrscheinlich als Antwort auf den Artikel «Chaos statt Musik», der am 28. Januar 1936 in der «Prawda» erschien, in dem die Oper «Lady Macbeth» und das Ballett «Der helle Bach» abqualifiziert wurden. Schostakowitsch traf dies im Zentrum seines Schaffens: «Der Artikel auf der dritten ‹Prawda›-Seite veränderte ein für allemal meine ganze Existenz. Er trug keine Unterschrift, war also als redaktionseigener Artikel gedruckt. Das heisst, er verkündete die Meinung der Partei. In Wirklichkeit die Stalins, und das wog bedeutend mehr.» Nach diesem Aufführungsverbot unter dem Aspekt eines «Klassenfeindes» musste sich Schostakowitsch erst wieder zurechtfinden und dabei Verhaftungen und die Ermordung von Bekannten und sogar Freunden erleben.
Schostakowitsch hatte erstaunlicherweise schon sehr modern instrumentiert, u.a. auch mit Kastagnetten, die viele Komponisten in später entstandenen Werken der amerikanischen Musik auch sehr oft verwendet.
Bei der Werkinterpretation punktete der Dirigent mit Präzision, klaren dynamische Konturen und klaren rhythmischen Wechseln, konnte sich dabei auf ein virtuoses Orchester mit präziser Koordination, Transparenz, hervorragendem Blech und ausgewogenem, oftmals intensivem Streicherklang verlassen. Dabei liess Nelsons, trotz der Grösse des Orchesters auch feinste Pianissimi als solche stehen, lotete aber auch die Fortissimi voll aus. Ohne die Leistung der andern Musiker zu schmälern, seien doch noch speziell erwähnt das äusserst virtuose Klarinettensolo und das Fagott beim Beginn des Finale, ein Finale, dessen Spannung vom Dirigenten konsequent und präzis über dem monotonen Grundton aufgebaut wurde. Dies, bis die Musik plötzlich erstirbt, ohne dass sich die Spannung gelöst hätte, und in eine Coda mündet, die fantastischer nicht sein könnte. Man scheint verstört durch eine zerstörte Landschaft zu schreiten, Rauch steigt auf, Donnergrummeln in der Ferne, eine Trompete erweist die letzte Ehre. Die himmlischen Töne der Celesta gehen durch Mark und Bein und führen ins Nichts und provozierte eine schon fast gespenstische Stille, bevor eine Applauskaskade losbrach und die Protagonisten so entsprechend gewürdigt wurden. Natürlich fehlten auch die Sonderakklamationen für die diversen Register nicht, gewürzt mit vereinzelten Bravorufen. Andris Nelsons scheint eine besondere Affinität zu Schostakowitschs Musik zu haben und die vermittelt er seinen Mitmusikern ebenso wie den Zuhörern auf ganz intensive Weise.
Maîtrise du Conservatoire populaire de Musique, Danse et Théâtre Direction Magali Dami & Fruzsina Szuromi
Présentation de l’œuvre
Rezension:
Carmen Szenenbild, Foto Magali Dougados
Zum Saisonauftakt wird im Thèâtre des Nations in Genf Bizets «Carmen» gezeigt. Regisseurin und gleichzeitig verantwortlich für die Bühnengestaltung ist Reinhild Hoffmann, vor allem bekannt für ihre Pionierarbeit im deutschen Tanztheater.
Ein riesiger, dunkelblauer Fächer dient als Theatervorhang und ab und an auch als Projektionsfläche für kurze Videoeinspielungen zwischen den Akten. Nach der Ouvertüre – und dem ersten Auftritt des Todes – öffnet er sich und gibt den Blick frei auf ein reduziertes aber in seiner Reduziertheit faszinierendes Bühnenbild. Der Boden ist übersät mit schwarzen Konfetti, einige Silbrige blitzen da und dort auf, die Rückwand ist komplett schwarz, ein paar Tische aus hellem Holz sind und bleiben die einzigen Requisiten. Sie werden aber gekonnt eingesetzt, um szenisch immer wieder eine andere Atmosphäre zu schaffen. Überraschend, wie wenig es dazu braucht!
Ausdrucksstarke Bilder
Carmen Szenenbild, Foto Magali Dougados
Hoffmann überzeugt mit starken Bildern. Und auch wenn diese nicht unbedingt das feurig Spanische darstellen, sind sie von grosser Intensität. Oft stehen sich die Agierenden in Gruppen gegenüber, als wollten sie die zwei Welten des Don José und der Carmen symbolisieren. Auch kleine Gruppen werden sorgfältig arrangiert: wenn die drei Zigeunerinnen rechts und links von Le Dancaïre und Le Remendado flankiert dasitzen ist es, als posierten sie für ein kunstvolles Foto. Eindrücklich auch, wenn die Schmuggler sich Nachts rund um den «Hugel» aus Tischen niederlassen. Nichts scheint dabei dem Zufall überlassen und doch liegen die schwarzen Gestalten wie zufällig herum, das wirkt wie ein altes Gemälde.
Die Stimmung ist selten ausgelassen in dieser Carmen, das Unheil scheint allgegenwärtig, der Tod ist es auch, erscheint immer wieder mit Maske, Hut und schwarzem Mantel, entweder in weiblicher Begleitung oder allein an einem Tisch sitzend, mit dem Rücken zum Publikum, was ihn nicht minder bedrohlich macht.
Reduzierte Farben
Carmen Szenenbild, Foto Magali Dougados
Die Kostüme (Andrea Schmitt-Futterer) sind ähnlich reduziert. Die Soldaten tragen sandfarbenen Uniformen, die Arbeiterinnen der Tabakfabrik mehrheitlich Schwarz mit teilweise crèmefarbenen Röcken oder Blusen. Einziger Farbtupfer ist Carmens roter Schal. Lediglich Micaëla fällt aus dem Rahmen mit einem hübschen unschuldig-hellblauen Kleid. Im letzten Akt sind es vor allem die blütenweissen Hemden der Kinder, ihre roten Tücher und die in all dem Schwarz grell wirkenden Orangen, welche spannende Farb-Akzente setzen.
Herausragende Carmen
Carmen Szenenbild, Foto Magali Dougados
Eine dunkle, dramatische Inszenierung der Carmen, von Beginn an. Ekaterina Sergeeva gibt ihrer Figur aber die wilde Entschlossenheit, die Lebenslust und den Stolz durch ihre herausragende Stimme. Sie besitzt ein unglaubliches Stimmvolumen und Modulier-Möglichkeiten von flüsternd-leise über leidenschaftlich-dramatisch bis verführerisch-stolz. Sie spielt mit ihrer Stimme, wie sie mit den Männern spielt. Daneben kann leider Sébastien Guèze als Don José nicht ganz mithalten. Seine Stimme scheint sich vor allem im ersten Teil nicht wirklich befreien zu können. Als Darsteller nimmt man ihm auch eher den scheuen Muttersohn ab als den vor Wut und Enttäuschung rasenden Liebhaber. Mary Feminear ist mit ihrem hellen, klaren Sopran eine wunderbare Micaëla und überzeugend in den Nebenrollen auch Mercédès (Héloise Mas) und Frasquita (Melody Louledjian), Le Dancaïre (Ivan Thirion) und le Remendado (Rodolphe Briand). Die Kinder spielen und singen mit einer herrlichen Unkompliziertheit und der Genfer Chor begeistert einmal mehr!
Das Orchestre de la Suisse Romande unter John Fiore treibt das Ganze mit viel Schwung und Verve voran, intoniert die bekannten Weisen melodiös und harmonisch und pendelt mühelos zwischen Folklore und tragischen Themen. Das Orchester schaffte es, das Feurige der Partitur zu übersetzen und es ab und an einfliessen zu lassen, wo es auf der Bühne manchmal etwas fehlt.
Carmen Szenenbild, Foto Magali Dougados
Es ist eine ungewöhnliche Inszenierung, eher verhalten aber unglaublich sorgfältig und stringent von Anfang bis Schluss. Weder Bühnenbild noch Kostüme lenken ab von der Musik und den Stimmen, die Premieren-Besucher erlebten drei Stunden Bizet pur und bedankten sich mit viel Szenen- aber vor allem mit viel Schlussapplaus.
Kleine Fotodiashow der Protagonisten und der Produktion von Magali Dougados:
Der Spielort der Produktion, die „MS Saphir“, ist ein Flaggschiff der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersee (SGV) und erst seit dem Jahre 2012 in Betrieb. Sie eine Perle unter den SGV Schiffen zu nennen wäre verfehlt, da sich ja ein Saphir nicht zu einer Perle abwerten lässt. Auf jeden Fall hat Intendant Benedikt von Peter auch diesmal wieder eine ungewöhnliche Spielstätte gewählt.
Über die Inszenierung von Kornél Mundruczó und die Geschichte von Kata Wéber
Die Musiker erzeugen sphärische Klänge zum Geschehen Foto Ingo Höhn
Nichts scheint mehr zu überraschen, alles ist bekannt. Im Zeitalter des Offensichtlichen sind alle Informationen abrufbar. Aber wenn wir genau hinsehen und zuhören, ist unsere Umgebung plötzlich gar nicht mehr so offensichtlich. Wenn wir am Ufer des Sees stehen und auf das Wasser blicken, auf die Berge rundherum, mit den richtigen Augen, dann nehmen wir sie wahr: die mythische Welt abseits der bekannten Pfade. Bevölkert von unbekannten Wesen.
Mundruczós Filme wurden mehrfach in Locarno und Cannes ausgezeichnet. Er arbeitet an den grössten Theater- und Opernhäusern. Bekannt für seine Grenzgänge zwischen den Genres, sucht er immer wieder nach neuen Ausdrucksformen für Themen, die sich mit lokalen Ereignissen beschäftigen, um auf grössere Zusammenhänge zu schliessen.
Die Theaterleute hatten noch etwas mit den Tücken der Technik zu kämpfen an dieser, auch für sie, ungewohnten, weil neuen Spielstätte. So verliess denn die „Saphir“ Pier 5 beim KKL Luzern mit Verspätung, was aber die Vorfreude der Besucher keineswegs trübte. Zu sehr war man gespannt, was die Theatercrew wieder ausgeheckt hatte. Nachdem jede/r seinen Kopfhörer für das Audioerlebnis überreicht bekommen hatte, ergatterte man sich einen Platz an einem der Tische. Für einmal war also nicht Theaterbestuhlung angesagt, sondern man beliess es so, wie die Schiffskonstruktion im Unterdeck es vorgab, was sich im Folgenden als nicht so optimal erweisen sollte.
Da im Bug, ebenso wie im Heck gespielt wurde, war man gezwungen, um möglichst alles mitzubekommen, dauernd sich umzupositionieren und den Hals zu recken und zu verdrehen, was der an und für sich sonst schon etwas abstrusen Handlung, keinesfalls dienlich war und ein gewisses Unbehagen im Auditorium auslöste.
Der Plot im, Kurzbeschrieb:
Die suchende Tina vor der Diawand Foto Ingo Hoehn
Eine junge Frau, Tina, anfangs zwanzig, rastlos auf der Suche nach einer ihr zusagenden Arbeit, nach dem Sinn des Lebens, Liebe und Anerkennung und ein 30 Jahre älterer, charmanter, lebenserfahrener Fotograf, Roger, sind Insassen eines Zuges, der am 22. März 2017 bei der Einfahrt in den Bahnhof Luzern entgleist. Sie als Mitglied eines Chores, der nach Mailand zu einem Konzert unterwegs ist, er, um eine Reisereportage über diverse Sitzbänklein in Luzern zu realisieren. Also so Bänke, die an Uferpromenaden, an Aussichtspunkten usw. platziert sind, damit sich die lustwandelnden darauf setzen können, um sich auszuruhen, allenfalls um das Panorama zu bewundern.
Traumland Foto Ingo Hoehn
Sie lernen sich kennen an einem Stand, den die Rettungskräfte aufgebaut hatten, um Getränke zu verteilen, Auskunft zu geben usw. Nach einem kurzen Wortwechsel schliessen sie sich zu einer Zweckgemeinschaft zusammen. Sie soll ihm assistieren bei der Fotoreportage über die Bänke, deren es insgesamt 33 sind. Daraus macht die Autorin dann die 33 Schweizer Bankgeheimnisse, verfolgt diesen Strang aber leider nicht weiter. Die abgehobene Story verbindet sie dann mit Tatsachen und Fiktionen, die den, nun von katarischen Investoren wiederbelebten mystischen Bürgenstock umranken. So steht die tatsächliche Hochzeit von Audrey Hepburn mit Mel Ferrer im Jahre 1954 auf dem Bürgenstock gegenüber dem fiktiven Geist von Carlo Ponti, der verzweifelt darauf wartet, dass seine so geliebte Sophia (Loren) auch endlich das Zeitliche segnen möge, damit sie auf dem Berg über dem Vierwaldstättersee wieder vereint wären. Ziemlich weit hergeholt und überspitzt, aber ziemlich humorlos und ohne jegliche Ironie. So schaukelt die Geschichte dann seicht dahin, ganz wie die „Saphir“ auf den, auch nicht sehr hohen Wellen des Vierwaldstättersees, während ca. 80 Minuten entlang den Schauplätzen, wo sich die fiktive Geschichte zugetragen haben soll.
Umsetzung der Geschichte
Traumland Foto Ingo Hoehn, Tina unterhält sich mit einem Geist
Etwas mystische Musik als Intro (Xenia Wiener, (Keyboard, Elektronik), Janos Mijnssen (Violoncello), die im Bug platziert sind. Unvermittelt taucht eine verstörte Frau beim Eingang auf, bricht an der Bartheke zusammen, wird dann von einem Crewmitglied an ihren Platz an einem der Tische geführt, worauf alsbald die Stimme von Tilo Werner über das Audiosystem zu hören ist, der die Geschichte vorträgt. Der Monolog wird aufgelockert, oder vielmehr kompliziert, durch Diaprojektionen auf eine Leinwand im Bug des Schiffes, womit die mühsame „Wendehalsgeschichte“ ihren Anfang nimmt. Während das ungleiche Paar mit einem Ford Mustang durch Luzern fährt, auf der Suche nach den verschiedenen Bänklein und einer geeigneten Unterkunft und die Story ihren Lauf nimmt, sind sie plötzlich da auf der „Saphir“:
Die Geister, die wir nie gerufen haben
Traumland Foto Ingo Hoehn
Dies, weil inzwischen Roger in den Bergen ums Leben gekommen ist oder sich sonst irgendwie aus Tinas Leben verabschiedet hat und nun vergeistert unter uns weilt. Und da ja selten ein Geist alleine kommt, sind es auch hier zahlreiche, die stumm und fast regungslos, aber keineswegs bedrohlich im Couloir zwischen den Tischen stehen, während die Stimme uns über Kopfhörer auf dem Laufenden hält, wie sich die Dinge weiter entwickeln und/oder in welche (geordnete?) Bahnen Tinas Leben einbiegt. Zwischendurch gibt’s auch mal Lieder zur Auflockerung. Währenddessen nähert sich die „Saphir“ dem unwirklich illuminierten Hotel Sankt Niklausen am See (dem Belle Epoque Gebäude am Fusse des Bürgenstock) an.
Da jetzt, nebst den Aktionen im Bug und Heck auch noch die Aktionen am Ufer gesehen werden wollen, werden die gewendeten Hälse noch mehr strapaziert, aber dafür die zähe Geschichte etwas aufgelockert, zumal beim Hotel, das schon längere Zeit geschlossen ist, eine Art Scheiterhaufen brennt, worauf der Feueralarm des Hotels ausgelöst worden ist. Viel Rauch umhüllt die Geister, welche die Hotelpromenade bevölkern. Das Geschehen wird jetzt dramatischer und Wiebke Kayser übernimmt den Part der Erzählerin, jetzt nicht mehr nur über das Headset, sondern sie ist, auf einem Stuhl im Gang sitzend, auch visuell präsent. Zum Abschluss wird das Publikum noch aufgefordert die Geister zu umarmen, damit diese wieder verschwänden.
Ein kleines Mädchen ist die einzige, das dazu den Mut aufbringt, eines der Gespenster umarmt und dabei sichtlich Spass hat, vor allem, als dieses tatsächlich verschwindet. Die anderen müssen dann durch eine Umarmung der Erzählerin wieder in die Traumwelt zurückgeschickt werden. Eine, einen sehr zwiespältigen Eindruck hinterlassende Uraufführung findet damit doch noch einen versöhnlichen Abschluss.