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Szenenfoto der Produktion von Ingo Hoehn

Luzerner Theater, Im Amt für Todesangelegenheiten, Eine Slapstick-Oper von Klaus von Heydenaber für das 21st Century Orchestra, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Szenenfoto der Produktion von Ingo Hoehn
Szenenfoto der Produktion von Ingo Hoehn

Produktionsteam

Musikalische Leitung: William Kelley, Klaus von Heydenaber Inszenierung: Viktor Bodó Bühne: Márton Ágh Kostüme: Fruzsina Nagy Licht: David Hedinger-Wohnlich Choreinstudierung: Mark Daver Dramaturgie: Gábor Thury, Anna Veress, Johanna Wall

 

Rezension:

Im Amt fuer Todesangelegenheiten Szenenfoto vonIngo Hoehn
Im Amt fuer Todesangelegenheiten Szenenfoto vonIngo Hoehn

Einführung im 3. Stock: Vom Theaterplatz her Alphornklänge, vom Theatersaal letzte Probe-Sequenzen des Orchesters, irgendwie symbolisch für den Premierenabend der spartenübergreifenden Slapstick-Oper «Im Amt für Todesangelegenheiten». Denn was auf der Bühne des Luzerner Theaters während zwei Stunden abgeht, bewegt sich quer durch die Musikgeschichte, ein wilder Mix in jeder Hinsicht, der aber mindestens musikalisch gesehen vollkommen aufgeht.

Alphorn wird zwar nicht geblasen auf der Bühne, weder im Amt für Todesangelegenheiten im ersten Stock, wo die Angestellten alle in denselben blauen Arbeitsmänteln und denselben Frisuren das nächste Todes-Opfer bestimmen, noch unten in der Metrostation, wo unterschiedlichste Charakteren aufeinandertreffen. Das Alphorn mag fehlen, aber ansonsten pendelt das 21st Orchestra lustvoll zwischen Spätromantik und Musical, Jazz und Werbejingle, Filmmusik und moderner Klassik. All das mehr oder weniger wortlos, eine Oper sei ja auch nicht unbedingt immer verständlich, meinte der Komponist in einem Interview. Und so singt der Chor im Amt englische Zahlenreihen, Gianna, die unglücklich Verlassene ergibt sich mit viel Herz-Schmelz in italienischen Arien mit relativ wenig Inhalt, vom fotografierende Clochard gibt’s nur ein «please sign» wenn er denn Fotografierten das Bild unter die Nase hält und Sofia, die Weltretterin, fragt jeden, ob er fünf Minuten habe, um die Erde zu retten. Viel mehr Text ist da, bis kurz vor Schluss, nicht drin.

JacquesTati, Porgy und James Dean

Im Amt fuer Todesangelegenheiten Szenenfoto vonIngo Hoehn
Im Amt fuer Todesangelegenheiten Szenenfoto vonIngo Hoehn

Skurrile Gestalten allesamt, ihre jeweilige Lebensgeschichte erfährt man vorgängig im Programmheft. Zwei, dreimal stolpert dann noch Jacques Tati über die Bühne, der Feuerwehrmann-Darsteller im Werbejingle erinnert mit seiner tiefen Stimme an Gershwins’ Porgy und der zugedröhnte Clochard (ein umwerfender Lukas Darnstädt in Mimik und Gestik, sein Körper scheint aus Gummi zu sein) hat etwas von James Dean, derselbe Ausdruck melancholisch-trauriger Ziellosigkeit. Trotzdem scheint er derjenige zu sein, der die Fäden in der Hand hat und die Charakteren auf dem Schachbrett des Lebens, oder doch eher des Todes hin- und herschiebt.

Zurück auf Feld 1

Im Amt fuer Todesangelegenheiten Szenenfoto vonIngo Hoehn
Im Amt fuer Todesangelegenheiten Szenenfoto vonIngo Hoehn

Und so wird im Amt geräuschvoll aber wortlos der nächste Todeskandidat ausgesucht, in der Metrostation wird sich gestenreich aber wortlos begegnet, ab und an herrscht ein unglaubliches Gewusel auf der Bühne. Vier Protagonisten sterben im ersten Akt, erwachen aber im zweiten wieder zum Leben, was dem Amt für Todesangelegenheiten nicht sehr gelegen kommt. Also wird das Stück kurzerhand rückwärts gespult, eine irrwitzige Szene, musikalisch und schauspielerisch. Zuletzt erklärt der zum geschniegelten Anzugträger avancierte Clochard dem Publikum das Geschehene und Gesehene – als «Moral von der Geschicht»? und die Toilettenfrau im Toilettenpapierkostüm (eine stimmlich überzeugende Diana Schnürpel) wird doch noch zur Operndiva und verliert sich in einer langen, einmal mehr unverständlichen Arie. Da zieht sich das Ganze dann doch etwas hin.

Der Zug ist abgefahren

Im Amt fuer Todesangelegenheiten Szenenfoto vonIngo Hoehn
Im Amt fuer Todesangelegenheiten Szenenfoto von Ingo Hoehn

Man amüsiert sich, ganz klar, die Gags sind zwar manchmal etwas gar offensichtlich und überzeichnet. Wird einer zum Sterben erkoren, erscheint auf der digitalen Anzeige der Hinweis «In 5 Minuten fährt ihr letzter Zug» und «die U-Bahn Gesellschaft wünscht ihnen eine gute Reise», teilweise wähnt man sich in einem alten Komik-Film wenn Nacken knacken zum Gotterbarmen, Türen krachen, Stühle umfallen und der Coiffeur sich ein Messer in den Bauch rammt. Lampen bersten bei hohen Tönen und dann ist da noch der «Disco-Geier» aus der ungarischen Mythologie – Slapstick eben. Aber das wahre Ereignis, das wirklich Spezielle an diesem Abend ist die Musik von Klaus von Heydenaber und das 21st Century Orchestra, für welches er sie geschrieben hat.

Wie das Orchester da vom einen Musikstil in den anderen wechselt, mühelos, leichtfüssig, fliessend, rhythmisch und schwungvoll, das ist ungemein lustvoll und eine reine Freude. Es bleiben ein paar Fragen, aber es bleiben auch viele witzige Bilder. Ein tolles Bühnenbild (Márton Ágh), starke Stimmen, überzeugende Schauspieler und, man kann es nicht genug erwähnen, fantastische Musik mit einem fantastischen Orchester!

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Hoehn:

fotogalerien.wordpress.com/2018/09/06/luzerner-thaater-im-amt-fuer-todesangelegenheiten-premiere-7-september-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Text: www.gabrielabucher.ch

Fotos: www.luzernertheater.ch

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Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 19 Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam | Manfred Honeck | Anett Fritsch, 5. September 2018, besucht von Léonard Wüst

Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam
Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Besetzung und Programm:

Manfred Honeck  Dirigent

Richard Wagner Vorspiel zum dritten Akt aus der Oper Die Meistersinger von Nürnberg

Alban Berg Fünf Orchesterlieder op. 4 nach Ansichtskarten-Texten von Peter Altenberg

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 3 d-Moll WAB 103, Dritte Fassung von 1889 in der Edition von Leopold Nowak

 

Rezension:

Dirigent Manfred Honeck
Dirigent Manfred Honeck

Die Mitteilung des Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra vom Juli diesen Jahres schlug ein wie eine Bombe: Man habe die Zusammenarbeit mit dem Chefdirigenten Daniele Gatti per sofort beendet. Der Grund: Gatti soll Musikerinnen sexuell belästigt haben. Erste Vorwürfe waren in der «Washington Post» aufgetaucht; zwei Sopranistinnen schilderten dort Vorfälle aus den Jahren 1996 und 2000. In der Folge haben dann auch Musikerinnen des Concertgebouw Orchestra «unangebrachtes Verhalten» ihres Chefdirigenten beklagt. Das reichte für eine fristlose Entlassung. Deshalb stand nun anstelle von Gatti der österreichische Dirigent Manfred Honeck, Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra am Pult.

Richard Wagner Vorspiel zum dritten Akt aus  „Die Meistersinger von Nürnberg“

Arturo Toscanini mit dem ad hoc Eliteorchesterbeim Concert de Gala auf Tribschen 25. August 1938
Arturo Toscanini mit dem ad hoc Eliteorchesterbeim Concert de Gala auf Tribschen 25. August 1938

Mit diesem Vorspiel eröffnete Arturo Toscanini im legendären „Concert de Gala“ mit einem ad hoc Elite Orchester am Tribschen beim Richard Wagner Haus am 25. August 1938 die allerersten  „Internationalen Musikfestwochen“ Luzern (IMF), welche im Jahre 2001 in „Lucerne Festival“ umbenannt wurden. Dieses kurze Werk war optimal für die Musiker um sich einzuspielen und das Publikum so richtig ins Konzert einzustimmen.

Die Solistin des Alban Berg Liederzyklus

Anett Fritsch zählt zu den wenigen Sängerinnen, die alle drei zentralen Frauenrollen in „Le nozze di Figaro“ verkörperten und sie konnte u.a. schon diese Preise ernten: 2001 Internationaler Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb den ersten Preis und Preisträgerin 2006 und 2007 am Internationalen Gesangswettbewerb der Kammeroper Schloss Rheinsberg. Die deutsche Sopranistin (*1986), für die es das Debut am Lucerne Festival war,  gibt in der Saison 2018/19 die Arminda in La finta giardiniera von W. A. Mozart an der Mailänder Scala unter der Leitung des Schweizer Dirigenten  Diego Fasolis.

Alban Berg Fünf Orchesterlieder op. 4 nach Texten von Peter Altenberg

Solistin Anett Fritsch mit Dirigent Manfred  Honeck, Foto Priska Ketterer
Solistin Anett Fritsch mit Dirigent Manfred Honeck, Foto Priska Ketterer

Verstörend die Komposition des Arnold Schönberg Schülers, irgendwie nachvollziehbar die ungnädig ablehnende Aufnahme beim Wiener Publikum, das bis anhin ja nur tonale Musik kannte, bei der Erstaufführung (inkl. Unmutsäusserungen wie Tumulte, Pfiffe, Gelächter, Geschrei usw.) Ein veritabler Skandal, die Veranstaltung musste gar abgebrochen werden. Ein Arzt, der Augenzeuge war,  gab zu Protokoll, dass die Musik bei einigen Besuchern äussere Anzeichen einer schweren Depression auslösten. Da Berg atonal komponierte und für ihn der Ausdruck „Emanzipation der Dissonanz“ einen hohen Stellenwert hatte, erstaunen die Reaktionen nicht, bloss deren Heftigkeit.

Zum Werk und dessen Interpretation:

Anett Fritsch  Sopran
Anett Fritsch Sopran

Bereits in Takt 2 setzt die Singstimme ein. Diese ahmt, im Gegensatz zu den Bläsern, in ihren ersten zwei Takten das Taktmetrum rhythmisch nach. Sie beginnt mit einer chromatisch absteigenden Linie, die im Takt 3 einen Ganzton höher sequenziert wird. Der Text „Über die Grenzen des All“ wird hierbei konsequent syllabisch ausgedeutet, jeder Silbe wird ein Viertel zugeordnet und durch die Taktart wird das daktylische Metrum des Textes umgesetzt. Dem Wort „All“ wird allerdings durch ein Tritonus-Intervall abwärts (G-Cis) der bisher tiefste und längste Ton, eine Halbe, zugeordnet und somit deutlich hervorgehoben. Der Tritonus gilt als diabolus in musica, weshalb man diese Stelle auch als Vorausblick auf den Inhalt des dritten Verses sehen könnte. Ein weiterer Tritonus befindet sich in Takt 5 auf die beiden letzten Viertel. Auch hier wäre der Tritonus (As-D) als schlechtes Zeichen deutbar, oder besser als Schuldzuweisung an das „du“, dass seine spätere Situation selbst zu verantworten hat. Äusserst souverän sang sich Anett Fritsch durch die sehr anspruchsvolle Partitur, präzis und souverän supportiert von Dirigent und Orchester und frenetisch applaudiert vom Auditorium.

Zitat des Wiener Literaten  Edmund Wengraf:

„Das Wiener Theaterpublikum gehört zu dem gefürchtetsten der Welt, nicht wegen seiner kritischen Schulung, sondern wegen seiner Blasiertheit, wegen der anspruchsvollen Lässigkeit, mit der es dasitzt und unterhalten sein will, ohne seinerseits hierzu mit der allermindesten Anstrengung beizutragen. Man sitzt im Theater wie im Kaffeehaus. Hier will man nicht lesen, sondern nur blättern, dort will man nicht nachdenken, sondern nur amüsiert sein.“

Als wenn die Reaktion des Publikums für die Komponisten nicht schon kränkend genug gewesen wäre, kam für Alban Berg noch hinzu, dass Schönberg die Lieder regelrecht ablehnte. Berg zog daraus die Konsequenz für sich und lies sein op. 4 nicht mehr aufführen. Die erste vollständige Aufführung der Altenberglieder gelang erst – nach Alban Bergs Tod 1935 – im Jahre1952 unter Jascha Horenstein in Rom.

Das Schwergewicht Bruckner im 2. Konzertteil

Anton Bruckner widmete die gewaltige Dritte Sinfonie seinem grossen Idol Richard Wagner, «dem unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst». Für Wagner war der anhängliche Bruckner aber bloss ein nützlicher Idiot; immerhin konnte er mit dessen Namen dem Kollegen Brahms eins auswischen, indem er Bruckner als das dritte große „B“ nach Bach und Beethoven bezeichnete. Speziell bei der Umsetzung der Sionfonie ist, dass in der Regel  Scherzo und Finale  immer zuerst geprobt werden, denn deren Streicherpassagen haben es in sich!

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 3 d-Moll 3. Fassung von 1889 in Edition von Leopold Nowak

Das Finale beginnt wie ein kreisender Vogelschwarm. Das zupackende Hauptthema ist rhythmisch aus dem ersten Satz und harmonisch aus dem Scherzo gewonnen. Das zweite Thema ist ein Simultanthema: Im Vordergrund dreht sich ein Kirmestanz, im Hintergrund zieht eine Prozession. Das wilde dritte Thema assoziiert Orgelwirkung mit seinen hinterherhallenden Bassgängen. Dirigent Honeck führte zügig, gut dosiert in den Lautstärken, mit viel Gestik und Körpereinsatz durch die Partitur, nahm zum optimalen Zeitpunkt Tempo heraus, das er exakt am richtigen Punkt wieder forcierte. überdehnt genüsslich etwas die kurzen Pausen, die Bruckner dramaturgisch eingebaut hat. Die Symphonie endet in triumphalem D-Dur – wie es das Hauptthema versprochen hatte.

Eine eher etwas unterkühlte Interpretation

Die Interpretation konnte nicht wirklich berühren, etwas seelen- emotionslos, irgendwie zu technisch. Der Dirigent fand den direkten Draht zu seinen Mitmusiker nicht. Wahrscheinlich hat die „Affäre Gatti“ doch mehr Spuren hinterlassen, die Musiker des Concertgebouw Orchestra möglicherweise doch mehr verunsichert als gemeinhin angenommen.

Die Akklamation des Publikums am Schluss war trotzdem langanhaltend, wenn auch eher höflich, denn begeistert.

Trailer, Renée Flemming: Alban Berg – Lieder Op. 4 „Altenberg Lieder“ (Lucerne Festival, Claudio Abbado)

www.youtube.com/watch?v=C31WYsdo0D8

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY

Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 15 Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY | Matthias Pintscher | Solisten, 1. September 2018, besucht von Léonard Wüst

Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY
Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY

Besetzung und Programm:

György Kurtág (*1926)
Stele für grosses Orchester
Peter Eötvös (*1944)
Reading Malevich für Orchester
Uraufführung | Auftragswerk «Roche Commissions»
Máté Bella (*1985)
Lethe für Streichorchester
Bernd Alois Zimmermann (1918–1970)
Dialoge. Konzert für zwei Klaviere und Orchester

 

Rezension:

Ein Konzertabend mit, die Ausnahme, das Konzert für zwei Klaviere und Orchester des Kölners Bernd Alois Zimmermann, bestätigt die Regel, ausschliesslich Werken ungarischer Komponisten. Würde der magyarische auch ein magischer Abend? Der Dirigent des Abends, der 47jährige Matthias Pintscher, war u. a Schüler des ungarischen Komponisten István Nagy und von Manfred Trojahn an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf. Ebenso studierte er bei Giselher Klebe in Detmold und war ein späterer Zögling von Pierre Boulez. Er ist in Luzern, vor allem auch seit seiner Zeit im Jahre 2006  als „Composer in Residence“ am Lucerne Festival, bestens bekannt und vernetzt. Seit 2013 leitet er das Ensemble intercontemporain in Paris und seit dem Sommer 2016 leitet er als Principal Conductor das Orchester der Lucerne Festival Academy an der Seite von Wolfgang Rihm.

Zum Konzert

Nachdem sich ein Teil des Orchesters, die Streicher, auf der Bühne eingerichtet hatte betrat Festivalintendant Michael Häfliger dieselbe, was normalerweise die Ankündigung einer Besetzungsänderung bedeutet. In diesem Fall verkündete er aber bloss eine Programmumstellung, d.h. der vorgesehene zweite  Konzertteil würde zuerst gespielt, folglich der angedacht erste Teil nach der Pause und dies in umgekehrter Werksabfolge. Also war dann der Konzertablauf so, wie im Internet gelistet, nicht aber im gedruckten Abendprogramm.

Ein fernöstlich angehauchter Ungare

Matthias Pintscher  Dirigent Foto Felix Broede
Matthias Pintscher Dirigent Foto Felix Broede

Dann eröffnete Dirigent Matthias Pintscher den Konzertabend mit Lethe für“ Streichorchester von Máté Bella, ein Werk nur für Streicher, aber trotzdem nie langweilig. Bella versteht es ausgezeichnet Spannungsbögen zu entwerfen, indem er mal den hochtönigen Violinen den Raum gibt, was dann ein Sirren erzeugt, wie bei einem aufgescheuchten Hornissenschwarm, mal lässt er die Celli und Bässe grollend brummen, führt dann alle wieder zusammen zum Ganzen. Mit Glissando-Strukturen und asiatisch anmutenden Spieltechniken entwirft er  ein exotisches Fernost-Kolorit in diesem Kompositionsauftrag der musica viva des Bayerischen Rundfunks
in Zusammenarbeit mit der Peter Eötvös Contemporary Music Foundation, von  Pintscher mit sehr viel Körpersprache und sichtlicher Freude dirigiert, unterstützt von seinen vollmotivierten Mitmusikern. Auch das zahlreiche Publikum hatte seine helle Freude und spendete dementsprechenden Beifall.

Solistin Tamara Stefanovich

Tamara Stefanovich, geboren 1973 in Belgrad, trat bereits als Siebenjährige öffentlich auf und war mit 13 Jahren die jüngste Studentin an der Universität Belgrad. Nach dem Diplom setzte sie ihre Ausbildung bei Claude Frank am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie bei Pierre-Laurent Aimard an der Kölner Musikhochschule fort und gastiert heute in den grössten Häusern weltweit.

Solist Pierre-Laurent Aimard

Pierre-Laurent Aimard, der 1957 in Lyon geboren wurde, studierte am Pariser Conservatoire bei Yvonne Loriod und bei Maria Curcio in London. Ausserdem nahm er an den Analyseseminaren von Pierre Boulez am Pariser IRCAM teil und besuchte Kurse von György Kurtág in Budapest. 1973 gewann er den Messiaen-Preis in Royan und gilt seither als berufener Interpret der Werke dieses Komponisten. Als Boulez 1976 das Ensemble intercontemporain gründete, ernannte er Aimard zum Solopianisten. Der Pianist war 2007 „Artist étoile“ am Lucerne Festival.

Zimmermanns futuristische Dialoge. Konzert für zwei Klaviere und Orchester

Pierre-Laurent Aimard  und  Tamara Stefanovich, Foto Neda Navaee
Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich, Foto Neda Navaee

Nun platzierten sich auch noch die restlichen Musiker zu den Streichern und die beiden Konzertflügel wurden in die Mitte gerollt. Für seine pluralistische Kompositionstechnik, am 5. Dezember 1960 in Köln uraufgeführt, schrieb der Komponist einzelne Partituren für über 100 Instrumente, ein enormer Aufwand, den das Resultat rechtfertigt. Nach einem Fagott lastigen Beginn, garniert mit Xylophon Passagen, setzen schon bald beide Klaviere ein, die während des Werks mal einzeln, mal zusammen, öfters mit der gleichen, dann wieder mit unterschiedlicher Melodik ins „Geschehen“ eingreifen, sich aber dem Orchester nie überordnen, ganz dem Gesamten dienend. In die ausgedehnte Kadenz am Ende des Werks hat Zimmermann mehrere Teile aus Mozarts Klavierkonzert in C-Dur KV 467, aber auch musikalische Gestalten aus Debussys Jeux und Jazzelemente integriert. Die beiden Solisten wurden mit ihrer präzisen Bravour  dem widerstreitenden Charakter des Werkes jederzeit auf höchstem Niveau gerecht. Dieses orgiastische Wetterleuchten mit  schrillen Alltagsgeräuschen in mehrdeutigen Klangbildern ist eine aussergewöhnliche Collage. Und diese „Dialoge“ mit dem infernalischen und auch geheimnisvoll stillen Ausdrucksspektrum brachte Matthias Pintscher  mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra zu einer Aufführung von ebenso großer Transparenz wie Ausdrucksdichte. So entstehen „Dialoge über die Zeiten hinweg von Träumenden, Liebenden, Leidenden und Betenden“ (Zitat Zimmermann). Die Interpretation belohnte das Auditorium mit langanhaltendem enthusiastischem Applaus.

Uraufführung eines Auftragswerks der  «Roche Commissions»

Suprematismus (Supremus Nr. 56)
Suprematismus (Supremus Nr. 56)

In Anwesenheit des Komponisten Peter Eötvös und des Verwaltungsratspräsidenten von „Roche“, Christoph Franz erklang dann  das  Auftragswerk «Reading Male­vich», worin der Komponist die Motive des Bildes «Supremus Nr. 56» des russischen Malers Kasimir Malewitsch in Klangbilder verwandelt. Auch Eötvös instrumentiert ungewöhnlich und modern, wie sein Landsmann Kurtag, so waren u.a., nebst der „Normalinstrumentierung“, noch diese Instrumente vertreten: E Bass, E Gitarre, Akkordeon und Hackbrett. Dies ermöglicht ganz neue Klanggebilde, die in Komplexität, die Dichte des Konstrukts ebenso abstrakt und progressiv herüberkommen wie das Gemälde. Trotz dem eher kühl distanzierten Tongedicht, konnte sich das Auditorium für das Werk erwärmen und bezeugte die mit starkem Applaus und steigerte diesen noch, als sich Komponist Eötvös zu den Musikern auf die Bühne gesellte.

Konzertabschluss mit Kurtags „Stele“ für grosses Orchester

Komponist Peter Eötvös und Dirigent Matthias Pintscher
Komponist Peter Eötvös und Dirigent Matthias Pintscher, Foto Priska Ketterer

Kurtag ist der wohl meistaufgeführte Komponist der neueren ungarischen Komponistengilde, daher sind seine schrägen Töne den meisten Konzertbesuchern auch schon etwas vertrauter. Dennoch erstaunt es immer wieder, wie sich durch die ungewohnte Orchestrierung völlig ungewohnte Klangbilder formen. Feinsinnige Strukturen werden abgelöst von impulsiven Eruptionen, wo die impulsiven Streicher aufbegehren, beruhigt die Querflöte, die dann vom Horn überflügelt wird, bevor Kurtag alles wieder in das Flussbett zurückführt. All diese Gegensätze und Ungereimtheiten setzt der engagierte Pintscher am Pult präzis und emotional um, unterstützt von seinen kongenialen Mitmusikern. Die offensichtliche Spielfreude der Protagonisten überträgt sich auch auf das begeisterte Publikum, das dann auch einen langanhaltenden stürmischen Schlussapplaus spendete. Zeitgenössische Werke sind irgendwie immer ein geordnetes Chaos oder eine chaotische Ordnung der Töne.

Kleine Fotodiashow des Konzertes von Priska Ketterer, Lucerne Festival:

fotogalerien.wordpress.com/2018/09/04/sinfoniekonzert-15-orchester-der-lucerne-festival-academy-matthias-pintscher-solisten/

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Lucerne-Festival-im-Sommer-2018-Thema-Kindheit

Lucerne Festival, Rebecca Saunders erhält den zehnten Kompositionsauftrag der «Roche Commissions»

Lucerne-Festival-im-Sommer-2018-Thema-Kindheit
Lucerne-Festival-im-Sommer-2018-Thema-Kindheit

Das neunte Auftragswerk Reading Malevich von Peter Eötvös wird am 1. September vom Orchester der Lucerne Festival Academy unter Matthias Pintscher uraufgeführt. Das aktuelle Auftragswerk der «Roche Commissions» kommt am 1. Sep­tember im Rahmen von Lucerne Festival im Sommer zur Uraufführung. Matthias Pintscher dirigiert Reading Malevich von Peter Eötvös, er hat das Werk in den Wochen zuvor mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy im Rahmen des Sommer-Festivals erarbeitet. Seit 2003 wird im Rahmen der «Roche Commissions» alle zwei Jahre ein Werk an einen weltweit renommierten Komponisten in Auftrag gegeben. Den Folgeauftrag für 2020 erhält die britische Komponistin Rebecca Saunders. Sie zählt zu den renommiertesten VertreterInnen ihrer Generation. Die Wahl erfolgte durch Roche auf Vorschlag der künstlerischen Leitung von Lucerne Festival. Die Uraufführung Ihres Werks wird im Rahmen des Sommer-Festivals 2020 stattfinden.

«Peter Eötvös ‘übersetzt’ mit Reading Malevich das Gemälde Suprematismus des russischen Malers Kasimir Malewitsch in Musik, das wird ein Highlight des Sommer-Festivals», kommentiert Michael Haefliger, Intendant von Lucerne Festival. «Eine hervorragende Wahl für das kommende Auftrags­werk ist Rebecca Saunders, sie setzt als eine der bedeutendsten KomponistInnen der Branche die klangvolle Reihe an Namen fort, die bereits für die ‹Roche Commissions› komponiert haben». Seit 2003 entstanden Werke von Sir Harrison Birtwistle, Chen Yi, Hanspeter Kyburz, George Benjamin, Toshio Hosokawa, Matthias Pintscher, Unsuk Chin und Olga Neuwirth.

Über Rebecca Saunders
Die 1967 in London geborene Rebecca Saunders ist eine der international führenden Komponistin­nen ihrer Generation. Sie studierte bei Nigel Osborne in Edinburgh sowie bei Wolfgang Rihm in Karls­ruhe. Ihre Musik steht für feinste musikalische Gesten und Klänge, das Ausloten nie gehörter Klang­farben und die Verräumlichung musikalischer Verläufe. Die in Berlin lebende Künstlerin lässt sich von Autoren wie Samuel Beckett, James Joyce, Italo Calvino oder David Foster Wallace anregen. Sie ar­beitete mit den renommiertesten Künstlern und Ensembles im Bereich Neue Musik wie dem Ensem­ble Modern, dem Arditti Quartett, dem Ensemble Resonanz, den Sinfonieorchestern des WDR, SWR und der BBC zusammen. Saunders wurde bereits mit zahlreichen internationalen Preisen ausge­zeichnet wie dem Mauricio Kagel Musikpreis oder dem Ernst von Siemens Musikpreis. Sie unterrich­tet an der Hochschule in Hannover und ist Mitglied der Berliner Akademie der Künste sowie der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden.

Über Peter Eötvös
Der Ungar Peter Eötvös ist seit vielen Jahren als Komponist, Dirigent und Lehrer erfolgreich. Er wur­de 1944 in Transsilvanien geboren und gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der zeitge­nössischen Musik. Bekannt ist er sowohl als international erfolgreicher Dirigent als auch als Kompo­nist beliebter Opern, Orchesterwerken und Konzerten, die er weltweit führenden Künstlern widmete. Bereits 2007 präsentierte er seine Werke bei Lucerne Festival als «composer-in-residence». Dem Unterrichten räumt Peter Eötvös viel Zeit ein, er lehrte in Köln und Karlsruhe und gibt internationale Meisterkurse. In Luzern arbeitete er im Sommer 2011 als Dirigent und Komponist mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy. 1991 gründete er in Budapest das «International Eötvös Institute» und 2004 die «Eötvös Contemporary Music Foundation» für junge Komponisten und Dirigenten. www.lucernefestival.ch

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