Chorkonzert 4 Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung Mariss Jansons, Solisten, 8. April 2017, besucht von Léonard Wüst
Besetzung und Programm:
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Chor des Bayerischen Rundfunks
Mariss Jansons Dirigent
Anna Prohaska Sopran
Mojca Erdmann Sopran
Hanno Müller-Brachmann Bariton
Wolfgang Rihm (*1952)
Gruss-Moment 2 – in memoriam Pierre Boulez für Orchester
Schweizer Erstaufführung
Requiem-Strophen für Soli, gemischten Chor und Orchester
Schweizer Erstaufführung | Auftragswerk der musica viva des Bayerischen Rundfunks
räsonanz – Stifterkonzert. Eine Initiative der Ernst von Siemens Musikstiftung, in Kooperation mit LUCERNE FESTIVAL und musica viva des Bayerischen Rundfunks
Rezension:
Das Publikum im fast ausverkauften Konzertsaal empfing Mariss Jansons (*1943) und seine „Bayern“ mit einem herzlichen, langanhaltenden Willkommensapplaus. Der Lette und sein Orchester sind immer wieder gern gesehene und natürlich vor allem, gern gehörte Stammgäste am Lucerne Festival. Dazu noch zwei Schweizer Erstaufführungen, diese erst noch komponiert vom Nachfolger Pierre Boulez` als neuem Leiter der Lucerne Festival Academy, Wolfgang Rihm (*1952).
Zu Beginn der ca. acht minütige „Gruss- Moment 2 – in memoriam Pierre Boulez“ (komponiert 2016). Gefolgt vom Hauptwerk des Abends, den ca. 80 Minuten dauernden „Requiem – Strophen“ (geschrieben 2015/16).
Rihm stützt sich dabei nicht auf die diversen Evangelien, sondern vertonte Texte von u.a. Johannes Bobrowski, Hans Sahl, Rainer Maria Rilke, ergänzt durch, von Rilke ins Deutsche übersetzte, Textfragmente von Michelangelo Buonarroti. Die Grundpassagen werden durch den Chor fast ausschliesslich auf lateinisch gesungen, die Soloparts auf Deutsch. Rihm will mit seiner Komposition, wie er einmal erklärte, „die innere Bewegung eines Trauerprozesses nicht abbilden, wohl aber abtasten“
Das Werk umfasst vierzehn Abschnitte, in vier Teile gruppiert, die, mit Ausnahme des zweiten, jeweils auch einen Ordinariumsteil der Messe umfassen; „Kyrie“ (III.), „Sanctus“ (X.) und „Agnus Die“ (XIII.), damit lässt sich zwar noch das Gerüst der Totenmesse erkennen, das meiste des Rests ist aber entweder auf wenige zentrale Aussagen reduziert, oder die Messteile fallen ganz weg und werden durch Anderes ersetzt, den zweiten Teil bilden stattdessen die drei Sonette Michelangelos, zwischen die der Psalm 129 eingefügt ist. Rihm arbeitet dabei sehr bewusst die Macht des Todes und dessen Unbegreiflichkeit heraus, ausgesprochen mit der ersten Zeile in Rilkes Gedicht: „Der Tod ist gross“.
Obwohl ein modern orchestriertes Werk, ist es nicht so avantgardistisch, dass man um dessen Akzeptanz beim Publikum fürchten müsste. Natürlich setzt er andere Rhythmen als von den traditionellen Passionswerken her gewohnt, nutzt auch des Öftern das Schlagwerk, hat ein Faible für die königliche Harfe. Ein Terrain, das dem Orchester zu gefallen scheint, agiert es doch souverän, mit der nötigen Zurückhaltung bei den Gesangspassagen. Die Vokalsolisten fügen sich nahtlos ins Gefüge, mit einem ganz starken, in Luzern bestens bekannten Bariton Hanno Müller – Bachmann, einer souveränen Anna Prohaska (Sopran), einer ab und zu schrillen Sopranistin Mojca Erdmann. Die grossartigen Stimmen des Chors und das Orchester des bayerischen Rundfunks legten die Basis für ein Klangerlebnis, dem Jansons mit seinem nuancierten Dirigat den Feinschliff verlieh, was auch das Auditorium so sah und die Protagonisten mit stürmischem, langanhaltenden Applaus belohnte.
Kleine Fotodiashow von Priska Ketterer, Lucerne Festival:
Links auf die andern von mir besuchten Konzerte am Osterfestival 2017
Chorkonzert 3 Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble, Leitung Thomas Hengelbrock, Solisten, 6. April 1017, besucht von Léonard Wüst
Sinfoniekonzert 2 musicAeterna , Leitung Teodor Currentzis, Solisten, 7. April 2017, besucht von Léonard Wüst
Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch
www.gabrielabucher.ch Paul Ott:www.literatur.li
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Lucerne Festival zieht Bilanz des Oster-Festivals, das am morgigen Sonntag dem 9. April zu Ende geht. Die Konzerte des neuntätigen Festivals waren mit 94 Prozent* und über 9000 Besuchern sehr gut ausgelastet. In den Kirchen Luzerns und im KKL Luzern wurden insgesamt 14 Veranstaltungen mit sowohl sakraler als auch weltlicher Musik geboten. Fünf Konzerte waren ausverkauft, darunter das Eröffnungskonzert am 1. April, die Chorkonzerte vom 2. und 4. April und das Sinfoniekonzert der MusicAeterna mit Teodor Currentzis und der Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Voll besetzt war ausserdem die Premiere der Marienvesper von Claudio Monteverdi, die diesjährige Kooperation von Lucerne Festival mit dem Luzerner Theater**. Zum Dirigier-Meisterkurs mit Bernard Haitink kamen insgesamt rund 330 Interessierte.
Besetzung und Programm:
Alles was dieser unglaubliche Grieche anpackt, wird zu akustischem Gold. Selbst so Nachdenkliches wie „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“, in der originalen Orchesterfassung von 1787 von Joseph Haydn, wirkt bei Currentzis leicht, fast spielerisch. Obwohl er, als gewiefter Selbstdarsteller und guter Verkäufer, das Ganze irgendwie mystisch düster inszeniert. Am Bühnenrand lässt er brennende Kerzen in Schalen platzieren, den Saal vor Betreten der Bühne völlig abdunkeln. Alle Orchestermitglieder in lange, schwarze, einfache Roben gekleidet (ähnlich jener, die man von Abbildungen des legendenumrankten russischen Mönchs Grigori Jefimowitsch Rasputins kennt). Die Violinistinnen absolvieren den gesamten ersten Konzertteil, der ca. 60 Minuten dauert, stehend.
Die Umsetzung durch die Protagonisten war alles andere als ermüdend, sondern immer spannungsgeladen, ob der dramaturgische Aufbau, die fein herausgearbeiteten Nuancen, das Austarieren der diversen Streicherstimmen, ergänzt durch das Cembalo, instrumentale Passionsmusik in Perfektion, kaum denkbar, dass dies noch steigerungsfähig ist. Bereits die Introduktion, die den sieben Adagio`s vorangestellt ist, deutete an, was uns erwartete. Der Epilog, in diesem Fall „il terremoto“ (das Erdbeben), ist, anders als zum Beispiel bei Bach`s Johannes Passion, durchaus presto e con tutta la forza. Dies nutzte Courrentzis geschickt, um die begeisterten Zuhörer zu überbordendem Applaus und Bravorufen hinzureissen. Man hätte sich selbst eine Zugabe durchaus vorstellen können, was aber wohl so einem Werk nicht angemessen, sogar eher abträglich gewesen wär. Emotional aufgewühlt, begab man sich zur Pause in die Foyers.
Dieses einleitende Duett bot dann auch den beiden Vokalsolistinnen, die zusammen mit Currentzis die Bühne betraten, Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Das Orchester, nun alle Mitglieder sitzend, breitete der katalanischen Sopranistin Nuria Rial und der irischen Mezzosopranistin Paula Murrihy (Debut am Lucerne Festival) den musikalischen Teppich aus, auf dem sich die beiden souverän bewegen konnten, wobei die Irin Lautstärke mässig, etwas dominierend war. Dies trübte aber den Hörgenuss nur marginal, kratzte kaum am glänzenden Lack dieses Gesamtkunstwerkes, das man sich nicht getraut, „nur“ Konzert zu nennen. Dementsprechend lautstark und heftig wurden die Protagonisten auch gefeiert und die Vorfreude ist gross, diesen feurigen Griechen aus dem „Perm(a)frost“ ein nächstes Mal in Luzern erneut zu erleben.
Besetzung und Programm:
Das Orchester, ca. 3o Musiker (Kammermusikgrösse) betrat zuerst die Bühne, gefolgt vom Chor, bestehend aus 10 Sängerinnen und 13 Sängern. Hengelbrock, der auch das Eröffnungskonzert in der Elbphilharmonie in Hamburg leitete, betrat darauf die Bühne in Begleitung von Daniel Behle (Evangelist) und Markus Butter (Christusworte) sichtlich gut gelaunt, gewohnt locker – selbstsicher und nahm seine Arbeit unverzüglich auf, ohne Taktstock, nur mit den Fingerspitzen das Orchester und den Chor führend. Da das Orchester auch mit Gambe und Laute bestückt war, ergab sich ein wunderbares, schon fast barockes Klangbild, dessen Feinheiten der Dirigent immer wieder heraus kitzelte.
Das Zusammenwirken von Orchester und Chor, singend kommentiert von „Evangelist“ Daniel Behle (Debut am Lucerne Festival) und dem ehemaligen „Wiener Sängerknaben“ Markus Butter als Vortragender der „Christusworte“, hätte nicht perfekter sein können, alle agierten auf absolutem Weltklasseniveau, keinerlei Anstrengungen sich anmerken lassend bei diesem Monumentalwerk.
Am Schluss der Passion langanhaltende Stille, dann aber starker stürmischer Applaus für die Protagonisten des Abends. Da die Johannes Passion ja nicht mit einem furiosen Finale endet, wie eine Sinfonie, sondern eher nachdenklich leis – ruhig, realisierte der Grossteil des Publikums erst gar nicht, dass es (das Werk) „vollbracht war“.