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Lifestyle

Luzerner Theater, Tauben fliegen auf, 14. März 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Tauben fliegen auf Foto Ingo HöhnProduktionsteam Inszenierung: Sylvia Sobottka Bühne und Kostüme: Manuel Gerst Dramaturgie: Hannes Oppermann Musik: Mark Schröppel

Besetzung Mit: Sofia Elena Borsani, Michèle Breu, Adrian Furrer, Wiebke Kayser, Mirza Šakić

 

Rezension:

Das 2010 preisgekrönte Buch „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji wird im Luzerner Theater auf die Bühne gebracht. In Absprache mit der Autorin hat die Regisseurin Sylvia Sobottka einzelne Passagen ausgewählt. Diese werden so gesprochen, wie sie geschrieben sind, in direkter und indirekter Rede, abwechslungsweise von den fünf Schauspielern und oft unabhängig von ihrer Rolle.  Es ist keine Dialogfassung, eher ein semi-konzertantes Live-Hörspiel, wie es Dramaturg Hannes Oppermann nennt.

Die Bühne in der Box ist nicht wirklich eine Bühne: Stühle jeglicher Art – vom ziemlich ramponierten Camping-Stuhl über Plastik-Sessel bis hin zum eleganten Polsterstuhl  – sind so angeordnet, dass in der Mitte ein viereckiger Platz entsteht, ein etwas altertümlich wirkender hellgrüner Teppich auf dem Boden, immer noch dieser leichte Holz-Geruch in der Luft. Die Schauspieler bewegen sich bereits vor Beginn des Stücks frei zwischen den Besuchern und setzen sich anschliessend verteilt auf den Raum direkt zu ihnen.

Wechsel zwischen zwei Welten

Die Geschichte beginnt im Dunkel und erlaubt eigene Bilder im Kopf: Der schokoladenfarbene Chevrolet mit der Familie Kocsis auf dem Weg in die alte Heimat Vojvodina, die Pappelallee, die erbarmungslos brennende Sonne, die Einfahrt zum Haus, Mamika und ihre weichen Haare. Das grelle Licht holt einen danach zurück in die saubere Schweiz, ins Café Mondial, welches die Familie übernehmen konnte und nun an der Goldküste betreibt. So pendelt die Geschichte der Familie, welche sich in der Schweiz hochgearbeitet hat, hin und her, zwischen alter und neuer Heimat. Die ausgewählten Passagen geben Themen und Essenz des Buches voll und ganz wieder.

Für Tochter Ildiko geht dieses Leben auf die Dauer aber nicht auf. Sie will nicht unsichtbar sein, will ihre eigene Meinung haben können, lehnt sich auf gegen die Unterwürfigkeit gegen die Fremdenfeindlichkeit, welche sie je länger je mehr spürt. Und so verlässt sie die Familie, Mutter und Vater stehen machtlos da und schauen ihr nach. Eine eindrückliche Szene, wenn Ildiko im grellen Scheinwerferlicht eines Lieferwagens draussen auf dem Quai «Das Wesentliche ist unübersetzbar » auf die Scheibe sprayt und dann beginnt, die Stühle des Saals ins Freie zu räumen.

Grandiose Leistung

Mit wenig Mitteln und sehr gekonnt eingesetzten Lichteffekten werden Bilder mit grosser Intensität geschaffen. Der teilweise gewollte Miteinbezug der Strassen-Szene vor dem Fenster – die beleuchteten Gebäude an der Reuss, die Lichter auf dem Wasser, gaffende Passanten – bringen eine zusätzliche Dimension ins Geschehen. Das Publikum wird miteinbezogen: Einige Besucher werden aufgefordert, ihre Stühle zu verlassen. So sind sie vorübergehend den Blicken der anderen ausgesetzt und müssen ihren Platz ungewollt wechseln. Die Schauspieler befinden sich oft mitten unter dem Publikum, sitzen oder stehen so nahe, dass eine zusätzliche Betroffenheit aufkommt. Ihre Leistung ist  gewaltig, das Textvolumen riesig. Sofia Elena Borsani überzeugt als aufmüpfige Ildiko, Michèle Breu gibt eine lebenslustige Nomi. Vor allem aber erstaunt die sonst für wort- und emotionsgewaltige Rollen bekannte Wiebke Kayser: Unendlich sanft, mit manchmal einem stillen, leisen Lächeln spielt sie meisterhaft die demütige, unscheinbare Mutter.

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Höhn, Luzerner Theater:

https://fotogalerien.wordpress.com/2017/03/10/luzerner-theater-tauben-fliegen-auf-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

 

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: luzernertheater.ch

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Luzerner Theater, Romeo und Julia, Tragödie von William Shakespeare, 12. März 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Romeo und Julia Foto Ingo Höhn, Luzerner TheaterProduktionsteam

Inszenierung: Nina Mattenklotz Bühne: Johanna Pfau Kostüme: Lena Hiebel Licht: David Hedinger Musikalische Leitung: Carsten Meyer Dramaturgie: Regula Schröter Dramaturgie: Friederike Schubert

Besetzung

Mit: Adrian Furrer (Capulet), Wiebke Kayser (Lady Capulet), Samuel Braun (Graf Paris), Sofia Elena Borsani (Julia, Tochter der Capulets), Jakob Leo Stark (Romeo, Sohn der Montagues), Matthias Kurmann (Tybalt, Julias Cousin), Lukas Darnstädt (Mercutio, Romeos Freund), Alina Vimbai Strähler (Benvolio), Stefanie Rösner (Julias Amme), Yves Wüthrich (Lorenzo, Franziskanermönch)

 

Rezension:

Die Einführung gab bereits den jugendlichen Ton an für die kommende Aufführung von Romeo und Julia. Mit gestrickter Mütze, weissen Turnschuhen und einer Nervosität, die sie gar nicht erst zu verstecken versuchte, erklärte die Dramaturgin Friederike Schubert in groben Zügen Entstehung, Handlung  und Inszenierung des Stücks. «Huch, geschafft», meinte sie am Ende und der Applaus galt unter anderem auch ihrer jugendlichen Unverkrampftheit. Ihre Direktheit schien die Besucher anzustecken: »Oha, da ist ja richtig was los» flüsterte eine Besucherin, als der erste Schuss fiel auf der Bühne.

Körpereinsatz auf der ganzen Linie

Es ist «was los» in der Inszenierung der jungen Regisseurin Nina Mattenklotz. Keine Romantik, aber mitreissende Aktualität gespickt mit ab und zu humoristischen Einlagen. Obwohl das Bühnenbild nicht ändert – in der Mitte steht ein kaputtes Kettenkarrussel, dessen Sitze ab und zu quietschend hin und her schwingen –  und der Text ziemlich im Original übernommen wird, ist es eine unglaublich lebendige aber vor allem eine unglaublich körperliche Inszenierung. Da wird gekämpft, getötet, geschossen, getanzt, befummelt, geküsst und es  geht so richtig zur Sache. Besonders  eindrücklich z.B. die Szene, wo Romeo den toten Mercutio über die Bühne schleppt, eine Art Todestanz, bei dem sich Lukas Darnstädt als Mercutio so leblos gibt, dass es erschreckend echt aussieht.  Ob der ständigen Bewegung auf der Bühne, der Lebendigkeit, vergisst man völlig die Zeit. Die 3-köpfige  Band Jon Hood trägt mit ihren extra für die jeweiligen Szenen komponierten und live vorgetragenen Stücken ganz entscheidend zur Verdichtung der Stimmungen und der Atmosphäre bei.

Starke Besetzung

Die Rollen sind alle stark besetzt: Romeo (Jakob Leo Stark) ist eine Art liebenswerter Kumpel, Mercutio (Lukas Darnstädt) ein sexbesessener Schönling in engen, tiefsitzenden Glanzhosen und offener Jacke über nacktem Oberkörper, Benvolio (Alina Vimbai Strähler), in Luzern  als Frau besetzt, quirlig, sprühend und unbeschwert. Tybalt (Mathias Kurmann), ein aggressiver Aufwiegler,  Lady Capulet, Julias Mutter, (Wiebke Kaiser) verbittert, völlig abwesend, unbeteiligt. Der Vater (Adrian Furrer) unbeugsam, gefühllos und nur darauf bedacht, seine Tochter an den Grafen Paris (Samuel Braun) zu vergeben, ein schmieriger Jüngling ohne Rückgrat. Daneben gibt Sofia Elena Borsani als Julia ein verträumtes junges Mädchen, welches aber genau weiss, was es will. Ihre Amme (Stefanie Rösner) ist mehr Freundin  aber vor allem auch Frau, die den männlichen Reizen in keiner Weise abgeneigt ist. Nicht zuletzt ist da der Mönch (Yves Wüthrich), eine Karikatur mit schwarzem Haarkranz, zu kurzen Hosen und gestrickten grünen Socken. Die Heiratsszene verkommt dann auch zu einer Art Slapstick, erinnert an Szenen aus einem Fellini-Film, ist aber gleichzeitig einer der wenigen unbeschwerten Momente. Da bricht die Liebe, die Ungeduld, die Leidenschaft durch. Und wenn die beiden mit wehendem Hochzeitsschleier auf dem Fahrrad ihre Runden um das kaputte Karussell drehen, hat das etwas Hoffnungsvolles und Berührendes und man wünscht sich, sie  würden es schaffen, den Hass ihrer beiden Familien zu durchbrechen.

Für Hoffnung gibt’s aber keinen Platz in diesem Stück, wie man ja weiss. Der Schluss kommt leicht geändert daher, Romeo und Julia finden sich zwar noch, sehen aber keine andere Lösung, als sich gemeinsam zu erschiessen.

Das Stück ist bedrückend aktuell. Nina Mattenklotz zeigt Bilder, wie sie uns allen nur zu bekannt sind – Bandenkriege, Gewalt, Intoleranz, Egoismus, sexuelle Übergriffe. Es ist wohl diese Realitätsnähe, die eine ganze Schulklasse völlig gebannt fast die ganzen 3 Stunden ruhig auf ihren Sitzen ausharren liess. Das allein spricht für das Stück, die Inszenierung und die Schauspieler!  Einzig in der Schlussszene, die sich dann doch etwas lange hinzog, wurde es langsam etwas unruhig in den oberen Rängen.

Wer sich bis jetzt von der Länge des Stücks vom Besuch hat abhalten lassen – nicht mehr zögern und hingehen. Die Bilder bleiben einen weit über den Abend hinaus im Kopf.

Trailer der Produktion:

www.luzernertheater.ch/romeoundjulia

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Höhn, Luzerner Theater:

fotogalerien.wordpress.com/2017/03/06/uzerner-theater-romeo-und-julia-tragoedie-von-william-shakespeare-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: luzernertheater.ch

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Migros-Kulturprozent-Classics: Tournee IV der Saison 2016/2017, Budapest Festival Orchestra, 7. März besucht von Paul Ott

Budapest Festival Orchestra c Marco BorggreveBesetzung  und Programm:

Budapest Festival Orchestra

Dirigent  Iván Fischer, Francesco Piemontesi, Solist am Piano

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21

Ludwig van Beethoven

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58

Felix Mendelssohn-Bartholdy

Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 „Italienische“

 

Rezension:

Ein Orchester-Chor singt Fanny Mendelssohn

Ein Dienstagabend im ausverkauften Kultur Casino Bern. Im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics spielt anlässlich der Tournee IV das Budapest Festival Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer. Das 1983 als Projektorchester für junge Talente gegründete Ensemble ist nach wie vor mit vielen jungen Musikerinnen und Musikern bestückt. Interessant ist die Platzierung der Bässe hinten auf dem Podium, das lässt einen etwas tiefer gestaffelten Klang entstehen.

Dirigent Ivan Fischer c Marco BorggreveDas von seiner Programmierung und von der Spielfreude des Orchesters her publikumsfreundliche Konzert beginnt mit Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21, uraufgeführt am 2. April 1800 im Wiener Hofburgtheater. Schon hier entsteht der Eindruck, dass für dieses kompakte Orchester, das mit viel Leidenschaft spielt, das Kultur Casino ein beengender Raum ist. Man würde sich eine solche Aufführung einmal in der Sommerfrische in einem Musikpavillon wünschen.

Mit Ludwig van Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58 betritt der junge Schweizer Pianist Francesco Piemontesi die Bühne. Es ist ein stimmungsvolles Konzert, das neben zwei längeren Solopassagen ein überzeugendes Miteinander von Solist und Orchester begünstigt. Herauszugrübeln, wann allenfalls etwas nicht ganz gestimmt hat, ist Mäkeln auf hohem Niveau. Möglicherweise gab es in den ersten drei Minuten gewisse Abstimmungsprobleme zwischen dem jungen Pianisten und dem Orchester. Das ging beim engagierten Spiel jedoch schnell vergessen, und das Publikum dankte es mit grossem Applaus.

Solist am Piano Francesco Piemontesi c Felix BroedeAls Solozugabe intonierte Francesco Piemontesi ein Stück, das wir wieder einmal nicht kennen, möglicherweise war es eine der Préludes von Chopin, die der Pianist als CD herausgebracht hat.

Nach der Pause spielte das Budapest Festival Orchestra die Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 „Italienische“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Der Komponist meinte bei der Entstehung: „Sie ward das lustigste Stück, das ich je gemacht habe.“ Iván Fischer führt sein Orchester zu einer wie beim ganzen bisherigen Abend schön gespielten Interpretation. „Ungarn spielen einen jüdischen Deutschen, der sich Italien vorstellt“, meinte mein Begleiter. Aus der Italiensehnsucht entsteht weniger südliche Leichtigkeit als vielmehr östliche Schwermut und glühende Leidenschaft.
Originell und witzig dann die Zugabe. Das Orchester stellt sich zu einem Chor zusammen und singt ein Lied von Fanny Mendelssohn. Ein professioneller Chor hätte es wohl besser gemacht. Geschenkt. Wann hat man so etwas schon erlebt! Ein herzliches Danke an Iván Fischer und sein Budapest Festival Orchestra!

Text: Paul Ott/Paul Lascaux:www.literatur.li

 

Fotos: www.migros-kulturprozent-classics.ch/de/home und Wikipedia

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Genf, Opéra des Nations, Wozzeck von Alban Berg, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Opéra des Nations Wozzeck c Carole ParodiOpéra des Nations Wozzeck  Opera in 3 acts and 15 scenes by Alban Berg  Libretto based on the drama Woyzeck by Georg Büchner. First performed at the Staatsoper (Unter den Linden), Berlin on 14 December 1925.  Production Lyric Opera of Chicago

Rezension:

Als Alban Berg Büchners Drama Woyzeck auf der Bühne sah, war er tief beeindruckt und schrieb darauf seine Oper Wozzeck in 3 Akten mit 15 Szenen. Diese wurde 1925 in Berlin uraufgeführt und ist in diesen Tagen (noch am 6./8./10./12. und 14. März) im Grand Theatre de Genève in der Inszenierung des Schottischen Regisseurs David Mc Vicar  zu sehen.

Wozzeck ist ein Verlierer auf der ganzen Linie. Er wird herumkommandiert, missbraucht für medizinische Experimente, seine Lebensgefährtin Marie betrügt ihn, man trampelt auf ihm herum, schlägt ihn zusammen, führt ihn vor und zieht ihn im wahrsten Sinn des Wortes aus bis auf die Unterhosen. Er hat keine Chance in dieser Welt voller Egoisten, Neurotiker, Sadisten und aufgeplusterten Gockeln. Er, der durch und durch Mensch ist, geht zu Grunde, wird depressiv, verfällt dem Wahnsinn und tut schlussendlich, was er nicht mehr lassen kann: Er tötet seine Marie und geht danach selber ins Wasser. «Da ertrinkt einer», sagt der sich in der Nähe befindende Doktor zum Kapitän, dann gehen sie von dannen.

Dies in Kürze die Geschichte der Oper Wozzeck. Genf zeigt eine Wiederaufnahme der Inszenierung von Davic McVicar, ein wahrer Glücksfall, denn sie überfällt den Besucher nicht mit schrillen Figuren oder überladenen Bildern. Sie ist präzise und klar, lässt den Gefühlen und Stimmungen Platz und erlaubt es dem Zuhörer, sich voll auf die Musik zu konzentrieren. Man muss nicht kontinuierlich versuchen, Aussagen zu verstehen, die Bilder sind von einer unglaublich Dichte und verstehen sich von selbst.

In der Mitte der Bühne steht ein riesiges Kriegsdenkmal, wie ein Mahnfinger, darum herum spielen sich die 15 Szenen ab. Die vielen Bildwechsel geschehen durch zwei Vorhänge, welche von unsichtbaren Händen gezogen werden. Das erlaubt einen schnellen Wechsel von der Soldatenstube zu Maries Zimmer, von der Doktorstube zur Strasse. Einzig der Wechsel nach dem 3. Akt ist schleppend und so lautstark, dass man leider vorübergehend etwas aus dem Bann des Geschehens fällt.  Die verschiedenen Bilder sind in ihrer ganzen Trostlosigkeit aber grossartig; Maries karges Zimmer, die Doktorstube, mehr Folterkammer, mit dieser riesigen Lupe, die die Betroffenheit Wozzecks ins beinahe Unermesslich vergrössert. Mit Lichteffekten von weichem Sepia bis hin zu Grellweiss werden Stimmung und Dramatik atmosphärisch verstärkt.

Das ganze Ensemble überzeugt, allen voran Mark Stone als sehr glaubwürdiger Wozzeck, unverfälscht, menschlich, verzweifelt. Mit seinem expressiven Bariton beherrscht er alle Facetten der Rolle und wird allen Ansprüchen gesanglicher Art gerecht: Er brilliert genauso im Gesang wie im Sprechgesang und in der Deklamation. Die Mezzo-Sopranistin Jennifer Larmore als Marie bringt die ganze Bandbreite ihrer Gefühle zum Ausdruck, hin- und hergerissen zwischen Schuld, Leidenschaft und Angst. Wunderschön und berückend die Szenen zwischen ihr und ihrem kleinen Sohn. Einzig die Verführungsszene mit dem Tambourmajor (Charles Workman, Tenor) kommt nicht wirklich glaubhaft herüber, scheint gefühllos, kalt, beinahe unbeholfen. Zu erwähnen neben den ebenfalls sehr überzeugenden Tom Fox (Bariton) als Doktor und Stephan Rügamer (Tenor) als Kapitän ist auch Alexander Milev als Erster Lehrling mit seinem wunderschön sonoren Bass.

Das Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Stefan Blunier begeistert sowohl in den sanften, expressiven Soli als auch in den getriebenen, explosiven, stürmischen Tutti. Leider werden aber dabei die Sänger ab und zu etwas übertönt. Ob es am – provisorischen – Saal liegt?

Alles in allem ist dieser Wozzeck eine sehr gelungene, eindrückliche und auch bedrückende Produktion und man verlässt die Oper mit Bildern, die einen nicht so schnell loslassen. Die Zuschauer spendeten langanhaltenden Applaus und Bravo-Rufe.

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: Carole Parodi          www.geneveopera.ch

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