Beethovens Fünfte, Luzerner Sinfonieorchester, KKL Luzern, 16. November 2016, besucht von Léonard Wüst
Besetzung und Programm:
Luzerner Sinfonieorchester
Hannu Lintu, Leitung
Stojan Krkuleski, Klarinette, Christoffer Sundqvist, Klarinette
John Adams (*1947)
«Short Ride in a Fast Machine»
–
Siegfried Matthus (*1934)
Konzert für zwei Klarinetten und Orchester (Uraufführung)
–
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67
Rezension:
Eigentlich deutete von der Programmation her alles darauf hin, dass Beethovens Fünfte der Höhepunkt des Konzertes sein würde. Das war sie dann auch, allerdings nicht uneingeschränkt, da die Uraufführung des Doppelkonzertes für zwei Klarinetten von Siegfried Matthus (*1934) im ersten Konzertteil, beim Publikum im ausverkauften Konzertsaal ebenso grosse Begeisterung hervorrief, auch, weil mit Stojan Krkuleski einer der beiden Solisten Mitglied des LSO ist. Gestartet wurde furios mit dem fünfminütigen John Adams Knüller über die musikalisch dargestellte, rasante Fahrt mit einem PS potenten Sportwagen (Short ride in a fast machine). Da war vom Orchester volle Präsenz ab der ersten Sekunde gefragt. Geleitet vom schlaksigen finnischen Gastdirigenten Hannu Lintu meisterten die Musiker diese kurze, aber explosive Spritzfahrt und erhielten dafür den entsprechenden Applaus. Darauf positionierten sich die zwei Solo Klarinettisten vor dem Orchester für das nun folgende Konzert für zwei Klarinetten und Orchester. Bald wurde hörbar, wie schalkhaft süffisant der Komponist die Soli in der Partitur gelistet hat. Es entwickelten sich spannende Monologe, dazu die erfolglosen Versuche in unisonen Dialog zu treten. Setzte Krkuleski seinen End Ton, folgte Sundqvist mit einem konstant höheren, was seinen Mitstreiter sichtlich enervierte. Dies wiederum ärgerte Sundqvist, der sich selbst im Recht wähnte.
So nahm die Tragikomödie ihren Lauf, bis beide Solisten perplex verstimmt die Bühne verliessen. (Dies immerhin fast synchron). Das Orchester spielte die Partitur ungerührt weiter, worauf sich die beiden Solo Klarinetten wieder dazu gesellten, schlussendlich zusammenrauften und doch noch zu einer finalen Harmonie gelangten. Sie bewiesen bei diesem musikalischen „Pas de deux“, dass sie nicht nur aussergewöhnlich gute Musiker sind, sondern dazu über sehr grosse komödiantische Fähigkeiten verfügen. Obwohl dieses Szenario vom Komponisten höchstpersönlich im Programm so beschrieben war, überraschte die Umsetzung desselben in seiner Konsequenz doch, sichtlich genossen vom köstlich amüsierten Publikum. Dabei war das Ganze in keinster Weise klamaukhaft, sondern eine augenzwinkernde, feinfühlige Parodie auf Personen, die, aller Bemühungen zum Trotz, nicht auf die gleiche Wellenlänge kommen, sich nicht zur gleichen Zeit mit dem wortwörtlich gleichen Ton äussern können. Versöhnlich, dass zum Schluss doch noch alles Friede, Freude, Eierkuchen war.
Das Auditorium war hell begeistert und überwältigt, weil, nebst Witz und Ironie, auch die musikalische Qualität auf höchstem Level war. So begab man sich gutgelaunt in die Pause.
Der zweite Konzertteil Beethovens 5. Sinfonie
Hannu Littu führte gradlinig und klar durch die Partitur, zügig, nicht zu pompös, gar brachial. Diese Interpretation erlaubte, besonders den Bläsern, feine Ziselierungen, zurückhaltend diskret und trotzdem deutlich. Wo Beethoven häufig etwas bärbeissig daherkommt, liess der finnische Dirigent auch mal eine Spur Zärtlichkeit, gar Erotik durchschimmern, manchmal auf dem Pult wie ein nordischer Torero agierend, seinen ganzen Körper einsetzend, dann wippend und mit grosser Gestik, mal mit blossen Fingerbewegungen die Töne rauskitzelnd. Ein Hör – und Sehgenuss par excellence, getragen durch ein gewohnt souveränes, auf höchstem Niveau agierenden LSO. Das sichtlich zufriedene Publikum honorierte diese Darbietung mit kräftigem, langanhaltendem Applaus, zu einer stehenden Ovation reichte es erstaunlicherweise nicht ganz.
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: sinfonieorchester.ch/home
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Besetzung und Programm:
Den Anfang machte Dieter Ammanns „Turn“ (2010), der Dreh- und Angelpunkt eines musikalischen Triptychons, über das der von der Aufführung sichtlich begeisterte Komponist im Programmheft sagt: „Ich habe ein formales Konzept entwickelt, das eine bewusste Überfrachtung des Orchestersatzes exponiert, um so eine musikalische Aura zu schaffen, die in der Folge dann einer grundlegenden Veränderung unterzogen bzw. völlig gebrochen wird.“ So gut das Orchester das Stück umsetzt, es bleibt ein Fremdkörper im Programm dieses Abends.
Nach der Pause zeigt sich das Mariinsky Orchestra auf dem Höhepunkt seines Könnens, und es ist ein besonderer Genuss, von einem russischen Orchester Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ (1874) zu hören, zwar ein oft gespielter Klassiker im Konzertbetrieb, aber selten mit so viel Leidenschaft aufgeführt. Dankenswerterweise sind die Titel der Bilder im Programmheft aufgelistet, so erkennt man den Gnom, den Ochsenkarren, das Heldentor an der bombastischen Wiedergabe, den Marktplatz von Limoges und die Tuilerien in ihrer luftigen Lebendigkeit und die allseits bekannte Promenade als Begleiter durch die Ausstellung. Man würde sich wünschen, zu den Klängen der Musik vor den Bildern von Viktor Hartmann zu stehen, die Mussorgski als Anregung dienten, zum Beispiel das reizend betitelte „Ballett der unausgeschlüpften Küken“. Die „Bilder“ wurden übrigens in der Orchesterfassung von Maurice Ravel präsentiert.
Das Auditorium feierte die Protagonisten mit langanhaltendem stürmischem Applaus, wofür sich Kavakos mit einer kleinen Zugabe in Form einer Improvisation erkenntlich zeigte.
Besetzung und Programm:
Nebst dem eleganten Dirigat gab dann Maurice Steger noch einige Informationen preis und sagte: Er präsentiere nach langjähriger Recherche eine Zusammenstellung aus dem Harrach-Archiv. Diese erfolgte nach minutiöser Arbeit erst im Jahre 2008. Die entdeckte, äusserst stilvolle Musiksammlung des Kunstförderers Graf von Harrach aus Österreich entstand im 18. Jahrhundert, während er Diplomat und Vizekönig von Neapel war. Es war ein Andenken an seine Italienzeit und wiederspiegelte seine Biografie und grosse Hingabe zur Musik und Kunst. Damals wurden vorwiegend Hauskonzerte veranstaltet, was sich durch viele gesellschaftliche Veränderungen heute im Konzertsaal abspielt und einem breiteren Musikpublikum zugänglich gemacht wurde. Der Graf war im Besitz von mehreren Flöten und wahrscheinlich konnte er sie auch spielen. Maurice Steger betitelte den Abend als eine Art Uraufführung und vermittelte gegenüber dem Instrument „Blockflöte“ eine beachtliche Wertschätzung in der Verschiedenartigkeit der Grösse und der entsprechenden Tonmöglichkeiten.
Anschliessend gaben die Musiker Brescianello zum Besten. Dieser Komponist wollte die amerikanische Oper mit tiefschürfenden Arien auffrischen, welche besonders mit Blockflötenpassagen bereichert wurden. Die Improvisation war ein grosses Thema in der Barockmusik. Dann Sammartini, bekannt als hervorragender Bläser und Liebhaber der Blockflöte. Es war wie ein Erwachen aus der Morgenröte, lebendig, melodiös und eine musikalische Aufmunterung zum neuen Tag.