Wie beeinflusst Lichtverschmutzung Muscheln rund um den Globus?
Die nächste Generation von Teilnehmenden des
internationalen Forschungs- und Ausbildungsprogramms GAME ist bereit für
den Start ihrer Experimente. Nach einem Monat Online-Training reisen die
Studierenden jetzt zu Forschungsstationen in sieben verschiedenen Ländern.
Bis Oktober führen sie dort methodisch vergleichbare Untersuchungen zu
Auswirkungen von Lichtverschmutzung auf filtrierende Organismen am
Meeresboden durch. GAME ist ein Programm des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für
Ozeanforschung Kiel und feiert Ende 2022 sein 20-jähriges Bestehen. Die
aktuelle GAME-Studie wird von der Klaus Tschira Stiftung ermöglicht und
von einer Reihe langjähriger Förderer unterstützt.
Wie wirkt sich nächtliches Kunstlicht auf Tiere entlang unserer Küsten
aus? Das aktuelle Projekt des internationalen Forschungs- und
Ausbildungsprogramms GAME (Globaler Ansatz durch Modulare Experimente) des
GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel untersucht die
Auswirkungen von Lichtverschmutzung auf Filtrierer wie Muscheln in
Küstenregionen rund um den Globus. Bereits im Jahr 2021 zeigten
Experimente mit Schnecken, Krebsen und Seeigeln, dass einige Arten
nächtliches Licht eher meiden, weil es das Risiko erhöht, von Fressfeinden
entdeckt zu werden. Dadurch verkürzt sich aber die Zeit, die die Tiere für
die Nahrungsaufnahme haben. Andere hingegen blieben aufgrund des
Kunstlichts länger aktiv und fraßen mehr.
Um jetzt mehr über die Reaktionen festsitzender Organismen zu erfahren,
führen zwölf Studierende über sechs Monate hinweg vergleichbare
Experimente mit weltweit verbreiteten Muschelarten in sieben verschiedenen
Ländern durch. „Unseres Wissens nach ist dies das erste Mal, dass die
Reaktionen von Muscheln auf künstliches nächtliches Licht systematisch an
verschiedenen Stationen über mehrere Monate beobachtet werden“, sagt Dr.
Mark Lenz, Meeresökologe am GEOMAR und Koordinator von GAME. „Es ist
durchaus möglich, dass nächtliches Kunstlicht diese Organismen
beeinträchtigt. Muscheln nehmen das Licht wahr, ohne in der Lage zu sein,
ihm zu entfliehen. Aber sie können das Risiko von tagaktiven Räubern
gefressen zu werden, begrenzen, indem sie ihre Schalen geschlossen halten.
Wenn sich der Tag durch nächtliches Kunstlicht verlängert, bleibt ihnen
dadurch weniger Zeit, um Nahrung aus dem Wasser zu filtern. Daher könnte
die Filtrationsleistung von Muschelbänken unter dem Einfluss von
Kunstlicht abnehmen.“
Als riesige Wasserfilter sorgen Muschelbänke für eine gute Wasserqualität.
Außerdem stabilisieren sie die Küsten und liefern Nahrung für viele andere
Meeresorganismen und den Menschen. Falls Lichtverschmutzung ihre
Filtrationsleistung beeinflusst, könnte dies Folgen haben, die sich
kaskadenartig auf die betroffenen Ökosysteme auswirken.
Forschungsarbeiten zu Lichtverschmutzung konzentrierten sich bislang meist
auf Lebewesen und Ökosysteme an Land. Aber sie kann durchaus auch
Meerestiere beeinträchtigen. Der Rhythmus von Tag und Nacht ist weitgehend
konstant geblieben, seit sich das Leben auf unserem Planeten entwickelt
hat. Dementsprechend steuert das Licht von Sonne und Mond unzählige
Prozesse und Verhaltensweisen wie Wanderungsbewegungen,
Fortpflanzungszyklen und den Wechsel zwischen Aktivitäts- und Ruhephasen.
Lichtrhythmen sind der DNA vielen Lebensformen auf der Erde
eingeschrieben. Seit der Erfindung von Gaslampen und mehr noch seit der
Einführung des elektrischen Lichts kann der Mensch diese Rhythmen in
großem Umfang stören. Derzeit werden zudem immer häufiger LED-Systeme für
die Straßenbeleuchtung eingesetzt, deren Spektrum dem der Sonne ähnlicher
ist als das früherer Lichtquellen. Damit steigt die Gefahr, dass
künstliches Licht natürliche Prozesse beeinträchtigt.
„Mit unseren Experimenten in den Jahren 2021 bis 2023 wird GAME dazu
beitragen, die Auswirkungen der Lichtverschmutzung als potenziellen
zusätzlichen Stressfaktor für Küstenökosysteme besser zu verstehen“,
betont Dr. Lenz. „Indem wir vergleichbare Experimente rund um den Globus
durchführen, können wir auch herausfinden, ob Populationen aus
verschiedenen Regionen unterschiedlich reagieren. In den hohen Breiten
verändern sich Lichtverhältnisse im Jahreslauf, während sie in den Tropen
konstant sind. Dies könnte die Empfindlichkeit von Organismen gegenüber
nächtlichem Kunstlicht beeinflussen.“
2022 finden wieder Experimente in Cabo Verde, Finnland, Japan, Malaysia
und Spanien statt. Außerdem sind zwei neue wissenschaftliche Partner zu
GAME gestoßen: Erstmals wird auch an der Universidad Católica de Santísima
in Concepción, Chile, und am University Centre of the Westfjords in
Isafjördur, Island, geforscht.
Für den Vorbereitungskurs trafen sich die Studierenden jeden Wochentag von
9:30 bis 15:00 Uhr online. „Aufgrund der Corona-Pandemie konnten wir uns
nicht wie üblich in Kiel treffen. Da die Studierenden aus zwölf
verschiedenen Zeitzonen kamen, war es schwierig, einen Zeitplan zu
entwickeln, der für alle funktionierte“, erklärt Dr. Lenz. Die endgültige
Lösung brachte frühes Aufstehen in Chile und Cabo Verde mit sich und
sorgte für spätabendliche Arbeit in Malaysia und Japan. „Aber wir haben es
trotzdem geschafft, eine hochmotivierte Gruppe zu bilden und ein gutes
Gefühl für die Bedeutung internationaler und multikultureller
Zusammenarbeit in der Wissenschaft zu bekommen.“
„Bevor ich zu GAME kam, wusste ich nicht, dass nächtliches Kunstlicht
Auswirkungen auf filtrierende Organismen am Meeresboden haben kann“,
verrät GAME-Teilnehmerin Karen da Graca aus Cabo Verde. „Jetzt freue ich
mich auf meine Forschung, denn das ist ein sehr aktuelles Thema.“
Für Jannis Hümmling, GAME-Teilnehmer aus Deutschland, vermittelt der GAME-
Ansatz eine sehr wichtige Botschaft: „Wir müssen die ganze Welt
betrachten, anstatt uns nur auf unseren kleinen lokalen Raum zu
konzentrieren, wenn wir wirklich verstehen wollen, wie unser Planet sich
verändert. Durch die Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen
Ländern, um an Orten auf der ganzen Welt Experimente zur gleichen
Forschungsfrage durchzuführen, bietet GAME eine der besten Möglichkeiten
dafür. Gleichzeitig eine neue Kultur zu erkunden, macht das Ganze
natürlich noch spannender, und ich bin sehr neugierig, was mich erwarten
wird.“
„GAME bietet mir die Möglichkeit, theoretisches Wissen aus meinem
bisherigen Studium mit praktischen Fertigkeiten zu verknüpfen. Dank GAME
erfahre ich den gesamten Prozess wissenschaftlichen Arbeitens von der
theoretischen Planung über die praktische Umsetzung bis zur statistischen
Auswertung der Ergebnisse“, sagt Melanie Stock, eine weitere GAME-
Teilnehmerin aus Deutschland. „Ich hoffe sehr mit meinem Projekt einen
Teil zum Verständnis unserer Meere beitragen zu können. Zudem ermöglicht
mir GAME einen Austausch mit etablierten Mitgliedern internationaler
Forschungsgruppen – potenzielle Arbeitgeber für meine zukünftige
Karriere.“
GAME-Blog:
Die Teilnehmenden berichten im GAME-Blog auf der Plattform "Oceanblogs"
über ihre Experimente und ihren Alltag: https://www.oceanblogs.org/gam
Projektförderung:
GAME wird gefördert von der Klaus Tschira Stiftung sowie Bornhöft
Industriegeräte, Hydro-Bios, Hydrotechnik Lübeck, LimnoMar, dem Lions Club
Kappeln, der Müllverbrennung Kiel, Offcon und SubCtech.
- Aufrufe: 16