Mikrowelle statt Hochofen
Verfahrenstechniker der Uni Magdeburg testen Einsatz von
Mikrowellentechnologie als Alternative für energieintensive
Großproduktionsverfahren
Verfahrenstechnikerinnen und -techniker der Otto-von-Guericke-Universität
Magdeburg wollen die Mikrowellentechnologie als umweltschonende
Alternative für energieintensive und schwer kontrollierbare
Produktionsverfahren entwickeln. In besonders ausgestatteten Geräten
untersuchen sie unter kontrollierten Laborbedingungen chemische Prozesse
wie sie unter anderem in Hochtemperaturöfen stattfinden.
Ziel des Forschungsvorhabens ist es, energieintensive
Großproduktionsprozesse effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten,
den enormen Verbrauch fossiler Brennstoffe sowie den damit verbundenen
CO2-Ausstoß signifikant zu reduzieren. Zurzeit verbrauchen, laut Martin
Dehli in „Der Energieverbrauch in Deutschland“, großindustrielle
Produktionsverfahren bis zu 19 Prozent des deutschen Energiebedarfs allein
für die Bereitstellung von Prozesswärme.
Das Forschungsvorhaben der Verfahrenstechnikerinnen Junior-Professorin
Dr.-Ing. Alba Dieguez Alonso und Dr.-Ing. Nicole Vorhauer-Huget ist ein
Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs SFB/ Transregio 287 BULK-
REACTION. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG mit fast 10
Millionen Euro unterstützten Vorhaben entwickeln rund 40
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Magdeburg,
Bochum und Kiel aus den Ingenieurwissenschaften, der Informatik und der
Physik aufwändige Computersimulationsmodelle für Großproduktionsverfahren.
Anschließend werden sie diese Simulationen durch experimentelle
Messverfahren überprüfen.
„Konventionelle Produktionsprozesse in Hochtemperaturöfen, zum Beispiel
zur Herstellung von Keramik, Zement, Ziegeln oder Stahl, verbrauchen
weltweit eine enorme Menge an Energie, die derzeit noch fast
ausschließlich aus fossilen Ressourcen stammt“, so Junior-Professorin
Dr.-Ing. Alba Dieguez Alonso. Das führe zu hohen Kosten und
CO2-Emissionen. „Wir suchen nach Wegen, den wachsenden Energieverbrauch
durch fossile Brennstoffe bei diesen Großproduktionsprozessen zu senken“,
ergänzt ihre Kollegin Dr.-Ing. Nicole Vorhauer-Huget. „Unsere Alternative
heißt: Mikrowellentechnologie.“ Wie in haushaltsüblichen Geräten, könnten
damit statt fossiler Brennstoffe erneuerbare Energieträger wie Wind und
Sonne eingesetzt werden, so die Verfahrenstechnikerin weiter. Mikrowellen
wirkten darüber hinaus sehr schnell, das wisse jeder aus der Küche. „So
könnte künftig auch bei Großproduktionsprozessen Zeit und damit viel
Energie eingespart werden.“
Allerdings sei die Interaktion der Mikrowellen mit den Materialien, die
sich bei hohen Temperaturen durch chemische Reaktion im Prozess ständig
verändern, größtenteils noch nicht gut verstanden. „Unser Forschungsansatz
ist es deshalb, experimentell gewonnene Daten über Materialien, Reaktionen
sowie dieelektrische Eigenschaften – die bestimmen, wie gut sich ein
Material mit elektromagnetischer Strahlung erwärmen lässt – zu sammeln.“
Das stelle allerdings eine große Herausforderung dar, unterstreicht
Junior-Professorin Dr.-Ing. Alba Dieguez Alonso. „Viele während der
Prozesse in der Mikrowelle auftretende Vorgänge sind sehr schnell und
laufen dazu im Mikrometer- bis Nanometerbereich ab. Zudem ist der
Mikrowellenreaktor durch ein Metallgehäuse abgeschirmt und in ihm
herrschen Temperaturen über 600 °C.“ Der speziell vom Unternehmen Püschner
GmbH + CO KG Mikrowellenenergietechnik für das Forschungsteam entwickelte
Reaktor sei zwar ausgerüstet mit Wärmebildkameras, Waage, Druck- und
Temperaturfühlern, zählt Alonso auf. Das reiche jedoch nicht aus, um die
Abläufe wissenschaftlich fundamental zu erfassen oder für verschiedene
Bedingungen und Materialien vorherzusagen. „Hierfür sind wiederum
zusätzlich aufwändige mathematische Computermodelle erforderlich, die wir
jetzt entwickeln wollen. Damit können wir alle bisher nicht messbaren
Interaktionen zwischen Materialien, Reaktionen und elektromagnetischen
Wellen auf verschiedensten Größenskalen erfassen“, ergänzt ihre Kollegin
Vorhauer-Huget. „Wir beobachten also die Eigenschaften des Ausgangsstoffs:
Wie schnell erwärmt er sich? Welche Prozessbedingungen müssen geschaffen
werden, damit die Reaktionen möglichst effizient ablaufen? Davon lassen
sich dann wiederum bestimmte Annahmen über die Prozesssteuerung während
der Produktion ableiten und Aussagen zur Produktqualität treffen.“
Letztendlich bestimmen die Prozessparameter in einem Hochtemperaturofen
sowohl die Produkteigenschaften wie Porosität und Festigkeit als auch die
chemische Zusammensetzung von Produktgasen und -flüssigkeiten. „Da die
Mikrowellenerwärmung im Vergleich zu konventionellen Verfahren mit heißen
Gasen oder Wärmestrahlung grundsätzlich andere Prozessbedingungen
ermöglicht, könnten künftig Produkteigenschaften gezielt verändert und
optimiert werden. Auf der Grundlage der Forschung könnten also in Zukunft
neue Verfahren zur Gewinnung nachhaltiger Produkte bereitstehen.“
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