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Entzündungen in Herzmuskelzellen bei Kindern: Sind defekte Gene eine Ursache?

Forscherin des Deutschen Herzzentrums Berlin untersucht
Krankheitsmechanismen von Herzmuskelentzündungen bei Kindern – unterstützt
mit Gerd-Killian-Projektförderung der Herzstiftung

Herzschwäche und Herzversagen werden bei Kindern oft durch eine
Herzmuskelentzündung (Myokarditis) oder eine krankhafte Erweiterung der
Herzkammern, eine sogenannte dilatative Kardiomyopathie (DCM),
hervorgerufen. Gerade bei Kindern unter zwei Jahren finden sich häufig
schwere Krankheitsverläufe mit gleichzeitigem Vorliegen einer DCM und
einer Inflammation, bei der Entzündungszellen im Herzmuskel gefunden
werden. Dadurch sind eine typische Myokarditis und eine DCM nur schwer
voneinander abzugrenzen. Genetische und immunologische Ursachen werden
hier vermutet. In Untersuchungen konnten bereits genetische Veränderungen
(Mutationen) bei Patienten mit primärer, also nicht durch andere
Erkrankungen hervorgerufener, DCM nachgewiesen werden. Gleichzeitig
konnten auch bei Kindern mit Myokarditis und dem Bild der DCM genetische
Veränderungen, die mit einer DCM einhergehen, identifiziert werden.
Im Rahmen einer von der Deutschen Herzstiftung (www.herzstiftung.de) aus
dem Gerd-Killian-Fonds mit 60.000 Euro geförderten Forschungsarbeit
untersuchen nun Forscher um Dr. med. Franziska Seidel, Assistenzärztin an
der Klinik für Angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie am Deutschen
Herzzentrum Berlin (DHZB), diese Entzündungsprozesse in einem genetischen
Modell genauer. Das Gerd Killian-Forschungsprojekt von Dr. Seidel trägt
den Titel „Einfluss endogener und exogener Inflammation im
BAG3-induzierten Modell der dilatativen Kardiomyopathie“ und wird in der
AG Klaassen, Klinische Kardiogenetik (Leiterin Prof. Dr. Sabine Klaassen),
am ECRC (Experimental & Clinical Research Center) von Charité-
Universitätsmedizin Berlin und Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin
in Berlin-Buch durchgeführt. Das Ziel der experimentellen Studie des Teams
ist die Analyse der endogenen wie auch exogenen Inflammation in einem In-
vitro-Kardiomyozyten-Modell, das eine krankheitsverursachende genetische
Variante im Gen Bag Cochaperone 3 (BAG3) trägt. BAG3 ist ein
krankheitsverursachendes Gen der primären DCM.

Krankheitsverursachende Variante im BAG3-Gen im Visier der Forscherin
Genetische Veränderungen im BAG3-Gen können das Gleichgewicht und den
Stoffwechsel von Herzmuskelzellen stören und zu einer DCM führen. Und
solche Mutationen im BAG3-Gen wurden auch bei Kindern mit Myokarditis und
dem Krankheitsbild einer DCM festgestellt. „Das begründet die Annahme,
dass bei diesen Patienten möglicherweise eine endogene, also eine vom
eigenen Organismus ausgehende Reaktion durch die BAG3-Mutation mit daraus
resultierender Entzündung (Inflammation) des Herzmuskels ausgelöst wird –
und nicht nur etwa eine Herzmuskelentzündung durch eine Virus-Infektion im
Rahmen eines Infektes“, erklärt Dr. Seidel. Die Ärztin und ihre
ForscherkollegInnen vom Max-Delbrück-Centrum wollen diese
Entzündungsprozesse nun genauer unter die Lupe nehmen. „Die Datenlage dazu
ist allerdings bislang spärlich“, so Seidel.
Das Forscherteam will in einem Modell aus Stammzell-induzierten
Herzmuskelzellen (Kardiomyozyten), die eine krankheitsverursachende
Veränderung im BAG3-Gen tragen, zum einen die immunologisch wirksamen
endogenen Faktoren analysieren. Dazu wird u. a. gemessen, welche
entzündungsfördernden Stoffe (Zytokine) in den Zellen mit Genmutation
entstehen, eben jene Botenstoffe, die maßgeblich an einer Immunantwort
beteiligt sind. Zudem werden die Zellen mit bekannten inflammatorischen
Zytokinen behandelt, um den Einfluss einer externen (exogenen)
Inflammation vergleichen zu können. In einem 3D-Engineered Heart Tissue
(EHT)-Modell, bestehend aus Herzmuskelzellen, soll darüber hinaus geprüft
werden, wie sich die verschiedenen Entzündungsprozesse auf die
Kontraktionsfähigkeit dieser Herzmuskelzellen auswirken.

Herzmuskelentzündungen und Herzinsuffizienz: Therapieoptionen?
„Das Thema Inflammation im Rahmen einer Herzinsuffizienz ist generell
derzeit ein viel diskutiertes Thema, weil sich hieraus neue
Therapieoptionen ergeben könnten“, erläutert Dr. Seidel. „Vor allem
anhaltende Entzündungsvorgänge im Herzmuskel setzen dabei offenbar einen
Prozess in Gang, der zur Gewebeumbildung im Herzen führt, der wiederum
durch Ausschüttung von Zytokinen weitere Immunzellen aktiviert – ein
Teufelskreislauf entsteht.“ So scheinen immunsuppressive oder
-modulatorische Therapien wie IL-1-Inhibitoren (Anakinra, Canakinumab)
oder T-Zell-Modulatoren wie IL-2-Antagonisten vielversprechende
therapeutische Ansätze zu sein, um diesen Kreislauf der chronischen
Inflammation im Rahmen der Herzinsuffizienz zu unterbrechen.

Herz-Kreislauf-Forschung nah am Patienten
Dank der finanziellen Unterstützung durch Stifterinnen und Stifter,
Spender und Erblasser kann die Deutsche Herzstiftung gemeinsam mit der von
ihr 1988 gegründeten Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF)
Forschungsprojekte in einer für die Herz-Kreislauf-Forschung
unverzichtbaren Größenordnung finanzieren.

Die Gerd Killian-Projektförderung wird anlässlich der gemeinsamen
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Kardiologie und
Angeborene Herzfehler (DGPK) und der Deutschen Gesellschaft für Thorax-,
Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) von der Deutschen Herzstiftung gemeinsam
mit der DGPK vergeben. Gefördert werden junge WissenschaftlerInnen mit
patientennahen Forschungsvorhaben in der Kinderkardiologie oder
Herzchirurgie. Benannt ist die Förderung nach Gerd Killian, der bereits in
jungen Jahren am plötzlichen Herztod verstarb. Seine Mutter Doris Killian
vermachte ihr Vermögen der Deutschen Herzstiftung und verfügte in ihrem
Testament, dass die Erträge ihres Vermögens der Erforschung angeborener
Herzfehler zugutekommen sollen. Infos zur Forschungsförderung der
Herzstiftung unter www.herzstiftung.de/herzstiftung-und-forschung

Forschen für die Medizin von morgen: Neue Forschungsbroschüre
Über die Forschungsförderung der Deutschen Herzstiftung und der Deutschen
Stiftung für Herzforschung informiert die Broschüre „Forschen für die
Medizin von morgen“. Der Band stellt eine Auswahl an geförderten
patientennahen Forschungsprojekten (Kardiologie, Herzchirurgie,
Kinderkardiologie) vor und berichtet darüber hinaus über die Vergaben von
Wissenschaftspreisen und stellt die Stifterinnen und Stifter sowie
Erblasser hinter den Preisen und Förderprojekten vor. Die Broschüre kann
unter Tel. 069 955128400 oder per Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
kostenfrei angefordert werden.

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Wie gut hören Musikerinnen und Musiker?

Kai Siedenburg arbeitet an Methoden, um die Übermittlung von Musik durch Hörhilfen zu verbessern.  Foto: Universität Oldenburg
Kai Siedenburg arbeitet an Methoden, um die Übermittlung von Musik durch Hörhilfen zu verbessern. Foto: Universität Oldenburg

In einer groß angelegten Umfrage zur Hörgesundheit ermittelt der
Oldenburger Audiologe Kai Siedenburg, welche Einstellungen Musizierende zu
Hörhifen, Gehörschutz und zur Gefahr von Hörschädigungen haben.

Unter professionellen Musikerinnen und Musikern sind Hörprobleme weit
verbreitet. Studien zufolge ist etwa ein Drittel aller
Orchestermusikerinnen und -musiker von Störungen wie Schwerhörigkeit oder
Tinnitus betroffen. Wie verbreitet Gehörschutz und Hörgeräte unter den
Profis, aber auch bei Mitgliedern von Laien-Chören und -Orchestern sind
und welche Einstellungen die Musizierenden zur Gefahr von Hörschädigungen
haben, untersucht ein Team um den Oldenburger Hörforscher Dr. Kai
Siedenburg jetzt in einer groß angelegten Online-Studie.

Die Forschenden führen in Zusammenarbeit mit der Deutschen
Orchestervereinigung und dem Deutschen Chorverband eine Befragung durch
und wollen damit erstmals eine Bestandsaufnahme zu Fragen rund um das
Thema Hörgesundheit bei Musikerinnen und Musikern durchführen. Die Mittel
für die Studie stammen aus einem Freigeist-Fellowship der
VolkswagenStiftung, mit dem Siedenburgs Arbeitsgruppe „Musikwahrnehmung
und -verarbeitung“ im Department für Medizinische Physik und Akustik der
Universität Oldenburg gefördert wird.

„Professionelle Musikerinnen und Musiker fühlen sich womöglich
stigmatisiert, wenn sie ein Hörgerät tragen“, sagt Siedenburg. Bislang sei
allerdings nicht bekannt, wie diese Berufsgruppe mit Gehörschutz und
Hörgeräten umgeht und welche Nutzungshürden bestehen. In der Studie will
er diese Fragen gemeinsam mit Forschenden des Instituts für Musik der
Universität Oldenburg, des Hörzentrums Oldenburg und einer Wiener
Audiologie-Beratung erstmals detailliert untersuchen. Dabei erhebt das
Team auch Daten zur generellen Arbeits- und Lebenszufriedenheit der
Profis.

Die Online-Studie ist noch bis August unter
soscisurvey.uol.de/hoergesundheit/ zugänglich. Zur Teilnahme eingeladen
sind alle Musikerinnen und Musiker, die in einem der 130 deutschen Profi-
Orchester tätig sind, aber auch Angehörige von Amateur-Orchestern sowie
Chorsängerinnen und -sänger. Siedenburg rechnet mit mehreren Tausend
Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Die Arbeitsgruppe des Hörforschers arbeitet an Methoden, um die
Übermittlung von Musik durch Hörhilfen zu verbessern. Ein Ziel ist es,
Musikaufnahmen für Schwerhörende künftig besser abmischen zu können. Die
VolkswagenStiftung fördert mit ihren Freigeist-Fellowships
Nachwuchswissenschaftler aller Disziplinen, die nicht nur über eine
herausragende fachliche Expertise verfügen, sondern über Fachgrenzen
hinweg neue Wege gehen.

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Patientenleitlinie "COPD" überarbeitet

Patientenleitlinie
Patientenleitlinie "COPD"

Die neu überarbeitete Patientenleitlinie steht nun im Internet bereit. Sie
bietet Menschen mit COPD und ihren Angehörigen ausführliche Informationen
über die verschiedenen Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten sowie
zum eigenständigen Umgang mit der Erkrankung.

Etwa 6 von 100 Erwachsenen haben COPD. Bei dieser Lungenkrankheit sind die
Atemwege ständig verengt. In einer gesunden Lunge gelangt der
lebenswichtige Sauerstoff über sogenannte Lungenbläschen ins Blut. Diese
sind bei COPD aber teilweise zerstört und überbläht wie kleine Ballons.
Aufgrund der verengten Atemwege und der stellenweisen Überblähung kommt
nicht genug Sauerstoff im Körper an. Die Folgen sind Beschwerden wie
Husten, Auswurf und Atemnot bei Belastung. Es ist kennzeichnend für COPD,
dass die Verengungen auch nach Inhalation entsprechender Arzneimittel
nicht vollständig zurückgehen. Die COPD ist nicht heilbar, lässt sich aber
gut behandeln. Am wichtigsten ist, nicht zu rauchen, da Tabakrauch die
Hauptursache ist. Medikamente zum Inhalieren helfen gegen Atembeschwerden
und können plötzliche Verschlechterungen verhindern. Körperliche Aktivität
und das Erlernen von Atemtechniken sind ebenfalls fester Bestandteil der
Behandlung.

Ziel der Patientenleitlinie ist es, Menschen mit COPD evidenzbasiert zu
informieren und eine gemeinsame Entscheidungsfindung zu fördern. Sie
erfahren, nach welchen Kriterien und Maßgaben ihre Krankheit idealerweise
festgestellt und behandelt werden sollte. Wissenschaftliche Grundlage
dieser Patientenleitlinie ist die Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL)
COPD. Auf Basis aktueller Studien gibt die NVL Empfehlungen zur
Untersuchung und zur Behandlung der Erkrankung wieder.

Jetzt hat das ÄZQ die allgemein verständliche Version grundlegend
überarbeitet. Expertinnen und Experten sowie Personen aus der Selbsthilfe
haben den Text fachlich überprüft.

Zusätzlich zur ausführlichen Patientenleitlinie gibt es eine
Kurzinformation. Das zweiseitige Informationsblatt "COPD – dauerhaft enge
Atemwege" stellt kompakt und allgemein verständlich wichtige Inhalte dar
und ist unter anderem auch in Leichter Sprache verfügbar. Des Weiteren
stehen 10 Informationsblätter zur Verfügung, die häufige Fragen von
Menschen mit COPD beantworten.


Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.patienten-information.de/patientenleitlinien/copd
https://www.patienten-information.de/uebersicht/copd
https://www.patienten-information.de/kurzinformationen/copd
https://www.leitlinien.de/themen/copd

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Shih Wei Huang, Luzern International Church, Charity Concert, 26. März 2022, besucht von Léonard Wüst

International Church of Luzern Benefiz Konzert
International Church of Luzern Benefiz Konzert

Besetzung und Programm:
Shih Wei Huang Solistin am Piano
Ferruccio Busoni
Transcription of Bach, Chaconne in D minor BWV 1004
Shih-Wei Huang
Sprache des Windes
Modest Petrovich Mussorgsky
Bilder einer Ausstellung

Ferruccio Busoni Transcription of Bach

Chaconne in D minor BWV 1004

Organisatorin Jenny Mumenthaler  mit Künstlerin Shih Wei Huang (2)
Organisatorin Jenny Mumenthaler mit Künstlerin Shih Wei Huang

Der Hausherr, Pastor Paul Houiellebecq, hiess die ca. 100 Personen in der Internation Church Luzern an der Zähringerstrasse herzlich willkommen und übergab das Wort dann an Organisatorin Jenny Mumenthaler,die mit den Einnahmen aus diesem Anlass das Projekt «Care Corner Orphanage Thailand» finanziell unterstützen will und den Anwesenden näheres darüber erzählte. Ebenso verdankte sie, dass Frau Helga Kropf-Neumann die Miete des Konzertflügels organisierte und finanzierte.

Impresssion des Konzertes in der Interrnational Church Luzern
Impresssion des Konzertes in der Interrnational Church Luzern

Wohl kaum ein Komponist hat sich auf so vielen Ebenen mit der Musik eines
anderen Komponisten beschäftigt wie Ferruccio Busoni (1866 – 1924) mit Jo-
hann Sebastian Bach. Ausdruck dieser intensiven Auseinandersetzung sind
nicht nur seine zahlreichen Transkriptionen für Klavier von Bach’schen Ori-
ginalwerken – so etwa auch die in diesem Konzert Chaconne –, sondern auch viele
seiner Kompositionen, die unterschiedlich stark vom großen Vorbild Bach
geprägt sind. N.B.Johannes Brahms schrieb eine Klavier-Bearbeitung, die nur mit der linken Hand gespielt wird.

 

 

 

 

Shih Wei legt sich voll in die Tasten
Shih Wei legt sich voll in die Tasten

Etwas dumpf und ein wenig geheimnisvoll, aber durchaus präsent erklingt das Thema von Bachs berühmter Chaconne aus der d-Moll-Partita BWV 1004 in der Transkription für Klavier von Ferruccio Busoni, welche sowohl unter Busonis Bach-Transkriptionen als auch unter den vorliegenden Transkriptionen der Chaconne selbst zweifellos die berühmteste darstellt. Laut Bachs Schüler Johann Friedrich Agricola spielte Bach ‚sie selbst oft auf dem Clavichorde, und fügte von Harmonie so viel dazu bey, als er für nöthig befand.’ Busoni treibt eben das in romantischer Manier auf die Spitze, wodurch seine Bearbeitung durchaus auch als Nachkomposition bezeichnet werden kann, entwickelte er dieses Stück doch aus einer einzelnen Violinstimme. Neben dem handwerklichen Können schafft Shih Wei es auch durch gefühlvolles und jederzeit cantables Spiel, eine derart begeisternde Performance hinzulegen, die in keinem Moment  statisch wirkt. Und Shih Wie  zieht den Hörer mit dieser Bearbeitung vom ersten Ton an in seinen Bann. Vielleicht liegt das Geheimnis des Werkes auch in der Form des letzten Satzes, der berühmten Chaconne. Diese besteht aus freien Variationen über einem Thema in der Baßstimme, das ununterbrochen wiederholt wird. Ein ständig um sich selbst kreisender Gedanke, den Bach ganze 32 Mal eindringlich variiert.und so das Thema der Chaconne, die sich in mehreren Anläufen zu immer neuen Höhepunkten steigert, bevor es in einem letzten Durchgang in schlichterem Gewand erklingt und in einem herrlich erlösenden D-Dur-Akkord mündet. Die perfekte Interpretation dieses technisch äusserst anspruchsvollen Werkes durch die taiwanesische Tastenzauberin belohnte das Publikum mit langanhaltendem Applaus.

 Shih-Wei Huang Sprache des Windes

Shih Wei erklärt Grundsätzliches zu ihrer Eigenkomposition
Shih Wei erklärt Grundsätzliches zu ihrer Eigenkomposition

Darauf waren natürlich alle neugierig, wie kommt eine Eigenkomposition von Shih Wei daher. Wer Anleihen an die klassische «China Oper» erwartete, lag ebenso falsch wie diejenigen, die dachten, dass Aufgrund ihres nun schon sechsjährigen  Aufenthaltes in der Schweiz, Ländler Einflüsse zu hören seien. Auch nichts von Romantik oder neuen Wiener Schule, nein, neu erfunden hat sie Komposition nicht, aber sehr eigenständig hörte es sich trotzdem an und technisch sehr anspruchsvoll, wie die Werke, die sie sich jeweils für ihre Auftritte auswählt. Die Komposition, so Shih Wie, sei eigentlich aufgrund des Unterbeschäftigseins während der Covid Pandemie entstanden, da habe sie ja, unfreiwillig genug Zeit für eigene Projekte gehabt und das folgende Gedicht als Grundlage dafür genommen:» f you believe memories are the episodes of life, longing is the connection of hearts, why not listen to the wind, telling tales from ancient times».

Beim virtuosen Klavierspiel sind Übergriffe, im Gegensatz zum normalen Leben sehr erfreulich

Shih Wei bedankt sich für den Applaus
Shih Wei bedankt sich für den Applaus

Zu Beginn bringt der Wind die Blätter eines Baumes zum rascheln und dazwischen Fetzen von Vogelgezwitscher, starke Windstösse wirbeln schon fast vergessene Erinnerungen hoch, Shi Wie fegt wie ein Wirbelwind durch die Partitur,  setzt Über- und Untergriffe, wuchtige Staccato, hingeworfenen Akkorden folgen filigrane Läufe, eigentlich reizt sie alle Facetten des Klavierspiels mit ihrer Komposition aus und darf dafür, vom sichtlich beeindruckten Auditorium, den entsprechenden Applaus ernten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Modest Petrovich Mussorgsky Bilder einer Ausstellung

Shih Wei spielt Bilder einer Ausstellung ausdrucksstark
Shih Wei spielt Bilder einer Ausstellung ausdrucksstark

1874 komponierte Modest Mussorgskij seinen Klavierzyklus “Bilder einer Ausstellung“ inspiriert durch die Gedenkausstellung seines Malerfreundes Victor Hartmann. Doch erst 50 Jahre später schafften es die musikalischen Bilder in den Konzertsaal - 1922 orchestrierte Maurice Ravel die "Bilder einer Ausstellung" und macht sie dadurch weltberühmt. Auch die Klavierfassung wurde dadurch bekannt und bleibt nach wie vor ein Favorit bei Pianist*innen. Das Werk ist eines der meistbearbeitenden Stücke der spätromantischen Klavierliteratur. Der zuweilen sehr orchestrale Klaviersatz hat wiederholt Bearbeiter dazu angeregt, Orchesterfassungen dieses an Kontrasten reichen Werkes zu schaffen. Die bekannteste dürfte nach wie vor jene von Maurice Ravel aus dem Jahre 1922 sein.  Ein Werk voller Kontraste und Brüche. Beim Publikum berühmt wegen den impressionistischen Passagen der Partitur und der ‘Promenade’, jener Melodie, die zwischen den Abschnitten, die einzelnen Bildern gewidmet sind, steht und das schreiten durch eine Ausstellung vermitteln soll, von Kritikern und Komponisten geschätzt wegen der harten Kontraste, der ausgefallenen Metrik und Harmonik und der außergewöhnlichen Struktur und von Pianisten gerne gespielt, da das Stück zusätzlich pianistische Virtuosität verlangt. Inspiriert von der Ausstellung machte sich Mussorgskij sofort an die Komposition eines Klavierzyklus.

Akustische Durchwanderung einer Bilderausstellung

Die Pianistin Shih Wei Huang freut sich über den grossen Schlussapplaus
Die Pianistin Shih Wei Huang freut sich über den grossen Schlussapplaus

Seine Idee ist so einfach wie genial: Eine Art "Ich-Erzähler" streift durch die Galerie und betrachtet die Bilder. Das wiederkehrende Zwischenspiel der "Promenade" verbindet die zehn Bilder und spiegelt die Stimmung des Betrachters wider. Doch dahinter versteckt sich, trotz diesem recht simplen Programminhalt ein viel tieferer Sinn: "Die 'Bilder einer Ausstellung' gelten als DAS russische Musikwerk schlechthin. Interessant: Die russische Sprache ist da jedoch wenig vertreten. Dafür verwendet Mussorgskij für seine Stücke sechs europäische Sprachen: Promenade, die Tuilerien, der Marktplatz von Limoges - französisch; dann: für Gnomus mittelalterliches Latein, danach: Vecchio Castello in italienischer Sprache, aus der Renaissancezeit. Auch interessant: Mittelalter und Renaissance folgen hier aufeinander. Dann Bydlo- polnisch. Dann zwei Juden Samuel Goldenberg und Schmuel - jiddisch. Später stellt sich heraus, dass es sich nicht um ein Bild Schmuels handelte, sondern um das Porträt eines italienischen Bauern. Eine solche babylonische Sprachvermischung ist für den Komponisten ein wichtiges Symbol. Sie verkörpert die Idee einer Zeitreise durch Länder und Epochen. Das sind Bilder, aber nicht nur einer Ausstellung von Viktor Hartmann, sondern Bilder der Welt." Das berühmte Leitthema beruht auf Formeln russischer Preislieder, wie sie auch in der Oper „Boris Godunow“ vorkommen. Sie kehrt nicht nach jedem Satz wieder, wird verändert, lässt den einen Satz bereits an-, den anderen noch nachklingen und wird im letzten Stück zur Apotheose geführt. Das Schlendern durch die fiktive Ausstellung des Malers Viktor Hartmann gelang der taiwanesischen Solistin hervorragend und man  fühlte sich als Zuhörer bei Shih Weis  Darbietung immer weiter hineingezogen.

Hervorragende Ausgestaltung der einzelnen Bilder in Gefühlswelten

Shih Wei erfreut sich der Blumen beim Schlussapplaus
Shih Wei erfreut sich der Blumen beim Schlussapplaus

So plastisch war ihr Spiel, dass man meinte, spielende und zankende Kinder, frischgeschlüpfte Küken oder schnatternde Marktfrauen im Saal neben sich zu haben. Den krönenden Abschluss bildete das große Tor von Kiew, bei dem die engagierte Pianistin endgültig ihr Publikum vom Bilderrahmen direkt in das Bild hineingeführt hatte. Sie bewies sich wandelbar in Klang und Ausdruck, jedoch immer natürlich und ohne überzogene, künstlerische Attitüde.

Für den stürmischen Schlussapplaus gewährte die Künstlerin als Zugabe die Eigenkomposition «Entdeckung», womit das Auditorium sich aber noch nicht zufrieden gab und  noch eine zweite erklatschte  die gab Shih Wei in Form des fulminanten Titelsongs aus dem Film «Pirates oft he Caribbean»

 

Kurze Trailer des Konzertes:
 
 
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Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: Léonard Wüst und https://www.shihweihuang.com/

Homepages der andern Kolumnisten:   https://noemiefelber.ch/

www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch  www.maxthuerig.ch

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