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Knorpelschäden bei Sportlern – was dem Gelenk wirklich hilft

Knorpeldefekte durch Sport sind eine ernste Sache. Gerade im Fußball,
Handball, beim Skifahren und zum Teil auch in den Laufsportarten haben
Sportler damit zu kämpfen. Während die Diagnose beim Leistungssportler oft
das Ende der Karriere bedeuten kann, droht Freizeitsportlern bei nicht
korrekter Behandlung und Rehabilitation eine frühzeitige Arthrose und
Unbeweglichkeit.

Oft kommen Sportler um die 50 zum Arzt, weil sie im Alter zwischen 30 und
40 mehrfach Knorpeldefekte, zum Beispiel an Knie oder Sprunggelenk
erlitten haben. Was es Neues aus der Knorpelforschung gibt, welche
Relevanz Operationen und Therapien mit gezüchteten Knorpelzellen,
Kollagen- und Hyaluron-Matrices haben, darüber berichtet Univ.-Prof. Dr.
Stefan Nehrer, Dekan der Fakultät für Gesundheit und Medizin der Donau-
Universität Krems, auf dem 37. GOTS Kongress in Berlin.

Stefan Nehrer forscht und lehrt unter anderem intensiv auf dem Gebiet von
Knorpelschäden. Er sagt: „Derzeit wird am häufigsten das Verfahren der
einfachen Mikrofrakturierung angewandt.  Wir wollen davon jedoch
wegkommen, da es für Menschen, die wieder Sport treiben wollen, nicht
ausreicht. Schon nach 3-4 Jahren kommen sie mit großen Schmerzen und
müssen erneut operiert werden.“

Bei der Mikrofrakturierung wird die Oberfläche des Knochens angebohrt, der
unter dem beschädigten Knorpel liegt. Aus dem Knochengewebe tritt Blut
aus, das im Knorpeldefekt gerinnt. Die Stammzellen aus dem Knochenmark,
die sich in dem Blut befinden, können sich in Knorpelzellen umwandeln und
bilden in dem Defekt einen faserigen Ersatzknorpel. Dieser ist jedoch
weniger belastbar als der ursprüngliche Gelenkknorpel.

Bessere Ergebnisse erzielt die sogenannte Minced Cartilage. „Mit einem
Shaver wird rund um den Defekt Knorpelgewebe entnommen, dieses wird in
einem Sieb aufgefangen, zerrieben, mit Blutprodukten gemischt und wieder
in den Defekt gegeben. Das Ganze in einer Sitzung“, so Nehrer. Der
Vorteil: man braucht keine Zellen im Labor anzuzüchten. Der Nachteil: das
Verfahren ist eher für mittelgroße Knorpelschäden geeignet und es gibt
dazu noch keine aussagefähigen Studien.

Wenn der Defekt größer und zu wenig Knorpelgewebe zur Entnahme vorhanden
ist, müssen andere Therapien herangezogen werden.

Hier kommt unter anderem das AMIC-Verfahren zum Einsatz. Nehrer: „Bei der
Autologen Matrixinduzierten Chondrogenese wird nach der Mikrofrakturierung
ein Fließ mit einer Kollagen- oder Hyaluron-Matrix auf den Defekt gegeben.
Darin wird das Blut wie mit einem Schwamm aufgesogen. Die Heilungschancen
verbessern sich, da sich mehr Gewebe nachbilden kann.“ Wie Minced eignet
sich auch AMIC dann, wenn es schneller gehen soll und nicht so aufwendig
und teuer sein darf.

Die größte Chance, dass der Knorpel wieder normal und sehr belastbar wird,
ist jedoch immer noch die Anzüchtung von Knorpelzellen im Labor, die dann
als kleine Zellhaufen (Sphäroide) in den Defekt gegeben werden. Bei dieser
Art kann die Knorpelzelltransplantation arthroskopisch erfolgen. Diese
Knorpelzelltransplantationen zeigen in vielen randomisierten Studien die
besten Ergebnisse und sind auch langfristig wirksam.

Wichtig für den Erfolg ist jedoch im Anschluss eine lange, gute und
intensive Rehabilitation. Der finanzielle und administrative Aufwand der
Knorpelzelltransplantation wird gesundheitsökonomisch mit der Verhinderung
der Arthrose ausgeglichen.

Zur Rehabilitation bewegt nach der OP am Anfang eine Motorschiene das
Gelenk passiv. In den ersten vier Wochen wird langsam eine Belastung
aufgebaut. Nach 5-6 Wochen kann das Gelenk erst voll belastet und
stabilisierender Muskelaufbau forciert werden. Erst nach 12 Wochen kann
wieder leichter Sport (am besten Radfahren) betrieben werden.
Laufbelastungen erst nach 6 Monaten, während man mit Fußball oder Ski
alpin bis zu einem Jahr warten muss.

Prof. Nehrer: „Die Message hierbei ist: es ist nicht wichtig, was du im
nächsten Jahr machst, sondern in den nächsten 10-20 Jahren machen kannst,
also die langfristige Prognose zählt!“

Werden Therapien nicht rechtzeitig angegangen oder die Rehabilitation
vernachlässigt, drohen im schlimmsten Fall eine frühe Arthrose und ein
künstliches Gelenk. Doch das ist im frühen Alter oft mit Komplikationen
und Wechseloperationen verbunden. Deshalb ist der Gelenkerhalt beim
Sportler die oberste Prämisse!

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Deutscher Röntgenkongress: Verleihung des Eugenie-und-Felix-Wachsmann- Preises für Verdienste um radiologische Weite

Die Deutsche Röntgengesellschaft e.V. (DRG) eröffnet am Sonntag, 27. März
2022, digital den 103. Deutschen Röntgenkongress. Diesem Eröffnungstag
vorgeschaltet ist ein Online-Warm-Up am Samstag, 26. März 2022, das neben
einem Fachprogramm auch die Verleihung des Eugenie-und Felix-
Wachsmannpreises der Akademie für Fort- und Weiterbildung in der
Radiologie der DRG bereithält. Mit dem Preis werden Radiologinnen und
Radiologen ausgezeichnet, die sich um die Weiterbildung im radiologischen
Fachgebiet besonders verdient gemacht haben. Der 103. Deutsche
Röntgenkongress dauert bis zum 26. Juni 2022 und findet online sowie an
drei Tagen in Präsenz statt (25. bis 27. Mai 2022).

Den Eugenie-und-Felix-Wachsmann-Preis erhalten in diesem Jahr neun
Personen. Pandemiebedingt entfiel die Preisverleihung im vergangenen Jahr,
sodass die Verleihung 2021/2022 zusammengelegt wurde. Im Folgenden finden
Sie eine Auflistung der Preisträgerinnen und Preisträger sowie kurze
biographische Angaben:

PD Dr. Katharina Fischbach, Oberärztin an der Klinik für Radiologie und
Nuklearmedizin der Otto-von-Guericke Universität in Magdeburg.
Kooptiertes Vorstandsmitglied der Deutschen Röntgengesellschaft und
Mitglied der AG Herz- und Gefäßdiagnostik der DRG.

Prof. Dr. Rosemarie Forstner, Leitende und 1. Oberärztin am
Universitätsinstitut für Radiologie, Uniklinikum Salzburg und kooptiertes
Vorstandsmitglied der Deutschen Röntgengesellschaft sowie der
Österreichischen Gesellschaft für interventionelle Radiologie ÖGIR.

Prof. Dr. Bernhard Gebauer, Stellvertretender Direktor (Campus CVK) an der
Charité Universitätsmedizin Berlin und Arbeitsbereichsleiter
Interventionsradiologie, Klinik für Radiologie der Charité-
Universitätsmedizin Berlin. Vorstandsvorsitzender der AG Onkologische
Bildgebung der DRG.

Prof. Dr. Lars Grenacher, Vorsitzender der Geschäftsführung und Ärztlicher
Direktor der Conradia Radiologie in München. Zuvor Stellvertretender
Ärztlicher Direktor und Leitender Oberarzt der Abteilung Diagnostische und
Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Heidelberg
(2009–2015). Vorstandsvorsitzen der AG Gastro- und Abdominaldiagnostik in
der DRG.

Prof. Dr. Okka Hamer, Leiterin der Kardiopulmonalen Bildgebung
(W2-Professur) am Universitätsklinikum Regensburg im Institut für
Röntgendiagnostik. Zugleich ist Professorin Hamer Chefärztin der Abteilung
für Radiologie in der Lungenfachklinik Donaustauf.

PD Dr. Thorsten Persigehl, Leitender Oberarzt, Sektionsleiter MRT am
Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie der Uniklinik
Köln und Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AG Onkologische
Bildgebung in der DRG.

PD Dr. Sebastian Reinartz, Oberarzt am Institut für Diagnostische und
Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf sowie
kooptiertes Vorstandsmitglied der AG Herz- und Gefäßdiagnostik in der DRG.

Prof. Dr. Kristina Ringe, Oberärztin und Leiterin des Bereichs
Computertomografie, Ansprechpartnerin des Teams Abdominelle Radiologie am
Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie der
Medizinischen Hochschule Hannover. Professorin Ringe ist auch
Vorstandsmitglied der AG Gastro- und Abdominaldiagnostik in der DRG.

Prof. Dr. Andreas Schreyer, Institutsdirektor und Chefarzt Institut für
diagnostische und interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum
Brandenburg an der Havel. Professor Schreyer ist auch Gründungsmitglied
der Kommission Nachhaltigkeit@DRG und Vorstandsmitglied der AG Gastro- und
Abdominaldiagnostik in der DRG.

Das Eröffnungswochenende des 103. Deutschen Röntgenkongresses
Die Preisträgerinnen und Preisträger des Wachsmann-Preises werden am
kommenden Wochenende, 26. und 27. März 2022, zum Start des 103. Deutschen
Röntgenkongresses digital fachliche Vorträge und Inputs halten. Die
Veranstaltungen sind an diesen beiden Tagen für alle Interessierten frei
zugänglich. Das Programm beginnt am 26. März 2022 um 15:30 Uhr mit einem
Online-Warm-Up und Fachsessions zu den Themen Abdomen und Herzbildgebung.
Anschließend wird der Eugenie-und-Felix-Wachsmann-Preis verliehen. Ein
weiterer Höhepunkt dieses ersten Tages wird ein Studio-Talk sein, den
Kongresspräsidentin Dr. Kerstin Westphalen mit dem DRG-Präsidenten Prof.
Dr. Jörg Barkhausen und dem Vorsitzenden der Akademie für Fort- und
Weiterbildung in der Radiologie, Prof. Dr. Michael Uder, führt. Der
Sonntag, 27. März 2022, beginnt mit einer Highlight-Session zur Bildgebung
des weiblichen Beckens. Es folgen  Highlight-Sessions zur onkologischen
Bildgebung und zur Thoraxradiologie. Hier geht es zum Programm des
Kongresses.

Der Eugenie-und-Felix-Wachsmann-Preis der zur Deutschen
Röntgengesellschaft gehörenden Akademie für Fort- und Weiterbildung in der
Radiologie wird seit 2001 verliehen. Mit ihm werden jährlich fünf oder
sechs Referentinnen und Referenten für ihren Einsatz in der radiologischen
Weiterbildung ausgezeichnet, die über mehrere Jahre erfolgreich am
Programm der Akademie mitgearbeitet haben. Mit dem Wachsmann-Preis ehrt
die Deutsche Röntgengesellschaft das Andenken des Stifters Prof. Dr. Felix
Wachsmann.

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Europa-Universität Viadrina richtet Förder- und Notfallfonds für Studierende und Forschende aus der Ukraine ein

In den vergangenen Wochen haben sich zahlreiche Studierende und Forschende
aus der Ukraine mit der Bitte um Unterstützung an die Europa-Universität
Viadrina Frankfurt (Oder) gewandt. Um ihnen helfen zu können, hat die
Stiftung Europa-Universität Viadrina den Förder- und Notfallfonds zur
Unterstützung für aus der Ukraine geflüchtete Studierende und Forschende
eingerichtet. Das Präsidium ruft  mit dem Allgemeinen Studentischen
Ausschuss (AStA) zu Spenden in diesen Fonds auf. Ziel ist es, aus der
Ukraine Geflüchteten das Ankommen in Frankfurt (Oder) zu erleichtern,
ihnen Sicherheit zu geben sowie Perspektiven auf ein Studium an der
Europa-Universität und ins deutsche Bildungssystem zu eröffnen.

„Das geht auch für uns als Universität und Studierendenschaft nicht ohne
zusätzliche Mittel“, so die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina
Frankfurt (Oder), Prof. Dr. Julia von Blumenthal. „Als Universität können
wir Deutschkurse und Studienplätze anbieten und Geflüchtete in unsere
akademische Gemeinschaft aufnehmen. Fördereinrichtungen haben zusätzliche
Programme aufgelegt, bei denen wir Anträge stellen, staatliche
Unterstützung steht bereit. Dennoch gibt es schon jetzt akute Bedarfe und
absehbare Förderlücken, die wir schließen möchten.“

Die über den Fonds eingeworbenen Mittel werden sowohl für kurzfristige
Nothilfe, als auch zur Sicherung von Bildungsbiografien eingesetzt; dazu
zählen die Unterbringung von geflüchteten Studierenden und Forschenden,
die Bereitstellung von Hilfen beim täglichen Lebensbedarf, psychologische
Beratung sowie Stipendien  für Studierende und Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler.

Die Schirmherrschaft für den Fonds hat der ehemalige Viadrina-Historiker
Prof. Dr. Karl Schlögel übernommen: „Im Bereich Ukrainistik hat die
Viadrina eine spezifische wissenschaftliche Expertise und belastbare
Netzwerke aufgebaut, die sie nun für diese absolut notwendige Aufgabe der
Aufnahme und Förderung geflüchteter Studierender und Forschender aus der
Ukraine einsetzen kann und muss“, betont Prof. Dr. em. Karl Schlögel. „Und
das nicht nur als unbürokratische, schnelle Hilfe, sondern vor allem auch
zur nachhaltigen Sicherung von Bildungsbiografien durch die Bereitstellung
mittel- und langfristiger Unterstützung, um auch die Rückkehr nach dem
Ende des Krieges zu erleichtern.“

Das Spendenkonto lautet:
Kreditinstitut: Sparkasse Oder-Spree
Kontoinhaber: Stiftung Europa-Universität Viadrina
IBAN: DE82 1705 5050 300 300 300 2
BIC: WELADED1LOS
Verwendungszweck: Spende Ukraine-Hilfe / 33 00 10 54

Weitere Informationen unter: www.europa-uni.de/ukrainefonds

Die Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) pflegt langjährige, enge
Partnerschaften mit Akteurinnen und Akteuren der ukrainischen Wissenschaft
und Zivilgesellschaft. „Der Angriff der Russischen Föderation auf die
Ukraine ist ein Angriff auf Frieden und Demokratie in Europa und er
betrifft auch uns als Europa-Universität Viadrina. Wir verurteilen diesen
Überfall aufs Schärfste und solidarisieren uns mit unseren Studierenden,
Partnerinnen und Partnern sowie Freundinnen und Freunden aus und in der
Ukraine, aber auch mit den Menschen in Belarus und der Russischen
Föderation, die gegen diesen Krieg sind“, so Viadrina-Präsidentin Prof.
Dr. Julia von Blumenthal.
An der Viadrina arbeiten und studieren derzeit fast 150 Menschen mit einer
ukrainischen Staatsangehörigkeit. Ukrainische Studierende bilden die
drittgrößte Gruppe internationaler Studierender an der Europa-Universität.
Die Europa-Universität pflegt enge Kontakte unter anderem zur Nationalen
Universität Kiew-Mohyla-Akademie (NaUKMA), der Ukrainischen Katholischen
Universität in Lwiw, der Nationalen Karazin Charkiw Universität und der
Nationalen Taras-Schevchenko-Universität in Kyjiv.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bildet die Ukraine seit
vielen Jahren einen Schwerpunkt an der Viadrina. Zahlreiche
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bieten Expertise,
Veranstaltungen, Projekte und Initiativen an. Weitere Informationen unter:
www.europa-uni.de/ukraine

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Wenn Russland nicht mehr liefert, sind auch Einsparungen gute Energiequellen

Was ist, wenn Russland kein Gas, kein Erdöl und keine Kohle mehr nach
Deutschland liefert? Prof. Dr. Görge Deerbergs klare Botschaft ist:
„Bewusster mit Energie umgehen, keine Energie verschwenden, sondern
einsparen, und gleichzeitig mit Vollgas in die neuen und regenerativen
Energien rein! Lange Diskussionen können wir uns nicht mehr leisten.“
Einsparen ist für den Professor für Umweltwissenschaften an der
FernUniversität grundsätzlich eine gute Idee, auch hinsichtlich der
Klimaproblematik. „Man muss ja nicht deswegen bibbernd in der Wohnung
sitzen.“ Wichtig ist, sich des Energieverbrauchs bewusst zu werden und ihn
individuell einzuschränken. Wasserstoff ist für ihn noch keine
Alternative.

Der Ukraine muss im Krieg geholfen werden. Das ist weitgehend Konsens in
Deutschland. Doch was ist, wenn Russland kein Gas, kein Erdöl und keine
Kohle mehr nach Deutschland liefern will oder darf? Die Verunsicherung ist
groß, Prognosen reichen von „Das ist zu schaffen“ bis zu „Millionen von
Arbeitslosen“. Denn es geht nicht nur um Heizen und um Mobilität. Öl, Gas
und Kohle sind auch Rohstoffe in der industriellen Produktion.

Prof. Dr. Görge Deerberg hat dazu eine klare Botschaft: „Bewusster mit
Energie umgehen, egal in welcher Form, keine Energie verschwenden, sondern
einsparen, und gleichzeitig mit Vollgas in die neuen und regenerativen
Energien rein! Lange Diskussionen hierzu können wir uns nicht mehr
leisten.“ Er ist an der FernUniversität in Hagen Professor für
Umweltwissenschaften. Sein Arbeitsbereich leitet im wissenschaftlichen
Rahmen das interdisziplinäre Fernstudium Umweltwissenschaften („infernum“)
und den Weiterbildungsstudiengang DYNERGY. Das sind wissenschaftliche
Weiterbildungsangebote der FernUniversität und des Fraunhofer-Instituts
für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in Oberhausen, dessen
stellvertretender Leiter der promovierte Chemie-Ingenieur ist.

Russische Energielieferungen

„In den letzten Jahren, auch in 2021, haben wir immer circa 3.400
Terrawattstunden an Primärenergie in Deutschland verbraucht. Davon stammen
alleine etwa 1.000 Terrawattstunden aus Russland“, beschreibt er die
dramatische Abhängigkeit Deutschlands, das aus Russland im Wesentlichen
Gas, Öl und Kohle importiert. So kommen 35 Prozent des Öls, das in
Deutschland weit überwiegend für die Mobilität, aber auch für die
chemische Industrie verbraucht wird, von dort. Und 55 Prozent des
Erdgases. Eingesetzt wird es vor allem zum Heizen, insbesondere im
privaten Bereich, aber auch in der chemischen Industrie, etwa für die
Produktion der Grundstoffe Ammoniak für Dünger und das vielfach verwendete
Methanol und andere Chemikalien. Außerdem gibt es mit Erdgas noch eine
nennenswerte Wasserstoffproduktion, insbesondere für die
Erdölverarbeitung.“

Was passiert, wenn die Lieferungen ausfallen?

Deutsche Braunkohlekraftwerke könnten bei einem Importausfall hochgefahren
und theoretisch Atommeiler länger betrieben werden, um fehlende Steinkohle
zu ersetzen. Deerberg: „Wir müssten wohl auch Strom importieren. Das
könnte vom französischen Atom- über polnischen Braunkohle- bis hin zu
‚sauberem‘ Strom reichen, der in Österreich oder Skandinavien durch
Wasserkraft gewonnen wird.“

Nationale Erneuerbare Energien würden kaum ausreichen, um große Ausfälle
unmittelbar auszugleichen, weil z.B. nicht schnell genug entsprechend
viele Windräder errichtet werden könnten. Gewisse Verstromungsreserven
könnten kurzfristig bei Biogas-Anlagen zu finden sein, die häufig eine
Auslastungsreserve von ein paar Prozent haben.

Kritisch wird es beim Erdöl. Man sieht es an den Tankstellen-
Preisschildern, auch wenn hier zurzeit Spekulationen eine Rolle spielen
könnten, vermutet Deerberg. Früher oder später dürften bei einem
Lieferstopp reale Engpässe eintreten: „Dann wird es im Mobilitätssektor
schwierig.“ Die Riesenzahl von Verbrenner-Fahrzeugen ist in kurzer Zeit
nicht umzurüsten oder zu ersetzen. Und wo sollte der Strom für viele
E-Fahrzeuge herkommen?

Größte Probleme beim Erdgas

„Wirklich schwierig wird es, Erdgas zu ersetzen. Wesentliche Teile der
Industrie können ohne das Gas nicht produzieren.“ Auch Raffinerien würden
Probleme bekommen, die Düngerproduktion auf Ammoniakbasis würde stocken.
Man müsste entscheiden: Wollen wir das Erdgas fürs private Heizen
reduzieren oder für den industriellen Bereich?

„Nun versorgen wir uns ‚nur‘ rund zur Hälfte aus Russland mit Energie“
(Deerberg betont die Anführungszeichen). „Andererseits sind wir Mitglied
in europäischen Verbundnetzen. Doch viele andere Staaten sind ähnlich
aufgestellt. Untereinander jetzt einen Ausgleich hinzubekommen, wird
schwierig“, fürchtet der Wissenschaftler.

National bestünde die Möglichkeit, hier und da noch einmal zu „fracken“,
um Erdgas zu gewinnen. Aber wegen der hohen Umweltrisiken will das kaum
jemand, und es dauert ja auch wieder seine Zeit, bis man so weit ist.

Wie ist es mit Wasserstoff?

„Erdgas kann man in bestimmtem Umfang im Verbundnetz durch Wasserstoff
ersetzen. Man muss aber immer bedenken, dass er deutlich weniger Energie
enthält als Erdgas.“ Zwar kann die Infrastruktur eine gewisse Energiemenge
auf Wasserstoffbasis transportieren, doch reichen weder die Infrastruktur
noch die zur Verfügung stehende Wasserstoffmenge aus.

Dem Gesamtenergie-Primärverbrauch von 3.400 Terrawattstunden pro Jahr in
Deutschland steht eine Gesamterzeugung von etwa 540 Terrawattstunden
erneuerbarer Energie gegenüber. Deerberg: „Da sehen wir schon deutlich,
wie groß die Lücke ist, die wir schließen müssen. Wenn wir alles mit
Wasserstoff erledigen wollten, würde das lange dauern. Und wir haben gar
nicht die Ausbaureserven, um alles hier im Land zu machen. Wir werden also
auch da lange auf Importe angewiesen sein.“

Zudem können die Endverbraucher nicht einfach auf Wasserstoff umsteigen:
Gasthermen sind technisch nicht auf den Betrieb damit ausgerichtet. Sie
müssten umgerüstet oder ausgetauscht werden. Dann könnte es technisch
funktionieren. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Die Umstellung
von L-Erdgas auf H-Erdgas hat in Deutschland Jahre gedauert und ist immer
noch nicht beendet.

„Für die Umstellung von einer Erdgassorte auf die andere haben wir schon
etliche Jahre gebraucht und die Umstellung auf Wasserstoff wird ja
komplizierter sein. Im Moment sagen wir: Fünf Prozent, vielleicht einmal
zehn Prozent an Wasserstoff können wir ins Erdgasnetz einspeisen“,
erläutert Deerberg. „Ein paar Projekte untersuchen zurzeit, ob
Infrastruktur und Endgeräte auch mehr vertragen können.“

Wasserstoffproduktion mit Erdgas und Strom

Es gibt noch keinen Weltmarkt, auf dem man einfach Wasserstoff in großen
Mengen einkaufen könnte. Hergestellt wird er einerseits aus Erdgas, etwa
im großen Stil für Ammoniak und chemische Industrie. Durch Elektrolyse,
also mit Strom, wird dagegen relativ wenig produziert. Die Anlagen dafür
werden gerade erst geplant. Es gibt einige Demonstrationsprojekte, die in
den Gigawatt-Bereich vorstoßen, die aber an die Infrastruktur mit den
Pipelines noch nicht angebunden sind. Es dauert also noch, bis die
Elektrolyseure, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufteilen,
wirklich im großen Maßstab laufen. Sinn macht das allerdings erst, wenn
erneuerbarer Strom in der dann erforderlichen großen Menge zur Verfügung
steht.

Wasserstoff importieren?

In den vergangenen Jahren zielte das Thema „Import von grünem Wasserstoff“
auch auf Russland ab, weil man diesen dort aufgrund des Windpotentials gut
herstellen kann und weil mit blauem Wasserstoff aus Erdgas auch ein
schneller Hochlauf möglich wäre. „Davon wird man jetzt wohl abrücken und
mehr nach Nordafrika oder sogar Australien schauen müssen. Es gibt ja
bereits Projekte, die sich mit dem Wasserstoffimport aus Australien oder
aus vielleicht auch problematischen Partnerländern in Südamerika oder
China beschäftigen.“ In Südeuropa gibt es ebenfalls Länder, die
erneuerbaren Strom und Wasser haben. Doch Deerberg schätzt, dass es
mindestens zehn bis 15 Jahre dauert, bis die Infrastruktur aufgebaut ist,
zumal eine „gewisse Diversifizierung“ notwendig wäre.

In der aktuellen Situation müsste man ggf. daher in Kauf nehmen, dass für
die Elektrolyse Strom aus nicht erneuerbaren Quellen eingesetzt werden
muss, also auch Netzstrom mit größerem CO2-Fußabdruck.

Gibt es einen Zusammenhang mit der Energiewende?

Wenn Ende 2022 die Atomkraftwerke abgeschaltet und dann die
Braunkohlekraftwerke zurückgefahren werden, muss der prozentuale Anteil
von Strom aus erneuerbaren Quellen ansteigen. Der Ausbau muss nun sehr
viel schneller erfolgen als in den letzten Jahren. Windräder und
Solarzellen erzeugen Strom aber häufig dann, wenn er nicht gebraucht wird.
Zu anderen Zeiten wiederum ist die Nachfrage größer als die Erzeugung.
Speichern kann man Strom nicht so gut, dafür braucht man dann den
Wasserstoff. Deerberg: „Mit dem Umbau im Strombereich müssen wir auch
einiges an Wasserstoffinfrastruktur bei uns etablieren.“

Worauf sollte Deutschland sich also vorbereiten?

„Neben dem Umbau aufs Einsparen“, sagt Deerberg. „Das wäre grundsätzlich
eine gute Idee, nicht zuletzt auch hinsichtlich der Klimaproblematik:
weniger verbrauchen, wie auch immer. Man muss ja nicht deswegen bibbernd
in der Wohnung sitzen. Schon ein bis zwei Grad weniger in der Wohnung
senken den Verbrauch merklich. Wenn man die Heizung etwas nach unten
reguliert, ist man also schon wieder ein Stück des Problems los. Man fährt
weniger Auto. Und weniger schnell. Das sind Maßnahmen, mit denen fast
jeder einen Beitrag leisten kann. Das löst nicht das ganze
Versorgungsproblem in der der aktuellen Energiekrise, es geht ja auch ums
Klima.“

Wichtig ist, sich des Energieverbrauchs bewusst zu werden und ihn
individuell einzuschränken. „Das hat nichts mit großem Komfortverlust zu
tun, aber jeder kann ja mal überlegen, wo man überall Energie
verschwendet. Es geht nicht um Einschränkung, sondern darum, Verschwendung
zu vermeiden. Einsparungen sind die besten Energiequellen. Gleichzeitig
müssen wir unsere Potentiale weiter ausschöpfen. Vielleicht muss man auch
eine Zeitlang über seinen Schatten springen und die Kohlekraftwerke weiter
am Netz halten. Wenn die Wirtschaft den Gashahn zugedreht bekommt, wird es
mit den gesamtwirtschaftlichen Effekten wie Arbeitslosigkeit schwierig.
Dann verlieren wir wirklich an Wohlstand. Ein paar Grad weniger im
Schlafzimmer erscheinen da nicht so schlimm.“

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