Zum Hauptinhalt springen

Hochwasserschutz: Für Hamburg wichtig wie nie – Rückblick und Ausblick

Die Wilhelmsburger Reichsstraße endete bei der Hamburger Sturmflut 1962 in einem riesigen See.  Bütow, Hans.  Bütow, Hans (ca. 1962): Die große Flut in Hamburg. Eine Chronik der Katastrophe vom Februar 1962.
Die Wilhelmsburger Reichsstraße endete bei der Hamburger Sturmflut 1962 in einem riesigen See. Bütow, Hans. Bütow, Hans (ca. 1962): Die große Flut in Hamburg. Eine Chronik der Katastrophe vom Februar 1962.

Die Nacht, in der das Wasser kam
Vor 60 Jahren, in der Nacht auf den 17. Februar 1962 wurde für die
Nordseeküste eine schwere Sturmflut angekündigt. Von einer Gefahr für
Hamburg war jedoch nicht die Rede. So traf es die Bürger der Hansestadt
völlig unvorbereitet, als die Elbe die Wassermassen in die Stadt spülte.
Viele Deiche brachen und der Süden Hamburgs versank in der Flut. In dieser
Nacht starben 315 Menschen, Tausende wurden obdachlos oder verloren sogar
alles, was sie besaßen.

Auch Mitarbeitende der Technischen Universität Hamburg waren unmittelbar
betroffen: „Mein Vater war im Februar 1962 bei der Bundeswehr zur
Ausbildung in Hamburg. Er und seine Kameraden wurden eingesetzt, um die
zahlreichen Toten mit einem Boot aus dem Wasser zu fischen. Er berichtete,
dass sie die Toten längsseits an ihren Booten befestigten und an Land
brachten. Angehörige, die Ihre Familienmitglieder so angebunden sahen,
sind reihenweise zusammengebrochen.“

Moderner Deichbau folgte

Der Orkan „Vincinette“ fegte in dieser Nacht über das Land und brachte die
Katastrophe mit vorher nie dagewesenen Sturmflutwasserständen. An über 60
Stellen konnten die Deiche den Wassermassen nicht standhalten. Zwar wurden
die Bruchstellen daraufhin wieder geschlossen, doch eines war klar: Die
Stadt Hamburg benötigte ein komplett neues Konzept zum Hochwasserschutz.
Denn schnell zeigte sich, dass es gar nicht möglich war, die Deiche zu
reparieren und zu erhöhen. Daraufhin wurden auf rund 100 Kilometern Länge
komplett neue Schutzanlagen mit einer Höhe von mindestens 7,20 Meter über
Normalnull gebaut.

Gerüstet für die Zukunft?

Professor Peter Fröhle befasst sich an der TU Hamburg mit den Folgen der
Erderwärmung und deren Einfluss auf die Elbe aus wasserbaulicher Sicht.
Der Leiter des Instituts für Wasserbau gibt Antworten darauf, wie gut
Hamburg künftig in Sachen Hochwasserschutz gerüstet ist:

Müssen wir in Hamburg künftig häufiger mit Sturmfluten rechnen?

Ja. Als Folge des Klimawandels und dem damit verbundenen Anstieg des
Meeresspiegels werden Sturmfluten bei gleicher Sturmintensität zukünftig
sogar noch höher auflaufen. Wasserstände, die früher einmal in hundert
Jahren aufgetreten sind, werden dann auch sehr viel häufiger,
beispielsweise alle fünf Jahre, auf uns zukommen. Zudem werden Stürme als
Folge des Klimawandels möglicherweise noch intensiver, was die Häufigkeit
dann zusätzlich erhöhen würde.

Welche Auswirkungen hätte eine Sturmflut heute auf Hamburg?

Die Hochwasserschutzanlagen sind in Hamburg und auch an der gesamten
Nordseeküste sehr sicher, was zuletzt im Dezember 2013 deutlich wurde.
Während des Sturms Xaver traten in Hamburg Wasserstände auf, die fast
einen halben Meter höher waren als 1962. In Hamburg und an der
Nordseeküste funktionierte der Hochwasserschutz praktisch reibungslos,
sodass keine gravierenden Schäden aufgetreten sind. Inzwischen ist der
Hochwasserschutz sogar noch besser geworden. Eine hundertprozentige
Sicherheit gegen Naturereignisse gibt es aber leider trotzdem nicht.

Wie hoch darf das Wasser steigen bis es wieder heißt „Land unter“ und wie
können dann bessere Vorhersagemethoden helfen?

Im aktuellen Bauprogramm der Freien und Hansestadt Hamburg ist geplant,
Deiche und Hochwasserschutzanlagen auf eine Höhe von mindestens 8,30
Metern über Normalnull auszubauen. Sollte ein Wasserstand die acht Meter-
Marke doch wesentlich überschreiten, sind Vorhersagemethoden die Grundlage
für die Warnung der Bevölkerung. Eine gute Vorhersage ist zudem wichtig
für die Einsatzplanung der Behörden, um dann mobile
Hochwasserschutzanlagen, wie Sturmfluttore und Sperrwerke, zu schließen
und die Deichverteidigung vorzubereiten und zu koordinieren. Je präziser
und früher die Vorhersagen eintreffen, desto einfacher und leichter wird
die Vorbereitung auf eine Sturmflut. In Hamburg ist dafür der
Sturmflutwarndienst zuständig.

Welche Maßnahmen außer höheren Deichen hat der Hochwasserschutz in der
Vergangenheit entwickelt und woran forschen Sie ganz konkret?

Neben Deichen und Hochwasserschutzmauern gibt es eine Vielzahl von
Konzepten zum Schutz gegen Hochwasser. Diese reichen von einer angepassten
Bauweise über die Schaffung von Raum für das Wasser bis hin zu Dämmen oder
Sperrwerken, mit denen das Einlaufen einer Hochwasserwelle verhindert
werden soll. An der TU Hamburg befassen wir uns mit der Zukunft des
Hochwasserschutzes an der Tideelbe vor dem Hintergrund des Klimawandels.
Dafür identifizieren und analysieren wir denkbare Optionen für einen
künftigen Hochwasserschutz und bewerten diesen aus wasserbaulicher,
wasserwirtschaftlicher, ökologischer und ökonomischer Sicht. Neben
Veränderungen von Tidebedingungen, Strömungen und Wasserständen, müssen
wir auch Konsequenzen für Flora und Fauna sowie die für die Schifffahrt
und andere Nutzungen berücksichtigen. Mit Hilfe unserer Ergebnisse sollen
dann Handlungsoptionen für die Zukunft abgeleitet werden.

  • Aufrufe: 26

Die Millionen-Frage: Wie lösen wir komplexe Probleme?

„Mit unserer Studie zeigen wir, dass dem Faktor der sozialen Normen bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, so Prof. Dr. Carolin Häussler.  Studio Weichselbaumer
„Mit unserer Studie zeigen wir, dass dem Faktor der sozialen Normen bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, so Prof. Dr. Carolin Häussler. Studio Weichselbaumer

Prof. Dr. Carolin Häussler, Innovationsforscherin an der Universität
Passau, hat gemeinsam mit ihrer ehemaligen Promovendin Dr. Sabrina Vieth
untersucht, wann Menschen im digitalen Zeitalter zu welchen
Problemlösungsstrategien greifen – und zwar anhand von Daten der Quiz-
Sendung „Wer wird Millionär?“.

Ein Joker bei der 300-Euro-Frage? So ärgerlich das für manche
Kandidatinnen und Kandidaten des beliebten RTL-Formats „Wer wird
Millionär?“ ist, doch der eine oder die andere braucht bereits zu Beginn
des Spiels Hilfe von außen. Nehmen sie diese dann auch in Anspruch? Oder
hält sie die Sorge vor der öffentlichen Schmach zurück?

Es sind solche Konstellationen, die in die Studie der
Innovationsforscherinnen Prof. Dr. Carolin Häussler (Universität Passau)
und Dr. Sabrina Vieth (Coventry University London) eingeflossen sind.
Insgesamt untersuchten die Wissenschaftlerinnen anhand der Daten der Quiz-
Sendung, wie 4.556 Probleme von 398 Personen gelöst wurden. Dazu kodierten
sie 243 Episoden der Show im Zeitraum von Oktober 2009 bis Juni 2013. „Wir
wollten wissen: Wann lösen Menschen Probleme selbst, wann greifen sie auf
das Spezialwissen individueller Expertinnen und Experten zurück, und wann
auf das aggregierte Wissen des Publikums?“, erklärt Prof. Dr. Häussler.

Lösungsstrategien im digitalen Zeitalter

Was klingt, als wäre es lediglich eine unterhaltsame Studie, hat einen
ernsthaften Hintergrund. Zwar konzentrierten sich die Forscherinnen in
ihrer Analyse auf die Quiz-Sendung, denn: „Um die Effekte auch statistisch
sauber zu analysieren, mussten wir ein Setting finden, in dem Menschen mit
Problemen konfrontiert wurden, die sie sich nicht selbst ausgesucht
haben.“ Doch die Erkenntnisse lassen nicht nur wichtige Schlüsse auf
Lösungsstrategien im digitalen Zeitalter zu, in dem Möglichkeiten wie
Suchmaschinen oder die Befragung der Crowd frei verfügbar sind. Die Studie
liefert auch für die Innovationsfähigkeit von Unternehmen und der
Gesellschaft wichtige Erkenntnisse.

Die Ergebnisse im Überblick:
•       Soziale Normen, die einen offenen Austausch befürworten, erhöhen
die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Kandidatinnen und Kandidaten Hilfe
von außen holen.
•       Eine hohe Komplexität der Probleme motiviert die Spielerinnen und
Spieler, Probleme extern zu lösen. In einer Kultur des offenen Austauschs
nehmen sie auch bei weniger komplexen Problemen externe Hilfe in Anspruch.
•       Bei sehr komplexen Problemen bevorzugen die Teilnehmenden das
Spezialwissen einzelner Expertinnen und Experten; bei weniger komplexen
Problemen befragen sie das Publikum.
•       Ältere Teilnehmende nehmen seltener Hilfe in Anspruch als jüngere.
Teilnehmende aus Großstädten waren offener für Hilfe von außen. Letzteres
gilt auch für Teilnehmerinnen im Vergleich zu männlichen Spielern.

„Mit unserer Studie zeigen wir, dass dem Faktor der sozialen Normen
bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde“, sagt Prof. Dr. Häussler.
In der Quiz-Sendung verkörpere Moderator Günther Jauch diese soziale
Komponente. „Wenn er erinnert und signalisiert, dass es völlig legitim
ist, sich Hilfe von außen zu holen, dann tun das die Kandidatinnen und
Kandidaten auch.“

Soziale Normen als Schlüssel zur Problemlösung

Starke Normen des offenen Austauschs könnten den Forscherinnen zufolge
eine andere Herangehensweise an Probleme fördern – „hin zu einer
chancenorientierten Wahl der Problemlösung, die den Wert interner und
externer Lösungen unabhängig von der Problemkomplexität anerkennt“. Gerade
in einer Zeit mit immer größer werdenden Herausforderungen werde die
Kompetenz, externe Lösungen einzuholen und zu koordinieren, immer
wichtiger. Wenn also Unternehmen offene Innovationsstrategien auf
institutioneller Ebene umsetzen wollen, dann liege es an den
Führungskräften, Umgebungen zu schaffen, „in denen positive Einstellungen
zu Offenheit und offenem Wissensaustausch verstärkt werden können“,
schreiben die Forscherinnen.

Die Studie „A question worth a million: The expert, the crowd, or myself?
An investigation of problem solving“ erscheint im April 2022 in dem
renommierten Journal „Research Policy“. Es handelt sich dabei um eine der
prominentesten Fachzeitschriften im Bereich der Innovationsforschung.
Online ist die Studie bereits abrufbar unter:
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0048733321002456?dgcid=author

Über die Autorinnen

Prof. Dr. Carolin Häussler ist seit 2011 Inhaberin des Lehrstuhls für
Organisation, Technologiemanagement und Entrepreneurship und DFG-
Vertrauensdozentin an der Universität Passau. Sie ist außerdem
Projektleiterin im DFG-Graduiertenkolleg 2720: „Digital Platform
Ecosystems (DPE)“ an der Universität Passau. Als Mitglied der
Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) berät sie die
Bundesregierung. Am 23. Februar 2022 übergibt sie Bundeskanzler Olaf
Scholz das diesjährige EFI-Jahresgutachten. Mit dem International Center
for Economics and Business Studies lockt Prof. Dr. Häussler Forscherinnen
und Forscher aus aller Welt nach Passau.

Dr. Sabrina Vieth lehrt und forscht zu Entrepreneurship und Innovation an
der Coventry University London. Sie promovierte an der Universität Passau
mit dem Schwerpunkt Open Innovation und Crowdsourcing. Ihre
Forschungsinteressen drehen sich um die Analyse von Problemlösungen und
Wissensaustausch, sowohl im beruflichen als auch im Bildungskontext.

  • Aufrufe: 19

Dekolonisation in Deutschland und Verfolgung syrischer Täter: Interviewangebot mit Robin Schmahl vom Berliner ZMO

Robin Schmahl ist der Autor von
"Was Kant a racist?” The public discussion on Germany's belated
intellectual decolonization.
Download: https://pits.europe-lab.net/wp-content/uploads/2021/08/Online-
Places-in-the-Sun-1.pdf

sowie
„Universal Jurisdiction as Iustitia ex Machina. Speaking Justice for the
Victims of ISIS and the Syrian Civil War in Germany”
Download:
https://www.institutegreatereurope.com/_files/ugd/e2ad66_8a8b6542654b4c8f8955e29d48725588.pdf?index=true

Forschungsinteressen:
> Europäischer Imperialismus im Nahen Osten sowie dessen Einfluss auf
Demokratie und Menschenrechte heute;
> Dekolonisationsbestrebungen in Deutschland;
> universelle Gerichtsbarkeit und die juristische Verfolgung von syrischen
Tätern in Deutschland.

Robin Schmahl studierte Nahoststudien, Philosophie, Politikwissenschaft
und Geschichte in München und Kairo. 2020 erhielt er seinen
Masterabschluss von der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Zurzeit
forscht er am Leibniz-Zentrum Moderner Orient, Berlin innerhalb des
Projektes Historicity of Democracy in the Muslim and Arab Worlds
(HISDEMAB).

Das internationale Verbundprojekt HISDEMAB erforscht beratende
Institutionen und Praktiken sowie demokratische Impulse in Nordafrika und
dem Mittleren Osten vom 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart. Besondere
Beachtung gilt der Aushandlung politischer, kultureller, geschlechtlicher
und religiöser Fragen vor dem Hintergrund der osmanischen Vergangenheit,
kolonialer Einflussnahme und den Modalitäten der Unabhängigkeit und
Entwicklung des bürgerlichen und politischen Lebens. Dabei untersuchen die
Wisenschaftler*innen insbesondere die Konstruktion von
Staatsbürgerschaftsrecht, den Umgang mit Minderheiten, die Funktionsweise
des Parlaments und Debatten zur Staatsverfassung, sowie Bürgerbewegungen,
Mobilisierungsmethoden, Meinungsbildung, Verhandlungsformen und
politischen/staatsbürgerlichen Überlegungen.

In seinem Forschungsprojekt beschäftigt sich Robin Schmahl mit
institutioneller Geschichte in Ägypten des 18. Jahrhunderts und während
der französischen Expedition von 1798-1801. Er reflektiert hier inwieweit
Napoleon Bonapartes Invasion tatsächlich als der oftmals erklärte Anbeginn
eines modernen Nahen Ostens verstanden werden kann. Schmahl stellt dabei
gängige Narrative eines europäischen Demokratieexports in Frage. Des
Weiteren analysiert er anhand des Diwans von Kairo als zentrales
Herrschaftsorgan des Osmanischen Ägyptens inwieweit deliberative
demokratische Theorien dekolonialisiert werden können.

  • Aufrufe: 20

Der künstlichen Nashorn-Eizelle ein Stück näher

Um das Aussterben der nördlichen Breitmaulnashörner noch zu verhindern,
will das internationale Konsortium BioRescue unter anderem Eizellen der
Tiere aus Stammzellen erschaffen. Diesem Ziel ist ein Team um Sebastian
Diecke vom MDC und Micha Drukker von der Universität Leiden nun
nähergekommen, berichten sie in „Scientific Reports“.

Gemeinsame Pressemitteilung von MDC und Leibniz-Institut für Zoo- und
Wildtierforschung

Fatu und Najin sind die beiden letzten nördlichen Breitmaulnashörner auf
der Welt, eine natürliche Fortpflanzung ist damit unmöglich und ein
Aussterben quasi nicht mehr zu verhindern. Doch das internationale
BioRescue-Konsortium arbeitet unter Hochdruck daran, dass die Unterart des
Breitmaulnashorns nicht gänzlich von der Erdoberfläche verschwindet. Die
Forscherinnen und Forscher verfolgen dabei zwei Strategien: Sie entwickeln
zum einen fortgeschrittene Methoden der assistierten Reproduktion.  Zum
anderen wollen sie im Labor aus Hautzellen des nördlichen
Breitmaulnashorns induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) und
schließlich Eizellen erzeugen. Dabei ist das Team des Max-Delbrück-Centrum
für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) gemeinsam mit
Partnern in München, den Niederlanden und Japan nun einen großen Schritt
vorangekommen. Im Fachjournal „Scientific Reports“ beschreiben sie, dass
sie pluripotente Nashornstammzellen gewonnen und eingehend untersucht
haben. „Unsere nun veröffentlichte Arbeit trägt zum Verständnis der
Pluripotenz bei – also zur Fähigkeit vom Stammzellen, in alle Körperzellen
zu differenzieren“, sagt Erstautorin Dr. Vera Zywitza von der
Technologieplattform „Pluripotente Stammzellen“ unter der Leitung von Dr.
Sebastian Diecke am MDC. „Damit markiert sie einen bedeutenden Meilenstein
auf dem Weg zur künstlich erzeugten Nashorn-Eizelle.“

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das BioRescue-
Projekt mit vier Millionen Euro. Neben dem federführenden Leibniz-
Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) ist in Deutschland
das MDC daran beteiligt, und das Helmholtz Zentrum München ist ein
Kooperationspartner von BioRescue.

Hohe Zellingenieurskunst

iPS-Zellen können in der Kulturschale alle Zellen des Körpers
hervorbringen. Bei dem Vorhaben, daraus Keimzellen zu machen, arbeiten die
Forscher*innen eng mit dem Labor des japanischen Stammzellforschers
Professor Katsuhiko Hayashi von der Kyushu-Universität zusammen. Hayashi
ist es 2016 gelungen, aus der Haut von Mäusen Eizellen zu generieren,
diese künstlich zu befruchten und weiblichen Mäusen einzupflanzen. Die mit
dieser Methode gezeugten Mäuse waren gesund und fruchtbar.

Die Herstellung der iPS-Zellen gelang dem Stammzellforscher Professor
Micha Drukker und seinem Team vom Helmholtz Zentrum München sowie vom
Leiden Academic Centre for Drug Research der Universität Leiden mit der
Methode der episomalen Reprogrammierung. Dafür hat der Forscher fremde
DNA-Moleküle in die Hautzellen eingeschleust, sogenannte Plasmide. Sie
enthalten Gene, die die Hautzellen zu iPS-Zellen reprogrammieren. Die so
erzeugten Nashornstammzellen sind humanen iPS-Zellen erstaunlich ähnlich.
„Unter dem Mikroskop sind sie kaum von menschlichen iPS-Zellen zu
unterscheiden,“ sagt Micha Drukker. „Außerdem reagieren sie sehr ähnlich
auf äußere Einflüsse.“

Vielversprechender Ausgangspunkt, um Keimbahnzellen zu kultivieren

Es gibt verschiedene Zustände von iPS-Zellen. Sie können naïv – in einem
sehr ursprünglichen Zustand – oder geprimed vorliegen. Von letzterem nimmt
man an, dass er in der Embryonalentwicklung etwas weiter vorangeschritten
ist. Aus Versuchen mit Stammzellen von Mäusen ist bekannt, dass sie
Keimbahnzellen besonders gut beim Übergang von geprimed zu naïv
hervorbringen. Beim Versuch, die Nashornzellen in den naïven Zustand zu
versetzen, starben diese jedoch zunächst ab. Deshalb führten die
Forschenden ein Gen in die Nashornzellen ein, das den Zelltod verhindert.
Mit Erfolg: Sie erhielten naïve iPS-Zellen. „Wir haben die Zellen
ausführlich unter anderem durch Analyse von Transkriptomdaten
charakterisiert“, erklärt Vera Zywitza. „Die erfolgreiche Konvertierung in
den naïven Zustand der Pluripotenz ist ein vielversprechender
Ausgangspunkt, um Keimbahnzellen zu generieren.“

Dennoch machten Vera Zywitza und ihre Kolleg*innen an dieser Stelle
vorerst nicht weiter. „Die iPS-Zellen enthalten dauerhaft fremdes
genetisches Material, nämlich die Reprogrammierungsfaktoren und das Gen
gegen den Zelltod. Daraus können wir keine Keimzellen machen, da das
Risiko besteht, dass diese krankhaft verändert wären“, erklärt Vera
Zywitza. Trotzdem sind diese Zellen ein sehr gutes Werkzeug, um die
Stammzellen des Nashorns an sich zu erforschen und ihre verschiedenen
Zustände besser zu verstehen. Mit ihrer Hilfe können Wissenschaftler*innen
die molekularen Mechanismen erforschen, die in Stammzellen ablaufen. „Wir
können zum Beispiel untersuchen, warum die Tragzeit beim Nashorn 16 Monate
beträgt und bei der Maus nur 21 Tage“, erläutert die Wissenschaftlerin.
„Oder wie sich die Organe in den unterschiedlichen Spezies entwickeln. Wir
können damit wirklich viel über die Evolution lernen.“

Auch Eierstockgewebe wird benötigt

Mittlerweile hat die Arbeitsgruppe von Sebastian Diecke weitere iPS-Zellen
erzeugt. Dabei haben die Wissenschaftler*innen die
Reprogrammierungsfaktoren nicht mithilfe von Plasmiden eingeschleust,
sondern mithilfe von RNA-Viren. Diese neuen iPS-Zellen enthalten nichts
mehr, was nicht hineingehört. Nun versuchen die Wissenschaftler*innen,
daraus Vorläuferzellen von Eizellen herzustellen.

Und nicht nur das: Vorläuferzellen reifen nur zu Eizellen heran, wenn sie
von Eierstockgewebe umgeben sind. Es ist nahezu unmöglich, dieses Material
aus lebenden oder verstorbenen Nashörnern zu erhalten. „Wir müssen also
sowohl Vorläuferzellen kreieren als auch Eierstockgewebe“, fasst Vera
Zywitza zusammen. Auch dabei stehen die Berliner Wissenschaftler*innen mit
Katsuhiko Hayashi in engem Austausch. Er hat im vergangenen Jahr
erfolgreich Eierstockgewebe aus Stammzellen von Mäusen kultiviert.

Bislang 14 Embryonen durch assistierte Reproduktion

Derweil gibt es ebenfalls Fortschritte in der assistierten Reproduktion:
Zuletzt hatten Wissenschaftler*innen des Leibniz-IZW in Zusammenarbeit mit
dem Kenya Wildlife Service, dem Wildlife Research and Training Institute,
dem Safari Park Dvůr Králové und der Ol Pejeta Conservany im Januar 2022
Eizellen von Fatu entnommen. Im Avantea-Labor in Italien wurden sie zur
Reifung gebracht und mit dem aufgetauten Sperma eines bereits verstorbenen
Bullen befruchtet. Insgesamt 14 Embryonen des nördlichen Breitmaulnashorns
gibt es jetzt. Sie schlummern bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff.
In naher Zukunft werden die Wissenschaftler*innen sie Leihmüttern des
südlichen Breitmaulnashorns einpflanzen, in der Hoffnung, dass ein
gesundes Kalb auf die Welt kommt.

14 Embryonen – das ist ein großer Erfolg der Reproduktionsbiologie. Es ist
jedoch nicht viel, wenn daraus eine sich selbsterhaltende Anzahl von
Tieren werden soll. „Najin und Fatu sind zudem eng miteinander verwandt
und ihre Erbanlagen teilweise identisch“, sagt BioRescue-Projektleiter
Professor Thomas Hildebrandt vom Leibniz-IZW. „Von Najin konnten wir
aufgrund ihres Alters und Beeinträchtigungen im Reproduktionstrakt keine
Eizellen gewinnen, aus denen erfolgreich Embryonen erzeugt werden konnten
– alle 14 Embryonen stammen von Fatu. Wir brauchen daher dringend eine
komplementäre Strategie, um von deutlich mehr Individuen Gameten – also
Eizellen und Spermien – zu erzeugen.“

Arten erhalten, bevor es zu spät ist

„Funktionsfähige Eizellen des nördlichen Breitmaulnashorns – das wäre die
Krönung unserer Forschungsarbeit“, sagt Sebastian Diecke. Sie könnte
Vorbildcharakter für andere bedrohte Tierarten haben: Gelingt die
Fortpflanzung aus Stammzellen, könnten auf diese Weise weitaus mehr
bedrohte oder vom Menschen bereits ausgerottete Arten wiederbelebt werden.
Im Frozen Zoo – dem „Gefrorenen Zoo“ – am Beckman Center for Conservation
Research in San Diego und in der Biobank des Instituts für
Wildtierforschung in Berlin lagern über 10.000 tiefgefrorene Zellkulturen
von mehr als 1.000 bedrohten Arten. „Diese Ressource könnte man
verwenden“, sagt Sebastian Diecke. Das nördliche Breitmaulnashorn wäre
dann nur der Anfang – „auch wenn es mir am besten gefallen würde, wenn
unser Ansatz nie verwendet werden müsste und mehr für die Arterhaltung
getan wird, bevor es zu spät ist.“

Für Vera Zywitza steht derweil fest: Sollte irgendwann ein nördliches
Breitmaulnashorn dank Stammzelltechnologien geboren werden, würde sie es
gerne kennenlernen.

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-
Gemeinschaft gehört zu den international führenden biomedizinischen
Forschungszentren. Nobelpreisträger Max Delbrück, geboren in Berlin, war
ein Begründer der Molekularbiologie. An den MDC-Standorten in Berlin-Buch
und Mitte analysieren Forscher*innen aus rund 60 Ländern das System Mensch
– die Grundlagen des Lebens von seinen kleinsten Bausteinen bis zu
organübergreifenden Mechanismen. Wenn man versteht, was das dynamische
Gleichgewicht in der Zelle, einem Organ oder im ganzen Körper steuert oder
stört, kann man Krankheiten vorbeugen, sie früh diagnostizieren und mit
passgenauen Therapien stoppen. Die Erkenntnisse der Grundlagenforschung
sollen rasch Patient*innen zugutekommen. Das MDC fördert daher
Ausgründungen und kooperiert in Netzwerken. Besonders eng sind die
Partnerschaften mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin im
gemeinsamen Experimental and Clinical Research Center (ECRC) und dem
Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité sowie dem Deutschen
Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK). Am MDC arbeiten 1600
Menschen. Finanziert wird das 1992 gegründete MDC zu 90 Prozent vom Bund
und zu 10 Prozent vom Land Berlin.

  • Aufrufe: 13