Wie stellen sich Wissenschaft, Wirtschaft, NGOs und öffentliche Verwaltung
die künftige Wasserstoffwirtschaft in Deutschland vor? Eine neue Umfrage
von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und der DECHEMA
Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. gibt nun
Antworten. Die beiden Projektpartner präsentierten heute erste Ergebnisse
der Öffentlichkeit – und gaben eine Prognose ab: Laut einer
wissenschaftlichen Metaanalyse wird der Wasserstoffbedarf im Jahr 2030 um
ein Vielfaches höher sein als die inländischen Erzeugungskapazitäten.
Herkunftsnachweise für klimaverträglichen Wasserstoff sind laut Aussage
einer Mehrheit von Expertinnen und Experten ein zentraler fördernder
Faktor für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland. Das geht
aus der Umfrage „Wasserstoffwirtschaft 2030/2050: Ziele und Wege“ von
acatech und DECHEMA unter knapp 600 Vertreterinnen und Vertretern aus
Wissenschaft, Wirtschaft, NGOs und öffentlicher Verwaltung hervor. Die
Studie ist Teil des Kooperationsprojekts „Wasserstoff-Kompass“. Erste
Ergebnisse stellten die Projektpartner schon heute in einer Online-
Konferenz vor, bevor im März die Publikation aller Umfrageergebnisse
erfolgt.
Als Keynote zu Beginn der Konferenz sprachen Judith Pirscher,
Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, und
Patrick Graichen, Staatsekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und
Klimaschutz. Sie machten deutlich: Die aktuelle Legislaturperiode ist
entscheidend, um die Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige
Wasserstoffwirtschaft in Deutschland zu schaffen. Staatssekretärin
Pirscher betonte: „Wir setzen beim Klimaschutz auf Technologien, nicht auf
Verzicht. Grüner Wasserstoff ist deshalb ein Schlüsselelement für das
Erreichen unserer ambitionierten Klimaziele. Gleichzeitig bieten
Wasserstofftechnologien enorme Chancen für neues Wachstum und Exportmärkte
und für gute Jobs. Um diese Chancen zu nutzen, brauchen wir einen massiven
Innovationsschub. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung steht
mit seiner technologieoffenen Forschungsförderung für diesen
Innovationsschub.“ Staatssekretär Graichen unterstrich: „Forschung und
Innovation für die Energiewende und den Klimaschutz sind ein strategisches
Element unserer Klima- und Energiepolitik. Wir brauchen einen Hochlauf von
Wasserstoff in den No-regret-Anwendungen. Dafür müssen wir wissen, wie
eine klug ausgerichtete und anwendungsorientierte Energieforschung
aussieht, die dazu beiträgt, Technologiekosten zu senken.“
Wasserstoff-Markthochlauf: Unzureichende Flächen für erneuerbare Energien
als Hemmnis
Um den Markthochlauf anzustoßen, sind aus Sicht der Befragten neben
Herkunftsnachweisen für klimaverträglichen Wasserstoff weitere Maßnahmen
notwendig. Unter anderem solle der für die Wasserstofferzeugung
eingesetzte Strom von staatlichen Preisbestandteilen weitestgehend befreit
werden. Überdies sind nach Meinung der Befragten staatliche Zuschüsse für
Wasserstoffprojekte vonnöten. Die Umfrageergebnisse weisen außerdem auf
zentrale Hemmnisse für eine großskalige Erzeugung von klimaneutralem
Wasserstoff in Deutschland hin: 59 Prozent der Befragten sehen die hohen
Investitions- und Unterhaltskosten als hinderlich für die
Wirtschaftlichkeit von Produktionsanlagen. Ebenfalls 59 Prozent der
Befragten betrachten die unzureichenden Flächen für Erneuerbare-Energien-
Anlagen als zentralen Hemmschuh. Um Wasserstoff als Energieträger zu
etablieren, braucht es aus Sicht der Befragten auch akzeptanzfördernde
Maßnahmen, insbesondere für den Ausbau erneuerbarer Energien, in Bezug auf
das Thema Sicherheit bei der Wasserstofferzeugung und -nutzung sowie für
neue Wasserstoff-Transport-Infrastrukturen.
„Unsere Umfrageergebnisse verdeutlichen, dass Wissenschaft, Wirtschaft,
NGOs und öffentliche Verwaltung einen sehr ähnlichen Blick auf Treiber und
Hemmnisse für den Wasserstoff-Markthochlauf haben“, resümierte Prof.
Dr.-Ing. Jan Wörner, acatech-Präsident. „Diese Ergebnisse sind ein
wichtiger Anhaltspunkt bei der Erstellung einer Wasserstoff-Roadmap auf
Basis der demnächst überarbeiteten Nationalen Wasserstoff-Strategie. Diese
Wasserstoff-Roadmap kann nur erfolgreich sein, wenn sie auf einen ebenso
koordinierten wie flexiblen Instrumenten-Mix abzielt. So können zeitgleich
und schnell Erzeugung, Transport- und Speicherinfrastrukturen wie auch
Anwendungsbereiche entstehen.“
Wasserstoffmarkt 2030: große Differenz zwischen inländischer Erzeugung und
Nachfrage
acatech und DECHEMA erarbeiten derzeit eine Metaanalyse, in der sie
fortlaufend Studien und Strategiepapiere zum Thema Wasserstoff auswerten.
Heute präsentierten sie einen ersten Zwischenstand zu den Bereichen
Mobilität, Stahlindustrie, chemische Industrie sowie zur Wasserstoff-
Erzeugungskapazität in Deutschland. Die Auswertung weist bislang
Elektrolyseprojekte aus, die 2030 eine Gesamtkapazität von ca. fünf
Gigawatt haben werden. Im Koalitionsvertrag hat sich die neue
Bundesregierung auf ein Elektrolysekapazitätsziel von 10 Gigawatt bis 2030
verständigt. Allerdings zeigt die Metaanalyse des Wasserstoff-Kompasses:
Selbst bei optimistischen Annahmen der Laststunden und bei Erreichen der
politischen Zielsetzung, werden die bis 2030 aufgebauten heimischen
Kapazitäten nicht ausreichen, um den Minimalbedarf von etwa 50
Terawattstunden zu decken. „Nachhaltiger Wasserstoff wird in den nächsten
Jahren eine knappe Ressource bleiben, die einem wachsenden Bedarf
gegenübersteht“, folgerte Klaus Schäfer, Vorstandsvorsitzender der
DECHEMA. „Um zukünftig Nachfrage und Angebot in Einklang zu bringen, ist
es unverzüglich notwendig, die richtigen politischen Weichen zu stellen.
Dabei stehen der Politik verschiedene Handlungsoptionen zur Verfügung. Mit
dem Projekt Wasserstoff-Kompass tragen wir dazu bei, die ökologischen,
ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekte der verschiedenen politischen
Handlungsoptionen aufzuzeigen.“
Über das Projekt Wasserstoff-Kompass
acatech und DECHEMA führen seit Juni 2021 das zweijährige Projekt
Wasserstoff-Kompass durch. Gemeinsam erarbeiten sie mithilfe einer
Metaanalyse einen Überblick über verschiedene Entwicklungspfade für den
Markthochlauf sowie entsprechende Handlungsoptionen mit ihren jeweiligen
Vor- und Nachteilen. Weiterhin organisiert der Wasserstoff-Kompass einen
Dialog mit Stakeholdern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und
Zivilgesellschaft, um deren Sichtweisen einzuholen und auf ein gemeinsames
Zielbild einer deutschen Wasserstoffwirtschaft hinzuwirken. Die
Projektergebnisse kann die Politik für die Erarbeitung ihrer Wasserstoff-
Roadmap nutzen. Das Projekt Wasserstoff-Kompass wird vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung sowie vom Bundesministerium für Wirtschaft und
Klimaschutz gefördert.
Im März 2022 veröffentlichen acatech und DECHEMA ihren vollständigen
Bericht zu den Umfrageergebnissen. Ausgewählte Ergebnisse der Umfrage
stellen acatech und DECHEMA Ende Februar 2022 als Kurz-Dossier auf
wasserstoff-kompass.de zum Download bereit.