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„Die Ausgezeichneten machen Mut“ DBU-Umweltpreis heute an Ökologin und Moorforscher

Ökologin Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese (zweite von links) und Moorforscher Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten (dritter von links) wurden für ihre herausragenden Verdienste um Artenvielfalt und Klimaschutz heute mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet.  Peter Himsel  Deutsche Bundesstiftung Umwelt
Ökologin Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese (zweite von links) und Moorforscher Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten (dritter von links) wurden für ihre herausragenden Verdienste um Artenvielfalt und Klimaschutz heute mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. Peter Himsel Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Mit einem der renommiertesten und höchstdotierten
Umweltpreise in Europa würdigt die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
heute (Sonntag) in Darmstadt herausragendes Engagement für den Schutz von
Umwelt und Artenvielfalt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
überreicht den Deutschen Umweltpreis an Öko-login Prof. Dr. Katrin
Böhning-Gaese (56) und Moorforscher Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten (66),
die sich den Betrag von 500.000 Euro teilen. „Die Ausgezeichneten machen
Mut, denn sie zeigen Instrumente zur Bewältigung der Klima- und Artenkrise
auf“, so DBU-Kuratoriumsvorsitzende Rita Schwarzelühr-Sutter. DBU-
Generalsekretär Alexander Bonde setzt auf Engagement: „Wir brauchen den
Aufbruch für mehr Klima- und Artenschutz.“

Die Ehrung für Böhning-Gaese und Joosten ist laut Bonde auch Ansporn für
andere: „Wer anpackt, kann etwas verändern. Das haben die beiden in
bemerkenswerter Weise bewiesen.“ Beide zeigen nach Bondes Worten „die
Dramatik der Klimakrise und den Raubbau an Natur und Biodiversität. Aber
zugleich eröffnen sie Wege zum Schutz von Mensch, Tier, Umwelt und zum
Erhalt des Planeten.“ Die DBU-Kuratoriumsvorsitzende, zugleich
parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, betont die
Signalwirkung des DBU-Umweltpreises weit über Europa hinaus: „Die
Mitteilung vor wenigen Tagen, dass Prof. Dr. Klaus Hasselmann den Physik-
Nobelpreis erhält, ist eine Bestätigung für den Deutschen Umweltpreis.“
Denn dieser sei bereits 1998 an Hasselmann verliehen worden – „für die
Klimamodellierungen, die nun zum Nobelpreis geführt haben“. Die aktuelle
Verleihung sei in diesem Sinne wegweisend. Schwarzelühr-Sutter: „Wir
müssen Klima- und Artenschutz noch ernster nehmen und haben daher als
Kuratorium die Preise ganz bewusst so vergeben.“

Bevorstehende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft

Die Verleihung des Deutschen Umweltpreises in Darmstadt fällt laut Bonde
in eine Zeit, „die eine Zäsur im Kampf gegen Artensterben, Dürre und
Erderwärmung, gegen Unwetter, Stürme und Flutkatastrophen einleiten
könnte“. Denn in den nächsten Tagen und Wochen werde es national und
international um politisch wichtige Weichenstellungen gehen: Morgen
beginnt die 15. Weltbiodiversitätskonferenz im chinesischen Kunming,
Anfang November folgt in Schottland die 26. Weltklimakonferenz in Glasgow
– und in Deutschland, einer der führenden Industrienationen, wird derzeit
eine neue Regierung gebildet. Bonde: „Diese Chancen für eine klimagerechte
Politik müssen wir nutzen. Für Stillstand ist keine Zeit.“ Der DBU-
Generalsekretär appellierte eindringlich an alle Betei-ligten, „Ökonomie
und Ökologie gemeinsam und am besten in Kreisläufen zu denken“. Bonde:
„Nur so bewältigen wir die bevorstehende Transformation von Wirtschaft und
Gesellschaft.“

Veränderungen von Ökosystemen wegen des Klimawandels

Die Auszeichnung für die Direktorin des Senckenberg Biodiversität und
Klima Forschungszentrums sowie Professor Joosten, der bis zur
Pensionierung an der Universität Greifswald tätig war, ist laut
Schwarzelühr-Sutter ein Signal: „Wir haben nur eine Erde. Und wir müssen
mit der Vielfalt des Lebens behutsam umgehen. Tun wir das nicht, schaden
wir uns selbst.“ Frau Böhning-Gaese habe Modelle entwickelt, mit denen
sich Veränderungen von Ökosystemen wegen des Klimawandels vorhersagen
ließen. „Durch ihre Forschung zum Verlust der Artenvielfalt begreifen wir
die verheerenden Folgen des Artenverlusts für Menschen, Tier, Umwelt und
das gesamte Zusammenwirken des Planeten.“ Der Weltbiodiversitätsrat der
Vereinten Nationen hat unlängst gewarnt, dass von den weltweit geschätzt
acht Millionen Tier- und Pflanzenarten rund eine Million vom Aussterben
bedroht sind.

Moore sind unentbehrlich als Klimaschützer

Joostens Moorforschung nannte Schwarzelühr-Sutter „bahnbrechend im Kampf
gegen die Klimakrise“. Mit seinem unermüdlichen Einsatz habe er wie kaum
ein anderer gezeigt, dass Moore als Klimaschützer unentbehrlich sind,
„weil sie Riesenmengen an Kohlenstoff speichern und die Bildung des
Treibhausgases Kohlendioxid verhindern“. Bonde ergänzt, Wiedervernässung
sei „das Gebot der Stunde. Trockenlegung und Entwässerung vor allem wegen
Landnutzung müssen vermindert werden.“ Es komme darauf an, gemeinsam mit
Land- und Forstwirten Lösungen zu finden. Joosten habe mit dem von ihm
geprägten Begriff Paludikultur für eine klimaschonende landwirtschaftliche
Nutzung nasser Hoch- und Niedermoore „bereits tolle Ideen entwickelt – und
die Moore vehement bei internationalen Konferenzen auf die Agenda
gebracht. Deshalb sind Kunming und Glasgow so wichtig.“

Hintergrund:

Mit dem 2021 zum 29. Mal verliehenen Deutschen Umweltpreis der DBU werden
Leistungen von Menschen ausgezeichnet, die vorbildlich zum Schutz und
Erhalt der Umwelt beitragen. Prämiert wer-den Projekte, Maßnahmen und
Lebensleistungen. Kandidatinnen und Kandidaten werden der DBU
vorgeschlagen. Berechtigt dazu sind etwa Arbeitgeberverbände und
Gewerkschaften, Kirchen, Umwelt- und Naturschutzverbände,
wissenschaftliche Vereinigungen und Forschungsgemeinschaften, Medien, das
Handwerk und Wirtschaftsverbände. Selbstvorschläge sind nicht möglich.
Eine vom DBU-Kuratorium ernannte Jury unabhängiger Expertinnen und
Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und gesellschaftlichen
Gruppen empfiehlt dem DBU-Kuratorium Preisträgerinnen und Preisträger für
das jeweilige Jahr. Das DBU-Kuratorium fällt die Entscheidung.

Infos zum Deutschen Umweltpreis und Ausgezeichneten:
https://www.dbu.de/umweltpreis sowie https://www.dbu.de/umweltpreis-blog/

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Fischkiemen als Vorbild für bionische Mikroplastikfilter

Blick ins geöffnete Maul einer Sardelle: Die Kiemenbögen haben verlängerte Kiemenrechen mit Dentikeln und bilden so ein feines Sieb.
Blick ins geöffnete Maul einer Sardelle: Die Kiemenbögen haben verlängerte Kiemenrechen mit Dentikeln und bilden so ein feines Sieb.

In der Waschmaschine wird nicht nur die Wäsche sauber, durch den Abrieb
von Synthetikfasern gelangen mit dem Abwasser auch winzige
Kunststoffpartikel in die Umwelt. Biologen der Universität Bonn wollen
zusammen mit dem Fraunhofer UMSICHT und der Firma Hengst nach dem Vorbild
von Fischkiemen einen effizienten, nachhaltigen und haltbaren
Waschmaschinenfilter entwickeln. Das Projekt „FishFlow“ wird vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für ein Jahr mit rund
500.000 Euro gefördert, davon fließen rund 300.000 Euro an die Universität
Bonn.

Mikroplastik kann negative Auswirkungen auf Organismen und Umwelt haben.
Nach Schätzungen des Fraunhofer UMSICHT werden rund vier Kilogramm in
Deutschland pro Person jährlich freigesetzt und gelangen über Luft, Boden
und Gewässer auch in Organismen. Eine Quelle ist die Waschmaschine: Pro
Waschgang können mehrere hundert Milligram synthetische Mikrofasern je
Kilogramm Wäsche in die Umwelt entweichen.

Im Fokus stehen deshalb Filtertechnologien, die die Verbreitung der unter
fünf Millimeter kleinen Kunststoffteilchen unterbinden.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bonn nehmen nun
das Maul von Fischen als biologisches Vorbild für neuartige Filter. “Es
gibt viele filtrierende Tiere, aber der Apparat der Fische, von den
Kiemenbögen bis zur Weiterleitung der Nahrung in den Verdauungstrakt,
weist im Vergleich die höchste Ähnlichkeit zu den Verhältnissen in der
Waschmaschine auf”, sagt Prof. Dr. Alexander Blanke vom Institut für
Evolutionsbiologie und Ökologie der Universität Bonn.

Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und
Energietechnik (UMSICHT) in Oberhausen und der Firma Hengst in Münster
starten die Forschenden ein Projekt, mit dem die Strukturen der Fische
nachempfunden werden sollen. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung (BMBF) für ein Jahr mit rund 500.000 Euro gefördert,
davon fließen rund 300.000 Euro an die Universität Bonn.

Welche bionischen Filter sind am effizientesten?

“Wir haben verschiedene Fische hinsichtlich ihrer Kiemengeometrie
vermessen”, berichtet Leandra Hamann, die im Team von Prof. Blanke
promoviert. Aus diesen Werten erstellen die Forschenden Computermodelle
der Kiemen, führen Simulationen durch und bauen sie am 3D-Drucker nach.
Daraus gewinnt das Team Daten, welche Filtergeometrien am effizientesten
sind. Die bionischen Modelle der Kiemenstrukturen werden dann im
Strömungskanal und zuletzt in der Waschmaschine getestet.

Das interdisziplinäre Forschungsteam kommt aus der Biologie, den
Materialwissenschaften und den Ingenieurwissenschaften, um den Transfer
vom biologischen Vorbild zum technischen Prototypen zu schaffen. Da der
Filter einen Beitrag zum Umweltschutz leisten soll, spielt auch die
Nachhaltigkeit der Filterproduktion selbst eine wichtige Rolle: „Wir
werden schon früh bei der Produktentwicklung eine Ökobilanz durchführen,
um den ökologischen Nutzen zu bewerten“, sagt Dr. Ing. Ilka Gehrke vom
Fraunhofer UMSICHT.

Suspensionsfresser zeigen, wie es geht

Leandra Hamann forscht schon seit Jahren an der Gruppe der
“Suspensionsfresser”. Dabei handelt es sich um sehr verschiedene
Organismen, von Schwämmen über Fische bis zu Flamingos. “Die Strategien,
wie diese Tiere Partikel aus dem Wasser filtern, sind sehr
unterschiedlich”, sagt die Wissenschaftlerin. Sie hat sich einen Überblick
über 35 verschiedene Filterfunktionsarten verschafft. Die Fische schnitten
dabei am vielversprechendsten ab und sollen nun als Vorbilder für die
neuartigen Filter dienen. Ziel des Forschungsteams ist ein Filter, der
möglichst lange hält, nachhaltig gefertigt ist und eine Rückhalteeffizienz
von mehr als 90 Prozent aufweist.

Informationen:
https://www.evolution.uni-bonn.de/de/arbeitsgruppen/prof.-dr.-a.-blanke

Video:
https://www.youtube.com/watch?v=1FAHhBlyECw&ab_channel=LeandraHamann

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Hochschule Hof optimiert Nahwärmenetz Nordhalben

Markus Pöhnlein (Bioenergie Nordhalben eG), Prof. Dr. Tobias Plessing (Hochschule Hof/iwe), Dr. Andy Gradel (Hochschule Hof/iwe), Tobias Wirth (Hochschule Hof/iisys), Ulrich Detsch (Redakteur BR), Michael Pöhnlein (1. Bürgermeister Markt Nordhalben);  Hochschule Hof
Markus Pöhnlein (Bioenergie Nordhalben eG), Prof. Dr. Tobias Plessing (Hochschule Hof/iwe), Dr. Andy Gradel (Hochschule Hof/iwe), Tobias Wirth (Hochschule Hof/iisys), Ulrich Detsch (Redakteur BR), Michael Pöhnlein (1. Bürgermeister Markt Nordhalben); Hochschule Hof

Das Nahwärmenetz Nordhalben soll bald intelligenter und
effektiver arbeiten. Dafür sorgt ein gemeinsames Forschungsprojekt der
Hochschule Hof und der Bioenergie Nordhalben eG zusammen mit der ENERPIPE
GmbH und der HDG Bavaria GmbH. Zudem sollen die Netzkunden ihre
Verbrauchsdaten zukünftig in Echtzeit abrufen können und individuelle
Anreize für Einsparungen erhalten. Das Projekt kann als Vorbild für viele
weitere Wärmenetze in Deutschland dienen.

Bereits seit dem Jahr 2018 läuft das Projekt „PuLaMa“, das an der
Hochschule Hof zwischen dem Institut für Wasser- und Energiemanagement
(iwe) sowie dem Institut für Informationssysteme (iisys) koordiniert wird.
Gemeinsam arbeitet man daran, im bestehenden Nahwärmenetz der Bioenergie
Nordhalben eG, an dem 43 Gebäude angeschlossen sind, die Verluste im
Gesamtsystem zu reduzieren.

Simulation verdeutlicht Einsparpotentiale

„Wir verwirklichen dies durch die Entwicklung eines innovativen
Pufferspeicher- und Lastmanagements, das sich am Nutzerverhalten
orientiert“, so Professor Dr. Tobias Plessing, Institutsleiter am iwe. Vor
Ort wurden darum in den letzten drei Jahren unzählige Verbrauchsdaten
erhoben und analysiert. „Durch die Installation digitaler
Übergabestationen können wir mit den realen Daten nun unterschiedliche
Regelstrategien und Einstellungen simulieren und so Lösungen für einen
möglichst effizienten Betrieb zu finden“, erläutert der leitende Ingenieur
Dr. Andy Gradel. So kann das Wärmenetz durch eine entsprechend
intelligente Regelung - d.h. durch eine simultane Beladung der
Hausspeicher – häufiger auskühlen und ist daher energieeffizienter.
Zusammen mit seinen Kollegen Tobias Wirth und Matthias Kreuzer hatte
Gradel viele Vor-Ort-Termine in Nordhalben absolviert.

Anreize zum Energiesparen

Parallel dazu erhalten die Abnehmer des Nahwärmenetzes eine digitale
Benutzeroberfläche, welche den individuellen Verbrauch der Haushalte
jederzeit in Echtzeit zugänglich macht. „Dies verschafft einen deutlich
besseren Überblick über die eigenen Verbrauchsspitzen, wodurch
Einsparpotentiale schnell sichtbar werden. Die Genossen erhalten somit
Anreize für geldwerte Einsparungen. Wir unterstützen dies zusätzlich durch
den Zugang zu anonymisierten Vergleichsdaten“, so Prof. Dr. Rene Peinl,
Leiter des Instituts für Informationssysteme (iisys) an der Hochschule
Hof.

Verbesserungspotenzial nutzen

„Als Betreiber möchten wir durch die Kooperation mit der Hochschule Hof
die schon jetzt CO2-neutrale Wärmeerzeugung der Bioenergie Nordhalben eG
mit wissenschaftlichen Methoden weiter optimieren. Die Untersuchungen
haben bereits einige interessante Ansätze erbracht, welche teilweise schon
realisiert wurden. Wir möchten mit einem effektiveren Wärmenetz einen noch
besseren Beitrag zur Energiewende leisten“, so Michael Pöhnlein, Vorstand
der Bioenergie Nordhalben eG. „Das Projekt und seine bisherigen Ergebnisse
zeigen in der Tat bereits einige Erfolge auf. Es kann als Vorbild für
viele weitere Nah- und Fernwärmenetze wirken“, so Prof. Dr. Tobias
Plessing abschließend.

Förderung und Industrieprojektpartner

Das Projekt wird über die Forschungsstelle „Mensch-Maschine-Interface“ für
die Region Kronach vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und
Kunst gefördert. Weitere Partner im Projekt sind die ENERPIPE GmbH und die
HDG Bavaria GmbH. Die ENERPIPE GmbH mit Sitz im fränkischen Hilpoltstein
steht für innovative, energiesparende Wärmesysteme. Das ENERPIPE
Komplettangebot reicht von hochgedämmten Rohrsystemen sowie effizienter
Steuerung der Übergabestation mit intelligenter Heizhaus-Steuertechnik bis
hin zur richtigen Pufferspeichertechnik. Die Firma HDG Bavaria mit Sitz in
Massing (Niederbayern) kann auf eine mehr als vierzigjährige Erfahrung in
der Entwicklung und Produktion von innovativen Heizkesseln für feste
Biomasse zurückblicken.

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Häusliche Gewalt - ein wichtiges gesellschaftliches Thema

Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek beschäftigt sich als Psychologin u.a. mit dem Thema häusliche Gewalt.  Konrad Gös  SRH Hochschule Heidelberg
Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek beschäftigt sich als Psychologin u.a. mit dem Thema häusliche Gewalt. Konrad Gös SRH Hochschule Heidelberg

Wie Betroffene von häuslicher Gewalt besser unterstützt werden können, das
wurde im Rahmen des Projekts GUIDE4YOU untersucht, das nun mit einem
Symposium erfolgreich abgeschlossen wurde.

Am 30. September 2021 fand das von der Europäischen Union geförderte
Projekt GUIDE4YOU einen erfolgreichen Abschluss. Im Rahmen eines digitalen
Symposiums haben Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und
Praxis sowie interessierten Bürgerinnen und Bürger zum Thema häusliche
Gewalt bei Frauen gemeinsam diskutiert. Im Vordergrund stand dabei die
Umsetzung der Istanbul Konvention aus dem Jahr 2011. Zentraler Baustein
des Projektes war dabei ein Online-Fragebogen zu häuslicher Gewalt, zur
Inanspruchnahme des Hilfesystems und dessen Bewertung, welchen insgesamt
371 Frauen ausgefüllt haben. Einen weiteren zentralen Baustein des
Projektes stellte der Lotsinnen-Service für gewaltbetroffene Frauen dar.
Die Lotsinnen hatten die Aufgabe, die in Not geratene Frauen zu
stabilisieren, zu informieren und letztendlich zu den entscheidenden
wichtigen Hilfestellen zu begleiten, sie durch das Hilfesystem sicher zu
navigieren.

Eben die enge Vernetzung der Hilfsstrukturen sei ein wesentlicher
Erfolgsfaktor bei dem Vorhaben die Istanbul-Konvention wirksam umzusetzen,
sagte die Bürgermeisterin Stefanie Jansen zu Beginn des Symposiums. Denn:
„Von häuslicher Gewalt betroffene Frauen gut zu erreichen und nachhaltig
in Unterstützungsstrukturen zu verankern stellt eine Herausforderung dar,
die nicht nur uns in Heidelberg, sondern viele Kommunen und Landkreise
deutschlandweit beschäftigt.“ Unterschiedlichste Fachdisziplinen (z.B.
Gleichstellung, Medizin, Psychotherapie, Beratungs- und Hilfeeinrichtungen
für häusliche Gewalt, Polizei, Verwaltung etc.) müssen auf kommunaler,
regionaler und bundesweiter Ebene kooperieren, um häusliche Gewalt wirksam
zu bekämpfen. Die sich hieraus ableitenden Fragen haben zu einem
lebendigen und spannenden Austausch unter den Teilnehmenden geführt.

Verbesserung der existierenden Beratungsstrukturen für Frauen nach
häuslicher Gewalt

Das Projekt GUIDE4YOU wurde unter der Leitung der kommunalen Frauen- und
Gleichstellungsbeauftragten Dr. Marie-Luise Löffler (Stadt Heidelberg)
über zwei Jahre erfolgreich umgesetzt. Das Amt für Chancengleichheit
kooperierte dabei mit der Gewaltambulanz und der Klinik für Allgemeine
Psychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg, der Fakultät für
Angewandte Psychologie der SRH Hochschule Heidelberg, der Polizei und der
Interventionsstelle für Frauen und Kinder.

Durch den anonymen Online-Fragebogen, dessen Auswertung die SRH Hochschule
Heidelberg übernommen hat, konnten wichtige Erkenntnisse von über 371
Personen mit Gewalterfahrungen (98,4 Prozent weiblich) gewonnen werden. Im
Vortrag von Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek wurde u.a. deutlich, dass
trotz eines gut ausgebauten Beratungssystems in Heidelberg zahlreiche
Frauen noch keinen ausreichenden Zugang zu der Hilfe nutzen, den sie
eigentlich benötigen. Viele Betroffene berichten, dass sie bereits im
Kindes- und Jugendalter Gewalterfahrungen gemacht haben, die sich dann im
Verlauf der Lebens regelmäßig oder in Phasen wiederholt haben, bei einem
Drittel mit steigender Häufigkeit und Intensität. Dennoch erstatten 84 %
Prozent der Opfer keine Anzeige und suchen selbst nach dem schlimmsten
Vorfall in 70% keinerlei Hilfe auf. „Diverse psychologische Barrieren wie
Scham, Schuld, Angst aber auch teilweise fehlendes Wissen über die
Vielfalt der Unterstützungsstrukturen scheinen dabei eine zentrale Rolle
zu spielen“, so Prof. Dr. Sosnowsky-Waschek. Wenn Hilfe gesucht wird, dann
vor allem bei der Polizei. Viele gewaltbetroffene Frauen kontaktieren
jedoch insgesamt nur eine Hilfestelle. Offenbar ist die Resignation, also
die Erwartung von Misserfolg, bei vielen groß.  „Unsere Datenanalysen
haben ergeben, dass sich viele Frauen emotionale Unterstützung, aber auch
einen niedrigschwelligen Zugang zur Psychotherapie sowie konkrete
Rechtsberatung wünschen“, erläuterte die Expertin. „Genau aus diesem Grund
ist auch die Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft so wichtig:
Wo beginnt Gewalt in der Partnerschaft? Und wohin kann ich mich wenden,
wenn ich Hilfe benötige?“ Durch die Forschung werde das Thema häusliche
Gewalt noch zu unsystematisch beleuchtet. Im Rahmen des Folgeprojektes
„VOICE4YOU“, soll nun eine solide und differenzierte empirische Basis zur
bundesweiten Erfassung häuslicher Gewalt geschaffen werden. „Wir müssen
besser verstehen, was in unserer Gesellschaft passiert, wie wir
gewaltbetroffene Frauen erreichen, sie psychologisch stärken, in das
vorhandene Hilfesystem integrieren und letzteres auch weiter verbessern
können“, so Sosnowsky-Waschek.

Die GUIDE4YOU-Lotsin schilderte zudem im Rahmen der Veranstaltung
eindrücklich, dass durch den Lotsinnenservice ein niedrigschwelliges
Angebot für gewaltbetroffene Frauen in Heidelberg geschaffen werden
konnte, was den Zugang zu den örtlichen Hilfsstrukturen stark erleichtert
und diese für Betroffene nutzbarer macht. „In den letzten Monaten konnte
die Lotsin – trotz der erschwerten Bedingungen im Corona-Lockdown –
zahlreiche Frauen individuell begleiten und sie bei der Inanspruchnahme
von Beratungs- und Hilfestellen unterstützen. Wir sind dem Ziel – so viele
Frauen wie möglich auf ihrem Weg aus der Gewalt zu begleiten – somit einen
Schritt nähergekommen“, sagt Dr. Marie-Luise Löffler.

Expertinnenvorträge zum Thema Istanbul-Konvention/ häusliche Gewalt

Mit drei spannenden Fachvorträgen am Nachmittag konnten weitere wichtige
Impulse zum Thema häusliche Gewalt gesetzt werden. Prof. Dr. Kathrin Yen,
Leiterin der Gewaltambulanz des Universitätsklinikums Heidelberg, konnte
in ihrem Vortrag eindrücklich aufzeigen, welche zentrale Wichtigkeit die
Beweissicherung nach häuslicher Gewalt für die Betroffenen hat. Mit dem
Fachvortrag der Juristin Frau Dr. Anne-Katrin Wolf konnte zudem aus
strafrechtlicher Perspektive auf die Istanbul-Konvention – ein
internationales Abkommen zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt
– geblickt werden. Im Vortrag von Katharina Wulf, der Geschäftsführerin
des Landesverbandes Frauenberatung Schleswig-Holstein e. V., wurden dann
praktische Umsetzungsmöglichkeiten der Konvention für Kommunen beleuchtet.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Nadia Sosnowsky-Waschek
https://www.hochschule-heidelberg.de/hochschule/hochschulteam/nadia-
sosnowsky-waschek/

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