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Das „Große Stammbuch“ Philipp Hainhofers

Hochauflösende Digitalisierung ermöglicht jetzt kunsthistorische
Untersuchung bis ins kleinste Detail
Das „Album Amicorum“, das die HAB im vergangenen Jahr für rund 2,8
Millionen Euro erwerben konnte, liegt jetzt in digitaler Form in der
Wolfenbütteler Digitalen Bibliothek (WDB) vor.  Das reich illustrierte
„Große Stammbuch“ des Augsburger Kaufmanns, Kunsthändlers und politischen
Korrespondenten Philipp Hainhofer (1578–1647) ist damit nicht nur für die
Forschung, sondern auch für die Öffentlichkeit frei zugänglich.

Zwischen 1596 und 1633 haben sich Kaiser, Könige und Fürstinnen,
Diplomaten, Gelehrte und Militärs handschriftlich in dieser frühen Form
des „Freundschaftsbuchs“ verewigt. Es versammelt aber nicht (nur) Freunde
im engeren Sinne, sondern auch und vor allem geschäftliche, politische und
gesellschaftliche Kontakte. Das 227 Seiten umfassende Werk enthält
zahlreiche von teils namhaften Künstlern gestaltete, reich verzierte
Schmuckseiten. Darunter sind Porträts, heraldische, botanische und
allegorische Darstellungen. Mit jedem weiteren hochrangigen Beitrag hoben
sich der Status sowohl des Werks als auch seines Besitzers.
Die neu entstandenen hochauflösenden Digitalisate ermöglichen ein
„Reinzoomen“ bis zu einzelnen Pinselstrichen. So können bei der
kunsthistorischen Analyse Darstellungen detailliert verglichen und
Inschriften entziffert werden. Der eingehende Vergleich wiederum kann bei
dem Versuch helfen, die zum großen Teil noch nicht identifizierten
Künstler oder verschiedene Blätter aus einer Hand zu bestimmen.
Möglicherweise können sogar frühere Bindungszusammenhänge der variablen
Blätter rekonstruiert werden. Zugleich wird durch die Digitalisierung das
empfindliche und kostbare Original geschützt.
Die Digitalisierung in hoher Auflösung war aufgrund der konservatorischen
Bedingungen und der technischen Ausstattung zeitaufwändig, da jedes Blatt
einzeln mit verso- und rectoseite, also der linken und rechten Buchseiten,
fotografiert und nachbearbeitet werden musste.
Finanziert wurde der Kauf von der Kulturstiftung der Länder, der
Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, der Volkswagenstiftung (im
Rahmen des Niedersächsischen Vorab), der Herzog August Bibliothek
(Wittchow-Aschoff-Stiftung), der Ernst von Siemens-Kunststiftung, der
Stiftung Niedersachsen und der Rudolf-August Oetker-Stiftung. Das Land
Niedersachsen finanziert darüber hinaus aus Mitteln des Niedersächsischen
Vorab der Volkswagen Stiftung ein dreijähriges Forschungsprojekt an der
HAB mit 300.000 Euro, das die Entstehung und Geschichte des Stammbuchs und
seiner künstlerischen Ausgestaltung untersucht.
Das personell wie künstlerisch herausragende „Album Amicorum“ soll
textlich und ikonografisch – zur Bestimmung und Deutung der Motive -
erschlossen, Personennetzwerke erforscht und die Ergebnisse sowohl digital
als auch in einer Buchpublikation zugänglich gemacht werden. Ziel des
Vorhabens ist die Identifizierung der Personen, die sich eingetragen haben
- der Inskribentinnen und Inskribenten - und der von ihnen gewählten
Künstler und Motive. Die Einträge werden transkribiert, übersetzt und die
teilweise komplexen Bildprogramme ikonografisch erschlossen. Darüber
hinaus wird eine räumliche wie akteurszentrierte Einordnung in den
Entstehungskontext der Blätter angestrebt.

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Wie Geschwister an der Führungsspitze den Erfolg eines Familienunternehmens befeuern können

Geschwister – sie lieben und hassen sich manchmal. In Familienunternehmen
sollen sie heute immer öfter gemeinsam das Unternehmen führen. Adidas und
Puma sind wahrscheinlich die bekanntesten Beispiele dafür, dass eine
solche gemeinsame Führung unter Geschwistern scheitern kann. Aber warum
funktionieren manche Geschwisterkooperationen gut und andere nicht? Und
was sind die Faktoren, die eine gute Zusammenarbeit zwischen Geschwistern
fördern? Diesen und weiteren Fragen widmet sich Dr. Linda Lehner in dem
Buch Co-Leading Sibling Teams in Family Firms – An Empirical Investigation
on Success Factors – dem jüngsten Band in der Schriftenreihe des Wittener
Instituts für Familienunternehmen (WIFU).

Die empirische Arbeit untersucht verschiedene Bedingungen und Faktoren,
die die Langlebigkeit und den Erfolg von gemeinsam führenden
Geschwisterteams in Familienunternehmen sicherstellen. Den Ergebnissen
liegen 50 qualitative Interviews mit 13 Familienunternehmen zugrunde. Die
erfolgreiche und nachhaltige gemeinsame Führung eines Familienunternehmens
mit mehreren Geschwistern kann als Königsklasse der Führung angesehen
werden, da das Familienmanagement mindestens genauso viel Aufmerksamkeit
bekommt wie das Geschäft selbst. Die zentrale Erkenntnis: Die
Unterschiedlichkeit von Qualifikationen, Kompetenzen und
Persönlichkeitsmerkmalen ist ebenso wichtig wie die Betrachtung dieser
Unterschiede als wichtige Ressource. Beide Faktoren spielen für den Erfolg
der Teams und des gesamten Unternehmens eine bedeutende Rolle. Als weitere
zentrale Erfolgsvoraussetzung nennt Lehner die bewusste Entscheidung der
Geschwister für eine gemeinsame gleichberechtigte Führung des Unternehmens
ohne dezidierte Vorbestimmung durch die Vorgängergeneration.
„Geschwister an der Spitze eines Unternehmens stellen eine häufige und
durchaus beliebte Nachfolgelösung dar“, erläutert Prof. Dr. Rudolf Wimmer,
Gründungsprofessor des WIFU und Erstgutachter der themengleichen
Dissertation von Lehner. „Die damit verbundene Beziehung kann eine
besonders stabile, vertrauensvolle Zusammenarbeit sicherstellen. Nicht
selten allerdings sorgt sie für das genaue Gegenteil.“
Das WIFU beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit den Besonderheiten
von Familienunternehmen und Unternehmerfamilien. Da diese Unternehmensform
ebenso spannend wie komplex ist, nimmt der Umfang der hierzu
herausgegebenen Veröffentlichungen in den letzten Jahren immer stärker zu.
Die seit 2009 erscheinende WIFU-Schriftenreihe soll es ermöglichen,
einzelne Themen in dem erforderlichen und angemessenen Umfang zu
veröffentlichen, ohne dabei Praxisnähe und Verständlichkeit aus den Augen
zu verlieren.

Der 29. Band der Schriftenreihe ist im Verlag V&R unipress als Open Access
Publikation erschienen und über die Verlags-Homepage kostenfrei
erhältlich.

Weitere Informationen erhalten Interessierte bei Dr. Ruth Orenstrat unter
der Telefonnummer +49 2302 926-506 oder per E-Mail (Ruth.Orenstrat@uni-
wh.de).

Ansprechpartner Presseteam: Malte Langer, 02302/926-931, malte.langer@uni-
wh.de

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine
Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als
Modelluniversität mit über 2.800 Studierenden in den Bereichen Gesundheit,
Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma
Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit
Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.
Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.
Das Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) der Fakultät für
Wirtschaft und Gesellschaft der Universität Witten/Herdecke ist in
Deutschland der Pionier und Wegweiser akademischer Forschung und Lehre zu
Besonderheiten von Familienunternehmen. Drei Forschungs- und Lehrbereiche
– Betriebswirtschaftslehre, Psychologie/Soziologie und
Rechtswissenschaften – bilden das wissenschaftliche Spiegelbild der
Gestalt von Familienunternehmen. Dadurch hat sich das WIFU eine
einzigartige Expertise im Bereich Familienunternehmen erarbeitet. Ein
exklusiver Kreis von rund 80 Familienunternehmen macht dies möglich. So
kann das WIFU auf Augenhöhe als Institut von Familienunternehmen für
Familienunternehmen agieren. Mit derzeit 21 Professoren leistet das WIFU
seit mehr als 20 Jahren einen signifikanten Beitrag zur
generationenübergreifenden Zukunftsfähigkeit von Familienunternehmen.

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Software-Lösung zur Effizienzsteigerung von Photovoltaikanlagen

Prof. Dr. Grit Behrens und Felix Meyer messen Kennlinien an der Photovoltaikanlage auf dem Dach des Gebäudes D auf dem Campus Minden der FH Bielefeld.  Patrick Pollmeier  Fachhochschule Bielefeld
Prof. Dr. Grit Behrens und Felix Meyer messen Kennlinien an der Photovoltaikanlage auf dem Dach des Gebäudes D auf dem Campus Minden der FH Bielefeld. Patrick Pollmeier Fachhochschule Bielefeld

Schwer zu lokalisierende Störungen an Photovoltaikanlagen sind der
Effizienzkiller für diese nachhaltige Form der Stromerzeugung und ein
Hemmnis für die Energiewende – ein Problem, für das ein Forscherteam am
Campus Minden der FH Bielefeld nun eine herstellerübergreifend
funktionierende Lösung finden will.

Photovoltaik (PV) spielt für die Energiewende und das Erreichen der
Klimaziele eine wichtige Rolle. Erst kürzlich wurde über eine
Photovoltaik-Pflicht für Neubauten diskutiert. Ob mit oder ohne Pflicht:
Es wird immer mehr PV-Anlagen geben – sowohl auf Dächern, als auch auf
großen Freiflächen. Technische Fehler jedoch können den wirtschaftlichen
Nutzen der Anlagen und ihren Beitrag zur Dekarbonisierung und für eine
Schonung der Ressourcen schnell zunichtemachen. Und diese
effizienzmindernden Fehler sind an der Tagesordnung, schließlich sind die
Anlagen Wind und Wetter ausgesetzt. Bislang gibt es noch nicht den
Königsweg, um Fehler an den Modulen ausfindig zu machen und dann schnell
beheben zu können. Hier setzt eine Studie der Fachhochschule (FH)
Bielefeld an.

Herstellerübergreifende Prüfung möglich

Damit die Solarzellen in den PV-Modulen möglichst störungsfrei
Sonnenenergie in Strom umwandeln können, arbeiten Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler am Campus Minden der FH Bielefeld an einer Software, die
professionelle Anlagenbetreuer bei ihrer Arbeit unterstützt. „Wir wollen
Photovoltaik-Experten ein Instrument bieten, mit dem sie
herstellerunabhängig checken können, ob die Module reibungslos arbeiten
oder ob eine Störung vorliegt. Das kann beispielsweise Verschattung oder
defekte Kabel, Stecker oder Dioden sein“, erklärt Felix Meyer,
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Campus Minden. Bei einer Störung sinkt
die Effizienz der Anlage. Doch je mehr Strom aus Sonnenlicht in das Netz
fließt, umso weniger Strom aus fossilen Energieträgern muss eingespeist
werden. Die Störungen sollen daher möglichst schnell behoben werden.
Projektleiterin Grit Behrens, Professorin für Angewandte Informatik am
Campus Minden, ergänzt: „Photovoltaik ist noch eine recht junge
Technologie. Es wurden zwar über die Jahre sehr viele Daten gesammelt,
aber es gibt noch keine so ausgereiften Monitorings wie in anderen
Branchen. Für Firmen, die große PV-Anlagen mit unterschiedlichen Modulen
verschiedener Hersteller betreuen, ist es eine Herausforderung, Störungen
ausfindig zu machen. Deshalb wollen wir die vorhandenen Daten
herstellerunabhängig analysieren und zur Fehleridentifikation nutzen.“

Kennlinien zeigen Störungen an

Felix Meyer hat selbst in Minden Informatik studiert und arbeitet nun an
dem Prototyp einer Softwareapplikation, deren Herzstück eine umfassende
Datenbank ist. „Wir analysieren vorhandene Daten von PV-Modulen
verschiedener Hersteller. Bei jedem Modul kann man die sogenannte
Kennlinie messen. Diese zeigt die Leistung über den Tag an“, so Meyer.

Moduldatenbank zeigt Betreibern, wenn etwas falsch läuft

Die Daten haben die Mindener von Kooperationspartnern, die deutschlandweit
PV-Anlagen betreuen. In der Datenbank sind Kennlinien von Modulen der
unterschiedlichsten Hersteller gespeichert, die sowohl von Modulen im
einwandfreien Betrieb stammen, als auch von Modulen, die Fehler aufweisen.
Die Module sind zudem unterschiedlich alt. „Es sind auch Module dabei, die
schon seit 20 Jahren oder länger im Einsatz sind, manche Hersteller sind
schon gar nicht mehr am Markt“, erklärt Professorin Behrens.
Die Kennlinie können Fachleute mit einem entsprechenden Messgerät vor Ort
erfassen. In großen Anlagen sind im Regelfall mehrere Module zu einem
Strang verbunden. Ein Strang kann je nach Größe der Anlage aus fünf bis
rund 20 Modulen bestehen. Die Kennlinie kann für einen Strang oder direkt
am einzelnen Modul gelesen werden. Wenn ein Anlagenbetreuer nun die
Kennlinie von einem Strang misst, kann er sie über die Software mit denen
in der Datenbank abgleichen und auf mögliche Fehler in diesem Strang
schließen. Die Fehler werden dann konkret in der Datenbank vermerkt.
Grit Behrens: „Für unsere Experimente haben wir Kennlinien sowohl von
Modulen als auch von Strängen verwendet. Die Kennlinie gibt Auskunft, ob
ein Modul im Strang kaputt ist, man weiß aber nicht, welches Modul.“
Trotzdem sei es eine sehr große Hilfe in PV-Anlagen, wie Behrens weiter
erläutert: „Man braucht nicht jedes Modul im Feld zu untersuchen, sondern
kann sich auf einen Strang konzentrieren. Zudem ist die Moduldatenbank
herstellerunabhängig, was für die Experten, die eine Vielzahl an Anlagen
unterschiedlicher Hersteller betreuen, sehr wichtig ist.“ Um
herauszufinden, ob und wie viele Module in dem Strang defekt sind, machen
die Anlagenbetreuer weitere Untersuchungen, beispielsweise mit visuellen
Verfahren wie Infrarot- oder Elektrolumineszenzkameras, die sie per Drohne
über die Anlage fliegen lassen. Alternativ kann auch die Kennlinie jedes
Moduls einzeln gemessen werden.

So werden Kennlinien gebildet

Kennlinien sind immer nur Momentaufnahmen, die zeigen, wie sich das Modul
aktuell verhält, wie Felix Meyer weiter erläutert: „Ein spezielles
Messgerät zeigt die Leistung des Moduls bei der aktuellen
Sonneneinstrahlung und Temperatur.“ Beim Messen der Kennlinien wird eine
Spannung auf das PV-Modul gegeben. Je nach Stärke der Einstrahlung fließt
ein unterschiedlich starker Strom. „Zusammen bilden sich dann Strom-
Spannungs-Paare, die gemessen werden und die Kennlinien darstellen“, so
Meyer. Der Abgleich mit der Datenbank zeigt dann mögliche Störungen auf.
Zur Verfolgung über einen ganzen Tag werden mehrere Kennlinien erfasst,
zum Beispiel alle 30 Minuten über den Tag hinweg, solange die Sonne am
Himmel ist.

Maschinelles Lernen hilft bei der Leistungsprognose

Zusätzlich sollen aus den Kennlinien Daten extrahiert werden, die mit
Methoden des maschinellen Lernens analysiert werden können. Die
Algorithmen „lernen“, aus den extrahierten Daten typische Muster für
fehlerhafte und fehlerfreie PV-Module zu erkennen und können dabei auch
die Umgebungsbedingungen wie Einstrahlung und Temperatur berücksichtigen.
Damit nicht genug: Die Software soll zudem die Möglichkeit für eine
Leistungsprognose der PV-Module auf der Grundlage von Dunkelkennlinien
bieten. Dunkelkennlinien werden bei Nacht in Dunkelheit gemessen und
bieten den großen Vorteil, dass sie fast vollständig unabhängig vom Wetter
aufgenommen werden können. Die mit maschinellem Lernen trainierten
Algorithmen können von diesen Dunkelkennlinien aus auf das Verhalten des
Moduls bei Tageslicht schließen und eine Leistungsprognose erstellen. Und
das viel genauer, als es bei schlechtem Wetter mit vielen Wolken am Himmel
mit einer herkömmlichen Kennlinienmessung möglich gewesen wäre.

Diskussionsforum

Als weiteres Feature der PV-Daten-Applikation ist ein Diskussionsforum
geplant, in dem sich Photovoltaik-Expertinnen und -Experten austauschen
und weitere Informationen eingeben können.

Auf Machbarkeitsstudie soll Umsetzung folgen

Bis zur Produktreife wird es noch eine Weile dauern, denn das laufende
Projekt ist zunächst nur eine Machbarkeitsstudie für eine intelligente und
herstellerunabhängige
Photovoltaik-Moduldatenbank. Prof. Dr. Behrens ist aber zuversichtlich,
dass es nicht bei dem Prototyp bleibt: „Wir sind schon sehr gut
vorangekommen und hoffen, dass wir die Studie nach dieser relativ kurzen
Projektlaufzeit von nur sechs Monaten weiterführen können. Unser Ziel ist
schließlich, dass die Software bald auch eingesetzt werden kann und so
einen Beitrag leistet, möglichst viel Strom aus Sonnenenergie zu
gewinnen.“

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So hört (!) man, ob das Bild schief hängt

Nicht nur visuell, sondern auch akustisch die Dinge „geraderücken“: Studierende der Universität Bremen haben die App „Tiltification“ entwickelt, die auf die psychoakustische Sonifikation setzt.  Varun Raval  Varun Raval / Universität Bremen
Nicht nur visuell, sondern auch akustisch die Dinge „geraderücken“: Studierende der Universität Bremen haben die App „Tiltification“ entwickelt, die auf die psychoakustische Sonifikation setzt. Varun Raval / Universität Bremen
Psychoakustische Sonifikation: Dieser Begriff bezeichnet die Darstellung
von Daten durch Klängen, anstatt sie zu visualisieren. Master-Studierende
der Universität Bremen haben diese Technologie jetzt für eine akustische
Wasserwaage genutzt, die als Smartphone-App für Android und iOS-Systeme
entwickelt wurde. Sie heißt Tiltification und ist kostenlos erhältlich.

„Die Smartphone-App für Android und iOS-Systeme verwandelt das Handy in
eine Wasserwaage. Dazu nutzt es die Sensoren, die in praktisch jedem
Smartphone verbaut sind“, erläutert Projektleiter Dr. Tim Ziemer vom
Bremen Spatial Cognition Center (BSCC) der Universität. „Man kann zum
Beispiel einen Tisch horizontal ausrichten, indem man einfach das Gerät
drauflegt. Der Clou: Neben einer grafischen Darstellung teilt
Tiltification die beiden Winkel des Handys auch per Klang mit!“

Die App informiert darüber, in welche Richtung und wie weit das Handy
geneigt werden muss, um es horizontal auszurichten. Und zwar nicht mittels
Sprache – bis der aktuelle Winkel ausgesprochen wäre, hat sich der Winkel
des Geräts vielleicht längst wieder geändert. Stattdessen wird die
„psychoakustische Sonifikation“ genutzt. „Eine primitive Form der
Sonifikation kennt man vielleicht aus dem akustischen Parkassistenten des
Autos, der mitteilt, wie weit das nächste Hindernis entfernt ist“, sagt
Ziemer, dessen aktuelles Forschungsthema die psychoakustische Sonifikation
ist. „Dieser Klang kann deutlich mehr Informationen tragen und soll in
Zukunft zum Beispiel Chirurgen durch minimalinvasive Operationen
navigieren. Tiltification macht diese hochmoderne Technik nun für jeden
zugänglich – in einer einfachen, aber nützlichen App.“

Von Neulingen – für Neulinge

In einem Master-Projekt der Universität Bremen kamen Studierende der
Informatik und Digitalen Medien erstmals mit psychoakustischer
Sonifikation in Berührung. Ihre Aufgabe: Laien diese abstrakte Technologie
verständlich zu erklären und zugänglich zu machen. Streng genommen
kommuniziert psychoakustische Sonifikation nichts weiter als eine
dreidimensionale Koordinate. Die Auflösung liegt dabei bei hunderten
Datenpunkten je Raumdimension zu dutzenden Zeitpunkten pro Sekunde. Wie
man sich diese Technologie vorzustellen hat und wie sie für jeden Menschen
nützlich sein kann – das fragten sich die 20 Studierende ein sehr
intensives Semester lang.

Das Ergebnis steht mit Tiltification, der akustischen Wasserwaage für das
Smartphone, nun im Apple App-Store und bei Google Play bereit. „Die
Studierenden haben diese App konzipiert, implementiert, gestaltet und
fleißig Social-Media-Marketing betrieben“, freut sich Ziemer über das
rundum gelungene Ergebnis. „Tiltification ist eine moderne Form der
Wissenschaftskommunikation. Multimedia ist schon lange fester Bestandteil
der Wissensvermittlung. Aber durch eine interaktive App können Menschen
Technologien nicht nur passiv zur Kenntnis nehmen, sondern eigenständig
ausprobieren und so verstehen lernen.“ Die großen App-Stores würden für
weltweite Verfügbarkeit und einfache Installation sorgen.

Den ungewöhnlichen Klang zulassen

Gleichzeitig warnt der Musikwissenschaftler vor dem anfänglichen Schock,
denn der Klang ist völlig unerhört und alles andere als hintergründig.
Dennoch würden Nutzende den Klang in nur wenigen Minuten interpretieren
lernen. Uns sobald sie den Klang wie jede andere Digitalanzeige „lesen“
können, wandelt sich das erschreckende Geräusch in ihrer Wahrnehmung zu
einem informativen Klang: „Man muss es nur zulassen und ihre Ohren nicht
davor verschließen.“ Tiltification rüstet die Anwendenden nicht nur mit
einer neuen Technologie aus – die App macht auch bewusst, wie präzise das
menschliche Gehör Klänge analysieren kann und umgekehrt, wie informativ
Klang sein kann.

Wer braucht eine akustische Wasserwaage?

Neben denjenigen, die einfach an aktueller Forschung und neuen
Technologien interessiert sind, ist Tiltification auch für Pragmatiker
geeignet:

•       Lässt sich ein Tisch nur ausrichten, indem man die Beine an
kleinen Gewinden direkt über dem Boden verlängern? Mit Tiltification auf
dem Tisch hört man, an welchem Bein noch justiert werden muss
•       Alleine ein Board oberhalb des Kopfes anbringen? Mit Tiltification
auf dem Board hört man, wann das Brett gerade ist.
•       Nutzende leiden unter einer Sehschwäche? Mit Tiltification wird
hörbar, wann etwas horizontal ausgerichtet ist
•       Ein perfekt waagerechtes Foto schießen? Tiltification hilft, die
Kamera horizontal auszurichten, ohne störende Grafiken vor dem Motiv.
•       Tiltification kann die herkömmliche Wasserwaage in vielen Fällen
ersetzen, um zum Beispiel ein Bild an der Wand zu befestigen, Schränke
geradezurücken oder dafür zu sorgen, dass der Wohnwagen immer gerade
steht.

Tiltification ist eine schlichte Anwendung der psychoakustischen
Sonifikation. Einen tieferen Einblick in diese Technologie erhält man,
wenn man das Curat Sonification Game spielt: http://curat.informatik.uni-
bremen.de/de/download.html

Weitere Informationen:

Website: https://tiltification.uni-bremen.de/
Playstore:
https://play.google.com/store/apps/details?id=de.uni_bremen.informatik.sonification_apps
Appstore: https://apps.apple.com/de/app/tiltification/id1557133147
Youtube Playlist:
https://www.youtube.com/watch?v=SAQF2lO8zM8&list=PLVv3BMS8IIXEm748HgrkAvFtymaXLAHX6
Facebook: https://www.facebook.com/tiltification/
Instagram: https://www.instagram.com/tiltification/
www.uni-bremen.de
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