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Sächsischer Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow informiert sich über Forschungsprojekte am Fraunhofer THM Freiberg

Forschung im Spannungsfeld zwischen Batterierecycling und
Quantenmaterialien

Durch die Energiewende erwachsen für die deutsche Wirtschaft und die
gesamte Gesellschaft neue technologische und ressourcenstrategische
Herausforderungen. So spielen künftig viele Basismaterialien für
Elektroautos, Brennstoffzellen, Elektrolyseure, Leistungselektronik und
Informationstechnologie eine deutlich übergeordnete Rolle. Diese
Hochleistungsmaterialien müssen oft aus anderen Ländern eingeführt werden,
was eine Sicherstellung der Stoffkreisläufe in Europa erschwert. Zudem
gehen den Wirtschaftskreisläufen jedes Jahr strategisch wichtige
Materialien in großem Maßstab verloren, weil die bislang eingesetzten
Recyclingverfahren noch nicht ausgereift sind. Das Fraunhofer-
Technologiezentrum Hochleistungsmaterialien THM in Freiberg arbeitet an
innovativen Lösungen für all diese Fragestellungen. Über die Fortschritte
hat sich heute der sächsische Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow vor
Ort informiert.

»Forschungseinrichtungen wie das THM arbeiten hier im Freistaat an
innovativen Technologien für die Energiewende und die
Kreislaufwirtschaft«, betonte Minister Sebastian Gemkow während seines
Besuchs. »Mit ihrer Forschung und Entwicklung sowie dem Transfer in die
Anwendung leisten sie wichtige, auf Nachhaltigkeit und Wertschöpfung
zielende Beiträge. Das stärkt den Wissenschafts- und Hochtechnologie-
Standort Sachsen und kann zusätzliche Arbeitsplätze im Freistaat schaffen
helfen.«

»In Sachsen agieren mehr und mehr Unternehmen, für die moderne
Recyclinglösungen besonders wichtig sind«, erklärt Dr. Mareike Partsch,
die gemeinsam mit Prof. Johannes Heitmann das Fraunhofer THM leitet. Das
gilt für die Elektroauto-Werke in Zwickau, Leipzig und Dresden ebenso wie
für die Solarfabriken in Freiberg, die Akku- und Ultrakondensator-
Hersteller in Kamenz und Großröhrsdorf oder für viele andere Unternehmen.
»Wir wollen die Zusammenarbeit zwischen diesen Playern weiter ausbauen,
große Clusterprojekte koordinieren und industrielle Infrastrukturen für
die Kreislaufwirtschaft von morgen schaffen«, sagt Mareike Partsch, die in
Personalunion auch zum Vorstand des sächsischen Energietechnik-
Branchenverbandes »Energy Saxony« gehört. Insofern ist das Fraunhofer THM
auch als Nukleus für neue Wertschöpfungsketten und zukunftsorientierte
Industrien in Sachsen konzipiert.

Vom Downcycling zum echten Batterierecycling

Ein wichtiger Forschungsschwerpunkt am Fraunhofer THM ist das
Batterierecycling. Zwar gibt es auch heute schon Möglichkeiten, Lithium,
Kobalt, Nickel, Platin und andere strategisch wichtige Metalle aus
Altbatterien zurückzugewinnen. Weil diese Elemente aber oft in sehr
geringen Konzentrationen vorliegen, sind klassische Recyclingprozesse zu
aufwendig und ineffizient. Zudem führen sie in der Praxis nicht selten zu
einem »Downcycling«, also zu einer Herabstufung in den Stoffkreisläufen.
Das aus Altbatterien herausgelöste Nickel beispielsweise wandert heute oft
nicht in die Batterieproduktion zurück, sondern endet als Zuschlagstoff im
Hochofen. »Mit unseren Technologien wollen wir ein echtes Recycling statt
Downcycling ermöglichen«, unterstreicht Mareike Partsch.
»Das heißt, wir müssen die gewonnenen Materialien so aufbereiten, dass
sich daraus wieder erstklassige Batterien herstellen lassen.« Dafür
erproben die THM-Teams verschiedene hydrometallurgische, mechanische und
elektrochemische Verfahren und kombinieren diese. Sie wollen auch dafür
sorgen, dass Ingenieure und Designer künftig schon bei der Material- und
Produktentwicklung das spätere Recycling mitdenken. Geplant ist, diese
Rückgewinnungstechnologien auch für Solarmodule, Brennstoffzellen,
Elektrolyseure und Leistungselektronik anzuwenden. Denn auch diese Systeme
enthalten viele wertvolle Materialien.

Kleine Materialdefekte für bessere Leistungselektronik

Leistungselektronik wiederum beschäftigt auch die Teams um Johannes
Heitmann – allerdings aus einer anderen Perspektive: Durch ihre Expertise
in der Defektcharakterisierung können sie Schwachpunkte in
Halbleitermaterialien identifizieren und dadurch Materialentwicklungen
effizienter gestalten. Diese Materialdefekte können allerdings auch sehr
nützlich sein: »Durch gezielt eingebaute Defekte in neuartige
Halbleitermaterialien können elektronische Bauelemente unter Umständen
schneller schalten oder höhere Spannungen und stärkere Ströme
unterstützen«, erläutert der Physiker Heitmann. Derartig verbesserte
Leistungselektronik ist ein Grundbaustein für die beschleunigte
Marktdurchdringung der Elektromobilität oder kann beispielsweise
Solaranlagen mit höherer Energieausbeute ermöglichen. »Diese absichtlich
eingebrachten Defekte lassen sich ebenfalls für quantenphysikalische
Phänomene für Sensorik- und Computinganwendungen ideal nutzen«, so
Heitmann weiter.

Möglich wurden diese ambitionierten Forschungsprojekte nicht zuletzt durch
öffentliche Fördermittel. Dazu gehören fünf Millionen Euro, die das
Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus (SMWK)
aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) als
Anschubfinanzierung bereitgestellt hat. Weitere sieben Millionen Euro hat
das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als Projektmittel
für die Aktivitäten der Partner im Rahmenprogramm »Forschungsfabrik
Batterie« bewilligt.

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Architektur im Wandel – Spitzenforschung an der HCU Hamburg

Immer mehr Menschen wollen in der Stadt leben und auch arbeiten. Für die
Zukunft wird erwartet, dass im Jahr 2050 rund zwei Drittel der
Weltbevölkerung in Städten leben. Die Vereinten Nationen rechnen für
diesen Zeitpunkt mit einer Weltbevölkerung von 9,7 Milliarden Menschen.
Das Wachstum wird die Städte gravierend verändern. Allein die Freie und
Hansestadt Hamburg plant jährlich den Bau von 10.000 neuen Wohnungen.
Entweder breiten sich die Städte in einem rasanten Tempo aus, sie werden
größer, oder sie werden nachverdichtet. Das heißt, innerhalb bestehender
Städte wird dichter und höher gebaut.

Immer mehr Menschen wollen in der Stadt leben und auch arbeiten. Für die
Zukunft wird erwartet, dass im Jahr 2050 rund zwei Drittel der
Weltbevölkerung in Städten leben. Die Vereinten Nationen rechnen für
diesen Zeitpunkt mit einer Weltbevölkerung von 9,7 Milliarden Menschen.

Das Wachstum wird die Städte gravierend verändern. Allein die Freie und
Hansestadt Hamburg plant jährlich den Bau von 10.000 neuen Wohnungen.
Entweder breiten sich die Städte in einem rasanten Tempo aus, sie werden
größer, oder sie werden nachverdichtet. Das heißt, innerhalb bestehender
Städte wird dichter und höher gebaut.

Bernd Dahlgrün ist Professor für Baukonstruktion und Studiendekan des
Fachbereichs Architektur an der HafenCity Universität (HCU) in Hamburg. Er
entwickelt neue Perspektiven für die städtische Nachverdichtung:

“Mit dem Wachstum der Städte steigt der Druck auf den Wohnungsmarkt. Dies
führt zwangsläufig zu steigenden Mieten und Kaufpreisen, wenn wir nicht
aktiv daran arbeiten, günstigen städtischen Wohnraum bereitzustellen.

Wir müssen also aktiv der Gefahr entgegenwirken, dass die Menschen, die
die Städte am Laufen halten, wie zum Beispiel Polizisten, Pflegepersonal
und Feuerwehrleute, nicht mehr in den hochpreisigen Städten leben und
arbeiten können. Hamburg wird sich also verändern müssen! Die Aufgabe der
Planer ist es, für diese Herausforderungen innovative Lösungen zu
entwickeln, damit Hamburg so lebenswert bleibt, wie es derzeit ist“.

Dahlgrün erforscht schwerpunktmäßig das Bauen im Bestand und beschäftigt
sich intensiv mit dem Thema Wohnraumschaffung durch städtische
Nachverdichtung:

“Ich glaube nicht, dass sich Hamburg unendlich ausdehnen kann. Für die
jährlich anvisierten neuen 10.000 Wohnungen geht die Hansestadt Hamburg
von einer Flächeninanspruchnahme von ca. 67 ha Bauland aus. Das sind
jährlich ca. 94 voll erschlossene UEFA-Fußballfelder! Wo wollen wir die
auf Dauer herbekommen?
Darüber hinaus sind die infrastrukturellen Ausbaumöglichkeiten des
städtischen Flächenwachstums und die einhergehenden Kosten bisher
unbekannt und stoßen irgendwann an ihre Grenzen“.

Das Forscherteam um Prof. Dahlgrün konzentriert sich deshalb auf die
städtische Nachverdichtung, um Perspektiven für bezahlbaren Wohnraum zu
entwickeln:
„Wir erforschen die Wohnraumpotenziale von Gebäudeaufstockungen,
Umnutzungen, innovativen Nutzungskonzepten und dichteren Bebauungen. Wir
versuchen mit unseren Erkenntnissen wegbereitend für ein
sozialverträgliches und nachhaltiges Städtewachstum zu wirken“.

Für diesen Kulturwandel müssen neue Ideen und Lösungen entwickelt werden.
Auch der Studiengang Architektur an der HafenCity Universität wandelt sich
und stellt neue Weichen für die Zukunft.

„Die angehenden ArchitektInnen stehen großen Herausforderungen gegenüber.
Neben der schwierigen kostengünstigen Wohnraumschaffung müssen sie
zukünftig klimaneutrale und nachhaltige Gebäude entwickeln. Darüber hinaus
werden Digitalisierung, künstliche Intelligenz und parametrische
Entwurfswerkzeuge ihren Berufsalltag gravierend verändern, worauf wir die
Studierenden schon jetzt vorbereiten“.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist weitgehend unklar, wie man in der Praxis
klimaneutrale, kreislaufgerechte Bauten erstellt und wie der Berufsalltag
der Zukunft aussehen wird. Dahlgrün entwickelt deshalb gemeinsam mit den
Studierenden Perspektiven für die Zukunft und geht die künftigen
Herausforderungen aktiv an. Diese Zielsetzung hat zu einem
Paradigmenwechsel innerhalb des Studiengangs geführt, so Dahlgrün:

„ProfessorInnen sind nicht nur Baumeister, die Ihren Erfahrungsschatz
vermitteln, sondern auch ForscherInnen, die diese drängenden
Zukunftsfragen glaubwürdig beantworten wollen. Entsprechend wollen wir
genau diese Fragen strukturiert mit wissenschaftlichen Methoden erforschen
und mit Experimenten im Labor erproben. Wir wollen Lösungen entwickeln und
damit wegbereitend für die Baubranche wirken“.

Vor diesem Hintergrund hat sich das Studienprogramm Architektur neu
strukturiert und unterschiedliche Schwerpunkte im Bachelor- und
Masterstudium gesetzt. Im Bachelorstudium erlangen die
Architekturstudierenden ein breit gefächertes Fachwissen, eine integrale
Entwurfs- und Planungskompetenz sowie die Beherrschung digitaler
Instrumente. Das Bachelorstudium an der HCU ist sehr kompakt und
arbeitsintensiv und vermittelt die fachlichen Grundlagen für
zukunftsorientierte ArchitektInnen.
Im Masterstudium gehen die Architekturstudierenden und ProfessorInnen in
fachübergreifenden Zukunftslaboren drängenden Zukunftsfragen der
Architektur nach. In einer Workshop-ähnlichen Atmosphäre werden gemeinsame
Lösungen entwickelt und erprobt.

Dieses Lehr- und Forschungskonzept hat der Studiengang Architektur in
einem Leitbild zusammengefasst, das den zahlreichen Neuberufungen von
Professoren in den nächsten zwei Jahren zugrunde liegen wird. Das Leitbild
des Studiengangs Architektur ist auf der Homepage der HCU abrufbar:
https://www.hcu-hamburg.de/bachelor/architektur/studiengang/

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Wie Zwillingsstudien neue Erkenntnisse über Einfluss von Long-COVID auf das Altern liefern – Vortrag von Claire Steves

In der öffentlichen Debatte wird das Thema Long-COVID derzeit vor allem im
Zusammenhang mit Menschen unter 60 Jahren diskutiert. Doch auch viele
ältere Menschen leiden unter den Langzeitfolgen, wie Geriater im
klinischen Alltag erleben. Das wirft viele wichtige Forschungsfragen auf,
zum Beispiel: Wie wirkt sich die Langzeiterkrankung auf den
Alterungsprozess der über 60-Jährigen aus? Welche Mechanismen liegen
diesem Prozess zugrunde? Wie kann die Immunantwort bei älteren,
gebrechlichen Menschen gestärkt werden? Was lässt sich daraus für den
Umgang mit anderen Infektionskrankheiten lernen?

Dr. Claire Steves, Clinical Senior Lecturer am King's College London und
Consultant Geriatrician am Guys and St Thomas's NHS Foundation Trust,
sucht nach Antworten auf diese Fragen, indem sie Zwillinge im größten
Zwillingsregister Großbritanniens untersucht. In ihrem mit Spannung
erwarteten Hauptvortrag auf dem Online-Jahreskongress 2021 der Deutschen
Gesellschaft für Geriatrie (DGG) vom 2. bis 4. September 2021 wird sie die
ersten Ergebnisse dieser potenziell wegweisenden Forschung vorstellen.

Laut Steves ist die Zwillingsforschung als Methodik aus verschiedenen
Gründen besonders gut geeignet: „Wenn man Zwillinge untersucht, kann man
sehr genau bestimmen, was genetisch bedingt ist, und was nicht. Wegen der
viel kleineren Studienpopulation ist es auch viel einfacher, bestimmte
Effekte der Epigenetik zu erkennen.“ Seit über zehn Jahren arbeitet Steves
als stellvertretende Direktorin (Clinical) für TwinsUK, das größte
Zwillingsregister in Großbritannien. Vor der Corona-Pandemie interessierte
sie sich besonders für die Rolle des Darmmikrobioms als Faktor zur
Erklärung unterschiedlicher Alterungsverläufe bei Zwillingen. Von den rund
14.000 Registrierungen im TwinsUK-Register sind noch etwa 7.000 Personen
aktiv. „Für mich als Geriaterin ist besonders interessant, dass das
Durchschnittsalter im Register seit einigen Jahren bei etwa 63 Jahren
liegt – es ist also eine perfekte Kohorte für die Untersuchung der
Beziehung zwischen Long-COVID und Alterungsprozessen", sagt Steves.

Corona-erkrankte Zwillinge könnten wichtige Hinweise auf Alterungsprozesse
liefern

Um diesen Zusammenhang zu erforschen, war ursprünglich eine App exklusiv
für die Zwillinge geplant. Als Teil der Corona-Bekämpfung wurde diese App
seit dem Frühjahr 2020 auf die Gesamtbevölkerung ausgeweitet – rund 4,5
Millionen Menschen in Großbritannien nahmen an einer App-basierten
Symptomstudie teil. Einige der Erkenntnisse aus dieser Megastudie haben
sich direkt auf die COVID-19-Richtlinien in Großbritannien ausgewirkt: Zum
Beispiel, dass ältere Patienten mit Delir zeitnah untersucht werden.
„Gleichzeitig können wir über die App aber auch zwillingsspezifische
Untersuchungen durchführen. Wenn zum Beispiel ein Zwilling COVID-19 hat
und der andere nicht, können wir in einem weiteren Schritt ihre Alterungs-
Biomarker auf die Frage hin analysieren: Beschleunigt COVID-19 den
Alterungsprozess?", sagt Steves. Erste Ergebnisse zu dieser und anderen
zukunftsweisenden Fragen wird sie in ihrem Keynote-Vortrag vorstellen.

Über Dr. Claire Steves

Steves ist Reader am King's College London, stellvertretende Direktorin
von TwinsUK, dem größten Zwillingsregister Großbritanniens, und
praktizierende Fachärztin für Geriatrie am Guys and St Thomas's NHS
Foundation Trust. Seit Kurzem ist sie Forschungsleiterin der COVID Symptom
Study (ZOE) App, die Symptome, Ergebnisse und Impfstofffortschritt bei
COVID-19 zusammen mit den 4,6 Millionen Teilnehmern untersucht. Sie hat
die klinischen Inhalte zusammen mit ZOE Global und Tim Spector entworfen
und leitet das Forschungsteam für die App seit deren Start am 24. März
2020. Ihre Arbeit mit der App hat die Besonderheiten älterer Menschen
hervorgehoben, sowohl in Bezug auf Schwere und Dauer der Erkrankung, als
auch in Bezug auf Änderungen des Lebensstils nach dem Lockdown sowie der
Infektion nach der Impfung. Darüber hinaus ist sie jetzt mit TwinsUK Co-
Forschungsleiterin einer nationalen Kernstudie zu Gesundheit und
Wohlbefinden in Großbritannien und leitet die Forschung zu Long- COVID in
zwölf Längsschnittkohorten mit 60.000 Teilnehmern. Vor COVID forschte
Steves an den Wechselwirkungen zwischen körperlicher und geistiger
Gesundheit im Alter, insbesondere in Bezug auf Mikrobiome im Körper. Sie
schloss 1997 ihr Studium an der Cambridge University mit Auszeichnung ab,
erwarb im Jahr 2000 ihren medizinischen Abschluss an der Barts and London
School of Medicine and Dentistry und arbeitete viele Jahre als
Krankenhausärztin, bevor sie sich 2014 verstärkt der Forschung zuwandte.
Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Süden Londons.

Termin: 03.09.21, 16:45 Uhr
Referent: Dr. Claire Steves, London
COVID in the older population - new insights from symptom tracking and
twins
Moderation: Prof. Jürgen M. Bauer, Heidelberg

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Bonde: Wälder leiden massiv unter der Klimakrise

„Circular Economy für mehr Klimaschutz“ – DBU-Jahrespressekonferenz

Osnabrück. Der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU),
Alexander Bonde, hat heute (Mittwoch) auf der Jahrespressekonferenz (JPK)
der Stiftung vor den Auswirkungen eines vierten Dürrejahres in Folge
gewarnt. „Der Wald könnte zum ersten Opfer der Klimakrise werden. Wir
müssen den Klimawandel viel entschlossener und schneller stoppen“, so
Bonde. Denn die Ökosystemleistungen des Waldes von Kohlenstoffspeicherung
über Holz und Biodiversität bis zur Sauerstoffproduktion seien
„unentbehrlich für den Klimaschutz“. Doch die Bestände seien „in teils
desolatem Zustand“. Ein Schlüssel für Wege aus der Klimakrise ist laut
Bonde die Circular Economy: „Materialkreisläufe sind Klimaretter. Sie
sparen Treibhausgas-Emissionen und Rohstoffe.“

Die Lage in den Wäldern zeige, „dass die Klimakrise in Deutschland
angekommen ist“. Der aktuelle Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für
Umweltforschung (UFZ) sei ein akutes Alarmzeichen. „Umso mehr, weil die
Dürre-Folgen der Vorjahre längst nicht behoben sind“, sagte er.
Bodenwasserspeicher seien kaum gefüllt. „Vor allem in den ostdeutschen
Bundesländern herrscht wegen extremer Dürre sprichwörtlich Alarmstufe
Rot“, sagte der DBU-Generalsekretär. Selbst in Regionen mit hohen
Niederschlägen im Frühjahr habe sich die Lage beim Grundwasser nicht
erholt.

Eine immense Entlastung der Atmosphäre

Die Waldzustandserhebung 2020, wonach von 11,4 Millionen Hektar Wald in
Deutschland rund 280.000 Hektar Schadensfläche seien, „bereitet mir große
Sorgen“, so Bonde. Nur jeder fünfte Baum zeige keine Schadsymptome. „Es
steht viel auf dem Spiel.“ Denn Jahr für Jahr speichere der Wald als
Klimahelfer bundesweit mehr als 60 Millionen Tonnen Kohlenstoff, eine
immense Entlastung der Atmosphäre. Neben Trockenstress bedrohten
Käferbefall und Extremwetter wie Stürme die Bestände. Bonde: „Ein Erhalt
der Wälder ist lebenswichtig – für Natur- und Umweltschutz sowie für die
Waldbewirtschaftung. Wir müssen beides in Einklang bringen.“ Notwendig
seien mehr wilde Wälder, aber auch nachhaltige Holznutzung in langlebigen
Produkten und als Kohlenstoffspeicher. Als Beispiele für Lösungen nannte
Bonde DBU-Projekte für „Holz von Hier“, die Wiedervernässung von
Waldmooren und die Förderung von Biodiversität auf sogenannten
Windwurfflächen.

DBU Naturerbe will Ökosysteme wiederherstellen – auch im Wald

Wie Entwicklung von natürlichen Waldflächen funktioniert, erläuterte
Susanne Belting von der Stiftungstochter DBU Naturerbe. „Auf unseren 71
Flächen mit rund 70.000 Hektar wollen wir Ökosysteme wiederherstellen –
auch im Wald“, so Belting. „Wir verzichten auf Aufforstungen und setzen
auf Naturverjüngung.“ So verwirkliche das DBU Naturerbe bereits Ziele der
neuen UN-Dekade für die Wiederherstellung von Ökosystemen, darunter
strukturreiche Wälder mit verschiedenen Baumarten und Altersklassen: Rund
32 Prozent der Waldbestände des DBU Naturerbe, ungefähr 17.000 Hektar,
befinden sich in natürlicher Entwicklung. Die Trockenheit trifft jedoch
auch das DBU Naturerbe. Der Zustand der Bäume deckt sich mit den Daten des
Waldzustandsberichtes: Laub- und Nadelholzbestände sind teils abgestorben,
und Fichten sind am stärksten betroffen.

Circular Economy als Initialzündung für mehr Umweltschutz

„Wir müssen Wald und Klima schützen und mit Lösungen bei den Haupt-
Emissionsquellen ansetzen“, sagte Bonde. Die Circular Economy sei ein
entscheidender Schlüssel zum Erfolg. Kreislaufführung von Ressourcen sei
das Gebot der Stunde. „Mehr als die Hälfte der globalen Treibhausgas-
Emissionen lassen sich auf Abbau und Bearbeitung von Rohstoffen
zurückführen“, sagte er. „Wenn die Kreislaufführung von Materialien aller
Art gelingt, kommen wir im Klimaschutz erheblich voran.“ Der Raubbau an
Rohstoffen könne dadurch enorm verringert werden. „Umweltbelastung und
Kohlenstoffdioxid-Emissionen nehmen dann deutlich ab“, so Bonde. Circular
Economy sei „eine Initialzündung für mehr Umweltschutz“ – als umfassende
Kreislaufwirtschaft vom nachhaltigen Produktdesign über Müllvermeidung bis
hin zum Wiederverwenden, Teilen, Reparieren und Recyceln.

Heizungspumpen und Seltenerd-Metalle wie Neodym vor dem Schrottplatz
retten

Circular Economy sei ein wichtiger Arbeitsbereich der DBU, betonte Bonde
und verwies beispielhaft auf zwei seitens der DBU geförderte Projekte:
Heizungspumpen – und darin enthaltenen Magnete aus Seltenerd-Metallen wie
Neodym – werden weiterverwertet statt verschrottet. Das lohnt sich bei
einem jährlichen Austausch von etwa einer Million Altpumpen in Deutschland
– überdies, weil die Produktion von Neodym zehn Mal mehr Treibhausgas-
Emissionen als Kupfer verursacht und die Abhängigkeit groß ist: 97 Prozent
des Metalls stammen nämlich aus China. Ein anderes DBU-Projekt soll die
Rohstoff-Vergeudung bei Einweg-Feuerzeugen eindämmen. Das Potenzial ist
riesig: In der EU werden jedes Jahr rund eine Milliarde davon verkauft,
darunter 160 Millionen in Deutschland – hintereinander gelegt so viel wie
der Durchmesser der Erde.

Die Jahrespressekonferenz gibt es auch als Aufzeichnung:
https://youtu.be/0GqETjkuFqE

Hintergrund:

Wald:

•       AZ 23634: Projekt DSS-WAMOS (Decision-Support-System Wald-Moor-
Schutz)

Mit diesem Projekt hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt ein Vorhaben
gefördert, um schrittweise ein entwässertes und deshalb klimaschädliches
Waldmoor wieder in ein nasses und klimaschützendes Areal zu verwandeln.
Wälder und Waldmoore sind äußerst klimarelevant. Eine große Rolle spielt
dabei, Wasser in der Landschaft und also auch im Wald zu halten. Das DSS-
WAMOS soll eine Managementstrategie für derartige Waldmoore auf den Weg
bringen. Es wurde ein digitales Entscheidungshilfesystem entwickelt, das
zusammen mit Forsteinrichtungen in Brandenburg, Niedersachsen, Bayern und
Mecklenburg-Vorpommern in der Praxis erprobt wurde

•       AZ 35631: Erhalt von Biodiversität auf Windwurfflächen

Trockenheit, Schädlingsbefall und Stürme: All das hat den Wäldern in den
vergangenen Jahren sehr zugesetzt. Eine Folge: Totholz. Die DBU fördert
mit 197.000 Euro ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Julius-
Maximilians-Universität Würzburg Buchenwälder in Bayern, darunter den
Steigerwald, unter die Lupe nimmt – und zwar jene Flächen, die besonders
von Windwurf, also umgeknickten Bäumen, betroffen waren. Getestet werden
sollen unterschiedliche Verfahren zum Umgang mit solchen Arealen –
verbunden auch mit der Frage, inwieweit Totholz einen Beitrag zu mehr
Biodiversität und Artenvielfalt leisten kann (Nachhaltigerer Umgang mit
Sturmschäden in Wäldern)

•       „Holz von Hier“

Die DBU hat schon früh verschiedene Projekte der Initiative „Holz von
Hier“ (HVH) unterstützt. Deren Bestreben ist es, regionale und nachhaltige
Holzproduktion sowie Holzverarbeitung zu fördern. Nur wenn das gesamte
Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt, darf man das Siegel
verwenden. Ein Kriterium unter anderen: kurze Transportwege des Holzes vom
Wald über alle Verarbeitungsschritte bis zum fertigen Produkt
https://www.dbu.de/708ibook83380_38810_2486.html
https://www.dbu.de/projekt_33732/01_db_2848.html
https://www.dbu.de/OPAC/ab/DBU-Abschlussbericht-AZ-
33732_01-Hauptbericht.pdf

https://www.holz-von-hier.eu/unterstuetzer/
https://www.holz-von-hier.eu/projekte/save-umweltfootprint-fuer-
holzprodukte/

https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/siegelkunde
/holz-von-hier


Circular Economy:

•       AZ 34799: Erfolgversprechende Kreislaufführung von magnetischen
Materialien (Jahresbericht 2020, S. 35f.), Förderzeitraum November 2018
bis November 2020

Projektträger ist die Technische Universität Clausthal. Die DBU hat das
Vorhaben mit rund 125.000 Euro gefördert. Im Zentrum steht das Recycling
magnetischer Materialien aus Generatoren von Windkraftanlagen,
Elektromotoren und Elektronikschrott – und die Weiter- und
Wiederverwertung zum Beispiel in E-Bikes. Konkret handelte es sich um
sogenannte Neodym-Magnete. Neodym ist ein Seltenerd-Metall und eine teure
Ressource. Die Gewinnung ist wegen der radioaktiven Begleitelemente, die
in den Lagerstätten vorkommen, mit hohen Umweltrisiken verbunden. Überdies
steht Neodym im Fokus wirtschaftspolitischer Einflussnahme. Eine
Kreislaufführung würde erheblich zur Linderung der Probleme beitragen

•       AZ 34829: Kreislaufführung von Einweg-Feuerzeugen (laufendes
Projekt)

Sie finden sich in Supermärkten, aber auch in fast jedem Kiosk um die
Ecke: Einweg-Feuerzeuge. Eine kurze Zeit werden sie genutzt, dann
entsorgt. Dabei gehen jedoch wertvolle Rohstoffe verloren. Ein von der DBU
gefördertes Projekt in Zusammenarbeit mit der Ostfalia Hochschule für
angewandte Wissenschaften in Wolfsburg und LDR Löschmittel-Recycling und
Umweltdienste in Harsefeld will das ändern. Das Ziel:
Aufbereitungsprozesse für die ausgedienten Feuerzeuge zu entwickeln. Die
Herausforderung: Restgase (Butan) aufzufangen sowie teils hochwertige
Kunststoffe und Metalle für eine Kreislaufführung zu erhalten („Recyceln
statt wegwerfen: Zweites Leben für Feuerzeuge“)

•       AZ 33943: Spotlight-Projekt „HeizKreis“

Jahr für Jahr werden Heizungspumpen in großen Mengen ausgetauscht und
einfach entsorgt. Doch sie enthalten kostbare Seltene Erden-Magnete.
Seltene Erden wiederum zählen zu den begehrtesten Rohstoffen der Welt, ein
Großteil wird für die Herstellung von Magneten verwendet, etwa in den
Rotoren von Heizungspumpen. Um dieses Material – das seine magnetische
Kraft nicht verliert – zu bewahren, hat die DBU ein Projekt gefördert,
damit Heizungspumpen Teil eines geschlossenen Kreislaufwirtschaftssystems
werden – statt auf der Müllhalde zu landen
(https://www.dbu.de/2985ibook83457_38668_.html)

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