Die Dynamik der Unterstützung für die Ukraine hat nachgelassen. Die neu
zugesagte Hilfe hat zwischen August und Oktober 2023 einen Tiefstand
erreicht – sie ist um fast 90 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im
Jahr 2022 gesunken. Die Ukraine ist nun zunehmend auf eine Kerngruppe von
Unterstützern wie die USA, Deutschland sowie nord- und osteuropäische
Länder angewiesen, die weiterhin sowohl finanzielle Unterstützung als auch
wichtige Waffen wie F-16-Kampfflugzeuge zusagen und liefern. Der Ausblick
ist unsicher, da die größte noch ausstehende Hilfszusage – die der
Europäischen Union – noch nicht endgültig genehmigt wurde und Zusagen der
USA rückläufig sind.
Dies sind die Ergebnisse der jüngsten Aktualisierung des Ukraine Support
Tracker, der nun die Zusagen bis zum 31. Oktober 2023 abdeckt.
Im Zeitraum August bis Oktober 2023 ist ein deutliches Minus der
Unterstützungszusagen im Vorjahresvergleich zu verzeichnen. Der Gesamtwert
neuer Pakete belief sich auf nur 2,11 Mrd. Euro, was einem Rückgang von 87
Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2022 und dem niedrigsten
Betrag seit Januar 2022 entspricht (siehe Abbildung 1). Von den 42
erfassten Gebern haben nur 20 in den letzten drei Monaten neue Hilfspakete
zugesagt, der geringste Anteil aktiver Geber seit Beginn des Krieges. Auch
die Europäische Union und die USA haben kaum neue Zusagen gemacht.
„Unsere Zahlen bestätigen den Eindruck einer zögerlicheren Haltung der
Unterstützer in den vergangenen Monaten. Die Ukraine ist zunehmend von
einigen wenigen Kerngebern abhängig, die weiterhin umfangreiche
Unterstützung leisten, wie Deutschland, die USA oder die nordischen
Länder. Angesichts der Ungewissheit über weitere US-Hilfen kann die
Ukraine nur hoffen, dass die EU endlich ihr seit langem angekündigtes 50
-Milliarden-Euro-Hilfspaket verabschiedet. Eine weitere Verzögerung würde
Putins Position deutlich stärken“, sagt Christoph Trebesch (https://www
.ifw-kiel.de/de/expertinnen-und-experten/christoph-trebesch), Leiter des
Teams, das den Ukraine Support Tracker (https://www.ifw-
kiel.de/de/themendossiers/krieg-gegen-die-ukraine/ukraine-support-
tracker/) erstellt, und Direktor eines Forschungszentrums am Kiel Institut
für Weltwirtschaft (IfW Kiel).
Das vorgeschlagene neue US-Hilfspaket wurde auf nächstes Jahr verschoben,
und die Verabschiedung der EU-Fazilität für die Ukraine ist ins Stocken
geraten. Die wichtigste verbleibende Gruppe aktiver Geber sind einzelne
europäische Länder wie Deutschland, Finnland, Irland, Kroatien, Litauen,
Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Schweden und die Schweiz sowie NATO-
Staaten wie Kanada und Großbritannien. Darüber hinaus kann die Ukraine auf
große, bereits zugesagte Mehrjahresprogramme zurückgreifen, die inzwischen
den Großteil der tatsächlich geleisteten Hilfe ausmachen. So haben
Dänemark, Deutschland und Norwegen in den letzten drei erfassten Monaten
1,2 Mrd. Euro, 1 Mrd. Euro bzw. 662 Mio. Euro an Militärhilfe im Rahmen
ihrer bereits zugesagten Mehrjahresprogramme bereitgestellt.
Die Länder der Europäischen Union holen mit der zugesagten Militärhilfe
weiter auf und haben die USA inzwischen überholt. Vor allem Deutschland
und die nordischen Länder (Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland)
haben in den vergangenen Monaten erhebliche neue Hilfen zugesagt.
(Abbildung 2 zeigt die kumulierten Hilfszusagen für schwere Waffen für
jeden Monat seit Januar 2022. Zu den schweren Waffen zählen insbesondere
Artillerie, Kampfpanzer, Mehrfachraketenwerfer, Schützenpanzer,
Luftverteidigungssysteme und Kampfflugzeuge).
Von den insgesamt 25 Mrd. Euro an Zusagen für schwere Waffen (Jan.
2022–Okt. 2023) entfallen 43 Prozent auf die USA und 47 Prozent auf alle
EU-Länder und -Institutionen zusammen; der Rest kommt von verschiedenen
anderen Gebern, insbesondere Großbritannien und Kanada. In den letzten
drei erfassten Monaten (Aug., Sept., Okt.) haben die EU-Länder 780 Mio.
Euro für schwere Waffen zugesagt, gegenüber 500 Mio. Euro von den USA.
Neue Zusagen Deutschlands und der nordischen Länder seit August 2023
stützen diesen Trend, insbesondere durch neue Patriot- und
IRIS-T-Flugabwehrsysteme aus Deutschland und 19 F-16-Kampfflugzeuge aus
Dänemark als Teil einer gemeinsamen Luftwaffenkoalition mit den
Niederlanden und dem Vereinigten Königreich. Weitere Beispiele für die
Zusammenarbeit im Rahmen der EU-Militärhilfe sind neue gemeinsame
Beschaffungsvereinbarungen zwischen den Niederlanden, Dänemark und der
Tschechischen Republik über die Lieferung von 15 modernisierten
Kampfpanzern des Typs T-72EA an die Ukraine sowie eine Reihe gemeinsamer
Beschaffungsprogramme der nordischen Länder zur Beschaffung von 155-mm-
Munition.
„Generell beobachten wir eine weitere Verschiebung hin zur Militärhilfe,
vor allem in der bilateralen Unterstützung“, so Trebesch. Unter den zehn
größten Geberländern macht die Militärhilfe inzwischen 58 Prozent der
gesamten Hilfe aus (Stand: 31. Oktober). Größter Geber von Militärhilfe
sind nach wie vor die USA mit einem Gesamtvolumen von 44 Mrd. Euro.
Deutschland holt jedoch mit militärischen Zusagen in Höhe von über 17 Mrd.
Euro rasch auf. Kleinere Länder, insbesondere die nordischen Staaten und
die Niederlande, spielen ebenfalls eine wachsende Rolle in der
Militärhilfe.
Über den Ukraine Support Tracker
Der Ukraine Support Tracker erfasst und quantifiziert militärische,
finanzielle und humanitäre Hilfen, die der Ukraine seit dem 24. Januar
2022 (aktuell bis zum 31. Oktober 2023) zugesagt wurden. Berücksichtigt
sind 40 Länder, spezifisch die EU-Staaten, die weiteren Mitglieder der G7,
Australien, Südkorea, Norwegen, Neuseeland, die Schweiz, die Türkei,
China, Taiwan und Indien. Erfasst sind Zusagen, die Regierungen dieser
Länder der ukrainischen Regierung gemacht haben; Hilfszusagen der EU-
Kommission und der Europäischen Investitionsbank sind separat aufgeführt;
private Spenden oder solche internationaler Organisationen wie des IWF
sind in der Hauptdatenbank nicht enthalten. Ebenso nicht mitgezählt sind
Hilfen an Nachbarländer der Ukraine wie Moldawien oder andere Länder –
etwa für die Aufnahme von Geflüchteten.
Datenquellen sind Bekanntgaben offizieller Regierungsstellen und Berichte
internationaler Medien. In Sachmitteln geleistete Hilfe wie zum Beispiel
Medizingüter, Lebensmittel oder militärisches Gerät werden anhand von
Marktpreisen oder Angaben aus früheren Hilfskampagnen geschätzt. In
Zweifelsfällen werden die höheren verfügbaren Werte angesetzt.
Der Ukraine Support Tracker wird laufend erweitert, korrigiert und
verbessert. Anregungen dazu sind sehr willkommen und können gerne an
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. geschickt werden.
Mehr Informationen und die kompletten Daten finden Sie auf der Webseite
(https://www.ifw-kiel.de/de/themendossiers/krieg-gegen-die-ukraine
/ukraine-support-tracker/).
Mehr zur Methodik des Ukraine Support Trackers steht in einem vertiefenden
Kiel Working Paper (https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/the-ukraine-
support-tracker-which-countries-help-ukraine-and-how-26300/)