Zum Hauptinhalt springen

Kiel Trade Indicator 08/23: Welthandel belebt sich, Russlands Hafenaktivität fast auf Vorkriegsniveau

Der weltweite Handel zeigt im August eine recht deutliche Gegenbewegung zu
den schwachen Sommermonaten. Die Werte des Kiel Trade Indicator für den
Welthandel und auch für den Handel großer Volkswirtschaften liegen
allesamt im grünen Bereich und zeigen teilweise deutliche Steigerungen
gegenüber dem Vormonat Juli an (preis- und saisonbereinigt). In Russlands
Häfen steigt die Anzahl ankommender Containerschiffe sprunghaft an und
liegt trotz Sanktionen und einem schwachen Rubel fast auf dem Niveau vor
Ausbruch des Krieges. Der Stau vor dem Panamakanal ist für den globalen
Warenhandel von geringer Bedeutung.

Das jüngste Datenupdate des Kiel Trade Indicator weist für den Welthandel
im August im Vergleich zum Vormonat Juli ein Plus von 0,9 Prozent aus
(preis- und saisonbereinigt).

Für Deutschland liegen die Augustwerte sowohl für Exporte (+1,8 Prozent)
als auch Importe (+1,5 Prozent) recht eindeutig im Plus. „Die Zahlen
weisen auf eine Erholung im deutschen Handel hin, nachdem das Statistische
Bundesamt unlängst für die Juli-Exporte noch einen Rückgang vermeldet
hatte. Im Gegensatz zum Kiel Trade Indicator sind die Werte allerdings
nicht inflationsbereinigt. Ob deutsche Exporte wirklich eine Trendwende
vollziehen, bleibt abzuwarten. Durch die schwache globale Konjunktur ist
der Bedarf nach neuen deutschen Maschinen und anderen Investitionsgütern
eher rückläufig“, sagt Vincent Stamer, Leiter Kiel Trade Indicator.

Auch die Vorzeichen für den EU-Handel sind positiv, Exporte (+2,6 Prozent)
liegen spürbar, Importe (+0,6 Prozent) leicht im Plus. Für die USA zeigt
der Kiel Trade Indicator bei Exporten (+1,8 Prozent) und Importen (+0,6
Prozent) nach oben. Auch China dürfte im August mehr Waren handeln als im
Juli, wobei die Exporte (+5,8 Prozent) einen weitaus größeren Sprung
machen dürften als die Importe (+0,5 Prozent), die sich nur leicht über
dem Vormonatsniveau bewegen.

Die insgesamt positiven Augustzahlen für den globalen Handel werden auch
durch Zahlen zu verschifften bzw. im Stau stehenden Waren unterstützt. Die
Menge an verschifften Standardcontainern steigt im August leicht auf fast
14 Millionen, der davon im Stau befindliche Anteil sinkt auf rund 7,5
Prozent, was im historischen Maßstab nicht ungewöhnlich ist.

Dabei hat der Stau vor dem Panamakanal für den globalen Warentransport
praktisch keine Auswirkungen, nur 0,5 Prozent der weltweiten
Frachtkapazität stecken dort fest. „Nur ein Bruchteil der weltweiten
Containerflotte ist durch das Niedrigwasser im Panamakanal beeinträchtigt.
Das liegt einerseits daran, dass aufgrund von Dimensionsbeschränkungen der
Schleusen die größten Containerriesen den Kanal ohnehin nicht ansteuern,
zum anderen werden wartende Containerschiffe von der Kanalbehörde bei der
Abwicklung bevorzugt, so dass vor allem Chemie-, LNG-, oder Öltanker
feststecken“, so Stamer.

Aktivität in Russlands Häfen nähert sich Vorkriegsniveau

Überraschend hoch ist die Aktivität in Russlands Häfen. Erstmals seit dem
Ausbruch des Ukrainekriegs nähert sich die gelöschte Warenmenge der drei
größten russischen Containerhäfen St. Petersburg, Wladiwostok und
Noworossijsk wieder den Werten von vor Ausbruch des Krieges an.

Insbesondere Ankünfte im bedeutendsten Containerhafen Russlands, St.
Petersburg, waren zwischenzeitlich um 90 Prozent eingebrochen und stiegen
in den vergangenen Wochen sprunghaft an. „Woher die Güter stammen, ist
anhand der Containerschiffsbewegungen nicht zweifelsfrei zu bestimmen,
jedoch scheint Russland wieder mehr und mehr am Welthandel teilzuhaben.
Aufgrund der Sanktionen der westlichen Nationen und des sinkenden
Rubelwertes ist diese Entwicklung ernüchternd“, so Stamer.

Die nächste Aktualisierung des Kiel Trade Indicator erfolgt am 5. Oktober
(mit Medieninformation für die Handelsdaten im September 2023).

Weitere Informationen zum Kiel Trade Indicator und die Prognosen für alle
75 Länder finden Sie auf www.ifw-kiel.de/tradeindicator (https://www.ifw-
kiel.de/de/themendossiers/internationaler-handel/kiel-trade-indicator/).

Über den Kiel Trade Indicator

Der Kiel Trade Indicator schätzt die Handelsflüsse (Im- und Exporte) von
75 Ländern und Regionen weltweit sowie des Welthandels insgesamt. Im
Einzelnen umfassen die Schätzungen über 50 Länder sowie Regionen wie die
EU, Subsahara-Afrika, Nordafrika, den Mittleren Osten oder Schwellenländer
Asiens. Grundlage ist die Auswertung von Schiffsbewegungsdaten in
Echtzeit. Ein am IfW Kiel programmierter Algorithmus wertet diese unter
Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz aus und übersetzt die
Schiffsbewegungen in preis- und saisonbereinigte Wachstumswerte gegenüber
dem Vormonat.

Die Auswertung erfolgt zweimal im Monat. Um den 20. (ohne Pressemeldung)
für den laufenden und den folgenden Monat und um den 5. (mit
Pressemeldung) für den vergangenen und den laufenden Monat.

An- und ablegende Schiffe werden dabei für 500 Häfen weltweit erfasst.
Zusätzlich werden Schiffsbewegungen in 100 Seeregionen analysiert und die
effektive Auslastung der Containerschiffe anhand des Tiefgangs gemessen.
Mittels Länder-Hafen-Korrelationen können Prognosen erstellt werden, auch
für Länder ohne eigenen Tiefseehafen.

Der Kiel Trade Indicator ist im Vergleich zu den bisherigen
Frühindikatoren für den Handel deutlich früher verfügbar, deutlich
umfassender, stützt sich mit Hilfe von Big Data auf eine bislang
einzigartig große Datenbasis und weist einen im Vergleich geringen
statistischen Fehler aus. Der Algorithmus des Kiel Trade Indikators lernt
mit zunehmender Datenverfügbarkeit dazu (machine learning), so dass sich
die Prognosegüte im Lauf der Zeit weiter erhöht.

  • Aufrufe: 25

Neue Krebs-Bluttests: Warnung vor falschen Erwartungen

Neue Bluttests zur Früherkennung von Krebs werden derzeit intensiv
beworben und auch als zusätzliche Versicherungsleistung angeboten. Zwar
sind diese Tests vielversprechend, allerdings fehlen bisher belastbare
Daten über ihren tatsächlichen Nutzen. Expertinnen und Experten für
Krebserkrankungen aus den wissenschaftlichen medizinischen
Fachgesellschaften und Organe der Krebs-Selbsthilfe warnen daher vor
falschen Erwartungen und plädieren gleichzeitig dafür, die von den
Krankenkassen finanzierten Früherkennungsmaßnahmen konsequenter zu nutzen.

Früherkennung ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Beherrschung von
Krebs. Ziel ist die Senkung der Krankheitsbelastung und der Sterblichkeit
durch die Entdeckung bösartiger Erkrankungen in einem frühen Stadium.
Risiken von Früherkennungsmaßnahmen liegen in den Belastungen durch die
Untersuchung selbst, in der Überdiagnostik durch die Abklärung unklarer
Befunde und in der Übertherapie durch die Behandlung von Erkrankungen, die
im Laufe des Lebens der Betroffenen keine Beschwerden verursacht und nicht
zum Tod geführt hätten.

Derzeit gibt es in Deutschland nur wenige, von den Krankenkassen
finanzierte Programme zur Krebsfrüherkennung. Sie betreffen Brust-, Darm-,
Gebärmutterhals-, Haut- und Prostatakrebs. Darüber hinaus werden aktuell
im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) ein neues Programm zur Früherkennung
von Lungenkrebs mittels Niedrigdosis-Computertomographie und eine
Ausweitung der Brustkrebs-Früherkennung vorbereitet.

Ein Hoffnungsträger für die genauere und auch einfachere
Krebsfrüherkennung sind Bluttests. Als sogenannte Tumormarker werden sie
schon seit mehreren Jahrzehnten eingesetzt. Allerdings war ihre
Genauigkeit (Sensitivität und Spezifität) bisher begrenzt, so dass sie
zwar zur Verlaufsbeobachtung bei bereits an Krebs erkrankten Patientinnen
und Patienten, aber nur sehr eingeschränkt zur Krebsfrüherkennung geeignet
sind.

Das könnte sich in der Zukunft ändern. In großen, prospektiven Studien
werden neue Marker und neue Methoden getestet. Zum jetzigen Zeitpunkt
warnen Krebsspezialisten allerdings vor falschen Erwartungen, die durch
die derzeit intensiv beworbenen Krebs-Bluttests geweckt werden könnten.
Die Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRIO) der
Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) hat die Daten dieser EDIM-Tests, die
auch bereits von einigen Versicherungen angeboten werden, analysiert.
Prof. Dr. med. Jutta Hübner (Jena), Vorsitzende der PRIO, fasst zusammen:
„Der EDIM-TKTL1- oder der EDIM-Apo10-Test sind keine Verfahren, die zur
Früherkennung, Diagnose, Prognoseeinschätzung oder als Hinweis auf ein
mögliches Therapieansprechen empfohlen werden können.“ [1]

Hedy Kerek-Bodden, Vorsitzende des Hauses der Krebs-Selbsthilfe
Bundesverband e. V. in Bonn, ergänzt: „Die von den Krankenkassen
finanzierte, qualitätsgesicherte Mammographie zur Früherkennung von
Brustkrebs wird von weniger als 50 Prozent der eingeladenen Frauen
genutzt. Hier müssen wir ansetzen und auf der Basis seriöser Studien und
in enger Zusammenarbeit von Selbsthilfe sowie Expertinnen und Experten
Überzeugungsarbeit leisten.“ [2]

Wie wichtig diese seriösen Studien sind, unterstreicht Prof. Dr. med.
Hermann Einsele, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO Deutsche
Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V.: „Die
Krebsfrüherkennung findet in einem wissenschaftlich sehr dynamischen
Umfeld statt. So haben wir in den letzten Jahren gelernt, dass viele
ältere Menschen im Blut Hinweise auf Erkrankungen wie eine Chronische
Lymphatische Leukämie oder ein Multiples Myelom zeigen, sich diese
Erkrankungen aber nie entwickeln. Solche Testergebnisse können daher zu
großen Ängsten und massiver Verunsicherung führen. Sie müssen immer
ganzheitlich und individuell bewertet werden.“

Zum jetzigen Zeitpunkt warnen Expertinnen und Experten für
Krebserkrankungen nachdrücklich vor Angeboten, die vor allem auf einem
Geschäft mit der Angst beruhen.

Links:
1.     Stellungnahme-der-AG-PRIO-in-der_DKG_TKTL1_APPO10_PanTum-
Test_2023.pdf (prio-dkg.de)
2.     Krebsvorsorge und Krebsfrüherkennung | Deutsche Krebshilfe

An der Pressemitteilung sind Expertinnen und Experten der folgenden
Fachgesellschaften sowie Patientenorganisationen beteiligt:

·       Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie in der Deutschen
Krebsgesellschaft (ADO)
·       Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie in der Deutschen
Krebsgesellschaft (AGO)
·       Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG)
·       Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)
·       Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und
Stoffwechselkrankheiten (DGVS)
·       Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG)
·       Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie
(DGHO)
·       Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin (DGN)
·       Deutsche Gesellschaft für Senologie (DGS)
·       Deutsche Röntgengesellschaft (DRG)
·       Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs
·       Haus der Krebs-Selbsthilfe Bundesverband

  • Aufrufe: 16

Tariflöhne steigen 2023 nach den bislang vorliegenden Abschlüssen nominal um 5,6 Prozent

Zwischenbilanz des WSI-Tarifarchivs:

Tariflöhne steigen 2023 nach den bislang vorliegenden Abschlüssen nominal
um 5,6 Prozent – Angesichts anhaltend hoher Inflationsraten kommt es nach
wie vor zu Reallohnverlusten

Unter Berücksichtigung der im 1. Halbjahr 2023 getätigten Neuabschlüsse
und der in den Vorjahren für 2023 bereits vereinbarten Tarifverträge
steigen die Tariflöhne in diesem Jahr nominal um durchschnittlich 5,6
Prozent.

Unter Berücksichtigung der im 1. Halbjahr 2023 getätigten Neuabschlüsse
und der in den Vorjahren für 2023 bereits vereinbarten Tarifverträge
steigen die Tariflöhne in diesem Jahr nominal um durchschnittlich 5,6
Prozent. Vor dem Hintergrund der weiter sehr hohen Preissteigerungen im 1.
Halbjahr 2023 ergibt sich hieraus real ein Rückgang von durchschnittlich
1,7 Prozent. In dieser Berechnung kann die Wirkung der steuer- und
abgabenfreien Inflationsausgleichsprämien allerdings nicht in vollem
Umfang berücksichtigt werden, weil diese, je nach individuellem
Steuersatz, unterschiedlich ist. Bei einem Teil der Beschäftigten dürfte
der Reallohnverlust daher deutlich kleiner ausfallen. In vielen
Tarifbereichen tragen die vereinbarten Prämien zur Kaufkraftsicherung bei
(mehr unten). Generell ist für den weiteren Jahresverlauf eine positivere
Tendenz bei der realen Tariflohnentwicklung absehbar, weil die Inflation
dann spürbar sinken dürfte. Dies ist das Ergebnis der aktuellen
Halbjahresbilanz, die das Tarifarchiv des Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung heute
vorlegt.

Für gut 9,2 Millionen Beschäftigte werden im Laufe des Jahres 2023
Tariferhöhungen wirksam, die bereits 2022 oder früher in Tarifverträgen
mit mehrjähriger Laufzeit festgelegt wurden. Hierzu gehören auch große
Tarifbranchen wie z. B. die Metall- und Elektroindustrie oder die
Chemische Industrie, deren in diesem Jahr wirksame Tariferhöhungen bereits
im Herbst 2022 vereinbart wurden. Hinzu kommen im 1. Halbjahr 2023 neue
Tarifvereinbarungen für weitere 4,4 Millionen Beschäftigte, darunter die
Deutsche Post AG und der Öffentliche Dienst (Bund und Gemeinden). Werden
lediglich die Tarifabschlüsse aus den Jahren 2022 und früher
berücksichtigt, so ergibt sich ein durchschnittlicher Zuwachs von 5,1
Prozent. Die Neuabschlüsse aus dem 1. Halbjahr 2023 liegen hingegen bei
einer durchschnittlichen Tariferhöhung von 6,6 Prozent (siehe auch
Abbildung 1 in der pdf-Version dieser PM; Link unten). Insgesamt gilt für
etwa die Hälfte der rund 34 Millionen sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten in Deutschland ein Tarifvertrag.

Gegenüber der durchschnittlichen Tariferhöhung von 2022 hat sich der
nominale Zuwachs der Tariflöhne 2023 von 2,7 Prozent auf 5,6 Prozent mehr
als verdoppelt (siehe auch Abbildung 2 in der pdf-Version dieser PM; Link
unten). „Die aktuellen Tarifabschlüsse, die oft erst nach umfangreichen
Warnstreiks erzielt werden konnten, zeigen einen deutlichen Trend hin zu
höheren Tariflohnzuwächsen“, sagt der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Prof.
Dr. Thorsten Schulten. „Angesichts einer nach wie vor sehr hohen
Inflationsrate von 7,4 Prozent im 1. Halbjahr 2023 konnten die
Tariflohnzuwächse bislang trotzdem im Durchschnitt die Preissteigerungen
nicht ausgleichen. Allerdings kann im 2. Halbjahr 2023 mit einem starken
Rückgang der Inflation gerechnet werden, so dass am Jahresende eine
deutlich positivere Tarifbilanz absehbar ist, bei der die Reallohnverluste
stärker begrenzt werden.“

-Wirkung von steuer- und abgabenfreien Inflationsausgleichsprämien-

In den meisten Tarifabschlüssen des Jahres wurden zudem sogenannte
Inflationsausgleichsprämien vereinbart (siehe auch Tabelle 1). Hierbei
handelt es sich um steuer- und abgabenfreie Einmalzahlungen, die den
Beschäftigten, im Vergleich zu einer regulären Tariferhöhung, einen
höheren Nettolohn und den Arbeitgebern niedrigere Arbeitskosten
ermöglichen. Je nach Tarifbereich variieren die
Inflationsausgleichsprämien zwischen 1.000 und 3.000 Euro und werden über
einen Zeitraum von zwei Jahren in mehreren Tranchen oder auch als
monatliche Zusatzzahlungen ausgezahlt.

Da die Steuer- und Abgabenersparnisse bei den Inflationsausgleichsprämien,
je nach Steuerklasse und Haushaltskontext, sehr unterschiedlich ausfallen,
sind sie in den Berechnungen zur durchschnittlichen Tariflohnentwicklung
lediglich als Bruttoeinmalzahlungen berücksichtigt. Um die darüber hinaus
gehenden Steuer- und Abgabenersparnisse der Inflationsprämie zu bewerten,
hat das WSI-Tarifarchiv zusätzlich auf der Grundlage der
durchschnittlichen Steuer- und Abgabenquote für einzelne Tarifbranchen
Modellrechnungen durchgeführt. Wenn der „Brutto-für-netto“-Effekt der
Inflationsausgleichsprämien berücksichtigt wird, fallen die
Tariflohnerhöhungen 2023 in einigen Branchen deutlich höher aus.
Beispielsweise steigen die Tariflöhne im Öffentlichen Dienst (Bund und
Gemeinden) unter Berücksichtigung der Steuer- und Abgabenersparnisse um
9,8 Prozent, ohne diesen Effekt sind es lediglich 6,8 Prozent.

„Die steuer- und abgabenfreien Inflationsausgleichsprämien tragen 2023 in
vielen Tarifbranchen dazu bei, die Reallöhne zu sichern“, sagt Schulten.
„Da es sich hierbei um Einmalzahlungen handelt, wirken sie sich mit ihrem
Auslaufen in den Folgejahren jedoch stark dämpfend auf die Lohnentwicklung
aus.“

-Ausblick-

Nach wie vor gibt es in der Tarifrunde 2023 auch einige ungelöste
Tarifkonflikte. Dies gilt insbesondere für den Einzelhandel sowie den
Groß- und Außenhandel, wo bereits seit mehreren Monaten verhandelt wird,
ohne dass bislang ein Ergebnis erzielt werden konnte. Im 2. Halbjahr 2023
starten außerdem eine Reihe neuer Tarifverhandlungen, darunter u. a. für
den Öffentlichen Dienst in den Ländern.

„Angesichts der sich deutlich eintrübenden Konjunkturaussichten darf es zu
keinem weiteren Einbruch beim privaten Konsum kommen“, sagt WSI-Experte
Schulten. Deshalb ist es nach seiner Analyse „besonders wichtig, dass auch
im 2. Halbjahr 2023 die Tariflohndynamik weiter anhält und
Kaufkraftverluste möglichst vermieden werden.“

  • Aufrufe: 104

Neue Studie aus dem HDZ NRW findet internationale Beachtung

Ablation sichert Überlebensvorteile bei terminaler Herzschwäche

Herzspezialisten aus dem Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad
Oeynhausen, haben jetzt erstmals weltweit in einer monozentrischen,
offenen Studie nachgewiesen, dass Patientinnen und Patienten, die unter
schwerster Herzschwäche (Herzinsuffizienz) in Verbindung mit
symptomatischem Vorhofflimmern leiden, von einer Katheterablation in
Kombination mit einer leitliniengerechten medikamentösen Therapie stärker
profitieren als von einer alleinigen medikamentösen Therapie. Die
wissenschaftliche Publikation des aus Elektrophysiologen, Herzchirurgen
und Kardiologen bestehenden Autorengremiums unter der Federführung der
Professoren Philipp Sommer und Christian Sohns, Klinikdirektor und stellv.
Klinikdirektor der Elektrophysiologie/Rhythmologie am HDZ NRW, ist im
August 2023 im renommierten New England Journal of Medicine1 erschienen
und wurde jüngst auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für
Kardiologie unter dem Namen „CASTLE-HTx“ vorgestellt.

Im Stadium der terminalen Herzinsuffizienz sind Betroffene in der Regel so
sehr geschwächt, dass die Pumpfunktion des Herzens gerade noch ausreicht,
um den Körper am Leben zu erhalten. Behandlungsoptionen sind eine
medikamentöse Therapie, die Implantation einer künstlichen
Herzunterstützung sowie die Herztransplantation. Dabei ist es besonders
wichtig, die Herz-Kreislauffunktion während mitunter langer Wartezeiten
auf ein Spenderorgan so stabil wie möglich zu halten, damit sich Patienten
nach einer Transplantation optimal erholen.

Dank modernster Herzkatheterverfahren und schonender Ablationsmethoden
können auch Patienten mit Herzschwäche im Endstadium von einer
Herzkatheterintervention profitieren. Die aktuelle Studienlage weist
insbesondere bei Vorhofflimmern auf eine verbesserte Lebensqualität hin.
In der von Prof. Sohns und Prof. Sommer initiierten Studie wurde jetzt
erstmals wissenschaftlich untersucht, welchen Stellenwert dieser Eingriff
für Patienten hat, die sich aufgrund ihrer Herzschwäche zur Beurteilung
der Indikation für eine mögliche  Herztransplantation im HDZ NRW in Bad
Oeynhausen vorstellen.

Insgesamt nahmen 194 Patienten an der Studie teil, die jeweils zur Hälfte
einer Ablationsgruppe und einer medikamentös-therapeutischen Gruppe
zugeordnet wurde. Nach einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von
18 Monaten weisen die Ergebnisse bei Patienten mit erfolgter
Katheterablation auf ein geringeres Sterblichkeitsrisiko und eine sowohl
längere Überlebenszeit bis zur Implantation eines künstlichen
Herzunterstützungssystems als auch bis zur Herztransplantation hin. Auf
diesen Erkenntnissen aufbauend wollen die Wissenschaftler weitere Studien
anschließen.

„Im HDZ NRW als großem, auf das Thema Herzinsuffizienz spezialisierten
Zentrum steht uns umfassendes Datenmaterial zur Verfügung, das es nun
gilt, in Richtung auf genau diese elektrophysiologischen und
interdisziplinären Forschungsbereiche weiter auszubauen“, betont
Klinikdirektor Prof. Dr. Philipp Sommer. „Insbesondere interessiert uns,
welche individuellen Erkrankungsformen den größten Benefit von der
Ablation haben.“ Prof. Dr. Christian Sohns ergänzt: „Wir freuen uns
besonders auch, dass die Studie bei den internationalen Fachgesellschaften
auf großes Interesse stößt. Aus unserer Sicht gibt sie Anlass dazu, die
bisherigen Leitlinien zu überdenken.“

-----

Als Spezialklinik zur Behandlung von Herz-, Kreislauf- und
Diabeteserkrankungen zählt das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-
Westfalen (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, mit 36.000 Patientinnen und Patienten
pro Jahr zu den größten und modernsten Zentren seiner Art in Europa. Das
interdisziplinäre Herzinsuffizienzzentrum des HDZ NRW ist ausgewiesen als
überregionales, über die Fachgesellschaften zertifiziertes Zentrum (HFU).
Hier werden jährlich 6.500 Patientinnen und Patienten mit einer
Pumpschwäche des Herzens stationär behandelt.

Die Klinik für Elektrophysiologie/Rhythmologie des HDZ NRW ist
spezialisiert auf die Behandlung von Herzrhythmusstörungen mit einem
Leistungsspektrum von rd. 1.700 Ablationen jährlich. In der Klinik werden
elektrophysiologische Untersuchungen mittels modernster, strahlungsarmer
Technologie zur Behandlung von Rhythmusstörungen durchgeführt.

Mit 104 Intensivpflegebetten (Krankenhausplan NRW) hält das Gesamtklinikum
HDZ NRW eine der größten Intensivbettenkapazitäten für die Fachbereiche
Thorax- und Kardiovaskularchirurgie sowie Allgemeine und Interventionelle
Kardiologie und Angiologie bereit. Mit 96 Herztransplantationen in 2022
ist das HDZ NRW das bundesweit größte Herztransplantationszentrum. Weitere
Schwerpunkte des Herzzentrums liegen in der Behandlung des gesamten
Spektrums angeborener und erworbener Herzerkrankungen einschließlich der
Therapie von Herzrhythmusstörungen sowie künstlicher
Herzunterstützungssysteme und Kunstherzen.

Das HDZ NRW ist seit 1989 Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum.
Die Professorenschaft des HDZ NRW ist zusätzlich seit 2023 Mitglied der
Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld. Die Einrichtung ist
bekannt als größtes Herztransplantationszentrum in Deutschland.

  • Aufrufe: 22