Vereinbarkeit von Beruf & Pflege als Schlüsselfaktor für Fachpersonal- Sicherung im Gesundheitswesen
Bei der Fachtagung Ende 2025 des Landesprogramms Vereinbarkeit Beruf &
Pflege NRW ging es deshalb um die Frage: Wie kann Pflegevereinbarkeit im
Gesundheitswesen gelingen, und wie trägt sie zur Versorgungssicherheit und
Fachkräftesicherung bei? Die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der
Pflegekammer NRW richtete sich deshalb insbesondere an Führungskräfte und
Personalverantwortliche aus dem Gesundheitswesen. Die Referentinnen und
Referenten aus Wissenschaft und Praxis beleuchteten Lösungswege und
Strategien, informierten über wissenschaftliche Erkenntnisse und
berichteten über die praktische Umsetzung von Vereinbarkeitslösungen.
Fachtag des Landesprogramms Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW mit einem
Fokus auf Gesundheitsberufen
Immer mehr Pflegebedürftige, immer weniger Pflegefachkräfte: Durch den
demografischen Wandel steuert Deutschland auf eine gewaltige Pflegelücke
zu. Je nach Szenario liegt die Zahl der Pflegebeschäftigten im Jahr 2049
zwischen 280.000 und 690.000 unter dem Bedarf, der zu erwarten ist. Die
Gesundheitsbranche steht bereits jetzt vor einer doppelten
Herausforderung: Ein steigender Versorgungsbedarf trifft auf Beschäftigte,
die zunehmend selbst Pflegeverantwortung tragen. Überdurchschnittlich
viele Pflegefachpersonen – in der Mehrzahl Frauen – reduzieren ihre
Arbeitszeit oder verabschieden sich für längere Zeit ganz aus dem Job, um
private Pflegeaufgabe für An- und Zugehörige zu übernehmen.
Doppelbelastung mit Folgen
Insbesondere im Gesundheitswesen werde das Thema Vereinbarkeit von Beruf
und Pflege immer noch viel zu oft als individuelle Herausforderung
aufgefasst, leitete Moderatorin Merle Becker die Tagung ein. „Aber es ist
ein systemischer Hebel für das Halten von Fachkräften und für die
Versorgungssicherheit in Deutschland.“
„Konservativ gerechnet leisten in NRW rund 770.000 Menschen Pflegearbeit
und sind gleichzeitig erwerbstätig“, berichtete Landesprogramm-
Projektleiterin Greta Ollertz. Das entspreche über alle Branchen verteilt
acht Prozent aller Mitarbeitenden. Im Gesundheits- und Pflegebereich sei
dieser Anteil deutlich höher. Eine Doppelbelastung mit Folgen: „Wenn die
Pflege nicht mit der Arbeit vereinbar ist, dann wechseln die Angehörigen
oft in eine Teilzeittätigkeit, kündigen ganz oder werden krank.“
Zudem betonte Ollertz: „Pflegende aus dem Gesundheitswesen haben es mit
einer besonders fordernden Erwartungshaltung von vielen Seiten zu tun“, so
die Leiterin des Servicezentrums, das das Landesprogramm koordiniert. „Es
wird vorausgesetzt, dass professionelle Pflegekompetenz auch informelle
Pflegekompetenz einschließt.“ Privat pflegen zu pflegen, sei jedoch eine
völlig andere Situation. „In diesem besonderen Spannungsfeld bitten die
Betroffenen selten um Hilfe, und es wird ihnen auch so gut wie keine Hilfe
angeboten.“
Vereinbarkeit ist zentrale Arbeitgeberaufgabe
„Die speziellen Arbeitsbedingungen in der professionellen Pflege sind nur
ganz schwer mit den privaten Sorgepflichten zu vereinbaren“, sagte Dr.
Alexia Zurkuhlen, Vorständin des Landesprogramm-Projektträgers Kuratorium
Deutsche Altenhilfe Wilhelmine-Lübke-Stiftung (KDA). Falle eine
Pflegefachperson aufgrund fehlender Vereinbarkeit aus, sei das nicht nur
ein persönliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem.
„Vereinbarkeit ist kein ‚Nice to have‘, sondern eine zentrale Arbeitgeber-
Aufgabe“, so Zurkuhlen. „Wir brauchen neue Pflegemodelle, die näher an der
Realität sind und die Pflegevereinbarkeit auch als gesamtgesellschaftliche
Aufgabe begreifen.“
Individuelle Bedürfnisse berücksichtigen
„Die Betroffenen nehmen sich selbst häufig nicht als pflegende Angehörige
wahr, sondern sehen auch ihre private Tätigkeit aus der Profiperspektive“,
berichtete Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin Prof. Anke Jähnke. Die
Kombination aus anspruchsvollem Beruf und pflegerischer Verantwortung zu
Hause führe zu Stress, Burnout-Risiken und Vereinbarkeitsproblemen. „Wenn
wir die Betroffenen im Beruf halten wollen, müssen wir ihre individuellen
Bedürfnisse kennen und wertschätzen. Eine bessere Vereinbarkeit nutzt
nicht nur den Mitarbeitenden, sondern schützt auch vor dem drohenden
Fachkräftemangel in Gesundheitsbetrieben“, machte Jähnke deutlich.
Neue Konzepte gefragt
„Professionelle Pflege und informelle Pflege bedingen sich gegenseitig“,
betonte Pflegekammer-Vorstandsmitglied Kevin Galuszka. „Wenn wir die
professionelle Pflege stärken oder schwächen, beeinflussen wir dadurch
auch pflegende Angehörige.“ Die Politik müsse die Profession und die
pflegenden Angehörigen durch bessere Rahmenbedingungen langfristig
stärken.
In NRW sei ein Drittel der Pflegefachpersonen älter als 55 Jahre und nur
13 Prozent jünger als 30 Jahre, erläuterte Galuszka. Die demografische
Entwicklung laufe besonders im ländlichen Raum auf eine Pflege-
Unterversorgung zu. Neue Versorgungskonzepte seien dringend nötig. „Ohne
mehr Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland werden wird es nicht
hinbekommen.“ Zudem müssten die Versorgungssysteme im Sinne eines
„Community Health Nursing“ umgestaltet werden – ein Ansatz, der die
ganzheitliche Versorgung und Begleitung von Menschen aller Altersgruppen
beinhaltet, sowohl in Phasen der Gesundheitserhaltung als auch bei
Krankheit.
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