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Wirtschaft

Afrikas Freihandelspläne eröffnen neue Chancen

Die neue Freihandelszone in Afrika eröffnet für den Handel innerhalb des
Kontinents und auch für europäische und insbesondere deutsche Firmen neue
Chancen. Der EU biete sich eine Möglichkeit, ihren relativen
Bedeutungsverlust im Afrikahandel im Vergleich zu China auszubremsen.
Damit dies gelinge, sollten allerdings die EU und europäische Firmen
afrikanische Länder bei der Implementierung der Freihandelszone
unterstützen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des IfW Kiel.

Die im Mai 2019 gestartete African Continental Free Trade Area (AfCFTA)
sei in vielerlei Hinsicht ein historischer Meilenstein in Richtung
Handelsfreiheit und damit mehr Prosperität auf dem afrikanischen
Kontinent. Dass dabei Zölle innerhalb Afrikas wegfallen, sei weniger
bedeutend. Wichtiger sei der angestrebte Abbau anderer Handelshürden, so
die Autoren der Studie „Effects of the AfCFTA for German and European
Companies“ (Hinz, J., Chowdhry, S., Jacobs, A., Thiele, R., Oktober 2022).
Deren Abbau sei allerdings kein Selbstläufer, und die EU und hiesige
Firmen könnten ihr Know-how einbringen, um Handelshürden effizient und zum
Vorteil aller zu beseitigen.

„Unsere Simulationen zeigen, dass AfCFTA den chronisch geringen Handel
afrikanischer Länder untereinander verstärken kann. Wichtigster Hebel
dafür ist der Wegfall von bürokratischen Handelshürden und anderen
sogenannten nicht-tarifären Handelshemmnissen (Non-Tariff Barriers, NTBs),
weniger der Entfall von Zöllen“, sagt Julian Hinz (https://www.ifw-
kiel.de/de/experten/ifw/julian-hinz/), Handelsforscher und
verantwortlicher Autor der Studie. „Schon der Wegfall von 10 Prozent
dieser Handelshürden (NTBs) kann hohes innerafrikanisches und globales
Exportwachstum auslösen.“ Außerhalb Afrikas könnten deutsche Firmen wegen
der heute schon bestehenden besonderen Handelsbeziehungen substanziell
profitieren.

EU verliert im Afrika-Handel Gewicht, Asien legt zu

Die EU hat für die Ex- und Importe Afrikas in den vergangenen Jahren
deutlich an Bedeutung verloren, während Asien gewonnen hat: Zwischen 2000
und 2020 fiel der Anteil der EU an den Exporten Afrikas von knapp 50 auf
35 Prozent, der Anteil Asiens wuchs in der gleichen Zeit um fast 20
Prozentpunkte auf rund 30 Prozent. Was die Importe betrifft, überholte
Asien die EU bereits 2013 als Hauptimportregion des afrikanischen
Kontinents. Für die EU selbst bleibt Afrika mit 2 Prozent ihrer Exporte
ein kleiner Handelspartner. Deutschland ist innerhalb der EU der
zweitgrößte Exporteur und drittgrößte Importeur mit Blick auf AfCFTA-
Länder und hat eine Sonderstellung hinsichtlich der Produkte: Vor allem
Maschinen, Elektrogeräte, Fahrzeuge und Transportausrüstung werden ex- und
importiert. Das liegt insbesondere am deutschen Engagement in Südafrika.

Innerafrikanischer Handel hängt zurück

Auch der innerafrikanische Handel gewann an Bedeutung: 2020 blieben rund
25 Prozent der Exporte afrikanischer Länder innerhalb des Kontinents,
verglichen mit 12 Prozent im Jahr 2000. Doch trotz dieses Wachstums ist
der innerafrikanische Handel weit schwächer ausgeprägt als in stärker
integrierten Wirtschaftsräumen wie der EU.

Auf Basis von Simulationen mit dem internationalen Handelsmodell KITE
(https://www.ifw-kiel.de/de/institut/forschungszentren/handelspolitik
/kite-kiel-institute-trade-policy-evaluation/
) sind laut der Studie u.a.
diese mittel- bis langfristigen Effekte der AfCFTA zu erwarten:

Der alleinige Abbau von allen Zöllen zwischen den AfCFTA-Mitgliedern hat
einen geringen Einfluss auf den Handel und die nationalen Einkommen
beteiligter Länder.

Werden zusätzlich andere Handelshemmnisse (NTBs), wie zum Beispiel
Importquoten, innerhalb der AfCFTA um 10 Prozent verringert, könnten die
globalen Exporte der AFCFTA-Mitglieder um jährlich 17 Prozent höher liegen
als ohne diese Maßnahmen, die innerafrikanischen Exporte um knapp 23
Prozent. Die Länder könnten mit einem Zuwachs ihres Jahreseinkommens von
11 Prozent rechnen und einem Plus der Produktion (preisbereinigt) von 24
Prozent.

Wird der Abbau der NTBs auf Länder außerhalb der AfCFTA ausgeweitet,
verstärkt sich der positive Effekt noch: Die jährlichen globalen Exporte
der beteiligten Länder liegen dann um 22 Prozent höher, die Exporte in die
EU um knapp 30 Prozent. Das Einkommen läge um 18 Prozent höher und die
Produktion um 29 Prozent.

„AfCFTA kann einen signifikant positiven Effekt für die beteiligten
afrikanischen Länder haben. Voraussetzung ist, dass neben Zöllen auch
andere Handelshemmnisse wie Importquoten und Zollbürokratie wegfallen.
Wenn Letzteres auch gegenüber Dritten gilt, würden davon die AfCFTA-Länder
zusätzlich profitieren, aber auch etwa die EU-Staaten. Die EU und
Deutschland sollten sich deshalb darauf fokussieren, die AfCFTA-Staaten
dabei zu unterstützen, mit der Implementierung des Abkommens nicht-
tarifäre Handelshemmnisse abzubauen. Öffentliche Institutionen und Firmen
aus der EU können zum Beispiel dabei helfen, die Zollabfertigung und
-infrastruktur der AfCFTA-Länder zu modernisieren“, sagt Julian Hinz.
„Europäische und vor allem auch deutsche Exporteure in die AfCFTA-Länder
müssten nach unseren Simulationsergebnissen kaum befürchten, dass ihre
Exporte durch innerafrikanische Exporte verdrängt werden.“

Die Studie wurde mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für
Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) erstellt.

Studie jetzt lesen: „Effects of the AfCFTA for German and European
Companies“ (https://www.ifw-kiel.de/experts/ifw/julian-hinz/effects-of-
the-afcfta-for-german-and-european-companies-17702/
)

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Kiel Trade Indicator 09/22: Frachtraten sinken deutlich, Stau in Deutscher Bucht geht zurück

Die Nachfrage in Europa und Nordamerika nach Waren aus China geht deutlich
zurück, was sich in stark fallenden Frachtraten zeigt. Diese liegen
teilweise fast wieder auf dem Niveau vor dem weltweiten Ausbruch der
Corona-Pandemie Anfang 2020, zwischenzeitlich betrugen sie bis zum
Zehnfachen. Ins Bild passen die schwachen Handelswerte im jüngsten
Datenupdate des Kiel Trade Indicator für September (Monat-zu-Monat,
preis-/saisonbereinigt). Allerdings bleibt der Ablauf im maritimen
Containerverkehr gestört, noch immer stecken viele Frachter fest. In der
Deutschen Bucht bildet sich der Stau allerdings zurück.

Laut jüngstem Datenupdate des Kiel Trade Indicator stagniert der
Welthandel im September im Vergleich zum Vormonat (preis- und
saisonbereinigt). Für Deutschlands Handel sind die Werte für Importe (-0,5
Prozent) und Exporte (-0,1 Prozent) leicht negativ bzw. deuten auf eine
rote Null hin. Auch für die EU zeichnet sich wenig Veränderung im Handel
ab, Importe (-0,7 Prozent) und Exporte (-0,2 Prozent) dürften leicht unter
bzw. auf dem auf Niveau des Vormonats liegen.

Für die USA signalisieren die Werte des Kiel Trade Indicator etwas mehr
Bewegung im Handel, bei den Importen (-4,4 Prozent) steht gegenüber August
ein klares Minus. Die Exporte (+0,1 Prozent) dürften stagnieren. Für China
steht ein Plus bei den Importen (3,9 Prozent) und ein Minus bei den
Exporten (-0,9 Prozent). Russland kann ein leichtes Plus bei Importen
(+0,2 Prozent) und Exporten erwarten (+0,8 Prozent).

„Der Septemberhandel ist durch eine schwache Nachfrage nach Waren aus
China durch Europa und Nordamerika geprägt“, sagt Vincent Stamer, Leiter
Kiel Trade Indicator. „Dies zeigt sich in den schwachen Werten für die
Importe der EU und der USA sowie für den gesamten Welthandel, vor allem
aber in den stark rückläufigen Frachtraten für Warentransporte von China
nach Nordamerika und Europa.“

Nach Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 gerieten Angebot und
Nachfrage im globalen Warenverkehr durcheinander – die Verfügbarkeit von
Frachtkapazität sank, die Nachfrage insbesondere nach Gütern und deren
Transport aus China für Heimarbeit, Sport und Unterhaltung stieg aber.

In der Folge explodierten die Frachtraten auf bis zum Zehnfachen der lange
Jahre üblichen Transportkosten. Seit rund vier Monaten gehen sie rapide
zurück, auf der Route von China zur US-Westküste liegen die Frachtraten
fast wieder auf dem Niveau von vor der Krise. Auf der Route von China nach
Westeuropa ist das Vor-Krisenniveau noch nicht ganz wieder erreicht.

„Eine Abkühlung des globalen Handels könnte auch etwas Positives
darstellen, wenn sich überspannte Lieferketten und Verkehrsstaus durch die
Atempause erholen. Denn trotz des hohen Auftragsbestandes bremsen
Lieferengpässe einen höheren Zuwachs bei den preisbereinigten Exporten
Deutschlands noch immer aus, die Werte des Kiel Trade Indicator sind nun
bereits den dritten Monat in Folge negativ“, so Stamer.

Knapp 12 Prozent aller verschifften Waren stecken derzeit im Stau fest.
Von den vom IfW Kiel beobachteten Wartebereichen ist der Stau in der
Nordsee nach wie vor am gravierendsten und bindet über 2 Prozent der
weltweiten Frachtkapazität, die weder be- noch entladen werden kann. In
der Deutschen Bucht bildet sich der Stau allerdings zurück, nur noch 12
Containerschiffe warten hier auf Abfertigung in Hamburg oder Bremerhaven.
Vor einem Monat waren es noch 19.

Russland scheint im Bestreben, den ausbleibenden Handel mit der EU durch
Handel mit Asien zu substituieren, Fortschritte zu machen. In den für den
Asienhandel zentralen Häfen Vladivostok und Novorossiysk steigt die Anzahl
ankommender Containerschiffe im Trend kontinuierlich an. „Allerdings
können die Importe aus Asien bisher noch nicht den Handel mit Europa
ersetzen“, so Stamer.

Die nächsten Aktualisierungen des Kiel Trade Indicator erfolgen am 21.
Oktober (ohne Medieninformation) und am 7. November (mit Medieninformation
für die Handelsdaten im Oktober 2022).

Weitere Informationen zum Kiel Trade Indicator und die Prognosen für alle
75 Länder finden Sie auf www.ifw-kiel.de/tradeindicator (https://www.ifw-
kiel.de/de/themendossiers/internationaler-handel/kiel-trade-indicator/).
­

Über den Kiel Trade Indicator

Der Kiel Trade Indicator schätzt die Handelsflüsse (Im- und Exporte) von
75 Ländern und Regionen weltweit sowie des Welthandels insgesamt. Im
Einzelnen umfassen die Schätzungen über 50 Länder sowie Regionen wie die
EU, Subsahara-Afrika, Nordafrika, den Mittleren Osten oder Schwellenländer
Asiens. Grundlage ist die Auswertung von Schiffsbewegungsdaten in
Echtzeit. Ein am IfW Kiel programmierter Algorithmus wertet diese unter
Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz aus und übersetzt die
Schiffsbewegungen in reale, saisonbereinigte Wachstumswerte gegenüber dem
Vormonat.

Die Auswertung erfolgt zweimal im Monat. Um den 20. (ohne Pressemeldung)
für den laufenden und den folgenden Monat und um den 5. (mit
Pressemeldung) für den vergangenen und den laufenden Monat.

An- und ablegende Schiffe werden dabei für 500 Häfen weltweit erfasst.
Zusätzlich werden Schiffsbewegungen in 100 Seeregionen analysiert und die
effektive Auslastung der Containerschiffe anhand des Tiefgangs gemessen.
Mittels Länder-Hafen-Korrelationen können Prognosen erstellt werden, auch
für Länder ohne eigenen Tiefseehafen.

Der Kiel Trade Indicator ist im Vergleich zu den bisherigen
Frühindikatoren für den Handel deutlich früher verfügbar, deutlich
umfassender, stützt sich mit Hilfe von Big Data auf eine bislang
einzigartig große Datenbasis und weist einen im Vergleich geringen
statistischen Fehler aus. Der Algorithmus des Kiel Trade Indikators lernt
mit zunehmender Datenverfügbarkeit dazu (machine learning), so dass sich
die Prognosegüte im Lauf der Zeit weiter erhöht.

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RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Steigender Containerumschlag weist auf Entspannung der Lieferketten hin

Der Containerumschlag-Index des RWI – Leibniz-Institut für
Wirtschaftsforschung und des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und
Logistik (ISL) ist nach der aktuellen Schnellschätzung im August
saisonbereinigt leicht auf 127,4 Punkte gegenüber dem Vormonat gestiegen.
Besonders stark hat der Containerumschlag in den nordeuropäischen Häfen
zugelegt.

Das Wichtigste in Kürze:

• Der Containerumschlag-Index des RWI – Leibniz-Institut für
Wirtschaftsforschung und des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und
Logistik (ISL) ist saisonbereinigt im August auf 127,4 Punkte gegenüber
126,5 Punkten (revidiert) im Vormonat  gestiegen.

• In den chinesischen Häfen hat sich der Containerumschlag nach einer
Verschnaufpause im Juli weiter von den Lockdowns erholt. Der Indexwert für
die chinesischen Häfen stieg von 137,1 auf 139,5.

• Der Nordrange-Index, der Hinweise auf die wirtschaftlichen Entwicklung
im nördlichen Euroraum und in Deutschland gibt, ist im August  gegenüber
dem Vormonat von 111,5 (revidiert) auf 115,2 besonders kräftig gestiegen.

• Der RWI/ISL-Containerumschlag-Index für September 2022 wird am 28.
Oktober 2022 veröffentlicht.

Zur Entwicklung des Containerumschlag-Index sagt RWI-Konjunkturchef
Torsten Schmidt: „Der Containerumschlag hat im August trotz einer sich
abschwächenden Weltkonjunktur zugelegt. Die besonders kräftige Ausweitung
in den europäischen Häfen spricht dafür, dass sich die Lieferketten
allmählich entspannen.“

Über den RWI/ISL-Containerumschlag-Index:

In den Index gehen die im Rahmen des ISL Monthly Container Port Monitor
fortlaufend erhobenen Angaben zum Containerumschlag in 94 internationalen
Häfen ein, auf die rund 62 Prozent des weltweiten Containerumschlags
entfallen. Die aktuelle Schnellschätzung für den Containerumschlag-Index
stützt sich auf Angaben von rund 93 Prozent des im Index abgebildeten
Umschlags. Da der internationale Handel im Wesentlichen per Seeschiff
abgewickelt wird, lassen die Containerumschläge zuverlässige Rückschlüsse
auf den Welthandel zu. Weil viele Häfen bereits zwei Wochen nach Ablauf
eines Monats über ihre Aktivitäten berichten, ist der RWI/ISL-
Containerumschlag-Index ein zuverlässiger Frühindikator der Entwicklung
des internationalen Handels mit verarbeiteten Waren und damit auch der
weltwirtschaftlichen Aktivität. Der Containerumschlag-Index ist Teil der
Statistiken zum Außenhandel im „Dashboard Deutschland“ des Statistischen
Bundesamtes.

Datenreihen für einzelne Häfen sind im ISL Monthly Container Port Monitor
verfügbar.
Weitere Hintergrundinformationen zum RWI/ISL-Containerumschlag-Index
finden Sie unter www.rwi-essen.de/containerindex.

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IMK: Durch Energiepreisschocks in die Rezession

Neue Konjunkturprognose

IMK: Durch Energiepreisschocks in die Rezession – Deutsche Wirtschaft
wächst 2022 um 1,6 Prozent und schrumpft 2023 um 1,0 Prozent

Der massive Anstieg der Energiepreise als Folge des russischen
Angriffskriegs gegen die Ukraine und von eingestellten Gaslieferungen
stellt einen in der Nachkriegszeit einmaligen Preisschock für die deutsche
Wirtschaft dar. Der private Konsum wird aufgrund des drastischen
Kaufkraftverlusts deutlich zurückgehen, was das Wachstum belastet. Zwar
wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahresdurchschnitt 2022 noch um 1,6
Prozent steigen, im kommenden Jahr aber um jahresdurchschnittlich 1,0
Prozent schrumpfen. Das ergibt die neue Konjunkturprognose des Instituts
für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-
Stiftung.* Gegenüber der letzten Prognose vom Juni senkt das Institut
damit seine Wachstumserwartung für dieses Jahr um 0,3 Prozentpunkte und
für 2023 um 3,6 Prozentpunkte. Die Lage am Arbeitsmarkt bleibt trotz der
Rezession relativ stabil, die Arbeitslosigkeit steigt lediglich moderat
(Detaildaten unten und in der Tabelle in der pdf-Version dieser PM; Link
unten). Eine Preis-Lohn-Spirale ist laut IMK aktuell nicht zu erwarten,
höhere Tarifabschlüsse als in den Vorjahren und die Anhebung des
Mindestlohns leisteten „einen wichtigen Beitrag dabei, die Realeinkommen
der abhängig Beschäftigten nicht noch stärker zurückgehen zu lassen“,
schreiben die Ökonominnen und Ökonomen. Gleichzeitig bleibe die
Fiskalpolitik weiter gefragt. Die Bundesregierung sollte Privathaushalte
und Unternehmen durch wirkungsvolle Energiepreisdeckelungen entlasten, so
die Forschenden. Dagegen müsse die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrer
Zinspolitik behutsam vorgehen. Schließlich könne die Notenbank gegen die
Preisschübe durch importierte Energie nichts direkt ausrichten. Vielmehr
riskiere sie, die Konjunktur noch weiter zu schwächen.

Der Börsenpreis für Erdgas ist gegenüber 2019 um mehr als 1000 Prozent
gestiegen. Bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ist das größtenteils
noch nicht angekommen, da viele Haushalte längerfristige Verträge mit
ihren Versorgungsunternehmen haben. Der überwiegende Teil der
Preissteigerungen wird im kommenden Winterhalbjahr zu Buche schlagen, so
das IMK. Die Inflation wird dadurch noch stärker zulegen als bisher: Im
vierten Quartal wird der Anstieg der Verbraucherpreise rund 10 Prozent
betragen, im Jahresdurchschnitt 2022 7,8 Prozent. Für das kommende Jahr
rechnet das IMK mit einer etwas nachlassenden Inflation von 5,7 Prozent im
Jahresmittel.

Der private Verbrauch wird infolge der Preissteigerungen deutlich
zurückgehen: Nachdem sie im ersten Halbjahr 2022 noch relativ stark
gestiegen waren, werden die Konsumausgaben im weiteren Jahresverlauf
allenfalls stagnieren und im kommenden Jahr um 2,5 Prozent schrumpfen.
Zugleich werden die Bauinvestitionen 2023 einbrechen, was vor allem an den
gestiegenen Zinsen und Baukosten liegt und durch anhaltende
Materialengpässe verstärkt wird. Besonders deutlich werden die
Investitionen im Wohnungsbau sinken.

Nicht zuletzt aufgrund von Kurzarbeit dürfte die Lage am Arbeitsmarkt
gleichwohl relativ stabil bleiben. Die Arbeitslosenquote steigt laut IMK
von durchschnittlich 5,3 Prozent im Jahr 2022 auf 5,8 Prozent im Jahr
2023, was aber zu einem erheblichen Teil daran liegt, dass die
erwerbsfähigen ukrainischen Geflüchteten in die Arbeitslosenstatistik
einbezogen werden. Die von der Bundesregierung beabsichtigte Verlängerung
des erleichterten Zugangs zum Kurzarbeitsgeld über den September 2022
hinaus sei richtig, könnte aber zu wenig sein, urteilen die Expertinnen
und Experten des IMK. Denkbar sei, dass der Staat die
Sozialversicherungsbeiträge für die ausgefallenen Arbeitsstunden wieder
komplett oder zumindest teilweise übernimmt und das Kurzarbeitsgeld
zeitweise anhebt.

Die Bundesregierung ist mehrfach gefordert: „Zur Verhinderung sozialer
Schieflagen, aber auch zur Stabilisierung des privaten Konsums und damit
der Konjunktur, ist in der aktuellen Situation insbesondere die schnelle
Umsetzung von Preisbremsen bei Erdgas und Strom erforderlich. Allerdings
sollte dabei der subventionierte Grundbedarf so bemessen sein, dass der
Sparanreiz bei allen Haushalten bestehen bleibt“, heißt es in der IMK-
Prognose. Neben dem akuten Energiepreisschock müsse die Bundesregierung
dabei auch die Klimaziele weiter im Blick haben. Dies erfordere massive
private und öffentliche Investitionen – auch in einer Zeit, in der die
finanzielle Lage der öffentlichen Haushalte, der Unternehmen und der
privaten Haushalte durch die Folgen des Ukrainekriegs angespannt ist.

Aus Sicht der Forschenden sind die Pläne, die Schuldenbremse 2023 ohne
erneuten Rückgriff auf die Notlagenklausel einzuhalten, angesichts der
hohen anstehenden Kosten für notwendige Maßnahmen wie die Gaspreisbremse
und die Klimainvestitionen fragwürdig. „Insbesondere besteht das Risiko,
dass durch den engen Finanzierungsrahmen eine Gaspreisbremse zu spät oder
in zu geringem Umfang umgesetzt wird und damit eine effektive
Stabilisierung der sich abzeichnenden Rezession verhindert wird“,
schreiben die Volkswirtinnen und Volkswirte. Inflationäre Gefahren gingen
von einem erneuten Aussetzen der Schuldenbremse für die hier diskutierten
Stabilisierungsmaßnahmen nicht aus, weil es bei diesen Maßnahmen vor allem
darum geht, den Einbruch der Konsumnachfrage zu begrenzen und eine
deutliche Unterauslastung der Kapazitäten zu verhindern. Nicht darum, die
Wirtschaft vom aktuellen Produktionsniveau weiter zu stimulieren.

Kerndaten der Prognose für 2022 und 2023
(siehe auch die Tabelle im Anhang bzw. Tabelle 2 im Report; Link unten)

– Arbeitsmarkt –

Die negativen Auswirkungen insbesondere des Ukrainekrieges auf die
Konjunktur beeinflussen auch die Arbeitsmarktentwicklung. Der positive
Trend bei der Erwerbstätigkeit schwächt sich durch die Rezession stark ab.
So legt die Zahl der Erwerbstätigen 2022 jahresdurchschnittlich noch um
1,3 Prozent zu. Für 2023 erwartet das IMK dann im Jahresmittel nur noch
einen geringen Zuwachs um 0,2 Prozent. Bei den Arbeitslosenzahlen
prognostiziert das IMK im Jahresdurchschnitt 2022 einen Rückgang um knapp
180.000 Personen, so dass im Jahresmittel rund 2,43 Millionen Menschen
arbeitslos sein werden. Das entspricht einer Quote von 5,3 Prozent. Für
2023 veranschlagen die Forschenden einen Trendwechsel hin zu einem
Wiederanstieg der Arbeitslosigkeit auf knapp 2,67 Millionen Arbeitslose,
was einer Quote von 5,8 Prozent entspricht. Auch die Zahl der
Kurzarbeitenden steigt, von 440.000 im Jahresmittel 2022 auf
durchschnittlich 550.000 im kommenden Jahr.

– Weltwirtschaft und Außenhandel –

Trotz nach wie vor hoher Auftragsbestände deutscher Unternehmen entwickelt
sich der Export sehr schwach. Das liegt an der aktuell relativ schwachen
Auslandsnachfrage, den hohen Energiepreisen und auch an weiter
angespannten Lieferketten, die es erschweren, ältere Bestellungen
abzuarbeiten. Von wichtigen Handelspartnern kommen nur wenig Impulse, weil
auch deren Konjunktur lahmt. In den USA schwächt sich das Wachstum auf 1,7
Prozent im Jahresmittel 2022 und auf 1,1 Prozent im kommenden Jahr ab.
China weist mit 3,2 bzw. 5,1 Prozent im langjährigen Vergleich niedrige
BIP-Zuwächse auf, auch weil die Null-Covid-Strategie und die
Immobilienkrise bremsen. Die Wirtschaft im Euroraum verliert durch den
Ukraine-Krieg ebenfalls drastisch an Dynamik: Das IMK veranschlagt hier
für 2022 ein Wachstum von 3,0 Prozent. Doch für 2023 prognostizieren die
Forschenden einen BIP-Rückgang um 0,3 Prozent.

Das hinterlässt tiefe Spuren im deutschen Außenhandel. Die Exporte
stagnieren nahezu im Jahresmittel 2022 (0,1 Prozent Zuwachs). 2023
schrumpfen sie um 2,0 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Importe legen
trotz der starken Preissteigerungen, vor allem bei Energie, zunächst noch
zu: Im Jahresmittel 2022 steigen die Einfuhren um 3,6 Prozent. 2023 sinken
sie dann aber ebenfalls um 2,0 Prozent. Trotz der Rückgänge bei den
Ausfuhren weist die deutsche Leistungsbilanz weiter einen Überschuss aus,
der in diesem und im kommenden Jahr jeweils zwischen drei und vier Prozent
beträgt.

– Investitionen –

Bei den Ausrüstungsinvestitionen wirken sich schwache Weltkonjunktur und
hohe Energiepreise ebenfalls stark negativ aus. Hinzu kommt, dass sich mit
den Leitzinserhöhungen der EZB die Finanzierungsbedingungen für
Unternehmen verschlechtern. Andererseits sind gerade in der
Investitionsgüterindustrie die Auftragsbestände außerordentlich hoch: Im
Juli 2022 lagen sie um 33 Prozent über dem Niveau vor Beginn der Corona-
Krise. Wenn sich, wie das IMK erwartet, die Engpässe bei Vorprodukten
auflösen, dürften die Unternehmen diese Aufträge zunehmend abarbeiten
können. Hinzu kommen höhere staatliche Investitionen, etwa für die
Energiewende, sowie steigende Rüstungsausgaben. Unter dem Strich
entwickeln sich die Ausrüstungsinvestitionen laut IMK-Prognose schleppend,
aber positiv: 2022 steigen sie um 2,0 Prozent im Jahresmittel, 2023 um 1,0
Prozent.

Die in den Vorjahren kräftigen Bauinvestitionen brechen hingegen wegen der
Kosten- und Zinssteigerungen ein, vor allem 2023. Nach einem geringen
Wachstum von 0,5 Prozent im Jahresmittel 2022, gehen sie 2023 um
jahresdurchschnittlich 5,0 Prozent zurück.

– Einkommen und Konsum –

Die starke Teuerung drückt drastisch auf die realen Einkommen. Für dieses
Jahr veranschlagt das IMK nach Abzug der Inflation einen Rückgang um 2,4
Prozent im Jahresdurchschnitt. Da die privaten Haushalte in Summe aber
deutlich weniger sparen, wirkt sich das 2022 noch nicht auf die
durchschnittliche Veränderungsrate des privaten Konsums vollends aus. Der
wächst im Jahresmittel um 4,0 Prozent, wobei dieser Wert die Dynamik weit
überzeichnet (die Jahresverlaufsrate beträgt nur 0,4 Prozent). Im
kommenden Jahr sinken die verfügbaren Einkommen real um durchschnittlich
3,9 Prozent, der private Konsum um 2,5 Prozent.

– Inflation und öffentliche Finanzen –

Der Ukraine-Krieg treibt die Inflation in diesem Jahr zeitweilig auf
Rekordhöhen. Im Jahresdurchschnitt 2022 rechnet das IMK mit 7,8 Prozent
Inflation. 2023 geht die Teuerungsrate etwas zurück, bleibt im
Jahresmittel jedoch abermals weit über dem Inflationsziel der Europäischen
Zentralbank: Das IMK prognostiziert 5,7 Prozent.

Die Steuereinnahmen entwickeln sich schwächer. Zugleich setzt der Staat
zur Krisenbekämpfung viel Geld ein, unter anderem für Stützungsmaßnahmen
für Bürger und Unternehmen, zur Flüchtlingsaufnahme und ab 2023 für höhere
Verteidigungsausgaben. Das trägt zur Stabilisierung der Konjunktur bei,
führt aber auch dazu, dass das Defizit im öffentlichen Budget höher ist
als nach dem Abklingen der akuten Corona-Krise erwartet. Nach 3,7 Prozent
2021 ergibt sich für 2022 ein Haushaltsdefizit von 1,9 Prozent des BIP.
Für 2023 prognostiziert das IMK ein Defizit von 2,1 Prozent.

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