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Neue Therapieoptionen bei Bluthochdruck – medikamentös und interventionell

Neue Medikamentenentwicklungen sorgen seit vielen Jahren für signifikante
Therapiefortschritte bei Bluthochdruckerkrankungen. Ganz neue
Entwicklungen sind sogenannte nicht-steroidale Mineralkortikoidrezeptor-
Antagonisten [1] sowie die experimentelle Gabe von siRNA [2, 3], um die
hepatische Angiotensinogen-Produktion zu stoppen und somit das Renin-
Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) zu hemmen. Aber auch interventionelle
Methoden erweitern heute das Spektrum der antihypertensiven
Behandlungsmöglichkeiten, wie die kathetergestützte renale Denervation,
deren Wirksamkeit eine aktuelle Metaanalyse belegt [4].

Morbidität und Mortalität durch Bluthochdruckerkrankungen (Hypertonie)
sind weltweit von großer Bedeutung. Kardiovaskulären Erkrankungen
entwickeln sich dabei schleichend und können sich als akute Ereignisse wie
Schlaganfall und Herzinfarkt, aber auch langsam manifestieren wie
beispielsweise durch eine zunehmende Nierenfunktionsminderung (bis zur
Dialysepflicht) oder Sehverschlechterung (bis zur Erblindung). Wenn eine
Modifikation der klassischen Lifestyle-Risikofaktoren den Blutdruck nicht
ausreichend senkt, wird eine gezielte, in der Regel medikamentöse
antihypertensive Therapie empfohlen – aber auch interventionelle Methoden
könnten künftig Anwendung finden.

Bei der Regelung des Blutdrucks spielen die Nieren eine wichtige Rolle,
denn angeregt durch das vegetative Nervensystem (Sympathikusaktivierung)
setzen sie blutdrucksteigernde Hormone frei (z. B. Renin). Die
entsprechenden sympathischen Neurone ziehen vom Gehirn zu den Nieren, wo
sie entlang der Nierengefäße verlaufen. Das minimal-invasive Verfahren der
renalen Denervierung zielt darauf ab, punktgenau diese Nervenbahnen zu
unterbrechen. Dazu wird unter radiologischer Kontrolle ein spezieller
Gefäßkatheter bis in die Nierenarterien vorgeschoben und dort eine
gezielte Nervenverödung durchgeführt (elektrisch, mit Ultraschall oder
chemischen Substanzen).

Über die Effektivität der Methode wurde viel diskutiert, und sie ist
derzeit nur in Studien verfügbar. Eine Metaanalyse [4] zeigte jetzt, dass
die renale Denervierung nicht nur in ungeblindeten, sondern auch in
geblindeten, randomisierten, placebokontrollierten Studien eine
substanzielle Blutdrucksenkung bewirkt. Es wurden sieben Studien mit
insgesamt 1.368 Teilnehmenden einbezogen. Nach der renalen Denervierung
zeigte sich gegenüber der Placebogruppe (mit Schein-Intervention) eine
signifikante Senkung des systolischen und diastolischen Drucks (bei
Selbstmessung) von durchschnittlich 3,61 und 1,85 mm Hg sowie bei
Praxismessung von 5,86 und 3,63 mm Hg. Der Effekt war unabhängig von einer
bestehenden medikamentösen Behandlung.

Von mehreren in den letzten Monaten erschienenen Interventionsstudien ist
die RADIANCE-Studie [5] besonders interessant, da die renale Denervation
zusätzlich zu einer etablierten antihypertensiven Tripletherapie mit sehr
guter Adhärenz-Kontrolle durchgeführt wurde – und damit ein additiver
blutdrucksenkender Effekt gezeigt werden konnte. Die multizentrische,
randomisiert placebokontrollierte SPYRAL HTN-OFF MED Studie [6] hatte
bereits zuvor die renale Denervation ohne gleichzeitige medikamentöse
Therapie evaluiert. Auch bei Patienten mit therapieresistenter Hypertonie
(trotz durchschnittlich fünf antihypertensiver Medikamente) gelang mittels
Denervierung [7] eine relevante zusätzliche Blutdrucksenkung, anhaltend
über die gesamte Nachbeobachtungszeit von zwölf Monaten.

„Das momentane Fazit ist, dass die renale Denervation prinzipiell einen
blutdrucksenkenden Effekt erzielt“, so Prof. Prof. h.c. Dr. med. Markus
van der Giet, Berlin. „Der Effekt ist moderat und kann eine bestehende
Therapie bei schwieriger Therapiesituation ergänzen. Bisher sind weder
prädiktive Erfolgsfaktoren noch die Dauerhaftigkeit der Blutdrucksenkung
bekannt; hier bedarf es weiterer Forschung.“

Die Therapie mit antihypertensiven Medikamenten erfolgt nach einem
Stufenschema, gegebenenfalls mit Medikamentenkombinationen. Bei
resistenter oder schlecht kontrollierbarer Hypertonie und chronischer
Nierenfunktionseinschränkung (CKD) wird der Einsatz sogenannter
Mineralkortikoid-Rezeptorblocker (Aldosteronantagonisten) empfohlen. Sie
steigern die renale Natriumausscheidung und die Kaliumretention, daher
besteht das Risiko von gefährlichen Hyperkaliämien. Erst seit Kurzem gibt
es Studien mit nicht-steroidalen Aldosteronantagonisten (z. B. Finerenon)
sowie die jüngst publizierte BLOCK-CKD-Studie [1], eine multizentrische,
randomisierte, placebokontrollierte Phase-IIb-Studie mit dem ebenfalls
nicht-steroidalen „KBP-5074“. 162 Nierenkranke (CKD Stadium 3b/4) mit
einem mittleren systolischen Blutdruck von 155,3 (±13,55) mm Hg erhielten
zusätzlich zur Standard-Therapie entweder Placebo oder KBP-5074 (0,25 mg
oder 0,5 mg). Nach 84 Tagen war der mittlere Blutdruck unter 0,25 mg
KBP-5074 um 7,0 (±3,37) mm Hg und unter 0,5 mg um 10,2 (±3,32) mm Hg
gesunken. Bei jeweils zwei Teilnehmenden der der 0,5-mg-Gruppe sowie der
Placebogruppe wurde die Studienmedikation wegen einer Hyperkaliämie
abgesetzt, ansonsten traten keine relevanten Hyperkaliämien auf.

Ein ganz neuer, noch experimenteller Therapieansatz ist die Gabe von siRNA
(„small interfering RNA“). Mit siRNA kann die Expression bestimmter Gene
gezielt gehemmt werden. So konnte tierexperimentell schon vor zwei Jahren
gezeigt werden, dass durch spezifische siRNA in der Leber die Produktion
des blutdrucksteigernden Pro-Hormons Angiotensiogen herabgeregelt und ein
über Wochen anhaltender blutdrucksenkender Effekt erreicht wird [2]. Eine
aktuelle Arbeit [3] zeigte darüber hinaus, dass bei hypertonen,
niereninsuffizienten Tieren das Ausschalten des Leber-Angiotensinogens
auch renoprotektive Effekte hatte und beispielsweise eine
Glomerulosklerose (bindegewebige Vernarbung der Nieren) aufhalten konnte.

„In den neuen experimentellen Ansätzen mit der siRNA zeigt sich, dass
neben der reinen Blutdrucksenkung vor allem auch die Progression einer
Nierenerkrankung mit fortschreitender Funktionsverschlechterung deutlich
verlangsamt werden kann. Möglicherweise haben wir damit nicht nur eine
effektive blutdrucksenkende Therapieoption, sondern gleichzeitig eine, die
Endoranschäden effektiv abwenden kann“, erklärt Prof. van der Giet. Wie
der Experte betont, stellen siRNA nach Jahren des pharmakologischen
Stillstands in der Blutdrucktherapie – die zur Verfügung stehenden
Substanzen wurden lediglich verfeinert oder kombiniert – einen neuen
Therapieansatz dar, der nun in klinischen Studien validiert werden müsse.

Referenzen
[1] Bakris G, Pergola PE, Delgado B et al. Effect of KBP-5074 on Blood
Pressure in Advanced Chronic Kidney Disease: Results of the BLOCK-CKD
Study. Hypertension 2021 Jul; 78 (1): 74-81
[2] Uijl E, Mirabito-Colafella KM, Sun Y et al. Strong and Sustained
Antihypertensive Effect of Small Interfering RNA Targeting Liver
Angiotensinogen. Hypertension 2019 Jun; 73 (6): 1249-1257
[3] Bovée DM, Ren LR, Uijl E et al. Renoprotective Effects of Small
Interfering RNA Targeting Liver Angiotensinogen in Experimental Chronic
Kidney Disease. Hypertension 2021 May 5; 77 (5): 1600-1612
[4] Ahmad Y, Francis DP, Bhatt DL et al. Renal Denervation for
Hypertension: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized,
Blinded, Placebo-Controlled Trials. JACC Cardiovasc Interv 2021 Oct 26;
S1936- 8798 (21) 01782-9 doi: 10.1016/j.jcin.2021.09.020. Online ahead of
print.
[5] Azizi M, Sanghvi K, Saxena M et al. Ultrasound renal denervation for
hypertension resistant to a triple medication pill (RADIANCE-HTN TRIO): a
randomised, multicentre, single-blind, sham-controlled trial. Lancet 2021
Jun 26; 397 (10293): 2476-2486
[6] Böhm M, Kario K, Kandzari DE et al. Efficacy of catheter-based renal
denervation in the absence of antihypertensive medications (SPYRAL HTN-OFF
MED Pivotal): a multicentre, randomised, sham-controlled trial. Lancet
2020 May 2; 395 (10234): 1444-1451
[7] Mahfoud M, Sievert H, Bertog S et al. Long-Term Results up to 12
Months After Catheter-Based Alcohol-Mediated Renal Denervation for
Treatment of Resistant Hypertension. Circ Cardiovasc Interv 2021 Sep; 14
(9): e010075 doi: 10.1161/CIRCINTERVENTIONS.120.010075. Epub 2021 Sep 2.

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Die Zukunft der Blutdruckmessung: Kontinuierlich. In Echtzeit. In-Ear.

Die Deutsche Hochdruckliga ist an der Entwicklung einer neuartigen
Blutdruck-Messmethode beteiligt. Die Messung des Blutdrucks erfolgt dann
sensorbasiert und kontinuierlich über ein Hörgerät oder einen in-ear-
Kopfhörer. Die Vorteile? Oft kommt es im Alltag oder in der Nacht zu
gefährlichen Blutdruckspitzen, die bei der herkömmlichen Messung nicht
erkannt werden. Darüber hinaus erlaubt das System ein echtes Monitoring
von Hochrisikopatientinnen und -patienten – Smartwatches hingegen messen
den Blutdruck nicht, sondern schätzen ihn lediglich ab.

Die Deutsche Hochdruckliga ist zusammen mit dem Hörgerätehersteller Kind
assoziierter Partner des Projekts „Mikroelektronik für permanente,
nichtinvasive Blutdruckmessung im Ohr“ im Rahmen der BMBF-geförderten
Forschungsinitiative „Neue Elektroniksysteme für intelligente
Medizintechnik (Smart Health)“. Herr Hartmut Richter (audiofon hearing
system) koordiniert die Entwicklungsarbeit der Verbundpartner (Bartels
mikrotechnik, Bosch, FZI Forschungszentrum Informatik, Hahn Schickard).

Ziel des Vorhabens ist die Entwicklung eines Mikrosystems zur permanenten,
nichtinvasiven Blutdruckmessung im Ohr, inklusive der dafür benötigten
Sensor-Aktor-Komponenten sowie der Steuerungsplattform. Ein solches System
würde belastungsfreie Langzeitmessungen ermöglichen und einen enormen
Fortschritt für die Diagnose und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen
bedeuten. Die unmittelbaren, medizinischen Informationen durch
belastungsfreie Langzeitmessungen über akute Veränderungen, mögliche
Auslöser oder postoperative Verläufe, welche ein solches Systems ohne die
Risiken invasiver Verfahren liefern könnte, würde die Diagnose und
Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen revolutionieren. So würde
detailliertes Wissen über kardiopulmonale Verläufe von Patienten dazu
führten, individualisierte Therapiekonzepte mit denkbarer Unterstützung
durch technische Patient-The-Loop-Systeme zu ermöglichen. Auch gibt es
Krankheiten, wie z.B. Ohnmachtsanfälle (Synkopen), orthotostische
Dysregulationen, ungeklärte Herzrhythmusstörungen, bei denen das Wissen
über den Blutdruckverlauf eine wertvolle Information sein kann. Die
zusätzlich gewonnenen Informationen könnten darüber hinaus neue
medizinische Forschungsfelder eröffnen, wie die Blutdruckentwicklung
während körperlicher Aktivitäten/Sport.

In Vorarbeiten konnte bereits gezeigt werden, dass sich mittels passiver
Messung des Drucksignals im Ohr Vitalparameter wie Puls und Atmung
extrahieren lassen. Zudem wurde ein Verfahren erarbeitet und patentiert
(Az. 10 2016 002 596.4), welches basierend auf einer aktiven
Druckbeaufschlagung in einer abgedichteten Luftkammer im äußeren Gehörgang
bei gleichzeitiger Erfassung des Drucksignals die kontinuierliche
Bestimmung des absoluten Blutdrucks im Ohr ermöglicht. Die kontinuierlich
erhobenen Werte lassen sich dann in einer App auf dem Smartphone ablesen
und archivieren.

„Im Vergleich zur Blutdrucküberwachung mit einer SmartWatch, die den
Blutdruck anhand von Pulswellen oder Änderungen der Blutfülle von
Hautarealen nur mehr oder weniger abschätzen und relative
Blutdruckänderungen messen, handelt es sich bei dem neuen System um eine
medizinisch genaue kontinuierliche Messung in Echtzeit mit absoluten
Blutdruckwerten“, erklärt Dr. Siegfried Eckert, Bad Oeynhausen, der das
Projekt seitens der Deutschen Hochdruckliga begleitet und betreut.

Durch die Unterstützung der assoziierten Partner deutschen Hochdruckliga
und KIND können schon im Entwicklungsprozess Standards und Normen
eingehalten werden, um eine nachhaltige Entwicklung für eine zukünftige
Produktentwicklung nach Projektende zu gewährleisten. „Wir sind
optimistisch, das System binnen der nächsten zwei Jahre zur Produktreife
zu führen“, so Dr. Eckert abschließend heute auf der Pressekonferenz der
Deutschen Hochdruckliga.

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Neue Online-Fortbildung soll hohe Beratungsqualität bei familiärem Brust- und Eierstockkrebs sicherstellen

Ein neues kostenloses Online-Programm unterstützt Ärzt*innen bei der
Aufklärung und Beratung von Menschen mit einem erhöhten Risiko für
familiär bedingten Brust- und Eierstockkrebs. Die Deutsche
Krebsgesellschaft (DKG) hat diese Fortbildung gemeinsam mit dem Deutschen
Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs konzipiert. Das Programm
ist von der Ärztekammer Westfalen-Lippe mit 14 CME-Punkten anerkannt.

Auf einer Online-Plattform können sich Teilnehmer*innen Wissen in
Videoschulungen aneignen. Die Online-Vorträge vermitteln fachspezifische
Inhalte zu genetischen Risiken, zum Gendiagnostikgesetz, zu den
diagnostischen und therapeutischen Optionen und den besonderen
Anforderungen an die Kommunikation mit Risikopatient*innen. Im Anschluss
an die Vorträge findet, ebenfalls online, eine kurze Lernerfolgskontrolle
statt.

Bei rund 30 Prozent aller Betroffenen mit Mamma- oder Ovarialkarzinom
liegt eine familiäre Risikokonstellation vor. Von diesen tragen rund 30
Prozent eine Mutation in einem der bekannten Risikogene BRCA 1 und BRCA 2,
die mit einem Gentest nachgewiesen werden können. Rund 60 Prozent
entwickeln bis zum 80. Lebensjahr Brustkrebs, bei 20 bis 40 Prozent bildet
sich Eierstockkrebs. Deutlich erhöht ist bei Brustkrebs-Betroffenen auch
das Risiko für ein Karzinom in der zweiten Brust. Bei rund 40 Prozent
tritt innerhalb von 25 Jahren ein weiteres Karzinom auf. Da die Mutationen
vererbt werden können, haben auch Familienmitglieder ein erhöhtes
Krebsrisiko. Betroffene und deren Angehörige stellen sich dann oftmals die
Fragen, wie hoch das individuelle Erkrankungsrisiko ist und ob eine
vorsorgliche Entfernung von Brust oder Eierstock sinnvoll ist.

„Ärzt*innen können in der Fortbildung grundlegende Kenntnisse erwerben,
wie eine fundierte Beratung erkrankter Personen mit einer familiär gehäuft
auftretenden Krebserkrankung durchgeführt werden sollte“, sagt Professorin
Dr. Rita Schmutzler, Direktorin des Zentrums Familiärer Brust- und
Eierstockkrebs der Universitätsklinik Köln und Koordinatorin des Deutschen
Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs. Die Inhalte des
Curriculums wurden durch die Arbeitsgemeinschaft Curriculum des Deutschen
Konsortiums entwickelt, basierend auf den Vorarbeiten am Zentrum
Familiärer Burst- und Eierstockkrebs der Uniklinik Köln.

„Genetische Beratung ist insbesondere für alle gynäkologisch-onkologisch
tätigen Fachärzt*innen hochrelevant und wichtiger Bestandteil ihrer
täglichen Arbeit“, bestätigt auch PD Dr. Simone Wesselmann,
Abteilungsleiterin Zertifizierung der DKG. „Durch die enge Zusammenarbeit
von zertifizierten Brust- und Gynäkologischen Krebszentren mit den von der
DKG zertifizierten Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs
(FBREK-Zentren) sichern wir eine umfassende Betreuung von Patient*innen
mit einem familiär bedingten Brust- oder Eierstockkrebs. Dazu gehören -
neben Diagnose und Therapie - die genetische Beratung, die Durchführung
und Befundung genetischer Analysen, die Nachsorge, eine engmaschige
risikoadaptierte Früherkennung sowie die Durchführung prophylaktischer
Maßnahmen, wenn nötig. Die neue Online-Fortbildung schafft das Fundament
für eine einheitliche und evidenzbasierte Qualifikation der betreuenden
Ärzt*innen.“

Die Online-Fortbildung kann zeitlich flexibel durchgeführt werden und
richtet sich auch an Ärzt*innen außerhalb der Zertifizierten Zentren. Für
Ärzt*innen aus zertifizierten Brust- und Gynäkologischen Krebszentren
besteht zudem die Möglichkeit zu einer Hospitation in einem FBREK-Zentrum.
Dies ist Voraussetzung für den Abschluss und die Aufrechterhaltung eines
Kooperationsvertrages zwischen einem zertifizierten Gynäkologischen
Krebszentrum oder zertifizierten Brustkrebszentrum mit einem FBREK-
Zentrum. Die Förderung der Fortbildung erfolgt durch das Bundesministerium
für Gesundheit und das Horizon-2020-Projekt BRIDGES der EU.

Hier geht es zur Anmeldung:
https://seminare.akademie-wl.de/index.cfm?seite=veranstaltungsliste&l=2793

Weitere Informationen zur Fortbildung sind hier zu finden:
https://www.krebsgesellschaft.de/fortbildung-familiaerer-krebs.html
https://www.konsortium-familiaerer-brustkrebs.de/

Die Deutsche Krebsgesellschaft
Die Deutsche Krebsgesellschaft e. V. (DKG) – eine Nachfolgeorganisation
des 1900 gegründeten „Comité für Krebssammelforschung“ – ist die größte
wissenschaftlich-onkologische Fachgesellschaft im deutschsprachigen Raum.
In der DKG vertreten sind rund 8.000 Einzelmitglieder in 25
Arbeitsgemeinschaften, die sich mit der Erforschung und Behandlung von
Krebserkrankungen befassen; dazu kommen 16 Landeskrebsgesellschaften und
36 Fördermitglieder. Die DKG engagiert sich für eine Krebsversorgung auf
Basis von evidenzbasierter Medizin, Interdisziplinarität und konsequenten
Qualitätsstandards, ist Mitinitiatorin des Nationalen Krebsplans und
Partnerin der „Nationalen Dekade gegen Krebs". Mehr:
https://www.krebsgesellschaft.de/

Deutsches Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs
Die Zentren im Deutschen Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs
bieten Ratsuchenden aus einer Risikofamilie, die eine familiäre Belastung
für Brust- und/oder Eierstockkrebs haben, eine Beratung und Betreuung an.
Hierbei wird das individuelle Risiko, an Brustkrebs und/oder
Eierstockkrebs zu erkranken, innerhalb einer Risikofamilie durch eine
interdisziplinäre Beratung festgestellt und durch eine Gendiagnostik
ergänzt und präzisiert. Im Rahmen der gynäkologischen Beratung werden
adäquate präventive und therapeutische Maßnahmen besprochen und im Rahmen
von Verträgen zur Besonderen Versorgung mit den Krankenkassen angeboten.
Im Falle von Entscheidungsschwierigkeiten bieten wir eine psychosomatische
Beratung als Hilfestellung an. Ein zentrales Anliegen ist es dabei, unsere
Forschungsergebnisse und den stetigen Wissenszuwachs auf dem Gebiet des
familiären Brust- und Eierstockkrebses in die klinische Wissen
generierende Versorgung umzusetzen. Diesem Ziel dient neben einem
zentralen Register ein großes Angebot an Forschungsprojekten und
klinischen Studien zur Evaluation von präventiven und therapeutischen
Optionen. Mehr: https://www.konsortium-familiaerer-brustkrebs.de/

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Multidisziplinäres Herzboard (MDH)

Das Herz-Team als zentrale Instanz für patientenindividuelle Therapien von
Herz- und Kreislauf-Erkrankungen

Die Therapieoptionen für herzkranke Patienten haben sich in den
vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt. Dies gilt sowohl für den
Einsatz medikamentöser Substanzen als auch für die invasiven
Behandlungsoptionen. Daher kann die Entscheidung über die Wahl des
Therapieverfahrens für jeden einzelnen Patienten nicht mehr
monodisziplinär getroffen werden. Dieser wichtige Aspekt wird auch in den
aktuellen wissenschaftlichen Leitlinien der europäischen und
amerikanischen Fachge-sellschaften adressiert und in entsprechenden
Empfehlungen ausgewiesen. Dennoch ist davon auszugehen, dass die klinische
Realität in Deutschland in Bezug auf den stringenten Einsatz
„multidisziplinärer Herz-Teams“ zur patientenindividuellen Beratung,
Entscheidungsfindung und Therapieempfehlung im Sinne des „shared decision
making“ noch wesentliche Verbesserungspotentiale aufweist. Für das seit
Jahrzehnten in der Onkologie fest verankerte „multidisziplinäre Tumorboard
(MDT)“ konnte nachgewiesen werden, dass die prätherapeutische
Konsentierung im MDT nachweislich Konsequenzen auf die Ergebnisqualität
und den Patienten-Outcome hat. Es ist unbestritten, dass für einige Herz-
Kreislauf-Erkrankungen bereits multidisziplinäre Herz-Teams etabliert
sind. Dieses erfolgreiche Konzept gilt es konsequent und verbindlich für
alle invasiven Therapien von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu etablieren.

Was ist ein Herz-Team?
Bis heute werden mit dem Begriff „Herz-Team“ unterschiedliche
Teamstrukturen, verschiedene Prozesse und diverse infrastrukturell
bedingte Organisationsmodelle subsummiert. Die Mindestanforderung an ein
Herz-Team ist die nachvollziehbar strukturierte Abstimmung zwischen
Fachärztinnen und -ärzten für Herzchirurgie und Kardiologie oder
pädiatrische Kardiologie, ggf. unter Einbindung von Fachärzten für
Anästhesie mit kardioanästhesiologischer Kompetenz. Diese Zusammensetzung
zeigt bereits den Grundgedanken der fachgebietsübergreifenden
Zusammenarbeit, die die historisch bedingte, nicht mehr zeitgemäße und
arbiträre Trennung „schneidender“ und „sprechender“ bzw.
„diagnostizierender“ Fachgebiete überwindet. Hierdurch werden eine
patientenzentrierte sowie erkrankungs-spezifische Diagnostik und Therapie
ermöglicht.

In Abhängigkeit von der zugrundeliegenden Herzerkrankung, der notwendigen
Diagnostik und den Co-Morbiditäten der Patientinnen und Patienten inkl.
Risikobewertung ist die Erweiterung von Herzteams zum Beispiel um
Vertreter der Fachgebiete Radiologie, Gefäßchirurgie, Neonatologie,
Neurologie etc. notwendig.

In diesem Kontext konnte bereits für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen
gezeigt werden, dass durch strukturierte Teams, im Gegensatz zu
Einzelentscheidungen, fundiertere Entscheidungen getroffen werden.
Beispielsweise empfehlen die wissenschaftlichen Leitlinien zum Management
der infektiösen Endokarditis den kooperativen Ansatz eines
multidisziplinären „Endokarditis Teams“ mit besonderer Expertise. Gleiches
gilt auch für Patientinnen und Patienten mit einer Lungenembolie, die
durch ein „pulmonary embolism response team“ (PERT) oder Patienten nach
erfolgreicher Reanimation, die durch ein erfahrenes interprofessionelles
„Cardiac Arrest Receiving Team“ (CART) adäquat versorgt werden sollen.

Was ist die Aufgabe des Herz-Teams?
Das Herz-Team hat die Aufgabe, jeden Patienten fokussiert auf seine
Herzerkrankung, seine Co-Morbiditäten und auch die persönliche
Lebenssituation differenziert zu erfassen und einen individualisierten
Therapievorschlag im Herz-Team und danach mit dem Patienten zu
konsentieren. Dieser umfängliche Prozess muss ergebnisoffen geführt
werden, auch wenn im Ergebnis ggf. nicht leitlinienkonforme Empfehlungen
erfolgen. Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Patient
eine im Herz-Team konsentierte Empfehlung erhält und nicht bereits im
Vorfeld mit Therapiepräferenzen konfrontiert wird. Für die Abwägung,
welche Therapieverfahren für den jeweiligen Patienten die beste Option
darstellt, sind Fachärztinnen und -ärzte mit entsprechender Expertise aus
dem medikamentös-konservativen, dem interventionellen und dem operativen
Bereich der Herzmedizin und ggf. auch anderer Fachgebiete (siehe oben)
notwendig.

Wie funktioniert das Herz-Team am besten?
In einem gemeinsamen Herzzentrum mit Fachabteilungen für Herzchirurgie und
Kardiologie / pädiatrische Kardiologie oder auch in einem gemeinsamen
Herz- und Gefäßzentrum, in dem Fachärztinnen und -ärzte für Herzchirurgie,
Gefäßchirurgie, Kardiologie, pädiatrische Kardiologie und Angiologie
zusammenarbeiten, lassen sich bestmöglich patientenindividuelle
Entscheidungen treffen. Diese müssen grundsätzlich frei von ökonomischen
Zwängen und abteilungsbezogenen Partikular-interessen getroffen werden.
Hierzu erscheint u.a. eine zentrums-bezogene Budgetierung sinnvoll, wenn
nicht sogar notwendig.
Periodik, Struktur und Dokumentation von Herz-Team-Sitzungen sind obligat
festzulegen. Ferner sind nicht nur „allgemeine“ Herz-Team-Sitzungen
notwendig, sondern es müssen auch spezielle erkrankungsbezogene Sitzungen
durch besonders qualifizierte Herz-Teams etabliert sein (z.B. angeborene
Herzfehler, Herzinsuffizienz, Herzklappenerkrankungen, Herzrhythmus-
störungen etc.). Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit fokussiert auf
bestmögliche, patientenindividuelle Therapieempfehlungen und ermöglicht
eine exzellente Versorgungs- und Ergebnisqualität. Dies gilt insbesondere
auch für die wissenschaftliche Begleitung von Innovationen und die
klinische Einführung neuer Therapieverfahren. Ökonomische Implikationen
müssen in diesen ärztlichen Entscheidungsprozessen in den Hintergrund
treten. Es muss mit der Krankenhausverwaltung ein Weg gefunden werden,
neue Therapieverfahren zügig und unkompliziert im Herz-Team einführen zu
können.

Neben zentrumsinternen Herz-Teams existieren heutzutage auch institutions-
und fachgebietsübergreifende Kooperationen im Sinne von Herz-Team-
Abstimmungen. Diese haben zumeist keine feste Periodik, keine verbindlich
festgelegte Struktur und eine weniger differenzierte Dokumentation. Ein
einmalig wöchentliches Vorstellen von ausgewählten Patientinnen und
Patienten aus der kardiologischen Diagnostik verfehlt den Sinn des Herz-
Teams.

Gibt es Parallelen zum „multidisziplinären Tumorboard (MDT)?
Wie bereits dargestellt, ist das multidisziplinäre Tumorboard in der
Onkologie fest verankert. Das MDT ermöglicht durch seine Strukturierung
und die verbindlichen Vorgaben evidenzbasierte Bewertungen und
Entscheidungsfindungen im Team und beeinflusst dadurch entscheidend die
Patientensicherheit und die Behandlungsqualität. Für die Abstimmung im MDT
bedarf es einer gewissenhaften Aufbereitung der notwendigen Informationen,
um eine differenzierte und umfassende Darstellung zu ermöglichen. Die
Umsetzung des Konsensergebnisses ist nicht begrenzt auf die Institution,
in der das MDT etabliert ist. Ergänzend sollen MDT auch Empfehlungen und
Vorgaben für spezielle Tumorarten geben und hierbei Prävention,
Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge berücksichtigen. Des
Weiteren obliegt es dem MDT, auch Forschung und Wissenschaft zu
unterstützen. Schließlich ist das MDT ein wichtiges Element der
studentischen Lehre wie auch der ärztlichen Weiterbildung. Das Ergebnis
der Beratung im MDT ist für die Beteiligten bindend und muss den
Patientinnen und Patienten durch die behandlungsführende Ärztin
verständlich vermittelt werden – in der Regel sind die Patienten an einer
Adhärenz an diese Therapieempfehlung interessiert. Auch für Herz-Teams
sind die für das MDT dargestellten Aspekte sinnvoll und notwendig.
Bei Patientinnen mit Tumorerkrankungen stellt sich regelmäßig die Frage
nach dem mittel- und langfristigen Überleben bzw. der Prognose der
Tumorerkrankung. Dieser Fokus ist bei Herzpatienten zumeist weniger
ausgeprägt, da im Zusammenhang mit invasiven Therapiemaßnahmen (Operation,
Intervention) häufig die Hoffnung verbunden ist, durch Beseitigung der
Symptomatik die Herzerkrankung zu „heilen“. Viele Herz- und Gefäß-
Erkrankungen haben unbehandelt innerhalb von fünf Jahren eine mindestens
so hohe Sterblichkeitsgefahr wie manche Tumorerkrankungen, das Interesse
an einer langfristig wirksamen Therapie ist bei Herzpatienten jedoch
deutlich geringer. Es muss daher auch Aufgabe des Herz-Teams sein,
wissenschaftliche Daten zu langfristigen Therapiefolgen im Blick zu haben.
Ein besonderes Beispiel für ein aktives Herz-Team findet sich in der
Kinderherzmedizin, in der diese Team-Arbeit seit Jahrzehnten eine gelebte
Selbstverständlichkeit ist. Im Rahmen von Therapieentscheidungen bei
Neugeborenen, Säuglingen, Kindern und Jugendlichen mit angeborenen
Herzfehlern wird bei der interdisziplinären Zusammenarbeit von
Kinderherzchirurgen und Kinderkardiologen stets der gemeinsame Blick auf
die kurz-, mittel- und langfristige Perspektiven gerichtet. In gleicher
Art und Weise sollte dies auch für Patientinnen und Patienten mit
erworbenen Herzerkrankungen erfolgen.

Kann das Herz-Team wirtschaftlich arbeiten?
Die gemeinsame Budgetierung in einem Herzzentrum entlastet die
Verantwortlichen nicht von der Notwendigkeit, Entscheidungen unter
Einbeziehung wirtschaftlicher Aspekte zu treffen, dennoch müssen prioritär
patientenorientierte Entscheidungen im Vordergrund stehen. In Zentren mit
abteilungs- oder bereichsbezogenen Budgets lässt sich nicht ausschließen,
dass Therapieentscheidungen für Patientinnen und Patienten von
Partikularinteressen beeinflusst werden könnten. Die Vorteile für die
Kostenträger ergeben sich daraus, dass eine leitliniengerechte, nach
Qualitätskriterien evaluierte Therapie für einen Patienten zu einem
nachhaltig besseren Ergebnis führt. Durch das im Herz-Team gegebene
„Mehrmeinungsverfahren“ ist davon auszugehen, dass eine Über- oder
Unterversorgung wenig wahrscheinlich ist. Beispielsweise ist in Österreich
das Gesundheitssystem als Teil der Daseinsvorsorge der Bundesregierung
anders gestaltet und nicht wie in Deutschland ein überwiegend ökonomisch
orientierter Wirtschaftszweig.
Insgesamt zeigt sich, dass strukturierte Herz-Teams in vielerlei Hinsicht
erhebliche Vorteile, insbesondere für die uns anvertrauten Patientinnen
und Patienten, bieten. Im Gegensatz zur Onkologie bedarf es in der
Herzmedizin weiterer Anstrengungen zur verbindlichen Etablierung von Herz-
Teams, um die zuvor skizzierten Aspekte in der klinischen
Patientenversorgung fest zu verankern und die evidenzbasierte
patientenindividuelle Behandlung zu verbessern.

Autoren:
Prof. Dr. Andreas Böning, DGTHG Präsident
Dr. Andreas Beckmann, DGTHG Geschäftsführer

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