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Unwissen über Sepsis ist tödlich. Deshalb #DeutschlandErkenntSepsis

Unwissen über Sepsis ist tödlich: Am 13. September
ist Welt-Sepsis-Tag. In Deutschland gibt es ein großes Potential die
Sepsissterblichkeit zu reduzieren.

Jedes Jahr kommt es zu mindestens 20.000 vermeidbaren Todesfällen in
Verbindung mit Sepsis. Angesichts dieser Zahlen rufen die Initiatoren und
Partnerorganisationen der Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ die
Bürgerinnen und Bürger auf, sich intensiver mit dem Thema Sepsis zu
befassen. Bei HIV/AIDS ist es gelungen, die Zahl der jährlichen Todesfälle
auf unter 300 zu senken. Von der Politik, der Gesundheitswirtschaft sowie
den Verantwortlichen und Beschäftigten im Gesundheitswesen fordern wir
deshalb, alles in ihrer Macht Stehende dafür zu tun, um bei der Sepsis die
gleichen Erfolge zu erzielen wie bei HIV/AIDS.
Laut der WHO ist die Mehrzahl der Sepsis-Todesfälle vermeidbar (1). Dies
gilt auch für die mit einer Sepsis verbundenen schweren Langzeitfolgen
(#LongSepsis), an denen bis zu 75% der jährlich weit mehr als 100 000
Überlebenden leiden. Die aktuelle COVID-19 Pandemie hat diese Einschätzung
leider in vollem Umfang bestätigt. Doch obwohl eine Sepsis häufiger
vorkommt als Herzinfarkt oder Schlaganfall und deren
Krankenhaussterblichkeit wesentlich höher ist, ist das Wissen über Sepsis
in Deutschland nur vergleichsweise gering ausgeprägt.
„Das Ziel der Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis (DES) ist es, dem
Unwissen entgegenzuwirken, und aufzuklären ist die klügste Art für mehr
Patientensicherheit zu sorgen.“, erklärt die Vorsitzende des
Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) und Initiatorin der Kampagne,
Dr. Ruth Hecker. Getragen wird das Bündnis durch vier
Partnerorganisationen: Neben dem APS sind das der Sepsisdialog der
Universität Greifswald, die Deutschen Sepsis-Hilfe e.V., sowie die Sepsis-
Stiftung. Seit Juli 2021 wird die Kampagne außerdem vom Bundesministerium
für Gesundheit finanziell gefördert.
„Nur wenige Menschen wissen, dass die Sterblichkeit bei Sepsis durch drei
einfache Maßnahmen drastisch reduziert werden kann: Erstens eine bessere
Vorbeugung gegen Infektionen, zweitens die Früherkennung anhand bestimmter
Warnzeichen, sowie drittens die Therapie der Sepsis als Notfall. Deshalb
müssen auch bei der Sepsis die gleichen Anstrengungen zur gesundheitlichen
Aufklärung und der Entwicklung präziser Diagnostika und effektiver
Therapeutika unternommen werden, die zu der erfreulichen Reduzierung der
Todesfälle bei HIV/AIDS geführt haben“, so der Vorsitzende der Sepsis-
Stiftung, Prof. Konrad Reinhart.
„Aus eigener Erfahrung weiß ich: Sepsis kann jeden und jede treffen, auch
völlig gesunde Menschen. Dann ist es überlebenswichtig, dass das Umfeld,
Angehörige, Kollegen und ganz besonders das medizinische Personal, Sepsis
auf dem Radar hat, um vermeidbare Verzögerungen und damit schwere Verläufe
zu vermeiden,“ betont Arne Trumann, Stellvertretender Vorsitzender der
Sepsis-Hilfe e.V. „Deshalb ist uns als weltweit erster
Selbsthilfeorganisation von Sepsisbetroffenen die Aufklärung der
Bevölkerung, die wir mit der Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis
voranbringen wollen, so wichtig!“
„Nötig ist auch eine stärke Orientierung des Gesundheitssystems an der
Patientensicherheit und die Einführung und adäquate Nutzung von
Qualitätssicherungsmaßnahmen und dem Instrumentarium des klinischen
Risikomanagements, etwa Critical Incident Reporting Systems (Meldesysteme
für Beinahe-Zwischenfälle),“ so Dr. Ruth Hecker weiter.
„Alleine durch krankenhausweite Schulungsmaßnahmen, interdisziplinäre und
berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit und die Unterstützung von
Qualitätssicherungsmaßen durch den Krankenhausvorstand konnte am
Universitätsklinikum Greifswald die Sepsis-Sterblichkeit um 15-20% gesenkt
werden “ betont Dr. Matthias Gründling, Initiator des Sepsisdialogs an der
Universitätsmedizin Greifswald.
Hintergrundinformationen:
Die genaue Zahl der Sepsisfälle in Deutschland ist unbekannt: Sepsis-Fälle
werden oft nicht als solche erkannt und in über 50% der Fälle nicht
dokumentiert. Exaktere Zahlen aus vergleichbaren Ländern legen für
Deutschland aber eine jährliche Häufigkeit zwischen 500 und 700 pro 100
000 Einwohnern nahe (2). Inzwischen wissen wir, dass auch bei der Mehrheit
der bisher über 92 000 Todesfälle durch COVID-19 die letztliche
Todesursache eine virale Sepsis ist (3).
Weiterführende Informationen zur Sepsis finden Sie auf den folgenden
Webseiten:
www.deutschland-erkennt-sepsis.de sowie von Sepsis-Stiftung, Sepsisdialog,
Sepsis-Hilfe e.V. und dem APS.

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Grippeimpfung zur Demenzprävention? – Studie generiert neue Hypothese

Eine an 120.000 US-Veteranen durchgeführte retrospektive Studie [1]
zeigte, dass regelmäßige Grippeimpfungen (mehr als 6 Impfungen binnen 80
Monaten) das Demenzrisiko signifikant um 12 Prozent reduzierten. Auch gibt
es dazu einen plausiblen pathophysiologischen Erklärungsversuch, der
bereits tierexperimentell nachgewiesen werden konnte. Dennoch sind die
Experten in ihrer Interpretation der Daten vorsichtig und verweisen
darauf, dass Assoziationsstudien keinen Beweischarakter haben.

Eine aktuelle Studie [1] unterstützt eine spannende Hypothese: Demnach
könnte die regelmäßige Grippeimpfung zu einem geringeren Demenzrisiko
führen. Untersucht wurde eine große Population bestehend aus über 120.000
US-Veteranen (ehemalige Militärangehörige) im Alter von durchschnittlich
75,5 Jahren (±7,3). Nur 3,8% waren weiblich, 91,6% hatten eine weiße
Hautfarbe. Analysiert wurden die Krankenakten der Studienteilnehmenden
zwischen dem 1. September 2009 und dem 31. August 2019.
Einschlusskriterium war, dass bei den Patientinnen und Patienten, die in
die Auswertung eingingen, zwei Jahre vor Studienbeginn sowie zum Zeitpunkt
des Einschlusses in die Studie keine Demenzdiagnose vorlag. Die
Studienteilnehmenden wurden dann in Gruppen klassifiziert, je nachdem, ob
und wie viele Grippeimpfungen sie im Studienzeitraum erhalten hatten. Im
Anschluss daran wurde analysiert, bei wie vielen Personen eine Demenz neu
auftrat (definiert nach Vorhandensein entsprechender ICD-9/ICD-10-Codes in
den Krankenakten im Verlauf). Der Effekt von Kovariablen wie Alter,
ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Familienstatus sowie
Versicherungsstatus – alles Faktoren, die auf das Demenzrisiko Einfluss
nehmen – wurde herausgerechnet, auch die Häufigkeit der Arztbesuche wurde
mitanalysiert, um einen möglichen „Früherkennungsbias“ zu verringern.

Insgesamt betrug die mediane Beobachtungsdauer 80 Monate bei den geimpften
Personen und 81 Monate bei den Ungeimpften. 15.933 Studienteilnehmende
erkrankten während dieser Phase neu an einer Demenz. Die Analyse ergab,
dass die Inanspruchnahme von Grippeimpfungen mit einem geringeren
Demenzrisiko einherging. Allerdings kam der Effekt nur dann zum Tragen,
wenn insgesamt mehr als sechs Grippeimpfungen innerhalb des
Beobachtungszeitraums verabreicht wurden. Damit wurde in dieser Erhebung
das Demenzrisiko durch die Impfungen signifikant um 12 Prozent gesenkt
(HR: 0,88).

„Dieser Effekt ist nicht unerheblich. Bei jährlich etwa 330.000 Demenz-
Neuerkrankungen in Deutschland könnten somit durch regelmäßige
Grippeimpfungen fast 40.000 Menschen jährlich vor der Diagnose Demenz
bewahrt werden. Allerdings muss man hervorheben, dass es sich hier um eine
retrospektive Auswertung handelt, zwar eine mit einer hohen Zahl an
Studienteilnehmenden und sorgfältiger Durchführung, die aber dennoch
keinen Beweischarakter hat, sondern nur eine Assoziation aufzeigen kann.
Es liegen schon mehrere solcher Assoziationsstudien vor, nicht nur zu
Grippeimpfungen, sondern auch zu Impfungen gegen Diphtherie oder Tetanus.
Auch experimentelle Studien haben auf einen Zusammenhang zwischen
Impfungen und geringerem Demenzrisiko hingedeutet. Die Hypothese, die die
aktuelle Studie generiert, lässt sich also auch pathophysiologisch
begründen, flankiert durch tierexperimentelle Daten“, erklärt DGN-
Demenzexperte Professor Dr. Richard Dodel, Essen.

Vereinfacht ausgedrückt erklären die Autoren dies so: Die Impfungen führen
zu einem Anstieg der Aktivität von Mikroglia, quasi den „Immunzellen des
Gehirns“. Sie erkennen krankheitsauslösende Stoffe und Abfallprodukte und
bauen sie ab. Tierexperimentell konnte gezeigt werden, dass die erhöhte
Mikroglia-Aktivität nach Impfung dazu führt, dass Beta-Amyloid vermehrt
abgebaut wird. Bei der Alzheimer-Erkrankung sammelt sich Beta-Amyloid an,
lagert sich dort zwischen den Nervenzellen wie ein Belag ab und schädigt
die Nervenzellen.

„Die grundlegende Idee vieler Alzheimertherapien ist es, Beta-Amyloid aus
dem Körper zu schleusen, bevor das Protein Schaden im Gehirn anrichten
kann. Wenn prospektive Studien nun zeigen, dass wiederholte
Grippeimpfungen genau diesen Effekt haben und Beta-Amyloid abbauen, wäre
das ein Durchbruch für die Demenztherapie. Die vorliegenden Daten deuten
darauf, haben aber noch keine Beweiskraft. Der beobachtete positive Effekt
von Impfungen auf das Demenzrisiko könnte letztlich auch daran liegen,
dass Menschen, die sich regelmäßig impfen lassen, auch sonst gesünder
leben und somit ein geringeres Krankheitsrisiko haben. Daher brauchen wir
nun weiterführende, prospektive Studien, um den Zusammenhang eindeutig zu
klären“, lautet das Fazit von Prof. Dodel.

„Derzeit wird viel über potenzielle Risiken von Impfungen diskutiert,
allgemein, aber vor allem im Hinblick auf die Impfung gegen SARS-CoV-2.
Aber es gibt nicht nur potenzielle Risiken, sondern auch potenzielle
Zusatznutzen der Impfung, die bislang in den Diskussionen gar nicht
angeführt werden. Für eine informierte Entscheidung sollte nach
Möglichkeit aber alles bedacht werden“, betont DGN-Generalsekretär Prof.
Dr. Peter Berlit.

Literatur
[1] Wiemken TL, Salas J, Hoft DF et al. Dementia risk following influenza
vaccination in a large veteran cohort running head: Influenza vaccination
and dementia. Vaccine 2021, Aug 20.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0264410X21010793

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Augenklinik Sulzbach, Geuder AG und DGFG präsentieren Transplantationssystem für Behandlung hornhautblinder Patienten

Eine medizinische Innovation aus Deutschland macht ab sofort die
Behandlung hornhautblinder Patienten einfacher und sicherer: Preloaded
DMEK RAPID®, das Europaweit erste vorgeladene Transplantationssystem für
die minimal-invasive Behandlung der Hornhauttrübung. Ein vorpräpariertes
Transplantat ergibt zusammen mit einer patentierten Injektionskartusche
ein gebrauchsfertiges System für die minimal-invasive Teiltransplantation
der Augenhornhaut (DMEK). Das System erlaubt das berührungsfreie
Einpflanzen des Gewebes. „Das System vereint erstmals in der Geschichte
der Medizin menschliches Augengewebe mit einem Medizinprodukt“, erklärt
Prof. Dr. Peter Szurman, Chefarzt der Augenklinik Sulzbach.


Preloaded DMEK RAPID wurde am KHERI-Forschungsinstitut der Augenklinik
Sulzbach am Knappschaftsklinikum Saar unter Leitung von Chefarzt Prof. Dr.
Peter Szurman in Zusammenarbeit mit dem Medizintechnikunternehmen Geuder
und der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG)
entwickelt. Die Spenderhornhaut, realisiert von Koordinatoren der DGFG an
30 Standorten in ganz Deutschland, wird in der Knappschaftsgewebebank
Sulzbach und in der Gewebebank der DGFG in Hannover mit eigens
entwickelter, besonders gewebeschonender Technik präpariert.

Die Genehmigung des Paul-Ehrlich Instituts (PEI) liegt der DGFG bereits
vor. Das vorgeladene Transplantationssystem kann ab sofort über die
gemeinnützige Gesellschaft bezogen werden. „Die regulatorische Zulassung
war eine große Herausforderung“, so Peter Szurman. „Denn hierfür gelten
sowohl das Arzneimittel- als auch das Medizinproduktegesetz.“ In Italien
und den Niederlanden sei der Zulassungsprozess ebenfalls weit
fortgeschritten. Transplantationschirurgen können sich beim Sulzbacher
DMEK-Intensivkurs für den Bezug des Systems schulen und zertifizieren
lassen. Die Kombination aus einfacher Anwendung, geprüfter Qualität und
Sicherheit soll die stärkere Verbreitung der DMEK-Transplantation
ermöglichen, damit in Zukunft mehr Patienten von diesem fortschrittlichen
Verfahren profitieren und ihre volle Sehkraft wiedererlangen können. So
wie Andreas Umlauf, ein Patient aus dem Raum Stuttgart, der in Sulzbach
kürzlich operiert wurde. „Der Eingriff selbst dauerte vielleicht zehn
Minuten und war vollkommen schmerzfrei“, erzählt er. Die Sehkraft kehrte
innerhalb weniger Wochen wieder zurück. „Das Schlimmste an der ganzen
Sache war die Wartezeit von der Diagnose bis zur OP“, erinnert er sich. 13
Monate dauerte es, bis die passende Spenderhornhaut da war. Bei aller
Innovation stellt die Verfügbarkeit des Spendergewebes den limitierenden
Faktor dar.

An dieser Stelle ist das Engagement der Kliniken und der Bevölkerung
selbst gefragt: Damit die DGFG Patienten mit Spenderhornhäuten versorgen
kann, bedarf es mehr Meldungen potentieller Gewebespender. Der aktuelle
Mangel sorgt oft für eine lange Zeit des Wartens und des Leidens der
Patienten bis zur rettenden OP. Das muss nicht sein.

Worum geht es?

Die Augenhornhaut ist das Fenster zur Welt. Trübt sie sich ein oder wird
zerstört, drohen dauerhafte Sehbehinderungen bis hin zur Blindheit. Dann
kann nur noch eine Hornhauttransplantation helfen. Früher war nur eine
aufwändige Volltransplantation möglich. Doch in den letzten Jahren wurde
diese weitgehend von deutlich schonenderen Teiltransplantationen abgelöst.
Sogenannte lamelläre, nahtlose Techniken, bei denen nur eine hauchdünne
Gewebelamelle verpflanzt wird, sind heute das Nonplusultra. Hier sind die
Sehergebnisse besser, der Heilverlauf ist kürzer und die Abstoßungsrate
geringer. Hier hat sich die DMEK (Deszemetmembran endotheliale
Keratoplastik) innerhalb weniger Jahre zum Goldstandard in der Behandlung
von endothelialen Hornhauterkrankungen etabliert (endothelial = die innere
Zellschicht betreffend). Die DMEK ist für alle Patienten geeignet, die an
einer Augenhornhauterkrankung mit Endothelversagen leiden.

Forschungsstandort Sulzbach als Vorreiter der DMEK

Die Augenklinik Sulzbach hat sich als eine der ersten Kliniken in Europa
auf die DMEK spezialisiert. Am Klaus Heimann Eye Research Institute
(KHERI) der Augenklinik Sulzbach beschäftigt sich eine Forschergruppe im
eigenem Reinraum-Labor mit der Weiterentwicklung dieses noch jungen
Verfahrens und hat die Entwicklung der DMEK zu einer standardisierten
Operation mitgeprägt: Heute ist die Klinik eines der führenden
Transplantationszentren in Deutschland und führt die DMEK ca. 500-mal im
Jahr durch. Die Patienten kommen aus ganz Deutschland, teilweise aus
Europa. In spezialisierten Zentren ist die DMEK-Transplantation ein
täglicher Routine-Eingriff geworden.

Doch längst ist diese Methode noch nicht überall verfügbar. Das neue
Sulzbacher System soll dies nun ändern: Erstmals in Europa wird eine
vorgeladene Injektionskartusche zur direkten, berührungslosen
Transplantation gebrauchsfertiger Lamellen zur Verfügung gestellt. Durch
den hohen Standardisierungsgrad dieses „ready-to-use“ Systems wird die
Verbreitung dieser hochmodernen OP-Methode erleichtert.

Welches Problem soll gelöst werden?

Während die Technik der DMEK-Implantation von erfahrenen Transplantations-
Chirurgen relativ rasch erlernt wird, liegt die größte Schwierigkeit in
der Präparation der Hornhautlamelle. „Deshalb präparieren immer mehr
Transplantationszentren nicht mehr selber im eigenen OP, sondern beziehen
über die DGFG fertig vorpräparierte Lamellen (Precut LaMEK) aus
spezialisierten Gewebebanken, um die Sicherheit und Qualität der
Transplantate zu verbessern“, erklärt Peter Szurman. „Der Vorteil: Der
Operateur erhält ein qualitätskontrolliertes und gebrauchsfertiges
Transplantat. Es ist keine weitere, zu Zellverlust führende Manipulation
am Spendergewebe vor der Transplantation mehr nötig. Die gesamte
Präparation wird unter standardisierten Bedingungen in unserer Reinraum-
Gewebebank Sulzbach durchgeführt. Erst, wenn überprüft wurde, dass die
Zellen auch nach der Präparation immer noch in einem guten Zustand sind,
wird die Lamelle von der DGFG zur Transplantation abgegeben.“

Dieser Qualitätsvorteil war bereits der Kerngedanke bei der seit sechs
Jahren sehr erfolgreich etablierten LaMEK, dem in der Gewebebank
vorpräparierten und fertig zugeschnittenen Gewebe (pre-cut), das die DGFG
als einzige Einrichtung in Deutschland mit Genehmigung des Paul-Ehrlich-
Instituts seit 2015 für DMEK-OPs erfolgreich mit jährlich steigenden
Zahlen vermittelt.

Die an der Augenklinik Sulzbach durchgeführte Zulassungsstudie zur LaMEK
konnte zeigen, dass die Sicherheit bei Verwendung von solchen
vorpräparierten Lamellen steigt. In Deutschland haben bisher mit Sulzbach
und Hannover nur zwei Gewebebanken die Genehmigung durch das Paul-Ehrlich-
Institut (PEI) zur Herstellung und Inverkehrbringung von vorpräparierten
Lamellen.

Was das neue Preloaded DMEK RAPID System bringt

Das neue Sulzbacher Transplantationssystem Preloaded DMEK RAPID stellt nun
den nächsten, konsequenten Entwicklungsschritt der LaMEK dar: Hier wird
dem Operateur eine bereits vorpräparierte und gebrauchsfertig vorgeladene
Lamelle in einem „ready-to-use“ System („DMEK-RAPID-Kartusche“)
bereitgestellt. Dieses am KHERI-Forschungsinstitut der Augenklinik
Sulzbach in Kooperation mit der Geuder AG und der DGFG entwickelte,
patentierte System hat zum Ziel, die DMEK-Operationen vorhersehbarer,
einfacher, sicherer und schneller zu machen.

Dabei wird die DMEK-Lamelle mit einer speziell entwickelten Technik
(Liquid Bubble) in der Gewebebank Sulzbach vorab präpariert, aber
zusätzlich noch in ein spezielles Injektorsystem geladen (DMEK RAPID®).
Die Lamellen kommen bereits in einer Injektorkartusche vorgeladen und
gebrauchsfertig an, und ermöglichen dem Operateur eine direkte
berührungslose Injektion des Transplantats. Es sind keine weiteren
Manipulationsschritte mehr nötig. Die Lamelle wird in einem geschlossenen
System angeliefert, was einen großen Qualitätsvorteil mit sich bringt.

Die Zulassungsstudie zur neuen preloaded DMEK RAPID (ebenfalls an der
Augenklinik Sulzbach durchgeführt) konnte zeigen, dass der Transport und
die Injektion mit diesem geschlossenen Transplantationssystem sicher sind.

Dr. Nicola Hofmann, wissenschaftliche Leiterin bei der DGFG, erwähnt noch
einen weiteren Vorteil: „Weitere Studienergebnisse haben gezeigt, dass
eine Ruhephase zwischen Präparation der Hornhautlamelle und
Transplantation im OP sogar zu höherer Vitalität der Endothelzellen
führt.“ Somit wäre das Vorpräparieren ebenso wie das Vorladen der
Kartusche in der Gewebebank sogar ein weiterer Qualitätsvorteil, weil sich
das Präparat in der Zeit bis zur OP etwas erholen kann.

Sicherheit und Ethik im Vordergrund

Durch Vorpräparation und Vorladen wird das Risiko einer Fehlpräparation
und des Transplantatverlusts drastisch reduziert. Peter Szurman: „Die
Sicherheit für die Patienten wird durch unser Transplantationssystem
eindeutig erhöht. Neben der Sicherheit spielen hier auch ethische Aspekte
eine wichtige Rolle. Jede Fehlpräparation ist ethisch schwer zu vertreten,
gerade vor dem Hintergrund der großen Spenderknappheit.“

Die Besonderheit des DMEK RAPID Systems

Diese Innovation hat ein Vorbild: „Zwar werden gebrauchsfertig vorgeladene
Implantate, also z.B. Kunstlinsen bei der Grauen Star Operation, schon
lange in der Augenchirurgie verwendet, weil die Implantation aus einem
geschlossenen System heraus eine gleichbleibende Qualität und Keimfreiheit
sicherstellt. Gebrauchsfertig vorgeladenes menschliches Gewebe für die
Transplantationschirurgie ist dagegen noch kaum bekannt, weil hier
lebendes Gewebe mit einem künstlichen Injektorsystem kombiniert werden
muss. Damit das vorgeladene Transplantat zwischen der Herstellung und
Versand und der Ankunft in der Transplantationsklinik vital bleibt, muss
es innerhalb des Injektorsystems

kontinuierlich mit einem speziellen Nährmedium umspült werden. Dies ist
der Clou des neuen Transplantationssystems. Die DMEK RAPID ist vermutlich
das erste vorgeladene lamelläre menschliche Gewebe.

Fäden laufen in Sulzbach zusammen

Dass diese Innovation nun ausgerechnet in der kleinen saarländischen Stadt
Sulzbach vorgestellt wurde, ist für Insider keine Überraschung. Hier
befindet sich nicht nur die international bekannte Augenklinik Sulzbach;
hier befinden sich auch die hauseigene Forschungseinrichtung namens Klaus
Heymann Eye Research Institut (KHERI) und die Knappschaftsgewebebank
Sulzbach. Forschungsschwerpunkt des KHERI ist die Translationale Medizin.
Translationale Medizin bedeutet, Erkenntnisse aus dem Grundlagenbereich in
konkrete klinische Anwendungen zu übertragen. „Ziel ist die patientennahe
Forschung im Bereich der Augenheilkunde, um die Entwicklung neuer
Therapien direkt zum Patienten zu bringen und unbeantwortete klinische
Probleme zu lösen“, so Szurman. Auch die DGFG ist mit einem Standort am
Sulzbacher Klinikum vor Ort: Jennifer Rech realisiert von dort die
Gewebespende im Knappschaftsklinikum Sulzbach und der Region. Die
Landesregierung hat Sulzbach inzwischen zum
Landeshornhauttransplantationszentrum des Saarlandes gekürt.

Geprüft, zugelassen und verfügbar

Die LaMEK preloaded samt DMEK-RAPID-Injektorsystem kann über die
Vermittlungsstelle der DGFG bestellt werden. Der gesamte
Herstellungsprozess samt Präparation des Gewebes und Beladen des Injektors
erfolgt unter höchsten Qualitätsstandards im Reinraumlabor der
Knappschaftsgewebebank Sulzbach und wird deutschlandweit an
Transplantationskliniken ausgeliefert. Parallel erfolgt derzeit die
Markteinführung in weiteren Ländern Europas. Neue
Transplantationschirurgen erlernen den sicheren Umgang mit der neuen
Technik im DMEK-Intensivkurs an der Augenklinik Sulzbach.

Gewebespender gesucht

Auf dem Weg zum neuen preloaded DMEK-Rapid-System wurden viele Lösungen
erdacht und Hürden überwunden. Eine letzte Hürde bleibt: die begrenzte
Verfügbarkeit von Spendergewebe.

Dabei käme für eine Gewebespende grundsätzlich jeder Verstorbene in Frage:
Eine Augenhornhautspende ist bis zu 72 Stunden nach Todeseintritt möglich.
Um dem Mangel an Gewebe und den Wissenslücken zu diesem Thema zu begegnen,
setzt sich die DGFG seit fast 15 Jahren dafür ein, das Spendenetzwerk
auszubauen und Kliniken sowie die Bevölkerung für das Thema Hornhautspende
zu sensibilisieren.

Dazu sagt Martin Börgel, Geschäftsführer der DGFG: „Unser Ziel als DGFG
ist es, Patientinnen und Patienten in Deutschland mit hochwertigen
Gewebetransplantaten zu versorgen. Dass nun eine Gewebezubereitung
innovativ weiterentwickelt und vom PEI genehmigt wurde, die sogar ambulant
implantiert werden und damit einer Vielzahl an Patienten zugutekommen
kann, das freut uns ganz besonders. Doch auch eine solche Innovation ist
nur möglich, wenn sich genügend Menschen dazu bereit erklären, Gewebe zu
spenden. Nach wie vor haben wir einen Mangel an Gewebe, dazu zählen
insbesondere Augenhornhäute, Herzklappen und Blutgefäße. Deshalb an dieser
Stelle von uns als Gewebespendeeinrichtung noch einmal der Appell:
Informieren Sie sich, treffen Sie eine

Entscheidung und sprechen Sie mit Ihren Angehörigen darüber. Lassen Sie
keine Fragen offen. Denn Ihre Familienmitglieder sind am Ende diejenigen,
die gefragt werden, ob eine Entscheidung zur Gewebespende bereits zu
Lebzeiten getroffen wurde. Hier entlasten Sie Ihre Angehörigen erheblich
in dieser schweren Zeit des Verlusts und der Trauer.“
Was viele Menschen nicht wissen: Eine Hornhautspende ist eine Gewebe- und
keine Organspende. Der Hirntod spielt bei der Gewebespende keine Rolle.
Sie ist bis in hohe Alter möglich. Auch viele Krebserkrankungen, eine
Kurz- oder Weitsichtigkeit, eine Hornhautverkrümmung oder auch Grüner oder
Grauer Star sind keine Ausschlussgründe.

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Internationaler Tag der Physiotherapie: Bei Long-COVID wieder auf die Füße kommen

Am 8. September ist Welttag der Physiotherapie (PT), in diesem Jahr mit
Fokus auf der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit einem Long-
COVID-Syndrom. Die neurologische Frührehabilitation-Station im SRH
Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg sowie die Ambulanz für Physiotherapie am
Campus der SRH Hochschule Heidelberg bieten den Betroffenen passgenaue
Unterstützung.

Nichts geht mehr, selbst das Laufen fällt schwer – Long-COVID-Betroffene
müssen häufig die einfachsten Bewegungen wieder neu erlernen und
trainieren. Auch Rüdiger F. ging es so. Der 77-Jährige kam nach seiner
Virus-Erkrankung an die neurologische Frührehabilitation-Station im SRH
Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg und fand hier Unterstützung:  „Heute kann
ich selbständig ein paar Schritte gehen und bin den Therapeuten und dem
gesamten Team sehr dankbar für alle Unterstützung, die es mir ermöglicht
hat wieder zu laufen. Wenn ich nach Hause komme, möchte ich mein Leben
weiter mit meiner Frau genießen“, so Rüdiger F.

Weiterführende physiotherapeutische Rehabilitationsmaßnahmen werden auch
in den Physiotherapie-Ambulanzen am SRH-Campus angeboten. Hier lernen
nicht nur die Studierenden der SRH Hochschule Heidelberg das
physiotherapeutische „Handwerk“ auf wissenschaftliche und praktische Art
und Weise, sondern hier können Patientinnen und Patienten mit jeglichen
Bewegungseinschränkungen ihre körperliche und psychische Belastbarkeit
steigern – und auch ihre Lebensqualität nach einer COVID-19-Erkrankung
verbessern.

Bereits seit 2009 wird der Internationale PT-Tag als Gelegenheit genutzt,
um auf die Bedeutung dieser Therapieform für die Gesellschaft aufmerksam
zu machen. Dabei haben physiotherapeutische Behandlungsansätze eine lange
Geschichte und gehen bis weit in die Antike zurück. Erste Aufzeichnungen
finden sich bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. Um 1900 wurde die „Kieler
Lehranstalt für Heilgymnastik“ als erste anerkannte „Physiotherapie-
Schule“ gegründet. 1994 erfolgte durch eine Änderung des Berufsrechts eine
Umbenennung von der bis dahin üblichen Bezeichnung Krankengymnastik hin
zum international verwendeten Begriff der „Physiotherapie“.

Heutzutage bietet die Physiotherapie ein breites Behandlungsspektrum von
aktiven und passiven Maßnahmen. Vor dem Hintergrund des demografischen
Wandels und der steigenden Komplexität der Krankheitsbilder werden
bewährte Therapiemethoden kontinuierlich weiterentwickelt und neue
Einsatzmöglichkeiten geschaffen. Physiotherapeutische Behandlungsverfahren
werden im ambulanten, stationären und präventiven Bereich angewendet und
haben das Ziel, die Bewegungsfähigkeit der Patienten zu erhalten, zu
verbessern oder wiederherzustellen. Auch auf den Intensivstationen zur
Unterstützung der Atemfunktionen zeigen physiotherapeutische Maßnahmen
Erfolge ebenso wie bei den Langzeitfolgen einer Infektion wie COVID-19.
Die Therapiepläne werden stets an die individuellen Bedürfnisse der
Patienten angepasst. Dabei gewinnt die evidenz-basierte Praxis im
therapeutischen Alltag immer mehr an Bedeutung. Physiotherapie als
Studiengang ist aus diesem Grund eine wichtige Ergänzung zum
Ausbildungsweg: Die Wissenschaft fördert die interdisziplinäre Vernetzung
mit den medizinischen Fächern und dadurch weltweit die Anerkennung dieser
bedeutenden Therapieform.

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