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Kirche Rellingen, Festkonzert 40 Jahre Salzburger Solisten , 26. Mai 2019, besucht von Léonard Wüst

vlnr. Misa Hasegawa, Piano, Aylen Pritchin, Violine und Luz Leskowitz. Notenumwender
vlnr. Misa Hasegawa, Piano, Aylen Pritchin, Violine und Luz Leskowitz. Festivalintendant, Notenumwender

Ausführende und Programm:

David Geringas                 Violoncello Misa Hasegawa                Klavier,

Joris van den Hauwe         Oboe

Salzburger Solisten

Luz Leskowitz                   Violine  Solenne Paidassi               Violine

Vladimir Mendelssohn        Viola  Aylen Pritchin                    Viola

Ingemar Brantelid              Violoncello  Mette Hanskov                  Kontrabass

Wolfgang Amadé Mozart 1756 – 1791  Quartett für Oboe, Violine,Viola und                          Violoncello in F-Dur, KV 370  (1781)

 Allegro, Adagio, Rondeau, Allegro

Franz Schubert 1797 – 1828 Quintett für Klavier, Violine, Viola, Violoncello                          und Kontrabass in A-Dur, op.114, D 667 “Forellenquintett” (1819)

Allegro vivace, Andante, Scherzo, Presto, Tema,  Andantino Finale. Allegro giusto

Johannes Brahms 1833 – 1897   Sextett für zwei Violinen, zwei Violen und                      zwei Violoncelli in G-Dur, op.36  (1864/65)

Allegro non troppo, Scherzo. Allegro non troppo, Poco Adagio, Poco Allegro

ZUGABE ANLÄSSLICH DES JUBILÄUMS 40 JAHRE SALZBURGER SOLISTEN

 Vladimir Mendelssohn * 1949Uraufführung von “Urban Lark 2” für Klavierquartett und Notenumwender  (Uraufführung) Es spielen Misa Hasegawa, Aylen Pritchin, Vladimir Mendelssohn, Ingemar Brantelid und Mette Hanskov

A. Mozart, Oboen Quartett in F-Dur, KV 370

Joris van den Hauwe, Oboe und Luz Leskowitz, Violine Foto Wolfgang Gaedigk
Joris van den Hauwe, Oboe und Luz Leskowitz, Violine Foto Wolfgang Gaedigk

Mozarts Oboen Quartett in F-Dur KV 370 entstand wahrscheinlich im Winter 1780/81 in München. Mozart hielt sich damals wegen der Proben zu seiner Oper „Idomeneo“ in der bayerischen Residenzstadt auf. Und die Komposition ist eine echte Ausnahmeerscheinung in seinem Werkkatalog, steht dafür aber im Konzert Wunschkatalog eines jeden Oboisten. Eine weitere Gelegenheit für Joris van de Hauwe, den Brüsseler Solisten, um sein grosses Können zu demonstrieren. Den virtuos-verspielten Ecksätzen steht ein kurzer Mittelsatz in Moll gegenüber, der auch die elegischen Klangfarben des Instruments zur Geltung bringt. Eingebettet in den Klangteppich des Ensembles, schwang sich die Oboe auf in luftige Höhen, jubilierte manchmal fast wie eine Querflöte. Nicht immer leicht für den Solisten, die Balance zu finden zwischen Dominanz und Unterordnung, heisst Einfügung ins Ensemble. Eine Herausforderung, souverän gemeistert vom Oboisten, mit kongenialer Unterstützung seiner Mitmusiker und mit einem wahren Applausorkan durch das Publikum belohnt.

Franz Schubert Klavierquintett Opus post. 114 – D 667 in A-Dur „Forellenquintett“

Misa Hasegawa am Piano
Misa Hasegawa am Piano

Schuberts einziges Klavierquintett verlangt die, aus heutiger Sicht, eher unübliche Besetzung Piano, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass. Das Thema wird eher umspielt und dekoriert und im Ausdrucksgehalt abgewandelt. Auch wird es in jeder Variation von einem anderen Instrument getragen. Ab der 5. Variation wird die Tonart modulatorisch gewechselt, um in der letzten Variation zur Ausgangstonart zurückzukehren. Misa Hasegawas klares und straffes Klavierspiel zieht ihre vier Mitstreiter an den Streichinstrumenten in den Sog des Kopfsatzes und lässt das muntere Auf- und Ab der Akkordketten durch die rasch wechselnden Harmonien rollen. Wie magnetisiert schmiegen sich die Streicher an, holen in weiten Melodiebögen aus, schalten blitzschnell vom Solo in pulsierende Begleitarbeit um, sofort wieder freudig bereit für einen neuen Gesang im Stimmgefüge. Klanglich hochkultiviert, lieblich, aber nicht süßlich strömen das Andante und der namensgebende liedgeprägte Variationssatz dahin. Frisch und packend das tänzerische Finale, in dem die Akteure die vielen Anklänge an die vorangegangen Sätze zum zyklisch Ganzen abrunden. Diese festive Schubertiade aus dem Mekka der Kammermusik wusste das Auditorium zu begeistern, was es auch mit entsprechend begeistertem Applaus kundtat.

Johannes Brahms Streichsextett in G-Dur op.36

Hochkonzentrierter Ingemar Brantelid am Violoncello
Hochkonzentrierter Ingemar Brantelid am Violoncello

Geheimnisvoll steigt das Hauptthema auf über den Achtelbewegungen G-Fis von Viola I. 32 Takte lang entfaltet sich dieses so innige Thema über jenen Achtelbewegungen. Clara Schumann schreibt an Brahms, nachdem sie als Erste das Manuskript erhalten hatte: „Das Thema (sie meint diese Achtelbewegungen) könnte dir wohl gestohlen werden, aber was finge einer wohl damit an, der nicht versteht wie Du, es so aufs reizendste und geistvollste mit Motiven zu umkleiden, die immer darum herum spielen und sich ineinander schlingen wie eine Kette lieblicher Gedanken. Mir ist die Stimmung dieses Satzes außerordentlich lieb, so weich und sanft. “Eine breite energischere Überleitung führt zum verhalten jubelnden Seitenthema, zuerst vom Ersten Cello, dann von der Ersten Geige vorgestellt: Sensibel aufeinander hörend und miteinander agierend, beweisen die Musiker ihr tiefes Verständnis für diese Meisterwerke der romantischen Kammermusik. Ihr Spiel zeichnet sich durch Natürlichkeit und Expressivität aus. Tempi, Dynamik und Spannungsbögen passen wie massgeschneidert. Das räumliche und transparente Klangbild der Produktion entspricht dem besonders hohen interpretatorischen Niveau. Das souveräne Spiel des Ensembles überzeugt durch seine Transparenz sowie durch die Klarheit, mit der die musikalischen Strukturen dargelegt werden. Die Umsetzung des Werkes überzeuge das Auditorium, der entsprechende Beifall war dem Ensemble sicher.

Vladimir Mendelssohn Urban Lark 2,eine Komposition zum 40-jährigen Jubiläum der Salzburger Solisten

Vladimir Mendelssohn  Komposition und Viola
Vladimir Mendelssohn  Komposition und Viola

Natürlich fliessen beim gebürtigen Rumänen auch zigane,gitaneske Komponenten in das Werk ein, wie man sie in der osteuropäischen Volksmusik häufig findet und die vor allem von Django Reinhardt in das erweiterte Bewusstsein der Westeuropäer, wenn auch jazzartig, eingeimpft wurden. Die Töne sind neu, da vorgetragen von einem klassischen Ensemble, wenn uns auch nicht ganz fremd, wenn man Gipsy Jazz und Klezmer etwas kennt. Die Komposition beruht auf einem Thema, das schon, der aus Liveni Vîrnav im heutigen Kreis Botoșani stammende, George Enescu (1881 – 1955) vor über 100 Jahren verwendete. Die „Städtische Lerche 2“, so die Übersetzung, zeichnet urbane, hektische Geräusche nach, das Treiben, wie es heute in den Städten herrscht.

Hecktisches Stadtleben musikalisch nachgezeichnet

Mette Hanskov Kontrabass
Mette Hanskov Kontrabass

Also eine recht lebhafte, aufregende Partitur, in der alle Instrumente in etwa gleichberechtigt orchestriert sind. Original heisst die Komposition: „Urban Lark 2“. für Klavierquartett und Notenumwender. Notenumwender? Die Künstler betreten die Bühne, begrüßen das Publikum mit synchronem Kopfnicken und nehmen Platz. Diese wohlbekannte Routine überrascht niemanden mehr. Der diskreten, schwarzgekleideten Silhouette, die am hinteren Bühnenrand entlang zum Klavier schlüpft, schenken nur wenige Zuhörer Beachtung. Aber was wissen wir über diese stille Figur, die gerade auf der Bühne Position bezogen hat und doch gänzlich anonym ist?

Mendelssohns Hommage an einen oft verkannten Mitmusiker

Aylen Pritchin, Violine
Aylen Pritchin, Violine

Mendelssohn ehrt hier den unbekannten Musiker, holt ihn heraus aus seiner Unsichtbarkeit, den Notenblätterer. Eine unterschätzte, dennoch sehr wichtige Aufgabe bei vielen Musikstücken, besonders, wenn ein Musiker nicht lange Zeit hatte, um die Partitur todsicher auswendig zu lernen. Diese verantwortungsvolle Aufgabe übernahm für einmal der Meister, Festivalleiter Luz Leskowitz, persönlich. Er tat dies auf eine Art, die den sonst Unsichtbaren sichtbar, oder zumindest hörbar machte, indem er vor dem Hinsetzen einen tiefen Ton auf dem Klavier anschlug. Damit hatte das Publikum nicht gerechnet und es schien, als seien auch die Mitmusiker nicht eingeweiht gewesen. Nach dem Grundton durch Kontrabass von Mette Hanskow und Cello von Ingemar Brantelid der eigentliche Auftakt mit der Viola, dem Instrument des Komponisten, unmittelbar ergänzt durch die Violine von Aylen Pritchin, worauf sich der Kontrabass und das Cello wieder dazu gesellen, supportiert von Pianistin Misa Hasegawa samt ihrem Notenumwender. Die musikalische Reise durch das Citygewirr gestaltete sich furios fulminant. Schräge Harmonien wechseln ab mit lieblichen Volksmusikmotiven, atonal mutiert zu tonalen Polka Rhythmen, bevor sich die Violine auf einen kurzen Höhenflug begibt, der übergeht in Csárdás Andeutungen die schlussendlich in einem furiosem Finale enden. Das Auditorium klatscht begeistert, es sind gar einzelne Bravorufe zu hören. Auch die Rellinger kommen nicht jedes Jahr zu einer Uraufführung und sind dementsprechend erfreut und fühlen sich geehrt. Ein würdiger Abschluss für ein gutbesuchtes und in allen Belangen, gelungenes Maifestival 2019

Links auf die andern Konzerte des Rellinger Maifestivals 2019

1. Annäherung an Rellingen

https://innerschweizonline.ch/wordpress/34-maifestival-rellingen-vom-24-bis-26-mai-2019-versuch-einer-annaeherung-von-leonard-wuest/

2. Barock Festival

https://innerschweizonline.ch/wordpress/kirche-rellingen-barock-fest-24-mai-2019-besucht-von-leonard-wuest/

3. Opern Gala

https://innerschweizonline.ch/wordpress/kirche-rellingen-gala-der-opernkomponisten-25-mai-2019-besucht-von-leonard-wuest/

Rezension:

Text: Leonardwuest.ch

Fotos: http://www.mrk-rellingen.de und http://www.luz-leskowitz.at/index.html

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Bregenzer Festspiele, “Rigoletto” auf der Seebühne, 3. August 2019, besucht von Léonard Wüst

Szene aus Rigoletto von Giuseppe Verdi, Foto Karl Forster
Szene aus Rigoletto von Giuseppe Verdi, Foto Karl Forster

Musikalische Leitung Enrique Mazzola
Inszenierung
Philipp Stölzl
Bühne
Philipp Stölzl, Heike Vollmer
Kostüme
Kathi Maurer
Licht
Georg Veit, Philipp Stölzl
Stunt- und Bewegungsregie
Wendy Hesketh-Ogilvie
Mitarbeit Regie ​
Philipp M. Krenn
Chorleitung
Lukáš Vasilek | Benjamin Lack
Dramaturgie
Olaf A. Schmitt

Der Herzog von Mantua Stephen Costello
Rigoletto​ Vladimir Stoyanov
Gilda ​ Mélissa Petit
Sparafucile ​ Miklós Sebestyén​
Maddalena | Giovanna ​ Katrin Wundsam ​
Der Graf von Monterone​ Kostas Smoriginas
Marullo​ Wolfgang Stefan Schwaiger
Borsa ​ Paul Schweinester ​
Der Graf von Ceprano Jorge Eleazar
Die Gräfin  Léonie Renaud​
Page Hyunduk Kim

Kinder, Stuntmen, Statisten

Wiener Symphoniker​

Bregenzer Festspielchor
Prager Philharmonischer Chor

Wired Aerial Theatre
Bühnenmusik in Kooperation mit dem Vorarlberger Landeskonservatorium

 

Rezension:

Allgemeines zur Inszenierung in Bregenz

Vanessa und Enea harren der Dinge, die da kommen sollten auf der Tribune
Vanessa und Enea harren der Dinge, die da kommen sollten auf der Tribune

Bei jeder Produktion denkst du, spektakulärer kann das Bühnenbild nun wirklich nicht mehr werden, doch zwei Jahre später, belehren uns die Bregenzer wieder einmal mehr eines Besseren. Augen wie Garagentore, Hände von 11,5 Metern Länge und ein Gesamtgewicht von 175 Tonnen. Aus dem Bodensee lächelt zur Zeit der wohl imposanteste Narr der Welt. Es ist auch der traurigste. Der verkrüppelte Hofnarr Rigoletto verliert in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper seine einzige Tochter Gilda. Und das gleich zweimal. Zunächst, als sie vom triebhaften Grafen von Mantua verführt wird und ein zweites Mal, als sie für den, trotz seinem ausschweifenden Lebenswandel geliebten Grafen, ihr Leben opfert. Düstere Dramatik mit wunderschöner Musik heisst also die Devise der diesjährigen Bregenzer Festspiele, wo Verdis bekannte Oper zum allerersten Mal überhaupt zur Aufführung kommt. Intendantin Elisabeth Sobotka hatte in der Chronik gestöbert und Werke herausgepickt, die eben noch nie in Bregenz aufgeführt wurden. Das Resultat ist also der Rigoletto heuer und nächstes Jahr, gefolgt von Puccinis „Madame Butterfly“ die folgenden zwei Jahre.

Stolzer Enea darf auch dabei sein
Stolzer Enea darf auch dabei sein

Stölzl hat den „Rigoletto“ gesamthaft ins Zirkus-Milieu übertragen, hat aus dem Herzog einen selbstherrlichen, machistisch agierenden Zirkusdirektor gemacht und aus dem Hofnarren Rigoletto einen gar nicht lustigen Clown mit einer dunklen Kehrseite. Aus den Höflingen wurden Akrobaten und traditionell gekleidetes Zirkuspersonal, des Herzogs Häscher sind böse, gewalttätige Menschenaffen, die flink alle Hindernisse überwinden und auch Gilda entführen. Diese, in blauem Kleidchen und mit roten Schuhen, kindlich auf einer Schaukel spielend, ist klar ein Zitat aus dem „Zauberer von Oz“ – eine Kopie der Figur Dorothy Gale.

Ein Bühnenbild der Superlative

Seebühne Bregenz Szenenbild des Rigoletto
Seebühne Bregenz Szenenbild des Rigoletto

Ein gigantisches Haupt (13 Meter hoch, neun breit) als zentrales Bühnenelement und auf den beiden Seiten je eine riesige Hand, sind die Merkmale des diesjährigen Bühnenbildes. Dieser überproportionierte Hofnarr dient als Alter Ego der Titelfigur Rigoletto, des buckligen Hofnarrs des Herzogs von Mantua. Erdacht und Erschaffen von Philipp Stölzl (Regie und Bühne), den Bregenzer Bühnentechnikern und 46 beteiligten Technikfirmen ist die Figur des Protagonisten gigantisch und somit auch  begeh- und bespielbar. Dass Kopf und Hände zudem beweglich sind und der überdimensionierte Ballon in Rigolettos Hand schwebt, weil er tatsächlich mit Helium gefüllt ist, sind kleine und grosse Bühnen-Interna, die sich aber im Lauf der Vorstellung enträtseln.

Computergesteuerte, hydraulische Mechanik

Der Zeremonienmeister begrüsst das Publikum
Der Zeremonienmeister begrüsst das Publikum

Praktisch alles am Kopf ist, Computer gesteuert über mechanische, extra konstruierte, metallene Teile steuerbar, sodass der Riese den Mund öffnen, die Stirn runzeln, die Augen rollen kann und vieles mehr. Ein Clownsgesicht an einem monströsen Krangestänge, das sich als ungemein beweglich und ausdruckstark erweist. Wenn es sich hebt und senkt faucht die Hydraulik, wie die Fahrgeschäfte auf einem echten Jahrmarkt. Ebenso beweglich die beiden Riesenhände. Erstmals bei einem Spiel auf dem See und passend zum Thema Zirkusfest, boten Akrobaten und Sänger auf dem Vorplatz ihre Kunst dar und ziehen quasi gemeinsam mit dem Publikum in den Festspielbereich, sich quer durch die Zuschauertribüne spielend ein, bevor sie die Bühne entern.

Animateur zuoberst auf dem Riesenkopf

Rigoletto schwebt zu Beginn ein Foto Bregenzer Festspiele Karl Forster
Rigoletto schwebt zu Beginn ein Foto Bregenzer Festspiele Karl Forster

Kaum dort angekommen, öffnet sich eine Klappe auf dem höchsten Punkt des Riesenkopfes und heraus tritt „Marullo“ in einem schwarz – weiss gekachelten Clown Kostüm und begrüsst das Publikum mit stark italienischem Akzent mittels launigen Worten und stimmt es auf die nun unverzüglich beginnende Vorstellung ein, nicht vergessend zu erwähnen, dass es empfehlenswert sei, Taschentücher bereit zu halten. Sogleich stimmen die nur über Monitore sichtbaren Wiener Symphoniker die Ouvertüre an und das Spiel beginnt.

Mélissa Petit als Gilda „Prima inter pares“

Gilda auf der Riesenhand des Rigoletto Foto Karl Forster
Gilda auf der Riesenhand des Rigoletto Foto Karl Forster

Mélissa Petit als Gilda, die Entdeckung dieser Inszenierung, brilliert u.a. besonders mit der Intonation von  „Caro nome“ mit perfekten Koloraturen auch in den allerhöchsten Lagen. Wenn man sie hört und sieht, wird schnell klar: Ihr wurde manches in die Wiege gelegt, wofür andere hart arbeiten müssen. Sie hat eine kräftige, sehr klare und äusserst präsente Sopranstimme, die mühelos und ohne hörbare Übergänge durch alle Register klettern kann, über viele Klangfarben verfügt und auch mit virtuosen Auszierungen keine Probleme kennt. Besonders eindrücklich die „Arie der Gilda“, in der Gondel des Ballons in luftiger Höhe gesungen. Dieser Sopran hat viele Facetten, auch unendlich zarte, und ist mit großem dramatischem Potenzial ausgestattet.

Das Quartett „Bella figlia dell`amore“ ein weiteres Highlight

Das Zirkusvolk auf der Bühne © Bregenzer Festspiele, Karl Forster
Das Zirkusvolk auf der Bühne © Bregenzer Festspiele, Karl Forster

Ob allein mit Arien, im Duett, Terzett, Quartett oder mit Chorunterstützung. Ein musikalischer Genuss folgt auf den andern. Ob im Riesenmaul des Rigoletto, auf seinen Händen, auf seinem Scheitel oder profan auf der Bühne gesungen, die Protagonisten überzeugten sprichwörtlich auf allen Ebenen. Die starken Männerstimmen bestanden problemlos gegenüber der Sopranistin und der Genuss steigerte sich noch, wenn im Verbund gesungen wurde, besonders  „Bella figlia dell`amore“ ragte heraus.

Demontage der beiden Rigoletto

Seebühne Bregenz Szenenbild des Rigoletto
Seebühne Bregenz Szenenbild des Rigoletto

Während der reale Rigoletto psychisch demontiert wird, passiert  dem Kopf seines grossen Alter Ego, der übergrossen  Bühnenfigur, dasselbe physisch, nachdem seine beiden Augäpfel in der vorherigen Szene schon von den Artisten über die Bühne gerollt und gekickt wurden, behändigt man sich jetzt auch noch seiner Nase und der geöffnete Mund, in dem Gilda und der Herzog grad ein Duett singen, strotzt nur so von Zahnlücken. Dem Kopf fallen allmählich die Augen und die Zähne aus, er verliert seine Clown Nase und wird am Ende, im furchterregenden Gewitter der letzten Szene, zum gespenstischen Totenkopf, aus dem immense Massen Wasserfontänen auslaufen und die Darsteller fast ertränken.

Der Herzog wird  zum balzenden Pfauen aufgeplustert

Rigoletto Foto Anja Köhler
Rigoletto Foto Anja Köhler

Als die Zirkusaffen, während einer seiner Arien, des Herzogs Umhang an seinem Rücken auffalten, sieht dieser wahrhaftig aus wie ein balzendes Pfauenmännchen. Natürlich fallen auch dieses Jahr wieder diverse Akteure ins den Bodensee, ich bräuchte das eigentlich nicht, aber für einfachere Gemüter ist das halt immer ein Höhepunkt des Spektakels. Der Hofnarr wandelt sich im Verlaufe des Dramas vom höfischen  Spassmacher zum Zyniker, wird böse, unnahbar, dann gar rachsüchtig böse. Diese Wandlung, eher eine Demontage, vollzieht sich nicht nur bei der Bühnenfigur, sondern ebenso bei seinem „Alter Ego“, dem mechanischen Riesen Rigoletto. Rigolettos  Versuch, nachdem seine Tochter vom unverfrorenen Frauenhelden, der sich ihr als mittelloser Student näherte, entehrt worden war, Gilda von der Schlechtigkeit ihres Geliebten zu überzeugen: „Son questi i suoi costumi“, indem er ihr das lasterhafte Leben desselbigen bildlich vor Augen führt, fruchtet wenig bis nichts.

Rigoletto bedient sich eines Profikillers

Rigoletto Foto Karl Forster
Rigoletto Foto Karl Forster

Der professionelle Mörder Sparafucile – sein Kostüm mit aufgemaltem Gerippe macht ihn zur Personifizierung des Todes – gibt am Bühnenrand seine Künste als Messerwerfer mit seiner Schwester Maddalena als Partnerin zum Besten. Und wenn der Herzog sein zynisches „La donna è mobile“ schmettert, lässt der Regisseur vier junge Damen an Seilen auf die Bühne herabbaumeln, die so wahrhaft „mobile“ werden – und deren Kostüme aus zahllosen, prallen Brüsten bestehen. Rigoletto findet den aufgehängten Leichensack, in dem aber nicht, wie vorgesehen, der Leichnam des lasterhaften Herzogs steckt, sondern Gilda, die, als Mann verkleidet flüchten wollte und im Trubel des Gewitters, bei diffusen Lichtverhältnissen, Opfer einer fatalen Verwechslung wurde.

Versöhnliche Schluss – Szene

Rigoletto Foto Karl Forster
Rigoletto Foto Karl Forster

Dass am Schluss Gilda mit dem Ballon in den Nachthimmel entschwindet, versöhnt etwas mit dem traurigen Ausgang der Geschichte, bei der durch die Rachegelüste eine besorgten und hintergangenen Vaters, dessen eigene Tochter zu Tode kommt. Natürlich lässt sich darüber streiten, ob ein eigentliches, dazu noch recht düsteres Kammerspiel wie „Rigoletto“ so spektakulär inszeniert werden soll oder darf. Indem Stölzl das Ganze als Zirkus „verpackt“, lässt er Puristen auflaufen und kann Stunts und Gags  einbauen so viel er mag, wenn er es auch ab und zu schon sehr ausreizt. Was solls, das gehört auf der Seebühne einfach dazu und wird vom Publikum auch erwartet. Trotzdem steht Verdis unvergleichliche Musik im Mittelpunkt, die von einem souveränen Orchester und grossartigen Sänger – Darsteller*innen auf die Bühne gebracht werden. Auch das Lichtdesign trägt sehr viel bei, lässt den Riesenrigoletto mal dunkelrot recht bedrohlich, dann wieder grün-gelb amüsiert erscheinen. Dazu sind die Darsteller in teils opulente, passende Kostüme gekleidet, was das Gesamtkunstwerk „Rigoletto auf dem See“ zum grossartigen Erlebnis macht. Das Publikum würdigte die Leistungen denn auch mit viel Szenenapplaus und einem langanhaltenden, stürmischen Schlussapplaus.

Alle Rigolettos beim Nachtessen vis a vis Seebühne
Alle Rigolettos beim Nachtessen vis a vis Seebühne

Kurzer Trailer des Schlussapplauses:

https://youtu.be/1-N06-LA4CI

Kleine Fotodiashow der Produktion von Anja Köhler und Karl Forster:

fotogalerien.wordpress.com/2019/07/28/seebuehne-bregenz-rigoletto-fotodiashow-von-anja-koehler-und-karl-forster/

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: bregenzerfestspiele.com/de

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Bilanz der Opernfestspiele Heidenheim 2019 // Vorschau 2020

 Ernani  Ensemble Foto Oliver Vogel
Ernani Ensemble Foto Oliver Vogel

„Glück“ war die Überschrift der insgesamt 55. Saison der Opernfestspiele Heidenheim. Das so dynamische wie traditionsreiche Festival wird von Marcus Bosch geleitet, der positive Bilanz zu seiner 10. Spielzeit als Intendant zieht: „‘Ernani‘ war nicht nur künstlerisch ein voller Erfolg. Mit meinem Wunschstück ‚Pique Dame‘ war ich sehr zufrieden, wir haben richtig Werbung für das Werk gemacht. Die Konzerte waren - ob mit ihrem russischen Einschlag oder mit Beethoven - alle eine große Freude. Mein Saison-Fazit: Glück gehabt!“

16.800 Besucher erlebten auf dem Heidenheimer Festival-Hügel und an ausgewählten Spielstätten in der östlichen schwäbischen Alb Oper und Konzert auf Höchstniveau. Drei eigene Opernproduktionen, große sinfonische Konzerte bis hin zu zahlreichen Extras – die Opernfestspiele Heidenheim gelten heute als herausragendes Beispiel für die erfolgreiche Verbindung aus Event und Kunst.             

Rahmensetzungen wie diese nützen die Heidenheimer Festival-Macher nicht als Ruhekissen, sondern als Grundlage für eine geradezu exemplarische Konzentration auf das Besondere in Oper und Konzert. Beispiel „Verdi-Werkstatt Heidenheim“ (Stefan Lang, Deutschlandfunk Kultur): Die 2016 gestartete und von Deutschlandfunk Kultur und dem CD-Label Coviello Classics begleitete Verdi-Reihe mit den frühen Opern Giuseppe Verdis gelangte in der Saison 2019 zu einem neuen Höhepunkt in der Produktion von „Ernani“. Die positive Resonanz der Fachwelt spiegelt auch den großen Publikumserfolg, der sich in einer sprunghaft gestiegenen Auslastung der „Verdi-Reihe“ von aktuell 91% ausweist.                   
                
Mit der zentralen großen Festivaloper „Pique Dame“ setzten Bosch und Regisseur Tobias Heyder ein weiteres Zeichen im Besonderen und abseits der großen Blockbuster - und erreichten eine Auslastung von 83%. Oper Nr. 3 war „GOLD!“, die Erfolgs-Kinderoper von Leonard Evers (Libretto Flora Verbrugge). Im Opernzelt im Brenzpark erlebten fast 2.700 junge und junggebliebene Menschen in insgesamt 16 Aufführungen (Auslastung: knapp 93%). Zusammen mit zahlreichen Vermittlungs-Formaten und gefördert u.a. mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes und des Landes Baden-Württemberg, stellt die Auseinandersetzung mit neuen Zielgruppen der „Musikwerkstatt OH!“ (Leitung Laura Nerbl) heute eine wichtige Festivalsparte dar, wovon die stolze Anzahl von über 4.400 Teilnehmern im Festival 2019 beredtes Zeugnis ablegt. Das Projekt "Glücksschmiede" im Rahmen von OH! Komponieren wurde für den MIXED UP Preis der bkj (Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung) nominiert.               

Matthias Jochner, in einer Person Kulturchef der Stadt Heidenheim und Musiker in der Cappella Aquileia, zeigt sich mehr als zufrieden und findet eine neue Sprachregelung für Inhalt und Qualität der Opernfestspiele: „Wir sagen heute nicht mehr, dass es erstaunlich ist, was in Heidenheim möglich ist. Wir sagen heute, dass so etwas nur in Heidenheim möglich ist!“   
 

Vorschau 2020:  Opern und große Konzerte der Heidenheimer Festspielsaison 2020 sind bereits im Vorverkauf: Verdis „Don Carlo“ (Premiere 10.7.2020) und seine sechste Oper „I due Foscari“ (Premiere 23.7.2020) stehen im Zentrum. Das Gesamtprogramm wird im Herbst 2019 veröffentlicht.              

 

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Pink, «Beautiful Trauma » World Tour, Letzigrund Zürich, 30. Juli 2019, besucht von Léonard Wüst

Sängerin Pink auf ihrer großen Welttournee Foto Paul Zinken
Sängerin Pink auf ihrer großen Welttournee Foto Paul Zinken

Besetzung:
Pink, Support: Vance Joy & KidCutUp

Rezension:

Nach einer etwas mühsamen Anreise mit Zugverspätungen usw., schaffte ich es doch noch rechtzeitig an meinen Platz auf der Tribüne des Letzigrund Stadions in Zürich, sodass ich grad noch die letzten zwei, drei „Aufleger“ des zweiten  Support Acts  DJ Kid Cut Up mitbekam, der das Publikum im vollen Stadion schon ordentlich in Fahrt gebracht hatte. Die bald 40jährige P!nk, dekoriert mit mehreren Grammys, mit über 40 Millionen verkauften Alben und mehr als 70 Millionen verkauften Singles, füllt seit 20 Jahren die Säle und Stadien weltweit, begeistert mit ihren Songs, aber ebenso mit einem, nicht nur pinken, Farbspektakel, halsbrecherischer Akrobatik, perfekter Tanzchoreografie und fliegenden Kostümwechseln.

Pink schwebt  im fliegenden Käfig auf die Bühne
Pink schwebt im fliegenden Käfig auf die Bühne

Die bombastische Bühne wurde zuerst von der Band geentert, bevor die kultige Amerikanerin selbst erschien, Mit «Get The Party Started», und von einem riesigen Kronleuchter baumelnd, eröffnete die amerikanische Popsängerin die fast zweistündige Show. Es blieb nicht die einzige Flugeinlage: An einem Hüftgürtel befestigt schwebte Pink später bei «So What» in schwindelerregender Höhe über die Köpfe der etwa 45’000 begeisterten Besucher im ausverkauften Letzigrund Stadion hinweg. Von der Bühne weg führte  ein Laufsteg einige Meter mitten in die Fans hinein. Wie sich erwies, war es sogar ein Laufband, worauf sich jetzt die Sängerin räkelte und näher zur Menge transportieren liess, heftigst umjubelt und beklatscht.

Vollbeschäftigung für Protagonisten vor und hinter der Bühne

Das Warten auf Pink im Letzigrund in Zürich
Das Warten auf Pink im Letzigrund in Zürich

Die Akteure, hinter und auf der Bühne, waren während der ganzen Show „very busy“, beschäftigt mit ständig wechselnden Bühnenbildern, vielen Kostümwechseln. Dazwischen sollten sie ja auch noch Musik machen, tanzen, oder akrobatische Showelemente darbieten. Es wurde also, für die doch recht happigen Eintrittspreise, auch ein reeller Gegenwert geboten, nicht Musik ab Konserve im Playback und ununterbrochen zugespielte Videoclips auf Grossleinwand, sondern echte Livemusik von echten Darstellern und nicht irgendwelchen Avataren, wie es  bei den unzähligen hochgejubelten Youtube „Stars“ heute leider üblich ist. Ein paar, ebenfalls  umjubelte, politische und gesellschafskritische Statements konnte sich die Performerin auch nicht verkneifen.

Schon seit März auf Welttournee

Pink auch mal in schwarz
Pink auch mal in schwarz
Auch akrobatisch auf der Höhe Pink
Auch akrobatisch auf der Höhe Pink

Die Beautiful Trauma World Tour startete im März, es ist bereits die siebte Konzerttournee von Pink. Stationen gab es rund um den Globus, unter anderem schon in Las Vegas, Sydney, Dublin, Amsterdam und im legendären Wembley-Stadion in London. Während eines Konzerts auf der Tour hat ein Fan sogar ein Baby geboren – zu Get The Party Started. Songs wie «What About Us», «I Am Here» oder der Tour-Titelsong «Beautiful Trauma» aus dem gleichnamigen, 2017 erschienenen Album servierte Pink ebenso wie auch Lieder wie «Hustle» oder «Walk Me Home» aus ihrem im April 2019 erschienenen achten Studioalbum «Hurts 2B Human». Dazu gabs obendrauf auch Bewährtes mit älteren Hits wie «Just Like A Pill», «Raise Your Glass» oder «Just Give Me A Reason».

Von den Fans gabs pinke Plastiktiere, Läckerli und Käse

Der Superstar wird von ihren Tänzern auf Händen getragen
Der Superstar wird von ihren Tänzern auf Händen getragen

 

Pink zur Abwechslung mal in weiss
Pink zur Abwechslung mal in weiss

Die Künstlerin verliess später sogar den Laufsteg, um einige Fans zu herzen und sich für ein Selfie ablichten zu lassen, dies ganz ohne die sonst üblichen Bodyguards. Dafür wurde sie von ihren Fans beschenkt mit, u.a. einem Stück vakuumiertem Grana Padano (wieso nicht Emmentaler?), einem Säckli Basler Läckerli (mit der Aufschrift „Next Stop Basel“). Dann mit„Time After Time“ von Cyndi Lauper ein emotionaler Höhepunkt des Abends, viele im Publikum haben Tränen in den Augen, als sie mitsingen: Wenn du fällst, fang ich dich. Kuscheltiere fliegen auf die Bühne. Die Sängerin ist gerührt. Sie kann mal einzelne Sätze weglassen beim Singen, die Menge trägt sie. Am Ende ist auch der fabelhafte Gitarrist Justin Derrico besser zu hören.

Restlos begeisterte Konzertbesucher

Danke Zürich zum Schluss
Danke Zürich zum Schluss

Am Schluss, nach dem Abschiedssong „Glitter in the Air“, gabs ebensolchen, denn es wurde noch einiges Feuerwerk in der Zürcher Nachthimmel geschossen, dazu fielen auch noch einige wenige Regentropfen, die aber die sehr gute Stimmung im „Letzi“ nicht zu trüben vermochten. Auch erfreulich: Dank Extratrams und Bussen im 5 Minuten Takt klappte auch der Rücktransport in die City, zu den diversen Bahnhöfen usw. reibungslos. Ein Konzert, das die Besucher restlos zufrieden stellte und den grossen Erwartungen mehr als gerecht wurde.

Text und Fotos: Léonard Wüst www.leonardwuest.ch

Fotos:

www.pinkspage.com

http://www.abc-production.ch/index,  Léonard Wüst

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