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Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn

Luzerner Theater, Märchen im Grand Hotel, Operette von Paul Abraham, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn
Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn

Produktionsteam:
Musikalische Leitung: William Kelley, Inszenierung: Bram Jansen, Bühne: Robin Vogel,
Kostüme: Ulrike Scheiderer, Choreographie: Ryan Djojokarso, Video: David Röthlisberger,
Licht: Marc Hostettler, Sounddesign: Jorg Schellenkens, Dramaturgie: Julia Jordà Stoppelhaar,
Johanna Wall
Besetzung:
Tora Augestad (Sounddesignerin), Heidi Maria Glössner (Zimmermädchen / Infantin Isabella),
Samuel Streiff (Kellner / Albert), Robert Maszl (Prinz Stefan / Koch), Jason Cox (Manager /
Chamoix), Vuyani Mlinde (Verwandlungskünstler), Giulia Bättig (Trainée Hotel), Norma
Haller (Trainée Hotel), Chiara Schönfeld (Trainée Hotel), Anna Vogt (Trainée Hotel)
Luzerner Sinfonieorchester

Rezension:

Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn
Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn

Kellner Albert ist verzweifelt: In «seinem» Grand Hôtel ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Qualitäts-Touristen fehlen, Albert wünscht sich sehnlichst, sein geliebtes Hotel vom Billig-Tourismus zu retten, um dort weiterhin wie eh und je seiner Arbeit nachgehen zu können und in der Nähe seiner Isabella zu sein, der Putzfrau, die er seit 20 Jahren liebt und verehrt. Der Hoteldirektor Chamoix hat da aber andere Pläne. Er lässt gerade einen Werbespot drehen, um das Haus besser verkaufen zu können. Der angereiste Scheich mit Gefolge zeigt grosses Interesse. Für diesen Werbespot fehlt allerdings noch die Tonspur, die wird jetzt aufgenommen, aus Spargründen mit den Stimmen der Angestellten des Hotels. Die Geschichte des Werbespots ist Paul Abrahams Operette «Märchen im Grand Hotel». Auch diese Geschichte spielt, wie könnte es anders sein, in einem Grand Hôtel und dreht sich um eine verarmte spanische Prinzessin, ihre Entourage und um einen unbeholfenen Kellner.

Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn
Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn

Dies in groben Zügen das «Märchen im Grand Hôtel» in der Inszenierung von Bram Jansen, welches seit Ende Oktober 2019 und noch bis März 2020 im Luzern Theater gezeigt wird. Jansen hat die 1934 uraufgeführte Operette speziell für Luzern umgeschrieben und angepasst. Luzerner Geschichten, Lokalitäten und typische Touristen-Clichés tauchen dann auch immer wieder auf in seiner Inszenierung.

Kissenklopfer und Orangenküsse

Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn
Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn

Marylou, die Sounddesignerin, baut also ihr Tonstudio auf im Keller des Grand Hôtels. Bühnentechnisch ist das so gelöst, dass im oberen Teil des Bühnenraums ein nobles Hotelambiente nachgebildet ist, im unteren Teil, durch eine enge Treppe und einen Lift zugängig, der ziemlich chaotische Keller des Hotels mit allerlei Getränkekisten, Weingestellen und sonstigem Kram. Marylou (eine herrlich agile, mit viel Lust und Verve spielende und singende Tora Augestad) empfängt in diesem improvisierten Studio die verschiedenen Sprecher des Films. Es sind diers u.a. Trainees, Koch Andreas, Hoteldirektor Chamoix, Kellner Albert, Putzfrau Isabella, sie alle treten an, um die ihnen zugeteilten Rollen zu sprechen und zu singen. Marylou kümmert sich um die Koordination aber vor allem um die Soundeffekte, was immer wieder Anlass gibt für Lacher im Publikum. Kissenklopfer bei Schlägen, aber vor allem Orangengequetsche bei Kussszenen – da «designt» Marylou besonders ausgiebig und mit viel Wollust.

Die Geschichte in der Geschichte

Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn
Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn

Immer wieder schwappt der Hotelalltag ins Aufnahmestudio: Ein staubsaugender Angestellter stört, der angereiste Scheich wünscht eine Pizza, einen Berner Sennenhund, einen speziellen Champagner. Der Hoteldirektor, ständig an seinem Handy (ein aalglatter Jason Cox), erfüllt die Wünsche oder lässt sie erfüllen. Eine japanische Touristengruppe verirrt sich im Keller und schiesst Selfies mit Handysticks. Die Putzfrau (Heidi Maria Glössner, souverän, mit unglaublicher Bühnenpräsenz) wehrt die Avancen des verliebten Kellners Albert (Samuel Streiff, schüchtern, verträumt, melancholisch) ab. Concierge Lossas (Vuyani Mlinde, herrlich wandlungsfähig, stimmlich und darstellerisch) sieht sich aus Personalknappheit mal die Rolle des Grossfürsten, mal jene der Gräfin Ines zugeteilt und wechselt völlig mühelos zwischen den verschiedenen Tonlagen. Während den Aufnahmen finden Marylou und Koch Andreas Gefallen aneinander, Putzfrau Isabella leider aber immer noch nicht an Kellner Albert, Chamoix steht in Verkaufsverhandlungen mit dem Scheich, Albert funkt dazwischen, um den Verkauf zu verhindern und Isabella verkündet, dass dies ihr letzter Arbeitstag sei im Hotel.

Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn
Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn

Das viel besungene Happy-End passiert nur im Werbespot, der inzwischen fertiggestellt worden ist. Albert betrachtet das Werk, in Schwarz-Weiss, mit nostalgischen Bildern aus dem Hotel Schweizerhof Luzern und mit clichéhaften touristischen Aufnahmen aus der Umgebung. Ob für ihn im realen Leben noch eine Chance auf ein Happy End mit seiner Isabella besteht, bleibt offen.

Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn
Märchen im Grand Hotel Szenenfoto von Ingo Hoehn

Das «Märchen» ist unterhaltend, köstlich, die Musik ein bunter Mix aus Walzer, Jazz, Tango. Kellner Albert besingt seine «schönste Rose» auf beste Operettenmanier und schmachtet dabei selbstvergessen einen Putzmob an, Heidi-Maria Glössner ist eine wunderbar unnahbare Putzfrau und – im Werbefilm – eine noble Prinzessin und lässt mit ihrer schönen Stimme Marlene Dietrich aufleben. Das LSO unter William Kelley schwelgt, fetzt und walzert aufs Schönste aus dem Orchestergraben.

Ein Besuch dieses Märchens, schauspielerisch und musikalisch auf hohem Niveau, sei jedem empfohlen, der einen vergnüglichen Abend verbringen möchte.

 

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Hoehn:

fotogalerien.wordpress.com/2019/11/05/luzerner-theater-maerchen-im-grand-hotel-operette-von-paul-abraham-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: luzernertheater.ch

Fotos: Ingo Hoehn  Luzerner Theater

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Fotomotiv von Matthieu Gafsou

Oper und Ballett arbeiten zusammen in der Neuproduktion von Les Indes galantes am Grand Théâtre de Genève

Fotomotiv von Matthieu Gafsou
Fotomotiv von Matthieu Gafsou

Als ein Werk, in dem Gesang und Tanz sich die Waage halten, bietet sich Jean-Philippe Rameaus Opéra-ballet Les Indes galantes bestens an für eine erstmalige künstlerische Zusammenarbeit von Oper und Ballett am Grand Théâtre de Genève.

In Rameaus Werk wird in vier verschiedenen Episoden das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und die daraus entstehenden amourösen und gesellschaftspolitischen Konflikte geschildert. Das Europäische begegnet dem Türkischen, dem Persischen und dem Indigenen in Nord- und Südamerika.

Die Amerikanerin Lydia Steier setzt das Stück als die Vision einer neuen, besseren Gesellschaft der Zukunft in Szene, durch die es erst möglich ist, die Kontroversen zu lösen, die sich aus gegensätzlichen Weltbildern ergeben. „Dies ist ein wichtiger Aspekt unseres Projekts für Genf, eine Stadt, die wie keine andere für Menschen-rechte steht. Wir zeigen auf niemanden mit dem Finger, aber wir legen ihn genau auf die Wunden, damit es weh tut“, so Steier. Die Regisseurin hat in letzter Zeit vor allem im deutschen Sprachraum für Aufsehen gesorgt, etwa mit ihrer Zauberflöte bei den Salzburger Festspielen 2018.

Der argentinisch-deutsche Choreograph Demis Volpi studiert mit der Genfer Ballettkompagnie die ausgedehnten Tanzszenen ein, die integraler Bestandteil von Rameaus Oper sind und die ihrerseits die fremden Kulturen widerspiegeln. Für das Bühnenbild zeichnet Heike Scheele verantwortlich, für die Kostüme Katharina Schlipf und für das Licht Olaf Freese.

Mit einem ausgewählten Barockensemble sowie dem von Alan Woodbridge einstudierten Chor des Grand Théâtre de Genève wird der in Genf bestens bekannte Alte-Musik-Spezialist Leonardo García Alarcón am Pult seiner Cappella Mediterranea Rameaus Opéra-ballet erarbeiten, in der gerade die farbenreichen und raffinierten Orchestersätze eine ganz besondere couleur locale des Exotischen erzeugen.

Die Besetzung wird angeführt von Kristina Mkhitaryan, die in die Rollen von Hébé, Émilie und Zima schlüpfen wird. In Genf hat sie bereits in Cavallis Il Giasone begeistert, außerdem hat sie in letzter Zeit etwa an Covent Garden, der Bayerischen Staatsoper oder der New Yorker MET von sich reden gemacht. Des Weiteren singen Roberta Mameli (Amour/Zaïre), Claire de Sévigné (Phani), Amira Edris (Fatime), Renato Dolcini (Bellone/Osman/Adario), Gianluca Buratto (Ali), Anicio Zorzi Giustiniani (Don Carlos/Damon), François Lis (Huascar/Don Alvaro) und Cyril Auvity (Valère/Tacmas).

 

Grand Théâtre de Genève

Premiere: 13. Dezember 2019, 19.30 Uhr

Weitere Aufführungen: 15., 17., 19., 21., 23., 27. und 29. Dezember

LINK: https://www.gtg.ch/les-indes-galantes/

 
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Die taiwanesische Pianistin Shih Wei Huang begeisterte in Sursee

Von der www.innerschweizonline.ch, durch Léonard Wüst initiiertes Benefizkonzert des Zonta Clubs Luzerner Landschaft, Shih-Wei Huang spielte in der Klosterkirche Sursee, 31.10.2019, kommentiert von Noémie Felber

Die taiwanesische Pianistin Shih Wei Huang begeisterte in Sursee
Die taiwanesische Pianistin Shih Wei Huang begeisterte in Sursee Foto Edith Budmiger

Besetzung und Programm:

Shih-Wei Huang Solistin am Piano

Ludwig van Beethoven
 32 Variationen c-Moll WoO 80
 
Johannes Brahms
Variationen und Fuge über ein Thema von Händel B-Dur op. 24
 
Franz Liszt
„Rigoletto. Paraphrase de concert“ S 434

 

Rezension:

Shih Wei beim Konzert in der Klosterkitche
Shih Wei beim Konzert in der Klosterkirche

Bereits bei den ersten Takten merkt man, dass Shih-Wei Huang die Musik im Blut liegt. Die sympathische Pianistin spielt mal leise und verträumt, mal haut sie kraftvoll in die Tasten. Das Publikum des Benefizkonzerts wird Zeuge eines abwechslungsreichen Programms, welches die Musikerin voller Emotionen und mit technischer Höchstleistung wiedergibt.

Emotionaler Abend

Shih Wei am Flügel in der Klosterkirche
Shih Wei am Flügel in der Klosterkirche

Eingeleitet wurde das Konzert durch eine kurze Rede von Antoinette Hess-Felber, Präsidentin des Zonta Club Luzern Landschaft. Die Gruppierung setzt sich für die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen ein und hat das Benefizkonzert mitorganisiert. Es wird erwähnt, dass die Hälfte der erworbenen Einnahmen an den Club geht, der sie zur Unterstützung von Nachwuchstalenten einsetzen will. Der restliche Betrag erhält  Shih-Wei Huang, die grosszügiger Weise auf eine fixe Gage verzichtete. Die Musikerin eröffnete den musikalischen Teil des Konzerts mit einer Widmung an ihre verstorbene Freundin und Mentorin Lucette Achermann-Wüst.

Von Beethoven über Brahms zu Franz Liszt

Shih Wei geniesst den verdienten Applaus beim  Klosterkonzert
Shih Wei geniesst den verdienten Applaus beim Klosterkonzert

Durch diese Einleitung ist der Grundstein für einen berührenden Abend gelegt. Zusätzlich unterstützt wird diese Wirkung durch den dramatischen Beginn des Programms mit Beethovens 32 Variationen in c-Moll. In eine ganz andere Stimmung wird das Publikum mit dem beschwingteren zweiten Werk, Variationen und Fugen über ein Thema von Händel des Romantiker Johannes Brahms, versetzt. Einen pompösen Abschluss des gut einstündigen Programms bieten Liszts Rigoletto-Paraphrasen. Huang gelingt es mit ihrem aussergewöhnlichen Talent, die unterschiedlichen Stile der Kompositionen authentisch zu vermitteln und den Werken eine individuelle Note einzuverleiben.

Von Taiwan nach Sursee

Shih Wei mit Mitorganisatorin Edith Budmiger
Shih Wei mit Mitorganisatorin Edith Budmiger

Shih-Wei Huang spielt bereits seit ihrer Kindheit Klavier und studierte an renommierten Hochschulen auf der ganzen Welt. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und konzertierte mit namhaften internationalen Orchestern. Es ist dementsprechend eine besondere Gelegenheit, sie in Sursees Klosterkirche zu erleben. Der kleine Raum ermöglicht einen familiären Rahmen und eine unbezahlbare Nähe zu der Künstlerin. So hört man jede kleinste musikalische Nuance und erkennt jede Gefühlsregung auf dem Gesicht Huangs. Komplett ohne Noten und meist mit geschlossenen Augen spielt sich die Pianistin scheinbar mühelos durch das anspruchsvolle Programm und begeistert so die zahlreichen Konzertbesucher in der praktisch ausverkauften Klosterkirche. Dass diese einmalige Möglichkeit, eine Weltklassepianistin live zu erleben geschätzt wurde, manifestierte sich in der abschliessenden Standing Ovation, die von der Künstlerin  strahlend  entgegengenommen wurde.

Zeitreise durchs 19. Jahrhundert mit abschliessendem Sprung in die Gegenwart

Initiant und Mitorganisator Léonard Wüst bedankt sich bei der Künstlerin mit einem Blumenstrauss
Initiant und Mitorganisator Léonard Wüst bedankt sich bei der Künstlerin mit einem Blumenstrauss

Mit den ausgewählten Stücken entführte die Pianistin das Publikum auf ein musikalisches Abenteuer. Besonders die zahlreichen Variationen erfordern eine Diversität der Künstlerin, die sie hervorragend meistert. Nicht nur technisch überwindet sie die höchst anspruchsvollen Stücke, sondern versieht sie zudem mit einer seh- und hörbaren Emotionalität. Nach einem erfolgreichen Konzert, gefolgt von tosendem Applaus, verabschiedet die Künstlerin das Publikum mit einem beeindruckenden Solo-Piano Arrangement der Titelmelodie zu «Pirates of the Caribbean» in die Nacht. Dieser stilbrechende Abschluss begeisterte sowohl Freunde der Klassik als auch Fans der zeitgenössischen Musik.

Trio Shih Wei im Hirschen beim Meet the Artist
Trio Shih Wei im Hirschen beim Meet the Artist

Einige Zuhörer zog es im Anschluss weiter zum «Get together, Meet the Artist» im Galeriesaal des Hotel Hirschen,  an welchem Shih-Wei Huang, begleitet von Bassist Thomas Ottiger  und Schlagzeuger Urs Zimmermann, mit ausgewählten Jazz-Stücken eine ganz andere musikalische Seite zeigte.

Text: www.noemiefelber.ch

Fotos:   https://www.shihweihuang.com/  Edith Budmiger, Mona Wermelinger

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Oslo Philharmonic Orchestra in Foto Peter Adamik

Wiener Konzerthaus, Oslo Philharmonic, Leif Ove Andsnes, Piano, Dirigent Vasily Petrenko, 16. Oktober 2019, besucht von Léonard Wüst

Oslo Philharmonic Orchestra in Foto Peter Adamik
Oslo Philharmonic Orchestra Foto Peter Adamik

Besetzung und Programm:

Oslo Philharmonic, Leif Ove Andsnes, Klavier, Vasily Petrenko, Dirigent

Richard Strauss

Don Juan. Tondichtung nach Nikolaus Lenau op. 20 (1887–1888)

Edvard Grieg

Konzert für Klavier und Orchester a-moll op. 16 (1868)

Sergej Rachmaninoff

Symphonie Nr. 2 e-moll op. 27 (1906–1907)

Rezension:

Gelungene Ouvertüre

Schönes Blumenarrangement bei Weinzirls
Schönes Blumenarrangement bei Weinzirls

Es gibt so Abende, da stimmt einfach alles. Die sind zwar eher selten, dafür umso schöner, kostbarer und unvergesslicher. Eine Konzerttournee der Oslo Philharmonic zu dessen 100-jährigen Bestehen machte Halt in der österreichischen Metropole für ein Konzert im Wiener Konzerthaus und brachte als Piano Solisten gleich noch ihren Landsmann Life Ove Andsnes mit an die Donau. Dieser, für mich persönlich einer der momentan interessantesten, aber zugleich auch einer der meistunterschätzten Tastenvirtuosen der Gegenwart. Dass dann im Programm gleich auch noch das Klavierkonzert in A Moll von Edvard Grieg gelistet war, steigerte meine Vorfreude grad nochmal. Wenn das alles zudem noch von Vasily Petrenko geleitet wird, steht einem ungetrübten Konzertgenuss nichts mehr im Wege und so fiel es mir auch nicht besonders schwer, die ebenfalls für diesen 16. Oktober gebuchten zwei Karten für Puccinis «Madame Butterfly» an der Wiener Staatsoper in den Kommissionsverkauf zurück zu geben.

Restaurant Weinzirls Innenansicht, die Schmankerln begeistern, optisch und geschmacklich
Restaurant Weinzirls Innenansicht, die Schmankerln begeistern, optisch und geschmacklich

Davor aber orchestrierte Hermann Weinzirl im gleichnamigen Restaurant im Hause auch sein Team zu Spitzenleistungen. Nach einem äusserst herzlichen Empfang durch den Chef persönlich, genossen wir alsbald ein paar der köstlichen, in kleinen Portionen gereichten, auch visuell sehr anregenden Winzierl Schmankerln, wie  gebeizten Lachs, Wildscheinschinken mit Kräutervinaigrette, Steinpilzrisotto, Kartoffel Gnocchi mit Cherrytomatensauce, Rehrücken mit Erdäpfelpuree, auf feinem Wildjus mit Brombeeren oder Filets von der Goldforelle mit ihrer Garniture, abgeschlossen mit einem assortierten Dessertteller.

Weinzirl Schmankerl begeistert, optisch und geschmacklich
Weinzirl Schmankerl begeistert, optisch und geschmacklich

Begleitet durch den Gaumenschmaus wurden wir von den freundlichen, motivierten und sehr aufmerksamen Servicemitarbeiter*innen. Gutgelaunt und wohlgenährt aber nicht vollgestopft, dislozierten wir dann in den grossen Konzertsaal, der bis zu 1865 Personen Platz bietet und bis auf ganz wenige, einzelne Plätze vollbesetzt war von einem erwartungsfreudigen Publikum.

Auf Gaumenschmaus folgt Ohrenschmaus

Don Juan, Tondichtung von Richard Straus nach Nikolaus Lenau

Konzertprogrammaushang am Wiener Konzerthaus
Konzertprogrammaushang am Wiener Konzerthaus

Die Oslo Philharmonic, zur Feier ihres 100jährigen Bestehens auf Europatournee, begrüßte sein Wiener Publikum mit Strauss’ „Don Juan“ – der schwungvoll, energisch, aber nie vorlaut, gar herrisch daherkam. Der umwerfend stürmische Beginn markiert zweifellos den Helden der Geschichte. Wild auffahrend, ein Draufgänger, wie auch jeder Dirigent gleich zu Beginn zu spüren bekommt: Sie sind nicht leicht zu bändigen, die ersten Takte des «Don Juan», der in so rasendem Tempo anhebt, als würde er mit einem Streich die komplette Damenwelt in wohlig-prickelnde Ohnmachten stürzen wollen. Das feurige Thema verbreitert sich, gewinnt an Kraft, wird ungeduldig.

Stürmisch kraftvolles Liebeswerben

Wiener Konzerthaus Aussenansicht
Wiener Konzerthaus Aussenansicht

Doch plötzlich verliert es sich träumerisch und eine Solo-Violine schwebt über allem: die erste Angebetete betritt die Szene. Das Liebeswerben nimmt seinen Lauf, findet das erstrebte Ziel, und zurück bleibt Ermattung, bevor das nächste Abenteuer losgeht. Diesmal ertönt das Lied des erotischen Opfers in der Oboe. Diese Affäre beginnt ruhiger, doch bald stellt sich auch hier mit mächtigen Hornklängen ein enormes Drängen ein: Der Blechglanz verströmt die unwiderstehliche Kraft des Helden. Die Ermattung folgt auch diesmal, nur stärker. Ein weiteres Mal schwingt er sich auf, doch das Begehren wird wilder, ziellos.

Unbändige Kraft bäumt sich nochmals auf

Wiener Konzerthaus Impression innen
Wiener Konzerthaus Impression innen

Erneut ergießt sich die unbändige, fast verzweifelt mobilisierte Kraft in vollmundig-üppigem Orchesterglanz, es folgt ein weiterer Aufschwung mit dem Anfangsthema – doch es führt nirgendwo mehr hin: Diese Erlahmung ist die letzte. Der einzelne Ton der Solo-Trompete wird gern als tödlicher Degenstoß interpretiert, denn jetzt verdämmert alles rasch. «Don Juan» ist in jeglicher Hinsicht am Ende. Der leise, wie absterbende Schluss vermittelt sowohl den Tod als auch die mit der Masse an Liebesabenteuern, dem ständigen Suchen, Finden, der Erschöpfung und der Wiederholung dieses Musters einhergehende Auszehrung, den Verfall des Helden. Das Auditorium zeigte sich sichtlich beeindruckt und äusserte dies mit kräftigem, langanhaltendem Applaus.

Norweger mit Norweger und Norweger in Griegs A-Moll-Klavierkonzert

Impression grosser Konzertsaal im Wiener Konzerthaus
Impression grosser Konzertsaal im Wiener Konzerthaus

Frisch und forsch steigt Chefdirigent Vasily Petrenko in das sehr viel gehörte Klavierkonzert des norwegischen Nationalheiligen Edvard Grieg ein, das die Streicher mit dunklen Untertönen, die Holzbläser mit fein abschattierten Pastelltönen, das Blech edel gerundet angehen. Landsmann Leif Ove Andsnes am Flügel wirkst darin so aufgeräumt und gutgelaunt, wie von ihm gewohnt. Er setzt auf vollgriffige romantische Attacke, sein Fortissimo ist dabei freilich nie plärrend laut, sondern wohl gerundet, er trifft für Grieg die ideale Mitte aus packendem und poetischem Zugriff. Ja, dieser Grieg klingt wie ein nordischer Brahms, mal so gar nicht verniedlicht.

Es gibt sie die feurigen und trotzdem coolen Nordmänner

Der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes. © apa afp Retamal
Der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes. © apa afp Retamal

Ein feuriger cooler Nordländer, ja das gibt’s, wie Andsnes, ein Pianist von meisterhafter Eleganz, Kraft und Einsicht eindrücklich demonstrierte, sehr zur Freude des sachkundigen Auditoriums, das ja in Wien, der Musikstadt schlechthin, bekanntlich sehr verwöhnt, deshalb auch besonders kritisch ist. Der Pianist reißt das Publikum mit entschiedenem Anschlag und einer angenehmen Dosis an Präzision und Klarheit mit sich. Im Adagio rollt dann zwar auch das Orchester einen wunderbar samtenen Klangteppich aus, gesamt gesehen bleibt es aber meist wohltuend zurückhaltend und überlässt dem Solisten die Oberherrschaft.

Ob Staccato oder filigrane Läufe, Leif Ove Andsnes zelebriert beides meisterhaft

Dieser weiss diesen Auslauf weidlich zu nutzen, präzis seine Staccato, feinfühlig die perlenden Läufe liebevoll, streichelt er das Elfenbein unter seinen Fingern, ohne deshalb verweichlicht zu tönen, denn er kann auch sehr energisch, wo vom Komponisten angedacht. Er führt das Orchester durch die anspruchsvolle Partitur, ohne voranzutreiben, immer in Symbiose mit dem nordische Renommierorchester, das von Petrenko äusserst zurückhaltend, mehr begleitet, denn dirigiert wird, so sparsam in der Gestik erlebt man den Russen selten. Auch  hier geizte das Publikum nicht mit Applaus und klatschte den Solisten noch ein paarmal auf die Bühne zurück, zu einer stehenden Ovation reichte es dann aber doch nicht.

2. Konzertteil mit der zweiten Symphonie von Rachmaninow

In der abschließenden zweiten Symphonie Rachmaninows kommt es noch zu einigen energischen Momenten, verursacht durch dämonisch wetternde Celli, und vereinzelt gar zu lyrischen Oasen im Adagio. Die Violinen tönen wie eine Kreation aus dem Hause Sprüngli: zartbitter der schmelzende Kern, samtig die Oberfläche. Das Konzert des Oslo Philharmonic im Konzerthaus ist ein orchestrales Großereignis. Denn die Norweger bieten eben viel mehr als handelsüblichen klanglichen Luxus, die Musiker aus der Hauptstadt des Königreichs haben enorm viel echten Charakter.

Der russischen Seele schwelgischerische Hingabe

Leif Ove Andsnes Solist am Piano
Leif Ove Andsnes Solist am Piano

Sie sind mit schwelgerischer Hingabe bei der Sache, phrasieren unerhört spannungsdrängend, die Exzellenz ihrer Solisten – welch ein berückend lukullisches Klarinettensolo im Adagio v – wirkt dabei so angenehm unprätentiös und natürlich. Die Bläser lassen sich unabhängig von den Streichern verfolgen, auch die Auffächerung der verschiedenen Streicher-Einsätze ist sehr klar herausgearbeitet. Petrenko bleibt dabei lange sehr streng im Zeitmaß. Erst dort, wo sich die Solotrompete mit drei Achteln Auftakt vom Mezzoforte zum Fortissimo steigert, verzögert der Dirigent – wie von Rachmaninow verlangt – das Tempo: Dreieinhalb Minuten lang hat er vorab dieses Fernziel im Auge. Wenn Weitsicht überhaupt klingen kann, dann so. Auf die Largo-Einleitung folgt ein Allegro moderato. Das Hauptthema soll dabei im ständigen Wechsel von leichter Verzögerung und Rückkehr zum Ausgangstempo gespielt werden.

Trotz Werktreue unverkennbar

Dirigent  Vasily Petrenko Foto Mark Mc Nulty
Dirigent Vasily Petrenko Foto Mark Mc Nulty

Petrenko und die Oslo Philharmonic bleiben äusserst werktreu, bloss vom vorgeschriebenen Verzögern und Zurückkehren zum Ausgangstempo hört man fast nichts. Nur vom Ehrgeiz, das Allegro moderato in einen möglichst deutlichen Kontrast zur Largo-Einleitung zu setzen, was diese Interpretation aber äusserst spannend macht. Rachmaninows zweite Sinfonie ist am berühmtesten durch ihren dritten Satz, ein Adagio in A-Dur, das Idyll und Elegie in einem ist und dessen Reichtum auch so ein verschwenderisch begabter Melodiker wie Rachmaninow nie wieder überbieten konnte. Fast drei Minuten dauert allein die Vorstellung des Hauptthemas bei Petrenko. Diese Großzügigkeit ist aber auch nötig. Mag die Soloklarinette tontechnisch ein wenig zu sehr in den Vordergrund gerückt sein – sie klingt so schön, dass man sich’s gefallen lässt.

Rachmaninows geniale Intention

Als wäre so ein herrlicher Einfall nicht schon überwältigend genug, intensiviert Rachmaninow die Wirkung seiner Musik noch mit den Mitteln Beethovens und Tschaikowskys: Er verkürzt das Hauptthema und schickt es in einer großen Steigerungssequenz durch verschiedene Tonarten, bis es auf dem Höhepunkt in glückstrahlendes C-Dur mündet. Vasily Petrenko mit dem Oslo Philharmonic Orchestra hat es da etwas eilig, zum Ziel zu kommen, und verschenkt die Hälfte des Glücks, dafür hört man genau, aus welch unzähligen kleinen Zuflüssen der große Strom der Musik sich speist. Zu zeigen, dass Rachmaninow polyphon denkt, dass er quasi kanonisch mit Verkleinerungen und Vergrößerungen seines Themas einen Gesamtklang konstruiert.

Petrenkos Liebe zum Liebe zum Detail, ohne das Ganze aus den Augen zu verlieren

Das Grosse im Blick, die Details fein herausgearbeitet, eine vortreffliche Umsetzung des Werkes, wie auch das Publikum mit stürmischem Applaus langanhaltend bekräftigte. Ein Applaus, der erst verstarb, als die Protagonisten diesen mit einer Zugabe belohnten, die aber noch nicht mit einer „Standing Ovation“ verdankt wurde. Aber nach der anschliessenden zweiten Zugabe, erhoben sich die begeisterten Zuhörer doch noch und feierten die Musiker. Mein Instinkt, Puccinis „Madame Butterfly“ an der Staatoper zugunsten der Norweger im Konzerthaus links liegen zu lassen, erwies sich also doch als richtig.

 

Weinzierl, das exquisite Restaurant im Hause, Homepage durch Klick auf Bild erreichbar

Diese Rezension wurde unterstützt vom Restaurant Weinzierl im Wiener Konzerthaus, bestens bedient vor und nach den Konzerten, umsorgt auch in den Pausen.

 

 

 

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: Cara Roth, Wien und   https://konzerthaus.at/

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