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Bartók in Graz, Eine Reportage von Anna Rybinski

Altersgruppe I

In Graz wurde zwischen Wiener Klassik und osteuropäischen Klängen eine Brücke geschlagen. Auf Haydn und seine Zeitgenossen folgten Bearbeitungen ungarischer Bauernlieder, rumänischer Tänze und bulgarischer Rhythmen. Die Magie der klassischen Vollkommenheit wich  den rauen Klängen bäuerischer Volksmusik – und das alles von Jugendlichen, sogar von Kindern vorgetragen, die eine erstaunliche Reife und seelische Verwandtschaft zu beiden Stilrichtungen offenbarten, die unterschiedlicher nicht sein können

Der 6. Internationale Béla Bartók Klavierwettbewerb für junge Pianisten 2019 ist erfolgreich über die Bühne gegangen.

Wichtigster Teil des Vorspielprogramms war: Wiener Klassik und Bartók.

Nach den Anfangsjahren in Wien wurde er zum zweiten Mal in Graz ausgetragen und scheint jetzt an seinem richtigen Platz angekommen zu sein.  Die jungen Talente waren gut umsorgt und konnten unter idealen Bedingungen ihre Auftritte absolvieren. Und sie kamen in Scharen, nahezu 100 an der Zahl, aus 24 Ländern und von 3 Kontinenten, im Alter zwischen 7 und 25 Jahren. Man lauschte und freute sich ob der glücklichen Umstände, so viel musikalische Begabung in sieben Tagen zu erleben. Gründliche, solide Aufbauarbeit oder gar fantastische Leistungen: Die Schüler mit ihren Lehrpersonen leisteten Grossartiges.

 

Organisatoren des Wettbewerbs waren die Béla Bartók Gesellschaft Österreich und das Konservatorium des Landes Steiermark.

Das Institut blickt auf eine lange Geschichte zurück: 1815 als Akademischer Musikverein von Grätz gegründet, ist es der zweitälteste noch bestehende Musikverein der Welt. In seinem Gründungsjahr war Beethoven 45 Jahre alt und der junge Schubert musste noch als Schulgehilfe seines Vaters zum Haushaltsgeld beitragen. Aber ihre Musik, zusammen mit den Werken von Haydn und Mozart beherrschte bald die ganze westliche Welt.

Ein namhafter Grazer Komponist, Pianist und Dirigent prägte besonders die ersten Jahrzehnten des Musikvereins, dem von Anfang an auch eine Vereinsmusikschule angegliedert war: Anselm Hüttenbrenner, den Schubert als «treuen Freund bis in den Tod» bezeichnete. Kein Wunder, dass in Graz eine weitere Hochburg der Wiener Klassik entstand!

Das Institut erweiterte sein Lehrfächerangebot ständig und dementsprechend wuchsen die Schülerzahlen. Erfreulicherweise steigerte sich auch das künstlerische Niveau: Ab 1920 konnte der Name «Konservatorium» eingeführt werden, es fanden also parallel Berufs- und Laienausbildung statt.

 

Das Steiermärkische Landeskonservatorium

Es erlebte nach dem 2. Weltkrieg eine Blütezeit und musste Zweigstellen eröffnen, um den Ansturm der Jugendlichen gerecht zu werden.

Der stolze Name des Instituts ab 1991:

«Johann-Josef-Fux-Konservatorium des Landes Steiermark in Graz»

Der steirische Namenspatron, ein Grossmeister des Barocks ist heute vielleicht weniger berühmt als seine Kontrapunktlehre: «Gradus ad Parnassum»

In Graz liegt also Klassik und Barock in der Luft, schon wegen der prächtigen Architektur.  Doch ist sie offen für Modernes!

Die Stadt gibt seit 1969 unter anderem dem «Steirischen Herbst» mit experimenteller Musik und dem „impuls“-Festival mit zahlreichen Uraufführungen ein Zuhause. Daneben klingt Béla Bartóks Musik nahezu archaisch – aber die neue Plattform für seine Werke in Graz hat eine besondere Bedeutung.

Béla Bartók – Ein Grosser der klassischen Moderne

Der ungarische Komponist gilt als radikaler Erneuerer – seine Modernität ist jedoch durchdrungen von Melodien aus Ungarn und seinen Nachbarländern. Wie es dazu kam?

In den Jugendjahren war er ein Suchender, der das bedrückende Erbe der genialen Vorgänger hinter sich lassen wollte. Er schrieb:

«Vielen begann die Masslosigkeit der Romantik unerträglich zu werden und es gab Komponisten, die das Gefühl hatten, unser Weg führe ins Uferlose …»

          Bartók sprach aus eigener Seele – aber nach dieser schöpferischen Krise fand er eine neue Inspirationsquelle in der Bauernmusik seiner Heimat. Damals, 1905, bezog sich Heimat nicht nur auf ungarische Gebiete, sondern auf die ganze Habsburgermonarchie. Er begann das riesige Land zu bereisen, nahm Entbehrungen auf sich, lebte in entlegenen Dörfern mit den Bauern und hörte unermüdlich zu. Notierte alles, was die Kinder und Erwachsene sangen oder auf ihren einfachen Instrumenten spielten. Er sammelte ca. 13.000 Melodien, unter anderem slowakische, ungarische, serbische, ruthenische und rumänische Motive und katalogisierte sie.  Seine Notiz über die Volksmusik wirkt wie ein Glaubensbekenntnis:

«Einfach, häufig auch rau, aber niemals dumm, bildet sie den idealen Ausgangspunkt für eine musikalische Wiedergeburt.»

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie fiel Bartók bei der Regierung in Ungnade. Er wurde von nationalistischen Kreisen sogar als Landesverräter beschimpft, weil ihm die Musik der «feindlichen Nachbarn» ebenso wichtig war, wie die ungarische.

Was er jedoch durch seine Werke weiterhin sagen wollte: Wir gehören zueinander, trotz Landesgrenzen. Jede Ethnie ist einmalig, jede Volksmusik eine reine Quelle!

Jetzt gehören wir wieder zueinander, wir alle sind Europa. Und in der Steiermark schlägt die Jugend eine Brücke zwischen der Hochkultur des Westens und der Volksmusik des Ostens. Ganz im Sinne des Komponisten.

1. Preise und Sonderpreise des Wettbewerbs 2019:

Altersgruppe I

Altersgruppe I (7-9 Jahre)

Znamirovský Adam, Tschechien                       1. Preis und Sonderpreis für die beste Bartók Interpretation

 

 

 

Altersgruppe II

Altersgruppe II (10-12 Jahre)

Weller Emil, Österreich                                    Bartók Sonderpreis

Huang Tzu-Ning, Taiwan                                   Beste Interpretation eines steirischen Komponisten

Csibi Orsolya Boglárka, Ungarn                        Bartók Sonderpreis

Kádár Viktória, Ungarn                                     Bartók Sonderpreis

 

Altersgruppe III

Altersgruppe III (13-15 Jahre)   

 Rozsonits Ildikó, Ungarn                                 1. Preis und Bartók Sonderpreis

 

 

 

Altersgruppe IV

Altersgruppe IV (16-18 Jahre)  

  Eydman Maria, Deutschland                          1. Preis und Bartók Sonderpreis

 

 

 

Altersgruppe V

Altersgruppe V (19-21 Jahre)   

Ratiu Emanuel Gabriel, Deutschland                Bartók Sonderpreis

 

 

 

 

Altersgruppe VI

Altersgruppe VI (22-25 Jahre)

Zając Tomasz, Polen                                      1. Preis

Szabó Eszter, Ungarn                                     Bartók Sonderpreis

 

Die Jurymitglieder des 6. Béla Bartók Internationalen Klavierwettbewerbs 2019:

Eva Ott Pianistin, Künstlerische Leiterin der Béla Bartók Gesellschaft Österreich und Initiatorin des Wettbewerbs

Eduard Lanner Pianist, Direktor des Johann-Joseph-Fux-Konservatoriums, Organisator des Wettbewerbs

Markus Schirmer, Konzertpianist, Professor der Kunstuniversität Graz

Elisabeth Väth-Schadler, Pianistin, Professorin der Gustav Mahler Privatuniversität Klagenfurt

István Székely, Konzertpianist und Kammermusiker, Professor am Konservatorium Madrid

Meisterkurs in Wien 2019

Die Béla Bartók Gesellschaft Österreich führte im Herbst mit den Jurymitgliedern des Wettbewerbs erneut einen Meisterkurs durch. Vorspielprogramm war die Wiener Klassik. Er wurde rege besucht, die Jugendlichen kamen vor allem aus der näheren Umgebung, Wien und Ungarn.

Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das regelmässige Üben auf dem richtigen Instrument, nämlich auf einem akustischen Klavier».

Der nächste Meisterkurs findet im Oktober 2020 statt.

Änderungen   in der Austragung des Internationalen Béla Bartók Klavierwettbewerbs

Mag. Eduard Lanner, Direktor des Landeskonservatoriums hat, die Organisation betreffend, wichtige Änderungen bekannt gegeben:

  1. Der Termin des zweijährlich stattfindenden Wettbewerbs wird aus organisatorischen Gründen von November auf Februar des darauffolgenden Jahres verschoben; der nächste Wettbewerb findet also Ende Januar / Anfang Februar 2022 statt.
  2. Die ältesten Teilnehmer (Altersgruppen V und VI) werden ihr Vorspiel in zwei Runden absolvieren: Nach der Vorrunde wählt die Jury die besten für das Finale aus.
  3. Die Preisträger/innen dieser zwei Altersgruppen können sich in einem öffentlichen Konzert präsentieren.
  4. https://www.verwaltung.steiermark.at/cms/dokumente/12717102_74836685/f81030e8/Bartok-Wettbewerb-2019_DE_web.pdfText: www.annarybinski.ch
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Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli

Lucerne Festival am Piano, Rezital 6 Igor Levit, 24. November 2019, besucht von Leonard Wüst

Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli
Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli

Besetzung und Programm:

Igor Levit  Klavier
Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Klaviersonate A-Dur op. 2 Nr. 2
 
Klaviersonate D-Dur op. 10 Nr. 3
 
Klaviersonate F-Dur op. 10 Nr. 2
 
Klaviersonate Es-Dur op. 31 Nr. 3

 

Rezension:

Als Klaviervirtuose hatte sich Beethoven in Wien längst sein Publikum erobert. Hier war er außer Konkurrenz. nun galt es aber auch, seinen Platz als »erster« Komponist in der Musikmetropole zu sichern – ein Unterfangen, bei dem ihm das Instrument, das er nicht nur perfekt beherrschte, sondern mit dem man sich auch ohne großen Aufwand präsentieren konnte, als Partner zu Seite stand. So haben die Klaviersonaten op. 2 mit ihren Vorgängern bei Haydn und Mozart kaum mehr etwas gemein, sondern zeigen vielmehr einen jungen Komponisten – entschlossen, mit seiner Musik die Welt zu erobern. Über die damalige Konvention hinaus weist bereits die formale Anlage: Statt drei Sätze komponierte Beethoven – wie in einer Sinfonie – vier.

Stürmisch, dies aber nicht im Forte, sondern im Piano

Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli
Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli

Stürmend und drängend eröffnet er die Zweite Sonate mit einem markant fallenden Quartsprung und einem 32stel-Motiv – dies alles nicht auftrumpfend im Forte, sondern im Piano zurückgenommen in eine spielerische Leichtigkeit, die durch die strahlende A-Dur-Tonart noch unterstrichen wird. Der Seitensatz hebt dreimal leise klagend in E-Moll an. Festumrissene Konturen vermag er nicht zu gewinnen aus diesem Material. Dafür Sprunghaftes, überraschende dynamische Umschwünge, schroffe Kontraste, jähes Umschlagen von Jubel und Glück in tiefste Verzweiflung – Konstellationen die sich auch in Schumanns Partituren finden.

Levits Fähigkeit, Beethovens Intentionen umzusetzen

Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli
Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli

All diese so unterschiedlichen Komponenten, tiefste Melancholie steht plötzlich jugendlichem Übermut gegenüber, vermag Igor Levit unmittelbar zu transportieren. Insbesondere in den langsamen Sätzen manifestiert der Pianist eine Spannung, zaubert Klangfarben, lässt die Leere, die Pausen sprechen, aber alles mit Homogenität und dem natürlichen Sinn dieser Musik entsprechend. Seine Musik fächert sich in ihren unzähligen Facetten farbenreich auf, oft sehr gesanglich; Beethovens Brio drängt forsch, aber nie brutal. Levit denkt in diesen Sonaten wechselnd kammermusikalisch und orchestral.

Igor Levits Talent wurde schon früh erkannt und gefördert

Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli
Igor Levit zelebriert Beethoven Konzertfoto von Peter Fischli

Der 1987 geborene deutsch-russische Pianist wurde schon in sehr jungen Jahren gefeiert, sein Talent früh entdeckt und gefördert. Mit vier Jahren debütierte er als Solist mit einer Ecossaise von Ludwig van Beethoven das erste Konzert gab er mit sechs mit dem Philharmonie-Orchester von Nischni Nowgorod, Händels F-Dur-Klavierkonzert. Levit nahm ab 1999 für ein Jahr am Mozarteum in Salzburg Klavierunterricht bei Hans Leygraf und begann anschließend, 13-jährig, sein Studium am neugegründeten Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter (IFF) der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

Levit mag besonders die nicht so bekannten Sonaten

Die Popularität der Beethoven-Sonaten hängt auch mit ihren Beinamen zusammen. Kein Wunder also, dass die „Pathétique“, die „Mondschein“– oder die „Waldstein-Sonate“, die „Appassionata“ und die „Sturm-Sonate“ in der Beliebtheit weit oben rangieren. Über den künstlerischen Wert sagen die Titel allerdings nichts aus. Und so findet sich im Quartett der vier «Namenlosen», mit denen Igor Levit das Piano-Festival beschloss, einer seiner grossen Lieblinge: die D-Dur-Sonate op. 10 Nr. 3. «Unheimlich mitreissend» sei schon der Kopfsatz, findet Levit. Aber es kommt noch besser, mit dem «Largo e mesto» an zweiter Stelle: «Ich kenne keinen langsamen Satz, der so in die Tiefe schürft wie dieser.» Dem Menuett attestiert er die skurrile Kombination von «Humor und Andacht», und das Finale hält er für schier unglaublich: «Es ist totale Innerlichkeit. Wenn ein Finale schon mit einer Frage beginnt. Levits Neugier will eine neue Lösung für das jeweilige Recital. Also ist er immer etwas aufgeregt. Beethovens Fantasien spielt er impressionistisch frühromantisch: klar, nachgebend in der Rhythmik, ruhig und versonnen.

Die eigentlich sehr verschiedenen Sonaten fügt Levit schlüssig zusammen

So ergänzt das Auftakt-Allegretto der A-Dur-Sonate bruchlos die genauso versonnene Welt der später folgenden E-Dur-Sonate. Im A-Dur-Alla-marcia mildert Levit sowohl das Bizarre wie das Marschmäßige, das Stück gerät ihm zu einem skurrilen Tanz voll Übermut und Doppelsinn. Und im Adagio führt Levit das Publikum in die Urgründe des Daseins: Staunen ob dieses Mysteriums. Aus dem sich Beethoven mit wilden Oktavsprüngen, Achtelakkorden und Tonleiterfragmenten befreit, ein ganz starkes Statement des 32jährigen Pianisten.

Immer hoch konzentriert wirkt er manchmal fast verbissen

Die Art, wie Igor Levit Werke umsetzt, wirkt oft sehr verbissen und hat fast den Anschein, er spiele nur für sich selbst, was durch sein meist spartanisches, fast immer graues Outfit, noch verstärkt wird, alles andere, als ein Showpianist, wie einige Asiaten, insbesondere Lang Lang. Levit wirkt spröde, völlig auf seine Aufgabe konzentriert, was dann eben durchaus wie Arbeit aussieht. Natürlich ist es harte Arbeit, aber man sollte es nur möglichst nicht merken. Levit entwickelt seine Interpretation stark aus dem Detail und behält doch immer den Gesamtzusammenhang im Blick. Besonders eindringlich führt er dies an diesem Abend in der frühen A-Dur-Sonate aus Opus 2 vor, die man selten so facettenreich gestaltet hört.

Beethoven nah bei Dantes Inferno

Igor Levit geniesst die stehende Ovation Konzertfoto von Peter Fischli
Igor Levit geniesst die stehende Ovation Konzertfoto von Peter Fischli

Beethovens pianistischer Höllenritt in f-Moll war immer schon ein ästhetisches Unding, verlangt er doch das Paradox einer Entäusserung, klanglicher wie seelischer Art, die dennoch irgendwie kontrolliert bleiben muss. Levit weiss um diese gefährdete Balance, er lässt sie immer wieder wanken, aber erst die jedes Instrument sprengende Coda kippt endgültig ins Rauschhaft-Traumatische. Dieser Beethoven ist nicht nett unterhaltend, er springt an, packt  und schüttelt uns gründlich durch. Der Interpret weiss durch sein akkurates, wenn auch manchmal etwas düsteres Spiel zu fesseln und zu begeistern. Langanhaltender kräftiger Schlussapplaus belohnte den Künstler für diese Meisterleistung und mündete schlussendlich in einer stehenden Ovation. Ein würdiger Abschluss des, vorläufig, letzten Lucerne Festival am Piano. Ein Festival, das wohl nicht nur ich sehr vermissen werde und das, davon bin ich überzeugt, in ein paar Jahren wieder im Jahresprogramm gelistet sein wird,

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Martha Argerich betritt die Bühne Foto Demian Krieger

Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Martha Argerich, KKL Luzern, 9. November 2019 besucht von Demian Krieger

Martha Argerich betritt die Bühne Foto Demian Krieger
Martha Argerich betritt die Bühne Foto Demian Krieger

Besetzung und Programm:
Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia
Sir Antonio Pappano (Dirigent)
Martha Argerich Solistin am Klavier
Carl Maria von Weber – Ouvertüre zur Oper «Euryanthe»
Franz Liszt (1811–1886) – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur
Robert Schumann – Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61

Rezension:

Elektrisch geladene Stimmung

Die Erwartungen sind gross. Es ist immer wieder etwas Besonderes, wenn Martha Argerich auf dem Programm steht. Das Publikum reist von weit her, um sich von dieser Meisterin der Klavierkunst verzaubern zu lassen. Schon bei der Billettkasse gibt es einen Andrang auf die letzten Karten, die kurz vor Konzertbeginn für die hoffnungsvollen Studenten zu Sonderpreisen freigegeben werden.

Ungewohnter Beginn

Das Konzert beginnt mit einer Begrüssung durch den Intendanten der Migros Kulturprozent – Classics Konzertreihe, Mischa Damev. Er entschuldigt sich, dass er der Künstlerin nicht untersagen konnte, das Programm zu ändern. Ursprünglich war Chopins Klavierkonzert Nr. 1 auf dem Programm. Doch auf Wunsch der Pianistin wird diesmal Liszts Konzert Nr. 1 gespielt. Zudem wird das Konzept des neuen Konzertformats erklärt. Denn vor dem Hauptgang des Abends steht eine Darbietung von Gewinnern des Migros Kulturprozent Preises an. Verschiedene Darbietungen werden dieses Jahr auf diese Art ins Konzertprogramm eingebunden. Dabei wird der Applaus gemessen und der Gewinner, also der/die meistapplaudierte, darf nächste Saison ein eigenes Konzert in dieser Konzertreihe bestreiten.

Saxophon-Sketches mit erstklassiger Klanggestaltung

Saxophon Quartett
Saxophon Quartett

Auf die Bühne kommen vier unterschiedliche Saxophone, getragen von zwei Frauen und zwei Männern. Valentine Michaud hat die Gelegenheit erhalten, sich mit ihrem Quartett (Joan Jordi Oliver Arcos, Faustyna Szudra, Jean-Valdo Galland) in diesem Rahmen zu präsentieren. Das Saxophon hört man selten in klassischen Konzerten, doch scheint es, dass das Interesse am Instrument allgemein und insbesondere in der klassischen Musik  wieder am Aufleben ist. Die vier Musiker geben «Sarajevo from Ciudades» von Guillermo Lago und «Tango Virtuoso» von Thierry Escaich zum Besten. Die Schönheit des Saxophonkanges kommt vor allem in der meditativen Stimmung von Sarajevo zum Ausdruck. Der von den Interpreten auch visuell inszenierte Tango steht in starkem Kontrast dazu. Die tanzartigen Bewegungen unterstützen den Ausdruck der Musik. Die Musiker*innen konnten eine grosse Bandbreite ihres Könnens dem Publikum präsentieren, dabei war vor allem die Klanggestaltung ein grosser Genuss.

Pappano bringt das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia nach Luzern

Sir Antonio Pappano  mit seinem Orchester
Sir Antonio Pappano mit seinem Orchester

Dem römischen Orchester, welches in der Vergangenheit unter der Führung von Mahler, Strauss, Toscanini und Furtwängler stand, eilt der gute  Ruf voraus. Seit der englisch-italienische Dirigent, Sir Antonio Pappano, 2005 das Zepter übernahm, erspielte sich dieses internationales Renommee. Die Früchte dieser langjährigen Zusammenarbeit sind in der Ouvertüre zur Oper «Euryanthe» von Weber und danach in Liszt und Schumann deutlich hör- und spürbar.

Fesselndes Klavierspiel

Martha Argerich freut sich über den Applaus
Martha Argerich freut sich über den Applaus

Martha Argerich ist ein einzigartiges Phänomen. Es gibt auch heute viele Beispiele, bei denen grosse Meisterpianisten vom Alter nicht verschont bleiben und allmählich an Glanz verlieren, doch scheint dies bei Argerichs Kunst keine Spuren zu hinterlassen. Liszts Klavierkonzert Nr. 1 wird als fantastisches Feuerwerk präsentiert, wobei vor allem die lyrischen Seiten zum Vorschein kommen. Allerdings war diese unbändige Bestie von einem Konzert doch zeitweise atemlos und lässt vermuten, dass die Pianistin es doch schon zigmal mit grossen Orchestern zum Erklingen gebracht hat. Dem entgegen gelingt es den erfahrenen Künstlern die Zeit im zweiten Satz zum Stehen zu bringen – ein unvergessliches Erlebnis.

Der bei der Uraufführung von der Kritik verspottete Triangel hat im dritten Satz sowohl musikalisch als auch visuell eine solistische Wirkung – er sitzt vor dem Orchester, fast neben der Pianistin. Das Klavier und Orchester sprühten vor Witz und Lebensfreude.

Als Antwort auf die Standing-Ovation liess sich Argerich zu einer sehr kurzen Zugabe hinreissen: aus Schumann’s Kinderszenen: «Von Fremden Ländern und Menschen».

Schumanns zweite Sinfonie

Dirigent Sir Antonio Pappano
Dirigent Sir Antonio Pappano

Unter Pappanos Leitung erblüht das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia zu fantastischen Höhen. Erst vor wenigen Jahren haben sie genau diese Sinfonie zusammen mit Schumanns vierter Sinfonie auf CD eingespielt und es scheint, als ob die Musiker diese Musik in Fleisch und Blut aufgenommen haben.

Diese kräftige, vor Lebensfreude sprühende Interpretation sucht seinesgleichen. Eine gewaltige Farbpalette weist das Orchester im Forte auf. Im Piano klingt es wie ein einziges Instrument. Das Zusammenspiel ist atemberaubend. Alle Mitwirkenden haben sichtlich Spass beim Spielen und das Publikum geniesst die Darbietung umso mehr.

Mit tosendem Applaus bedankt sich das luzerner Publikum. Pappano lässt sich nicht lange bitten und setzt mit Zugaben an: ein ruhiger Respighi und anschliessend ein fantastisch wilder Johann Strauss dargeboten – eine grosse Freude. Die Begeisterung der Zuhörer ist gross und es kommt erneut zur Standing Ovation.

Erinnerungen, die bis in die nächste Generation reichen

Dass das Publikum das Konzert in vollen Zügen genossen hat ist deutlich spürbar. “Dieses Ticket musst du für immer aufbewahren – als Erinnerung an dieses Konzert!”, sagt ein Grossvater zu seiner jungen Enkelin im Menschenstrom Richtung Garderobe. Dies erinnert an eine Aussage von Leon Fleischer, der von einem Konzert von Rachmaninoff schwärmte, welches er als kleiner Junge erleben durfte. Hoffentlich wird auch dieses Konzert zur Inspiration für die nächste Generation von Musizierenden und Musikliebhabern.

Text: Demian Krieger

Fotos: Demian Krieger und http://www.migros-kulturprozent-classics.ch/de

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Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano geniessen den Applaus, Foto Fabrice Umiglia

Lucerne Festival am Piano, Beethoven-Klavierkonzerte 2 Festival Strings Lucerne Rudolf Buchbinder, 17. November 2019, besucht von Léonard Wüst

Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano geniessen den Applaus, Foto Fabrice Umiglia
Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano geniessen den Applaus, Foto Fabrice Umiglia

Besetzung und Programm:

Festival Strings Lucerne
Rudolf Buchbinder  Klavier und Musikalische Leitung
Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur op. 15
 
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73

 

Rezension:

Erwartungsvolles Publikum im  KKL Konzertsaal
Erwartungsvolles Publikum im KKL Konzertsaal

Beethoven hat sich sein 1. Klavierkonzert auf den Leib geschrieben. Vieles von seiner pianistischen Vortrags- und Improvisationskunst hat er in dieses frühe Werk einfließen lassen. Die Wirkung des Konzerts beruht aber nicht nur auf den virtuosen Techniken des Klavierparts. Das Intro des Orchesters dauert annähernd drei Minuten, bevor sich das Klavier vorsichtig dazu gesellt und sich, fast unauffällig, in das musikalische Gebilde einfügt. Buchbinder  setzte die Harmonien, absolvierte die spannenden Läufe irgendwie losgelöst schwerelos, setzte den oft grimmigen, bärbeissigen Beethoven liebevoll, ja fast zärtlich in Szene.

Der Wiener Meister spielt mit Spott und Ironie

Rudolf Buchbinder am Piano zeigt wos lang geht
Rudolf Buchbinder am Piano zeigt wos lang geht

Der Solist akzentuierte Beethovens Spott und Ironie auf charmante, neckische Art und liess ihn dadurch auch menschlicher erscheinen, als er oft wahrgenommen wird aufgrund seiner pompösen, manchmal düsteren und mächtigen Sinfonien. Beethoven strebte in diesem Stück auch kompositionstechnische Neuerungen an. Bis dahin stellte man in Konzerten üblicherweise Individuum (den Solisten) und Gruppe (das Orchester) in einem Wechselspiel einander gegenüber. Beethoven fügte dem eine neue Ebene hinzu: Er integrierte das Klavier stellenweise sinfonisch in das Orchesterspiel und verzahnte den Solopart eng mit dem Tutti.

100 Minuten pure Spielfreude

Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano
Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano

Es waren ca. 1 ¾ Stunden inkl. Pause, die das Konzert mit den beiden Klavierkonzerten dauerte und in denen Buchbinder mit den „Strings“ die beiden Klavierkonzerte interpretierte und mit sehr sparsamen Gesten, am Konzertflügel „dirigierend“, leitete, wobei er sich voll und ganz auf die Lucerne Festival Strings verlassen konnte, um in den Solopassagen sein brillantes Klavierspiel voll zu entfalten. Er und die Musiker verstanden sich gefühls- und verstandesmäßig „blind“, ohne große Gesten und Blickkontakte. Sie empfanden die Musik gemeinsam, auf gleicher „Wellenlänge“ in einer Art Seelenverwandtschaft, schienen gemeinsam zu „atmen“, verbanden sich wie „ein Herz und eine Seele“ in „gemeinsamer Sache“ und musikalischen Fragen und interpretierten mit gleichem Können, gleicher Intensität, gleicher geistigen Tiefe, ein Miteinander im Geiste des Komponisten. Auffassung und Ausführung stimmten auf beiden Seiten völlig überein und das auf sehr hohem Niveau. Sie erweckten gemeinsam die Geistes- und Gefühlswelt Beethovens zum Leben.

Rudolf Buchbinder lebt Beethoven

Rudolf Buchbinder gibt den Takt an
Rudolf Buchbinder gibt den Takt an

Buchbinder und Beethovens Klavierwerke sind längst Synonyme geworden. Sie sind sein Lebenselixier. Er lebt in dieser Gedankenwelt. Mit seinem ausgewogenen Beethovenspiel nähert er sich immer wieder den Intentionen eines genialen Komponisten, der mit den Mitteln der Musik seinen einzigartigen schöpferischen und geistigen Höhenflügen Ausdruck verlieh. Allein Buchbinders hohe Kunst seines klangvollen, differenzierenden Anschlages, die von der jüngeren Generation schon kaum mehr wahrgenommen wird, und sein tiefes, äußerlich völlig unspektakuläres und für ihn scheinbar selbstverständliches Sich-Versenken in Beethovens geistige Höhenflüge sorgten für einen musikalischen Genuss, der seinesgleichen sucht.

Rudolf Buchbinder, Daniel Dodds und Thomas Schrott
Rudolf Buchbinder, Daniel Dodds und Thomas Schrott

So kann man das Klavierkonzert in c-Moll, op. 37, von Ludwig van Beethoven kaum je hören: so tief empfunden, so innig ausgesungen, so spannend in der Beziehung zwischen Solo und Tutti. Der Maestro, am Flügel sitzend,  lässt das Allegro con brio des Kopfsatzes hell aufleuchten, so dass die Wendung von c-Moll nach Es-Dur und vom Piano ins Forte etwas Elementares erhält. Von kompakter Kraft zumal die ersten Violinen, doch die Pauke, sie wird mit den kleinen Holzschlegeln geschlagen, die ihr den klaren Ton unserer Tage verleihen – von dem heroisierenden Pulverdampf, dem patriotischen Nihilismus, die sich bei diesem Stück gern einstellen, ist jedenfalls nicht die Spur auszumachen. Dann aber: der Einsatz des Solisten. Ganz weich nimmt Rudolf Buchbinder die im Forte aufsteigenden Läufe und das abschliessende Sforzato; was oft mit einem Ausrufezeichen versehen wird, klingt hier geradezu fragend. Überhaupt legt Buchbinder seinen Part ganz auf Kantabilität an – und wie ihm das gelingt, wie er das Perkussive des Klaviers vergessen lässt, das Instrument vielmehr zum Singen bringt, das wird in dem zart genommenen Seitenthema zum Ereignis. Dort wird dann auch bewusst, wie der Wiener Solist mit der Musik atmet, wie er die Phrasen in ihren emotionalen Dimensionen auslotet und sie ganz natürlich miteinander verbindet. So scheint es wenigstens; in Wirklichkeit ist es die Summe lebenslanger Auseinandersetzung mit dem Notentext. Viel wäre darum noch zu berichten – etwa von dem gelösten Konzertieren mit den Holzbläsern in der Durchführung und der Beleuchtung der Nebenstimmen in der Kadenz, aber auch von dem ohne jeden Drücker genommenen und darum so anrührenden Mittelsatz und dem funkelnden Rondo. Das sachkundige Publikum im komplett belegten Konzertsaal überhäufte die Künstler mit stürmischem Applaus und begab sich gutgelaunt in die Pause.

2. Konzertteil mit dem 5. Klavierkonzert

Cellistinnen v.l. Sylvia Zucker und Anne-Christine Vandewalle.
Cellistinnen v.l. Sylvia Zucker und Anne-Christine Vandewalle.

In England trägt das Konzert den Beinamen „Emperor“, also „Kaiser“ oder „Herrscher“. Manch einer sieht darin die „Befreiung des Individuums“: Kühn und wild kann sich der Solist am Klavier Freiheit erkämpfen. Freies Fantasieren bestimmt auch die lyrischen Teile.

Solist Rudolf Buchbinder hochkonzentriert
Solist Rudolf Buchbinder hochkonzentriert

Als junger Virtuose wird Ludwig van Beethoven vor allem für sein brillantes Klavierspiel und seine phantasievollen Improvisationen gefeiert. Aus einfachsten Tönen kann er aus dem Stegreif heraus immer neue Melodien entwickeln. In den Noten schreibt er für sich selbst oft nur einzelne Motive auf – als Erinnerungsstützen. Seine fertigen Werke spielt er aus dem Gedächtnis oder erfindet sie beim Spielen einfach neu.

Tönt wie eine freie Fantasie

Die Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano
Die Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano

Genau so beginnt sein 5. Klavierkonzert in Es-Dur op. 73: wie eine freie Fantasie, eine Solo-Kadenz mit rauschenden Passagen. Allerdings ist hier jede Note aufgeschrieben, denn 1809, mit knapp vierzig Jahren, ist Beethoven fast vollständig taub. Er kann sein op. 73 nicht mehr selbst aufführen und traut das auch keinem anderen mehr zu. Jede Kleinigkeit wird exakt in den Noten festgehalten. Das Werk, allein schon von der Tonart her interessanter, das jetzt zu den beliebtesten und meistaufgeführten Klavierkonzerten weltweit gehört und als Gipfel der Weiterentwicklung dieses Genres nachhaltig spätere Komponisten und die weitere Entwicklung dieser Gattung beeinflusst hat.

Das Werk verblüfft mit neuartiger Einleitung

Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano harmonieren perfekt
Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder am Piano harmonieren perfekt

Die Komposition besticht immer wieder mit ihrer neuartigen Einleitung, der die virtuose, auskomponierte Kadenz und prächtige Klavierpassagen in einem Dialog zwischen Orchester und Klavier in verschiedenen Klangfarben, Motiven und Tonarten folgen, brillant und strahlend gespielt bis zum „donnernden“ Fortissimo, das trotz aller Ausdruckstärke in angemessener Temperamentsentfaltung bei Buchbinder nie hart wirkt. Hier betonte der Solist seinen Solistenpart etwas deutlicher als im ersten Konzertteil ohne aber deshalb dominant zu wirken, er war bloss ein bisschen weniger unauffällig. Das Konzert war eine „Ode an die Freude“, geschrieben vom überzeugenden österreichischen  Protagonisten unterstützt vom gewohnt souveränen Luzerner Orchester.

Buchbinders spirituelle Ausstrahlung

Die Festival Strings Lucerne
Die Festival Strings Lucerne

Buchbinders Klavierspiel hat etwas unmittelbar Faszinierendes, Bezwingendes, eine geistige Ausstrahlung, die sofort gefangen nimmt. Hinzu kommt eine geistige Ausstrahlung, die aus seinem ganz persönlichen Verhältnis zur Musik und einer intensiven Beschäftigung mit den aufgeführten Werken resultiert. Trotzdem: von Schicksal oder Depression kann hier nicht die Rede sein. Feierlich und glorreich wird gekämpft: für die Freiheit und gegen jede Unterdrückung. Während der Komposition stehen die französischen Truppen Napoleons vor Wien und bombardieren die Stadt. Beethoven schimpft über die Belagerung, die schlechte Versorgung und das wüste Leben um ihn herum: „Nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art!“

Bärbeissiger Rheinländer Beethoven erweist sich als sanfter Lyriker

Solist Rudolf Buchbinder bedankt sich bei den Festival Strings Lucerne
Solist Rudolf Buchbinder bedankt sich bei den Festival Strings Lucerne

Daneben finden sich vor allem im langsamen Satz ungemein zarte, lyrische und suchende Momente. „Ausblicke in die Ewigkeit“ nennt sie der deutsche Pianist Lars Vogt. Die weit ausschweifenden Kantilenen lassen den romantischen Klavierstil Frédéric Chopins vorausahnen. Auch zu Franz Liszt ist es nicht mehr weit. Entfernte Tonarten, rhythmisch herausfordernde Motive und dynamische Extreme bestimmen die musikalische Entwicklung. Unerwartet entpuppt sich ein absichtslos aufgefächerter Es-Dur-Dreiklang als triumphales Rondo-Thema des dritten Satzes. Die aufsteigende Bewegung überschlägt sich geradezu vor Freude. Die Protagonisten entschweben in eine andere Welt voller Spielfreude, fein ziselierter, gestalterischer Ausdrucksweise, geradezu erhabene Grandezza und nehmen uns mit auf diese Reise, die dann, mit einem relativ kurzen, wenig spektakulären Finale, schlussendlich wieder in die Realität zurückführt. Das begeisterte Auditorium spendete einen euphorischen Schlussapplaus, der in eine verdiente stehende Ovation mündete.

Kleine Fotodiashow des Events von Priska Ketterer und Fabrice Umiglia:

fotogalerien.wordpress.com/2019/11/20/beethoven-klavierkonzerte-2-festival-strings-lucerne-rudolf-buchbinder-kkl-luzern-17-november-2019/

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch und festivalstringslucerne.org/de/home

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