Eros Ramazotti, Hallenstadion Zürich, 25. März 2019 Konzertimpression, Foto Léonard Wüst
Besetzung:
Eros Ramazotti und Band
Rezension:
Ungewöhnlich präsentierte sich das Innere des Hallenstadions, war doch dort, in der Mitte vor der Bühne, wo sich sonst die Menschenmassen drängen, alles bestuhlt, also für das Publikum alles Sitz- und keine Stehplätze. Ob dies der Stimmung abträglich sein würde, wie das manchmal an Fussballspielen der Fall ist, war nicht zu befürchten, wenn man all die gutgelaunten Fans bei den Eingängen, in den Katakomben, an den Verpflegungsständen usw. des Konzertortes beobachtet hatte. So verköstigte auch ich mich noch kurz vor Konzertbeginn, hoffte, dass die vertilgte Wurst nicht das Highlight dieses Abends war und begab mich danach auf meinen Platz, wie sich heraus stellen sollte, inmitten italienisch sprechender Hardcorefans, vor allem weiblichen Geschlechts und mittleren Alters.
Erstaunlich – ein pünktlicher Südländer
Eros Ramazzotti auf der Bühne in Aktion Foto dpa Angelika Warmuth
Fast pünktlich, eher erstaunlich für einen Südländer, erscheint Eros Ramazzotti auf der Bühne, die an einen Wasserfall erinnert. Der Italo Schmalzrocker in schwarzer Jeans und schwarzem T Shirt, mit sichtbarem -Bäuchlein, was in seinem Fall, im Alter von 55, sicher erlaubt ist und seine Fans nicht störte. Mit dem Titelsong seines neuen Albums „Vita ce n’è“ legt er los. Danach, ebenfalls neu: „Per il resto tutto bene“, frei übersetzt: „Der ganze Rest ist alles in Ordnung“.
Eros Ramazzotti begeisterte die Fans.
Eros Ramazotti Konzertimpression
Und ja, mehr tutto bene könnte es gar nicht sein, vor allem, als Eros die Klassiker auspackt – fast unglaubliche 35 Jahre nach seinem ersten Hit „Terra promessa“, den er auch spielte. Die Damen im Publikum, meist auch nicht mehr im Teenager- oder Twen Alter stehen und schwenken ihre Hände im Rhythmus der Musik hin und her, machen mehr oder weniger gekonnte Hüftschwünge, Ramazotti greift zwischendurch auch mal selber zur Gitarre, zu Konzertbeginn zur E Gitarre, im späteren Verlauf dann zur akustischen. Für einen Song setzt er sich auch mal ans Piano, ansonsten überlässt er das Instrumentelle seiner Band, die ihn gekonnt durchs Set begleitet.
Selbst reserviertere Herren holt Ramazzotti ab
Eros Ramazzotti begeisterte die Fans Foto dpa Angelika Warmuth
Von „Un emozione per sempre“ bis zu einem akustischen „Adesso tu“, da sind selbst die eher reservierteren Herren im Publikum begeistert von einer Stimme, die klingt wie eh und je. Zwischendurch kommen nacheinander auch die zwei Backgroundsängerinnen zum Handkuss, bittet Eros sie doch an den Bühnenrand für jeweils ein Duett. Die jungen Damen geniessen dies und zeigen stimmgewaltig, was auch sie draufhaben. Natürlich kann Ramazotti es nicht lassen, dabei den Italo Macho Lover zu geben und heftigst zu flirten, seinen Ruf damit festigend.
Das unvermeidliche JE KA MI zum Schluss
Zum Abschluss befeuerte dann der Italo Barde die Stimmung noch mit ein paar seiner Mitklatsch Canzone in Medley Form. Stehend, hüftschwingend, Hände und Handys schwenkend, machte das Publikum fröhlich mit und schaukelte sich so zum ultimativen Konzerthöhepunkt empor. Ein Konzert, das alles hielt, was man erwartet hatte, aber, leider auch, ganz ohne jegliche Überraschung.
Wolfgang A. Mozart – Klarinettenkonzert A-Dur, KV 622
Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 1 D-Dur «Der Titan»
Rezension:
Rolf Liebermann – Furioso für grosses Orchester
Sakari Oramo (Dirigent) Foto Maek Allan
Ab dem ersten Paukenschlag kann man nachvollziehen, dass dieses Werk polarisierte, so ungewohnt ist der Aufbau der Komposition, ein deutlicheres Bekenntnis zur Zwölftonmusik ist nur schwer vorstellbar. Das in seiner Wildheit kompromisslose Werk weist drei Teile auf, die von einem Rhythmusmuster der Pauken, einem Klavier-Ritornell und einer grossartigen rhythmischen Kontrapunktik des Orchesters belebt werden. So rezitierte man im Spiegel im August 1947:«Das ‹Furioso› für Orchester […] ist offenbar nach Nachkriegsschweizer Massstäben konzipiert. Kaum vorstellbar, dass einem untergewichtigen, sparsam ernährten deutschen Notenschreiber ein so vitales, kraftgeladenes Stück heute einfallen könnte, eine Musik, die aus den Nähten platzt. Ihr wildes Tempo verschlägt dem Zuhörer den Atem. Rasende Sechzehntelgänge versetzen die aus (kaum noch vorhandenen) Leibeskräften blasenden und streichenden Orchestermusiker in Transpiration, und dem zu unaufhörlichem Schlagen verurteilten Pauker werden die Knie weich …», Zitatende. Dirigent Sakari Oramo führte das skandinavische Renommierorchester energisch, aber nicht stur senkrecht geradeaus durch die Partitur, liess mal hie, mal da eine Finesse durchschimmern, polterte etwas weniger, um ein Detail heraus zu schälen. Obwohl für unsere, an harmonischere Klänge gewohnte Ohren, sehr ungewöhnlich, hatten die Zuhörer ihre helle Freude am Konzertauftakt und bekundeten das auch mit dem entsprechendem Applaus.
Solist Martin Fröst versetzte das Auditorium in Ekstase
Martin Fröst ( Solist Klarinette)
Für das nun folgende Klarinettenkonzert von Mozart, komponiert grad mal zwei Monate vor seinem Tod 1791, wurde der, am 14. Dezember 1970 in Sundsvall (Schweden) geborene, aktuell einer der anerkannt weltbesten Klarinettisten, Martin Fröst, vom Dirigenten auf die Bühne geleitet und war mit seiner Aura unmittelbar präsent. Fröst ist auch für seine ausdrucksstarke und unkonventionelle Art auf der Bühne bekannt, sein Körpereinsatz, der fast einem Tanzen gleich kommt. Nebst seiner überragenden Technik, spielte er mit ganzem Herzen, lotete die Seele der Klarinette aus und das hörte man in jeder Note des Werkes, ins besonders im „Adagio“. Das Zusammenspiel mit einem gutaufgelegten, ebenbürtigen Klangkörper bescherte dem Auditorium ein superbes Klangerlebnis. Mit Sakari Oramo als agilem flexiblem Taktgeber war das Dreigespann optimal aufgestellt. Dieser Meinung war auch das Publikum und belohnte die Musiker mit stürmischem, starken Applaus, der in eine stehende Ovation mündete.
Frösts unfassbar virtuose Zugabe
Martin Fröst (Klarinette) Foto NikolajLund
Die Standing Ovation wollte und wollte nicht aufhören, so kam der Solist nochmals auf die Bühne und belohnte uns mit einer kurzen, in Englisch vorgetragenen Ansprache über die Improvisation, die er als Zugabe jetzt spielen werde, gefolgt von einem Klesmer, den sein Bruder arrangiert habe. Was dann folgte war schlicht sensationell. Er brillierte zuerst mit der Improvisation, schwenkte dann nahtlos in den Klezmer, bei dem ihn das ausgezeichnete Orchester kongenial unterstützte. Damit versetzten die Musiker, geleitet durch ihren engagierten finnischen Dirigenten Sakari Oramo, das Auditorium in höchste Entzückung, was folgerichtig eine erneute stehende Ovation provozierte.
2. Konzertteil mit der 1. Sinfonie von Gustav Mahler
Sakari Oramo (Dirigent) Foto Jan Olav Wedin
Die höchste Glut der freudigsten Lebenskraft und die verzehrendste Todessehnsucht: beide thronen abwechselnd in meinem Herzen“, schreibt der 19-jährige Gustav Mahler. Die innere Zerrissenheit, die starken Kontraste sind charakteristische Merkmale seiner Musik. Der typische Mahler’sche Tonfall ist schon in der ersten Sinfonie deutlich zu erkennen. Wie im Nebel, mit einem kaum wahrnehmbaren, stehenden Ton beginnt die Sinfonie Nr. 1 in D-Dur. Einzelne Bläserstimmen nimmt man wahr. Ein dichter, ungeheuer moderner Einstieg in eine Klangwelt, die im zweiten Satz mit einem derben, volkstümlichen Ländler fortgefühlt wird. Der bekannte Kanon „Bruder Jakob“, gespielt vom Kontrabass, leitet den dritten Satz ein, einen grotesken Trauermarsch mit Blaskapelle. Im vierten Satz „Stürmisch bewegt“ nimmt Mahler Bezug auf den ersten und endet jubelnd in strahlendem D-Dur. Für den Dirigenten Sakari Oramo ist ein unverwechselbares Merkmal von Mahlers Musik, die Gleichzeitigkeit von verschiedenen musikalischen Charakteren, die Verbindung von Kunst- und Gebrauchsmusik. Mahler möchte die Welt in Töne fassen und entwickelt einen ganz eigenen Klangkosmos. Diesen ganz eigenen Klang setzten die „königlichen“ aus Stockholm perfekt um. Oramo baute die Spannung geschickt behutsam auf, führte sein Orchester Schritt für Schritt, respektive Note für Note sensibel durch die sehr unterschiedlichen Sätze, bis sich alles im dramatischen erlösenden Finale auflöste und vollendete. Das begeisterte Publikum feierte die Musiker lange und stürmisch, dazu erneut mit Standing Ovations. Ein weiteres grossartiges Konzert in der Migros – Kulturprozent – Classics Tourneereihe.
Die Soeur Labèque den verdienten Applaus geniessend, Symbolbild für das Pianofestival
Luzerner Prélude zum Beethoven-Jahr 2020: Das Piano-Festival 2019 steht ganz im Zeichen des bevorstehenden Jubiläums.Beethovens Klavierkonzerte und -sonaten zählen zu den bedeutendsten Werken der Klavierliteratur – und sie prägen das diesjährige Piano-Festival. Am Anfang steht ein Beethoven-Wochenende im Konzertsaal des KKL Luzern, das Rudolf Buchbinder mit den Festival Strings Lucerne gestaltet: Alle fünf Klavierkonzerte erklingen an zwei Abenden. Igor Levit setzt zum Ende des Festivals seinen Beethoven-Zyklus fort. Zwischen diesen Eckpfeilern werden Mitsuko Uchida, die beiden russischen Meisterpianisten Evgeny Kissin und Arcadi Volodos und der isländische Senkrechtstarter Víkingur Ólafsson mit Rezitalen auftreten. In der Debutreihe sind Claire Huangci, Danae Doerken und Alexander Ullman zu erleben.
Rudolf Buchbinder ist seit Jahrzehnten für seine Beethoven-Interpretationen berühmt. Am Eröffnungsabend des Piano-Festivals spielt er das zweite, dritte und vierte Klavier-Konzert mit den Festival Strings Lucerne, das erste und das fünfte am Tag darauf. Igor Levit setzt seinen Beethoven-Sonatenzyklus mit einem dritten und vierten Abend fort und präsentiert insgesamt neun Sonaten, darunter die Appassionata op. 57. Zwei der gefragtesten russischen Pianisten unserer Zeit, Evgeny Kissin und Arcadi Volodos, sind an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu hören. Kissin präsentiert ebenfalls ein Beethoven-Programm, das unter anderem die Sonate pathétique c-Moll op. 13 und die Eroica-Variationen op. 35 enthält. Arcadi Volodos setzt einen Schwerpunkt auf Franz Liszt, den er mit Robert Schumanns Kreisleriana op. 16 koppelt. Von der New York Times als der «isländische Glenn Gould» bezeichnet, zählt der 35-jährige Víkingur Ólafsson zurzeit zu den erfolgreichsten Newcomern der Branche. In seinem Konzert kombiniert er Originalwerke von J. S. Bach mit diversen Transkriptionen, zu hören sind unter anderem Arrangements von Sergej Rachmaninow und Alexander Siloti. Als eine der bedeutendsten Schubert-Interpretinnen gilt Mitsuko Uchida: Sie präsentiert einen reinen Schubert-Abend mit den drei Sonaten a-Moll D 537, C-Dur D 840 und B-Dur D 960.
Debutkonzerte in der Lukaskirche gestalten die Gewinnerin des Ersten Preises beim Concours Géza Anda 2018, Claire Huangci; die deutsch-griechische Pianistin Danae Doerken, die bei Karl-Heinz Kämmerling und Lars Vogt studierte; und der Brite Alexander Ullman, der 2011 den Internationalen Franz-Liszt-Klavierwettbewerb in Budapest gewann. Martin Meyer ist auch dieses Jahr wieder mit zwei Piano Lectures zu erleben, unter anderem zum Thema «Beethoven – gestern und heute».
Das Jazz-Festival im Festival «Piano Off-Stage» wird am Dienstagabend traditionell im Luzerner Saal des KKL Luzern von acht internationalen Jazz-Pianisten eröffnet. Im Anschluss treten sie an fünf Abenden in Luzerner Bars auf. Auch 2019 findet wieder ein Meisterkurs in Kooperation mit der Hochschule Luzern – Musik statt, Details werden zu einem späteren Zeitpunkt kommuniziert.
Karten online buchbar ab 5. August 2019, 12.00 Uhr Weitere Informationen zum Kartenverkauf unter www.lucernefestival.ch
Flamencotänzerinnen : Ana Pastrana und Sandra Cisneros
Rezension:
Die Wurzeln des Flamenco findet man in der Musik der Roma
Gitarristen wie Manitas de Plata (1921 bis 2014), geboren als französischer Roma namens Ricardo Baliardo, und dann vor allem der, als Francisco Sánchez Gómez, 1947 in Algeciras geborene und 2014 im mexikanischen Cancun verstorbene Paco da Lucia brachten den, vorher fast nur in Andalusien und dem restlichen Spanien bekannten, Flamenco auf die Bühne der Weltmusiken. . Danach haben sich die Zeiten aber drastisch geändert: Am 16. November 2010 wurde der Flamenco von der UNESCO zum «Immateriellen Weltkulturerbe» erklärt und inzwischen gibt es in Japan mehr Flamencoschulen als in Spanien selbst.
Grundsätzliches zum Flamenco
Flamenco-Café zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Für viele steht der Flamenco synonym für die Musik Spaniens – dabei wurden dort die leidenschaftlichen und schmerzvollen Klänge lange Zeit ebenso abgelehnt wie ihre Urheber, die „Gitanos“ genannten andalusischen Roma. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie unterdrückt und verfolgt. Ihre Gefühle von Verzweiflung und Wut, aber auch überschäumender Lebensfreude, drückten sie zunächst allein im Gesang aus. Erst später gewannen Tanz und Gitarrenbegleitung an Bedeutung
Die «Plaza de las Flores», verstecktesKleinod inmitten des Zentrums von Malaga
El Gallo Ronco Taberna Flamenca Terrassse
Nicht auf den ersten Blick auffindbar, sondern fast etwas versteckt in einer kleinen Nebenstrasse des Prachtsboulevards von Malaga, der «Calle Marqués de Larios», liegt die «Plaza de las Flores», wo sich u.a. das Restaurant «El Gallo Ronco» mit seiner Dépendance, dem «CalYCanto», befindet. Nebst Speis und Trank kann man sich hier freitags und samstags jeweils auch an zwei Flamencoshows erfreuen.
Gutes Omen: Viele Einheimische als Zuschauer
Flamenco im Cal Y Canto Symbolbild
Nach dem persönlichen, sehr herzlichen Empfang durch die Dame des Hauses, Pilar Ruano, die mich auch an den für mich reservierten Tisch führte, harrte ich der Dinge die da kommen sollten. Die Tische waren aufgereiht rund um eine kleine Bühne, die für die Künstler vorgesehenen war. Von denen erschien als erster Gitarrist Carlos Haro, der sich auf der Bühne einrichtete, sich anschliessend in einer Ecke des Raumes hinsetzte, sein Instrument stimmte und sich nebenbei mit einem Gast angeregt unterhielt. Nach und nach kamen weitere Gäste für das Nachtessen und um sich anschliessend die Show anzusehen. Gutes Omen: die Anzahl Touristen im Verhältnis zu den Einheimischen, hielt sich in etwa die Waage.
Beginn der Flamencoshow
Flamencosängerin Chelo Soto mit Flamencogitarrist
Dann enterten die Künstler die Bühne, setzten ich auf die dort platzierten Stühle Gitarrist Carlos Haro zupfte kurz an den Saiten, setzte 2 3 typische Flamenco Riffs und schon begann die Show. Sängerin Chelo Soto setzte an zum ersten Lied, welche mittels Partituren vorgegeben sind, oder die die Interpretin ganz spontan nach ihrem Gusto improvisiert. Chelo Soto hat eine sehr einzigartige Stimme, die fürs „Flamenco Wehklagen“ perfekt geschaffen ist. Ihr intonierter Seelenschmerz wurde nach und nach durch Händeklatschen und, oder Fingerschnippen der beiden Tänzerinnen unterstützt und in den typischen „Flamenco Rhythmus“ geführt. Das Publikum war unmittelbar berührt durch diese Interpretation, spendete entsprechenden stürmischen Beifall.
Die Tänzerin, Herzstück des heutigen Flamencos
Sandra Cisneros Flamencotänzerin
Als erste Tänzerin brachte Sandra Cisneros ihre Gefühle auf dem Parkett zum Ausdruck. Zum Flamenco gehören nicht nur das Tanzen, sondern auch die Geräusche: das Absatzklackern oder das Schnalzen. Dazu klatschen die Protagonisten auch in die Hände, um den Rhythmus zu unterstützen. Das maschinengewehrartige Klacken der Flamenco-Fussschläge, die, repetitiv-orgiastisch und dann abrupt endend, in der schnellen Abfolge ein ratterndes Maschinengewehr und damit Bilder assoziieren von Gewalt und Angst, Täter und Opfer, Kampf und Überleben. All dies mit Gestik, Mimik und vor allem mit eleganten, fliessenden Bewegungen auszudrücken ist die grosse Herausforderung für die Künstler. Erschwert wird das Ganze noch dadurch, dass die Sängerin den „Canto“ variiert, also keinesfalls immer gleich interpretiert. Da ist grosse Antizipation der Tänzerin unabdingbar. Das alles beherrscht Sandra Cisneros in Perfektion.
Das Auditorium belohnt die Künstler mit langanhaltendem, stürmischem Applaus und mit Bravorufen.
Auch die zweite Tänzerin wusste zu begeistern
Ana Pastrana Flamencotänzerin
Dann ist die Reihe an Ana Pastrana, ihre hohe Kunst zu demonstrieren. Die heftigen Attacken der Flamenco-Fussschläge. Düstere, körperintensive Antworten des Leidens, heftige Zeichen des Ringens, des Fliehens und des Widerstandes, ineinanderfliessende, sich auseinanderentwickelnde, gestisch suggestive Wechselbilder. Kaum Sound, der das Geschehen unterlegt – stattdessen die Flamencoschritte, das Atmen der Tänzerinnen. Schnell ist man in den Bann gezogen von diesen dichten Figurenbildern und getanzten Reflexionen, die eine konstant anhaltende assoziative Spannung auslösen. Der Flamenco treibt an, ist Rhythmus, gibt Kraft, löst sich auf, wird leise, zur Waffe: Ein intensiv gesteigertes Tanzgeschehen, das seine eigene, höchst wandelbare Sprache findet. Er steht auch für extreme Fussarbeit, für eine grosse physische, willensstarke Präsenz im Raum. All dies kombiniert fasziniert audiovisuell, nimmt dich mit in eine andere, irreale Welt des Genusses, aber auch der Tragik, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. zurück in der realen Welt, ertönt eine Applauskaskade, der die Künstler für das Gebotene belohnt.
Nachwuchstalent als freudige Überraschung
Flamenco bedeutet pure Lebensfreude, Symbolbild
Gitarrist Carlos Haro rief daraufhin einen jungen Mann mit Gitarre auf die Bühne und zusammen performten sie auf ihren Gitarren, dass es einer Freude war. Sehr zum Erstaunen des Publikums überliess dann Carlos Haro die Bühne dem jungen Mann alleine und dieser brachte, zusammen mit der Sängerin und den Tänzerinnen einen Flamenco auf die Bühne. Das Auditorium war begeistert und bejubelte die Künstler entsprechend. Auf Nachfrage war zu erfahren, dass es sich bei diesem 14jährigen jungen Mann um David Sanchez, Sohn der Tänzerin Ana Pastrana handelte. Alles in allem ein gelungener Abend in angenehmen Ambiente mit netter Bedienung, zudem zu moderaten Preisen, also keineswegs eine „Touristenfalle“.
Nachtrag Grundsätzliches zu den Finessen der Flamencotradition
Flamencotänzerin mit Flamencogitarristen, Symbolbild
In der Musik der andalusischen Gitano tauchten Anfang des 19. Jahrhunderts Lieder mit der Bezeichnung «Seguiriya» auf – die der Gitanos für «Seguidilla» .Mit dem Übergang in die musikalische Tradition der Gitano-Familien hatte sich ihr Charakter jedoch verändert: Aus dem fröhlichen Volkslied war ein langsames, von Tragik und Schmerz geprägtes Gesangsstück geworden und nicht wenige vermuten, dass dieser Gesang auf denjenigen der sogenannten Klageweiber zurückgeht. Händeklatschen zur Unterstützung des Rhythmus spielt eine große Rolle, besonders bei den Einlagen der Tänzerin oder des Tänzers. Ferner setzen die Sänger Pausen und zerlegen die Copla in mehrere Sequenzen, Tercios.
Sie akzentuieren durch Zwischenrufe, Lalias, und durch melismatisch gesungene Vokale. Für einen Zuhörer, der damit nicht vertraut ist, ist ein derart zerstückelter Text schwer verständlich. Für einen guten Flamenco-Auftritt braucht es drei Künstler. Wie Paco de Lucia es einmal in einem Lied so schön ausdrückte, braucht es „für ein Fest drei Personen — eine die singt, eine die spielt und eine die tanzt“. Wenn man einen wirklich guten Flamenco-Auftritt möchte, dann braucht man Gitarre, Gesang und Tanz. Tanz muss von Gitarre und Gesang begleitet sein. Gitarre allein oder mit Gesang, das geht, aber der Tanz kommt nur richtig zur Geltung, wenn er durch eine Gitarre und Gesang begleitet wird.
Außerhalb Spaniens bringt man Flamenco vor allem mit Tanz in Verbindung. Für Spanier und ganz besonders für die Flamencos selbst aber, wie die Künstler und Liebhaber genannt werden, ist das Wichtigste der Gesang. Dieser „cante“ ist eine raue, orientalisch anmutende Klage, die ursprünglich unbegleitet vorgetragen wurde. Der Tanz, el baile, war lange Zeit allein Sache der Frauen. Er gewann vor allem in der Zeit der cafés cantantes von 1850 bis 1936 an Bedeutung, als diese speziellen Flamenco-Lokale populär wurden. Das Gitarrenspiel, el toque, ist für öffentliche Auftritte schon im 16. Jahrhundert nachweisbar. Bei ihren privaten Festen, juergas genannt, begleiteten sich die Gitanos aber nur mit den Mitteln des „son“.
Also Tönen, die man mit dem Körper erzeugen kann: Man klatscht in die Hände, klopft den Rhythmus mit den Knöcheln auf einen Tisch oder unterstützt ihn mit Fingerschnalzen. In der Ära der „cafés cantantes“, die von 1850 bis 1936 reicht, änderte sich das. Diese speziellen Flamenco-Lokale, zum Teil aus Ballettschulen und Tanztheatern hervorgegangen, machten ein großes Publikum mit dem Flamenco vertraut.
Erst um 1850 begann sich die Begleitung auf der Gitarre durchzusetzen. Heute ist sie längst eine eigenständige und hochvirtuose Kunst. Flamenco ist auch der Ausdruck des weiblichen Stolzes, des Willens und das Wichtigste im Leben – nämlich die Seele zu erspüren und auszudrücken.“