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Kammerorchester Wien – Berlin Foto Ronald Knapp

Kammerorchester Wien – Berlin, Anne-Sophie Mutter (Geige) , KKL Luzern 13. Mai 2019, besucht von Léonard Wüst

Kammerorchester Wien – Berlin Foto Ronald Knapp
Kammerorchester Wien – Berlin Foto Ronald Knapp

Besetzung und Programm:

Kammerorchester Wien – Berlin, Anne-Sophie Mutter (Solistin Geige)

Rezension:

Grundsätzliches zu Mozarts Violinkonzerten

Seine insgesamt fünf Violinkonzerte schrieb Mozart als Neunzehnjähriger sozusagen in einem Zug innerhalb des Jahres 1775. Er war zu dieser Zeit am erzbischöflichen Hof in Salzburg als Konzertmeister tätig. Die fünf Konzerte blieben Mozarts einzige Beiträge zu dieser Gattung. Sein Instrument war vorrangig das Klavier. Dennoch bilden sie in der Entwicklung der Gattung nach Johann Sebastian Bachs Violinkonzerten einen neuen Höhepunkt. In ihnen hat Mozart alles zusammengefasst, was er an Entwicklung in Deutschland, Frankreich und Italien aufgenommen hatte. Insbesonders auf seiner letzten Italienreise (Herbst 1772 bis März 1773) war Mozart auch wichtigen Geigenvirtuosen aus der Schule Giuseppe Tartinis begegnet. Die Konzerte verraten auch etwas von Mozarts eigenen geigerischen Fähigkeiten, die ihm selbst sein äusserst strenger Vater und berühmter Violinpädagoge attestierte: «Du weisst selbst nicht, wie gut Du Violine spielst, wenn Du Dir nur Ehre geben und mit Figur, Herzhaftigkeit und Geist spielen willst, ja, so, als wärst Du der erste Violinspieler in Europa.»

Der erste Konzertteil, W. A. Mozart – Violinkonzerte Nr. 2 D-Dur und Nr. 3 G-Dur

Zuerst kam das Orchester auf die Bühne. Dieses war, nebst den Streichern, auch mit je zwei Hornisten und zwei Klarinettisten die auch mal zur Oboe griffen, besetzt. Der Konzertmeister, Rainer Honeck, sollte im zweiten Konzertteil die künstlerische Leitung übernehmen. Dann kam auch sie, das einst von Herbert von Karajan entdeckte Wunderkind und längst zur „Grande Dame“ der Violine gereifte, weltweit gefeierte Anne Sophie Mutter, in einem, ihre  visuelle Attraktivität unterstreichenden, knallroten Abendkleid, den Kopf leicht seitwärts geneigt, was ihr einen Hauch von Scheuhheit verlieh, eine der zwei ihrer millionenschweren Stradivari locker in der linken Hand haltend.

Die Hierarchie war sofort ersichtlich

Anne-Sophie Mutter in der Carnegie Hall, Foto  Steve Sherman
Anne-Sophie Mutter in der Carnegie Hall, Foto Steve Sherman

Sofort war aber klar, wer jetzt der Chef auf dem Platz war. Und sie, die im ersten Konzertteil, nebst dem Solistenpart, auch die künstlerische Leitung innehatte, verständigte sich intensiv mittels Blickkontakten mit ihren Mitmusikern, besonders mit dem ersten Geiger, Konzertmeister Rainer Honeck. Dann legten die Musiker auch schon los mit Mozarts Violinkonzert Nr. 2. Die ersten zwei Sätze wirkte Mutter etwas brav, spielte eher zurückhaltend. Eine scheinbare Zurückhaltung, die sie aber ab dem dritten Satz ablegte und ab da souverän wie immer ihren Bogen strich, jubilieren, schluchzen liess. Mozart meinte ja einmal, dass er in seinen Violinkonzerten die Geigen gehörig «tanzen» lassen wolle, daran orientierte sich denn auch die Solistin. Sie spielt sich klar und ohne Firlefanz und Showgehabe, mit Respekt durch die Partitur. Davon zeugten die feinfühlig hingehauchten Pianissimo im Adagio des zweiten Violinkonzertes oder die sehnsuchtsvolle Melodie des langsameren Mittelsatzes im 3. Konzert.

Intensivere Dialoge zwischen Solistin und Orchester in der 3. Sinfonie

Während das Violinkonzert Nr. 2 KV 211 noch eher konventionell daherkommt und das Orchester sich rein auf Begleitaufgaben beschränkt, treten in den Konzerten Nr. 3 KV 216 und Nr. 5 KV 219  Violine und Orchester viel mehr in einen Dialog. Die langsamen Sätze sind von einer besonderen Tiefes des Ausdruck gezeichnet und die Schlusssätze höchst originell und voller Überraschungen. All dies zeichneten die Musiker in grandiosem Zusammenspiel nach, sehr zur Freude des Publikums im vollbesetzten Saal, das denn mit gehörigem Applaus nicht sparte und sich zufrieden in die Pause begab.

2. Konzertteil mit Sinfonie Nr. 1 Es-Dur, KV 16  und Violinkonzert Nr. 5 A-Dur, KV 219

 

Konzertmeister Rainer Honeck
Konzertmeister Rainer Honeck

Jetzt übernahm Rainer Honeck die Leitung, da sich die „Mutter“ erst wieder beim abschliessenden Violinkonzert zum Orchester gesellen würde. Das reizende Erstlingswerk, inspiriert u.a. vom J.S. Bach Sohn  Johann Christian Bach und komponiert im Alter von acht Jahren, ist erfüllt von Mozarts kindlichem Stolz über die eigene Fertigkeit, eine veritable «Sinfonia» komponieren zu können. Das, aus Meistern ihres Fachs zusammengesetzte Orchester, spielte die Komposition mit ungemein viel Spielfreude, expressiver Spannung und gestalterischer Intensität, mit viel Sensibilität für die Intensionen des Komponisten, das blumige Werk in allen Facetten ausschmückend. Das Auditorium zeigte sich beeindruckt, belohnte die Protagonisten mit starkem Applaus.

 

 

 

Dann kam sie wieder zurück auf die Bühne, die Hauptperson des Abends

Anne-Sophie Mutter Solistin Geige
Anne-Sophie Mutter Solistin Geige

Mit dem 5. Violinkonzert bot sich der Solistin noch einmal die Gelegenheit, ihr grosses Können zu demonstrieren. Das machte sie auch da ohne unnötiges Gehabe und Showeinlagen. Sie phrasierte grossartig, setzte wunderbare Legato, hüpfte die Spiccato unnachahmlich. Die Feinheiten treten bei ihrem eleganten schlanken Spiel wie von selbst hervor, ohne dass die Spannung verloren geht. Ungezähmt kam sie dann im Finale daher, demonstrierend, dass sie auch das perfekt beherrscht. Das Auditorium war begeistert, der stürmische Schlussapplaus ging in eine stehende Ovation über, wofür sich die Musiker und Anne-Sophie Mutter mit dem Presto aus dem 1. Violinkonzert von Mozart als Zugabe bedankten und verabschiedeten.

Grossen Anteil am grossartigen Konzert hatte auch das „Kammerorchester Wien-Berlin“. Hinter  diesem  Namen verstecken sich diverse Stimmführer der Wiener und Berliner Philharmoniker, zwei der bekanntesten Orchester der Welt. Unter dem Konzertmeister der Wiener, Rainer Honeck, der auch schon als Dirigent im KKL agierte, interpretierte dieser schon fast royale Klangkörper auf höchstem Niveau und trug die Solistin auf einem wunderschönen Klangteppich durch diesen „Mozartabend“.

Text: www.leonardwuest.ch

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Brad Mehldau Trio Foto  Klaus Muempfer

Brad Mehldau Trio The Art of the Trio , KKL Luzern, 17. Mai 2019, besucht von Léonard Wüst

Brad Mehldau Trio Foto  Klaus Muempfer
Brad Mehldau Trio Foto Klaus Muempfer

Rezension:

Über den Jazz Club Luzern

In der grossen Zeit des Jazz, als die Massen noch verzückt nach Swing, Jive und Lindy Hop tanzten, wurde im Luzerner Maihofquartier der Jazz Club Luzern gegründet.

Schon ein paar Jahre nach seiner Gründung im Jahre 1949 sorgte der initiative Club für Glanzpunkte in der Luzerner Jazz Szene mit Konzerten von Louis Armstrong, Chet Baker, Lionel Hampton, Sidney Bechet, Ella Fitzgerald und vielen andern grossen Musikern der 1950er und 1960er Jahre.

Der Grundstein für einen auch nach mehr als 70 Jahren noch aktiven und über die Landesgrenzen hinaus bekannten Jazz Club war gelegt!

Das Konzert im Konzertsaal des KKL Luzern

Brad Mehldau, Klavier
Brad Mehldau, Klavier

Kurz gefasst : Jazz wie man ihn sich wünscht, Ein Jazztrio, das an die goldenen Zeiten dieses Genres mit Grössen wie Oscar Peterson erinnert. Im Moment findet eine schwunghafte Renaissance dieser klassischen Besetzung statt und findet vor allem in Asien immer mehr Beachtung, wo  Trios en masse formiert werden, ihre Anhänger finden und sich nach und nach in der Szene positionieren. Regelrecht nach oben katapultiert haben sich das chinesische A Bu Trio und die Japanerin Hiromi. Überproportional vertreten auch die neuen Formationen in Deutschland. Ebenso entsteht in Skandinavien, das schon lange eine Menge grosser Jazz Bassisten in die ganze Jazzwelt exportiert hat, eine junge Szene.

 

 

Wird Jazz allmählich gar Klassik?

Larry Grenadier, Bass
Larry Grenadier, Bass

Woher diese Flut rührt, wäre eine musiksoziologische Untersuchung wert. Das Klavier gehört schon lange zum Jazz, begann aber in der Rhythmusabteilung. Deutet sein Vordringen auf eine Nobilitierung des Genres? Wird Jazz jetzt Klassik? All diese neuen Formationen haben die Ambition, in Sphären vorzudringen, die Brad Mehldau mit seinen beiden Kollegen schon erreicht hat, wie er im KKL überzeugend demonstrierte. Bei den  Eigenkompositionen, bei Pop Rock Adaptionen, als auch bei den Standards strömte alles wie aus einem Guss, mit ungemeiner Spielfreude und grandioser Technik dargeboten.

 

 

 

 

Weltklassemusik so locker vom Hocker

Voller Inspiration: Brad Mehldau. Foto: David Bazemore
Voller Inspiration: Brad Mehldau. Foto: David Bazemore

Lässig am Konzertflügel sitzend, warf Mehldau ein paar Harmonien in den Saal, die von Larry Grenadier am Bass zerlegt und phrasiert, von Schlagwerker Jeff Ballard unterbäselet, um dann wiederum vom Pianisten in Läufe zerlegt mit Tremoli betont und in perlenden Tonkaskaden akzentuiert wurden. So ging es Schlag auf Schlag und jeder der drei bekam auch genügend Raum, um ab und an ein Solo zum Besten zu geben, natürlich vom Publikum jeweils mit Szenenapplaus honoriert. Mehldau setzt die Harmonien auf seine, ganz spezielle Art, also nicht klar mit nachfolgenden Auflösungen und Abwandlungen, aber auch nicht schräg, um sie in die ursprüngliche Form zurück zu führen. So ist es praktisch unmöglich, nach den ersten paar Takten zu erkennen, welches Stück dann kommt. So schälte Mehldau denn auch bei einer wunderschönen Adaption von „When I fall in love““ des Komponistenduos Edward Heyman / Victor Young das Thema sehr lange nicht heraus, sondern führte uns immer wieder auf falsche, aber grossartig angelegte falsche Fährten. Das taten die Musiker im Verlaufe des Abends noch einige Male. Aber auf diese grossartige Weise, lässt man sich gerne an der Nase herumführen.

Auch hier gilt: „reduce tot he max“

Jeff Ballard, Drums
Jeff Ballard, Drums

Ein Klavier, ein Kontrabass und ein Schlagzeug, mehr braucht es nicht. Ich bin immer wieder mit einer gehörigen Portion Gänsehaut begeistert, mit wie wenig man doch einen ganzen Konzertsaal musikalisch beschallen kann. Was für eine voluminöse Klangfülle und musikalische Dichte man mit diesen drei Instrumenten erzeugen kann. Gute Musik kommt mit wenig aus. Wie sagte irgendjemand mal so schön? Rockmusiker spielen drei Akkorde vor tausenden von Zuschauern, Jazzmusiker tausend Akkorde vor ein paar Zuschauern. Das letztere stimmte an diesen Abend nicht ganz. Dass diese Jazz Art noch immer noch und auch wieder neu sein Publikum findet, war auch am sehr gut besetzten Konzertsaal im KKL Luzern zu sehen, dabei hielten sich Jung und Alt in etwa die Waage und waren sich, wie der stürmische Schlussapplaus zeigte, auch einer Meinung über die Qualität dieses Konzertes. So kamen die Protagonisten denn auch nicht umhin, nicht weniger als gleich drei Zugaben zu gewähren, bevor der Applaus abflaute.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: www.allblues.ch  und www.jazzluzern.ch

Ein Konzert von www.jazzluzern.ch und www.allblues.ch

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Seong-Jin Cho, Solist am Klavier Foto Harald Hoffmann

Luzerner Sinfonieorchester, Die Fünfte von Schostakowitsch, KKL Luzern, 15. Mai 2019, besucht von Léonard Wüst

Seong-Jin Cho, Solist am Klavier Foto Harald Hoffmann
Seong-Jin Cho, Solist am Klavier Foto Harald Hoffmann

Besetzung und Programm:

Frédéric Chopin (1810 – 1849)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21
–
Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975)
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47

 

Rezension:

Chopins zweites Klavierkonzert in f-Moll ist eigentlich sein erstes. Es ist 1830 entstanden, kurze Zeit vor dem e-Moll-Konzert. Da Chopin das f-Moll-Konzert aber als zweites veröffentlichte, trägt es diese Zahl. Chopin war damals 20 Jahre alt und bereits ein überragender Pianist. Er hat die Konzerte in erster Linie für sich selbst komponiert. Das Klavier steht ganz und gar im Zentrum, das Orchester begleitet dezent und dient vor allem dazu, Farben und Spannungsbögen zu unterstreichen – anders als etwa in den Konzerten von Mozart oder Beethoven, in denen Solist und Orchester gleichberechtigte Partner sind.

Ungewöhnlich lange, nur orchestrale, Konzerteröffnung

Michael Sanderling Foto Marco Borggreve
Michael Sanderling Foto Marco Borggreve

Das Intro durch das Orchester dauert ungewöhnlich lange zweieinhalb Minuten, bevor der Solist ins Geschehen eingreift. Dann sind sie aber unvermittelt da, die Staccato der hingeknallten Harmonien, die fulminanten Läufe, die perlenden Tonkaskaden und man sieht vor seinem geistigen Auge den jungen Polen Frédéric Chopin in einem Pariser Salon, inmitten der Honoratioren der Stadt als umjubelter Unterhalter, der neue Liebling der Hauptstädter. Aber zurück nach Luzern und damit zu Seong-Jin Cho, der alles richtig macht, ohne aber das Publikum im Herzen berühren zu können. Etwas zu sehr auf die Technik fokussiert, unterläuft er die Gefühle

Der Solist findet etwas spät in den Dialog mit dem Komponisten

Dabei ist in diesem Konzert alles drin, was man landläufig unter „romantischer Klaviermusik“ versteht: viel Poesie und eine Fülle unterschiedlicher Stimmungen, Zartes und Wildes, wunderbare Melodien, technische Finessen und ein großer Reichtum an Harmonien und Farben. Der Solist bemerkt, dass er relativ weit weg ist und plötzlich ist es da, das Zwiegespräch zwischen Pianist und Komponist, was auch das Publikum spürt. Da ist mehr Gefühl in den sanften Tönen, eine Leichtigkeit in den Phrasierungen, Chopin geht ihm jetzt leicht von der Hand, da versinkt er drin und geht gleichzeitig darin auf. Nun ist auch die Spannung da im Publikum, das jetzt gebannter Haltung Richtung Bühne blickt und sich nun einnehmen lässt.

Zum Werk aus Sicht diverser Pianisten

Seong-Jin Cho, Solist am Klavier Foto Harald Hoffmann
Seong-Jin Cho, Solist am Klavier Foto Harald Hoffmann

Es ist nicht die Virtuosität, die das zweite Klavierkonzert ausmacht – es ist die Emotion dahinter. Die richtige Interpretation zu finden, ist nicht einfach. Chopin schrieb seine Werke sehr schnell und vielleicht an manchen Stellen etwas ungenau. Vom tragischen, pessimistischen und dennoch tröstlich klingenden Thema des ersten Satzes über den emotionsgeladenen, poetischen zweiten Satz bis hin zur temperamentvollen polnischen Folklore mit dem Geist der aufblühenden nationalen Musik: Chopin legt in seinem zweiten Klavierkonzert eine farbenreiche Gefühlspalette offen. Punktangaben über den Noten, manche Pedaleinsätze oder die unterschiedlichen Phrasierungsbögen sind in Chopins Partituren nicht eindeutig definierbar.

Es benötigt tiefes Einfühlungsvermögen

Erst ein tiefes Verständnis für Chopins Denken und Fühlen lässt die vom Komponisten gewünschte Interpretation zu. Und die kann zweideutig sein – dennoch immer richtig. Sehnsucht, Träumerei, die Kühnheit der jugendlichen Jahre, Schmerz und Hoffnung werden hier vereint. All das verwandelte Chopin meisterhaft in weitgeschwungene Melodiebögen und perlende Läufe. Dabei kann es über die übliche Tempobezeichnung hinweg gesehen werden, um diesem Moment der Inspiration einen Raum zu geben.  „Eine Melodie wird eine Sprache. Man muss das deklamatorisch verstehen.

Struktur des Werkes erfordert fast ein Operndirigat

Es gibt ganz viele Ornamente, die in seiner Musik vorkommen. Und man weiß genau, er hat eine gesangliche Passage gemeint – also nicht pianistisch in dem Sinne von Schnelligkeit. Sondern es muss gesprochen und gesungen werden.“ Chopin setzte nur auf die Nuancen des Klaviers. Er war radikal und kümmerte sich wenig um das Orchestrale und um die sinfonischen Strukturen. Den ursprünglichen Part für das zweite Klavier schrieb der junge Komponist für ein Orchester um. Durch diese offensichtliche Vernachlässigung des Orchesters ist es für den Dirigenten nicht einfach die subtile Verbindung dazwischen herzustellen und er muss fast wie für eine Oper dirigieren.

Zurück zum Konzert

Nun, da sich der koreanische Solist mit dem Komponisten einig war, wirkte alles spielerisch und lässig, die Korrespondenz mit dem ihn perfekt supportierenden Orchester ergab nun ein Ganzes und fügte sich bis zum berauschenden Finale wie ein grosses Puzzle zusammen. Wie man so schön zu sagen pflegt: „Ende gut, alles gut¨“. Das Auditorium spendete langanhaltenden starken, aber nicht stürmischen Beifall, was vom Solisten schlussendlich mit einer kurzen Zugabe in Form von Claude Debussy`s „La fille aux cheveux de lin“ belohnt wurde.

Schostakowitschs „Fünfte“ entführt in den Musikhimmel

Der erste Konzertteil, Chopins Klavierkonzert, mit dem jungen, koreanisch Solisten Seong-Jin Cho, geht bedauernswert fast etwas unter, ob der nun folgenden grandiosen Umsetzung von Schostakowitschs 5. Sinfonie durch das Residenzorchester unter der Leitung des äusserst gut aufgelegten, bis in die Finger – und Zehenspitzen motivierten Michael Sanderling. Kurz und bündig. Einfach der „Hammer“!

Grundsätzliches zum Werk

Das Werk ist viersätzig wie eine romantische Sinfonie, einfach aufgebaut mit Rückgriffen auf altbekannte formale Vorbilder, zum Beispiel die Sonatensatzform oder die Scherzo Form. Und: Sie führt, wie man das seit Beethoven kannte, «vom Dunkel ins Licht», «per aspera ad astra». Der erste Satz ist ein typisch schostakowitscher Sonatensatz, mit einer dramatischen, kraftvollen, marschartigen Durchführung, die allerdings auch ihre grotesken Masken hat. Der zweite Satz ist ein
beliebtes Scherzo. Der dritte, langsame Satz, wird gemeinhin als das
Zentrum des Werkes aufgefasst. Es ist ein sehr nachdenklicher Satz,
der für russische Kommentatoren klare Trauerthemen enthält, wobei
bezeichnenderweise die für russische Beerdigungen charakteristischen
Blechbläser in diesem Satz fehlen; in der Tat bäumt sich der Satz zu
einem gewaltigen emotionalen Tremolo-Höhepunkt auf. Völliger Gegensatz
dazu ist der abrupte, laute Beginn des Finales. Es ist eine leichte
Abwandlung des Marschthemas des ersten Satzes in der Vierten
Sinfonie. Das Finale bietet einen ruhigeren Mittelteil, indem
Schostakowitsch ein Eigenzitat hinein „schmuggelt“. Es sind dies Zeilen aus dem
Pushkin-Gedicht „Wiedergeburt“, das Schostakowitsch direkt zuvor vertont
hatte; in diesen Worten spricht der von der Macht gebeutelte
Künstler. Direkt im Anschluss beginnt die mächtige anschließende Coda
mit ihrem zweifelhaft optimistischen Schluss.
Das Licht, die Erlösung, ist der Schluss: ein glorioser Marsch, mit fortissimo schabenden Geigen, donnernden Pauken, jaulendem Blech. Den Jubel hat Schostakowitsch derart inszeniert, dass es schon fast wehtut. Ätzend, diese Lautstärke, erbarmungslos, diese Achtel, geschunden, die Membran der Pauke unter diesen Quarten-Schlägen.

Ein Trip, den Du ohne Drogen antreten kannst

Michael Sanderling Foto Marco Borggreve
Michael Sanderling Foto Marco Borggreve

Das Orchester und der Dirigent nehmen uns mit auf eine packende Reise durch die Partitur, die eigentlich schlicht unbeschreiblich ist, zu sehr wühlt diese Interpretation auf. Ob Bläser, Streicher, Schlagwerk, Harfe, Triangel, ob piano, mezzo oder forte, jede Nuance sitzt, jeder Ton, jedes Tempo, die Streicher  ob gestrichen oder gezupft, ob die Bläser sich leicht über die Streicher schwingen oder Tragik und Schmerz schmetternd äussern, die Paukisten mal, sprichwörtlich, so richtig auf die Pauke hauen dürfen. Du weißt nicht, ist das nun schmerzhaft, oder freudig, sogar, am wahrscheinlichsten, schmerzhafte Freude. Nicht nur das Publikum ist gepackt, nein, man sieht auch den Musikern an, wie sie sich freuen, leiden, an – und entspannen, sich dem akustischen Orgasmus entgegenspielen, das Auditorium auf den Trip mitnehmen. Der kontinuierliche Spannungaufbau explodiert nach dem letzten Ton in einer wahren Applausexplosion, Bravorufen und einer langen stehenden Ovation. Fazit: Wenn Du das hörst, brauchst Du keine Drogen mehr!

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: sinfonieorchester.ch/home und

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David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5.19 – Foto Léonard Wüst

David Garrett mit Band und der Neuen Philharmonie Frankfurt, UNLIMITED – GREATEST HITS»-Tour, Hallenstadion Zürich, 14. Mai 2019, besucht von Léonard Wüst

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5.19 – Foto Léonard Wüst
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5.19 – Foto Léonard Wüst

Besetzung:

David Garrett mit Band
Neue Philharmonie Frankfurt

Rezension:

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19

Grundsätzliches vom Veranstalter  zu David Garrett: Wer David Garrett kennt, weiss, dass seine musikalische Kreativität grenzenlos ist. Damit fasziniert er seit über 10 Jahren weltweit Millionen von Fans. Durch diese Leidenschaft zur Musik hat er es geschafft ein ganz neues Publikum nicht nur für Crossover, sondern auch für die Klassik zu begeistern. Für David Garrett gab es seit Beginn seiner Karriere keine musikalischen Grenzen. «Unlimited» ist deshalb mehr als ein Tour-Titel: Es ist seine persönliche Lebensphilosophie.

Radikale, kompromisslose Perfektion guter Musik

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19

Es gibt kaum einen Künstler, der sich mit einer so radikalen und kompromisslosen Perfektion der guten Musik jenseits vermeintlicher Genregrenzen verpflichtet hat wie David Garrett – und sein weltweiter Erfolg gibt ihm Recht. Für ihn gibt es keine Limits. Mit seinem Anspruch immer wieder neue musikalische Wege zu gehen, hat er es geschafft ein generationsübergreifendes Publikum für sich zu gewinnen, wie jüngst mit seiner «Explosive»-Welttournee, die er vor kurzem mit über 400’000 verkauften Tickets in 20 Ländern abschloss.

Wichtige Stationen auf seinem Weg zum umjubelten Star und Idol

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19

Einen besonderen Höhepunkt in den Jahren stellt 1996 seine Beteiligung beim Elgar Violinkonzert in Wien zusammen mit der Legende Sir Yehudi Mehuhin dar. Nach seinem 18. Geburtstag zieht Garrett zum Studium nach New York, wo er an der Juilliard School Of Music von Itzhak Perlman seine Fähigkeiten erweitert und verfeinert. Für die Weiterentwicklung seiner Kunst erweist sich die Kooperation mit dem großen Mentor als sehr fruchtbar.

Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, wurde auch mal gemodelt.

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19

Darüber hinaus betätigt sich der gutaussehende Musiker als Model. Für Garrett ist es stets ein Anliegen, klassische Musik einem jungen Publikum nahe zu bringen. So entwickelt er sich zu einer Art Klassik-Popstar wie Kollege Nigel Kennedy. Ihm stehen, nebst „normalen“ Geigen, folgende besondere Instrumente zur Verfügung: eine 1718 erbaute Stradivari sowie eine von Giovanni Battista Guadagnini entworfene Violine von 1772.

Rezension des Showacts im liebevoll „Wädlitempel“ genannten Hallenstadion

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19

Der, 1980 in Aachen als David Bongartz geborene deutsche- amerikanische  Crossover Sonnyboy, besetzt mit seiner Performance eine Nische und ähnlich wie bei André Rieu, scheint diese Nische überdurchschnittlich gross zu sein, sonst könnten die beiden nicht mit relativ grossen und dementsprechenden Personalkosten verursachenden Orchester auf Reisen gehen. Beide haben reichlich Publikumszuspruch und füllen auch grosse Hallen, wie David Garrett eben an diesem Abend das nicht ganz ausverkaufte Zürcher Hallenstadion mit geschätzten 8000 Personen. Für sein 10-jähriges Crossover-Jubiläum touren er und seine Band zusammen mit der Neuen Philharmonie Frankfurt für insgesamt 19 Konzerte durch die Schweiz, Deutschland und Österreich. Dies unter der dem Tour Namen «Unlimited». Unbegrenzt sind  denn auch die diversen Stilarten die er mischt. Er eröffnet den Abend pathetisch ( als Referenz an seine klassische Ausbildung?) mit dem Intro von Beethovens 5. Sinfonie und lässt das ta ta ta taaaa, natürlich ausführlich krachen improvisiert, phrasiert, lässt sein „altes Stück Holz“, wie er seine, auf den Wert von ca., 5 Millionen Euro geschätzte Stradivari später bezeichnen wird, auch mal quietschen und brummen. Damit heizt er seine Fans, darunter besonders viele Damen im besten Alter, so richtig an. Was uns erwartet, stellt er grad klar, indem er auf Beethoven einen Song von ACDC auffährt. Er kündigt während des ganzen Konzerts immer an, welche Songs gespielt werden und richtet dazwischen ein paar Worte ans Publikum, erzählt ab und an auch kleine Episoden aus seinem Leben und dem Verlauf seiner Karriere.

Kleiner Spaziergang durchs Publikum

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19

Teil der Inszenierung auch das kurze Schlendern zwischen den Sitzreihen in der Hallenmitte, die Stradivari am Kinn, den Security Mitarbeiter im Schlepptau. Jede der dort sitzenden Damen hofft natürlich, dass der Beau kurz bei ihr Halt macht für ein Selfie, aber Garrett, ganz galanter Gentleman, bevorzugt keine, schenkt allen gleich viel Beachtung und gesellt sich dann wieder zu seinen Mitmusikern auf der Bühne. Auf dieser spielt sich auch sehr viel auf der grossen Leinwand ab, einerseits wird Garret zusätzlich darauf projiziert, aber auch mal Tänzer usw. Natürlich dürfen auch spektakuläre Pyroeffekte nicht fehlen, allerdings, aus sicherheitstechnischen Gründen, natürlich auch nur auf der Leinwand.

Perfekte Choreografie, grandiose Lichtschow

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19

Sehr gut choreografiert die Lichtshow, die den Geiger mal im blauen, in rotem oder weissem Licht richtig in Szene setzt. In ebendieser durften sich auch die anderen Bandmitglieder ab und zu mal mit einem Solo auszeichnen, demonstrierend, dass auch sie, der Bassist, die Leadgitarre, der Keyboarder und der Mann am Schlagzeug ihr Metier beherrschen. Eher im Hintergrund agierte das Frankfurter Orchester, dem die Aufgabe oblag, den guten Soundteppich zu legen, worauf sich die Mitglieder von Garretts Band, sowie er selber tummeln konnten. Abwechselnd gabs mal Aerosmith, Beethoven, Sanba, Metallica, Debussy oder gar Bach, querbeet durchs Repertoire, auch mal mit der E Geige, alles mit kurzen, amüsanten  Speeches gewürzt. Das ist das Erfolgsrezept, das auch in Zürich das Auditorium begeisterte, welches denn auch nicht mit Szenenapplaus geizte, den deutschen Bühnenderwisch, dessen Entourage und auch ein bisschen sich selbst ausgiebig feierte.

Fazit der Garrett Crossover Show

David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19
David Garrett, Konzerttimpression Hallenstadion Zürich, 14.5 .19

Mit dem Programm der «Unlimited»-Tour bedankt sich David Garrett vor allem bei seinen Fans, aber auch bei seinem gesamten Team und allen, die ihn in den letzten zehn Jahren begleitet und unterstützt haben. Deshalb spielt er neben vielen neuen und neu arrangierten Stücken vor allem auch Highlights der letzten zehn Jahre wie «Smooth Criminal», «Nothing Else Matters», «He’s a Pirate», «Viva la Vida» oder auch «Thunderstruck» . Ergo spielte David Garrett einige seiner besten Songs in neuem Arrangement und zum ersten Mal unplugged, was seine Fans ganz besonders begeisterte. «Unlimited» ist somit auch ein persönlicher Rückblick des Künstlers, der mit seinen Crossover-Interpretationen Musikgeschichte geschrieben und das Repertoire für die Geige revolutioniert hat.

Text und Fotos: Léonard Wüst www.leonardwuest.ch

Fotos: Homepages David Garrett, https://www.david-garrett.com/de/

ABC Productions und Léonard Wüst

http://www.abc-production.ch/index,

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