Komponist und Musiker Yann Tiersen am E Piano im KKL Luzern, 13. März 2019 Foto Ruedy Hollenwäger
Minimal- und Avant-Garde-Komponist und Musiker Yann Tiersen performt im KKL Luzern, als einziger Station in der Schweiz.
Rezension:
Soeben erschien der neue Tonträger des französischen Minimal- und Avant-Garde-Komponisten und Musikers Yann Tiersen, gerade rechtzeitig zur grossen Tournee, die ihn im Moment durch die ganze Welt führt. mit Luzern als einziger Schweizer Destination. So war es denn erstaunlich, dass der Konzertsaal des KKL Luzern nicht proppenvoll war, obwohl viele Leute, wie man hören konnte, aus dem französischen Sprachraum, also der Romandie, dem auch nicht so fernen Elsass, oder dem Burgund angereist waren.
Mix aus verschiedenen Musikgenres schafft neue Klangwelten
Damit auch der richtige Sound entsteht
Tiersens Musikstil verbindet französische Folkmusik Chanson und Musette mit Elementen aus der Rock- und Popmusik. Die Verwendung sich wiederholender, dabei leicht variierter Sequenzen rückt ihn in die Nähe der Minimal Music. Die Musik Tiersens wird häufig mit den Werken der Musiker Pascal Comelade Philip Glass, Michael Nyman und Eric Satie assoziiert. Aufgrund seiner Zusammenarbeit mit anderen französischen Musikern gilt Tiersen als wichtige Person innerhalb der neuen, oft mit dem Etikett Nouvelle Chanson belegten Chanson Szene Frankreichs. Für die verstärkte Wahrnehmung französischer Popmusik in Deutschland und der Deutschschweiz sorgte unter anderem der Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“, dessen Filmmusik Tiersen komponiert hat, wie auch den Soundtrack zu „Good Bye Lenin“. Der Multiinstrumentalist, der u.a. folgende Instrumente perfekt beherrscht: Klavier, Akkordeon, Mandoline, Bass, Gitarre, Banjo, Melodica, Vibraphon und diverse Schlaginstrumente, spielt seine Alben meist allein im Studio ein. Seine Musiktitel sind zum grössten Teil Instrumentalstücke, auf einigen singen jedoch auch Gastmusiker oder er selbst. In gewisser Weise erinnern seine Soundmixes an den jungen Jean - Michel Jarre.
Projektionen wie diese Felsenküse
Tiersen serviert einen Non Stopp zweistündigen psychedelischen Soundteppich, abgehoben intellektuell. Als Basis zu Beginn die experimentellen Hintergrundgeräusche ab Tonband u.a. Möwengekreische, Wal- bzw. Delphingesänge, Vogelgezwitscher usw. Dazu mehr oder weniger entsprechende Projektionen auf einer grossen Leinwand und, wie z.B. Meereswellen, Meeresbrandung an Felsenküste mit der entsprechenden Gischt, verlorene Inseln im Ozean, Felslandschaften etc., die dazu gespielten, sehr repetitiven, Läufe auf dem Klavier bald einmal eintönig. Dazwischen intonierte er das Klangwirrwarr auch mal auf dem Xylophon und dem Elektropiano, wozu er jeweils behende die Bühnenseite wechselte, im Dunkeln auf dem Set hin und her huschte. Fast unbemerkt, hatten sich inzwischen auch seine drei Mitmusiker, eine davon weiblich, dazu gesellt. Alle vier waren einfach gekleidet mit einer schwarzen Hose und einem ebensolchen T Shirt.
Gefällige Dahinplätscherpianomusik
Yann Tiersen bei einem Konzert 2007 an der Geige
Er spielt gefällig mit der Mystik, baut eine Spannung auf, die, so meinst Du, irgendwann eskalieren muss, was sie aber nicht tut. Er hält Dich zum Narren spannt den Flow noch eine Schleife weiter auf, landet schlussendlich in der Entspannung, ohne geplatzt zu sein. Alle Lieder sind sich sehr ähnlich, haben denselben Aufbau. Seine schnellen Ausritte an der Geige chaotisch und das E Piano meist auf eine Art Spinett/Cembalo eingestellt, wenig abwechslungsreich, manchmal gar etwas einschläfernd. Ich war zeitweise wie eingelullt. Die Entschleunigung wurde aufgebrochen, als Yann sich die Geige geschnappt hat. Der Kerl kann ja so ziemlich jedes Instrument spielen und so hat er auf diesen kleinen Klimperkisten und der Melodica „Amélie“ gespielt. Das war in etwa die einzige Melodie mit Wiedererkennungseffekt, während der Rest eine ununterbrochene Abfolge von Tonfolgen war. Psychedelisch, mit den verschiedensten Synthesizer - Klangvariationen eines Mitmusikers, während sich ein anderer einer Art Röhrenglocken bediente und auch zwischenzeitlich auch mal den Gong schlug, während eine Musikerin eine Art Sprechgesang zum Besten gab und dazwischen auch mal richtig sang, meist in englisch.
Die Grenze zum Kitsch ist manchmal nicht weit entfernt.
Yann Tiersen am Akkordeon
Die Musik von Yann Tiersen schrammte ja schon oft am emotionalen Kitsch vorbei, nun überschreitet er die Grenze mehrfach. Sehr freundlich ausgedrückt könnte etliche der Songs als schön und schwelgerisch bezeichnen, aber bisweilen ist es einfach zu viel des Guten. Es hilft zu wissen, dass sich der französische Multiinstrumentalist als ein sehr naturverbundener Mensch versteht. Was schon dadurch deutlich wird, dass er nicht nur auf der bretonischen Insel Quessant (je nach Sprache auch „Ushant“oder „Enez Eusa“ genannt) lebt, sondern dort auch wirklich angekommen ist.
Thiersen machte seine Inselträume wahr
Röhrenglocken, Symbolbild
Sein letztes, dort thematisch verortetes Studioalbum EUSA kann deshalb als Liebeserklärung an das kleine Eiland verstanden werden, Sein Album ALL entstand sogar an seinem Wohnsitz. „The „Eskal“ heißt Tiersens neues Studio, zusammen mit einem Gemeindezentrum samt Venue in einer verlassenen Diskothek errichtet. Zudem werden die elf Lieder überwiegend in der bretonischen (einer keltischen) Sprache gesungen, inhaltlich aber verlassen sie und die wieder vielen eingewobenen Field Recordings Quessant. Gleich das Eröffnungsstück mit seinem sanften Klavierspiel, dem Vogelgezwitscher und spielenden Kindern führt nach „Tempelhof“, „Usal Road“ nach Kalifornien, wo Yann Tiersen vor einigen Jahren die Bekanntschaft mit einem Berglöwen machte, als er sein Violinenspiel „Open Air“ aufnehmen wollte. Auf „Koad“ („Wood“) geht die Reise zusammen mit Anna von Hausswolff nach England in die südwestliche Grafschaft Devon, wo beeindruckende Mammutbaum-Wälder stehen.
Portraitfoto Yann Tiersen Foto Gaelle Evellin
Dies alles interessierte die anwesende, offensichtlich richtig „angefressene“ Fangemeinde wenig, applaudierten sie denn oft und herzlich, wann immer die Musiker eine der äußerst raren kleinen Pausen einlegten. So war es denn nicht erstaunlich, dass die Protagonisten zu vier Zugaben applaudiert wurden. Dieses „Supplement“ war es denn auch, was den Abend rettete, kehrte Thiersen dort doch zu dem zurück, wofür ihn seine Fans verehren. Experimentieren ohne abzuheben, Neues kreieren mit Fantasie und Virtuosität, Wohlfühlatmosphäre schaffen, ohne sich in Zuckerwatte eingebettet zu fühlen. Back tot he roots, reduce tot he max. Das Auditorium verdankte dies schlussendlich doch noch mit einer stehenden Ovation.
Aida im Teatro Cervantes in Malaga, Szenenfoto mit Orchester Foto Daniel Pérez
Produktion und Besetzung:
Production Teatro Cervantes de Malaga and Telon Producciones
Aida MARIBEL ORTEGA Radamés ALEJANDRO ROY Amneris MALI CORBACHO Amonasro LUIS CANSINO Ramfis FELIPE BOU King og Egypt CHRISTIAN DIAZ
Orquesta Filarmonica de Malaga Coro de Opera de Malaga
Stage director Ignacio Garcia and Aurora Cano Chorus director Salvador Vazquez Conductor Arturo Diez Boscovich
Rezension:
Teatro Cervantes in Malaga
Das heutige Teatro Cervantes wurde 1869 an der Stelle des Teatro del Príncipe Alfonso, das durch ein Feuer zerstört wurde, errichtet. Verantwortlich für die Pläne und den Bau sind der Architekt Gerónimo Cuervo und die Maler Muñoz Degrain und Bernardo Ferrándiz. Am 17. Dezember 1870 wird das Theater mit einer Aufführung von Rossinis Oper »Wilhelm Tell« eröffnet.
Lange Zeit vernachlässigtes Theater
Der Spanische Bürgerkrieg zerstört grosse Teile des Theaters und erst in den 1950er Jahren unternimmt man halbherzige Restaurierungsversuche. Zwischenzeitlich benutzt man das Teatro Cervantes hauptsächlich als Kino. Erst 1984 übernimmt die Stadt Málaga das Gebäude und finanziert den Wiederaufbau und den Unterhalt. 1987 wird das Teatro Cervantes von Königin Sofía wiedereröffnet.
Erwartungsvolles Publikum im Teatro Cervantes
Das Theater ist an diesem Abend total ausgebucht, die Honoratioren der Stadt haben in ihren Logen Platz genommen, das Orchester, das Orquesta Filarmonica de Malaga, das vom 40 Jahre jungen einheimischen Dirigenten Arturo Díez Boscovich geleitet werden wird, stimmt sich ein, es herrscht eine spannungsgeladene Vorfreude an diesem lauen Frühlingsabend.
Erfreulich authentische Inszenierung
Mali Corbacho und Frauenstimmen des Chores der Opera von Malaga.
Inszenierungen unserer Tage legen den Akzent weniger auf altägyptisch-exotische Bauten und Schauplätze, auf Palmwedel und das Schilf am Nilufer als vielmehr auf die sozialen, ethnischen und psychologischen Konflikte, die sich aus dem Liebesverhältnis zwischen dem ägyptischen Feldherrn Radames, der äthiopischen Sklavin mit nubischen Wurzeln Aida, Tochter des äthiopischen Königs Amonasro, und Amneris, der Tochter des ägyptischen Pharao ergeben.
Die Männerstimmen des Chores der Opera von Malaga und Felipe Bou als Ramfis und Alejandro RoyRoy als Radamés
Der massive Einfluss der Priesterkaste gehört ebenso zum Kolorit wie triumphale Aufzüge und ausführliche Rituale. Umso erfreulicher, dass in Malaga wieder einmal das Ursprüngliche gezeigt wird, nicht z.B. ein Radames als Yedi Ritter, wie auch schon gesehen
Opulentes, farbenprächtiges Bühnenbild.
Ramfis Felipe Bou in der farbenprächtigen Inszenierung
So sind das Bühnenbild und die Kostüme im klassischen Stil der Pharaonenempoche, monumental und sehr farbenprächtig gehalten.
Inmitten dieser Bildergewalt entwickelt sich das Liebesdreieck, bestehend aus der Pharaonentochter Amneris, der versklavten äthiopischen Prinzessin Aida und dem Feldherren Radamès, der schlussendlich wegen Landesverrat zum Tod verurteilt und als Strafe lebendig in einer Krypta eingemauert wird.
Der von gleich zwei Prizessinnen umworbene Alejandro Roy als Radames
Der malagueñische Radames scheint eine Vorliebe für sehr üppige Damen zu haben, waren doch die Rollen seiner zwei Verehrerinnen, mit Maribel Ortega in der Titelrolle (geschätzte 130 kg) und vor allem mit Maria Louisa Corbacho (geschätzte 170 kg) als deren Rivalin Amneris mit äusserst fülligen Sängerinnen besetzt.
Exzellente sängerische und schauspielerische Leistungen
Mali Corbacho als Amneris und Maribel Ortega als Aida
Maribel Ortega als äthiopische Prinzessin Aida schaffte es, sich immer wieder selbst zur noblen Räson zurufen. Selbst in dem verzweifelten Momenten behält sie die Fassung, singt ganz nüchtern und schlank mit warmen und weichen Klang, wenngleich allerdings in hoher Lage der Ton an Schärfe gewinnt, verstärkt durch ein ausladendes Vibrato. Ihr männlicher Gesangspartner Alejandro Roy sang den ägyptischen Feldherrn Radamès. Die berühmte Auftrittsarie Celeste Aida versprach einen wunderbaren Abend, ein Versprechen, das notabene, auch gehalten wurde.
Die schwergewichtige María Luisa Corbacho als Amneris
Gesanglich ist Maria Luisa Corbacho die unangefochtene Nummer eins des Abends. mit ihrem voluminösen, kräftigen und unheimlich wendigen Mezzosopran. Durch ihre perfekte Beherrschung der Partitur, das effektvolle Spiel mit den Klangfarben und die schauspielerischen Fähigkeiten konnte sie der komplexen Figur der Amneris die Tiefenschärfe geben, die sie im Spannungsfeld zwischen Liebe, Fragilität, Bösartigkeit und Rache benötigt. Felipe Bou als fast schon pingelig genauer Hohepriester Ramfis und Luis Cansino als energisch-kämpferischer König der Äthiopier Amonasro komplettierten das Gesangsensemble stimmig.
TadellosesHausorchester unter Arturo Díez Boscovich
Dirigent Arturo Díez Boscovich voller Energie
Mit einer ausgezeichneten, tadellosen Leistung konnte das Orquesta Filarmonica de Malaga unter der Leitung von Arturo Díez Boscovich brillieren. Das Changieren zwischen den vielen privaten, intimen Momenten und öffentlicher Freude, die ihren Höhepunkt im Triumpfmarsch im zweiten Akt findet. Auch wenn insgesamt ein paar Abstriche zu verzeichnen sind: wenn am Ende Aida und Radamès in ihrem Grab-Gefängnis im Liebesduett vom Tal der Tränen (O terra, addio; addio valle di pianti) sich verabschieden und gleichzeitig Amneris der Göttin Isis die Seele ihres Geliebten empfiehlt (Pace t’imploro salma adorata) und die Oper mit ihren Friedensrufen endet, spätestens dann war jeder Besucher aufs Tiefste berührt.
Starke, aufwühlende Schlussszene
Alejandro Roy als Radamés und Maribel Ortega als Aida in der Schlussszene
„O terra addio“, singen Aida und Radames am Schluss, der ägyptische Feldherr und die äthiopische Königstochter, zwei unmöglich Liebende, leibhaftig Begrabene, deren Völker Krieg gegeneinander führen: „Leb wohl, du Welt, du Tal der Tränen.“ Hohe Bs, glitzernde Geigen, chorisches Raunen. Dazu schreitet, zur Verblüffung des Publikums, Amneris überraschend von hinten durch die Zuschauerreihen
Diese Liebe, sagt Verdi, der Bittere, kann nur im Tod enden, im gegenseitigen Ersticken.
Eine durchwegs gelungene Inszenierung in stilvollem Ambiente, die vom begeisterten Publikum mit einer „Standing Ovation“ honoriert wurde
Kleine Fotodiashow der Produktion von Daniel Pérez, Teatro Cervantes Malaga:
Prof. Dr. Annette Brauerhoch im Filmraum der Universität Paderborn. Universität Paderborn, Simon Ratmann
Am 24. Februar blickte die Welt wieder gespannt nach Hollywood: Zum 91. Mal wurden die Oscars verliehen. Filmwissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Brauerhoch spricht im Interview über das internationale Standing des deutschen Films, den aktuellen Erfolg mexikanischer Filmschaffender und das erneute Fehlen von Regisseurinnen auf der Nominiertenliste für die „Beste Regie“.
Frau Brauerhoch, wie beurteilen Sie das derzeitige Niveau des internationalen Films?
Brauerhoch: Um einen Eindruck vom internationalen Film zu bekommen, ist man mittlerweile auf Festivalbesuche angewiesen, wie z. B. die „Berlinale“, aber auch auf zum Teil spezialisierte Filmfestivals. Davon gibt es alleine in Deutschland Dutzende, wie die „Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen“, die Dokumentarfilmfestivals in Leipzig und Duisburg, das „Lichter Filmfest“ und „Nippon Connection“ in Frankfurt, „GoEast“ und „Exground“ in Wiesbaden und viele andere mehr. In die großen kommerziellen Kinos kommen die wenigsten Filme und was wir dort zu sehen bekommen ist diktiert von Verleihstrukturen – da haben die Kinos kaum Spielraum für eigene Entscheidungen oder Programmgestaltung. Eine Alternative bieten Programmkinos, aber viele Städte, darunter Paderborn, haben leider keines. Die Frage lässt sich also nicht adäquat beantworten, da vom internationalen Filmschaffen sehr wenig in unseren Kinos vertreten ist. Filme aus Japan, Korea, China, den Philippinen oder aus dem Iran, der Türkei und Russland, um nur ein paar wenige Länder zu nennen, sind z. B. in Cannes gut vertreten. Für eine Kinoauswertung verlassen sich die Verleiher allerdings nach wie vor lieber auf Hollywood bzw. ist die Macht der Verleiher für Hollywood-Filme besonders groß. Es geht also weniger um Niveau, sondern mehr um Macht und Ohnmachtstrukturen.
Der Film „Roma“ des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón gilt als einer der Oscar-Favoriten. Cuarón ist in der Kategorie „Beste Regie“ nominiert, Yalitza Aparicio und Marina de Tavira, zwei Schauspielerinnen des Films, in den Kategorien „Beste Haupt- und Nebendarstellerin“. 2014, 2015, 2016 und 2018 erhielt ein Mexikaner den Oscar für „Beste Regie“. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg mexikanischer Filmschaffender?
Brauerhoch: In Zeiten der Migration ist dies tatsächlich aussagekräftig für eine Branche, die auf ein Gespür für die Sensibilitäten ihres Publikums angewiesen ist. Lateinamerikaner bilden in den USA die zweitgrößte ethnische Gruppe, fast 65 Prozent davon sind Mexikaner. Die Auszeichnungen und Nominierungen sprechen aber auch für die verbindende und produktive Kraft geteilter und gemeinsamer kultureller Erfahrungen: Die drei Oscar-prämierten Regisseure Alfonso Cuarón, Alejandro González Iñárritu und Guillermo del Toro sind miteinander befreundet, sie unterstützen sich gegenseitig. Das Aufweichen der „weißen Oscars“ haben zudem die schwarzen US-Amerikaner vorangetrieben – denken Sie an die berühmte Ansprache von Chris Rock als Moderator der Academy Awards 2016. Yalitza Aparicio ist die erste indigene Mexikanerin, die für den Preis als beste Hauptdarstellerin nominiert ist. Salma Hayek, die 2002 für „Frida“ nominiert wurde, ist Mexikanerin und US-Amerikanerin, sie selbst beschreibt sich als halb spanisch, halb libanesisch.
Die Nominierung von „Roma“ kann man als Ausdruck einer Form von versuchter „political correctness“ sehen und als Ehrfurcht vor der Inszenierung des Films in schwarz-weiß, was sofort einen gewissen Automatismus auslöst, darin „Kunst“ zu sehen. Gemessen an anderen Oscar-Nominierungen wie beispielsweise „A Star is born“ hat er aber wirklich eindrucksvolle ästhetische Qualitäten, die allerdings eigentlich die große Leinwand brauchen, um angemessen gewürdigt werden zu können. Mit „Roma“ wird ja ein Film nominiert, der als Netflix-Produktion kaum eine Kinoauswertung erfährt und die Debatte über das Verhältnis von Streaming-Angeboten und Kinowahrnehmung weiter befeuert.
In den Königsdisziplinen „Beste Regie“ und „Beste Kamera“ sind wieder einmal ausschließlich Männer nominiert. Was sagt das über das derzeitige Filmbusiness aus?
Brauerhoch: Es ist ein klares Armutszeugnis. Auf einer alternativen Oscarliste (https://www.dazeddigital.com/film-tv/article/43019/1/oscars- nominations-women-directors-snubbed) werden so wichtige Namen und wunderbare, interessante Filme wie Debra Graniks „Leave no Trace“, Lynne Ramsays „You Were Never Really Here“ oder Claire Denis „Let the Sunshine In“ genannt. Ich befürchte, dass „I Am Not a Witch“ von Rungano Nyoni, der z.B. auf dem „Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln“ lief, sowie „Madeline’s Madeline“ von Josephine Decker, „Private Life“ von Tamara Jenkins, „The Miseducation of Cameron Post“ von Desiree Akhavan, „Nancy“ von Christina Choe und „Oh, Lucy!“ von Atsuko Hirayanagi eher unbekannt und ungesehen bleiben werden. 2010 war Kathryn Bigelow in der Geschichte der Academy Awards die erste Frau, die einen Oscar für die beste Regie bekam. Eine schwarze Regisseurin wurde noch nie nominiert. Die 91. Oscars werden die 86. sein, die ohne weibliche Nominierung für „Beste Regie“ aus-kommen.
Florian Henckel von Donnersmarck ist mit seinem Film „Werk ohne Autor“ in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert. Davon abgesehen: Wie steht der deutsche Film aktuell im internationalen Vergleich da?
Brauerhoch: Der deutsche Film hat durch den Nationalsozialismus einen so heftigen Einbruch erfahren, dass die deutsche Filmgeschichte und ihr „Versagen“, milder ausgedrückt ihre Eigenheit, nicht ohne diesen Einschnitt zu denken ist. Hinzu kommt ein höchst komplexes und kompliziertes Filmförderverfahren und -abkommen, an das die Filme – unter Vernachlässigung des Publikums – angepasst werden. Das radikale Abwerten von Film als „Unterhaltung“ gegenüber einer sogenannten „ernsten Kultur“ gibt es in anderen europäischen Ländern nicht, die ihre Cinematografien und Filmbildung stärker fördern und pflegen, allen voran Frankreich, aber auch Italien, Polen und andere osteuropäische Länder. Die Kinokultur, auch gemessen an Kinobesuchen, hinkt in Deutschland anderen europäischen Ländern hinterher, für die Kino selbstverständlich die große Kunstform des 20. Jahrhunderts ist.
Was hörte Bartók auf seinen Sammelreisen vor 100 Jahren? Welche Instrumente, Tänze und Lieder hatten bei ihm einen derartigen starken Eindruck gemacht, dass sie später in seinen eigenen Kompositionen zurückkehrten?
Balázs Fülei Foto Csaba Tiba
Es gibt eine Volksmusikgruppe, die seine Fonograf-Aufnahmen, Notierungen und verschiedene Archive minuziös durchforscht hat, um die originalen Melodien auf originalen Volksinstrumenten spielen zu können: die Muzsikás. Es wurde ihre Lebensaufgabe, die Wurzeln von Bartóks Musik aufzuzeigen und die unglaubliche Vielfalt der osteuropäischen Folklore unter die Leute zu bringen.
Muzsikás Ensemble FotoTamás Opitz
Bartók liebte und sammelte Volksmusik aller Art – von Rumänien bis Anatolien. Sehr oft lebte er in einfachsten Verhältnissen unter den Bauern, die anfänglich zum Professor aus der Stadt kein Vertrauen fassten und die sonderbare Fonograf-Maschine fürchteten. Sein Freund und Komponistenkollege Zoltán Kodály teilte seine Leidenschaft, sie hatten zusammen manche wunderbare Streifzüge in entlegenen Gebieten unternommen.
Balázs Fülei Foto Csaba Tiba
Das Muzsikás Ensemble hat die Volksmusik der Balkan- und Karpathenregion in ihrer ursprünglichen Form bekannt und berühmt gemacht. Auch die Roma-Musik und die traditionelle jüdische Musik aus Transsylvanien bereichern das Repertoire der vier Musikanten. Sie sind weltweit (unter anderen in der Royal Festival Hall und der Carnegie Hall) mit grossem Erfolg aufgetreten und haben für ihre Art, Volksmusik zu vermitteln viele Preise erhalten.
Die Mitglieder der Gruppe sind:
Mihály Sipos (Geige, Zither)
László Porteleki (Geige, Koboz, Gesang)
Péter Éri (Kontrageige, Bratsche, Mandoline, Flöte, Langflöte)
Dániel Hamar (Kontrabass, Gardon, Trommel, Zymbal)
Balázs Fülei, prominenter Vertreter der ungarischen Klassik-Kultur
Bartók 1927 Foto Kertész
Ihnen zur Seite steht in Luzern ein hervorragender Konzertpianist der jungen Generation: Balázs Fülei, der für seine Bartók-Interpretation viel Lob und Anerkennung erntet. Als Preisträger internationaler Wettbewerbe trat er in vielen europäischen Ländern auf und gab Konzerte in Australien und China. Sein Debüt in der Carnegie Hall New York fand 2008 statt.
Bartók auf Sammelreise Foto MTA Archivum
Er spielt in unserem Konzert Bartóks berühmte Klavierwerke vor, die aus Volksmusik-Motiven entstanden sind. Es wird ein reizendes Wechselspiel zwischen dem Ensemble und dem Pianisten geben: So werden wir erst die „rohe Fassung“ der Melodien hören, anschliessend die entstandenen Kunstwerke.
Bartók auf Sammelreise in Ungarn Bartok Archivum
Ein einmaliges Werkstattkonzert – und eine einmalige Gelegenheit, diese originellen Musiker jetzt in Luzern zu erleben!